Part 8
Übermannt von den Eindrücken, die so unerwartet auf mich einstürmten, und mir meinen Vater in so schönem Lichte zeigten, weinte ich still in mich hinein. So war die Gleichgültigkeit, seine mißmutige Art nur Maske -- das Schicksal hatte sie ihm aufgedrängt. Armer Papa, hätt’ ich das früher gewußt: aber Du hieltest mich so ängstlich Deinem Innenleben fern. Er faßte mich am Kinn und streichelte mein Haar. „Sei mein braves, starkes Mädchen. Die Schwachen kriechen stets zu Kreuz, wenn die Schicksalsschläge wuchtig auf sie niedersausen -- ein ganzer Mensch aber, der steht aufrecht, mitten im Donnergrollen und Sturmesbrausen. -- Schau’, wie der Himmel schwarz ist. Wir bekommen wieder Schnee. -- -- -- Und jetzt sprechen wir von heiteren Dingen“, setzte er mit einer Art Galgenhumor hinzu. „Was würde Dir denn zu Weihnachten eine Freude machen? -- -- Weißt Du, an was ich dachte? Eine kleine hübsche Reisetasche. Die kannst Du sehr gut brauchen, wenn Du“, -- -- seine Hand zitterte in der meinen und ein Ausdruck von Schmerz huschte über sein Gesicht. „Es ist nichts. Nur ein leichtes Unbehagen, wie ich es in den letzten Tagen öfters verspürte. Das vergeht“.
„Und davon hast Du gar nichts gesagt!“
„Wozu denn? Solange man nicht ins Bett muß!“ Ein Schüttelfrost überkam ihn bei diesen Worten, daß die Zähne aufeinanderschlugen.
„Du hast Dich wahrscheinlich erkältet.“ Meine Stimme klang unsicher. „Und es ist noch so weit nach Hause.“
Da bog, wie gerufen, ein Schlitten in die Allee ein, und ich erkannte auf den ersten Blick Vincenz, der einen kurzen Urlaub genommen, um uns in Steindorf zu überraschen. Er hatte sofort die Sachlage begriffen und drängte uns, rasch einzusteigen. „Es ist nichts von Belang, aber Sie müssen vorsichtig sein. Die Influenza grassiert gerade jetzt, und wenn man die Pflege zu Beginn vernachlässigt, kann es die schlechtesten Folgen haben.“
Nach einigem Sträuben legte sich Papa zu Bett, und wir leisteten ihm Gesellschaft. Er blätterte in seinen Einschreibbüchern, und es berührte mich peinlich, als er bemerkte: „Wirklich große Auslagen, das Trinken und das Rauchen. Eine schlechte Gewohnheit; es könnte vielleicht in Zukunft wegfallen.“
* * * * *
„Meine arme Mimi, ich kann Dir nicht verhehlen, daß es schlecht, sehr schlecht steht mit Papa. Ich habe Deiner Mutter telegrafiert: sie kann in ein paar Stunden da sein.“ Vincenz war blaß und erregt. „An Wunder glauben wir ja Beide nicht. -- Doch jetzt geh’ Dich etwas auszuruhen, Du brauchst neue Kräfte.“
Ich vermochte mich in der Tat kaum mehr auf den Füßen zu erhalten. Vier Nächte lang gewacht -- das nimmt her, wenn man es nicht gewöhnt ist. Ich versuchte zu schlafen, doch es gelang mir nicht. Unstät irrten meine Gedanken umher, bis sie beim Worte „Wunder“ Rast machten. Und wenn doch -- -- aber ich konnte ja nicht mehr beten. -- -- Versuchen! Ich faltete mechanisch die Hände und murmelte halblaut vor mich hin: „Sei gegrüßt, Du Königin, Mutter der Barmherzigkeit“. Und plötzlich lag ich auf den Knien, und, das Gesicht auf die Hände gestützt, fielen mir die Worte ein; sie strömten mir von den Lippen, ein unaufhaltsam sprudelnder Quell, und mit ihnen kehrte der alte Kinderglaube wieder.
Es war dunkel im Zimmer: matt flackerte das Feuer im Kamin, bis es erlosch. Ich lag noch immer in derselben Stellung und beschwor Maria, mir zu helfen. „Du kannst nicht so grausam sein, Du Gute, Gnadenreiche. Erhalt’ ihn mir am Leben. Maria hilf, und ich will Dir’s ewig danken. Meinen Zopf, auf den ich so eitel bin, bring’ ich Dir zum Opfer -- nur erhöre mich. Ich hab’ ja so viel gut zu machen, da ich ihn bis jetzt so falsch beurteilt. Auch fromm sein will ich wieder, Maria hörst Du?“
„Mimi, Mama ist da. Willst Du nicht hinunter?“ Tante Laura kam mich fragen. Sie hatte längst verziehen und pflegte ihren Bruder mit rührender Sorgfalt.
„Tante, steht’s sehr schlecht?“
„Mut, Kind!“, und sie drückte mir die Hand.
Tiefe Stille herrschte im Krankenzimmer. Großmama saß da mit gefalteten Händen, den Blick auf das Kruzifix an der Wand geheftet. Sie sagte leise Gebete vor sich hin, und ab und zu entrang sich ein tiefer Seufzer ihrer Brust. Mama kauerte mit scheuer Miene in einer Ecke, die Augen halb geschlossen. Auch die Übrigen schwiegen.
Papa saß mehr im Bette, als er lag. Sie hatten ihm Kissen untergeschoben, um ihm das Atmen zu erleichtern. Als ich zu ihm trat und ihn flüsternd frug, ob ich etwas für ihn tun könne, machte er eine sichtliche Anstrengung zu sprechen, aber es war nur ein undeutliches Lallen. Er hatte den Mund geöffnet, und die Hände begannen ein unheimliches Spiel auf der Decke. Wie abgemagert sie waren in den paar Tagen, und wie weiß! Und wie kalt sie sich anfühlten, wie eisig kalt. Wenn das das Ende wäre, oder die Agonie! Ich verlor alle Selbstbeherrschung, umklammerte ihn schluchzend und beschwor ihn, nicht zu gehen, mich nicht zu verlassen. Ich küßte ihm den kalten Schweiß von der Stirne, streichelte seinen Kopf, befahl ihm, zu bleiben. -- Ich hatte ja gebetet -- ich erwartete das Wunder. -- Da, er atmete tief auf, immer rascher -- das war vielleicht das wiederkehrende Leben -- rascher -- aber so seltsam, so unregelmäßig, ein gequältes, mühsames Röcheln. -- Er rang nach Luft, schnellte in die Höhe, als ob jemand ihn mit ungeheurer Kraft emporrisse; dann gellte ein Schrei durch das Gemach, so klagend, so unbeschreiblich schmerzlich, seine Züge verzerrten sich wie im Krampfe, dann fiel er schwer zurück. Noch ein letzter, schwacher Atemzug, und es war vorbei.
Das hab’ ich lange nicht begriffen.
Mama geberdete sich wie eine Wahnsinnige, tobte und jammerte. Großmama drückte einen langen Kuß auf das wachsbleiche Gesicht ihres Lieblings. „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen -- er weiß am Besten, was er tut.“ Dann gieng sie zur Schwiegertochter, und ihr die Hand hinhaltend: „Ich denke Helene, in einem solchen Moment vergißt man allen Groll“, und nun umarmten sich die Beiden.
In leisen, feinen Schlägen verkündete die Wanduhr die zwölfte Stunde. Die Kerzen waren herabgebrannt und warfen dunkle Schatten über das marmorne Gesicht des Toten, über das nun tiefe Ruhe ausgebreitet lag. So schön, so mild war er mir früher nie erschienen. Das rötlichblonde Haar hob sich wie Gold von der blaßen Hautfarbe ab und die Hände lagen wie zum Gebet verschränkt, auf der Brust.
„Wie zufrieden er aussieht, Mimi“, sagte die Großmama. „Der liebe Gott meint es recht gut mit ihm. Dort droben ist’s ja viel, viel schöner -- da finden wir uns Alle wieder: da gibt es keinen Abschied.“
* * * * *
Ein schwarzverhangenes Zimmer, in dem es so still ist, so schaurig still. In der Mitte steht der erhöhte Catafalk, neben dem in riesigen Kandelabern Wachskerzen brennen. Kränze auf dem Boden und an der Wand, Kränze, wohin der Blick fällt. Und in all’ den Blumenaugen steht die stumme Klage um zu früh entflohenes Leben. Sie seufzen und ihr duftender Atem vermengt sich mit dem Geruch der Wachskerzen, mit der dumpfen Moderatmosphäre des Todes. O dieser Geruch, er verfolgt Einem, man wird ihn nicht los, wohin man auch flieht.
Tränen und Seufzer -- -- kein Sonnenstrahl, kein lautes Wort.
„Wie eng und kalt Du es nun hast, mein armer Papa. Könnt’ ich Dir nur etwas Gutes tun, Dir noch einen letzten Liebesdienst erweisen! Du schweigst. Wo bist Du? Weshalb hast Du uns verlassen? -- -- Du bist wirklich tot? -- Ja, tot!! Du wirst mir kein einziges Wort mehr sagen -- -- ich faß’ es nicht -- -- -- mir ist, als müßte im nächsten Augenblick die Thür aufgehen, und dann kommst Du herein und wir plaudern miteinander aber viel inniger, viel zärtlicher wie früher. Ich küsse Deine Hand, o sie ist eisig kalt, wie eine Geisterhand, -- -- Dein Gesicht, so mager und -- -- die goldenen Haare -- -- nein, Du warst anders, aber ich seh’ Dich immer so vor mir. -- Nein, laß mich, geh, berühr’ mich nicht. -- Ich fürchte mich, wenn Du mich holst. -- -- Es ist so schwarz, so dunkel, ich will nicht sterben, nein, ich will nicht -- ich -- o -- -- --“
Ich lag mit heftigem Fieber danieder und als ich die Besinnung zurückerlangt, standen Tante Laura und Vincenz an meinem Bett. Sie nötigten mich zu essen, da ich in den letzten Tagen kaum ein paar Bissen genossen. Ich durfte auch nicht mit zum Begräbnis: sie wollten mir Gesellschaft leisten, die Beiden, die nun meinem Herzen am nächsten standen. Vincenz suchte meine Gedanken von dem traurigen Ereignis abzulenken: er erzählte mir dies und das, versuchte zu lächeln, aber es mißlang ihm kläglich. Dann ergriff er meine Hand, hielt sie vor seine Augen und weinte, wie ein Kind: „Das war mein bester Freund -- trotz Allem -- ein goldenes Herz. Ja Mimi, ein harter, entsetzlicher Schlag“, und sein Gesicht überzog sich mit fahler Blässe. „Vincenz, was ist Dir?“ Er war sich mit der Hand an die Brust gefahren. „Bitte Wasser. So. Nur ein momentaner Schwindel.“
Großmama, dicht verschleiert, setzte sich zu mir und sprach in überaus gütiger Weise auf mich ein. „Wir fahren jetzt nach Sahning -- ich werde Deinem guten Papa einen Gruß bringen. Glaub’ mir, Mimi, er schaut immerfort auf Dich herab, er hat Dich ja so lieb gehabt und wenn Du brav und fromm bist, freut er sich.“
Das Thor wurde mit polterndem Geräusch geöffnet; ich hörte schwere Männertritte, undeutliche Stimmen -- Schlittenschellen -- und jetzt läuteten sie auf dem Schloßturm -- ja, es war der tiefe klagende Ton unserer alten Glocke, immer neue tönten mit, von nah und fern -- aus allen Ortschaften. -- „Bim--bam, bim--bam“, so klang es mir unaufhörlich in den Ohren und doch hatte sich der ernste Zug schon seit geraumer Weile in Bewegung gesetzt.
„Du wirst Dein Steindorf nie wiedersehen. Leb’ wohl, leb’ wohl für immer!“
* * * * *
Wie traurig gähnten mir die schon halbgeleerten Laden entgegen und jedes einzelne Ding erinnerte mich an den Verstorbenen. Wie genau hatte er in seiner peinlichen Ordnungsliebe darauf geachtet, daß jedes Stück an seinem bestimmten Platz zu liegen kam und allen, selbst den wertlosen Gegenständen ein erläuterndes Zettelchen beigelegt. Und jetzt dies Durcheinander! Die Liste aller Jener, die ein Andenken begehrten, nahm kein Ende und es hieß auf specielle Wünsche Rücksicht nehmen.
Des Nachts fuhr ich häufig erschreckt zusammen. Mir war, es lege sich eine kalte Totenhand auf mein Herz, und in den Möbeln krachte es. Dann rief ich Tante Laura und schmiegte mich fest an sie, bis ich ermüdet Schlummer fand. Mama steigerte meine Erregung, indem sie mir ihre Träume und Visionen schilderte, Karten aufschlug, und das Traumbuch zu Rate zog. Ich hatte ihr Bücher aus der Bibliothek gebracht, aber sie las kein einziges. Sie gähnte fortwährend und sah nach der Uhr, worauf sie regelmäßig bemerkte: „Erst: ich dachte, es sei schon viel mehr.“ Erst bei unserer Rückkehr nach Wien taute sie ein wenig auf. Wir bezogen eine andere Wohnung und das Ordnen und Einrichten schien sie zu zerstreuen. Sie zeigte neues Interesse für den Haushalt und verwandte große Sorgfalt auf ihr Äußeres. Keine Spur mehr von der früheren Vernachlässigung und das stand ihr vorteilhaft. Wenn wir auf der Gasse giengen, wandten sich die Leute nach ihr um, und wenn wir Bekannten begegneten, hieß es stets: „Sie sehen brillant aus Baronin; wirklich man könnte Sie für Schwestern halten.“ -- Mama lächelte dann vergnügt in sich hinein, schnürte sich noch fester und ließ sich noch gewagtere Hüte machen.
* * * * *
Die Trauerzeit war um, und ich hatte das achtzehnte Jahr erreicht. Mama, deren lauter Jammer sich in kürzester Zeit überlebt hatte, vermochte die Sehnsucht nach Abwechslung nicht länger zu unterdrücken.
Wir giengen also in die Welt. Davon hatte ich mir nach den bisher gelesenen Romanen eine ganz andere Vorstellung gemacht.
Bei den „~jours~“ herrschte ein so steifer, ungemütlicher Ton, als träte man bei der pompe funèbre ein, und die Soireen waren nicht viel anders. Man würgte gezwungen eine Tasse Thee hinunter, aß ein Stückchen Sandwich und sprach so leise, als fürchte man seine eigene Stimme zu hören. -- Man hatte sich eben nichts zu sagen, und wenn es ab und zu lebhaft zugieng, so war gewiß das Capitel der ~médisance~ aufgeschlagen worden. Ich mußte stets an eine Uhuhütte denken. Von Nah und Fern stürzen sich die kecken Vögel auf das wehrlose Tier, rupfen und picken ohne Unterlaß. Keins will zurückbleiben, und Jedes meint, etwas Besonderes vollbracht zu haben, wenn es gehörig losgefahren. Und wie bald war man über die Grenzen der harmlosen Stichelei hinaus!
Einmal -- ich erinnere mich noch sehr genau daran, -- bildete eine Skandalgeschichte in allen Salons das Tagesgespräch. Es waren nicht bloß „Klatschschwestern“, die sich daran beteiligten, -- im Gegenteil -- die Herren der Schöpfung nahmen womöglich noch regeren Anteil.
„Comtesse X von Herrn N. N. entführt.“ In Kürze war die Geschichte folgende: Das junge, ziemlich exaltierte Mädchen hatte die Bekanntschaft eines eleganten, geistreichen Causeurs gemacht und sich sterblich in ihn verliebt. Die Eltern wollten von der Sache nichts wissen, und eines schönen Tages war das Pärchen verschwunden. Man fand es nach längerem Suchen in einem Vorstadthôtel, und zum Überfluß stellte sich heraus, daß der Betreffende ein verheirateter Mann war, der Weib und Kind verlassen, aus Speculation auf das Vermögen der Kleinen.
„Unerhört. So ein Fratz! Sie hat sich in der guten Gesellschaft unmöglich gemacht. Man müßte ihr ja die Türe weisen.“
Wie da die Köpfe zusammengesteckt wurden, wie die Augen leuchteten und jeder Einzelne vor Begierde brannte, noch ein klein wenig mehr zu wissen, als die Andern, noch ein paar pikante Details hinzuzufügen.
Ich sah mich im Kreise um. War denn da Keiner, der ein Wort der Entschuldigung, des Mitleids fand, Keiner von denen, die als gute „Freunde“ im Hause der Gräfin verkehrten? -- Nein. -- Es war erbärmlich, ekelhaft feig. Wie konnten sie nur in ihrem Innern so schonungslos verdammen? Weshalb also schwiegen sie, weshalb wagten sie nicht, frei ihre Ansicht zu bekennen? Fühlten sie sich selbst so fleckenlos?
Mein Herz begann so heftig zu pochen, daß ich es bis in den Hals hinauf spürte, und die Fingerspitzen zuckten mir. Mit einer Festigkeit, die mir sonst nicht eigen war, trat ich auf Mama zu und sagte: „Gehen wir“.
„Nein, ich möchte noch bleiben.“
„Gut, so geh’ ich allein.“
Die Nebensitzenden waren aufmerksam geworden, und die Hausfrau lenkte begütigend ein: „Was haben Sie denn, liebes Kind? Freilich, die Klostererziehung! Da kommen Einem eben solche Dinge befremdend vor. Man muß sich an Manches erst gewöhnen; mir gieng es ebenso.“
„Ich werde mich an gewisse Dinge nie gewöhnen. Irren ist menschlich. Man kann bedauern, aber nicht verdammen. Wer kann wissen, ob er in genau denselben Verhältnissen nicht ebenso gehandelt hätte?“ Tiefes Schweigen. Aller Blicke waren auf mich gerichtet, teils mit Staunen, teils mit überlegener Ironie; ich ließ mich aber nicht beirren. „Wenn Sie einen Blutstropfen sehen, werden Sie ohnmächtig, -- daß aber hier ein Opfer unter Ihren Händen verblutet,“ .... Mama zog mich am Ärmel und murmelte ein paar entschuldigende Phrasen: „Sie ist so leicht erregt, aber sie meint es nicht so“. Zu Hause aber erklärte sie mir ohne Umschweife, daß sie einen weiteren Verkehr mit Dr. Vogler nicht mehr dulde. Sie wisse schon längst, daß er mir diese verrückten Ideen in den Kopf setze, und bedanke sich dafür, daß ich sie vor aller Welt lächerlich mache.
„Also Papas Freund willst Du die Türe weisen?“
„Ja, sonst erleb’ ich auch noch eine Geschichte, wie die Gräfin X. Du bist ja so schon ganz vernarrt in den kranken Menschen. Was denkst Du Dir denn eigentlich dabei? Will er Dich vielleicht heiraten, dieser Ritter von Habenichts?“
„Ich bitte Dich, laß es genug sein. Du könntest es bereuen. Du weißt, Steindorf steht mir jederzeit offen.“
Sie schien meinen Widerstand zu fürchten und versetzte ruhiger: „Es ist schrecklich mit Dir. Man wird doch noch seine Meinung sagen dürfen.“
„Solange es bloß meine Person betrifft, ja. Aber über Leute, die hochzuschätzen, die zu verehren ich allen Grund habe, lasse ich nun einmal nichts kommen.“
„Aber Deine Mutter kann doch Bedenken äußern, wenn es sich um so Wichtiges handelt. Dein Wohl liegt mir ja doch am Herzen“, und sie begann zu weinen.
„Aber ich bitte Dich.“ Ihre Tränen ließen mich kalt und ich fand kein versöhnendes Wort. Mit einemmale sollte ihr mein Glück am Herzen liegen! Weshalb war ihr das nicht früher eingefallen? -- Wie töricht handelt doch das Schicksal, wenn es mit den festesten Banden Solche verknüpft, die sich so weltfern sind!
Das Argument: „Weil es die Mutter ist“, genügte mir nicht. Ich habe überhaupt nie Menschen aus purem „Verwandtsschaftsgefühl“ geliebt, sie immer nur nach persönlichem Wert und Verdiensten taxiert. Daran, daß man dieselben Vorfahren besitzt, aus ein- und derselben Familie stammt, ist ja am Ende nichts so Anerkennenswertes.
Ich hatte mit Vincenz über diesen Punkt gesprochen, und er teilte meine Ansicht.
Daß die Eltern ihre Kinder lieben ist nur zu begreiflich: der natürlichste Egoismus. Daß sie das hilflose Würmlein hegen und pflegen, es mit allem Nötigen versehen, das begehrt die Stimme der Natur, die will, daß man sein Fleisch und Blut hochhält. Das ist eine kleine Abtragung der riesigen Verantwortung, die mit dem Augenblick beginnt, wo man einen Menschen in die Welt setzt. Die Tatsache, daß uns die Eltern das Leben gegeben, verpflichtet durchaus nicht zu Dank. Sie tun es ja doch nicht aus Liebe zu den Ungeborenen! Wie viele elende, erbärmliche Existenzen gibt es, die lieber nie das Licht des Tages geschaut hätten. Im Grunde genommen, stehen die Eltern, so seltsam es auch klingen mag, in der Schuld ihrer Kinder. Das eigentliche Verdienst beginnt erst, wenn im kleinen Geschöpfe das Denkvermögen, das bewußte Gefühlsleben erwacht. Dann heißt es den engen Ideenkreis erweitern, lehren, Interesse am Guten, Schönen wecken, aus dem Schatze der Erfahrungen mitteilen, raten, und erklären. Die Liebe soll ihre Wurzel weder in der Furcht, noch im bloßen Schicklichskeitsgefühl haben -- sie soll Bedürfnis sein, unwiderstehlicher Drang. Glücklich jene Eltern, die das begreifen -- sie ziehen sich Freunde heran.
Und was hatte meine Mutter getan? Meine Erziehung Andern überlassen, weil es so bequemer war. Nie das geringste Bestreben, mir etwas von den Dingen beizubringen, deren man im Leben so nötig bedarf. -- Das hätte sie aus ihrer Ruhe gebracht, folglich kam es gar nicht in Betracht. Sie selbst besaß weder Sinn noch Verständnis für die weltbewegenden Fragen, keine Interessen höherer Art, keine Ideale. Wenn ich bisweilen an solche Dinge rührte, versetzte sie mit erstaunlicher Offenheit: „Das ist fade, davon versteh’ ich nichts: es ist mir zu hoch.“ Und nicht genug daran, jetzt wollte sie mir auch den Einen rauben, der mich begriff. Ich trug übrigens den Sieg davon. Es blieb ihrerseits bei der Drohung und Vincenz kam nach wie vor. Doch unser schönes Verhältnis war getrübt -- die beständige Anwesenheit Mamas legte uns einen Zwang auf: wir fühlten uns beobachtet und die mißtrauischen Blicke einer Dritten wirkten wie ein eisiger Wasserstrahl.
Und warum das Alles? Die Zeiten ändern sich: die Liebe sinkt im Werte. Heutzutage gilt nur mehr das Geld. Er war eben „keine Partie“, mein Vincenz.
* * * * *
Der erste Ball! Freute ich mich darauf oder nicht, ich hätte es nicht zu sagen gewußt. Die Friseurin macht mir Complimente und der Spiegel auch. Das weiße Illusionkleid mit den Maiglöckchenguirlanden steht mir gut: ich kann mich sehen lassen.
Als ich aber den hellerleuchteten Ballsaal betrete, beschleicht mich solche Bangigkeit, daß ich am liebsten auf und davon möchte! Das Licht, die Edelsteine, das eigenartige Parfum, es hat eine betäubende Wirkung. Schöne Frauen, zarte Farben, berauschende Musik. Ich muß ans Feenmärchen denken, wo es plötzlich lebendig wird, wo im verwunschenen Garten die Blumen durcheinanderwandeln, singen und klingen.
„Also doch Cousine, ich dachte schon, Du hättest es Dir überlegt und kämest nicht mehr. Nun, wie gefällt es Dir?“ -- „~Oh pardon!~“ -- da er einer Dame auf die Schleppe getreten. Er blickte ihr nach: „Reizend.“
„Kennst Du sie, Robert?“
„Nur vom Hörensagen. Eine Ausländerin. Fabelhaft reich, soll Millionen haben, -- aber kühl bis ans Herz. -- Hier, erlaube, daß ich Dir meinen Kameraden, Grafen Scheuregg, vorstelle -- entschuldige, ich muß fort, ich bin für den Walzer engagiert.“
Mama gesellte sich zu einer Schaar bekannter Damen, und Roberts Freund gab mir den Arm. „Haben Sie heuer schon viel mitgemacht? Nein? Schade. Hatten ein paar sehr fesche Tanzereien.... Sechsschritt oder gewöhnlichen Walzer?“
„Ich weiß nicht.“ Ich hatte tatsächlich nie einen Schritt getanzt und keine blasse Ahnung von diesem oder jenem. Ich hatte mich darauf verlassen, daß ich es schon treffen würde, aber auf eine bestimmte Frage war ich nicht gefaßt. Dabei kam ich mir so ungeschickt vor: die Klosterschüchternheit erfaßte mich: ich hielt den Blick beharrlich gesenkt, tanzte elend und wünschte mich weit, weit weg. Ich glitt meinem Partner fortwährend aus dem Arm, und er hatte alle Mühe, mich festzuhalten. Der Atem gieng mir aus; ich brachte kein Wort hervor, als er mir eine Frage stellte, und hatte doch nicht Mut genug, ihn zu bitten, mich auf meinen Platz zu führen. Die Leute traten mir auf die Füße, und mir wurde schwindlig. Ich rastete ein wenig. Es kamen noch Andere. Jeder tanzte gewissenhaft seine Pflichttour ab, jeder sagte mir dieselben abgedroschenen Dinge in den Pausen. Man führte mich ans Büffet, gab mir Blumen, murmelte „allerliebst“. Und doch fühlte ich mich steinunglücklich; der Boden brannte mir unter den Füßen. Ich flüchtete in einen verlassenen Winkel und von mitleidigen Palmen halb verdeckt, stellte ich meine Betrachtungen an.
Mama wirbelte am Arm eines schwarzen Offiziers vorbei, strahlend, entzückt. Und all’ die Andern bewegten sich so frei und unbefangen. Sie lächelten, machten so fröhliche Gesichter, daß man meinen mußte, sie unterhielten sich. Wirklich? -- Daran also finden die Menschen Vergnügen? Nun denn, dann hatte ich eben mit der Menge nichts gemein. Nein, wahrlich, nach dem Lorbeer einer Ballkönigin dürstete mich nicht.
„Vincenz!“ Meine Gedanken flogen in das kleine Zimmer, das er mir beschrieben. Dort saß er am Schreibtisch, bis spät in die Nacht hinein in seine Bücher vertieft. Ab und zu wirft er wohl einen Blick auf mein Bild, auf die Braut, die niemals sein Weib wird. Er will es nicht: „Kranke Menschen handeln gewissenlos, wenn sie heiraten“. So werd’ ich verblühen, hinwelken, denn mein Gärtner pflückt mich nicht.
Die Kehle wird mir trocken, die Lider fallen mir schwer über die Augen; ich höre noch Roberts meckerndes Lachen, dann schlafe ich ein.
Ein leichter Schlag auf meine Schulter, und ich fahre aus meinen Träumen auf. Mama steht vor mir, glühend, noch erhitzt vom Tanz, und merkt nichts von meiner Verstimmung: „Es ist gut, daß Du Dich abkühlst; wir fahren bald.“ Als aber ein Offizier heranhüpft und mit unwiderstehlicher Miene bittet: „Nur noch eine Tour, Baronin“, läßt sie sich neuerdings entführen. Es folgte noch gar manche Tour. Der Morgen lugte bereits farblos durch die Bogenfenster, und das Orchester spielte träge -- als „Baronin Mutter“ ausgetanzt hatte.
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Ein dünnes, schwarzes Büchlein. Ich habe es in Papas Lade gefunden und an mich genommen. Jetzt begreife ich so Manches! Du armer Toter! Du hast meine Mutter geliebt: Du, hast Dein warmes Herz an einen Marmorfelsen gebettet, bis es erstarrt. Immer mehr entfremdete Dich das schale, oberflächliche Wesen Deiner Frau, und dann kehrtest Du zu Emilie zurück: dann hast Du bei der Toten gesucht, was Dir die Lebende versagt.