Part 7
Aber, -- wenn er plötzlich stürbe! Es war nicht unmöglich: er litt an einem Herzleiden -- wenn er -- ohne zu bereuen -- und bei diesem Gedanken erfüllte mich ein Weh, so peinigend, so tief, daß es mir einen Seufzer erpreßte: „Du lieber, barmherziger Gott, schenk’ ihm die Gesundheit, erhalte ihn am Leben. Dir empfehle ich auch seine Seele: Du, die Vollkommenheit selbst, der Du die Sünder liebst und die Gefallenen stützest, laß auch dieses Schäflein nicht zu Grunde gehen.“
Ja, ich wollte ihn bekehren und lebte nur mehr dieser Idee. Aber wie beginnen? Ein unvorsichtiger Schritt konnte das Ganze verderben. Und dann, würde ich den Mut besitzen, zu sprechen?
Nein, es war klüger, zu warten, bis sich eine geeignete Gelegenheit bot.
* * * * *
Ein erdrückend schwüler Nachmittag. Ich flüchtete in das nahe von Steindorf gelegene Wäldchen, in dessen Mitte, von Tannen umwölbt, eine kleine Kapelle steht. Kein Sonnenstrahl drang in dies Heiligtum: es war so kühl und still. Leise knisternd rieben sich die dunklen Zweige an dem Gitterwerk der Fenster, sonst kein Ton, kein Laut, als sei die Welt in weiter, weiter Ferne.
Ich war allein mit meinem Gotte und klagte ihm meine Not. „Hilf, rette, rette ihn.“ Ein Schrei, waren mir diese letzten Worte entfahren und ich hatte gar nicht bemerkt, daß in demselben Augenblicke Jemand die Kapelle betreten.
„Mimi.“ Beim Klang dieser Stimme fuhr ich zusammen. Die Hände auf das stürmisch pochende Herz gepreßt, frug ich kaum hörbar: „Weshalb sind Sie gekommen? Was wollen -- Sie -- hier?“
„Der Zufall führte mich her, vielleicht auch ein wenig Absicht. Sie schienen mir in letzter Zeit verändert, als ob Sie einen Kummer hätten. -- -- Und da suchen Sie Trost bei den steinernen Heiligen? Die sollen retten, helfen?“
Ich rang vergeblich nach Worten: die unausgesetzte Spannung meiner Nerven machte sich in lautem Schluchzen Luft. „Seien Sie nicht grausam, quälen Sie mich nicht“, stammelte ich flehend, „ich habe ja -- für Sie gebetet“.
„Für mich?“ Einen Moment blieb es still. Dann beugte er sich über mich und frug mit eigentümlich bewegter Stimme, während er meine Hand ergriff: „Sie wollten mich dem Teufel rauben. Ist’s nicht so? Ich gehöre also in die Hölle?“
„Wenn Sie nicht glauben.“
„Und Sie denken immerfort an diese düsteren Dinge, statt sich des schönen Lebens zu freuen?“
„Aber wir können ja jede Minute sterben.“
„Ah, Sie meinen mein Leiden! -- Es gibt Leute, die mit einem Herzfehler hundert Jahre alt werden.“
„Nein Sie dürfen nicht in die Hölle kommen“, versetzte ich in kindlicher Beharrlichkeit. „Und sterben auch nicht, noch lange nicht“, und neuerlich rannen mir die Tränen über die Wangen.
„Das täte also diesem kleinen Herzen weh? Liebe, gute Mimi.“ Und ehe ich es verhindern konnte, trocknete er mir mit seinem Taschentuch die Tränen. „Nein, ich will noch lange nicht sterben.“
„Und auch nicht in die Hölle kommen?“
„Aber wenn Sie im Himmel sind. Dort gibt es ja kein Leid und kein Bedauern. Sie würden mich wohl kaum vermissen.“ Er sagte das mit jenem leisen Anflug von Ironie, der ihm eigen war, wenn er von religiösen Dingen sprach.
„Es täte mir nicht leid? -- Aber wie“ -- -- hier unterbrach ich mich, denn es fiel mir ein, daß der Katechismus in der Tat jene Behauptung aufstellt.
„Merken Sie den Widerspruch?“
Doch schon hatte ich meine Festigkeit wiedergefunden. „Es gibt Dinge, die unser Geist nicht faßt. Wir dürfen nicht forschen.“
„Ja wenn man der Vernunft gebieten könnte, Winterschlaf zu halten!“
„Lästern Sie nicht. Es tut mir weh, Sie so sprechen zu hören.“ Und einem Instinkte folgend, löste ich das Goldkettchen mit der Marienmedaille von meinem Halse und reichte es ihm hin. „Bitte, tragen Sie es immer, ja?“
„Gewiß, Mimi“, versetzte er einfach und feierlich zugleich.
Ich hätte aufjubeln mögen. Der wichtigste, der erste Schritt war getan.
* * * * *
Von nun an trafen wir uns wie auf Verabredung fast täglich in Garten oder Wald. Das leise Rauschen in den Wipfeln, der Drosselsang, dieser ganze weiche, schmelzende Chor, der Duft von Harz und Kräutern, es sprach mir zum Gemüt, und mein Begleiter las in meiner Seele.
„Läge es nicht näher, hier seine Andacht zu halten, als in der kalten düsteren Kirche? Können Sie sich einen schöneren Tempel denken, als den grünen Wald? Blicken Sie um sich -- Alles so einfach und doch so genial dabei. Keine gekünstelten Effekte, keine unwahren Schattierungen. Ein Bild, von einer kühnen Meisterhand geschaffen. Da ist alles so klar, jeder Strich berechtigt, keine unentwirrbaren Hieroglyphen.“
„Sie spielen auf die Dogmen an.“
„Vielleicht.“
„Nennen Sie mir eines, das Ihnen unwahrscheinlich vorkommt.“ Ich hatte mich im Voraus mit schlagenden Erwiderungen, unanfechtbaren Beweisen gewappnet und konnte es kaum erwarten, ihm zu imponieren.
„Nehmen wir die Dreifaltigkeit zum Beispiel.“
„Das begriff ich auch erst, als Mère Walter es uns durch ein Gleichnis erklärte. Eine Kerze. Die ist ein einheitliches Ganzes, besitzt aber Form, Licht und Wärme, gewissermaßen Eigenschaften, eine, Folge der anderen.“
„Pardon, aber der Vergleich hinkt arg. Die Form besteht, auch ohne Licht -- die drei Personen sollen aber unzertrennlich sein, keine älter als die andere. Und nach Mère Walters Auslegung hätte man sie als Großvater, Vater und Enkel zu betrachten.“ Und da er meine Verlegenheit gewahrte. „Suchen wir irgend einen anderen beliebigen Glaubenssatz. Die Unfehlbarkeit des Papstes.“
„Ja. Daran zweifeln Sie auch?“
„Einen Menschen, der nicht dem Irrtum unterworfen ist, gibt es nicht. Christus selbst hatte Momente des Zweifels, der Entmutigung. -- Kennen Sie denn die Geschichte der Päpste? -- Nein, das dacht’ ich mir. Im Kloster, da zeigt man Ihnen den ganzen kirchlichen Apparat, mit Allem was drum und dran ist, nur von der schönsten Seite. Nicht wahr, man hat Ihnen erzählt, daß die Päpste durchwegs höchst ehrenwerte, tugendhafte Persönlichkeiten waren? Lesen Sie einmal eine unparteiische Schilderung und Sie werden sich vom Gegenteil überzeugen. Hoffahrt, Mißgunst und andere Leidenschaften der niedersten Sorte, sie waren vielen dieser Oberhäupter nur zu wohl bekannt.“
„Sie sind ja auch nicht als „Mensch“ unfehlbar, sondern nur, wenn sie eine Lehre ~ex catedra~ verkünden.“
„Wenn sie also heute verkünden, es sei Todsünde, der Kirche die Hälfte seiner Einkünfte zu verweigern?“
„Dann ist es so. Übrigens können sie nie etwas Unrechtes verlangen, da sie der heilige Geist erleuchtet.“
„Aha, und früher haben sie geirrt. Um die Autorität an sich zu reißen, haben sie den heiligen Geist ins Treffen geführt. Sehr klug, sehr schlau erdacht und Sie heißt man das nachreden wie die Papageien. Es ist empörend, wie man Sie als willenloses Werkzeug benützt, Ihre Phantasie mit dem verworrensten unsinnigsten Zeug anfüllt. Sie selber können nichts dafür. Es ist vielleicht sogar Unrecht von mir,“ fügte er milder hinzu, „daß ich den Zwiespalt in Ihre Seele trage -- aber dann handle ich auch schlecht, wenn ich dem Blinden das Augenlicht wiedergebe. Wie viel Schönes, wie viel Beglückendes entgeht Ihnen -- es ist jammerschade. Da liegen die Schätze aufgespeichert und Sie dürfen nicht zugreifen, weil es Sünde ist. Armes Kind.“ Und da er mein betrübtes Gesicht sah: „Ich wollte Sie nicht kränken; aber wenn ich so bedenke, was bei richtiger Behandlung aus Ihnen werden könnte, -- -- -- sagen Sie, Mimi, Sie haben doch die Überzeugung, daß ich es gut mit Ihnen meine?“
Da, ich weiß nicht wie es kam, hab’ ich seine Hand genommen und mit den Lippen berührt.
„Aber Mimi.“ Er sprach es mit großen staunenden Augen. Sie waren wundervoll, diese Augen, leuchtend und braun.
* * * * *
„Weißt Du auch, Bäschen, daß Du mich furchtbar schlecht behandelst?“ fragte mein Vetter Robert entmutigt. „Kaum, daß man Dich alle heiligen Zeiten einmal zu Gesicht bekommt und da bist Du auch schon wieder unter irgend einem nichtigen Vorwand verschwunden. Aber wart nur, jetzt laß’ ich Dich nicht so bald wieder los. Da schau’, ich halte Dich“ und er zupfte mich neckisch am Zopf. Soll ich Dir mein neuestes Gedicht declamieren?“ Und ohne meine Antwort abzuwarten. „An Mimi“ heißt es.
„Von was soll ich denn singen, Mir ist so weh ums Herz, Dem Lenz kann ich nur bringen, Ein Lied von Lieb und Schmerz. Wohl viele Sänger sangen, Im Frühling ist ’s gut lieben, Und Herzen, die nie hangen, Im Mai doch hängen blieben. Und wenn der Liebe Wunde, Nicht deckt mehr weißer Schnee, In sonn’ger Lenzesstunde, Da tut sie doppelt weh. Zu Dir möcht’ ich dann eilen, Du Lenzeskönigin Und immer bei Dir weilen, Nie mehr von dannen zieh’n.“
Ich sah von weitem Doktor Vogler und meine Blicke folgten seiner Gestalt.
„Nun?“ Robert fühlte sich offenbar beleidigt, da ich kein Wort der Anerkennung sagte.
„Ah so, ich hatte den Schluß überhört. Verzeih Robert, jetzt muß ich fort, ich habe dringend mit Doktor Vogler zu sprechen,“ und ich eilte davon. Schon erwachte etwas von der weiblichen Coketterie in mir. Das Mädchen, das sich begehrt weiß, ohne die Neigung zu erwidern, gleicht bisweilen der Katze, die mit der Maus Ball spielt und sich an der Qual ihres Opfers weidet. Ich sah nur noch Robert’s wutverzerrtes Gesicht und hörte ihn spöttisch rufen: „Ah so, das ist’s -- ich gratuliere.“
Die Mittagsonne brannte und wir bogen in den Buchengang ein, der sich einer Kuppel gleich zu unsern Häuptern wölbte. Vor einem Beete roter Nelken blieben wir stehen. Es ging eine Glut, ein Leuchten von diesen Blumen aus, die mich fascinierten. Satte, schwüle Farben, üppige, reife Schönheit. Ich bückte mich und pflückte eine, die ich wie spielend durch die Finger gleiten ließ.
Er sah mich lächelnd an: „So teilen Sie auch meine Vorliebe für diese Blumen? Mir scheinen sie eine Verkörperung von Lebenslust, von Frohsinn und Genuß. Wer ihre Sprache versteht! -- -- Ja, Mimi, glauben Sie mir, es erwartet Sie noch viel, unendlich viel Schönes -- da draußen im Leben. Wie alt sind sie eigentlich. Vierzehn Jahre?“
„Schon vorüber.“
„O in diesem Alter gibt man gerne zu: später möchte man abziehen. -- Dort, sehen Sie, die melancholische, carrierte Gestalt? Macht Ihnen Ihr Vetter sehr den Hof?“
„Aber!“ Bei dieser unerwarteten Frage schoß mir das Blut siedendheiß in die Wangen. Ich wäre am liebsten auf- und davon gelaufen, und zerzupfte in nervöser Hast die Nelke.
„Was kann denn die arme Blume dafür?“ Er bog den Rand meines Hutes etwas auf und sah mir forschend ins Gesicht: „Und Sie, ahnen Sie, was Liebe ist?“
Ich schwieg, aber in meinen Augen las er die Antwort. Er trat einen Schritt zurück, und frug dann mit unendlich weicher Stimme: „Wirklich, Mimi?“
„Ja.“
Sonnenfunken zitterten in den Zweigen und eine Lerche schwang sich in die Luft, dem Herrn der Welt die Botschaft zu verkünden, daß sich seinem uralten Gesetze zufolge zwei Menschenkinder in Liebe gefunden.
Der erste Kuß! -- Noch in späten Jahren verklären sich die Züge der Greisin in sanfter Wehmut, wenn sie der Vergangenheit gedenkt. Ein seliges Vergessen, ein Traum, ein Rausch, eine Wonne ohne gleichen. Der Himmel lacht, die Engel weinen Freudenthränen.
Ja, war’s denn möglich? Ich blickte scheu zu ihm empor, die Hände auf die Brust gepreßt, wie um es festzuhalten, das große, große Glück.
* * * * *
„Ob es wohl Sünde war?“ Diese Idee verfolgte mich unablässig. Bei Tag trieb sie mich hinaus aus dem Zimmer, fort, fort ins Freie. Ich meinte zu ersticken. Stundenlang irrte ich im Wald herum, rastlos, ziellos. Des Nachts setzte sich das Quälgeistchen an meine Seite und gab mir keine Ruhe. Es kicherte, zog mich bei der Decke, daß ich mir nicht zu helfen wußte.
Tante Laura merkte, daß etwas Ungewöhnliches mit mir vorgehe: „Mimi, hab’ Vertrauen zu mir.“ Und wie ich in dies abgehärmte, ergebene Gesicht blickte, da schüttete ich ihr mein Herz aus, gerade so wie damals, als ich noch ein kleines Mädchen war.
„Sünde ist die Liebe niemals“, versicherte sie mir ernst. „Um in Deinem Sinne, in Deiner Sprache zu reden, Gott selber hat diesen Trieb, die Sehnsucht nach einem zweiten Wesen in unser Herz gelegt und es wäre unnatürlich, wenn er sich nicht früher oder später äußerte. „Heimlichtuerei“ meinst Du? Deine Fragen sind oft schwer zu beantworten. Der Zauber der Poesie liegt gar häufig im Verborgenen, im Geheimnis. -- -- Übrigens so eine erste Neigung lebt oft nicht länger wie eine Eintagsfliege“, und da ich eine protestierende Geberde machte: „Wozu sich über Dinge den Kopf zerbrechen, die zu keinem Resultate führen. In einigen Jahren reden wir darüber, ja? Bis dahin kann sich Manches geändert haben.“
„Also Sünde ist es nicht?“
„Nein, nein. Aber wenn ich Dir einen guten Rat geben soll, trachte Dir Vincenz aus dem Kopf zu schlagen. In denke, mit etwas gutem Willen wird es gehen, jetzt leichter wie später. Eine im Keim erstickte Neigung gleicht einer leichten Operation, während, wenn sie Wurzel faßt, das geht oft tief. Du stehst mir ja nahe, Mimi, und ich möchte Dich vor trüben Erfahrungen bewahren. Besser die Wunde blutet tüchtig, als die Narbe heilt nie. -- Übrigens, es ist ein wohlgemeinter Rat.“
„Ach Tante, ich hab’ ihn so lieb. Ich will ja nichts Anderes, als daß es immer so bleibt.“
Wenn er mich mit bebendem Arm umschlang, dann lehnte ich beseligt den Kopf an seine Schulter. Ich hörte das ungestüme Pochen unserer Herzen und ein heißer Strom, durchrieselte es meine Adern. Und doch, ich hätte nicht vermocht, den eigentümlichen Zauber zu definieren, den er auf mich ausübte. Lag es in seinem Blick, seiner Stimme, der nonchalanten Art seiner Bewegungen? Alles im Verein vielleicht; selbst das etwas herbe Parfum, das seinem Taschentuch entströmte, der Schnitt seiner Anzüge, die eleganten Hände.
Und er sollte dem Bösen verfallen sein? Mehr denn je beseelte mich der Wunsch, ihn zu befreien. Doch hatten wir die Rolle bei unseren Diskussionen vertauscht. Er sprach mehr, ich immer weniger; er war zu höflich um direkt zu widersprechen, aber er zwang mich zu denken und da zerfiel unmerklich mein Kartenhaus. Es hatte auf zu lockerer Basis gestanden: der erste Sturm fegte es spielend hinweg. Noch gestand ich mir’s nicht ein, doch ich fühlte das Herannahen der Katastrophe. Unaufhörlich nagte der Wurm des Zweifels an meinem Innern: die so lange zurückgedrängte Vernunft war erwacht und machte ihre Rechte geltend. -- Wie eine Ertrinkende rang ich mit den Wellen: es war ein ohnmächtiger Kampf mit dunklen Gewalten. In meiner Verzweiflung rief ich die Heiligen zu Hilfe, doch sie erhörten mich nicht. Und wie, wenn Vincenz Recht hätte, wenn ich bis dahin in finsterer Nacht gewandelt war, in ein Lügennetz verstrickt und erst jetzt der Erlösung entgegengieng, der Erlösung durch die Wahrheit? -- -- -- Und wenn ich lange meinen Kopf angestrengt, breiteten sich dichte Nebel vor mein Auge und eine Müdigkeit überkam mich, wie ich sie bis jetzt nicht gekannt.
* * * * *
Es war ein heißes, blutiges Ringen gewesen um den Glauben, ein Ringen auf Leben und Tod -- und ich unterlag. Monat um Monat war vergangen und der Tag gekommen, an dem ich das Kloster verließ.
O, endlich, endlich frei! Du junges Morgenrot, Du große schöne Welt, jetzt seid ihr mein! Wie eine Zentnerlast fiel es mir vom Herzen; vorbei die Zeit der Verstellung und der Heuchelei. Wie schwer war es mir oft geworden, mich zu beherrschen, nicht mitten in der Predigt aufzuspringen und zu rufen: „So glaubt doch nicht, es ist nicht wahr!“
Die Flut war hoch gegangen und hatte anfänglich mit ihrem Toben und Brausen alles Andere übertönt: jetzt trat die Ebbe ein und ich fand kostbare Perlen am Meeresstrand. Sie schillerten und strahlten in den schönsten Farben und ihr Besitz beglückte mich. Ich hütete meinen Schatz, verbarg ihn sorgfältig vor aller Augen, sagte nicht einmal Vincenz davon. Doch er erriet mein Geheimnis mit dem Blick der Liebe, die auf dem Grunde der Seele zu lesen versteht. Mit der neuen Erkenntnis kam tiefe Ruhe und Zufriedenheit über mich: sie spiegelten sich in meinem Gesichte, in meinem ganzen Wesen wieder. -- Ich fürchtete keinen zürnenden, rächenden Gott: ich wollte gut sein, nicht des Lohnes halber, sondern aus Freude daran und ich betrachtete die ganze Welt in neuem Lichte. Ich wandelte nicht mehr auf steinigem, zerklüftetem Wege, nein vor mir lagen sie, die verlockenden, sonndurchglückten Blumenpfade. Das Labyrinth, in dem ich mich zu verirren gedroht, war vom Erdboden verschwunden und es schien mir unfaßlich, daß ich der plumpen Falle so spät entkommen war.
Himmel und Hölle! Daran hatte ich geglaubt. Spuckgeschichten, Ammenmärchen. Und all das Andere!
„Mimi Steindorf“, ich sagte mir mit einer gewissen Ironie, „nicht mehr Mittelpunkt des Weltalls, um den sich Alles dreht; nur ein verschwindend kleiner Teil des Ganzen, und doch niemals „Nichts.“ Du verlierst das individuelle Bewußtsein, aber verschwinden kannst Du nicht. Was in Dir den geistigen Menschen, Dein höheres Ich ausmacht, nenn’ es Seele, wenn Du willst, aber denk’ Dir darunter kein Schemen, das beim letzten Atemzug vor Gottes Richterstuhl fährt und den Körper erst am jüngsten Tage wieder bezieht. Heiße es „Kraft“ und versuche nicht, den Stoff, die Materie davon zu trennen -- es wäre sinnloses Vorgehen; denn eins bedingt das andere. Im Grunde genommen, bist Du nichts anderes als eine Uhr. Ein zu heftiger Druck, ein Stäubchen, das zufällig ins Gehäuse geraten: die Feder ist abgedreht, die Uhr bleibt stehen, ohne daß sie deshalb aufhört, zu sein. Man kann sie in ihre einzelnen Bestandteile zerlegen, sie auf ihre ursprünglichen Stoffe zurückführen: die Form erleidet eine Veränderung, die einzelnen Teilchen aber können nicht vernichtet werden.
„Findest Du dieses Gedicht nicht schön, Mimi? Der jüngere Dumas hat Recht. So will ich’s auch einmal“, und Vincenz las mir vor:
„~Je ne veux pas, quand je mourrai, Que l’on me mette au cimetière. Au milieu d’un champ labouré Sous un sillon, que l’on m’enterre! Vivant, je n’aurai su rien faire, Mais je m’en irai consolé Si mort, je puis rendre à la terre De quoi produire un grain de blé.~“
Nein, keine Pilgerfahrt durch das Thal der Tränen, ein dauerndes Sein. Das mußte zu edlen Taten aneifern, bewirken, daß wir uns heimisch fühlen hieniden; das mußte das Bewußtsein der Verwandtschaft mit der ganzen Natur, einer engen Zusammengehörigkeit erzeugen, stark genug, die düsteren Schreckensbilder auf immer zu verscheuchen.
* * * * *
Der Winter hatte seinen Einzug gehalten. Ein eisiger Wind wehte: er seufzte und stöhnte, wie ein Geist, der keine Ruhe findet. Unaufhörlich wirbelten die weißen Flocken nieder, regelmäßig, nimmermüde. Und ringsumher, so weit das Auge reichte, eine hohe Schneedecke. Ab und zu lugte die Sonne hinter Wolken hervor, und dann funkelte es auf Baum und Strauch, als hätte eine verschwenderische Hand Millionen Diamanten ausgesäet. Krächzende Raben flogen auf und umkreisten unsern Schlitten. Die rauhe Luft versengte mir Wangen und Finger. Ich hüllte mich fester in die Pelzdecke und lauschte der lustigen Schellenmusik. -- So ein Winter auf dem Lande, das mußte herrlich sein ... Schade, daß es nur ein kurzer Besuch war.
Im gemütlichen Billardzimmer saßen Großmama und Hannerl am Kamin und banden schwarze Schleifen an die Wachskerzen der Kapelle, für die Allerseelenmesse.
Nächtlicherweile wandte sich der Wind und tagsdarauf trat Tauwetter ein. Papa holte mich zu einem Spaziergang ab, und wir giengen durch den Wald. Es war fast lau, und von den Bäumen rieselte es im Takte nieder.
„Eine ungesunde Temperatur; um diese Zeit gibt es die meisten Krankheiten“, bemerkte Papa. „Eine abscheuliche Sache, das Kranksein.“
Wir waren auf dem Friedhof angelangt. Wie seltsam dieser Garten mitten im Winter! An den Frühling mußt’ ich denken, wenn der Flieder blüht und Leuchtkäfer schwirren. -- -- Das ganze Dorf war hergepilgert, um seinen Toten ein inniges Gebet zu weihen, eine stille Träne nachzuweinen. Kränze, Perlenkronen, Lichter um jedes Kreuz. --
Ganz abseits aber, hart an der Mauer, lag ein verwahrlostes Grab, ohne Inschrift, ohne Blumenspende. Ich äußerte mein Befremden darüber.
„Es ist ein Jägerjung, der einen Selbstmord begangen und darum kein Anrecht auf geweihte Erde hat“, erklärte mir Papa.
„Sich umgebracht. Der Arme! Da muß er wohl recht unglücklich gewesen sein?“
„Die Leute sagen so -- eine Liebesgeschichte.“
Es war zum erstenmale, daß Papa dieses Wort vor mir ausgesprochen: bisher hatte er es fast ängstlich vermieden. Ich blickte ihn unwillkürlich an. Er brach ein Tannenreis ab und legte es in sein Notizbuch. Ein weicher, gütiger Ausdruck lag auf seinem Gesicht -- er wandte sich nochmals um -- dann traten wir den Heimweg an.
„Mimi.“
„Ja, Papa.“
Er schob seinen Arm unter den meinen. „Du bist doch jetzt ein großes verständiges Mädchen, mit dem man über ernste Dinge reden kann?“ In seinem Ton lag etwas, das mir wehe tat. „Es ist nur für alle Fälle, erschrick nicht,“ fügte er beschwichtigend hinzu. „Wenn mir nämlich etwas zustoßen sollte --“
„Nein, nein, sprich nicht davon,“ fiel ich ihm ins Wort und Tränen traten mir in die Augen. Da er so vertrauensvoll, fast zaghaft zu mir redete, erwachte zum erstenmale die Kindesliebe in mir. Ich wollte ihn verteidigen, schützen gegen den Sensenmann.
„Sei gescheit, Mimi. Einmal wird es ja doch sein, das bleibt Keinem erspart, und da ist’s immer besser, so lange es noch Zeit ist. -- -- Du weißt, daß ich nicht reich bin -- -- aber ich hinterlasse Dir doch genügend, um eine angenehme, sorgenfreie Existenz zu führen. Du bist auf Niemandes Gnade angewiesen und brauchst keinem Menschen zur Last zu fallen. -- -- Ich habe für Dich gespart, wenn Du Dich auch innerlich darüber aufhieltest. -- -- -- Und wenn Du einmal Einen vom Herzen gern hast und er ein braver, ehrenhafter Mensch ist -- nimm ihn. Sieh nicht nach Geld aus -- wenn er einen Beruf hat und genügend zu leben, dann heiratet Euch.“
„Papa.“ Ich drückte seinen Arm. Einen Moment kam mir die Idee, daß er an Vincenz dachte, doch ich wagte nicht zu fragen. -- „Ja, dann heiratet Euch und wenn er einen andern Glauben hätte, dann -- -- trachte ihn der heiligen Kirche zu gewinnen. -- -- -- Ich habe -- -- früher einmal die Andersgläubigen gehaßt -- -- es war schweres Unrecht -- und ich bereue es.“ Er seufzte tief. „Ja, die Verblendung.“ Dann fuhr er fort: „Falls Deine Mutter ein zweitesmal wählt, leg’ ihr kein Hindernis in den Weg. Sie ist ja am Ende noch jung und ich glaube nicht, daß sie ihr Anrecht auf Lebensglück verleugnen wird.“ Er hielt inne und fügte dann zögernd hinzu: „Ich möchte ohne Prunk, in aller Stille zu Sahning begraben werden. Ich erwähne es übrigens noch ausdrücklich in meinem Testament. Dort in der Gruft werd’ ich mich heimisch fühlen. Es schläft schon lange Jemand dort -- -- es hat nicht sollen sein.“