Part 12
„Ja, der Kampf ums Dasein ist Naturgesetz und kann in mancher Beziehung ein Ansporn zum Guten sein. In seiner ursprünglichen brutalen Bedeutung aber kann er sich jedenfalls nur auf die Geschöpfe niederer Gattung beziehen. Gerade Ihr Strenggläubigen, die Ihr Euch soviel zugute tut auf Euere Vernunft, müßtet Euch doch scheuen, auf eine Stufe mit dem Tiere gestellt zu werden, das zur einzigen Triebfeder seiner Handlung den Instinkt hat. Und selbst die wilden Tiere lassen sich zähmen. Weshalb sollten wir die Bestie in unserem Innern nicht zum Schweigen bringen? Und dann, auch die Gesetze ändern sich nach der Zeit; die Menschen von heute haben ganz andere Bedürfnisse als die von früher. Die Vorschriften, die vor tausend Jahren am Platze waren, taugen jetzt nicht mehr: man ändert und regelt ja fortwährend daran. Was noch im Mittelalter als Heldentat gegolten, was die Raubritter so berühmt gemacht, der Sieg des Stärkeren, das Faustrecht, das ist nun ebenfalls verpönt.“
„O das waren himmlische Zeiten! Ich bin entschieden um ein paar Jahrhunderte zu spät auf die Welt gekommen.“
„Hättest wohl auch gerne Heldentaten in dieser Art vollbracht?“
„Natürlich.“
„Also Du verteidigst den Mord an und für sich.“
„An und für sich -- nein. -- Aber ich verstehe nicht recht, wo Du hinaus willst“, versetzte er unsicher.
„Du weißt’s recht gut. Das fünfte Gebot lautet: „Du sollst nicht töten.“ Es ist also Sünde.“
„Ja, ja -- das heißt im Allgemeinen.“
„Aha, ein Hinterpförtchen. Doch bleiben wir beim Gegenstand. Der vorsätzliche Totschlag ist Sünde und zwar vom religiösen und rein menschlichen Standpunkt. Der Körper ist der Sitz der Seele, die Gott nach seinem Ebenbild geschaffen. Dem Schöpfer allein steht das Recht zu, sein Werk zu vernichten, so hält Ihr es doch für richtig, nicht wahr?“
„Ja, das schon, aber --“
„Bitte laß mich vollenden. Dann bin ich bereit, Deine Einwendung zu hören. Kommt ihm also ein Anderer zuvor, ist er ein Frevler, ein Verbrecher und wird dem Gerichte ausgeliefert. Dann sitzen sie beisammen im Namen der Gerechtigkeit und sind ganz Entrüstung und Staunen, wie es nur möglich ist, daß ein Mensch genug Rohheit besitzt, um seinem Mitbruder das höchste Gut zu rauben. Es hat bisher noch Niemand zu behaupten gewagt, der Mord sei kein „Verbrechen“. Für Jenen, der ihn begeht, gibt es nur wenige Milderungsgründe: Zwingende Not, Geistesstörung im Moment der schrecklichen That, oder wenn die Umstände diese Vermutung ausschließen, böses Beispiel, mangelhafte Erziehung. Man könnte freilich auch behaupten, -- nach Deiner Auffassung wenigstens -- daß der böse Instinkt, seine eigentliche Natur den Menschen dazu treiben -- von dieser Eventualität aber sehen die Richter gänzlich ab. Sie sagen auch niemals: „Ja, was ist da zu machen, es hat immer Morde gegeben und daher wird es immer so bleiben.“ Der Mann, der seine Hände mit Blut besudelt, ist ein Gezeichneter, ein Ausgestoßener, der Grauen und Abscheu -- oder doch wenigstens tiefes Mitleid einflößt. -- Das Leben des Einzelnen ist geheiligt: die Massen jedoch sind nur gut genug, um einem Wahne geopfert zu werden.“
Sie hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort: „Im Kriege ist der Mörder „Sieger“ und wird in dem Maße gefeiert, als er dem Feinde schonungslos begegnet. Er wird mit Ehren überhäuft, gelangt zu Ansehen und auch oft zu Reichtum, und wenn er auch schon lange unter der Erde modert, so lebt doch die Erinnerung an ihn fort. Sein Name steht mit Goldlettern verzeichnet in den Annalen der Geschichte, als eines Großen, Ruhmeswerten. Der Lehrer schildert in beredten Worten seine Heldentaten und weckt im andächtig lauschenden Knaben Sehnsucht nach ähnlichen Werken, glühende Bewunderung für den Unsterblichen. Im kleinen Herzen keimt, künstlich großgezogen, die Giftblume des Hasses gegen Feinde -- von denen es sich nur eine vage Vorstellung macht. Und statt daß Seele und Verstand des jungen Wesens sich das Gleichgewicht halten, wird dieser mit unnützem Tande angefüllt, während jene verkümmert. -- Es weiß genauen Bescheid über den achten Glaubensartikel und kann eine perfekte Erklärung des Parallelopipedons geben, und wenn man es fragt, warum Karl der Große und Napoleon große Helden waren, wird es erwidern: „Der Eine hat 4000 Sachsen den Kopf abhauen und ganze Heidenstämme gewaltsam taufen lassen, und Napoleon hat in sechs Schlachten gesiegt.“ Soldatenspielen, mit Gewehren hantieren, das ist ihre Lieblingsbeschäftigung, und die Mädchen umgeben in reger Fantasie den Vaterlandsverteidiger mit einer Aureole: Dereinst die Frau eines Officiers zu werden, das schwebt ihnen als Ideal vor. -- Das tut dieselbe Erziehung“, fügte sie halblaut hinzu, „die beim Einzelmörder als Entschuldigung angeführt wird. Welche Logik.“
„Aber Tante, Du wirst doch einen Unterschied machen zwischen einem Schenk und einem Radetzky. Und dann, Gott selbst erlaubt, will den Krieg. Es heißt ja doch im Katechismus: „Zur Verteidigung des Vaterlandes.““
„Wenn’s Euch genehm ist, laßt Ihr immer Euern Gott aufmarschieren. „Du sollst nicht töten“, heißt’s im Dekalog ganz klar und deutlich, in voller Übereinstimmung mit den Geboten der Moral. Und im neuen Testament? Kannst Du mir etwa eine Stelle citieren, in der Christus den Krieg gutheißt?“
Robert betrachtete angelegentlich die Spitzen seiner Stiefel. „Momentan fällt mir gerade nichts ein.“
„Das begreife ich: weil ein solcher Passus überhaupt nicht existiert. Soweit der göttliche Standpunkt. Aber ich denke, auch ohne göttliche und weltliche Gesetze müßte uns das angeborene Menschlichkeitsgefühl abhalten, eine ausgesprochen schlechte Tat zu begehen. Das Gute ist ja an und für sich ein Gesetz; in unseren Herzen soll es eingegraben stehen; dann brauchen wir nicht in Folianten nachzuschlagen, den Katechismus zu befragen. Gut bleibt gut, da hilft kein Zurechtstutzen und Mystificieren. Es ist etwas so Häßliches um die gewollte Zweideutigkeit, um die Politik in der Religion. Doch da sind wir vom eigentlichen Thema etwas abgekommen.“ Sie hielt einen Augenblick inne, wie um neue Kraft zu schöpfen, und begann dann von Neuem. „Du hältst also den Krieg für gerechtfertigt und unvermeidlich, weil die Existenz des Menschen auf Kampf beruht, weil die Kriege immer waren, weil Gott sie gutheißt. Diese Argumente erweisen sich aber sehr wenig stichhaltig, wie Du siehst, oder weißt Du mir vielleicht sonst noch etwas anzuführen, was für Deine Behauptung spricht?“
„Aber das ist ja das reine Examen, liebe Tante“, bemerkte Robert gezwungen lächelnd, plötzlich aber -- es schien ihm eben eine gute Idee gekommen zu sein -- nahm sein Gesicht einen triumphirenden Ausdruck an. „Weil die Menschen sich sonst zu sehr vermehren würden.“
„Da muß man also von Zeit zu Zeit eine kleine Jagd veranstalten. Ich denke, Ihr könntet das in aller Seelenruhe der Natur überlassen. Sie rafft durch Krankheit und andere Katastrophen fortwährend Tausende hinweg, ohne daß sie noch Euerer Hilfe bedarf. -- Ihr tut ja rein, als ob Ihr angestellte Mordknechte wäret. Und dann, es gibt noch soviel übrigen Platz, noch so viel schöne Wildniß, die nur darauf wartet, urbar, dem Menschen untertan gemacht zu werden.“
„Zudem“, sagte Robert, „das Menschengeschlecht würde verweichlichen, degeneriren, wenn es keine Gelegenheit fände, seinen Mut zu erproben.“
„Vergleichen wir die Jetztzeit mit dem Altertum. Obwohl die Kriege bedeutend seltener geworden, sind wir in geistiger Beziehung entschieden vorgeschritten, durchaus nicht degeneriert. Und sieh’ Dir nur einmal die friedliebendste aller Nationen an, die Engländer, was für starke, markige Gestalten. Von persönlicher Tapferkeit kann überdies nicht mehr die Rede sein. Heute entscheidet nur mehr der blinde Zufall. Das ist das Verdienst der unglaublich raffinierten Waffentechnik. -- Wenn Dir heute Einer sagte: „Stell’ Dich daher, denn ich sprenge Dich mit einer Bombe in die Luft“, wirst Du Dich sicher gegen diese Zumutung wehren, nicht?“ --
„Gewiß, das hätte ja keinen Sinn, für nichts und wieder nichts.“
„Das ist’s, was ich hören wollte. Und wofür setzest Du im Kriege Dein Leben ein?“
„Ja erlaube mir, da sind doch wichtige Interessen im Spiel. Die Aufrechterhaltung der Dynastie, die -- das heißt gewöhnlich die Verteidigung.“
„Ja, aber wenn Alle sich verteidigen -- das behauptet nämlich ein Jeder von sich -- wer greift dann an? -- Du siehst, ein Hirngespinnst, dem zuliebe wir solche Unmassen an Geld und Arbeitskraft opfern.“
„Man muß aber doch vorbereitet sein.“
„Daran liegt es eben. Immer dieses Mißtrauen.“
„Was sollen wir denn tun? Abrüsten vielleicht und warten, daß uns der Feind aus dem Lande jagt? Verzeih’, liebe Tante, Du meinst es ja gewiß recht gut, und es paßt auch viel besser für eine Frau, mitleidig als grausam zu sein -- aber Du urteilst da über Dinge, die wir Männer naturgemäß besser verstehen.“
„Und doch gibt es manche Frauen, die viel vernünftiger und klüger sind, als manche Männer“, konnte ich mich nun nicht enthalten, zu bemerken.
Jetzt hielt er es für geraten, einzulenken. „Du nimmst mir immer Alles übel. -- Wie denkst Du es Dir eigentlich möglich, den Krieg abzuschaffen?“
„Ich denke, daß sich durch guten Willen und festes Zusammenhalten Alles erreichen ließe.“
„Aber praktisch durchgeführt?“
„Hast Du noch nie etwas von der Friedensbewegung gehört?“ erwiderte mit bewunderungswürdiger Geduld an meiner Statt die Tante. „Sie strebt die Vereinigung aller europäischen Völker zu einem einzigen großen Bunde an, und an Stelle des Krieges soll ein permanentes Schiedsgericht treten, durch das allfällige Streitigkeiten auf unblutigem Wege ausgetragen werden.“
„Aber die Menschen werden sich nie einem solchen Urteil fügen, wenn es sich um eine Existenzfrage handelt.“
„Die Einzelnen wollen ja gar nicht den Krieg.“
„Aber sie gehen doch.“
„Weil sie eben nicht gefragt werden. Und zudem wenden die paar Schreier, denen es daran liegt, ihre selbstischen Zwecke zu erreichen, alle nur möglichen Mittel an, um die Menge zu betören, sie ihres gesunden Urteils zu berauben. Eine Art Hypnose, diese ansteckende plötzliche Begeisterung. Die Meisten sind Herdentiere, die hinter dem Leithammel dreinfolgen.“
„Nun eben. Da siehst Du’s ja selbst. So werden sie es immer machen.“
„Bis ihr Selbstgefühl, ihr „Menschenbewußtsein“ stark genug ist, sie vor solcher Torheit zu schützen. Und das zu heben, daran sollen wir nach Kräften arbeiten. Und heute ist schon ein großer Schritt vorwärts getan. Ich zweifle gar nicht an dem Erfolge der Friedensbestrebungen.“
„Und Du glaubst wirklich, das Du das erleben wirst.“
„Es könnte wohl sein, aber wahrscheinlich ist es nicht. Die Verwirklichung jedes großen Gedankens erfordert Zeit, viel Zeit. Unser Auge verträgt kein zu grelles Licht, es muß sich erst langsam daran gewöhnen. Jede neue Lehre, jede große Idee hat im Beginn mit Hindernissen zu kämpfen.“
„Ja, also dann“ -- --
„Begreifst Du nicht, daß man sich für solch’ ein Ding erwärmen kann.“
„Offen gestanden nein. Wenn man so gar nichts davon hat.“
„Wenn man immer nur arbeiten wollte, des Lohnes halber! In einem normalen Menschen wohnt der Drang, etwas zu leisten, ein klein wenig zum Wohle der Gesammtheit beizutragen. Eine innere Stimme sagt uns: „Du mußt“, und dann können wir einfach nicht anders. -- Hätten unsere Vorfahren so gedacht, dann stünden heute nicht die vielen herrlichen Bäume im Garten, dann gäbe es nur Haideland und keine Wälder.“
„Ja -- das schon“, sah sich Robert nun gezwungen, beizupflichten. „Die Idee vom Schiedsgericht ist auch jedenfalls gut ausgedacht, genial, aber -- hm“, und er schüttelte lächelnd den Kopf.
„Was aber?“
„Undurchführbar.“
Wir schwiegen Beide, da wir einsahen, daß ein weiteres Wort die Mühe nicht gelohnt hätte. Mit welch’ impertinenter Überlegenheit er es gesagt, das: „Undurchführbar!“
* * * * *
Tante Laura und ich, wir standen ziemlich allein da mit unseren Ansichten und vermieden es, darüber zu sprechen. Großpapa stack bis über den Ohren in den alten Traditionen und fand an jeder Neuerung etwas auszusetzen. In gewisser Beziehung erinnerte er an Robert, nur besaß er mehr Liebenswürdigkeit wie dieser und eine durch nichts zu trübende Heiterkeit. Er führte stets das große Wort und war genau informiert über die Vorgänge in der Welt. Aus einer Art Pflichtgefühl ließ er sich täglich die Zeitung vorlesen, denn im Grunde ärgerte er sich mehr dabei, als er sich freute. „Ich sag’s ja immer, die neue Schule. Das sind die Resultate“, wenn ein Liebespärchen sich aus dem Staub gemacht, oder: „die Herren Socialdemokraten“, das kommt davon, wenn man den Leuten solche Dummheiten in den Kopf setzt.“
„Die Socialdemokraten sind“, hub Don an -- --
„Na ja, Sie sind ja selber Einer, Sie Chineser.“
„Weil der Herr Baron immer glauben, nur früher war Alles gut“, stieß er lachend hervor. Diese kleinen Dispute waren seine einzige Unterhaltung. „Früher sind die jungen Leute auch schon miteinander durchgegangen. Vide „Conradine Romana.““
„A so. No ja, sie hat’s aber auch büßen müssen. Oder haben wir nicht neulich in der Urkunde von 1746 gelesen, daß die Maria Teresia sie einfangen und ins Kloster sperren ließ?“
Dieses Gespräch bezog sich auf eine Steindorf, deren Portrait im Speisesaale hieng. Ein hübsches Gesichtchen, dem der Schelm aus den Augen sah. Mir hatte es immer den Eindruck gemacht, als sei der steife Seidenstoff zu schwer für diese frische, rosige Jugend, als strebe sie, heraus zu schlüpfen und als wollten die übermütigen, krausen Löckchen nichts wissen von einer regelrechten Frisur. Und so war es in der Tat. Das siebzehnjährige Mädchen war sterblich verliebt in ihren Vetter, und da der Vater nichts wissen wollte, und sie nur umso strenger überwachen ließ, nahm sie ihre Zuflucht zu einer List. Die kurzsichtige Erzieherin ahnte nicht, daß sie den Abendsegen über einen verkleideten Haubenstock gesprochen, und als sie am nächsten Morgen ihren Irrtum entdeckte, war das edle Fräulein über alle Berge.
Großmama mengte sich niemals in politische Gespräche, dennoch war es nicht zu verkennen, daß auch sie die jetzigen Zustände nicht billigte, und die Zeiten vorzog, wo Robbot und Zehent an der Tagesordnung war, und die „Herrschaft“ noch etwas galt. Und Großpapa stimmte ihr bei.
„Ich weiß mich noch ganz genau zu erinnern, wie ein jeder Bauer seinen Tribut gebracht hat. Der Getreideboden, der Keller sind das ganze Jahr nicht leer geworden. Und in unserer Gegend hat es einen berühmt guten Wein gegeben. Stark wie der Teufel und moussierend wie Champagner. Da hat die Mama einmal einen kleinen Tampus bekommen. Als junges Fräulein hat sie nämlich nie einen Tropfen getrunken.“
Er sucht mühsam die Bissen auf dem Teller zusammen, wobei gewöhnlich die Hälfte zurückfällt. Großmama hackt so energisch darin herum, um ihm die Stücke zurecht zu schieben, als wäre das Fleisch ein Walfisch, und die Gabel eine Harpune. „Geh’ lieber Ferdinand, so nimm’ Dich doch ein wenig zusammen. Es ist ja eine Schande, wie Du ißt.“
„Du darfst nicht vergessen, daß ich blind bin“, erwidert er ruhig.
„Ich weiß schon, aber wenn Andere es können. Der König von Portugal, der war ja auch stockblind, und wenn ich nehme, wie der appetitlich aß!“
Don für sich: „Der König von Portugal, der ist mir ganz egal.“
„Aha hörst Du was der Don sagt. Ich find’, der Mensch ist schrecklich keck.“
„Wenn Du den Don nicht hättest! Nicht wahr, Fellner“, fuhr sie zum Gesellschafter gewandt fort, „ich weiß wirklich nicht, was mein Mann ohne Sie anfangen würde.“
Don tut solches Lob sehr wohl. Er verlangt ja nichts, als dieses bischen Anerkennung. Überhaupt ein anspruchloses, kindliches Gemüt. Er fühlt sich wohl, trotz seines Automatenlebens. Mich aber ergreift bisweilen etwas wie Mitleid, wenn ich ihn betrachte. Nicht, daß er einen überarbeiteten Eindruck macht! Nein, wahrlich nicht. Sein rundes, gerötetes Gesicht, und die über das Maß behäbige Gestalt erinnern vielmehr an die lustigen Mönche auf den Grütznerbildern. Es kommt daher, weil er fast keine Bewegung macht und seinen Teller stets bis an den Rand füllt. Vom Morgen bis Abend muß er trockene Geschäftsdiktate schreiben, aus alten Urkunden vorlesen, förmlich Verzicht leisten auf seine Individualität. Für solche Menschen wird das selbstständige Denken Luxussache, sie gestatten es sich nur in den seltensten Fällen, gewöhnen es sich schließlich ganz ab und leben dahin, wie das liebe Tier.
„Na ja natürlich. Es ist immer Alles recht, was Dein lieber Fellner tut“, versetzt Großpapa in eifersüchtigem Ton.
„Es ist schon gut. Jetzt ein bissel ruhig sein, lieber Ferdinand, sonst überzuckst Du Dich.“
„Du hast aber viel an mir auszusetzen. Früher, da hast Du immer nur die guten Seiten gesehen.“
„Du warst aber auch ganz anders. Aussehen und Manieren wie ein Prinz“, versicherte sie mir.
„Natürlich, man wird alt.“ Und dann intoniert er mit zitternder Stimme die schöne schwermütige Melodie aus dem „goldenen Kreuz“: „Jenun, man trägt, was man nicht ändern kann.“ Ja, das waren Zeiten damals. Soll ich Euch erzählen, wie ich die Mama kennen lernte? Und trotz einstimmigen Protestes beginnt er die Geschichte von Neuem:
„Ich habe mit ihrem Bruder am Gymnasium studiert. Wir waren sehr gut miteinander und er hat mich im Hause meiner nachmaligen Schwiegereltern aufgeführt. Constanze saß am Fenster neben ihrer Mutter und arbeitete an einer Stickerei. Damals haben die Damen Locken getragen, und ich schwärmte seit jeher für blondes Haar. Und sie hat so herrliches gold-blondes Haar gehabt, -- eine Locke, die ihr bis unter die Taille hieng. Sie sehen und mich verlieben war eins. Mein Vater war ganz wild, weil ich ihm erklärte, daß ich bereits meine Wahl getroffen hatte. Die oder Keine. „Dummer Bub“ hat er gesagt, „lern’ Du lieber. Mit dem Heiraten hat es schon noch Zeit.“
„Das glaub’ ich“, mengte sich Don höchst respektswidrig ins Gespräch. „Der Herr Baron sind ja noch vor der Schultafel gestanden.“
Großmama, die sich zuerst ablehnend verhalten, lächelte nun doch etwas geschmeichelt, und er fährt fort:
„Vier Jahre, sage vier Jahre -- beinahe so wie der Jakob um Rebekka, hab’ ich um die Mama geworben. Und weil mein Vater sah, daß ich meinem Entschlusse treu blieb, gab er nach. Aber er sekierte mich in einemfort und sagte: „Geh’ bild’ Dir nur ja nichts ein: die Constanze mag Dich ja gar nicht.“ Die Mama wollte mir nämlich nie öffentlich einen Kuß geben, aus übertriebenem Schicklichkeitsgefühl. Schließlich mußte er seine Vermutung doch aufgeben.“
„Genug, genug, lieber Ferdinand,“ bestimmte Großmama, doch diesmal fügte er sich ihrem Wunsche nicht: „O nein Mylady: jetzt kommt gerade das Piquante.“
„Schämst Du Dich denn nicht, vor dem Kind?“ Ich war nämlich noch immer das Kind.
„Nein, gar nicht. Es war bei einem Spaziergang. Die Eltern giengen ein Stück voraus und ich schlich zu Constanze, die etwas im Zimmer vergessen hatte. Wir benutzen die Gelegenheit, und wie wir mit einander schnäbeln, steht plötzlich mein Vater vor dem Fenster und ruft in seiner ungenierten Art herein: „Ah, da schaut’s nur einmal her: Tut’ immer als ob’s nicht Drei zählen könnt’ und laßt sich dann von ihm abbusseln.“ -- Wie die Mama erschrocken und verlegen war! Ganz feuerrot. Geweint hat sie vor Verzweiflung. Gelt Mylady?“ und er tastet nach ihrer Hand.
Um Ruhe zu haben, reicht sie ihm die Fingerspitzen und während er sie an seine Lippen führt, murmelt sie, den Blick himmelwärts gerichtet, als riefe sie unhörbare Zeugen an: „Nein -- nein diese Fadheiten.“
Und Tante Nilla rümpft die Nase und ißt stillschweigend weiter. Sie spricht jetzt womöglich noch weniger als früher. -- Man sieht und hört sehr wenig von ihr. Nur wenn die Turmuhr Mittag verkündet, tritt sie in einen dicken Mantel gehüllt, das Gesicht mit einem Schleier so vermummt, daß man gar nichts von ihren Zügen sieht, auf die Terrasse. In der einen Hand trägt sie einen Marktkorb, in der anderen eine enorme Gießkanne. Rechts und links von Hunden in einer abenteuerlichen Uniform -- marineblau mit grauen Borten -- flankiert, so findet sie sich bei ihren Schützlingen ein.
An einer entlegenen Stelle des Gartens ragt eine stattliche Colonie empor, an der beständig hinzugefügt, vergrößert wird. Nie haben altersschwache Eichkätzchen, flügellahme, hinkende Krähen eine fürsorglichere Pflegerin, ein comfortableres Heim besessen.
Und hier taucht die schweigsame Tante auf. Sie spricht mit diesen stummen Geschöpfen, als wenn es ihresgleichen, vernünftige Wesen wären, und legt eine Zärtlichkeit in ihre Stimme, wie sie nur weichen Gemütern eigen ist. Sie tadelt und lobt, streichelt sie, und lacht fast übermütig auf, wenn Eines oder das Andere Allotria treibt. Es ist nicht mehr dieselbe, etwas düstere Erscheinung, wie wenn sie unter Menschen weilt. Nichts von jener unnahbaren Haltung, die von vornherein jedes herzliche Verhältnis ausschließt.
Und es ist, als ob die Tiere sie verständen. Jedes kennt seinen Namen und niemals meldet sich ein falscher. „Nirps!“ und der Doyen der Krähen, ein einäugiger, ziemlich zerzupfter Gesell kommt herangetänzelt und dienert vor ihr, oder „Stutzl“, das Eichhörnchen mit dem angeschossenen Bein versucht einen Purzelbaum zu schlagen. -- Im Großen und Ganzen eine traurige Gesellschaft. Mir tut ihr Anblick weh.
Ich blicke mit einer Art Staunen zur Tante hinüber: sie ist eine von Jenen, aus denen man nicht klug wird. Vielleicht war ihr einmal Böses widerfahren und der alte Groll lebt in ihr fort und macht sie fühllos den Menschen gegenüber. Wer weiß! Ich hätte etwas darum gegeben, dieses Problem zu lösen, doch es gelang mir nie. Tante Nilla wußte ihre Persönlichkeit und alles was damit zusammenhieng, in das undurchdringlichste Dunkel zu hüllen. Sie war und ist mir immer ein Rätsel geblieben. Ihre Liebe zu den Tieren bildete sozusagen das einzige Bindeglied zwischen uns. Denn auch ich schwärmte für so etwas Kleines, Vierbeiniges, das wir im Garten hatten, ein junges Reh. Es ist eine Waise und -- namenlos.
Wir nennen ihn nur: „Er.“ -- Das sagt aber auch Alles. Er ist eines jener bevorzugten Wesen, die sich die Herzen Aller im Flug erobern, ohne selbst etwas dazu zu tun. „Er“ ist, „er“ existiert und das genügt vollkommen, dadurch erfüllt „er“ seine Pflicht. Nicht, daß er sich etwa keiner äußeren Vorzüge rühmen darf: ganz im Gegenteil, er ist in Allem und Jedem der comble der Vollkommenheit. Welche Anmut, welch’ hinreißende Grazie er besitzt, das hält nur Jener für möglich, der ihn selbst gesehen. In seiner Haltung, dem stolzen Tragen des Kopfes, dem leicht gewiegten Gang liegt eine Poesie ohnegleichen. Er hat eine Art und Weise, Einen anzublicken, die wie Sonnenschein ins Innere dringt; im feuchten Glanz der großen dunklen Augen liegt etwas, das zum Guten mahnt, und einem Jünger Apoll’s die lieblichen Worte entlockte.
„Hat diese Welt als einz’gen Lohn Für mein Bemühen, Spott und Hohn, Kann nichts mein Herz so tief erquicken, Als in Dein arglos Aug’ zu blicken.“
Und er war tatsächlich im Zeichen der Poesie geboren. „Im wunderschönen Monat Mai, als alle Knospen sprangen, da war sein Lebenslichtlein aufgegangen.“ Im Waldesschatten, nahe dem murmelnden Bach, hatte seine Wiege gestanden; bemooster Boden, um den sich zartgrünes Brombeergestrüpp schlang, und dort habe ich „ihn“ gefunden.
Sein Vater hatte sich in Ermangelung jeden Sinnes für Familienpflichten auf und davon gemacht, und da „ihm“ ein tückisches Schicksal die natürliche Ernährerin von der Seite gerissen, stand „er“ allein und hilflos da, inmitten der weiten Welt.
Wie er zitterte in seinem Versteck und mit der weichen Sammetschnauze meine Lippen beschnupperte! Dann begehrte „er“ infolge einer optischen Täuschung stürmisch nach meinem Handschuh, den ich ihm auch bis auf Weiteres willig überließ.