Wie es Licht geworden!

Part 14

Chapter 143,869 wordsPublic domain

Eben befestigt er eine Sohle an winzigen Kinderschuhen: „Die san für die klane Bucher-Lisi aus Polenz“ erklärt er uns. „S’ war ja eh nimmer zum Anschaun, was das arme Hascherl g’froren hat. Blaurote Füß und kein Feuer im Ofen! -- Ja, wenn mer so in die Häuser einerschauert, da hätt’ mer bald g’nua. S’ Armsein, ja!! -- Wann eins no g’sunde Glieder hat, und was verdienen kann, aber so an Existenz wie die sieche Hablarin -- kan Menschen zur Pfleg, und nit allemal a Stückel trockenes Brot im Haus -- wahrhafti, s’ Herz kunnt’s Einem im Leib umdrahn. -- Und da kauft si so a Millionarstochter um 30000 Gulden (nochmals, und sehr gedehnt) um dreißigtausend Gulden eine seltene Pflanzen. Ja, versteh’ns denn dös? I hab’s rein nöt glauben wollen, wier’ is g’lesen hab’. -- Die Blumen, und wenn’s a no so schen is, wie lang dauert’s denn, und sie laßt ’n Kopf hängen? Und herentwegen, wie vüll Gut’s ließert si mit dem Geld machen. Die wissen’s Alle miteinander nicht, die reichen Leut’, was für a furchtbare Verantwortung als’ haben.

Vor ein paar Täg’ is in der Zeitung g’standen, daß ein Abgeordneter -- der Namen fallt mir nit glei ein -- von an Steuerzuschlag g’sprochen hat. Viel macht’s für’n Einzelnen nit aus, -- die paar Kreuzer mehr, die tun auch Unsereins nit weh -- und z’sammenkommen tät halt do hübsch was, und die armen Leut’ braucherten doch wenigstens nit zu derhungern. Da wüßt’ mer do für was, mer hätt’ was davon. Es is ja a Schand -- in an ordentlichen Staat darf ja so was gar nicht vorkommen. Das Richtige g’schieht so nit alleweil -- -- no freili, ma traut si’s nit z’ sagen, sonst kommert mer in Verruf. -- -- Zu was denn um Herrgottswillen, das viele Müllitär? -- -- Anfangen mag do Keiner, weil Jeder si fürcht’, -- no ja, selbstverständli -- no also, jetzt steh’ns da -- und warten -- -- is dös vielleicht a a Beschäftigung? -- Und leben müssen’s do -- Geld brauchen’s -- her damit.“

„Ja, Recht hab’ns Witzelsberger,“ versetzt die Tante. „Nicht nur, daß das Rüsten ins Blaue hinein, Unsummen kostet, -- es erregt vor Allem Mißtrauen, und das ist eine große Gefahr.“

„No freili -- so hab’n sie die großen Krieg no immer ang’fangen. Mannigsmal schielt a der Ane oder der Andere von die hohen Herren über die Grenz, und wann ihm halt beim Nachbarn a Stückerl gar z’ gut g’fallt -- nachher geht’s los. -- Bitt’ Ihnen, für a Fleckerl Erden -- is denn dös im Verhältnis -- wenn mer denkt, wie viel tausend drunter leiden? Wir hab’n do nix davon -- na uns fragt mer aber a nit. -- Sonst, wier’s Volk heutzutag is, a jeder Anzelne tat Ihnen antworten: „Ah na, i bin nit für n’ Krieg, -- i nit.“ S’is ja a Jammer, wann die Burschen fort müssen -- drei Jahr lang dienen -- wann’s nachher hamkommen, da hab’ns das Bissel, was konnt haben, a no verlernt; spielen si auf ’n nobligen Herrn aus, trinken, machen Schulden, tun den Dirn’ schön und lassen’s sitzen, wenn se ’s ins Unglück bracht haben. Na ja, von vorn anfangen, das g’freut’s net; so is kommoder -- und a Posten zu an Officiern find’ si a nit allemal.“

Er war plötzlich nachdenklich geworden. -- „Ja wann i mi so an’s Jahr 66 erinner’“, fuhr er nach einer kleinen Pause fort -- „die Herrschaft war dazumal auf Reisen -- weil mer kei Kirchen im Ort g’habt haben, da san mer’s ganze Dorf an ein Sunndag in die Meß übrigangen nach Blauenstein. I hab’ früher Flöten blasen auf’n Chor, und war immerdar der Eifrigste im Gotteshaus. Wie aber dann der Herr Pfarrer -- jetzt tut ihm a kan Zahn mehr weh -- ang’fangt hat in’s Hetzen, daherzureden, als wann die Preußen kane Menschen nit wären, da hat’s mer nimmer g’fallen. Nachha bin i ausblieben. „Pfarrer“, hab’ i simuliert, „Pfarrer, is denn dös in der Urdnung, is denn dös a Christlichkeit, daß’t machst, als dürft’ mer an Fremden hassen? Hat do der Herr Jesus Christus selber g’sagt: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst -- tue Gutes Deinen Feinden.“ Der Bischof hat’s bald derfahren, na dem war’s halt a nit Recht und drum hat er uns an andern Seelsorger verschrieben. Das war ein Mann, sag’ i Ihnen, Frau Baroneß, den hätten’s sollen predigen hören! „Vor unserm Hergott san mer Alle gleich -- nur durch gute Werke und rechtschaffenes Leben können mer uns vor seine Augen wohlgefälli machen. Alle san mer unserm himmlischen Vater sei Kinder, ob mer aus Frankreich oder Deutschland kommen, Juden oder Christen sind. Keiner darf’n Andern was z’ leid tun, a Jeder soll schön staat vor seiner Tür kehren. Da hat er nur Recht g’habt, der geistliche Herr -- Gott hab’n selig. -- Wenn der heut aufständ’, der möcht’ dem Lueger, der ganzen Antisemitenpartei urdentlich den Text lesen. Na i gunnert’s ihnen, s’ war ihnen recht g’sund.

Ja alsdann -- vom Jahr 66 hab’ i Ihnen derzälen wollen. War dös a Zeit -- i wollt’s nimmer mitmachen, na i nöt. Aber i siehs vor meiner, akkarat als ob’s gestern wär. Im Frujahr, da san die Burschen wie g’wönli assentiert worden. Jeder hat zum Müllitär wollen, weil’s als was B’sonders golten hat. -- Na, und die Madeln haben’s trieben! Wann Aner mit’n farbigen Büschel auf’n Hut z’ruckkommen is, no nachha war’s aus. Busseln hat’s geben, uje -- und Augen verdraht haben’s, wie nit recht g’scheit. Ganz selbstverständli hat si da so a junger Mensch einbildt’, daß er was Extra’s is. No und mei Hannes, der hat’s halt a nit derwarten können, und die Freud, wie’s ihn g’halten haben! I hab’ in der G’huam immer g’hofft, sie nehmen ihn viellei do nit. -- Aber er war a g’sunder starker Mensch: wir hab’n unsere Freud’ an ihm g’habt. Ja, dös hätt’ mer a nit denkt“, setzte er mit verschleierter Stimme hinzu und fuhr sich mit der rauhen Hand über die Augen. „Selbigs Jahr hat er mitmüssen, -- na z’ruckkommen is er a -- aber wie -- mir wär’s meiner Söll lieber g’wesen, wenn ihn a Kugel glei mitten nei’ ins Herz troffen hätt’. Bei der Schlacht von Königgrätz hab’ns ihm an Fuß wurz abg’schossen und den Arm so verwundt, daß er’n hat in der Schlingen tragen müssen. -- Er war schon so tüchti in der Wirtschaft g’west; hat Alles verstanden, i hab’ mi um nix net z’ kümmern braucht; -- mit’n Arbeiten war’s halt dann aus, in Dienst hat’n a kaner mehr g’nommen und froh -- dös is er sei Lebtag nimmer g’worden. Mit die paar Kreuzer, die ein Invalid auf’n Tag kriegt, -- da wird er nit satt davon. Ganz schwermüti is er g’worn, der Hannes, zu trinken hat er ang’fangt, um net alleweil an sein Unglück zu denken. Was wir ihn beten hab’n: „Geh, sei g’scheit, laß’ stehen, thus Dein’ Eltern z’Lieb!“ All’s umasunst. S’hat nix g’nutzt, er hat net aufg’merkt -- und am End’ is er d’ran zu Grund gangen. Dös hat „uns“ der Krieg bracht.“

Ich blickte mich scheu um in dem armseligen Raum, wo sich eine Tragödie abgespielt, wuchtiger, düsterer vielleicht, als auf mancher Großstadtbühne. Auch hier war der Todesengel eingekehrt, um ein blühendes Leben zu fordern: Schmerz und Verzweiflung folgte seinen Spuren.

„Wie san’ mer an den Buab’n g’hangen! -- Kan Arbeit war uns zu schwer und wie er aufg’schossen is und so fleißi g’lernt hat, da hab’n mer uns net auskennt vor Freud. -- -- Nur, wenn er mit die Holzsoldaten g’spielt hat, und „Schießen“ kommandiert, da is mer urdentli bang g’worn. Wann’st mer Du nur net a anmal so derschossen wirst.“

„Von die Sieben san im Ganzen Dreie hamkommen; i war net der Anzige, den’s troffen hat. Ja, ja, Frau Baroneß, so geht’s schon. -- Zwa san auf’n Schlachtfeld blieben -- wer weiß, wo die begrab’n san! Dutzendweis habn’s es in die Gruben g’worfen, die Preußen und die Österreicher kunterbunt durcheinand -- jetztan haben’s si halt do vertragen müssen. No, und die andern Zwa san an der Cholera g’storben. Die Sterblichkeit dazumal war ganz erschrecklich. -- Keine Famüli, wo’s nit a paar Tote geben hat.“

„Ja schrecklich, schrecklich -- und für was?“, schaltete die Tante ein.

„Dös sag’ i a. Mer bringert ja gern an Opfer, wenn mer an Zweck hätt’, wann mer meint, si oder an Andern damit z’helfen, was Gurt’s z’tun. -- Aber All’s hergeben für nix und wieder nix! -- -- Na -- wer dös begreifert! -- I hab’ drum mein Vaterland nit weniger lieb und wann Aner von uns was leist’, wann mer von ihm redt, nachher bin i ganz stolz. „Schau, Witzelsberger is halt a an Österreicher“, denk i dann. Der Verstand, dös is ja, was’n Menschen ausmacht. -- Wann wilde Viecher si zerschinten und auffressen, -- das is was anders, aber der Mensch, der dürft’ do nit vergessen, daß er Gottes Ebenbild is. -- Und dien’ i denn mein Vaterland besser, wann i mir die graden Glieder abschießen lass’ und Krüppel werd? Was kann i dann no leisten, was denn? -- Und praktisch g’nommen, Profit, daß der Anzelne a was davon merket, das hat do Kaner, nit der Sieger und net der g’schlagen wird. -- Steuerzahlen muß mer grat a so, und besser leb’n turt mer do nit. Reich werden höchstens a paar Leut: der Müllitärschneider und die Waffenfabrikanten -- und dadafür -- ah’s is ja verruckt. -- -- Segn’s Frau Baroneß, in mancher Weis waren die Menschen früher gescheiter. Da hat do no der Krieg an Sinn g’habt, weil’s persönliche Tapferkeit geben hat, aber irzt? -- -- S’Gewehr laden und’n Hahn losdrücken, das bringt bald Aner zu Stand, auch der Feigste. -- Und wenn’s schon net anders geht, wenn schon absolut g’stritten sein muß, so sollen halt Zwa die Sach’ austragen. -- Da waß i aus maner Kinderzeit, hat uns amal der Lehrer derzölt, oder is in der G’schicht standen, dös was i nimmer -- da haben’s es akkarat a so a getan.“

„Ja natürlich ist’s vernünftiger. Übrigens kann man einen Streit auf ganz unblutige Weise entscheiden“, und sie setzte ihm in wenigen Worten die Schiedsgerichtsidee auseinander.

„Sölchs war das Richtige“, erklärte er bestimmt, „na und warum sollert’ mers denn nit dahin bringen? S’ wär’ ja nur a Woltat“.

„Ja lieber Witzelsberger, gewiß. Wenn aber nur Alle so dächten wie Sie.“

„No wegen dem war’s nöt. I bin der festen Manung, daß a Jeder hier im Dorf -- is wer der wüll, vor’n Bettgehen sein G’setzel hersagt: „Lieber Hergott, bewahre uns vor jedem Übel, vor Krankheit, Hungersnot und Krieg.“ Nur trauen’s si halt nit, offen zu bekennen. Wann mers fragert, a Jeder schauert auf’n Andern, und Kaner muxert si. Bei si aber, in sein Innern da denkt er do, daß der Krieg an Unsinn is, a Sünd. -- Ja, wann’t Menschen g’scheiter wär’n, wird si a Mannigs ändern.“

„Vater, die Post kommt.“ Es ist seine Tochter, ein bildhübsches Geschöpf von 18 Jahren. Das Haar umgibt in goldiger Fülle ein blasses Gesichtchen, aus dem ein paar traurige Rehaugen blicken.

„Ja, Franzel, geh’ nur -- i kumm glei nach.“ -- „Das Madel will mer nit gefallen -- vielleicht a a Liebschaft. Jetztan laßt’s alleweil den Kopf hängen, hats Lachen ganz verlernt.“

„No aber, Sie können doch eine Freud’ haben mit so einer hübschen Tochter.“

„Dös wol. Freili bin i stolz -- nit weg’n der Schönheit -- das vergeht -- sondern weil’s a so a braves, rechtschaffens Ding is. Hat mer, so lang i denken kann, no niemals keine böse Stund’ nit g’macht“, und damit rückt er die Hornbrille fester auf die Nase und begibt sich in die Amtsstube.

„Der brave Alte.“ Einer momentanen Eingebung folgend, nähert sich ihm die Tante und drückt die arbeitsharte schwielige Hand.

* * * * *

Langsam, ruckweise löst sich der Schnee von Bäumen und Dächern und klatschend fallen die Tropfen zur Erde. Nur noch an einzelnen Stellen bildet er eine schmutzigbraune Maße, die seltsam von dem jungen Grün absticht, das wie ein weicher Teppich den Grund bedeckt.

Verheißend weht ein laues Frühlingslüftchen, und die knorrigen Weidenbäume scheinen in hellen Flammen zu stehen. Die Sonne läßt ihre kahlen Äste erschimmern wie pures Gold, die Tausendkünstlerin, die liebe, liebe Sonne.

Die ersten Palmkätzchen recken die flaumigen Köpfchen und die ungestümen Kibitze flattern auf, mit klagendem Geschrei.

Paarweise und in Gruppen, dicht aneinander geschmiegt, fest in die Silberpelzchen gehüllt, stehen die Anemonen da und ab und zu gewahrt man auch schon eine Primel.

Wie lange noch, und Alles steht in Blüte! Mir wird so weich, so warm um’s Herz -- eine eigentümliche Rührung überkommt mich und treibt mir die Tränen in die Augen. Ich weine jetzt so leicht. -- Es überläuft mich kalt. Die bösen Nerven. Und so müde: so schwer die Glieder. Vielleicht dachte ich zu viel an mich? Und dann empfand ich plötzlich ein intensives Bedürfnis, Jemand ein paar gute Worte zu sagen, eine Freude zu bereiten.

In der Entfernung taucht eine dunkle Gestalt auf. Es ist die Witzelsberger-Franzel. Welch’ anmutiger Gang, welch’ elegante Haltung. Ein schöner Edelstein in plumper Fassung. In zehn Jahren, vielleicht schon früher würde sie ein welkes, abgearbeitetes Bauernweib sein, ohne jeden Reiz.

Sie war auch mir in letzter Zeit still und traurig erschienen. Sollte sie auch ihren Kummer haben?

„Franzel.“

Sie beschleunigte ihre Schritte, und vermied es, nach meiner Richtung zu sehen. Ich rief mechanisch noch ein zweitesmal, und da war’s, als besänne sie sich. Sie blieb einen Augenblick stehen, und kam dann langsam auf mich zu.

„Wo warst denn Franzel?“

„In Sahning“, kam es stockend zurück.

„Muß schön gewesen sein im Wald. Gelt’ wir haben’s halt doch besser als die Stadtleut, die den ganzen Tag im finstern Zimmer sitzen müssen. Oder möchtest gern nach Wien?“

„O Gott, mir is’ alles eins -- am liebsten wär’ ich tot.“

„Aber geh Franzel, wer wird denn so reden? Was tät denn Dein Vater ohne Dich?“ Jetzt erst fielen mir ihre verweinten Augen auf. „Is Dir denn was Unangenehmes geschehen?“

Sie blickte beharrlich zu Boden.

„Ja, wenn Du’s nicht sagen willst.“ --

„Es nutzert ja nix. S’ is Alles -- Alles aus.“ Dabei brach sie in krampfhaftes Schluchzen aus. „I hab’n halt so vüll gern und hab glaubt an ihn, wie an’ Herrgott selber.“

„Dein Schatz, Franzel? So ist er Dir untreu geworden?“

„Ja, jetzt, wo’s Unglück über mich kommt, will er nix mehr von mir wissen. Früher, da hat er mir schön tan und immer g’sagt: „Franzel, ich versprech’ Dir, daß ich Dich heirat’, verlaß Dich nur ganz auf mich!“

„Das ist nicht recht von ihm. Hat er nicht gesagt, warum er nicht mehr will?“

„Weil er fort muß. Sein Urlaub is aus -- Sie wissen’s ja so.“

„Aber Franzel, woher soll ich es denn wissen? Ich weiß ja gar nicht wer er ist.“

„Das haben’s wirkli nit gewußt?“ Sie fragte ganz erstaunt. „Weil’s ihn so oft im Schloß drin sehen, hab’ i mer denkt, daß er Ihnen was g’sagt hat. Jesses nein -- i trau mich gar nicht z’ Haus, zum Vater -- der jagt mich noch am End davon.“ Sie sah mich verzweifelt und hilfesuchend an, als erwarte sie ihre Rettung von mir.

Ich aber war so empört, so erbittert über Robert, daß ich kein Wort des Trostes fand. Und dann, was war zu tun? Ich sann hin und her, ohne einen Ausweg zu finden. Schweigend standen wir uns eine Weile gegenüber, dann ergriff ich Franzels Hand: „Hast’n wirklich so gern?“

„Seh’ns das ist auf einmal so kommen. Zuerst hab’ ich ihn gar nit mögen. Dann aber, wie er so viel bettelt hat, daß er ohne mich nicht leben kann, hat er mir erbarmt. Und jetzt -- jetzt“ -- --

„Armes Ding! Vielleicht, daß sich doch was machen läßt. Ich will nachdenken. Eigentlich, wenn er Dir’s versprochen hat, muß er Dich ja heiraten.“

„Das hab’ ich auch geglaubt. Er sagt aber s’ist ein Unsinn.“

„Sein Wort halten, ein Unsinn? Da irrt er sich. Sei ruhig, Franzel -- er muß es gut machen.“

„Glauben’s wirkli?“ Sie fiel mir um den Hals und jubelte unter Tränen „wirkli?“ Dann plötzlich mit unheimlicher Entschlossenheit: „Na ja, sonst blieb’ mir nur eins übrig. Dem Vater könnt’ ich ja die Schand’ nit antun.“

Es war plötzlich finster geworden. Graue Wölkchen ballten sich zu einem Klumpen zusammen, verhüllten die Sonne, und ein feiner Regen sprühte uns in’s Gesicht.

„Muß schon spät sein. Wenn ich nicht schnell geh’, komm’ ich nicht zu Mittag nach Haus.“

„Ja, geh’ Franzel und sei ruhig.“

Die Dorfuhr schlug dumpf die zwölfte Stunde, und so oft sie zu neuem Schlage aushub, gab es mir einen Stich in den Kopf. Was ich da soeben gehört, schien mir wie ein dunkler Fleck auf blendenden Rosenwolken, etwas so Häßliches, Düsteres. Da hatte man mir wieder ein Stückchen Illusion geraubt. Ich wußte ja, wie es zugieng in der Welt -- ich konnte es tagtäglich in der Zeitung lesen, und dennoch sträubte ich mich, daran zu glauben. Und dann lag es vielleicht auch daran, weil das Echo der Großstadt nur gedämpft zu mir herüberdrang, während ich heute dem Elend gegenübergestanden, ihm ins Auge geblickt.

Mit einemmale überkam mich ein solcher Ekel vor den Menschen; ich fühlte kein Mitleid mehr mit ihnen, nur unsägliche Verachtung.

Ich war dem Dorfe näher gekommen und hörte das schrille Gebrüll eines Schweines. Es tat mir in den Ohren weh; ich bog rasch um die Ecke, und was ich jetzt sah, erfüllte mich mit solchem Entsetzen, daß ich mich an einen Baum halten mußte, um nicht umzufallen.

Unter einem geöffneten Haustor wurde ein Schwein geschlachtet. Das Tier lag gebunden, blutüberströmt im Trog und ein Mann versetzte ihm mit Wonne Stiche, ermutigt von den Zurufen der Umstehenden: „Nur zu, a so, recht fest eini.“ Zwei kleine Buben verfolgten mit Spannung den Vorgang. Ich wollte auf sie zulaufen, sie wegreißen, ihnen sagen, daß das abscheulich sei, aber ich vermochte keinen Schritt zu machen. Ich hörte nur das verzweifelte, gellende Schreien, zuerst laut und fortgesetzt, dann immer seltener und schwächer -- in meinem Kopfe wirbelte Alles durcheinander, bis ich nichts mehr wußte.

Ich wahr ohnmächtig vor dem Tor zusammengefallen und ins Schloß getragen worden. Abends jedoch hatte ich mich bereits vollständig erholt und erzählte der Tante die Geschichte mit der armen Franzel, in der Robert eine so erbärmliche Rolle gespielt. Sie war so empört und außer sich, daß ich erschrack. Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte, untersagte sie mir jedwede Einmengung, da sie es für angezeigter hielt, daß ich mich von solchen Dingen fernhalte -- sie selber wolle mit ihm reden, an seine Ehre appellieren, falls er überhaupt noch einen Funken dieses Gefühles besaß.

Während die Tante mit ihm verhandelte, bemächtigte sich meiner eine große Unruhe. Was wird er sagen und wie soll es enden? Es war eine böse, traurige Geschichte und unaufhörlich schwebte mir Franzel’s verweintes, angstvolles Gesicht vor. Es gab nur einen Ausweg, das begangene Unrecht zu sühnen: er durfte nicht anders handeln, es war seine heilige Pflicht und Schuldigkeit. Die Tante kam zurück, blaß und erregt. Die Augen sprühten Funken und die Fingerspitzen zuckten nervös. Sofort begriff ich, wie es stand: „Er will also nicht?“

„Nein. Er weigert sich -- der Elende. Von heute ab sind wir geschiedene Leute. O, man könnte oft verzweifeln an den Menschen! Diese verkehrten, hirnverbrannten Ansichten, diese Gemeinheit der Gesinnung. Wahrlich, wir Aristokraten haben’s not, uns aufzublähen, uns was zu Gute zu tun auf unsere Noblesse. Ein armer Flickschuster ist oft tausendmal mehr wert, als so ein vornehmer Taugenichts.“

Dann schilderte sie die Unterredung. Wie er zuerst -- ahnungslos, daß sie um die Sache wisse -- sondiert, ob ich ihn nicht vielleicht doch nehmen wolle. Sie solle mich bei der Gefühlsseite, beim Mitleid packen: er müsse jetzt wieder zum Regiment, in ein entlegenes Nest, sei allerlei Versuchungen ausgesetzt, denen er erliegen würde. „Mimi kann mich retten, mit mir tun, was sie will: ich wäre Wachs in ihrer Hand.“

„Würdest ihr zu Liebe wohl auch Deine Ansichten zum Opfer bringen? Denn wie Du jetzt denkst, ist ja eine Verständigung nicht möglich?“

„Alles, was sie will.“

„Nun, das spricht nicht zu Deinen Gunsten. Sie müßte ja einen Mann verachten, der seine Überzeugung für irgend einen Vorteil hingibt.“

„Wie Du immer Alles drehst. Es scheint übrigens, daß Du an meiner Ehrenhaftigkeit zweifelst. Ich wüßte nicht daß ich Dir Grund dazu gegeben.“

„So? Wie vergeßlich! Nun da muß ich Deinem Gedächtnis schon etwas nachhelfen. Es ist gar nicht so lange her -- -- übrigens vielleicht täusche ich mich in Dir. In diesem Falle würde ich Dir das Unrecht herzlich gern abbitten.“

„Aber worum handelt es sich denn?“ Er zupfte verlegen an seinem Schnurbart.

„Du mußt die Franzel heiraten.“

Er schnellte von seinem Stuhl empor. „Bitt’ Dich, laß doch jetzt solche Spässe beiseite. Mir ist wirklich nicht zum Lachen zu Mute.“

„Das begreife ich. Weinen solltest Du im Gegenteil. Ich denke, Du kennst mich genügend, um zu wissen, daß es mir bitterer Ernst ist mit dem, was ich sage.“

„Ja, aber seid Ihr denn Alle miteinander“ -- er hielt es für angezeigt, das letzte schmeichelhafte Wort zu unterdrücken.

„Wenn „anständig handeln“ verrückt ist, dann bist Du allerdings superweise.“

„Aber um des Himmels Willen, Du wirst mir doch nicht zumuten, ein Bauernmädchen zu heiraten. Wo denkst Du denn nur hin? Das verstößt ja gegen alle Familientraditionen.“

„Da hätte ich beinahe meine Selbstbeherrschung verloren und ihm einen Schlag ins Gesicht gegeben“, fuhr Tante Laura fort, „doch ich bezwang mich und frug, ob er nicht absichtlich diese falsche Auffassung vorschütze. Ob die Ahnen es ehrenwerter fänden, wenn ihr Abkömmling schlecht handle und keine Reue empfinde, als wenn er sich bemühe, den Mackel von seinem Namen zu tilgen.“

„Aber geh’, so denkt ja kein Mensch. Es ist Gang und Gäbe bei den jungen Leuten, Liebeleien anzuknüpfen, wo sich ihnen Gelegenheit bietet. Aber Verpflichtungen? -- -- --“

„Du hast ihr Dein Wort gegeben.“

„Aber doch nur ~pro forma~. Könnte mir nicht im Traum einfallen, sie zu meiner Frau zu erheben.“

„Das ist ein kurioser Ausdruck. Wenn Dich Eine nimmt, wird sie herabsteigen müssen -- und zwar sehr tief.“

„Sehr liebenswürdig. Und das Alles, weil ich mich weigere, diese Gans zu heiraten. Nein, den Großeltern, der Familie, mir selbst diese Schmach anzutun, dazu gebe ich mich nicht her.“

„Ich kann nur staunen über diese neue Moral, die jedem Anstandsbegriff ins Gesicht schlägt. Ein Mädchen, das nichts hat als ihren anständigen Namen, unter falschen Vorspiegelungen ins Verderben stürzen, sein Wort brechen, sie im Stich lassen und dann stolz von dannen ziehen mit dem Mäntelchen „Ehrenhaftigkeit“ um die Schultern, ich muß schon sagen, da gehört eine Gewissenlosigkeit sondergleichen dazu.“

„Du bist der Person ganz einfach aufgesessen. Ich wett’, die prahlt vor dem ganzen Dorf damit, daß sie einen „Baron“ gehabt habt. Das passiert nicht einer Jeden.“ Er sagte das mit einem Cynismus, der mir das Blut erstarren ließ. Ich verließ das Zimmer.“

Der armen Franzel konnte also nicht geholfen werden. Sie gestand dem Vater Alles und er versetzte Robert inmitten der Dorfstraße eine schallende Ohrfeige. Es war dies die letzte Erinnerung, die Baron Steindorf von seinem Urlaub mitnahm. Wir hörten noch ab und zu von ihm, sahen ihn aber nicht wieder.

Es hieß, daß er Schulden mache und seine militärischen Pflichten sehr nachlässig erfülle. Schließlich wurde er ein Trinker und gieng in noch jungen Jahren am ~delirium tremens~ zu Grunde.

Niemand weinte um ihn. Das einzige Wesen, das ihn geliebt, Franzel, starb, nachdem sie ein totes Kind zur Welt gebracht.

Vierter Abschnitt.

+Palazzo Dario+, am 15. Mai.

„Venedig.“ Ich flüstere es vor mich hin, in scheuer Andacht. Stahlblau liegt die Lagune vor mir und muntere Wellchen plätschern an die Stufen des Palazzo. Lautlos gleiten die Gondeln dahin und lachend strahlt der Himmel nieder auf dieses Feenland, das sagenumwoben ist, wie kein zweites.

Bella Venezia, stolze Königin, die Du lächelnd das Blut Deiner Söhne trankest, dieser glühenden, leidenschaftlichen Geschöpfe, die lieber sterben wollten als unterliegen, die Du den Dichter zu höchster Begeisterung entflammst, die Du selbst das Merkmal ewiger Poesie auf Deiner Stirne trägst, ich neige mich vor Dir.