Wie es Licht geworden!

Part 13

Chapter 133,539 wordsPublic domain

Ich drückte das liebe kleine Ding mit dem gefleckten Fell zärtlich an mich, mit der Empfindung, einen Schatz gefunden zu haben. Aber mit zärtlichen Gefühlen allein nährt man kein monataltes Reh, und so hieß es denn, die materielle Seite in’s Auge zu fassen. Ich machte mich mit meiner leichten Bürde auf den Heimweg und sah der Zukunft frohgemut entgegen, denn die Adoption schien mir, wenigstens vorderhand, mit keinen unüberwindbaren Schwierigkeiten verbunden. Ein eingezäunter Platz der Obstwiese sollte sein neues Heim werden, und zur Wärterin bestellte ich mich selbst. Die Bedürfnisse meines kleinen Kostgängers waren recht bescheidene, und der Dank, mit dem er jede Aufmerksamkeit entgegennahm, verdoppelte die Freude, für ihn zu sorgen.

Wenn ich ihn in den Armen hielt und er heißhungrig die mit warmer Ziegenmilch gefüllte Saugflasche bearbeitete, bot sich mir Gelegenheit, ihn bis in’s Detail zu studieren, und ich gewahrte Schönheiten, die mir im ersten Augenblick entgangen waren. So weich und harmonisch war Alles an ihm, so rührend der Ausdruck des Köpfchens, mit den langen, aufgebogenen Wimpern und den seidigen Losern. Dann stellte ich ihn auf die Erde und er machte kleine, furchtsame Schritte, wobei er jedoch die übermäßig langen Beine mit einer Behutsamkeit und Grandezza voreinander setzte, als wäre er ein Tanzmeister in Lackschuhen. Er folgte mir auf Schritt und Tritt, benahm sich immer gut und würdevoll. -- „Er“ ist zum Tagesgespräch geworden und es machte uns Spaß, ihn im Geiste in den verschiedensten Verkleidungen vor uns zu sehen. Bald stellten wir ihn uns als Troubadour vor, an der Mandoline zupfend, bald wieder im kleidsamen Rokokocostüm mit Zweispitz und Hackenschuhen, auch im Spitzhut des Touristen, bis wir zum Resultate kamen, daß er überhaupt nicht mehr schöner sein könne, als er war.

Wir erfanden ganze Geschichten, die wir zum Schlusse für wirklich wahr hielten und in denen „Mutzamein“, eine zarte, weiße Katze, die Hauptrolle spielte. Es gieng das Gerücht, daß „er“ sie zur Wirtschafterin engagiert habe und wenn wir vor der Thür ihr „Miau“ vernahmen, frugen wir, als ob es sich von selbst verstände: „Was will denn der gnädige Herr?“ -- „Gnädiger Herr?“ Im Grunde aber hegten wir die feste Überzeugung, daß er bedeutend höher auf der socialen Leiter stünde, etwa „Chevalier“ war, Marquis oder spanischer Grand. Alles sprach dafür, wenn man auch keine bestimmten Tatsachen nachweisen konnte. Sein elegantes Auftreten, sein vornehmer Geschmack. Er nahm nur Delicatessen zu sich, das Erste, Saftigste, was die jeweilige Jahreszeit bot -- Veilchen, frische Rettigblätter, die er mit Kennermiene verzehrte, Rosen, Erdbeeren und geschnittene Äpfel.

Sehr komisch war es anzusehen, wenn er Baumäste und niederes Buschwerk attaquierte und dazu die tollsten Sprünge machte. Er konnte eben tun, was er wollte, wir fanden Alles „herzig“, unnachahmlich.

Robert schien sein Anblick zu ergötzen und das stimmte mich milder gegen ihn. Ich hatte mich indes getäuscht.

„Im nächsten Frühjahr kann er ein ganz passabler Bock sein. Dann lassen wir ihn hier im Garten aus und veranstalten eine Jagd.“

Obwohl es halb im Scherz gesagt war, empörte mich die Äußerung. Es lag so viel Taktlosigkeit darin, so viel Rohheit des Gefühls.

* * * * *

Ein Tag vergieng wie der andere, -- und die Jahre flossen dahin in ruhiger Gleichmäßigkeit. Ich merkte es kaum -- es war mir zur zweiten Natur geworden, dieses Leben, arm an Ereignissen und reich an Arbeit.

Ab und zu kam Besuch aus der Nachbarschaft und da erzählten dann die jungen Mädchen von den Erlebnissen im Fasching und in der Stadt. Bälle, Rennen, Toiletten und Courmacher. Sie kannten kein anderes Thema, ich wußte nicht mitzureden und so blieben wir uns fremd.

Und doch, wenn sie gegangen, beschlich es mich wie leise Wehmut. Eine so eigentümliche Empfindung. Ich kann nicht sagen, was es ist. Es lehnt sich etwas in mir auf. Es fehlt mir etwas. Dann eile ich, von innerer Rastlosigkeit getrieben, von einem Zimmer in das andere, hinaus in den Wald, und da wird mir leichter.

Es ist so ruhig und friedlich um mich her. Ich schließe wie unbewußt die Augen und atme in langen Zügen die würzige Harzluft ein. Das Rauschen der Bäume klingt wie Musik an mein Ohr. Welch’ eigentümlicher Zauber liegt doch in dem Zusammenklang dieser mannigfachen Töne, welche Harmonie in dem bald nahen und lauten Flüstern, bald weit und leise schallendem Echo!

„Tok-tok“ tönt es in regelmäßigem Rytmus vom nahen Baumstamm herüber. Meister Specht hat wohl eine Postarbeit zu vollenden, und unwillkürlich muß ich über die Geschäftigkeit des bunten Vogels lächeln. Die alten Tannen neigen zustimmend das Haupt, und die zwei Eichkätzchen, auf deren Fell gerade ein Sonnenstrahl fällt und es goldig schimmern macht, halten in ihrem Haschen inne, als schämten sie sich ihrer Spielsucht, aber schon im nächsten Moment beginnt die tolle Jagd von Neuem. Leichtfertige, schnelle Dinger! -- Glückliche Geschöpfe, die nichts ahnen vom schnellen Entschwinden der Zeit, nur die Lust des Augenblickes kennen, ohne Furcht und Reue. Wer weiß, sie sind vielleicht klüger als Jene, denen so manches Vorurteil das volle Genießen verbittert.

Ein welkes Laub wirbelt mir in den Schoß und ich schrecke nicht zurück vor der Berührung mit dem bleichen Gespenstchen; es will mir fast wie ein Widerspruch scheinen, denn auch hier weht mir kalter, erbarmungsloser Todeshauch entgegen. Auch in diesen zarten Äderchen hat noch vor Kurzem Leben pulsiert, frisches, warmes Leben, das ein einziger Windstoß, ein leiser Ruck vernichtet hat. Ich seufze auch nicht, während ich es zu Boden gleiten lasse. Mag es hier auf der feuchten Erde liegen bleiben und vermodern, mögen achtlose Menschenfüße es zu Staub zertreten, es hört nicht auf zu sein, wenn auch in anderer Form und Weise. Mutter Natur hat ein zu großes, liebendes Herz, sie hängt auch am kleinsten ihrer Kinder und will sich von ihm nicht trennen.

Alles um mich her strömt intensive Lebensfreude aus. Ein schillernder Schmetterling wiegt sich im Cyclamenbecher und schlürft berauschenden Trank.

Die kleinen naseweisen Ameisen summen etwas von „fleißig sein.“ Offenbar behagt ihnen mein müßiges Träumen nicht. „Nun laßt aber auch sehen, ob ihr vollkommen genug seid, um Anderen gute Lehren zu erteilen?“

Behutsam nähere ich mich dem aus Erde und Tannennadeln gebildeten Haufen, in dem es schwarz wimmelt. Ich halte den Atem an und sehe gespannt dem regen Treiben zu. Was das für geschickte Baumeister sind! Wie klug und systematisch die Strohhalme, Nadeln und Holzspähne auf einander geschichtet sind! Aus der winzigen Baumhöhle schöpfen sie unermeßliche Reichtümer aus selbstfabricierten Sägespähnen. Eine Ameisenabteilung steht auf dem balconähnlichen Vorsprung und wirft aufrecht stehend, mit den Vorderfüßen den unten harrenden Cameraden staubähnliche Splitter zu. Jene Anderen, welchen die Sorge für die Mittagstafel obliegt, schleppen mühsam einen Käfer, ein totes Würmchen herbei; sie keuchen gewiß unter der schweren Last, aber Entmutigung kennen sie nicht. Nach minutenlanger Rast nehmen sie die Bürde wieder auf und frisch geht es dem Ziele zu. „Nur nicht verzagen“, das ist ihr Motto.

Ich lasse mich auf einen Reisigbündel nieder und meine Betrachtungen schweifen von der emsigen Colonie dem blauen, wolkenlosen Himmel zu. Wie gleichmäßig spannt er sein Zelt aus, wie unergründlich ist sein Lächeln, das er auf so viel Glück und auf so viel -- Elend herabsendet! ... Ich kehre wieder zur Erde zurück und lenke den Blick auf die vor mir liegende Waldpartie. Nicht ohne Wohlgefallen wende ich das Auge von den alten hundertjährigen Buchen- und Eichenbeständen zu den Kindern späterer Zeit, deren Prachtentfaltung der Zukunft gehört. Es macht einen angenehmen Eindruck, dieses frische, saftige Grün, im Gegensatz zu dem ernsten Dunkel, das wie ein Schatten, eine erfahrungsreiche Mahnung zur Jugend hinübersieht. „Was könnten wir Euch erzählen, wie trefflich Euch raten; noch verschmäht Ihr unsere Warnungen, einstens aber werdet Ihr an uns denken.“ -- Vergeßt Ihr wieder einmal, Ihr Alten, daß auch Ihr in Jugendfülle und Übermut dastandet, den Lenzhauch in Eueren Ästen rasten ließet und die gefiederten Liebespaare in Eueren Zweigen beherbergtet?“

Im Grase zu meinen Füßen schimmert es in schillernder Taupracht. Es zittert und weht hin und her, wie der zarteste mit Goldfiligran verwobene Spitzenschleier. Bedächtig zieht sie einen Faden um den andern, die langbeinige Spinnerin, ganz unbekümmert um die arme gefangene Eintagsfliege, die Todesqualen leidet. „Warte nur, Du grausamer Tyrann! Wir leben nicht mehr in der Zeit des Faustrechtes; einer schöneren Periode geht es entgegen, wo es keine Hinterlist, keinen Betrug und -- keinen Krieg mehr giebt.“ Ich fahre mit der Schirmspitze in den flimmernden Dunst und jetzt ist es mir leichter. „Lebe, kleine Fliege und schwing’ Dich mit den glashellen Flügeln in den blauen Äther empor.“

Brombeerstauden umschlingen die Baumstümpfe des Holzschlages und die schwarzen Früchte blicken mir verlockend entgegen. Ist es denn so lange her, daß ich an diesem Plätzchen gekniet und Erdbeerlese gehalten habe? -- Ja, das Rad der Zeit rollt unaufhaltsam fort. Auch der Frühling, die Jugend entflieht und der Herbst meldet sich. Doch es gibt ein schönes, frohes Alter, es entsprießen ihm süße, erquickende Früchte, wenn ein Lenz der Gewissenhaftigkeit, ein Sommer treuer Pflichterfüllung vorausgegangen.

* * * * *

Die Tante und ich, wir nahmen seit längerer Zeit regen Anteil an der Friedensbewegung und waren mit vielen Gleichgesinnten in schriftlichen Verkehr getreten. Und wir hätten es nur natürlich gefunden, wenn das gesammte weibliche Geschlecht sich verbündet hätte, um der Kriegsfurie Einhalt zu gebieten. Mußte denn nicht jedes Mutterherz bluten, bei der Vorstellung, daß sein Kind eines Tages verstümmelt, zerfetzt, unter namenlosen Qualen zugrunde gieng? -- Doch nein, es war noch immer Mode, die Söhne altadeliger Familien in militärischen Anstalten erziehen zu lassen, und wer es wagte gegen den Strom zu schwimmen, wurde mit scheelen Blicken angesehen.

Zudem gab es mehr als einen Retrograden, der aus Princip ein wütender Gegner der Bewegung war, sich mit Händen und Füßen wehrte, und ihr mit beißendem Hohn begegnete.

In unserem Dorfe selbst verhielten sich die meisten Leute, namentlich zu Beginn, ziemlich mißtrauisch. Wenn sich einmal ein Bauer etwas in den Kopf setzt, läßt er es sich nicht so leicht wieder ausreden, und sie hatten von jeher an dem Grundsatz festgehalten: „Nur ja schön vorsichti sein, sonst sitzt mer mir nix, Dir nix in der Patschen. Und gar wann’t Herrschaft d’ Hand im Spüll hat -- die kunnt an ausnutzen und dabei no profitieren.“

Diesen Leuten gegenüber mußte man also eine eigene Taktik einschlagen. Ihnen schroff begegnen, hätte sie abschrecken geheißen von allem Anfang an, und sie bitten, wäre ebensowenig das Richtige gewesen. Es blieb nur eine Möglichkeit: sie selbst zum Denken zu bringen. Wir verteilten Flugschriften unter die Erwachsenen und beschenkten die Kinder mit kleinen hübschen Geschichten. Und war gerade der Büchervorrat erschöpft, so erhielten sie Spielzeug und andere Kleinigkeiten. Hin und wieder nahm ich die Vernünftigeren auf einen Spaziergang mit, und das schmeichelte den Eltern ungemein: „Mußt schön fleißi sein und Dein G’setzel auswendi lernen, nachha darfst an ein Sunndag mit der Baroneß Mimi gehen“, und die Kinder folgten gern.

Und im Verkehr mit diesen jungen Geschöpfen fühlte ich mich selbst in meine Kindheit zurückversetzt. Meine Lieblingspuppe „Clementine“ hatte ich dem kleinen Hauer-Reserl geschenkt und die trennte sich nicht mehr von ihr. „Wissen’s Baroneß, ich hab’ die Tini so gern, weil’s Ihnen g’hört hat“, versicherte sie ernst. „Überhaupt, wann Sie mir was schaffen, so freut’s mi immer. Das war so schön, was mer neuli zum Lesen geben haben.“

„Was war das Reserl? Ich erinnere mich nicht mehr.“

„No die G’schicht vom Soldaten, der stirbt, und wie sei kleine Tochter ins Spital kommt und sagt, daß ohne Vattern nit leben will.“

„Ja, Reserl, gelt’ das is traurig, wenn’s so anem Kind sein Liebstes erschießen!“

„Und ob.“ Drauf ward sie schweigsam. -- -- Sie gieng mit zaghaften Schritten neben mir her; das Köpfchen hielt sie etwas gesenkt und die langen schwarzen Wimpern warfen dunkle Schatten auf ihr blasses, schmales Gesicht. Sie war kein schönes Kind, aber eigenartig durch und durch. Für mich hatte sie eine große Schwärmerei, -- ich glaube sie hieng noch mehr an mir als an den Eltern -- und dann noch für die dunklen Pensèes, die in mannigfachen Farbenzusammenstellungen unsere Gartenbeete zierten.

„Goldblumen“ so nannte sie sie, meine stummen Rivalinnen. Ich habe die Kleine einst belauscht. Sie kniete, winzig wie ein Käferchen, vor einer Gruppe der genannten Blumen, den Oberkörper etwas nach vorn gebeugt, die Arme wie segnend ausgebreitet, während ihre Augen in unbeschreiblicher Verzückung an den dunklen und gelben Köpfchen hiengen. Ein Lächeln, das ich nie vorher an ihr gewahrt, verklärte ihre Züge und dann plauderte sie mit den sammtenen Geschöpfen. „O wie schön Ihr seid, meine lieben Goldblumen, schöner, viel schöner als die Rosen und Nelken, -- ein Jed’s ein anderes G’sichterl. Ihr solltet’s nie verdorren. Habt’s nur keine Angst. Ich pflück’ Euch nicht: ich tu’ Euch nichts zu Leide.“ Und dann küßte sie jede einzelne auf das sanfte Blumengesicht.

Ich lauschte stumm und tiefergriffen. Es gab also Kinder mit angeborenem poetischen Empfinden, das der Schlamm, der Schmutz, in dem sie ausgewachsen, nicht zu ersticken vermocht. Was konnte aus einem solchen Wesen werden, wenn es in die richtigen Hände geriet -- und umgekehrt. -- -- --

Die paar Stunden in der Schule und dann sich selbst überlassen, den lieben langen Tag. -- -- Wieviel schöne Anlagen, die nie zur Ausbildung gelangen, wieviel Talente, von denen Niemand ahnt. -- Aber freilich, wo soll der Staat das Geld hernehmen für die Erziehung, wenn er es so nötig braucht für neue Uniformen und Gewehre.

Sie war nur eine der Vielen, die den trostlosen Verhältnissen zum Opfer fallen und ich wurde unendlich traurig bei dem Gedanken. „Armes, armes Reserl.“

* * * * *

Bei meinem Vetter gieng etwas nicht mit rechten Dingen zu: wir merkten es ihm deutlich an, und schließlich rückte er mit der Sprache heraus. Um doch irgendwie die Zeit totzuschlagen, hatte er sich dem Spiritismus gewidmet. Er befaßte sich mit Tischklopfen und Geisterschrift und gab sich alle erdenkliche Mühe, uns für seinen neuesten Sport zu gewinnen. „So versucht es doch nur einmal. Ich begreife gar nicht, wie man an dem Einwirken überirdischer Mächte zweifeln kann.“

„Wir läugnen auch gar nicht, daß es noch unerforschte Kräfte gibt, in der Natur: ich selbst glaube -- d. h. bis zu einem gewissen Grade an Suggestion, und an Hypnose: doch das hat mit Deinen Geistern nichts zu tun“, erwiderte Tante Laura.

„Du willst also nicht zugeben, daß welche existieren. Wir haben aber Beweise dafür.“

„Du bist jedenfalls sehr genügsam, Robert, wenn Du Dich damit zufrieden gibst, daß sich im finstern Zimmer ein Tisch bewegt, oder wenn Du fragst, Antworten erteilt, die Dir der erste beste Bauer geben könnte. Ich verlange da schon etwas mehr.“

„Was sollten sie denn sagen? Sie müssen ja auf das Niveau unserer Vernunft herabsteigen, um sich uns verständlich zu machen.“

„Sie müßten im Gegenteil unseren Geist erleuchten, unser Auffassungsvermögen erweitern, damit wir ihnen über die Alltäglichkeit hinausfolgen könnten. Uns ganz ungeahnte, verblüffende Dinge enthüllen, uns von der Zukunft prophezeien. Kannst Du mir etwas in dieser Art anführen?“

„Es ist sehr schwer mit Solchen zu discutieren, die von vornherein nicht glauben wollen.“

„Wenn es Dir gelänge, mich zu überzeugen, würde ich mich gewiß nicht sträuben: aber bis jetzt habt Ihr nichts Markantes aufzuweisen. Im Gegenteil, es ist ja nachgewiesen, daß die paar Haupteffekte, mit denen sich die Spiritisten so gerne brüsten, auf schwindelhaften Manipulationen beruhen. Weshalb scheuen Euere hohen, freien Geister das Tageslicht? Soll nur einmal Einer eine ~séance~ bei Sonnenschein halten! Das versuchen sie aber wohlweislich nicht: „im Dunkeln ist’s gut munkeln.“ Und, soll ich Dir offen meine Meinung in dieser Frage sagen?“

„Gewiß“, versetzte er zögernd.

„Ich halte es geradezu für ein Unrecht, für einen Betrug, der dummen, leichtgläubigen Menge solchen Hokuspokus vorzumachen, sie auf den Holzweg zu führen.“

„Aber Du, die Du so viel auf Ethik gibst, siehst Du denn nicht das veredelnde, erhebende Moment? Die Leute werden sich mit ihrem Schicksal viel eher aussöhnen, wenn sie in der Erwartung eines idealen Jenseits leben.“

„Robert Robert, Du tust mir wirklich leid. Ich finde keine Spur von Ethik, noch von Ästhetik in wandelnden, weißdrapierten Gerippen, die um Mitternacht in den Möbeln rumoren, und furchtsame Leute an den Ohren zupfen.“

„Immer die realistische Auffassung.“

„Aber doch mit Recht. Und Scherz beiseite, nur Leute im höchsten Grade der Nervenzerrüttung, anormale und schwache Menschen, die einen Profit erhoffen, die nicht Mut genug besitzen, sich in das Unabänderliche einer Trennung zu fügen, sind Euere Genossen. -- Ja, wenn die Lieben widerkämen“, fügte sie in Selbstvergessenheit hinzu, „dann freilich wär’ der Abschied nicht so bitterhart. Aber bloß weil wir es wünschen -- das genügt nicht.“

Auch ich seufzte auf und Robert trachtete meine Stimmung auszunützen: „Du hast kein Wort gesagt? Du hältst es doch wenigstens nicht für unmöglich?“

„Ich glaube nicht daran.“ „Wahr, wahr in allen Consequenzen, und wenn das Herz darüber bricht“, es war sein heiliges Vermächtnis.

„Das reine Echo Deiner Tante“, versetzte er spitz und gieng.

* * * * *

Mein Geburtstag. Ich bin 24 Jahre alt geworden. Wie ist das nur gekommen, so rasch, so unvermerkt? Was war mein Leben bis jetzt gewesen, und was würde es in Zukunft sein? -- --

Es klopft.

„Herein!“

Hannerl in ihrem besten Staat wünscht mir alles erdenkliche Gute. Ihr Gesicht strahlt vor eitel Wonne, seit Großmama auf unser Zureden, ihre Einwilligung zur Heirat mit Fertel gegeben, der nun zum Förster avanciert war.

Im Winter sollte Hochzeit sein, und täglich nach Feierabend arbeiteten sie an der Einrichtung ihres neuen Heims. Hannerl wurde nicht müde, mir darüber zu berichten:

„Das erste Zimmer soll lichtgrün werden -- der Plafond mit Blumen in den Ecken -- und der Glaskasten soll“ -- -- „Ein weißes Haar“ -- „da schauen Baroneß“, und mit naivem Interesse hielt sie mir die eine Flechte hin. „Aber nicht ausreißen“, bat sie, als ich es herausziehen wollte -- -- „das ist ja schön“, und sie plauderte weiter.

Ich aber war nachdenklich geworden. Und wieder kam es über mich, jenes ängstliche, beklemmende Gefühl, das mich in letzter Zeit so häufig beschlich. Eine Art Schwindel und dabei ein Prickeln unter der Haut wie von 1000 Nadelstichen. -- -- Ich fühlte mich abgespannt und müde; dabei ward es mir zu eng im Zimmer, ich meinte zu ersticken.

Vor dem Tor erwartete mich die Schar der kleinen Gratulanten aus dem Dorf. Sie waren komisch anzusehen, wie sie dastanden, geschniegelt und gestriegelt, und in sichtlicher Befangenheit an ihren Schürzen zupften. Atemlos, als jage Jemand hinter ihnen drein, plapperten sie ihren Vers herunter und seufzten erleichtert auf, als sie damit zu Ende waren.

Nur Reserl hielt mir stumm einen Strauß Reseden hin und küßte mir die Hand. Da stieg es mir heiß in die Augen und ich wandte mich rasch ab -- -- es sollte Niemand sehen, wie unaufhörlich mir die Tränen über die Wangen rannen, hinab auf die Hände, die hellen, salzigen Tränen.

Das Laub prangt in den glühenden, satten Farben des Herbstes, und feuchte Nebel rieseln herab. Ein eigentümlicher Modergeruch erfüllt die Luft, und zahllose welke Blätter bedecken die Erde. -- Ein winziger Vogel hüpft von Ast zu Ast und singt -- -- es klingt so traurig und gemartert.

Graue Wolken jagen am Himmel dahin: eine unerklärliche Lust erfaßt mich; sie zu haschen, die so rasch entfliehen. „Bleibt, eilt nicht so!“ -- -- Alles vergeht, ich komme mir so alt vor, und erst später -- wie lang wird’s dauern!

Namenlose Traurigkeit erfüllt mich. Ich möchte mich hinlegen zu den toten Blättern und mit vergehen im großen Sterben der Natur.

Müde lassen die letzten Blüten ihre Köpfchen hängen, als hätten sie gar Schweres zu tragen. Wer weiß! Es kann ja Niemand in einer Rosenseele lesen!

Auf den Wiesen spannt der Altweibersommer seine Fäden aus. -- -- Langgezogen und schwermütig tönt der Pfiff der Eisenbahn zu mir herüber, wie der letzte, jammervolle Aufschrei einer gequälten Seele.

Dann ist es still. Das Ende. Wie öde, wie leer! Und plötzlich kommt mir ein Lied in den Sinn, das ich die Tante singen gehört, das Tosti’sche „Ninon“:

„~Ninon, Ninon, que fais-tu de la vie? Rose ce soir, demain flétrie. Comment vis-tu? Toi qui n’as pas d’amour?~“

Morgen schon „vorbei“. -- -- Jede Minute arbeitet langsam aber sicher am Zerstörungswerk. Unaufhaltsam treibt die Natur ihr grausames Spiel. Sie schafft mit Feenhänden, um mit Keulenschlägen zu zertrümmern.

Nichts bringt uns das Heute zurück. -- Das Leben ist so kurz -- und im Weibe wohnt der Drang -- sich hinzugeben in der Rosenzeit. Es ist so traurig, dahinzuwelken, ohne geblüht zu haben.

„Vierundzwanzig Jahre“, und ich betrachtete mich lang im Spiegel. -- Ich sah bedeutend jünger aus. -- -- Aber es war doch nicht mehr der taufrische Teint, der leuchtende Blick von früher. -- Und dann auf der Stirne, um die Mundwinkel -- die ersten Fältchen, unmerklich dünne Linien noch -- aber wie lange?

Vielleicht war ich überhaupt nie jung gewesen? Eine Scheintote, die plötzlich aus dem Sarge steigt um die Rechte der Lebenden zu fordern „Glück und Liebe.“

In der Arbeit liegt Befriedigung: ich hatt’ es selbst erfahren. -- -- Aber alles ersetzen -- nein -- -- das hat sie nicht vermocht.

Mein Herz begann zu klopfen, so laut und bang. Ich hörte seine Stimme deutlich: sie sprach von „Leben und Genießen.“

* * * * *

Der Winter zeigte sich ganz besonders hartnäckig in diesem Jahr und die Post hatte infolge der argen Verwehungen wieder einmal Verspätung. Der alte Witzelsberger lädt uns ein, in der Wohnstube Platz zu nehmen, und wir folgen der Aufforderung gerne, denn er ist ein guter Mensch, und einer von den Wenigen, die Schritt zu halten wissen mit ihrer Zeit, so weit man es von einem simplen Bauer verlangen kann. In seinen Mußestunden -- d. h. wenn er nicht amtlich zu tun hat -- betreibt er das Schusterhandwerk, und während er auf seinem Dreifuß sitzt und die Ahle durch das spröde Leder gleiten läßt, schweift sein Geist in höheren Regionen. Er dichtet nicht, wie Hans Sachs, hat aber einen offenen, empfänglichen Sinn für Alles, was die Welt bewegt. Eine gesunde, derbe Vernunft leuchtet durch jede seiner Äußerungen, und unter dem groben Barchentkittel steckt ein braves, ehrliches Herz.