Part 10
Fort sauste der Zug durch die schweigende, laue Nacht. Vorbei gieng es an alten grauen Bergriesen, deren Häupter gespenstig zum Himmel ragten. Und ich gedachte der Fahrten nach Steindorf und zurück ins Kloster, der letzten, namentlich mit Papa. Die Tränen, der närrische Kinderschmerz -- o wie gern hätt’ ich das Alles nochmals durchgemacht: wie schien es mir beneidenswert gegen diese Fahrt. Was wußt’ ich damals vom Leid und Ernst des Lebens: was waren alle meine kleinen Sorgen im Vergleich zu dem, was ich jetzt empfand.
Das Bewußtsein, daß er litt, er der Beste, Edelste war mir unerträglich. Lieber, tausendmal lieber wollte +ich+ krank sein. -- -- Ich bemühte mich etwas zu finden, das ihn mir weniger liebenswert erscheinen ließe. Umsonst. Nie, nie hatte er mir auch nur ein einziges unfreundliches Wort gesagt, mich niemals wissentlich gekränkt. Ich war fest überzeugt, daß er überhaupt nicht fähig war, irgend Jemand weh zu tun. Und er, der Gute, er. -- --
„Tante.“ Ich rüttelte sie aus dem Schlaf. „Er darf nicht sterben, er darf nicht.“
Sie trachtete mich zu beruhigen und das Rollen der Räder, dieser gleichmäßige Lärm lullte mich in einen bleiernen Schlaf, aus dem ich erst erwachte, als greller Sonnenschein durch die Coupéfenster drang.
Ich wußte mich nicht gleich zu orientieren. Was war geschehen und wohin wollte ich? Ach ja, ich entsann mich. Von neuem trat mir die ganze unerbittterliche Tragik meines Geschicks vor Augen und ich wünschte, ich wäre nie erwacht.
Auf dem Perron eilten die Leute durcheinander, meist elegante Damen, die eine Vergnügungsreise machten. Sie lachten so lustig -- wie konnte man nur lachen?
Heiterer Himmel, jubelnde Vögel, fröhliche Menschen, das Alles vermocht’ ich nicht zu fassen. Es lag ja ein schwarzes Tuch über die Erde gebreitet -- und über ein frisches Grab. -- Darin ruhten die Wünsche, die armen Träume meiner 18 Jahre.
* * * * *
Über das, was folgte, besitze ich keine Aufzeichnungen. Ich hätte meine Feder ins Herzblut tauchen müssen, denn es gibt Empfindungen, die sich nicht in Worte fassen lassen, Dinge die wiederzugeben, keine Sprache der Welt fähig ist. Ein unbeschriebenes Blatt sagt oft mehr, als wäre es bis an den Rand mit Buchstaben angefüllt.
Heute wo ich überwunden, will ich das Versäumte nachholen.
„Du mein ärmstes Mädchen, ich mach’ Dir solchen Kummer!“ Mit diesen Worten begrüßte er mich. Sie hatten seinen Stuhl nahe ans Fenster gerückt, an das dunkle Schlingrosen die vollen, duftschweren Häupter lehnten. Ein sanftes Lüftchen kam vom See herauf und trieb sein Spiel mit meinem Haar.
„Weißt Du noch Mimi, wie ich Dir die Verse Victor Hugos zum erstenmale sagte? Willst Du sie nochmals hören?“
„Ja, Vincenz.“
„~Les rayons du soleil vous baisent trop souvent, Vos cheveux souffrent trop les caresses du vent~“ --
„Ja, ich war eifersüchtig damals, ich wollte nichts hergeben von dem -- -- das -- -- und jetzt muß ich es doch lassen.“
„Vincenz sprich nicht so. Du wirst ja bald ganz gesund sein.“ Er las den Zweifel in meiner Seele. „Nein, geben wir uns keiner Täuschung hin -- seien wir wahr, wahr bis zum Schluß.“
Da legte es sich mir wie ein eiserner Reif um die Brust, immer enger, immer fester, bald eisig kalt, bald glühend heiß. Ihn so reden zu hören! Und er fuhr fort:
„Wir haben uns geliebt wie Wenige, und wenn ich jetzt fort muß, so nehme ich nur schöne Erinnerungen mit. Vielleicht ist’s besser so. Ein warmer Sommertag -- ein voller Akkord, ohne falsche Note ohne Dissonanz. Sieh’, wie die Sonne untergeht!“ Es war ein großartiges Schauspiel, und in dieser Minute wirkte es überwältigend auf mich.
Im fernen Westen taucht die Tagesherrin ihr glühendes Antlitz in die kühle Flut, und der Horizont färbt sich im weiten Umkreis purpurn. Goldige Strahlen breiten sich netzartig über die Wasserfläche, bald ruhig gleitend, bald dahin tanzend wie tausend und abertausend Kobolde. Die den See umrahmenden Felsblöcke scheinen mit einemmal belebt; rötliche und lila Reflexe huschen dahin: es ist, als ob sich ein Regen von Veilchen und Flieder über die starre graue Masse ergösse: jeder Stein, jedes Sandkörnchen scheint in diesen warmen Farbentönen gebadet, und die fernen, schneeigen Gipfel haben den zarten Schimmer des Amethyst.
Kein Mißton, kein schrilles Geräusch. -- Eine Weihe liegt auf all’ dem -- -- -- wie eine Ahnung der Unendlichkeit.
Unsere Blicke tauchten ineinander und Vincenz legte mir seine Hand aufs Haar. „Es ist nichts Schreckliches ums Sterben -- es ist nur -- so traurig -- besonders für die Zurückbleibenden. -- -- Ich habe den großen Trost, daß ich meine Pflicht erfüllte, indem ich Dich der Wahrheit gewann. Kopf hoch, mein Mädchen; immer mutig vorwärts, unentwegt nach dem Rechten gestrebt.
Du bist noch sehr jung, und die Versuchung kann unter mancherlei Gestalt an Dich herantreten. Sei nicht zu vertrauensselig -- nicht Alle wissen solches Entgegenkommen zu schätzen. Wenn Du eines Rates bedarfst, so wende Dich an Tante Laura. Da bist Du in guten Händen.“
So ermahnte er mich, die Verzweifelte, die schluchzend vor ihm kniete.
„Mach’ mir’s nicht zu schwer“, und dabei schimmerte es feucht in seinen Augen. „Mimi -- und nun -- laß uns Abschied nehmen. Du warst mein Sonnenstrahl -- mein Alles.“ Ich wollte ihn umfangen -- doch ein Krampf durchfuhr ihn und verzerrte seine Züge. Er rang mühsam nach Atem -- dann sahen mich die braunen Augen nochmals an -- zum letztenmale, voll unendlicher Liebe. „Hab’ Dank“ hauchte er matt. Er saß ruhig da -- und doch fühlte ich, daß er mir genommen war.
* * * * *
Silberner Mondenschein. Flüstern der Wellen, berückender Rosenduft. Im nahen Busch klagt die Nachtigall.
„Wie ein welkes Blatt vom Baume fällt, Geht ein Leben aus der Welt. Die Vögel singen weiter.“
Ich eilte in den Garten, pflückte ganze Garben roter Nelken und als meine Hände die Menge nicht mehr zu fassen vermochten, tat ich sie in mein Kleid: ich pflückte sie alle, die ich fand, und streute sie ihm zu Füßen, daß es sich vor ihm auftürmte, wie ein glühendroter Berg.
Dann stand ich am Seeufer. Der war so blau und tief. Wer das Vergessen suchte! -- -- Mir war, als riefen mich geheime Stimmen. -- „Ja, Ihr sollt nicht vergeblich rufen -- ich komme.“ Schon hob ich die Arme, schon stand ich im Begriff, den tötlichen Sprung zu tun -- da hielt mich eine Stimme, eine menschliche Stimme zurück. „Denk’ an ihn -- keine Feigheit -- sei ein ganzer, starker Mensch.“
Tante Laura hüllte mich in ihren Shawl und ich ließ mich willenlos ins Haus führen.
„Sag’ mir Tante, klingt es nicht wie Hohn -- oder ist es eine Fabel? „Sommer, Jugend -- Glück!““
Dritter Abschnitt.
Mein erster wilder Schmerz war einer stillen Wehmut gewichen. Kein Grauen, keine Furcht, wie damals bei Papa’s Tode mengte sich in das Andenken des geliebten Verlorenen. Ich hatte seine Möbel in mein Zimmer bringen lassen und vertiefte mich oft stundenlang in den Anblick der Dinge, die ihn einstmals umgaben.
Ich konnte mich noch immer nicht entschließen, meine früheren Beschäftigungen aufzunehmen: es kam mir Alles so reizlos, so überflüssig vor. Wozu denn auch? Für wen?
Da, eines Tages erwachte ich aus meiner Apathie. Die Tante sang -- zum erstenmale wieder seit langer Zeit. Sie besaß keine besonders starke, aber eine gutgeschulte, ungemein sympatische Stimme. Voll und ernst schwebten die Töne durch den einsamen Raum -- es war das vielgeschmähte und doch so schöne „Behüt’ Dich Gott.“ Ich fühlte, daß sie ihre Seele hineinlegte in das Lied, denn es klang daraus wie klagender Verzicht, ergebungsvolle Trauer. Und meine Gleichgültigkeit schwand, um einem, noch undeutlichem Verlangen Platz zu machen, zu arbeiten, zu leisten.
Als sie geendet, saß sie eine Weile gedankenversunken vor dem Instrument. Es lag eine Weihe in diesem Schweigen. Dann sagte sie wie für sich: „Die Musik, wie Vieles dank’ ich ihr! Sie weckt das Schöne, Edle in uns, sie tröstet, verleiht uns Tatkraft, -- vermehrt unsere Zuversicht -- sie,“
„Nicht wahr Tante, gerade in diesem Moment hab’ ich Ähnliches empfunden. -- Tatkraft -- ich glaube, das ist es. Ich möchte auch anfangen, wie soll ich nur sagen, etwas unternehmen,“
„Ich verstehe, was Du meinst. Komm’, gehen wir in den Garten; dort spricht sich’s besser.“
„Gehen wir“, und ich schob meinen Arm in den ihren.
„Weißt Du Mimi“, begann sie nun, „daß ich diesen Augenblick mit einer gewissen Ungeduld erwartet habe? -- -- Ich sah, wie Du Dich in aufreibenden Träumereien ergiengst, und fand es doch grausam, Dich gewaltsam wachzurütteln. Aber jetzt, da Du den Anfang machst, wollen wir uns ruhig besprechen. Mir war ja einmal gerade so zu Mut wie Dir, -- vielleicht noch schlimmer. Auch ich klagte innerlich über die Nutzlosigkeit des Daseins, bis ich begriff, daß es keinen schöneren Zweck gibt, als immerfort zu handeln in den Intentionen eines geliebten Toten. -- „Ein ganzer Mensch, der geradaus geht, immer dem Rechten nach, ohne nach rechts und links zu sehen,“ das war ja sein Vermächtnis. -- Was hindert Dich, die Erbschaft anzutreten?“
„Tante, ich danke Dir.“ Dem was nur ~vague~ und verschwommen mein Inneres erfüllt, hatte sie Ausdruck verliehen, und wie mit einem Zauberschlag den Bann gebrochen. Und die Beiden, die nun schon lang geschwiegen, Willenskraft und Pflichtgefühl, erwachten in erneuter Stärke. „Du mußt mir helfen, Tante. Ich will trachten, Dir’s nicht schwer zu machen.“
Wir waren in eine Seitenallee eingebogen, und machten dort Halt, wo von blühendem Buschwerk halb verdeckt, ein weißes Marmordenkmal stand. Hier ruhte die Urne mit seiner Asche. Leise drang das Schluchzen der Nachtigall zu uns herüber, und die Nelken, die roten Nelken, die den kalten Stein umgaben, glühten in stillem Feuer.
Ich blickte auf zum blauen Himmel -- dort funkelte es goldig. Und diese Myriaden Welten ziehen ruhig und unbekümmert ihrer Wege. Heute strahlen sie im hellsten Licht, und morgen schon vielleicht sind sie zersplittert, zertrümmert in Atome.
Leuchtend taucht der Mond hinter den Buchenwänden auf und wirft seinen magischen Schimmer auf die weißen Steinfiguren in den Nischen. Ein weiches Lüftchen umweht uns, und um die duftenden Betunienbeete schwirren lüsterne Nachtfalter, summend, surrend.
Mir ward mit einemmal so wohl und leicht um’s Herz, als gäb’ es keine Trennung.
„Versprich ihm Mimi, daß Du Deinen Vorsatz halten willst. Schließ ab mit dem Alten: mach’ einen Strich darunter, wie nach einem fertigen Capitel. Dann soll morgen ein neuer, und wir wollen hoffen, schöner Abschnitt Deines Lebens beginnen.“
* * * * *
„Zur Einleitung muß ich Dir eine traurige Geschichte erzählen, die Du genau noch nicht kennst“, begann die Tante tagsdarauf. „Ich war ein Mädchen, nicht besser und nicht schlechter, als die einmal geltende Schablone es von gewissen Gesellschaftsklassen erfordert. Ich lebte in den Tag hinein, sprach mein Morgen- und Abendgebet, gieng Sonntags in die Kirche und fügte mich in Allem und Jedem den Beschlüssen meiner Eltern, wie es die gute Sitte erfordert.
Ich war 23 Jahre alt. Da lernte ich ihn kennen -- in einer größeren Gesellschaft. Wir sprachen nur wenige Worte und doch war es mir, als ob wir zu einander gehörten, Eines wären schon seit Langem.
Im ersten Rausche überlegte ich nicht lange. Wenn die Meinen sahen, wie sehr wir uns liebten, würden sie ihre Einwilligung geben und sich darüber hinwegsetzen, daß er ein Jude war.
Wir trafen uns von nun an häufig. Dann kam er und hielt um mich an.
Mir wurde es zu eng im Zimmer; ich eilte in den Garten, um dort das Ende der Unterredung abzuwarten. Es dauerte nicht lange. Er kam über die Terrasse, leichenblaß, und wollte an mir vorbei. Ich rief ihn an; er fuhr zusammen:
„Du hier? -- -- Nun denn, leb’ wohl. Wir dürfen einander nicht gehören; es ist soeben im Familienrat beschlossen worden.“ Dabei zuckte es schmerzlich um seine Mundwinkel.
„Du sprichst doch nicht im Ernst?“
„Es wäre wohl ein schlechter Scherz. Du kannst Dich ja selbst überzeugen. Sie sitzen Alle beisammen im Ahnensaal, die Großeltern und Dein Bruder. Es paßt ihnen nicht -- ich bin ein frecher Eindringling -- wir sollen nicht glücklich werden.“
Ich hatte seinen Arm gefaßt. „Ja, es heißt Abschied nehmen, Laura -- vergessen“, setzte er mit bebender Stimme hinzu. „Gib mir -- doch nein -- nicht einmal die Hand -- Du würdest Dich besudeln.“ Und alle Selbstbeherrschung beiseite lassend, barg er das Gesicht in die Hände und stöhnte laut auf.
Ich küßte ihn und versprach, niemals von ihm zu lassen.
„Armes Kind, Du versprichst mehr, als Du halten kannst. Es gibt Gesetze, die stärker sind als Liebe. Bisweilen ist es Ehre, in den meisten Fällen aber Vorurteil. Leb’ wohl, vergiß mich.“
„Du verlangst Unmögliches. Schreiben wir uns.“
„Wozu diesen qualvollen Zustand verlängern?“
Doch ich wußte ihn schließlich zu überreden, und durch Vermittelung meiner Freundin entstand ein reger Briefwechsel.
Es wußte Niemand um die Dauer des Verhältnisses, und eines Tages teilte mir Mama mit, Graf X. habe um mich angehalten. Ich war wie aus den Wolken gefallen, denn ich hatte ihm auch nicht die geringste Beachtung geschenkt und nicht im Entferntesten daran gedacht, daß er sich mit dieser Absicht trage. Zuerst lehnte ich entschieden ab, aber man schürte und arbeitete so lange, bis ich schon der Ruhe halber einwilligte.
Sie nannten mich „vernünftig“, weil ich eingesehen, daß eine Steindorf keine ~mesalliance~ machen dürfe.
Willenlos und betäubt, ließ ich den Dingen ihren Lauf. Ich war so ungewohnt, mit Hindernissen zu kämpfen, zudem hatten mich die Aufregungen der letzten Zeit völlig fühllos gemacht. Ich schrieb Hans einen logischen und ziemlich kühlen Brief; doch kaum hatte ich ihn abgesandt, bereute ich meine Handlungsweise und depeschierte ihm: „Brief ungültig; erwarte Sie Morgen Früh“. Nein, zu heucheln verstand ich doch nicht.
Er kam. Wir zogen uns in einen stillen Winkel des Gartens zurück, wir schmiedeten neue Pläne, und er, selig, mich wiederzuhaben, umschlang und küßte mich.
Da plötzlich steht Graf X. vor uns. Er kannte Hans, ohne indessen von unseren Beziehungen zu wissen. Meines Ermessens nach hatte ich dem Grafen erst als angetraute Frau die Treue zu bewahren und gegebenen Falles Rechenschaft abzulegen.
Eine Sekunde starrte er uns sprachlos an. „Da gehen ja schöne Dinge vor sich. Sie werden mir Satisfaktion geben.“
„Ich sehe mich nicht dazu veranlaßt.“
„Schurke -- -- Feiger Judenhund.“
Um Gotteswillen! -- Das war zu viel. Ich traute meinen Ohren nicht.
„Morgen sende ich meine Sekundanten“, versetzte Hans anscheinend gleichmütig. Weiter nichts. Ich fühlte selbst, daß er, um nicht falschen Schein auf sich zu laden, diesen Schimpf nicht annehmen dürfe -- -- und doch -- -- die Furcht vor etwaigem bösen Ausgange ließ mir alles Andere gering erscheinen. „Ehre“. Ein Phantom. Und ich sank vor ihm auf die Knie: „Nein, Hans, schlag’ Dich nicht.“
„Sei nicht kindisch, Laura. Du mußt es doch einsehen: ich kann nicht mehr zurück.“
Und er hatte Recht, so dachte ich damals und war stolz aus ihn. Seit undenklichen Zeiten waren Ehrenhändel unter Männern nur mit der Waffe in der Hand ausgetragen worden. „Aber“ -- und mein Herz erbebte bei dieser Vorstellung -- „wenn ich Dich verliere, Hans?“
„Dann muß Dich das Bewußtsein aufrecht erhalten, daß ich meine „Ehre“ verteidigte -- -- obwohl ich nur ein Jude bin. O, es geht so verrückt, so ungerecht zu auf der Welt. Du armes süßes Kind, ich wollt’, ich könnte Dir weniger Leid bereiten.“
„Die Nacht, die folgte, dieses beständige Schwanken zwischen Furcht und Hoffnung -- -- wozu so Schreckliches heraufbeschwören? -- -- Es bleibt besser begraben. -- -- Nun und das Weitere -- -- das weißt Du ja. -- -- Wie schwer sich Manches vergißt -- und es sind doch viele Jahre her!“ --
Wir schwiegen eine Weile, denn auch meiner hatte sich eine tiefe Bewegung bemächtigt, und es dämmerte mir ein Ahnen auf, wie es kam, daß Tante Laura groß und stark aus diesem Kampf hervorgegangen. Sie war ein Charakter, wie man selten einen findet, voll Güte und unerbittlicher Gerechtigkeit zugleich. Es flammte heiß in ihren dunklen Augen auf. Wie mußte sie geliebt haben, und wie mußte sie hassen können.
„Ja damals“, fuhr sie fort, „hätt’ ich den Mörder kalten Blutes erwürgen können, und namenlose Verachtung für all’ das, was mir bis jetzt den Inbegriff des Rechten, Selbstverständlichen gebildet, erfüllte mich. Vor sie, die mich um mein Glück betrogen, vor sie Alle hintreten und ihnen zurufen: „Ihr erbärmlichen Philisterseelen, die Ihr keine Ahnung habt, was wahre Größe, wirklicher Adel ist, schämt Euch, errötet“.
„Mein ganzes Wesen war in Aufruhr, das Blut schäumte mir in den Adern, und der einzige Wunsch nach Rache und Vergeltung erfüllte mich.
„Es war der erste Impuls und die Reaktion folgte alsbald. An Stelle der leidenschaftlich-wilden Gefühle, trat eine fast unheimliche Ruhe. Ein Schleier riß mitten entzwei, vor meinem geistigen Auge und ich sah zum erstenmale klar in meinem Leben. -- -- Keine Träumereien mehr, nein, sehr bestimmte Ideen, die sich durch weiteres Ausspinnen und Lesen immer mehr befestigten.
„Und je lichter es in mir wurde, in dem Maße, als ich begriff, wuchsen mein Mitleid, meine Nachsicht mit dieser närrischen Welt; mit diesen armen, verblendeten Menschen.“
Sie hielt inne, dann fuhr sie fort: „Es hatte dieses Impulses -- der traurigen Anregung von außer her -- bedurft, um mich aus meiner wohlerzogenen Verschlafenheit zu rütteln. So wurde ich das, was ich bis dahin nicht gewesen: „ein freier Mensch.“ Der Schmerz ist so recht eigentlich das Samenkorn, aus dem sich die Individualität entwickelt. Großes leisten fast nur immer Jene, die in physischer Beziehung viel durchgemacht -- die Anderen zählen zu den seltenen Ausnahmen. Und es ist ja am Ende auch begreiflich. Wenn man zu den Schoßkindern des Glückes zählt, nach dem Ersehnten die Hand bloß auszustrecken braucht, wozu sich mühen und ereifern? -- -- Und so, in dem Netze kleinlicher Alltagsinteressen verstrickt, erlahmt der Sinn für eine weite Weltanschauung, und man schreckt ängstlich zurück vor Allem, was Einem aus dem Geleise bringen, die Augen öffnen könnte, man wird Egoist.
Speciell in unseren Kreisen gilt eine gewisse Nonchalance und Sorglosigkeit für „~bon ton~.“ Sich streng an die Traditionen halten, wenig wissen, -- und nur ja nicht denken. Das wäre nämlich zu gefährlich. Seit Generationen hielt man es so -- das beweisen die heutigen Durchschnittstypen zur Genüge. Sieh’ Dir nur einmal so einen jungen Majoratsherrn an. Blasiert, verlebt mit 20 Jahren, kennt er keinen anderen Zeitvertreib als Trinken und Spielen. Über die Frauen besitzt er -- falls er überhaupt jemals welche besessen, -- keine Illusionen mehr. -- -- -- Und nur ja keine vernünftige Beschäftigung -- davor schreckt er zurück, als wär’ es eine Schande, und wenn er des ewigen Einerlei satt ist, sucht er das träge Blut künstlich zu erhitzen. Er wettet, beginnt Händel, macht Schulden, die der Papa bis zu einer gewissen Grenze geduldig bezahlt, und dann -- nun dann sucht er eben eine „Partie“ um sich zu rangieren, „den Namen nicht in Mißkredit zu bringen“, kurz er verkauft sich.
So die Männer. Wir sind um kein Haar besser daran. Der englischen Gouvernante entwachsen, die Alles „~shocking~“ findet, was ihr nicht behagt, verheiratet man uns, wenn wir ein gewisses Alter erreicht haben. Die Liebe spielt nur selten eine Rolle dabei: sie ist nur Surrogat, und Hauptsache bleiben doch immer die geordneten Verhältnisse. -- -- Was sind die Folgen? Allmähliche ~décadence~, Menschen ohne Mark und Kern, die keine andere Bestimmung kennen, als „Gigerl“ oder „Modepuppe.“ Ein Sumpf von ungeahnter Tiefe, in dem wir rettungslos verkommen, wenn wir die Gefahr nicht beizeiten erkennen und uns gewaltsam herausreißen. -- Auch ich fand erst in letzter Stunde den Mut dazu. Uns Frauen nimmt man eine Auflehnung gegen das Althergebrachte ganz besonders übel. Es ist ein hartes Stück Arbeit für ein Mädchen, einen gewissen Grad von Selbstständigkeit zu erlangen. Es gehört ein unbeugsamer Wille, eine eiserne Ausdauer und auch ein bischen Philosofie dazu. Wie Manche kehrt schon auf halbem Wege um, da man sie einen „Blaustrumpf“ genannt, oder liebevolle Zweifel an ihrer Vernunft ausgesprochen.
„Was mich anbelangt, so wurde mir’s recht schwer gemacht, aber schließlich brachte ich es doch dahin, daß man meinen Standpunkt respektierte. Der Kampf war die Errungenschaft schon wert. Und ich kann mit gutem Gewissen sagen, daß ich meine Freiheit nicht mißbrauchte. Die Pflichten, die sie mir auferlegte, hab’ ich keinen Augenblick vergessen. Darum hab’ ich mich auch in die Reihen Jener gestellt, die der Menschheit den Anbruch eines neuen, schönen Tages verkünden. Sie wachrütteln, ihnen die Binde von den Augen reißen, sie unterscheiden lehren, zur Begeisterung entflammen!“
„Ja, Du müßtest ein guter Apostel sein, Tante.“ Wie sie hoch aufgerichtet vor mir stand, mit leuchtenden Augen, durchglüht von edlem Eifer, war sie fast hübsch. Es lag Leben und Ausdruck in diesem Gesicht: keine Spur von dem kalten Gleichmut der Madonna. Doppelt rührend klang es, als sie fast leise sagte: „Ich möchte ja nur, daß Alle, Alle glücklich werden.“
„Das wäre wohl schön -- aber ich denke es mir schwer, furchtbar schwer. Wo soll man denn beginnen?“
„Auf fester Grundlage natürlich. Man muß das Übel mit den Wurzeln ausrotten -- die Wurzel aber ist: das Vorurteil.“
* * * * *
Es gab kaum eine Frage von universeller Bedeutung, die wir in unseren Plauderstunden nicht erörterten. Es war mir ein wahrer Genuß, der Tante zuzuhören, wie sie in kühnen, sicheren Umrissen ein Bild der herrschenden Zustände entwarf, den Kern bloslegte und dann immer weitere Kreise darum zog. Nichts entgieng der Schärfe ihres Blickes und niemals verlor sie sich in Nebensächlichem. Ich lernte immer etwas Neues und mit jedem Tage steigerte sich mein Wunsch, auch ein wenig in ihrem Sinn zu leisten.
„Wie schade, Tante“, sagte ich in ehrlicher Betrübnis, „um die verlorene Zeit meiner Erziehung. Gesetzt den Fall, ich käme um mein Vermögen -- besäße ich denn die nötige Bildung, um mir mein Brot selbst zu verdienen? -- Ohne Sprachkenntnisse -- denn das bischen Französisch, das man uns eingetrichtert, reicht gerade für den Hausbedarf -- weiß ich ja auch sonst sehr wenig.“
„Das ist eben die unverantwortliche Art der Erziehung. Und das „Nichtswissen“ ist noch lange nicht das Schlimmste, für viel gefährlicher halte ich das „halbe Wissen.“ Damit richtet man den größten Schaden an. Und dann, wenn man die gewöhnliche Bildung besitzt -- als Grundlage ist sie allerdings erforderlich -- soll man seine Kräfte nicht zersplittern, sondern sie auf ein einziges Ziel concentrieren und dabei verharren. -- Freilich die Männer im Allgemeinen, sehen es nicht gern, wenn wir uns noch ein anderes Feld der Tätigkeit sichern, als den häuslichen Herd. Angeblich leidet unsere Weiblichkeit darunter, in Wirklichkeit aber fürchten sie die Concurrenz, und wohl auch, ihr Prestige als Schützer des schwachen Geschlechts zu verlieren, denn es entstünde ein ganz anderes gegenseitiges Verhältnis, und wir könnten sie viel eher entbehren.“
„Also Du bist für die Emanzipation?“
„Im guten Sinne, ja. Das heißt, soweit sie sich von sinnloser Knechtschaft losmacht und „freie Menschen“ schafft. Auf die damit in Zusammenhang gebrachten Äußerlichkeiten halte ich nichts. Männerkleidung, kurzgeschnittene Haare und burschikoses Auftreten finde ich überflüssig und unschön. „Im Herzen Weib, im Kopfe Mann“, dieses Recept wäre beiden Geschlechtern dringend anzuraten. Das Rechte suchen, es instinktiv empfinden, und dann die Energie besitzen, es durchzuführen.“
„Also wir haben dieselben Fähigkeiten wie der Mann? Aber warum werden dann verhältnismäßig so wenig Frauen berühmt?“