Wie es Licht geworden!

Part 9

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Welch’ tiefes, reines Gemüt sich in seinen Gedichten offenbart. Einer strengen Censur hätten sie kaum Stand gehalten, aber ich fand sie unvergleichlich schön. Eine förmliche Chronik seiner Liebe. Das zagende, halb unbewußte Erwachen, die Unsicherheit, die Zweifel am eigenen Glück, das allmähliche Anwachsen der Flut, das wilde, rücksichtslose Aufschäumen. Das ganze „Ich“ gerät in Aufruhr, eine neue Welt ersteht den Zweien, die außer sich nichts sehen, eine Welt so zauberumflossen, so traumhaft schön, daß das Jauchzen auf den Lippen erstirbt und Tränen in den Augen schimmern: „Zu viel, zu viel“. -- Da ein Krach, ein Getöse mitten in die wonnevolle Lenznacht, ein jähes Aufleuchten, plötzliche Finsternis -- eine öde Wüste ohne Ende und im Sand ein Grabstein, darauf geschrieben steht: „Vorbei“.

„Emilie.“ Ich betrachte das Miniaturbild und kann mich nicht losreißen von dem bezaubernden Gesicht. So jung und morgenfrisch, so blendend schön -- und fort zu müssen -- mit ewig ungestilltem Sehnen. -- --

Mama unterbrach meine Betrachtung: „Glaubst Du, daß Oberst von Bittau mir einen Antrag machen wird?“

„Ja, das weiß ich wirklich nicht. Denkst Du daran, zu heiraten, jetzt schon, so bald nach -- -- --“

„Immer diese übertriebenen Sentimentalitäten! -- In meiner ersten Ehe hab’ ich nur Böses erfahren; ich möchte auch einmal das Leben von der angenehmen Seite kennen lernen. Oder soll ich vielleicht warten, bis ich alt bin und mich Keiner mehr nimmt? Ich finde das sehr sonderbar. -- -- -- Der Oberst“, fuhr sie fort, „ist sehr vermögend, hat eine Stellung und ich -- gefalle ihm.“ Letzteres mit gretchenhaft-verschämtem Blick. „Er sagte mir, daß ich einen selten kleinen Fuß habe und unergründliche Nixenaugen.“ In dieser Art gieng es fort. Wahrlich, ich gönnte ihr den Triumph, aber es irritierte mich über die Maßen, daß sie so wenig ~fond~ und Geist besaß, um so „naiv“ zu sein. Und Papas Bild blickte uns so traurig an, als wollt’ es sagen: „So bald vergessen? So bald schon? Ich dacht’ mir’s wohl.“

„Sie aber blieb unerbittlich. Sie baute Luftschlößer und malte sich ihre zukünftige Existenz bis in die kleinsten Details aus. Sie würde Equipage haben und zweimal wöchentlich empfangen -- in weißen Glacéhandschuhen.“

„Aber das sind doch nur Nebensachen.“

„So, also mein Glück ist Nebensache?“ Sie gieng mit erregten Schritten im Zimmer auf und ab. „Wann endlich wird man mich in Ruhe lassen? Ich bin doch kein Kind mehr“ und sie pflanzte sich vor mir mit der Miene einer Prophetin auf: „Und ich werde doch heiraten.“

„Natürlich, wie Du willst. Ich gehe dann nach Steindorf.“

„Meinethalben. Übrigens wäre es klüger, Du bliebest bei uns. Wir würden ein großes Haus machen und trachten, daß Du einen Mann bekommst.“

Jetzt war es aber zu Ende mit meiner Geduld. „Gib’ Dir deshalb nur keine Mühe. Ich teile gar nicht Deine Ansicht, daß es das höchste Glück ist „einen Mann“ zu finden. Auf den Heiratsmarkt lasse ich mich nicht schleppen, da mußt Du schon allein gehen.“

„Du abscheuliche Person! Das hat man davon, wenn man es gut mit Dir meint. Du wirst mich noch ins Grab bringen.“ Ein paar Staffagetränen, gerungene Hände, zugeschlagene Thüren, damit endeten in der Regel unsere unerquicklichen Diskussionen.

* * * * *

Mama, im Banne ihrer fixen Idee, ließ uns mehr Freiheit. Wir lasen und plauderten miteinander wie in alten Zeiten und doch schwebte unheildrohend über unserem Glücke eine dunkle Wolke. Wenn sich unsere Hände berührten, zuckten wir zusammen und wenn er seine leuchtenden Augen in die meinen senkte, durchlief es mich heiß. -- Unsere Liebe hatte jenen Grad erreicht, wo die Sehnsucht nach dem Besitz erwacht und wir wußten Beide, daß wir einander nie gehören durften.

Vincenz Leiden hatte sich verschlimmert und dazu kam, daß er sich aufrieb im Kampfe zwischen Pflicht und Leidenschaft. -- Er suchte mich zu täuschen, konnte aber nicht verhindern, daß er oft jählings erbleichte und nach Atem rang.

Diese bösen Symptome machten mir große Angst. Ich beschwor ihn, seine Praxis aufzugeben, sich eine zeitlang zu schonen und in einem wärmeren Klima Heilung zu suchen. Lange sträubte er sich gegen diesen Plan -- die Idee einer Trennung schien ihm unerträglich, aber schließlich gab er nach.

„Weißt Du noch Mimi, wie Du betetest um meine Gesundheit? Damals in der Kapelle. Ich war tief gerührt. Jetzt stehen die Dinge anders. Du warst eine gelehrige Schülerin: es werden Dir’s Wenige nachmachen. Und glaubst Du, verdiene ich einen Vorwurf, daß ich Dir Licht und Erkenntnis brachte?“

„Du nahmst mir einen Halt, Vincenz und anfänglich schien es mir grausam. Jetzt bin ich Dir dankbar, daß Du das Wahngespinnst zerrissen und mir die Wahrheit gezeigt hast.“

„Ja, es war nur der erste Schritt, der Dir schwer wurde. Aber dann muß es Dir wie eine Erleichterung geschienen haben. Früher, da führten sie Dich am Gängelband, da durftest Du nicht rechts und nicht links sehen. Immer gradaus hieß es marschieren, und keine von den Blumen pflücken, keine der Früchte brechen, die Dir so verführerisch entgegenwinkten. -- Jetzt darfst Du Dich frei bewegen und beiseite schleudern, was sich Dir hemmend in den Weg stellt. -- Jeder Grashalm, jeder Käfer erzählt Dir eine Geschichte und jedes neue Blatt im Buche der Natur enthüllt Dir große Wunderdinge. Früher Sklave, jetzt frei. -- -- Und um wie Vieles consequenter sind wir, als Jene, die nicht zwei übereinstimmende Erklärungen für ihre Thesen aufbringen können. Sie wissen, daß der Mensch an Gottes unerforschlichen Ratschlüssen nichts zu ändern vermag, und versuchen ihn durch Gebet und Gelübde. -- Sie rufen den Barmherzigen an und preisen den Grausamen. Sie fürchten, zu hohen Genuß am Leben zu finden, sich durch irdische Gesinnung die Thore des Himmels zu verschließen: dabei beben sie vor dem Tod, obwohl gerade der sie ihrem Ziele näher bringt.“

„Ja, Du hast Recht.“

„Wir denken viel logischer. Es fällt uns nicht ein, Gnade von der „Natur“ zu erflehen, und wenn uns Böses trifft, dann ziehen wir sie auch nicht zur Verantwortung. Unsere Göttin ist viel zu erhaben, sie steht auf viel zu hohem Piedestal, um sich mit den kleinlichen Wünschen der Einzelnen zu befassen. Lächelnd oder zürnend, handelt sie nach ewigen Gesetzen, stets das Ganze im Auge behaltend. Sie schafft mit Feenhänden und zertrümmert mit Keulenschlägen, sie ist Gott und Dämon zugleich. „Lernt mich kennen, forschet“, ruft sie uns zu „und wir entdecken täglich neue Reize an der Uralten, Ewigjungen. -- Wir wissen, daß wir nur ein positives Gut, die Gegenwart, besitzen, und darum verstehen wir zu genießen.“

„Es ist wahr. Jede neue Entdeckung auf diesem Gebiet erfüllt mich mit einer Freude, die ich früher nicht gekannt. -- Es kommt mir vor wie Blitze, die ins Dunkel leuchten und ich bin Jenen tief dankbar, die unser Wissen bereichern. Es ist kein unsicheres Tasten mehr auf trügerischem Boden, sondern ein ruhiges, angstloses Gehen.“

„Nun, dann kann ich mit meinem Werk zufrieden sein.“

* * * * *

Robert umschwärmte seit geraumer Zeit seine Ballbekanntschaft, die exotische Marquise. Alles an ihr war eigenartig -- Name, Erscheinung und auch die verschiedenen Legenden, die sich um ihr kleines, puppenhaftes Figürchen rankten. Sie war Spanierin von Geburt, nach dem fernen Westen übersiedelt, und man faselte von ihren ungeheuren Schätzen -- Plantagen sagten die Einen -- Goldminen behaupteten die Andern und wichen nicht von ihren Fersen.

Früher hatten nur blonde, blauäugige Frauen für ihn existiert, jetzt galt nur mehr der südliche Typus. -- -- Er schien allerdings etwas piquiert über die Bereitwilligkeit, mit der ich meiner Nachfolgerin das Feld räumte, im Übrigen besaß er nun zu wenig Zeit, um darüber nachzudenken. Der Kopf schwirrte ihm von Hofbällen, diplomatischen Soiréen und von seiner ersten Audienz -- einem inhaltschweren Ereignis im Leben eines Lieutenants. Das würden noch sicher seine Kindeskinder zu hören bekommen, etwas ausgeschmückt natürlich.

„Ich habe mit Vergnügen gesehen, daß Sie zu unseren eifrigsten Tänzern zählen.“

„Kaiserliche Hoheit“, versetzte er schneidig „es ist aber auch eine Passion, mit unseren Aristokratinnen zu walzen“, worauf die Hoheit scherzend mit dem Finger drohte: „Ja, solch’ junges Blut!“

Roberts pausenloses Geschnatter ermüdete mich stets. Das gieng in einer Leier fort wie eine Mühle, ohne Beistriche, ohne Punkte, immer im nämlichen Tonfall. Und wie kindisch er war! Glaubte er denn wirklich, daß Donna Trinidad die weite Reise über’s Meer gemacht, um gerade ihn zu erorbern? Es gab ja so viele Lieutenants in der Armee: da half weder das verschwenderisch pomadisierte Flachshaar, noch die funkelnden Lackstiefletten und das Goldbracelet. Damit wollte er nämlich ihre Eifersucht wecken.

Merkwürdig blieb nur die Tatsache, daß sich kein wirklich reicher Bewerber fand und sie die Anderen in Bausch und Bogen mit souveräner Geringschätzung behandelte.

Donna Trinidad war wie so manche exotische Größe, über die man keine bestimmten Anhaltspunkte besitzt, aufgetaucht wie ein Meteor, um alsbald zu verbleichen. Sie glänzte mit erborgtem Lichte und hatte Uneingeweihte zu blenden vermocht, darunter Robert. Eines schönen Tages war sie verschwunden auf Nimmerwiedersehen; der Hôtelier war um ein paar tausend Gulden ärmer und um eine Erfahrung reicher.

Der Vetter wetterte und tobte über die Blamage und bedachte sich einsichtsvoll mit dem Attribute „Wurze“, und die anderen Courmacher wußten auf einmal die ärgsten Schaudergeschichten über die „Talmi-Marquise“ zu erzählen.

„Ja, ein Pechvogel muß man sein“, resumierte der enttäuschte Robert sein Abenteuer, „unter einem Unglücksstern geboren, wie ich. Ich kann schon einmal unternehmen, was ich will, es wird mir immer mißlingen.“

Mama, die ihre Taktik ihm gegenüber geändert, suchte ihm Mut zuzusprechen. Sie hatte ihm großmütig verziehen, daß er ein „Steindorf“ war, denn sie bedurfte seiner, um Reclame im Regiment zu machen.

Es ist etwas Eigentümliches um den Ruf, den Einem die Leute machen. Zuerst sagt Einer so ganz obenhin etwas Lobendes, die Andern sprechen es ihm nach; Keiner zweifelt mehr daran, oder wenn er es tut, so schweigt er. Das Urteil wächst, verbreitet sich nach allen Richtungen, und eines schönen Tages ist es zur öffentlichen Meinung geworden: auf dieselbe Art wie das Klatschspiel, das Volkslied. Alle singen sie die nämliche Weise, die Menschen, und die Spatzen auf dem Dache.

Damit rechnete Mama. Wenn dem Oberst nur Gutes, Schönes über sie zu Ohren kam, mußte ihn das erweichen, zur Entscheidung bringen. Und Robert war leicht zu gewinnen: ein paar gute Diners, ein paar Schmeicheleien, und gar wenn man ihn mit einigen Gräfinnen bekannt machte, hatte man ihn auf seiner Seite.

Von ausländischen Marquisen wollte er nichts mehr wissen: es war doch weniger riskiert, sich an den einheimischen Adel zu halten.

* * * * *

„Ja, ja die Intoleranz! Du wirst sie nirgends häufiger antreffen, als bei den unteren Schichten. Das Pharisäertum ist ein weitverbreitetes Übel. Es verursacht ein so angenehmes Prickeln, in unnahbarer Tugend die Schwächen Anderer zu verurteilen.“

„Aber da sollte doch der Pfarrer“ -- --

Gewiß, als der Berufenste den Leuten ins Gewissen reden. Doch sieh’ Dich um, wer bekleidet in den Landgemeinden das Seelsorgeramt? Bauernsöhne, die sich durch das kurze Studium einen gewissen Schliff angeeignet haben, eine halbe Bildung. -- Wie oft sind ihnen nicht einmal die schönsten Worte verständlich: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.“ -- „Und“, fuhr Vincenz mit Wärme fort, „hat doch gerade dieser einzige Satz den größten Reformator aller Zeiten unsterblich gemacht. „Liebe, Nachsicht und Vergeben“; wie viel ließe sich darüber sagen. Hast Du den Schwanberger näher gekannt?“

„Seid ich ungehindert mit den Steindorfer-Leuten verkehrte. Ich hörte zu seinen Lebzeiten auch nur Lobendes über ihn. Er war ein harmloser, arbeitsamer Mensch und hatte eine kindische Freude mit seinem Haus und seinem Gärtchen.“

„Und da kam die Krankheit? Und sie wollten keinen andern Arzt, als den gewohnten. Vielleicht hätt’ ich ihm helfen können. Ja, das Mißtrauen.“

„Also seit der Zeit war er wie ausgewechselt. Die Frau erzählte mir, daß er stumm vor sich hinstarre und zeitweise vor Schmerz brülle. Es sei nicht zum Anhören.“

„Da ist’s doch nichts so Unbegreifliches, daß er sich erhenkte. -- Die erste Regung, sollt’ man meinen, müßte die des Mitleids sein. Statt dessen, nicht einmal aufgebahrt.“

„Die Tante schreibt’s genau“ und wir suchten die betreffende Stelle des Briefes. „Was sie plötzlich Alles über ihn wußten. Er sei auch Keiner von den Saubersten gewesen, hätte oft die Elle zu teuer angerechnet u. s. w.“ Die Huberin konnte sich von ihrem frommen Entsetzen kaum erholen: Sie schlug ein Kreuz um das andere. „Na so a Sünd, i sags ja alleweil, wann der Mensch kein Glauben mehr hat, nachher verlaßt ’n unser Herrgott.“ Und der ~comble~ -- hielte man solche Roheit für möglich? -- der eigene Bruder versetzte dem Leichnam eine schallende Ohrfeige. „Da hast es für die Schand’, dies’t uns antan hast.“ Alle weichen der Witwe aus und Niemand will bei ihr kaufen. Ich hatte den Pfarrer ersucht, die Leute ein wenig zur Einsicht zu bringen, doch da kam ich schön an: „Das darf man ja nicht entschuldigen, sonst machen es die Andern nach.“

„Brillantes Argument, wirklich wahr“, bemerkte Vincenz spöttisch. „Am Ende hängt doch auch der Elendste am Leben und wenn er es von sich schleudert, muß er über alle Begriffe verzweifelt sein. -- Da sollte sich dann kein Stückchen geweihte Erde -- die armen Leute halten so viel darauf -- finden, nicht ein paar erbarmungsvolle Hände, die den Hügel mit Blumen schmücken -- ist das nicht unmenschlich?“

„Und Christus hat doch gesagt: „Richtet nicht“ -- mir scheint, Du hast Recht, Jedes macht sich seine eigene Religion zurecht.“

„Das ist eben die Heuchelei. Es gibt leider so erschreckend viel Morsches in der heutigen Zeit: sowohl Menschen als Ansichten. Alles angefressen, baufällig. -- Wenn jetzt der Messias käme, mit der Geißel in der Hand, seinen Tempel zu reinigen -- der fände viel zu tun.“

* * * * *

Beharrlichkeit führt zum Ziel. Mama hatte sich mit dem Obersten verlobt. Jetzt, da sie alle Rechte auf meine Person aufgab, freute ich mich sogar im Geheimen darüber. -- Unser Zusammenleben war mir eine wahre Qual geworden. Meine Nerven rebellierten schon, wenn ich sie im Nebenzimmer hörte. -- Wir Beide paßten nun einmal nicht zu einander.

Sie gab sich mit großem Eifer den Vorbereitungen für die Hochzeit hin. Mir fielen schon die Augen vor Müdigkeit zu und sie erzählte mir noch immer von ihrem Bräutigam. „Er ist so rücksichtsvoll“, versicherte sie mir „und wenn er zu den Leuten von mir spricht, sagt er immer nur die „Gräfin“. Und am Ende, man bleibt ja auch das, als was man geboren ist.“

Ich fühlte mich zu schläfrig, um ihr zu erwidern, daß ich das höchst seltsam finde. -- Es ist gewissermaßen herabsetzend für den Mann. Wenn Vincenz -- -- dann hätte ich mich gewiß nicht „Baronin“ titulieren lassen.

„Die Wohnung wollen wir uns sehr schön einrichten,“ berichtete sie weiter, „aber ich kann doch nicht nur annehmen und nicht selbst dazu beitragen. Findest Du nicht?“

„Das weiß ich nicht. Das mußt Du doch besser verstehen!“

„Besser verstehen! Hm, das ist leicht gesagt.“ Sie zupfte nervös an ihrem Taschentuch. -- -- „Ich habe gehofft, Du würdest mir mehr Entgegenkommen zeigen.“

„Wieso? -- Ah, Du meinst, ich soll Dir meine Einrichtung überlassen. Das kann ich aber nicht. Es ist ja jedes einzelne Stück inventarisch aufgenommen.“

„Nun deshalb? Es kann ja heißen, Du habest die Sachen zu mir in Depôt gegeben. Doch besser, als die Motten zerfressen sie. Und wenn Du großjährig bist, kannst Du darüber nach Gutdünken verfügen, sie mir nehmen oder lassen. Es ist eigentlich sehr sonderbar von Papa gewesen.“ --

„Bitte, laß Papa aus dem Spiel. Nimm’ die Möbel. An so was hängt mein Herz nicht mehr. Ich schenk’ sie Dir.“

* * * * *

Der Tag, an dem Vincenz nach Veldes reisen sollte, war gekommen. Wir saßen stumm nebeneinander, und schwül schwebte das Unausgesprochene zwischen uns. Er brach zuerst das Schweigen, und wir sagten uns jene Dinge, die sich Liebende stets zu sagen pflegen, wenn sie von einander Abschied nehmen.

„Versprich mir, schone Dich, lebe nur Deiner Gesundheit, Vincenz. Die Ärzte sagten doch, daß Du noch ganz geheilt werden kannst?“

„Die Ärzte“, erwiderte er sinnend, „ja, ja, die sagten es“.

„Warum dieser seltsame Ton. Bist Du nicht überzeugt davon?“

„Und wenn ich dann also ganz gesund zurückkomme -- und Du gib nur auch recht Acht auf Dich.“

„Und schreib’ mir oft, aber nur, wenn es Dich nicht ermüdet.“

„Und Du mir auch. Als ob Du zu mir sprächest. Du weißt, mich interessiert Alles, was mit Dir im Zusammenhang steht.“

„Versprich’ mir, daß Du oft an mich denken wirst.“

„Mimi, ist das wirklich nötig? Glaubst Du denn, ich könnte anders.“ Er stand auf und trat ans Fenster. „Es ist schwül, findest Du nicht?“ Dann betrachtete er mich aus der Entfernung. „Wie Du wieder hübsch bist, Mimi.“ Und plötzlich kniete er vor mir, und den Kopf in meinem Schoß geborgen, stöhnte er auf wie in namenloser Qual. Feurige Küsse brannten auf meinen Armen, meinem Hals, und er stammelte trunkene Liebesworte. -- So hatte er sich nie hinreißen lassen. Ich wehrte mich nicht -- es war ja Sommer -- und zum letztenmal. -- Dann kam ihm die Besinnung wieder. Er sah mich an mit einem Blick, in dem sich Zärtlichkeit und Mitleid spiegelte, und flüsterte: „Verzeih“. Noch ein Kuß, ein Händedruck, und ich war allein.

Da machte sich mein tapfer verhaltener Schmerz Luft. Ich warf mich auf den Boden und küßte die Stelle, auf der sein Fuß gestanden. Ich preßte meine Lippen auf seinen Sessel, da wo sein Arm geruht, und heiße Tränen stürzten mir aus den Augen. „Du mein Geliebter, kehr’ mir wieder -- ich kann nicht sein ohne Dich, ich kann nicht.“

Und die Zimmer wurden schon ausgeräumt; auch dieses kam bald daran. Hier, wo wir so viel trauliche Stunden verbracht, wo unsere Geister, unsere Herzen eines waren, wo wir uns so nahe gewesen. -- -- Alles aus -- -- Alles verloren, bis auf die Erinnerung.

Mein Herz hieng doch an diesen Dingen!

* * * * *

Mamas Hochzeit hatte stattgefunden, und Tante Laura zog mit mir ins Hôtel, da ich noch vor meiner endgiltigen Übersiedlung nach Steindorf Einiges in Wien zu tun hatte.

Die ganze Zeit über konnte ich ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit nicht loswerden. Es zog mich mit Übermacht zu Vincenz: dort wäre ja mein Platz gewesen -- aber nur so etwas nicht! Die Satzungen der Gesellschaft hätten mich verdammt -- es gibt eben Schranken, die man nicht überschreiten darf.

Dumpfe Bitterkeit erfüllte mich: zum erstenmale empfand ich Haß gegen meinen Stand. Wie beneidete ich die Armen an Geist, die Einfältigen, die als einzige Richtschnur ihres Handelns das Gefühl kennen. Ja das erste beste Bauernmädchen durfte tun, was mir versagt blieb. Zum Geliebten eilen, ihn pflegen, während so -- -- „o die verwünschte Krone“, -- ich fuhr mir mit den Händen ins Haar, als ruhe dort das Ungetüm, als könnt’ ich es mit festem Griff erfassen, zur Erde schleudern und mit Füßen treten.

In wahrem Fieber erwartete ich die tägliche Post und wenn ein Brief kam, hielt ich ihn doch zagend und uneröffnet in der Hand. Ich befühlte, besah ihn nach allen Richtungen und las, wenn der Umschlag entfernt, vorerst nur einige Worte. Dann schloß ich mich in meinem Zimmer ein, vertiefte mich in die geliebten Schreiben, las und las immer wieder, bis ich sie auswendig konnte. Es waren stille süße Träumereien, an die wir Beide nicht glaubten und die uns doch so wohl taten, so unendlich wohl.

„Ist’s nicht töricht“, schrieb er unter Anderm, „an Dinge sich zu klammern, auf die man kein Recht hat. Ein junges frisches Reis darf sich nimmer an einen kranken Baum lehnen. Du bist der Frühling, die Jugend und Gesundheit -- ich begnüge mich damit, wenn ein Strahl aus Deinem Wesen das meine verklärt. -- -- Es scheint mir gerade das die Weihe unseres Verhältnisses -- es wird ewig Knospe bleiben, rein und unbefleckt.

Und doch, wenn’s anders wäre, anders sein dürfte! In stillen Dämmerstunden, wenn der Tag Abschied nimmt von der Erde, da mal’ ich helle Bilder. Du weißt, ich lieb’ das Licht. Mein Ideal -- etwas hausbacken und altmodisch zwar, aber so lieblich, so ewigwährend. Ich bin Deine Stütze, Du mein guter Geist und meine gute Stunde. Die Tage gehen dahin so wolkenlos, so friedlich -- und doch so reich.

Doch plötzlich rückt dies sonnige Bild in weite, weite Ferne. Nein, die Rose darf nur blühen, uns entzücken durch Duft und Farbe. Aber Früchte tragen, Brennholz liefern für den häuslichen Herd! Es wär’ ein unsinniges Verlangen. -- -- Das Unerreichbare! Mein Mädchen, wir werden uns nie gehören.“

Was das aber heißt, sich lieben und -- entsagen, das vermögen nur Solche zu begreifen, die es selbst durchgemacht. -- Es ist ein langsamer, aber sicherer Tod -- ein Absterben bei lebendigem Leibe. -- Tante Laura wußte davon zu erzählen und sie verstand mich. „Siehst Du, ich hätte Dir so gern das Leid erspart: aber es gibt Kräfte, die stärker, zwingender sind, als guter Wille. -- Du siehst sehr angegriffen aus und da Dein Doktor nicht da ist, um seinen Rat zu erteilen, muß ich wohl seine Stelle vertreten.“ Sie sagte es mit ihrem sanften müden Lächeln. „Ich verordne Dir eine Praterfahrt. Komm’, der Wagen wartet schon.“

Ich tat wie sie mich hieß: die frische Luft und das heitere Treiben der Menge taten mir gut. Für Momente entriß es mich den quälenden Vorstellungen.

„Also in einer Woche fahren wir nach Steindorf?“

„Ja und bis dahin mußt Du wieder rote Wangen haben und lustig sein, denn sonst -- Du weißt schon -- da werden allerlei Bemerkungen gemacht und es heißt am Ende, ich hätte Dich vernachlässigt.“

„Aber Tante. -- Es ist doch eine Wohltat, daß ich mit Dir sein kann, gerade jetzt. -- Wenn ich denke, wie es früher war, mit Mama. Nein. Überhaupt die vergangene Zeit. -- Die schönen roten Nelken. -- Die muß ich kaufen.“ Ich stieg aus und nahm der Blumenfrau ab, was meine Hände fassen konnten. „Ein Duft zaubert mir bisweilen Momentbilder vor -- -- es hat doch auch schon schöne Stunden gegeben in meinem Leben: es wäre undankbar gegen das Schicksal, wollt’ ich es vergessen.“

Die frohe Stimmung verflog sofort, als wir das Hôtel betraten. Der Portier überreichte uns eine Depesche. „Bitte umgehend kommen. Habe Sehnsucht zu sehen: Zustand nicht unbedenklich.“

„So?“ Ich frug es in erstauntem Tone, als erführe ich da etwas, was mir im Grunde gleichgültig war. „Das heißt also „Gefahr“?“

„Wann geht der nächste Zug?“ frug die Tante. „In anderthalb Stunden.“ „Bitte ordnen Sie an, daß der Wagen bereit ist.“

Mir war, als hätte man mir einen Hieb auf den Kopf gegeben. Ich wankte die Treppe hinauf, in mein Zimmer, setzte mich, und der Kopf fiel mir schwer auf die Tischplatte. So verharrte ich minutenlang. Die Tante sprach kein Wort. Sie mochte fühlen, daß Trostesworte hier nichts fruchten würden.

Dann trat ich ans Fenster und betrachtete mechanisch das lebensvolle, lichtdurchflutete Straßenbild. Ich hörte auf das gedämpfte Murmeln und bemerkte die nebensächlichsten Dinge. Ein Dienstmann rannte an die Ecke an und ließ sein Packet fallen. Ob wohl etwas Gebrechliches darin war und was nun geschehen würde? Zwei Bekannte begrüßten sich. Was sie wohl zu einander sagten?

„Tante!“

„Was denn Mimi?“

„Glaubst Du nicht, daß er doch noch gesund werden kann?“

„Die Hoffnung darf man nie verlieren, Mimi.“

„Aber, er wird doch nicht -- nicht“ -- nein das Wort wollte mir nicht über die Lippen. „Oder wenn wir zu spät, -- ach Gott, ach Gott, wozu, wozu das Alles?“ Der Gedanke an diese Möglichkeit machte mich halb verrückt.