Wie ich Livingstone fand; Erster Band

Part 6

Chapter 63,377 wordsPublic domain

Ich hatte 14 Tage verloren, denn Dschemadar Sadur in Kaole hatte sich nie aus seinem befestigten Hause in jenem Dorfe heraus bemüht, um mir zu dienen, sondern war nur einmal, nachdem er des Sultans Brief empfangen, zum Besuch bei mir gewesen. Auch der Zollhausbeamte in Kaole, Narandschi, der ganz und gar unter dem Druck des grossen Ludha Damdschi stand, war nicht dem bestimmten Ersuchen Ludha’s nachgekommen, mir Pagazis zu verschaffen, sondern hatte nur geblinzelt, genickt und versprochen, und wie es mir mit Ali bin Salim erging, habe ich eben erzählt. In dieser Noth erinnerte ich mich des Versprechens, das mir der grosse Kaufmann von Zanzibar, Tarya Topan, der mohammedanische Hindu, gemacht hatte, dass er mir einen Brief an einen jungen Mann namens Sur Hadschi Pallu geben wolle, der in Bagamoyo am besten im Stande sein sollte, Pagazis zu verschaffen.

Ich schickte also meinen arabischen Dolmetscher Selim in einem Dhow nach Zanzibar mit der inständigen Bitte an Kapitän Webb, dass er mir von Tarya Topan den so lange verschobenen Einführungsbrief verschaffe. Dies war die letzte Karte, die ich ausspielen konnte.

Am dritten Tage kam der junge Selim zurück und brachte mir nicht nur einen Brief an Sur Hadschi Pallu, sondern auch eine Menge guter Dinge aus dem stets gastfreien Hause des Herrn Webb. Sehr kurze Zeit nach dem Empfang des Briefes kam der ausgezeichnete junge Mann Sur Hadschi Pallu zu mir und theilte mir mit, dass er von Tarya Topan gebeten sei, für mich 140 Pagazis nach Unyanyembé so rasch wie möglich zu miethen. Dies wäre, wie er sagte, sehr kostspielig, denn es gäbe eine Menge von arabischen und wasawahilischen Kaufleuten, welche auf jede Karavane lauerten, die aus dem Innern käme, und diese pflegten 20 Doti oder 80 Meter Zeug jedem Pagazi zu zahlen. Da viele dieser Kaufleute nicht willens oder im Stande gewesen wären mehr zu zahlen, so hätten sie sechs Monate warten müssen, ehe sie ihre Leute bekommen hätten.

„Wenn Sie“, fuhr er fort, „rasch fortzukommen wünschen, so müssen Sie 25-40 Doti bezahlen und dann kann ich Sie vor Ablauf eines Monats expediren.“

Ich erwiderte ihm darauf: „Hier sind meine Zeuge für die Pagazis im Werthe von 1750 Dollars oder 3500 Doti, welche ausreichen, um 25 Doti jedem der 140 Mann zu geben. Mehr als 25 Doti will ich nicht bezahlen. Schicken Sie mir 140 Pagazis mit meinem Zeug und Draht nach Unyanyembé und ich werde Sie mit dem grössten Geschenke, das Sie je erhalten haben, erfreuen.“ Mit erquicklicher Naivität erwiderte der „junge Mann“, dass er kein Geschenk wünsche, er werde mir die betreffende Anzahl Pagazis schon besorgen, und dann könnte ich den „Wasungu“ sagen, was für ein guter „junger Mann“ er sei, und er werde infolge davon den Vortheil haben, dass sein Geschäft zunähme. Er schloss diese Erwiderung mit der erfreulichen Bemerkung, dass er schon 10 Pagazis in seinem Hause habe, und wenn ich so gut sein wolle, 4 Ballen Zeug, 2 Beutel Perlen und 20 Rollen Draht in sein Haus bringen zu lassen, so könnten die Pagazis unter Bedeckung von drei Soldaten am nächsten Morgen Bagamoyo verlassen. „Denn“, bemerkte er, „es ist viel besser und billiger, viele kleine Karavanen als eine grosse zu expediren. Die grossen Karavanen laden zum Angriff ein oder werden von habsüchtigen Häuptlingen unter den albernsten Vorwänden aufgehalten, wogegen kleine unbemerkter vorüberziehen.“

Die Ballen und Perlen wurden richtig nach Sur Hadschi Pallu’s Haus geschickt und ich brachte den Tag damit zu, mich innerlich über mein grosses Glück zu freuen, des jungen Hindus geschäftliche Begabung, die Grösse und den Einfluss von Tarya Topan und Herrn Webb’s Güte anzuerkennen, die meine Abreise von Bagamoyo so sehr beschleunigt hatten. In meinem Geist gelobte ich, dem Sur Hadschi Pallu ein prächtiges Geschenk und eine grosse Reclame in meinem Buch angedeihen zu lassen, und mit frohem Herzen machte ich diese Soldaten für ihren Marsch nach Unyanyembé fertig.

Die Aufgabe, diese erste Karavane für den Weg nach Unyanyembé reisefertig zu machen, belehrte mich über mehrere Dinge, welche von meinen Vorgängern in Ostafrika unberücksichtigt gelassen worden sind und die, wenn ich sie rechtzeitig in Zanzibar gekannt hätte, mir im Ankauf und in der Auswahl der richtigen Zeugsorten von grossem Nutzen gewesen wären. Ich füge daher hier als Beispiel eine Kostenberechnung für die Expedition einer Karavane von 10 Pagazis und der drei sie bewachenden Soldaten nach Unyanyembé bei.

+Transportkosten+:

Miethgeld für 10 Pagazis zu 25 Doti à 50 cents $ 125.-- Matamakorn auf 4 Tage 1.--

+Nahrung unterwegs+:

25 Doti Merikani 12.50 20 Doti Kaniki à 25 cents 5.-- 2 Doti Taudschiri à 50 cents 1.-- 9 Pfd. Sami-Sami 3.05 3 Pfd. Bubu --.33 7 Pfd. Merikani 1.05 ------------- zusammen $ 148.93

+Nahrung für 3 Soldaten+:

3 Pfd. Bubuperlen $ --.33 3 Pfd. Merikani --.45 3 Pfd. Sami-Sami 1.01⅔ 7½ Doti Merikani 3.75 2 Doti Barsati 1.-- 2 Doti Kaniki --.50 Lohn für 3 Monate à 9 Dollars 27.-- An Geld für die Fähre über den Kingani 2.-- --------------- zusammen $ 36.04⅔

Kosten für die Pagazis $ 148.93 Kosten für die Soldaten 36.04⅔ ---------------------- Gesammtsumme $ 184.97⅔

+Werth der Waaren, die von einem Theil der ersten Karavane expedirt wurden+:

3 Ballen Zeug, welche enthalten: 90 Doti Kaniki zu 25 cents $ 22.50 112½ Doti Merikani zu 50 cent 56.25 3 Lasten Draht oder 4 Frasileh 36.87½ 1 Beutel mit tausend Stück Sungomazzi 14.-- 1 Beutel Sami-Sami oder 2 Frasileh 26.-- ---------------- Summa $ 155.62½

Es übertrafen also die Transportkosten den Werth der transportirten Waaren um etwas mehr als 29 Dollars. Wenn ich nun 100 Pagazis expedirte, würden die Transportkosten für zehnmal so viel Transportgüter, wie sie oben berechnet sind, $1849.76⅔ betragen, während der Werth der Waaren sich selbst auf die Summe von $1556.25 berechnet, was zusammen $3406.1⅔ ausmacht.

Und da ich gerade bei diesem Transportsystem bin, so kann ich, als methodisch verfahrender Mann, die Kostenrechnung eines Theils der dritten Karavane mit verzeichnen, die mein weisser Diener Farquhar führte und welche aus 10 Eseln, 3 Soldaten, einem Weissen und einem Koch bestand, damit der Leser die Ausgaben vergleichen könne, denn ich lasse aus der Rechnung nichts fort.

+Transportkosten+:

Für 9 Lastesel à 18 Dollars $ 162.-- Für einen Esel für den Weissen 18.-- Für 10 Sattel 17.60 Ein Sattel kostet: an Segeltuch 33½ cts.; Bindfaden 5 cts.; Baumwolle 25 cts.; Eisenringen 10 cts.; amerikanischem Drillich 15 cts.; Baumwollenband 12½ cts. und an Stricken 20 cts. zusammen 1.21 3 Monat Gehalt für den Koch à 9 Dollars 27.-- 3 Monat Gehalt für den Weissen à 25 Dollars 75.-- Ein Zelt 8.-- 4 Pfd. Zucker --.25 Thee 4.-- Arznei 3.-- Reis 1.-- Sold für 3 Soldaten à 9 Dollars 27.-- Fährgeld 2.-- 16 Mass Matamakorn 1.-- An Futter für die Esel 16 Doti Merikani 8.-- Nahrung für 5 Leute 25 Doti 12.50 „ 15 Pfd. Perlen 3.-- --------------- Summa $ 370.56

+Werth der beförderten Waaren+:

18 Ballen Zeug, welche enthalten:

540 Doti Kaniki à 25 cts $ 135.-- 675 Doti Merikani à 50 cts 337.50

Die Transportkosten sind in diesem Falle viel geringer, und zu Gunsten des Esels als Lastthier spricht, dass er viel mehr forttragen kann als 2 Pagazis. 2 Pagazis mit allem Dazugehörigen kosten ungefähr $37.1, 1 Esel dagegen unter denselben Bedingungen ungefähr $36.40. Das geht aus den oben angeführten Zahlen hervor. Aber Farquhar hätte ebenso gut 20 Esel nach Unyanyembé führen können wie 10 und dann hätten sich die Transportkosten noch sehr zu Gunsten der Esel geändert. Wenn wir nun in Betracht ziehen, dass Burton’s 33 Esel alle starben, ehe sie Unyanyembé erreichten, so müssen wir auch nicht vergessen, dass er uns erzählt, wie seine sämmtlichen Pagazis unterwegs desertirt sind oder den Versuch zur Desertion machten. Wir werden also besser im Stande sein, den relativen Werth der Esel und der Pagazis zu beurtheilen, nachdem ich in Unyanyembé angekommen bin. Bis dahin will ich die Frage offen lassen.

Der Abgang der ersten Karavane klärte mich auch in Bezug auf die Honga oder den Tribut auf. Dieser musste für sich allein zusammengepackt werden und aus den allerbesten Tuchen bestehen, denn die Häuptlinge sind nicht nur habgierig, sondern auch sehr wählerisch und nehmen das dünne, farbige Zeug der Pagazis nicht an, müssen vielmehr ausserordentlich schöne und sehr theure Dabwani, Ismahili, Rehani oder Sohari und Dotis von breitem Scharlachtuch erhalten. Der Tribut für die erste Karavane betrug 25 Dollars. Da ich mehr als 140 Pagazis abzuschicken hatte, so würde dieses Tributgeld schliesslich 330 Dollars in Gold betragen, wobei noch ein Agio von 25 cents auf jeden Dollar zu rechnen ist. Dieses bedenke, o Reisender! ich setze dir diese Thatsache zur speciellen Belehrung auseinander.

Aber ehe mich meine erste Karavane verliess, mussten der würdige Jüngling Sur Hadschi Pallu und ich zu einer schliesslichen Verständigung über die Geldangelegenheiten gelangen. Am Morgen, an dem die Abreise stattfinden sollte, kam Sur Hadschi Pallu in meine Hütte und überreichte mir mit der ehrbarsten Miene der Unschuld eine Rechnung darüber, dass er jeden der Pagazis mit 25 Doti als Miethgeld nach Unyanyembé versehen habe, und bat sich sofortige Bezahlung in Gold aus. Worte können das Erstaunen, das ich fühlte, gar nicht ausdrücken, dass dieser so schlau aussehende Jüngling so bald den mündlichen Contract vergessen haben sollte, den ich mit ihm am Morgen vorher abgeschlossen hatte, welcher dahin lautete, dass von den 3000 in meinem Zelte lagernden Doti, die ausdrücklich für das Miethen von Pagazis angeschafft waren, jeder meiner Lastträger von Bagamoyo nach Unyanyembé bezahlt werden solle. Als ich ihn fragte, ob er sich des Contractes erinnere, bejahte er dies; seine Gründe, ihn so bald zu brechen, bestanden darin, dass er lieber seine eigenen Zeuge als die meinigen verkaufe, für seine Tuche brauche er aber Geld und könne für dieselben keine andern in Tausch nehmen. Ich gab ihm jedoch zu verstehen, dass er, da er die Pagazis für mich anschaffe, meine Pagazis auch mit meinen Zeugen zu bezahlen habe; dass ich ihm nicht mehr Geld zu zahlen gedenke, als genau die Summe, die nach meinem Dafürhalten den Mühen, die er als mein Agent gehabt, entspreche und dass er nur auf diese Bedingungen hin in dieser Angelegenheit wie in jeder andern für mich zu handeln habe, kurz, dass der „Musungu“ nicht daran gewöhnt sei, sein Wort zurückzunehmen.

Das Vorstehende fasst eine grosse Anzahl Worte in wenige zusammen. Er repräsentirt ein einstündiges Zwiegespräch, einen bösen Zank von einer halben Stunde, ein Gelübde des Sur Hadschi Pallu, dass, wenn ich seine Zeuge nicht nehme, er sich auch um mein Geschäft durchaus nicht kümmern werde, viele Thränen, Bitten, schmerzliche Reue und noch manches andere, worauf ich einfach erwiderte: „Thun Sie, was ich von Ihnen verlange, oder thun Sie gar nichts!“ Schliesslich kam die Sache zu einem glücklichen Ende. Sur Hadschi Pallu verliess mich mit heiterm Gesichte, denn er nahm Poscho (Nahrungsmittel) für die drei Soldaten und Honga (Tribut) für die Karavane mit sich. Wohl mir, dass es so endete, und dass die spätern Streitigkeiten ähnlicher Art immer so friedlich verliefen, sonst bezweifle ich, dass meine Abreise von Bagamoyo so rasch vor sich gegangen wäre, wie es der Fall war. Da ich gerade bei diesem Thema bin, welches factisch jeden Augenblick meiner Zeit in Bagamoyo in Anspruch nahm, so kann ich gleich in Bezug auf Sur Hadschi Pallu und seine Verbindung mit meiner Expedition ausführlicher sprechen.

Sur Hadschi Pallu war ein gewandter junger Geschäftsmann, energisch, ein rascher Rechner und schien zum glücklichen Kaufmann geboren. Seine Augen ruhten nie, sie wanderten über jeden Theil meines Körpers, über das Zelt, das Bett, die Flinten, die Tuche, und nachdem sie ihren Rundgang beendet, fingen sie ihn schweigend von neuem an. Seine Finger lagen nie still, sie hatten eine unruhige, nervöse Thätigkeit in ihren Spitzen und waren beständig im Begriff, nach etwas herumzufühlen. Während er mit mir sprach, pflegte er sich überzulehnen und das Gewebe meines Hosenstoffes, meines Rockes, oder meine Schuhe und meine Socken zu befühlen. Dann fühlte er sein eigenes leichtes Dschamdani-Hemd oder Dabwani-Lendentuch an, bis sich seine Augen zufälligerweise auf einen neuen Gegenstand hefteten, sein Körper sich überbeugte und sein Arm sich mit den ungeheuern Fingern danach ausstreckte. Auch waren seine Kinnladen in einer beständigen Bewegung, die durch die schlechte Gewohnheit bedingt war, Betelnuss mit Kalk und bisweilen Taback mit Kalk zu kauen. Sie gaben einen schnalzenden Ton von sich, ähnlich wie ein junges Ferkel beim Saugen. Er war ein frommer Mohammedaner und beobachtete die äusserlichen Ceremonien der wahrhaft Gläubigen. Er pflegte mich freundlich zu grüssen, seine Schuhe abzunehmen und in mein Zelt immer mit der Versicherung einzutreten, dass er nicht werth wäre, in meiner Gegenwart zu sitzen, und nachdem er sich gesetzt hatte, brachte er in umständlichster Weise sein Anliegen vor. Von Ehrlichkeit, wirklicher praktischer Ehrlichkeit wusste dieser Jüngling nichts; die reine Wahrheit war ihm völlig fremd; die Lügen, die er während seines kurzen Lebens gesagt hatte, schienen ihm schon den kühnen Blick der schuldlosen Jugend aus den Augen ausgelöscht, selbst den Schein aller Wahrhaftigkeit aus den Zügen verbannt, kurz ihn, ein Bürschchen von 20 Jahren, zu einem vollendeten Schurken und completen Betrüger gemacht zu haben.

Während der 6 Wochen, die ich in Bagamoyo war und auf meine Leute wartete, hat mir dieser 20jährige Bursche so viel Mühe gemacht, als alle Schurken von New York zusammengenommen dem dortigen Polizeipräsidenten bereiten. Zehnmal den Tag ertappte man ihn auf Unehrlichkeiten, aber er schämte sich nie darüber. Er schickte z. B. seine Rechnungen über das Zeug, womit er die Pagazis versehen hatte, ein und behauptete, dass er jedem 25 bezahlt hätte. Als ich jemand hinschickte, der die Sache untersuchen musste, stellte sich heraus, dass die grösste Zahl 20 und die niedrigste nur 12 betrug. Sur Hadschi Pallu gab an, die Zeuge wären alle von erster Qualität gewesen, Ulyahtuche, welche auf dem Markte viermal so viel werth seien, als die gewöhnliche Sorte, die den Pagazis gegeben wird; aber eine persönlich angestellte Untersuchung erwies, dass es die dünnsten verkäuflichen Stoffe waren, z. B. 2½ Fuss breite amerikanische Leinwand, wovon das Stück von 30 Meter in Zanzibar 2¾ Dollars kostet, oder die geringste Sorte Kaniki, von denen gewöhnlich 20 Stück 9 Dollars kosten. Er kam auch noch persönlich in mein Lager, um 40 Pfd. Sami-Sami, Merikani und Bubuperlen als Poscho oder Rationen für die Karavane zu verlangen. Eine Besichtigung ihrer Vorräthe vor der Abreise aus dem ersten Lager hinter Bagamoyo wies ein Manco von ungefähr 5-30 Pfund nach. Ferner betrog er mich auch um baares Geld, verlangte z. B. 4 Dollars für die Kingani-Fähre für je 10 Pagazis, während das Fährgeld doch nur 2 Dollars betrug, und für Poscho eine ganz übertriebene Masse Pice (eine Kupfermünze, die ungefähr ¾ Cents beträgt). Vier Wochen lang wurde dies Betrugssystem täglich fortgesetzt. An jedem Tage entwarf er ein Dutzend neuer Pläne, jeden Augenblick schien er sich zu überlegen, wie er uns plündern konnte, bis ich schliesslich nicht mehr wusste, wie ich ihn daran hindern sollte, denn wenn ich ihn der Menge seiner Genossen gegenüber enthüllte, so brachte das keine Schamröthe auf seine fahlen Wangen, er hörte dann mit einem Achselzucken zu; das war alles und dies konnte ich mir auslegen, wie ich wollte. Eine Drohung, sein Geschenk zu verkürzen, hatte gar keine Wirkung. Ein Vogel in der Hand war für ihn mehr werth als zwei auf dem Dache und daher waren ihm gestohlene Waaren im Werthe von 10 Dollars, die er aber factisch besass, von grösserm innern Werth als 20 Dollars, deren Besitz ihm nach einigen Tagen zugesichert wurde, selbst wenn das Versprechen von einem Musungu herrührte.

Die Leser werden sich natürlich fragen, warum ich nicht nach der ersten Entdeckung dieses schamlosen Verfahrens mein Geschäft mit ihm abbrach, worauf ich zu erwidern habe, dass ich nicht ohne ihn auskommen konnte und dass ich mich nie von einem andern Menschen so abhängig gefühlt habe; ohne seine Hülfe oder die eines eben solchen Menschen hätte ich in Bagamoyo wenigstens sechs Monate mich aufhalten können, nach welcher Zeit die Expedition unnütz geworden wäre, da sich das Gerücht von derselben überall hin verbreitet haben würde. Die sofortige Abreise aus Bagamoyo war für meinen Erfolg nothwendig, später konnte ich mein eigenes Schicksal zum grossen Theil selbst lenken.

Das waren die grössten Sorgen, die ich in dieser Zeit hatte. Ich habe schon gesagt, dass ich Pagazikleidung im Werthe von 1750 Dollars oder 3500 Doti bei mir führte, die in meinem Zelte noch neben meinen übrigen Ballen aufgestapelt lagen. Da ich 140 Pagazis zu 25 Doti berechnet hatte, so glaubte ich genug zu haben; dennoch betrug Sur Hadschi Pallu’s Rechnung ausserdem noch 1400 Dollars baar, obwol ich dem jungen Hindu zu beweisen versucht hatte, dass ein Musungu kein Narr oder blind gegen seine Diebstähle sei; obgleich die 3500 Doti verausgabt waren und ich nur 135 Pagazis zu 25 Doti bekommen hatte, die eigentlich zusammen nur 3200 Doti kosteten. Er gab vor, er habe 240 Doti Ulyakleider für Muhongo angeschafft, die einen Werth von 960 meiner Doti hätten, das Geld sei für Fähren-Pice und Geschenke an die Karavanenhäuptlinge, die aus Zelten, Gewehren, breitem, rothem Tuch bestanden hätten, sowie für dergleichen an die Leute von der Mrima (Küste), damit sie uns Pagazis auftrieben, verausgabt worden. Als ich diese niederträchtige Betrügerei sah, wurde ich wüthend und erklärte ihm, er würde, wenn er seine Rechnung nicht nochmals überrechnete und berichtigte, nicht einen einzigen Pice bekommen.

Aber ehe ich dies bewerkstelligen konnte, musste, da meine Worte, Drohungen und Versprechungen unberücksichtigt von seinem harten Schädel abprallten, ein Mann, namens Kandschi, aus dem Magazin von Tarya Topan in Zanzibar herüberkommen, und dann erst wurde die Rechnung schliesslich auf 738 Dollars heruntergebracht. Ohne Tarya Topan zu nahe treten zu wollen, bin ich doch ausser Stande festzustellen, ob Kandschi oder Sur Hadschi Pallu der vollendetere Schurke ist. Um mich der Worte eines Weissen, der beide kennt, zu bedienen, „es ist kein Strohhalm breit Unterschied zwischen ihnen“. Kandschi ist schlau und versteckt, Sur Hadschi Pallu dreist und unverbesserlich. Aber Friede ihnen beiden; mögen ihre geschorenen Häupter niemals mit der Sorgenkrone geschmückt werden, die ich in Bagamoyo getragen habe.

Theurer, freundlicher Leser, glaube nur nicht, dass, wenn ich mich in diesem oder irgendeinem andern Kapitel über scheinbar unbedeutende und alltägliche Dinge auslasse, diese hätten unerwähnt bleiben sollen. Jedes Titelchen, das ich erzähle, ist eine Thatsache, und Thatsachen kennen lernen heisst Erfahrungen machen. Wie könnte ich Dir überhaupt meine Erfahrungen mittheilen, wenn ich nicht auf diese elenden Einzelheiten einginge, die den Fremdling bei seiner ersten Ankunft in schwere Verlegenheiten stürzen? Wenn ich ein Regierungsbeamter gewesen wäre, so hätte ich nur meinen Finger zu bewegen brauchen, um meine volle Zahl Pagazis innerhalb einer Woche zu haben, aber als ein Individuum ohne officielle Würden und ohne allen Regierungseinfluss, musste ich mich gedulden, meine Zeit abwarten und ruhig meinen Grimm herunterschlucken. Doch war nicht alles Brot, das ich ass, so sauer wie dieses.

Farquhar und Shaw, meine Weissen, arbeiteten fleissig an wasserdichten Zelten von Hanfsegeltuch, denn ich ersah aus den vorangehenden Regengüssen, die die Annäherung des Masika bezeichneten, dass ein gewöhnliches Zelt von leichtem Zeug mich der Feuchtigkeit und meine Waaren dem Verschimmeln aussetzen würden, und da jetzt noch Zeit war, alle die Irrthümer, welche sich aus Unwissenheit oder übergrosser Eile in meinen Plan eingeschlichen hatten, zu corrigiren, so dachte ich doch, dass es nicht klug wäre, die Dinge sich ganz selbst zu überlassen. Jetzt, wo ich mit ungeschwächter Gesundheit zurückgekommen bin, obgleich ich 23 Fieberanfälle in der kurzen Zeit von 13 Monaten erlitten habe, muss ich gestehen, dass ich mein Leben erstlich der Gnade Gottes, zweitens dem Enthusiasmus für mein Unternehmen, welcher mich von Anfang bis zu Ende belebte, drittens dem Umstande, dass ich meine Constitution nicht durch Unmässigkeit oder Ausschweifungen ruinirt habe, viertens der Energie meiner Natur, fünftens einem angeborenen zur Hoffnung geneigten Temperament, das sich nie verstimmen liess, und sechstens der Maassregel verdanke, dass ich mich mit einem geräumigen Segeltuchhause, welches dicht gegen Wasser und alle Feuchtigkeit war, versehen habe. Hier möchte ich, wenn meine Erfahrung von irgendwelchem Werth ist, den Reisenden den Rath geben, dass sie sich ihrer eigenen Verstandeskraft bedienen und das beste und stärkste, was für Geld zu haben ist, sich anschaffen mögen, statt ihr besseres Urtheil den Launen eines Zeltmachers unterzuordnen, der sich bemühen wird, ihnen einen schönen Artikel seiner eigenen Fabrik aufzubinden, welcher für kein Klima passt; schliesslich erweist es sich als das billigste und kann vielleicht zur Erhaltung ihres Lebens beitragen.

In Bezug auf einen Punkt verfiel ich in einen grossen Irrthum, und damit zukünftige Reisende nicht eben denselben begehen, welcher für meinen Lebensgenuss sehr nachtheilig war, bespreche ich ihn hier.