Wie es Licht geworden!

Part 15

Chapter 153,738 wordsPublic domain

Ach es ist doch schön zu leben, -- bewußt zu leben! Schon scheint mir die böse Krankheit, die ich durchgemacht, Alles was hinter mir liegt, so nebelhaft verschwommen, in unendlich ferne Vergangenheit gerückt. Sechs volle Wochen dagelegen, zerschlagen, völlig gleichgültig, in einer Art Halbschlummer, dann wieder wild phantasierend, fieberheiß, besinnungslos.

Auch Vincenz war bei mir im Traum. Einen Kranz von violetten Sternen trug er um das Haupt. Ich frug ihn, wo die Nelken seien. „Verblüht“ erwiderte er -- und was die Sterne bedeuten? „Erinnerung.“ Da flammten sie plötzlich auf in rotem Schein -- und dann wurden sie immer heller, immer blasser. --

Das war in der Nacht, wo die Gefahr am größten schien. Von da an gieng es besser ...

Jetzt fühl’ ich mich wie neugeboren, mir ist so leicht zu Mute als ob ich Flügel hätte.

Keine Spur mehr von der Überreizung, wie ich sie früher so oft empfunden, die mich verbittert und betrübt gemacht. Jetzt lache ich über meine überspannten Ideen. -- Alt! Mit vierundzwanzig Jahren, bei solcher Eindrucksfähigkeit!

Wie erfrischend, dieser salzige Meereshauch! Man möchte ihn recht tief einsaugen, die Lungen damit füllen. Das stärkt, belebt, ist besser als alle Medikamente.

Die eigentliche „Stagione.“ Alle Hôtels und Pensionen bis auf den letzten Platz besetzt. Es wimmelt von Fremden. Wir können wirklich von Glück sagen, was unsere Wohnung anbelangt. Zwei allerliebste Schlafräume, in hellen Farben gehalten, mit großgeblumten Tapeten, ein Arbeitszimmer, und ein ungemein gemütlicher Salon. Nichts von der steifen Einförmigkeit der vermieteten Zimmer, sondern ein wohnliches Kunterbunt, mit lauschigen Ecken, eingelegten Möbeln, Teppichen und schönen Bildern.

Noch nie war ich so wunschlos froh, so stillvergnügt wie jetzt. Alles und Jedes bereitet mir Genuß. -- Die Gondelfahrten, die guten kleinen Diners -- immer Landesspeisen -- meine Gesundheit, das wiedererlangte Gleichgewicht.

Ich möcht’ mit keinem König tauschen.

* * * * *

Am 21. Mai.

„Das ist aber eine gute Nachricht! Da, lies nur Tante“ und ich schob ihr das Blatt hin. Hier stand es schwarz auf weiß, daß sich eine Liga gegen das Duell gebildet.

„Endlich.“ Sonst hat sie nichts gesagt, wie dieses eine Wort. -- -- Nur ich, die ich sie kenne, habe die Erwartung, die Sehnsucht, die Mühe vieler Jahre herausgehört. -- Diesen Unfug zu bekämpfen, den Zweikampf aus der Welt zu schaffen, das war ihr, die so namenlos darunter gelitten, noch mehr am Herzen gelegen, wie der Friede. -- -- Doch sie fühlte instinktiv, daß es klüger sei, zu warten. Wenn sie, als Frau, die Initiative ergriffen, hätte sie nichts erreicht, nur sich und die Sache lächerlich gemacht, statt ihr zum Siege zu verhelfen.

Ja, es wird langsam hell in den Köpfen. Es ist ja auch wirklich lächerlich. Was beweist das Waffenglück? An ein Gottesurteil glaubt doch heutzutage Keiner mehr. -- Wie oft büßt gerade Der sein Leben ein, der im Rechte ist. -- Und aus welchem Anlaß schlägt man sich? -- Eines unbedachten Wortes, einer Lappalie wegen! -- -- Ist aber die Ehre wirklich verletzt, dann muß natürlich Sühne sein. -- In diesem Falle gibt es aber noch andere Mittel als solche, wo unschuldige Familien um den Ernährer gebracht werden.

Jener, der aus Princip ein Duell refüsiert, ist noch lange kein Feigling. Im Gegenteil. Wie nun einmal die Dinge liegen, gehört mehr moralischer Mut dazu, als sich vor die Mündung einer Pistole zu stellen.

Die Engländer haben doch auch ihre Ehre und bei ihnen ist der Zweikampf eine Unmöglichkeit geworden.

Die Liga weist eine beträchtliche Zahl der angesehensten Namen auf. An der Spitze: „General Graf Deuchtestum.“ -- -- Das klingt fast wie ein Stück Geschichte und gar nicht friedlich nebenbei. -- Blinkende Waffen und Kanonendonner, und er Allen voran im Kampfe um die Freiheit. -- Wie reimt sich das?

Jetzt weiß ich es. Er war bei uns. Der schönste alte Herr, den man sich denken kann: einen Maler müßte dieser Kopf entzücken. So mögen die Ritter von ehedem ausgesehen haben, nur daß keine Spur von Wildheit in seinen Zügen liegt: die blauen Augen strahlen in fast überirdischer Güte und eine Welt von Milde tut sich kund in seinem Lächeln. Mein Blick hieng noch immer wie gebannt an der Hünengestalt mit dem edlen Gesicht, dem wallenden weißen Bart. Ich fuhr erschreckt auf, als die Tante mich vorstellte und ärgerte mich noch nachträglich über mein Erröten.

Die Beiden plauderten wie alte Bekannte, obwohl sie sich niemals zuvor gesehen. Ich schwieg: eine gewisse Scheu hatte sich meiner bemächtigt. Ich wollte etwas sagen, fand die Worte nicht, kam mir so dumm und unbedeutend vor. Vermutlich weil ich nicht gewöhnt bin, mit Fremden zu verkehren.

Aber ich habe gut zugehört und mir jedes Wort gemerkt, das er gesprochen. Er hat ein ungemein sympatisches Organ, weich und metallig zugleich: zu dieser Stimme paßt auch Alles, was er sagt:

„Wenn man wie ich, sein halbes Leben auf dem Schlachtfelde zugebracht, verlernt man es gründlich, für den Krieg zu schwärmen. Ich habe das furchtbare Elend der Menschen, ihr Blut, ihre Tränen gesehen, ich habe ihre Klagerufe, ihre Seufzer gehört, und bin über Leichen hinweggeschritten, dem Siege zu. Wir zogen ein mit wehenden Fahnen und klingendem Spiel. Die Menge jubelte uns zu. Ein Hochgefühl erfüllte da auch mich -- eine Art Taumel -- solange die Trompeten schmetterten und die Leute jauchzten. Ja, ja.“ Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne. -- -- „Irren ist menschlich -- aber wenn man sein Unrecht eingesehen, soll man nicht starrköpfig sein. -- Dreimal hab’ ich es mitgemacht und nur weil ich es wollte. Wie betäubt. Hab’ nicht gehört auf das Gewissen, lange Zeit. -- -- -- Wenn ich allein war, da hab ich immer eine Stimme vernommen, ernst und traurig -- zuerst nur selten, dann immer häufiger und lauter: zuletzt fand ich keine Ruhe mehr bei Tag und Nacht. Gerungene Hände, verstümmelte Jammergestalten, mit verzerrten Zügen und noch einem letzten Fluch auf ihren Lippen. -- -- -- Da hab’ ich die Orden heruntergerissen von meiner Brust und mich geschämt. -- -- Ja, ja, lassen wir’s gut sein. Geschehen ist geschehen. Wie? Das Einzige, was in meiner Macht lag, habe ich getan. Meinen Sohn abgehalten, in meine Fußtapfen zu treten. Ist mir übrigens nicht schwer geworden. Hat selber nie was wissen wollen von den Massacres. Reist viel herum: ist eben wieder in Amerika gewesen. Kopf voll Socialismus. Will ein Buch schreiben über die Zustände dort. Gefallen ihm besser als bei uns zu Hause. Wie? Ganz international.“

Er spricht gewöhnlich in kurzen Sätzen und springt oft unvermittelt von einem Gegenstand zum andern über, was zuweilen bei Leuten vorkommt, denen vielerlei Gedanken auf einmal durch den Kopf schwirren. Auch wendet er das Wörtchen „Wie“ sehr häufig an, und sieht dann fragend umher, als erwarte er die Bestätigung.

„International“, wiederholte die Tante, „das ist heutzutage der einzig richtige Standpunkt. Freilich, Solche, die stets an der Scholle geklebt, die haben sich gewöhnt, das Stückchen heimatlicher Erde als Centrum zu betrachten, und alles außerhalb der Grenzen Liegende als Barbarei. Sie urteilen nicht aus Eigenem, denn es fehlt ihnen am Vergleich. -- Würden sie hingegen näheren Verkehr mit den Nachbarvölkern, mit fremden Nationen pflegen, sie kämen gar bald zur Überzeugung, daß es auch dort Menschen und Einrichtungen gibt, die sehr vernünftig sind, und bei deren Nachahmung man nur profitieren kann. -- Erwachsene Leute zeigen sich in der Regel weniger biegsam, schwerfälliger in ihren Anschauungen als Kinder. Es wäre darum sehr wünschenswert, die Letzteren für die Zeit ihrer Erziehung in ein anderes Land zu geben. Außer dem Vorteil des Erlernens einer fremden Sprache, wäre dies das beste Mittel zur Anknüpfung freundschaftlicher Beziehungen, was wieder nur den Frieden fördern könnte.“

„Ja, ja, wär’ eine gute Sache, wie? -- Soll ein Gesetz werden.“

Dann kamen sie auf die momentan am wichtigsten Frage zurück, die Abschaffung des Duells. -- -- Der Graf legte uns eine Zeitungsnotiz vor, die zufällig einige Tage vorher in München, seiner Vaterstadt, erschienen war:

„Der Prinzregent von Bayern gegen das Duell.“

„Von allerhöchster Seite ist entschieden worden, daß das Urteil hinfällig ist, welches bestimmt, daß in einem speciellen Fall ein Officier vom Ehrengerichte zur Entlassung mit schlichtem Abschiede genötigt werde, weil er sich als principieller Gegner des Duells erklärt. Es ist durchaus kein Grund vorhanden, daß ein Officier, der einen solchen Standpunkt einnimmt, entlassen werde. Das bayerische Kriegsministerium hat in dieser Hinsicht eine Änderung der betreffenden Ehrengerichtssatzungen verfügt und so ist der Weg angebahnt, daß das Duell in der bayrischen Armee allmählich zu den Seltenheiten gehören wird.“ --

„Die Mächtigen können so viel leisten, wenn sie nur wollen“, bemerkte Tante Laura.

„Ja freilich. Sollen mit dem guten Beispiel vorangehen. Ist ja nicht schwer. Kostet sie nur ein Wort. -- Dann sollen sie Alle ruhig auf ihren Tron bleiben, nicht wie mir erst gestern Einer sagte: „Monarchen abschaffen, Alle miteinander!“ Dazu ist die Zeit noch nicht da. Kann auch so gehen ohne Streit, wie? -- Schwert in die Rumpelkammer, Palmenzweig so“, und er machte die Bewegung des Schwingens. „A ja, ja, schöne Sachen, wie? -- Und nun verzeihen Sie, daß ich so lang geblieben bin -- -- auf Wiedersehen!“

Die Tante ist ganz übermütig lustig.

Wir tranken eine Flasche Asti auf den Tod des Krieges und Duells.

* * * * *

Am 24. Mai.

Die beiden Schwestern aus der Nebenwohnung haben uns besucht. Diese Visite muß ich schildern: es war zu komisch. Sie sind Italienerinnen, capricieren sich aber, deutsch zu sprechen. „Weil ’s is eine Heflichkeit, die was wir haben für jedermann, das kommt in unsere Land.“

Da läßt sich also nichts einwenden.

Sie haben ihre Jugend bereits zu Grabe geläutet und geben sich auch durchaus keine Mühe, über diese Tatsache hinwegzutäuschen. Von Eitelkeit keine Idee: dessenungeachtet lieben sie es, in den Erinnerungen der ~tempi passati~ zu schwelgen. Das Gesicht Corona’s, der Älteren, zeigt noch die Spuren einer gewissen, rasch verflüchtigten Schönheit, das, was man „~beauté du diable~“ zu nennen pflegt. Die Augen sind dunkel und groß, die Nase ist scharf gebogen und zu lang, die Gestalt breit und untersetzt.

Pepi’s Äußeres ist sehr nichtssagend. Sie scheint es zu wissen und hat es sich zur Pflicht gemacht, über die eigene Person zu schweigen und nur die Vorzüge der Schwester zu rühmen.

Eines aber haben sie gemein: im Schnattern sind sie Meisterinnen.

Corona entschuldigt sich, daß sie in Filzschuhen erschienen ist. „Weil’s in diese Winter so eine Kälten gehabt hat, da hab’ ich mir alle Finger von die Fiß gefrört. Es tut noch immer weh.“ Und Pepi lieferte die mimische Begleitung zu diesem Geständnis, indem sie von einem Bein auf das andere hüpft und mit zusammengekniffenen Lippen murmelt: „Arme Corona! Uh, diese Schmers.“

Wir kommen auf die Geselligkeit zu reden. Sie gehen häufig in’s Theater, im Übrigen leben sie abgeschlossen, ohne etwas mitzumachen. Sie erklären auch ohne Umschweife, warum:

„Es is so eine eigene Sach’! Wenn man in unsere Alter auf Soiréen geht, schauen Einen die Leut’ so komisch an und denken sich: „Was wollen denn Die da? Warum habens nit früher geheiratet, die Gredeln?“ Es is ja grad so, als ob man eine Sünd’ auf die Körper hätt’. Ein paar so Cavaliere, die was kein Geld in der Taschen haben, meinen am End’, es muß uns eine Ehr’ sein, wenn’s uns schön tun. Möchten uns nehmen, um ein Geschäft zu machen, damit sie uns beerben. Diese Comödi kennen wir. Aber aufsitzen tun wir nicht, weil wir keine Hase sind von diese Jahr. Überhaupt: sind Alle miteinander nix wert, diese Männer. Unsere größte Stolz is, daß wir ledig sind.“

„Ma, Corona“, unterbricht sie Pepi. „Warum sprichst denn so? Grad Du hast zehne gehabt, an eine jede Hand, auch eine Fürst. Ja“, setzt sie mit triumphierendem Lächeln hinzu, „verliebt war er bis über die Ohren, aber der Papa hat nit wollen, daß seine Tochter einen Officieren heiratet.“

„Armer Papa“, seufzt Corona auf, „war immer so lustig, und hat müssen eine so böse Ende nehmen. Betrunken“, flüstert sie.

Diese Aufrichtigkeit versetzte uns doch einigermaßen in Staunen. Sie aber ließ sich nicht beirren. „S’is eine Fatalität, die was liegt in unsere Famili. Alle immer betrunken; auch wir werden an dieses sterben.“

Sie meinen „ertrunken“, und ich kann mir lebhaft die verblüfften Gesichter vorstellen, die diese Mitteilung bei Anderen zur Folge hat. Diskret hinweggehend über den heiklen Punkt, der da in unglaublicher Naivität blosgelegt worden.

„Sie war so schwer zu befriedigen“, fährt Pepi fort. „Gefallen hat ihr bald Einer, aber wenn die Red’ gekommen is zum Heiraten, hat’s nix mehr wissen wollen. O, die hat so eine kalte Hers. -- Erst vor zwei Jahren hat sie eine Korb ausgeteilt an eine gewisse Herr Mayer, eine sehr hübsche Mensch, das was selber hat gehabt drei Millionen. Er hat immer gesagt: „Sie soll mit die Schlafrock, das sie auf die Leib hat, meine Frau werden, damits nicht glaubt, ich brauch’ ihr Geld.“ Und weil sie ihn nit mögen hat, hat er in alle Wälder herumgejagt, und in die Hitz kaltes Wasser getrunken; nachher is er an die Abzehrung gestorben und hat noch in sein letztes Stund „Corona“ geschrieen.“

„Warum sagst denn nix von Dir? Hättest ja selber gute Partien machen können.“

„Ja, diese fünf Doktoren! Ich hab’ immer so eine Graus gehabt vor diese Leute, die Menschen aufschneiden und nach die Medicin riechen.“ Plötzlich stößt sie einen Freudenruf aus. Sie hat auf der Etagère die kleine nickende Pagode erblickt. „~Ma prego~, schau Corona. Wir haben ganz dasselbe. Früher“, erklärte sie uns eifrig, „haben wir eine Türk gehabt. Es ist immer Alles gut gegangen, bis er gebrochen is. Da war’s Unglück im Haus. Zuerst sind die Eltern gestorben; die Corona hat solche Kopfweh bekommen, daß sie ihr haben die Würmer setzen müssen; und ihre Courmacher is krank geworden von die Lieb. Da hat uns alle Zwei von so eine Chines geträumt, und wie wir’s in die Auslag sehen, so kaufen wir’s.“

Das Alles mit einem Ernst, als ob es sich um die wichtigsten Dinge handle.

Die Tante frägt sie um ihre Meinung über die Bellincioni, die soeben ein glänzendes Gastspiel in Wien absolviert.

„Ja, sie singt ganz gut“, erwidert die Ältere mit einer gewissen Zurückhaltung, und Pepi beeilt sich, hinzuzufügen: „Die Corona kann so schön die Musik machen. Was die hat gehabt für eine Stimme! Viel stärker wie die Bellincioni. Früher hat sie immer Concerte gegeben, daß die Leute sind verrückt geworden. In die Gondel war kein Platz mehr für die Blumen. Seit ihre Kopfweh freut sie’s nicht mehr.“

„Nein weil seit diese Zeit is mir die Migräne in die Hals gestiegen. Und dann is doch mühsam die Begleitung, weil ich so kurz bin von die Finger.“

Ich habe das Lachen nur so hinuntergewürgt. Es ist so merkwürdig, daß die Leute niemals selbst fühlen, wenn sie komisch sind. Und doch, was wär’ die Erde ohne solche Menschen?

* * * * *

Am 28. Mai.

Täglich Neues. Wir besuchen Kirchen und Palazzis, Museum und Galerien. Überall derselbe Reichtum. Ein Leuchten der Farben, ein Glänzen von Gold und Edelsteinen und eine heilige Ruhe über diesen Stätten, die der Genius umschwebt; man meint förmlich seinen Flügelschlag zu hören, die holde Lichtgestalt zu sehen, wie sie sich herabbeugt, um die Stirne eines Rafael, eines Michelangelo zu küssen. Die Phantasie zaubert mir den Künstler vor, wie er vor der Leinwand sitzt und liebdurchglühte Bilder malt. Es ist etwas Erhebendes, Überwältigendes um die Schöpferkraft im Menschen, um die freie Kunst.

Anders ist’s wenn sie geübt wird zum Erwerb. -- Dann verliert sie das Sonnige, das Gott-Ähnliche, möcht’ ich fast sagen.

In der Spitzenfabrik: Schweigend, mit müden blassen Gesichtern und gekrümmten Rücken sitzen die Frauen da und verarbeiten die haardünnen Fäden. So ein winziges Blättchen bedarf oft vieler Tage zur Vollendung.

Für diese armen Geschöpfe gibt es keinen Frühling, keine Blumen. -- Was kümmert sie’s, daß die Sonne scheint, die Vögel singen?

Die kostbarsten Gewebe entstehen unter den fleißigen Händen, die Fabrikbesitzer werden reiche Männer und die kleine Arbeiterin rechnet an ihren Fingern nach, ob sie den Zins bezahlen kann für das Dachstübchen und wie lange es noch währen wird, bis sie erblindet.

Und unten wogt das Leben. Der Reichtum! Da packt es sie mit unwiderstehlicher Gewalt, treibt sie hinaus, in die hellerleuchteten Gassen, unter die elegante Menge. Nur einmal noch genießen, bevor die dunkle Nacht hereinbricht -- ein einzigesmal. Sie steht und wartet und hofft -- und bettelt um Liebe. -- -- Dem Ersten Besten wirft sie sich an den Hals, verschreibt sich ihm mit Leib und Seele. Ein kurzes Fest. Küsse und Champagner -- -- dann um so größeres Elend. -- -- Das ist das Los der Meisten. Die Reichen ohne Fehl, die mögen den ersten Stein auf sie werfen, wenn sie es wagen, und wenn es sich verträgt mit ihrem Gewissen.

Die zweite Auflage hab’ ich gefunden in Murano. Jeder Fremde sieht sich die Wunder der Glaserzeugung an, um sie nachher in seinen Erzählungen als „interessant“ zu schildern. Ich wüßte einen ganz anderen Ausdruck dafür.

In den unteren Räumen, da wo die zähe Masse geformt wird, herrscht eine Siedehitze. Ein Schar Männer mit aufgedunsenen Gesichtern und verschwollenen Augen, umsteht das offene Feuer, aus dem die roten Flammen züngeln. Sie kneten und blasen aus Leibeskräften, tun sie es doch um das tägliche Brot.

„Ist das denn nicht sehr anstrengend und gesundheitsschädlich?“ konnte ich mich nicht enthalten zu fragen.

„Ja gewiß, aber was will man machen?“ entgegnete der Aufseher lachend. „Sonst gäbe es eben keine Perlen und kein Glas. -- -- Älter als 45 Jahr wird übrigens Keiner.“

„Mein Gott“, entfuhr es mir.

„Ja Signorina, das ist gar nicht so schlimm. Sonst müßten sie noch früher verhungern. Die sind froh, wenn sie sich ihre 70 Centesimi im Tag verdienen.“

Siebenzig Centesimi! Die armen Teufel. Und haben wohl noch Weib und Kinder daheim.

In den Schaufenstern prangen die schönsten Vasen und Spiegel, die teuersten Luxusgegenstände. Sie funkeln und schillern in allen Regenbogenfarben: ihr Anblick ergötzt uns, wir bewundern die edlen Formen und merken nicht, daß Blut und Schweiß daran klebt, sonst müßte es uns frösteln vor Unbehagen.

Im oberen Stockwerk ist’s lichter und kühler. Jedem Arbeiter ist seine bestimmte Beschäftigung zugeteilt, unabänderlich dasselbe, jahraus, jahrein. Ein graues, monotones Dasein, in dem die Stunden sich aneinanderreihen so gleichmäßig wie die Perlen an den langen Schnüren.

Da hab’ ich unwillkürlich aufgeseufzt. Ein eleganter junger Mann, auch ein Besucher, wandte sich nach mir um, und sein Blick sagte mir, daß er mich verstanden habe.

Des Abends fuhren wir auf die Soirée der Marchesa Berloni. Ich war einsilbig und zerstreut, das Gesehene wollte mir nicht aus dem Sinn. Das war wieder einmal ein schwieriges Problem. Die Eleganz, die ich doch liebe, auf einer Seite -- das nackte Elend auf der andern. Da Überfluß, dort Mangel; den Vorschlag, zu teilen, hätte Keiner angenommen. -- Oder wäre ich etwa bereit gewesen, mich meines Besitzes zu entledigen, auf die tausend kleinen Raffinements zu verzichten, die dazu beitragen, das Leben angenehm zu machen? -- Ich gesteh’ es offen -- nein. -- Ich würde sicher keinen Bettler von der Türe weisen, aber alles Unnötige herschenken -- das ist doch ein anderes Ding. -- -- Wie wenig weiß ich noch vom Socialismus, von dieser Zwillingsschwester des Friedens! Ich will mir Bücher kaufen und mich eingehender damit beschäftigen. -- Es muß ja doch Mittel und Wege geben -- vielleicht auch ohne Gütergemeinschaft.

Die Gesellschaft bestand aus circa 400 Personen. Darunter war Keiner, mit dem ich hätte sprechen können, wie mir ums Herz war. -- -- Ich blickte mich um, -- immer in der uneingestandenen Hoffnung, eine Spur von meinem Unbekannten zu entdecken. Vergeblich.

Die Herren, die sich um mich bemühten, sind kaum der Erwähnung wert. Ein kleiner Spanier, der mich anschmachtete, mir nicht von den Fersen wich, aber die ganze Zeit über keine zehn Worte sprach. Dann ein ältliches, pergamentgelbes, eingeschrumpftes Männchen mit gefärbtem Bart, das sich über Alles und Jedes moquirte. Eine mir unsympatische Erscheinung. Man sieht ihm die eingebildete Überlegenheit von Weitem an.

Wir kamen auf die Friedensfrage zu sprechen, der gegenüber er sich mehr als skeptisch verhält. „Übrigens ein ganz reizender Apostel“, bemerkte er, das Monocle ins Auge klemmend. „Also Sie glauben wirklich an den Frieden?“

„Ja, ich bin eine begeisterte und überzeugte Anhängerin.“

„Letzteres ist viel gesagt, mit Anwendung auf eine Sache, die, hihi -- nun ich möchte Sie nicht verletzen -- aber es ist doch mehr eine schöne Spielerei.“

„Vielleicht fassen Sie es so auf. Ich meinerseits glaube fest an das Gelingen. Mein Glaube ist meine Überzeugung.“

Er aber gab nicht nach, sondern versetzte in pädagogischem Tone: „Sie mögen es so empfinden, aber logisch ist es nicht. Nein, meine liebe Signorina. Glauben und Überzeugung das sind zwei so grundverschiedene Dinge, die man ohne krassen Widerspruch nicht in einem Atem nennen darf. Ich will Ihnen erklären, warum: Glauben heißt vermuten, und nur „Wissen“ ist Überzeugung. Jene, die mit Positivem rechnen, ereifern sich nie. Am fanatischesten benahmen sich seit jeher die, die „glaubten“,“ fügte er mit souveräner Geringschätzung hinzu.

„Ja, ich weiß sehr gut, daß man uns Utopisten und Schwärmer nennt, die auf Wolken durch das Leben schweben, ohne die Erde zu berühren, jeder reellen Grundlage entbehrend. Aber sind es nicht gerade immer die Träumer gewesen, die Großes geleistet haben? -- Sie sind sogar unentbehrlich, denn sie liefern die Idee, den Stoff, den andere praktisch verwerten.“

„Praktisch, hihi. Praktisch sind nur die Kanonen, die verbesserten Waffen überhaupt. Die sprechen noch am ehesten für den Frieden. Das andere ist alles nichts -- das bloße Wort -- Sie haben noch so wenig Erfahrung, kleine Signorina. Das ist charmant, das kleidet Sie ganz vorzüglich.“

Ich war so geärgert über den Schulmeisterton und die impertinenten Blicke, mit denen er seine Complimente begleitete, daß ich keine Erwiderung fand. Nachträglich fielen mir die treffendsten Antworten ein -- das ist ja immer so -- und ich hielt ganze Dialoge mit mir selbst, in denen ich das „Für und Gegen“ vertrat.

In einem einzigen Punkte teile ich seine Ansicht. Er hat sich lustig gemacht über ein paar übertriebene Toiletten und die „Mode“ in neun Fällen von zehn, als Löschhorn des guten Geschmackes bezeichnet. Ich finde es nämlich auch einen Unsinn, etwas zu tragen, das man selbst unmöglich schön finden kann, aus dem bloßen Grunde, weil es Mode ist. --

Von den jungen Mädchen hat sich Keine um mich gekümmert. Aus verschiedenen Andeutungen hab’ ich den Grund entnommen. Sie vermeiden absichtlich jede Annäherung an Ausländerinnen, sobald sie meinen, es könnten gefährliche Rivalinnen sein, umsomehr als in den letzten Jahren so mancher junge, reiche Italiener sein Herz an eine Fremde verlor. „Nur ja sich keinen ~épouseur~ wegschnappen lassen“ und sie schließen einen um so festeren Ring unter sich.

Also auch hier wie allenthalben das Durchschnittsmädchen: einziges Ziel -- -- einen Mann bekommen.

* * * * *

Am 30. Mai.

„Nun ja, der dort unter dem Baume steht, -- links.“

„Das also ist der junge Deuchtestum? Ich habe mir ihn eigentlich ganz anders vorgestellt.“

„Warum? Weil ich Dir gesagt habe, daß er ein seltsamer Kauz ist? Du findest wohl“ -- das Weitere hab’ ich nicht mehr hören können, da die beiden Damen schon zu weit waren. Ich folgte mit dem Blick der angegebenen Richtung und unterdrückte nur mit Mühe einen Ruf der Überraschung. Da war er ja, mein Unbekannter von Murano, an der Stelle selbst, wo wir den General erwarteten.