Part 11
„Ja, wir besitzen dieselben intellektuellen Fähigkeiten wie der Mann, nur mit dem Unterschiede, daß sie bei uns lange Zeit hindurch brach gelegen. Was sie vom „Vogelgehirn“ des Weibes sagen, ist pure Fabel. Weil man uns seit jeher vorgepredigt, dem sei so, glaubten wir es schließlich, ohne daran zu denken, die Richtigkeit dieser These zu erproben. Und schon beim ersten Versuch erwies sie sich als falsch.
„Es bedarf zu Allem der Übung, für manuelle sowohl als für geistige Fertigkeiten. Eine Hand, die man niemals gebraucht, wird eine gewisse Ungelenkigkeit verraten, ein Körper, der nie Gymnastik betrieben, weniger biegsam sein, als der eines Trapezkünstlers. Mit dem Verstand und seinen verschiedenen Kundgebungen ist es genau dasselbe. Wer von Kindheit an die Mühe des Denkens nicht scheut, wird in späteren Jahren ein rascheres Auffassungsvermögen, ein positiveres Urteil, eine schlagendere Logik bekunden, als Jener, der sein Leben lang gedankenfaul gewesen -- und was eine natürliche Folge ist -- mehr Selbstbewußtsein besitzen.“
„So denke ich mir’s eigentlich auch. Eine Maschine, die nicht geölt und gebraucht wird, arbeitet schwer. -- -- -- -- Und heute ist die Gleichberechtigung ein Allgemeinwunsch der Frauen?“
„Die große Mehrheit sehnt sich darnach. Ausnahmen gibt es freilich auch da -- und dann bedürfen ja durchaus nicht Alle der Emanzipation, sofern es sich um die Beteiligung am öffentlichen Leben handelt. Eine Mutter hat in erster Linie die heilige Pflicht, tüchtige, nützliche Menschen in ihren Kindern zu erziehen, als Gattin ihren Mann, falls er das Rechte will, zu unterstützen. In diesem Falle soll sie seinen Bestrebungen Verständnis entgegenbringen, gleichen Schritt mit ihm zu halten trachten. Vor solchen Ehen allen Respekt.“
„Und die Einsamen -- ich meine die, die aus irgend einem Grunde allein durch’s Leben gehen?“
„Auch die finden reichlich Beschäftigung, wenn sie nur zugreifen wollen. Es gibt so manchen Beruf, in dem weibliche Kräfte nötig wären -- Doktoren in erster Linie; Manche freilich würden sich nie und nimmer dazu verstehen, dem Wohle der Gesammtheit die eigene Bequemlichkeit zu opfern. Der Lauheit begegnet man gar häufig -- -- und dann dürfen wir nicht an den Ausschuß vergessen, jene Armen nämlich, die mit irgend welchen Gebrechen behaftet sind, und deren Kräfte einer angestrengten Arbeit nicht Stand halten, die wirklich nicht können.“
„Nun, und die Vorteile der Selbstständigkeit?“
„Vor Allem, daß wir nicht auf das Heiraten „angewiesen“ sind. Die Ehe wird dann nicht mehr als „Versorgung“ betrachtet werden, sondern sie kehrt zu ihrer ursprünglich schönen Bestimmung zurück, dem Gipfelpunkt der Liebe. Keine Convenienz-Ehen mehr, keine kleinlichen, unwürdigen Intriguen.“
„Eigentlich ist’s merkwürdig, daß man so spät auf diese Idee verfiel.“
„Du hast einfach früher nicht davon gehört. Die ersten Anfänge datieren weit zurück und heute schreitet die Frauenbewegung mit Riesenschritten vorwärts. Mit einem Male geht es natürlich nicht. Große Dinge, weltgeschichtliche Entwickelungsphasen bereiten sich in der Regel langsam vor, aber einmal in Gang gebracht, gibt es keinen Stillstand mehr.
„Im grauen Altertume wurde dem Weibe eingeprägt: „Du hast Dich als Dienerin Deines Herrn zu betrachten“, mußt eifrig auf sein Wohl bedacht sein, seine Launen geduldig ertragen, seine Wünsche erfüllen. Erkühne Dich ja nicht, einen eigenen Willen zu haben, oder gar dem Mann zu folgen, wenn er sich auf Adlerfittigen in geistige Höhen, in die Sphären der Gedankenwelt erhebt. -- So, in dieser sklavenhaften Befangenheit, stellen sie auch die Gemälde der damaligen Zeit dar. Mit Rosen bekränzt sie die Stirne des Gebieters, der träge hingestreckt, auf schwellendem Pfühle ruht, und reicht ihm knieend die Schale mit dem Weine. Oder, später noch, sitzt sie am Spinnrocken und webt den Stoff seiner Gewänder, und bringt ihm Schild und Speer, wenn er hinauszieht in die blutige Schlacht.
„Heutzutage steht die Frau auf höherer Stufe -- nicht mehr Magd, sondern Gefährtin des Mannes. „Ein Herz und eine Seele“, fügte sie träumerisch hinzu. -- -- Wem dieses schöne große Glück des Zusammenwirkens versagt bleibt, der findet einen teilweisen Ersatz nur -- in der Arbeit. Sie allein hat mich gestützt, mich wieder zufrieden gemacht. Ein dorniger Weg im Beginn, doch so verlockend, so reichlich lohnend. -- --
„Wenn man sich resigniert und mit der Liebe abgeschlossen hat, findet man den größten Trost in der Pflichterfüllung. -- Das Leben liegt noch vor Dir, mein Kind, und doch frag’ ich Dich: „Willst Du meine Gefährtin sein, mit mir ziehen in den Krieg gegen unseren ärgsten Feind: „das Vorurteil?““
„Ja Tante, ich will.“
* * * * *
In der Nacht war der erste Reif gefallen. Wie überzuckert starrten die Bäume zum Himmel, der grau in grau, an den Hintergrund eines Gemäldes im beliebten ~guache-genre~ erinnerte. Nur ein paar Hagebutten und braungefrorene Chrysantemen standen auf dem Parterre des Gartens.
Das war der Winter.
„Jetzt kann ich’s kaum begreifen, daß einmal der Flieder blühte und die Amsel sang. Es scheint mir eine Ewigkeit her und so unwahrscheinlich, daß diese Zeit je wieder kommen wird. -- Die vielen Rosen -- und die Leuchtkäfer.“
Ja und doch -- die tausend schönen Sommerblumen, die sagen uns weniger als so ein Gräschen unter’m Schnee. „Da sieh, das hab’ ich heut gepflückt.“ Sie hielt mir ein armseliges, blasses Blättchen hin. „Was selten, was schwer zu erlangen ist, darnach strebt unser Sinn. Erst in der Gegenwart wissen wir die Vergangenheit zu schätzen.“
Robert unterbrach unsere Betrachtung. Er weilte infolge einer Verletzung, die er sich beim Reiten zugezogen, seit einigen Wochen in Sahning und sprach während dieser Zeit öfters bei uns vor.
Es war, als suche er neuerdings eine Annäherung, doch ich taxierte seine Gefühle richtig: „ein kleiner Intermezzo-Flirt“, so etwas um die Tage totzuschlagen.
„Zum Sterben langweilig, zu dieser Jahreszeit auf dem Lande“, versicherte er uns stets von Neuem. Man weiß nicht, was man anfangen soll. Mein einziges Vergnügen, die Jagd, ist mir jetzt auch verdorben, weil uns der S--jud die schönsten Streifen vor der Nase weggepachtet hat. „Jetzt schießen’s herum an der Grenz, der Samuel und der Itzig, und wie se sonst noch Alle heißen, die noblen Herren“, parodierte er in höchster Wut. Dann schüttelte er sich: „Brr, ein Graus, ein Skandal! Wenn +ich+ was zu sagen hätt’, Alle peitschert’ ich sie hinaus aus dem Land, Alle; nicht einen einzigen würd’ ich dulden. Es ist schon das zu viel. Über den Haufen schießen sollt’ man das grausliche Gesindel.“
„Das sind ja recht humane Ansichten. Bei uns darfst Du jedenfalls nicht auf Verständnis rechnen.“
„So? Das wundert mich, speciell in diesem Falle. Jeder Cavalier denkt heutzutage so -- muß so denken.“
„Es kommt eben darauf an, was Du unter „Cavalier“ verstehst.“
„No erlaub’ mir. Meine Regimentskameraden zum Beispiel. Frag’ sie der Reihe nach. Sie werden Dir Geschichten erzählen, daß Dir die Haare zu Berg stehen. Namentlich die in den polnischen Garnisonen. Wie der Jud nach allen Seiten hin beschummelt, keinen christlichen Concurrenten aufkommen läßt, sich festsaugt wie ein Vampyr und Einen um den letzten Groschen bringt.“
„Lieber Robert, wenn man die Falle sieht, ist’s jedenfalls recht plump, hineinzugehen. Du bist ja nicht der Erste, der in diesem Sinne spricht. Solange der Jude Geld leiht, ist Alles schön und gut; wenn er aber auf der Rückgabe besteht, dann ist er Wucherer und Räuber.“
„Und findest Du es vielleicht keine Gemeinheit, wenn man die Zwangslage seines Nächsten in dieser Weise ausbeutet? Soll man sich das am Ende ruhig gefallen lassen?“
„Man soll eben rechtzeitig seine Vorsichtsmaßregeln treffen, und sich keine Gefälligkeiten von Leuten erweisen lassen, die man verachtet. Was das Übervorteilen anbelangt, so stimme ich Dir bei. Es ist nieder, gemein. Aber ehrlicher Weise mußt Du zugestehen, daß auch so mancher Christ betrügt, wenn er es unbemerkt anstellen kann. Hier zum Beispiel haben wir keinen einzigen Juden in der Gegend, und die Leute gehen doch auch zu Grunde -- nur mit dem Unterschied, daß sie ihr Hab und Gut den christlichen Sparkassen verschreiben.“ Und da Robert verlegen schwieg: „Du siehst also -- das Generalisieren ist ein ganz falsches Princip. Es gibt gute und schlechte Menschen in allen Ständen, allen Nationen und Confessionen. Will man ein berechtigtes Urteil fällen, muß man sich persönlich überzeugen: das bloße Hörensagen führt in der Regel zu Trugschlüssen. -- -- -- Und daß die Semiten manche gute Eigenschaft besitzen, die auch uns zur Ehre gereichen würde, kannst Du doch nicht leugnen. Es herrscht eine Eintracht, ein Geist der Zusammengehörigkeit unter ihnen, der gegenseitigen Verantwortung, möcht’ ich fast sagen, der rührend ist, und zu großen Taten führt. Wenn es sich darum handelt, einen der ihren aus Not und Elend zu befreien, den bedrängten Glaubensgenossen beizustehen, leisten sie fürstliche Beiträge. Während bei uns -- --! Die humanitären Institutionen vermögen sich oft mit der größten Mühe kaum zu halten. Mit welch’ unerhörten Schwierigkeiten hat die „Rettungsgesellschaft“ zu kämpfen und welch’ schmachvolle Gleichgültigkeit erfuhr die „adelige Hochwacht“ von Seite der Standesgenossen? Jener Edelgesinnte, der die schöne Idee ins Leben rief, wartete vergeblich auf Unterstützung, und der Gram hierüber brachte ihn vorzeitig ins Grab.“
„Wir haben eben kein Geld. Alles gestohlen.“
„Beides unrichtig. Wieder eine Beschuldigung ohne triftigen Beweis. Einer sagt’s in unzurechnungsfähigem Zustand, und die Andern beten’s nach.“
„Geh’, geh’, Du bist ja eine Judenfreundin.“
„Eine Menschenfreundin ja, und bemüht, gerecht zu sein. Mir gilt nur der persönliche Wert.“
„Aber Du mußt doch zugeben, daß die semitische „Rasse“ -- denn nur die, nicht die Religion kommt bei unserer Abneigung in Betracht -- zahllose widerwärtige Eigenheiten hat. Sprache, Haltung, Blick, Gesichtsschnitt.“
„Das mag unangenehm berühren -- meinethalben -- man hat schon so seine Aversionen -- ich mag’ wieder den gewissen semmelblonden Typus nicht -- aber solcher Äußerlichkeiten halber werd’ ich die Leute nicht verfolgen und verleumden.“
„Du willst mich nicht verstehen. Übrigens, wenn Du so sprichst, wirst Du es Dir in unseren Kreisen gründlich verderben.“
„Das würde ich verschmerzen. Die Überzeugung vor Allem.“
Robert sah meine Tante sprachlos an. Er gehörte zu jenen Schwächlingen, deren Waffe hohle Phrasen, von der Mode, der herrschenden Strömung sanktioniert, einer gesunden Logik nicht Stand zu halten vermögen. Ließ man sich einschüchtern, verlor man die Geistesgegenwart, dann triumphierte er. Widerlegte man hingegen seine Argumente, trat man ihm mit Sicherheit entgegen, dann räumte er beschämt das Feld.
Und plötzlich überkam mich die Lust, auch eine Bemerkung zu machen, ihn in die Enge zu treiben.
„Wenn Dir Rothschild heute eine Million gäbe, was dann?“
„Das fällt ihm gerade ein.“
„Ich glaub’ es auch nicht. Aber gesetzt den Fall, was dann?“
Und da er mir die Antwort schuldig blieb: „Du würdest sie mit tiefem Bückling einstecken, und wenn es sein müßte, dem Juden die Hand küssen.“
„Na hörst Du, Du bist wirklich.“ --
„Ja oder nein? Du schweigst?“
„Was sagtest Du eigentlich?“ Er spielte den Begriffsstützigen. „Ich hab’ an ganz was Anderes gedacht.“
* * * * *
Hannerl hatte sich in den letzten Jahren sehr zu ihrem Vorteil verändert und war eine allerliebste Zofe geworden. Sie hält nicht wenig auf ihr Äußeres, und stets „wie aus dem Schachterl“, richtet das hübsche Ding wahre Verheerungen unter der männlichen Dienerschaft an. Sie trägt vielleicht darum das Stumpfnäschen so hoch und findet es nur natürlich, daß man sie „Fräulein“ tituliert. -- Und für Jeden hält sie eine schnippische Antwort bereit. Bisweilen klagt sie auch mit komisch-tragischer Geberde: „Ich hab’ kein Herz“.
Das schreckt indes den Jägerjung nicht ab. Fertel Amselzwitscher scheint seiner Sache sicher. Er wird sie doch erringen; er zweifelt nicht im Entferntesten daran: jedermann kann es lesen in seinem selbstbewußten Blick. Die Mädchen waren immer Alle hinter ihm drein gewesen, und daß gerade diese Eine ihm Widerstand leistet, reizt ihn. -- Er, mit seinem „feschen Äußern“, seiner vornehmen Ausdrucksweise, würde sie sich schon gefügig machen. Er spricht das reinste Hochdeutsch und notiert sich jede eigenartige Satzwendung, die er irgendwo gelesen, um sie gelegentlich anzubringen.
„Jungfer Hannerl, beabsichtigen Sie, meine Geduld noch lange auf die Folter zu spannen?“
„Wissen’s, das ist eine Keckheit. Hab’ ich Ihnen vielleicht schon einmal was Dergleichen getan?“
„Unbewußt gewiß. Sie haben so gewissermaßen ein gefallsüchtiges Gesicht. Wie steht es mit Ihrem Naturell? Ich meine, sind Sie sehr, ‚schanschierend‘?“
„Was? Das versteh’ ich nicht.“
„Ob Sie Ihre Neigung häufig wechseln, oder ob Sie gewissermaßen verläßlich sind?“
„Daß ich in Sie nicht verliebt bin, darauf können sie sich +ja+ verlassen. Überhaupt sind’s nicht bald fertig mit Ihrer Fragerei? Was wollen’s denn?“
„Das.“ Und kaum hatte sie sich’s versehen, umschlang er sie und drückte einen Kuß auf ihre frische Wange.
„Nein, so ein impertinenter Mensch!“ Sie war zuerst ganz starr, dann aber lächelte sie neckisch. Seine Kühnheit imponierte ihr: von nun an zeichnete sie ihn vor den Andern aus, und die Chancen des Gärtnergehilfen Florian sanken immer mehr. Im Gegensatz zu seinem zarten Namen, der ihn schon von vornherein zur Gärtnerei bestimmte, war er die plumpste, unappetitlichste Erscheinung, die man sich nur denken kann. Ein verschwollenes Gesicht, aus dem gelbe Elefanten-Äugerln schimmerten, und ein Paar enorme, purpurrote Tatzen. Unbeholfen in einer Art! Ein wahrhaft lächerlicher Anblick beim Piquiren und anderen Arbeiten, die Geschicklichkeit und leichten Griff erfordern. Aber verliebt bis über die Ohren.
Als er Jungfer Hanni zum erstenmal erblickt, sank er vor lauter Bewunderung so tief in die weiche Mistbeeterde, daß man meinte, er müsse Wurzel fassen, und starrte ihr so voll Entzücken nach, als hätt’ er eine Fee gewahrt.
Er nahte sich ihr schüchtern, in voller Ehrerbietung, und als sie scherzhalber seine Huldigung entgegennahm, ward er kühner. Er verehrte ihr eine Blumensprache, in der die auf seine Leidenschaft bezüglichen Verse rot angestrichen waren.
Jedes Wort aus ihrem Munde versetzte ihn in den siebenten Himmel, und wenn er sie nach Feierabend in der Bügelstube wußte, brachte er ihr die schönsten Ständchen.
„Hannerl, Hannerl, Mädchen ohne Gleichen, Hannerl, lasse Dich erweichen, Hannerl, Hannerl, höre doch mein Fleh’n, Ich liebe Dich, erhöre mich, Wenn nicht, müßt’ ich betrübt von dannen geh’n.“
Worauf von innen mit furchtbar falscher Stimme die ermunternde Aufforderung erklang:
„Um Dir nur zu gefallen, Versteh’ ich mich zu Allem, Ach komm, Geliebter, komm, Ach komm, Geliebter, komm.“
Beseligt drückte Florian die Hände auf sein Herz. Sie hatte ihn ja kommen geheißen -- endlich. Nun, er würde gewiß nicht zögern. Doch was war das, die Schnalle wollte nicht nachgeben, wie sehr er auch daran drückte: „Aber Freiln Hannerl, seiens so gut. Ich kann ja nicht herein.“ -- Alles umsonst, kein Lebenszeichen.
Dann raschelte es ganz leise, Hannerls gestärktes Cattunkleid, und das schelmische Ding hielt sich die Hüften und lachte, bis ihr die Tränen über die Wangen rollten.
Er zog ein Briefchen aus der Tasche und schob es unter die Türspalte hinein. Er hatte es ihr schon früher einmal geben wollen, als sie ihn kühl behandelt.
„Hochwollgeborn Freilein Johanna Patschek.
Ich habe lange mein Herz aus dem Laibe gerissen und vor Ihren Füssen geleckt, -- sie lachten auf mich u. ich klaube, Sie mögen mich nicht. Eine große betzweifflung für mich, daß das Frailein Johanna böse ist. Ich bin soeben trostlos u. möchte sterben, weil sie nix zu mir gesprochen, denn ich füll mich ganz undschuldig. Ich habe nichts gedahn und Ihnen niemals nie eine Witterede gegeben, und alles mit Freude gedahn, nur daß sie nicht bösse sind. Denn ein bösses Gesicht und nichts rehten, das duht mir Weh, darum bitte ich hochachtungsfohl und mit faltenden Händen nicht bösse sein
Ihr geliebter Florian.“
„Rosen, Tulpen, Nelken, alle diese Blumen welken, Stahl und Eisen bricht, doch unsere Liebe endet, so hofe ich, nicht. Sie sind mein einziger Trost, bitte, das werden sie woll einsehen.“
„Nein, so ein Narr“, entschied sie, als sie zu Ende gelesen. „Da Fertl“, und sie schob ihm den Brief hin, „was sagst denn Du dazu?“
„Curaschi muß man haben. Beim bloßen Anschmachten sieht sich nichts heraus. Wenn ich so delikat gewesen wäre -- -- ~à propos~ -- wann machen wir denn Ernst?“
„Mußt Dich schon noch eine kleine Weil gedulden. Und jetzt geh, weil ich abräumen muß im ersten Stock.“
* * * * *
Es gibt Leute, deren Gegenwart kalmierend wirkt, die Ruhe und Frieden bringen und wieder solche, bei denen man die Kampfeslust wittert und unwillkürlich selbst in Harnisch gerät.
Die Ankunft meines Vetters versetzte mich jedesmal in gereizte Stimmung. Nicht ein Punkt, in dem wir übereinstimmten, keine gemeinsame Empfindung, und bei der gänzlichen Verschiedenheit unserer Ansichten, entfremdeten wir uns immer mehr.
Tante Laura sah in unseren Discussionen eine gesunde Denkübung, denn nichts schärft den Verstand so sehr, als improvisierte Wortgefechte. Gewöhnlich war der Sieg auf meiner Seite, was ich mir in Anbetracht des Umstandes, daß Robert durchaus kein Kirchenlicht war, nicht sonderlich hoch anrechnete.
Momentan verbrachte er seine Zeit damit, die verschiedenen Stifte der Umgebung unsicher zu machen. Er wurde nicht müde die Gastfreundschaft und das wirklich charmante Entgegenkommen der Herren zu rühmen.
„Wir verstehen uns vortrefflich“, versicherte er uns ein über das anderemal, „und ich fühle mich wirklich ganz außerordentlich wohl in ihrer Gesellschaft.“
„Sind wohl auch Antisemiten?“ frug die Tante.
„Versteht sich -- und wie.“
„Sonderbar und traurig.“ Und was sie jetzt sagte, erinnerte mich so lebhaft an ein Gespräch mit Vincenz, daß ich unwillkürlich seufzte. „Das sollen „Stützen“ der Kirche sein, die in ihrem Herzen dem Hasse Raum geben! Oder ist vielleicht irgendwo in der Schrift ein Commentar zu finden, in dem es heißt: „Natürlich nur den Nächsten im engeren Sinne?“ Nein so kleinliche Unterschiede hat Christus nicht gehabt. Sein edles Herz schloß Keinen aus: es schlug und blutete für Alle. „Liebe, Nachsicht und Vergeben.“ Und statt stolz zu sein auf ihren Meister, in seinem Sinn zu predigen, verzerren, verstümmeln sie seine Lehre bis zur Unkenntlichkeit.“
„Aber bitt’ Dich, Tante, wer wird denn gleich Alles so tragisch auffassen“, unterbrach sie Robert gelangweilt. Sie aber ließ sich nicht beirren und fuhr fort:
„Geht schön des Sonntags in die Kirche, beobachtet die Fasten, aber wenn Euch Euer Bruder nicht zu Gesichte steht, dann beschimpft, verleumdet ihn.“ Fühlst Du den Widersinn? -- -- -- Die Perle, die man Solchen zuwirft, die ihren Wert nicht verstehen. Pfui über die Augendienerei. Die Messe lesen, Sakramente austeilen -- -- Trinkgelage feiern, bis man alle Selbstbeherrschung verliert, und den häßlichsten Lastern fröhnen. Wem spielen sie eigentlich die Comödie vor? Das Volk hat gar gute Augen, ist auch nicht so einfältig, wie es sich ausgibt. Es beobachtet und findet schließlich, daß es nicht nötig habe „heiliger zu sein, wie die Pfaffen.““
„Was hast Du denn gegen die armen Geistlichen? Ich kann Dich versichern, daß Du ihnen sehr Unrecht tust. Du solltest einmal mitkommen. Eine Gemütlichkeit, sag’ ich Dir! Immer großartige Diners, die besten Weine, -- kurz ein Leben wie der Herrgott in Frankreich. Immer guter Dinge, kreuzfidel. Geh’ komm, Tante -- Mimi“, an mich gewandt -- „nicht wahr, es wäre fesch? Du hast doch Lust?“
„Nein: dafür bin ich nicht zu haben.“
„So, so?“ In seinen Zügen spiegelte sich eine Verblüffung wieder, die das unbedeutende Gesicht nicht gerade geistreicher erscheinen ließ.
„Schade!“ Und mit bedeutungsvollem Blick zu mir: „Daß wir so verschiedenen Geschmack haben müssen! Ich fühle mich, wie gesagt, ganz zu Hause unter den Herren -- und mir ist sogar schon die Idee gekommen, selbst Geistlicher zu werden.“
„Weshalb denn das?“
„Weil mir schon Alles Andere zu fad ist. Eine Hundeexistenz.“
„Und das fändest Du einen hinreichenden Grund?“
„Dann brauch’ ich mich wenigstens nicht mehr abzurackern um die paar Gulden Gage, brauch’ mich um nichts mehr zu kümmern.“
„Hast Du Deinen Ehrgeiz zu dienen, so plötzlich auf den Nagel gehängt?“
„Offen gestanden, ja. Schaut nichts dabei heraus. Laues Avancement. Das haben wir vom Frieden.“
„Ja, ein Krieg wär’ freilich äußerst wünschenswert“, unterbrach ihn Tante Laura ironisch, „und zwar schon in allernächster Zeit, damit Baron Robert Steindorf zu seinem zweiten Sterne kommt.“
„Nicht nur deshalb. Ich spür’s aber, ich bedarf der Anregung, der Begeisterung, sonst verkomme ich. Ein Ereignis, etwas Besonderes. Ein Nervenkitzel.“
„Du weißt eben nicht zu beurteilen, was die Ruhe wert ist. Du bist noch sehr kindisch, lieber Robert.“
In seiner Eitelkeit tief verletzt und innerlich wütend, weil er kein Wort der Entgegnung fand, verließ er uns.
Nachdem er gegangen, saßen wir noch eine Weile schweigend vor dem Kamin, vertieft in den Anblick der roten Feuerschlangen, die gierig an den massiven Buchenscheitern leckten, daß es prasselte und knallte.
„Der wird kein gutes Ende nehmen“, sagte die Tante seufzend. „Heutzutage bedarf es eines anderen Empfehlungsbriefes, als eines alten Wappenschildes. -- -- Übrigens bei ihm ist das Standesbewußtsein noch ein relatives Glück, sonst sänke er immer tiefer. Ein bedauernswerter Mensch, der wie mit Gewalt immer nur die Schattenseiten der Dinge aufstöbert, immer unzufrieden, unglücklich.“
„Ich kann mir eigentlich gar nicht denken, daß es Menschen gibt, die den Krieg wollen.“
„O doch, es gibt schon solche Egoisten, die ihn aus rein persönlichen Gründen wünschen. Daß der Krieg ein Unglück, ein Verbrechen ist, daran zweifelt heutzutage kein vernünftiger, rechtlich denkender Mensch mehr, -- wohl aber daran, daß man ihn abschaffen kann.“
„Ja, aber dann müßte es überhaupt keinen Fortschritt geben.“
„Ganz richtig. Dann würden wir jetzt noch Höhlenbewohner und Menschenfresser sein.“
Roberts Kopf zeigte sich wieder in der Türe. Er schien seinen Ärger verwunden zu haben und frug, um was für schreckliche Dinge es sich handle -- er habe etwas von Menschenfressern gehört.
„Wir reden gerade davon“, erwiderte die Tante, „daß mit fortschreitender Civilisation die rohen Urzustände weichen müssen, und dazu gehört der Krieg.“
„Natürlich“, versetzte er spöttisch.
„Eigentlich würde es mich interessieren zu hören, wie ein Marsanbeter -- denn das bist Du ja, -- die Unvermeidlichkeit des Krieges motiviert.“
„Die liegt doch auf der Hand.“ Tante Laura blinzelte mir verständnisvoll zu, und er fuhr fort: „Unsere ganze Existenz ist auf den Kampf begründet. Das Eine frißt das Andere auf. So war es seit jeher und so wird es immer sein.“