Part 16
Hier merkte man nichts von dem Gewimmel, das in dem vorderen Teil der Giardini herrschte; nur wenige vereinzelte Spaziergänger verloren sich bis an diesen Platz.
Wir setzten uns auf eine Bank, und während die Tante las, betrachtete ich mir den Einsamen genau.
Er stand an eine Cypresse gelehnt, die Arme über der Brust verschränkt, und sein Blick schweifte weltvergessen über das Meer.
Ich sah ihn lange an und doch bin ich nicht klug geworden aus seinem Gesicht. Die Augen sind die eines Träumers, der bemüht ist, Alles im rosigsten Licht zu schauen -- und der an Ideale glaubt. Und hingegen lagert ein spöttischer, ja fast verächtlicher Zug um den Mund. Es ist, als hätten diese Lippen Alles gekostet, und nirgends Süßigkeit, überall nur bitteren Nachgeschmack gefunden, als müßten sie sich plötzlich öffnen, um ein „Brrr“ des Abscheues auszustoßen.“
Sonst hatte ich die Leute, die mich beschäftigen, sofort in eine bestimmte Categorie eingereiht -- da aber bracht’ ich’s nicht zu Stande. Ich forschte auch vergebens nach einer Ähnlichkeit mit dem General. Die hohe, elegante Figur, das war auch Alles.
„Ah, das ist schön. So pünktlich -- ganz wie beim Militär.“ -- Der alte Graf war auf uns zugekommen, im weiten, dunklen Radmantel, den grauen, weichen Filzhut auf dem Kopf. -- Er trug sich nie anders und es gab wohl auch nichts, was besser zu ihm paßte. Es war originell, durchaus charakteristisch.
„Hab’ meinen Sohn herbestellt“, fügte er hinzu. „Möcht’ ihn mit den Damen bekannt machen, wenn es gestattet ist. -- -- Ah, mir scheint, dort ist er -- -- Egon.“
Der Gerufene stand im nächsten Augenblick vor uns. Der Vater stellte ihn uns vor. „Hat wieder geträumt; ist nicht zufrieden mit der Welt; lieber in den Wolken, wie? Hab’ ich Recht, wie?“
Der neue Ankömmling unterhielt sich längere Zeit mit der Tante, deren tapferes Wirken er sehr bewunderte. „Wir Socialisten sind ja sammt und sonders Friedensfreunde. Wir verfolgen ganz dasselbe Ziel, nur auf verschiedenen Wegen.“ Dann sprach er von seinen Reisen, und später giengen wir voran. Es fügte sich wie von selbst, und doch wurde mir eigentümlich bange. Wovon wird er reden?
„Eigentlich kennen wir uns schon“ begann er. „In der Glasfabrik von Murano. Erinnern Sie sich noch?“
„O ja. -- -- Hat es auch einen so traurigen Eindruck auf Sie gemacht?“
„Gewiß. Ich habe Ihren Seufzer vernommen, als Echo meiner eigenen Empfindungen, so etwas wie Seelenverwandtschaft herausgespürt. Die Meisten betrachten es als Curiosum. In ihrer Gleichgiltigkeit entgeht es ihnen ganz, daß sich da wie nirgends anders die Ungerechtigkeit zeigt, die die Welt beherrscht.“
„Ja, daran hab’ ich auch gedacht -- und bin dabei in eine Sackgasse geraten. -- Können Sie mir kein Werk anraten, das mir Aufschluß erteilt. -- Ich bin leider viel zu wenig bewandert, auf diesem Gebiet. Aber jetzt, wo mein Interesse erwacht ist“ -- --
„Gewiß. Ich will Ihnen gern einige Titel nennen. Aber die Anfangsgründe darf doch ich Ihnen beibringen, nicht wahr?“
„Ich werde Ihnen sehr dankbar sein.“
Hierauf entwickelte er mir mit wenigen leichtfaßlichen Worten die ganze Idee. -- Ich glaube, er hat beiläufig das gesagt:
„Wir sind keine Revolutionäre und Umstürzler im schlechten Sinn. Was wir anstreben, werden wir auf friedliche, unblutige Weise erreichen, indem wir die Menschen zum vernünftigen Denken zwingen -- die Unterdrücker und ihre Opfer. Und dieser Kampf der Geister muß notwendig die Reformen mit sich bringen.
Es handelt sich uns nicht darum, die Reichen auszuplündern und ihr Hab’ und Gut unter die Armen zu verteilen. Nein, nur die schroffen Gegensätze sollen gemildert werden -- durch die Gesetze. Man verwechselt uns so häufig mit den Communisten, und das ist ganz unrichtig. Wir wissen sehr gut, daß eine völlige Gleichheit ausgeschlossen ist. Es wird immer Unterschiede geben, sowohl in körperlicher als in geistiger Beziehung. Das Gegenteil wäre gerade so unsinnig, als wenn man vom geborenen Dichter verlangen wollte, daß er Sohlen an die Schuhe heftet, vom Crétin, daß er Astronomie betreibt, oder vom Krüppel, daß er Lastkarren schiebt.
Die Leute müssen eben immer reden, ob sie etwas von einem Ding verstehen oder nicht. So hat sich einmal ein Gegner folgendermaßen geäußert:
„Geld wird es natürlich keins mehr geben: wir werden Jedes mit einem Schein in der Hand unser Stück Fleisch, unsere Schuhwichse und überhaupt Alles, was wir brauchen -- abholen: Niemand wird mehr im Wagen fahren, um es den Anderen nicht voraus zu tun. -- Volle Gleichheit. Und schon nach einem Jahr wird der Streit losgehen, weil der A -- wie es ja unvermeidlich ist -- wieder mehr haben wird wie der B.“
Und darauf hinzuarbeiten, eine solche heillose Confusion heraufzubeschwören, liegt uns doch wahrlich fern. Jedem Menschen sein Stück Brot sichern, ihm die Möglichkeit bieten, es zu verdienen, das wollen wir. Der Eine mag Champagner trinken, der Andere sich bei Tafelwein genügen lassen, aber was nicht mehr sein darf, das ist: hier Berge von Gold und dort der Hunger, Crösusse und Bettler. Mit dem Verein gegen Verarmung und Bettelei ist uns nicht gedient, ebensowenig mit Wohltätigkeitsbazaren, die nun so sehr ~en vogue~ sind. Damit macht man dem Strike, dem Aufruhr kein Ende. Leute, aus denen man Nutzen zieht, müssen auch menschenwürdig behandelt werden. Es ist ja haarsträubend, in welch’ entsetzlichen Verhältnissen die unteren Classen leben. Wie das Vieh zusammengepfercht in dumpfen, lichtlosen Kellerwohnungen. Mit 50, 60 Kreuzern soll eine Familie von einem halben Dutzend Köpfen ihr Auskommen finden. Sie müssen ja da zu Grunde gehen und sind in jenem Alter, wo Kraft und Arbeitstüchtigkeit am größten sein sollten, Greise, weil das Maß der Sorgen zu schwer war für ihre Schultern. Jeder blutig erworbene Heller wird controliert, die Steuer dafür eingezogen, und dazu die ewig steigenden Preise! Man treibt sie ja gewaltsam dem Laster in die Arme. Diebstähle, Trunksucht, Selbstmorde, das sind die natürlichen Folgen.
Man hat leicht Geduld und Ergebenheit predigen, wenn man selbst in geordneten Verhältnissen lebt, -- -- ich aber finde, daß die guten, die „neidlosen“ Armen bewunderungswürdig sind. Und wenn der Funke der Unzufriedenheit zu lichterloher Flamme wird, wenn sie schließlich genug haben, sich zur Wehr setzen, ich würde denken: „Sie haben Recht“.
Wenn man immer und ewig Nieten in der Schicksalslotterie zieht, wie soll man da nicht verzagt werden und unwillkürlich fragen: „Warum gerade ich?“ Denn sich zu philosofischer Lebensanschauung aufzuschwingen, ist in diesen Kreisen ein Ding der Unmöglichkeit.
Die Reichen aber lügen, wenn sie mit treuherzigen Mienen versichern, daß sie ihr Geld zusammenscharren zum Wohle der Allgemeinheit. „Verwalter unseres Vermögens“ -- „nutzbringend für den Staat.“ Ja, schöner Nutzen das! Die Armen hungern und frieren, dieweil der Fiskus, dieses Ungeheuer mit dem bodenlosen Schlund, sich ins Fäustchen lacht.
Freiwillig geben die Besitzenden nicht nach: sie mit dem Schwerte in der Hand gefügig zu machen, wäre Unrecht. Moralisch also müssen sie gezwungen werden durch die legislative Gewalt. Dazu aber ist es erforderlich, daß sie sich in den Händen wohlmeinender Männer befinde, die die Interessen des Volkes auch wirklich wahren.
Bei der Mißwirtschaft, wie sie momentan in fast allen Parlamenten eingerissen hat, ist nichts für unsere Zwecke zu erreichen. Sie lesen doch die Zeitung?“
„Gewiß.“
„Nun da werden Sie ja wissen, wie es dort zugeht. Man streitet sich stundenlang um Bagatellen herum -- vernünftige Vorschläge, das gehört zu den Seltenheiten. Freilich, zur Zeit der Canditatur versprechen die Herren den Leichtgläubigen Sonne, Mond und Sterne und ködern sie mit Bier und Geld. Sitzen sie aber einmal fest und warm im hohen Haus, haben sie auf Alles vergessen bis auf die Diäten: die stecken sie noch gewissenhaft ein. Es ist eine einfache Spekulation. Der Zufall, die Bestechung entscheidet mehr, als das persönliche Verdienst und daher kommt es so häufig vor, daß total unfähige Menschen die wichtigsten Stellen bekleiden. Darum strebt unser Programm in erster Linie das allgemeine, direkte Wahlrecht an. Dieses erstreckt sich auf alle Reichsangehörigen beiderlei Geschlechts, die das zwanzigste Jahr zurückgelegt haben. Das Volk soll aus seiner Mitte heraus bewährte Männer, zu denen es Vertrauen hat, zu seinen Abgeordneten bestimmen.
Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die Volkswehr an Stelle der stehenden Heere, und die Schlichtung aller Streitigkeiten auf schiedsgerichtlichem Wege. Sie sehen also, daß wir sehr friedliebende Menschen sind. Doch ich ermüde Sie wohl?“ setzte er fragend hinzu; da ich ihn jedoch des Gegenteils versicherte, fuhr er fort:
„Auch wollen wir die Abschaffung jener Gesetze, welche die freie Meinungsäußerung einschränken und jener die die Frau im öffentlichen oder privaten Leben, dem Manne gegenüber benachteiligen.“
„Also Sie finden es natürlich, daß auch die Frauen, einen ihren Fähigkeiten entsprechenden Beruf wählen, sich am öffentlichen Leben beteiligen?“
„Das ist doch nur gerecht: nur die Schwächlinge fürchten die Concurrenz: aber die werden ja bald zum Schweigen gebracht werden.“
„Ist das das ganze Programm?“
„O nein. Wir sind keine so bescheidenen Leute: wir streben noch so Manches an, z. B. die vollkommene Trennung von Kirche und Staat: Weltlichkeit der Schule, Unentgeltlichkeit des Unterrichtes und der Lehrmittel und Ausbildung der Talente, da wo sich welche zeigen.“
„Das wäre für Viele eine Wohltat. Ich habe mir so oft vorgestellt wie traurig es für einen Menschen, der an seine Begabung glaubt, sein muß, wenn ihm die Hände gebunden sind, wenn er nicht vorwärts kann, weil ihm die Mittel fehlen, um sein Ziel zu erreichen.“
„Sie sollen noch mehr beanspruchen können. Die unentgeltliche Rechtspflege, die Entschädigung unschuldig Verurteilter, die Abschaffung der Todesstrafe. -- Ärztliche Hilfe und Heilmittel, das sollen sie ebenfalls umsonst haben.“
„Und dieses Programm, das so gut, so logisch zusammengestellt ist, soll nicht die Wünsche Aller befriedigen?“
„Nicht wahr? Es ist kaum zu begreifen, und doch gibt es leider gar Viele, die nichts davon wissen wollen.“
„Wie ist es eigentlich mit den großen Abgaben, über die man alle Welt jammern hört? -- Läßt sich denn da nichts machen, oder gehört das nicht hierher?“
„Und ob. Auch da wollen wir Rat schaffen. Wir beanspruchen nämlich die stufenweise steigende Einkommensteuer, von der dann alle öffentlichen Ausgaben bestritten werden sollen. Erbschafts- und Vermögenssteuer bleiben, wenn auch anders geregelt, bestehen, hingegen sollen alle indirekten Steuern, die Zölle, überhaupt alle jene wirtschaftspolitischen Maßnahmen abgeschafft werden, welche die Interessen der Allgemeinheit den Interessen einer bevorzugten Minderheit opfern. Das klingt trocken, nicht wahr? Die Anfangsgründe jeder Wissenschaft sind so. Aber wenn man das ABC überwunden hat, macht das Weiterspinnen Freude.“
„Mir scheint Alles ganz klar und einfach. -- Freilich, was das Letzte anbelangt, die Abschaffung der zu weit ausgedehnten Vorteile der Bevorzugten, kann ich mir denken, daß Sie auf Schwierigkeiten stoßen.“
„Nun ja, natürlich fehlt es uns nicht an Widerstand, doch wir werden ihn schon brechen. Und im Innern können am Ende auch unsere Gegner, sofern sie denken wollen, die Vorteile einer solchen Reorganisation nicht leugnen.
Dadurch, daß das tote Capital aufhört, das heißt die Aufhäufung der Zinsen zu Unsummen -- kommt mehr Geld in Umlauf, wobei die Wohlfahrt des Landes steigt, und jeder Einzelne profitiert.
Für alle öffentlichen Bedürfnisse wird die Gemeinkasse, der Staat sorgen, ebenso für den Unterhalt der Kinder und der Arbeitsunfähigen. Er wird auch das Eigentumsrecht von Grund und Boden an sich bringen, das heißt, es durch Kauf erwerben und die Leute damit belehnen, mit anderen Worten: sie wären gegen mäßige Zinsen Pächter.
Jeder wird für sich selbst arbeiten und nach dem Maße seiner Leistungen entlohnt werden. Keine Millionenerben mehr, und die Zahl der Müßiggänger, der Drohnen wird sinken.“
„Aber“, habe ich da eingewendet, „wird die Freude, der Eifer, zu erwerben, nicht abnehmen, wenn man nicht mehr für seine Kinder, sondern für die Allgemeinheit arbeitet?“
„Das ist Ansichtssache. Vernünftigen Eltern wird jedenfalls der Gedanke, daß ihre Nachkommen durch redlichen Fleiß ihr Schärflein zum Weltbau beitragen, mehr Genugtuung bereiten, als der, daß sie auf der faulen Haut liegen und sich durch vornehmes Nichtstun zu unnützen Gliedern der Gesellschaft stempeln. Im Übrigen wäre ein „weniger auf Erwerb des Mammons bedachter Sinn“ nur wünschenswert, weil dann das Laster „Geiz“ keine so unerquicklichen Dimensionen mehr annähme, wie heute. -- Auch die Geldheiraten würden abnehmen und die Liebe als Regentin ein besseres, für das Ideale begeistertes Geschlecht hervorbringen.
Freilich wird es immer kleinliche Schreier geben, denen die eigene Bequemlichkeit mehr am Herzen liegt, als das Wohl der Gesammtheit. Aber mit der Zeit wird es der verschwindend kleine Teil sein. Der Ruf nach Gerechtigkeit wird mächtig anschwellen und als brausender Orkan das All durchzittern -- und dieser Tag steht, glaube ich, in nicht all zu weiter Ferne.“
Er hatte sich in Eifer geredet und seine blauen Augen strahlten in sanftem Feuer. Wir waren nahe an das Hôtel gekommen, das der Graf mit seinem Sohn bewohnte. „Ich könnte Ihnen noch so Manches über diese Sache sagen -- von den speciellen Forderungen der Arbeiterklasse habe ich Ihnen noch gar nicht gesprochen.“
„Wir werden doch Gelegenheit finden, das heutige Thema fortzusetzen -- so schnell dürfen Sie mich nicht im Stiche lassen.“
„Das will ich auch durchaus nicht. O nein, ich habe ganz gut bemerkt, daß Sie einen klaren Kopf haben und solche Leute können wir nur zu gut brauchen.“
„Was hat der Ihnen Alles erzählt?“ frug nun der General. „Schöne Sachen, wie? -- Möcht’ gern eine Socialistin aus Ihnen machen, wie? A ja, ja, kleine, schöne Socialistin, wie?“
„Das wird ihm leicht gelingen.“
Egon gab mir die Hand. „Wir werden Freunde sein, nicht wahr?“
„Wir sind es schon“, wollt’ ich erwidern, doch ich nickte nur zustimmend mit dem Kopfe.
* * * * *
2. Juni.
Das Venedig vom Canal grande ist wesentlich verschieden von dem in den Mercerien. Das bunte Durcheinander, das hier herrscht, contrastiert lebhaft mit der majestätischen Ruhe des eleganten Viertels.
Der General machte unseren Cicerone, und es war unterhaltend, als eine Schar kleiner Gassenjungen sich vor ihm aufpflanzte und rief: „~Un soldo, san Nicolo, prego un soldo~“, und er verteilte lachend Kupfermünzen unter sie.
„~Ma no~“, ließ sich jetzt eine weibliche Stimme vernehmen, „~non è san Nicolo, è il nostra Generale. Buon giorno Eccelenza~.“ Es war ein bildhübsches Weib, das diese Worte gesprochen. In Fetzen stand sie da: ihr dichtes, blauschwarzes Haar fiel ihr in Strähnen über die Brust. -- Die Augen funkelten und in der Haltung des Kopfes lag etwas von einer Königin.
An allen Ecken, und wo es angeht auch unter den Toren stehen Orangenverkäufer, Zeitungsausrufer, Blumenmädchen. Ein sich gegenseitig Überschreien, ein Anpreisen der Waren, ein Handeln und Gemurmel: ein ohrenzerreißender Lärm.
„~Il secolo~“ -- „~popolo romano -- tre rose per una mezza lira -- ma compra -- belle arranci, fresche, dolci -- il giornale di Milano~“ und dazwischen das Gebell der Karrenhunde, das Schäppern der kleinen Marktwagen.
Um in dieser Gegend zu wohnen, muß man wirklich gute Nerven haben: ich glaube auf die Dauer hielte ich das nicht aus.
Der General führt uns in ein stilleres Seitengäßchen, wo die Antiquare ihre Buden aufgeschlagen haben. -- Es gibt da Prachtstücke, an denen man sich gar nicht satt sehen kann. Besonders reich vertreten sind die eingelegten und geschnitzten Truhen, Goldstickereien und Miniaturen. Eine, die mir besonders gefiel, hab’ ich erstanden. Eine Frau in Empirecostüme, ein schlankes Figürchen mit einem Paar großer flehender Augen. Zwischen Daumen und Zeigefinger hält sie einen Schmetterling. Die Inschrift auf der Goldleiste des Rahmens hab’ ich erst später entdeckt. In winzig kleinen Lettern steht darauf: „~Puisse l’excès de mon amour fixer le volage.~“ Eine kleine Fürstenkrone daneben.
Ich war entzückt über meine Entdeckung und zeigte dem Grafen das Bild. Da schien mir’s, als ob eine seltsame Bewegung über seine Züge geglitten wäre. -- -- -- „Ja, ja, -- ist jetzt vorbei -- vergeht so schnell das Leben, wie? Kaum daß man vernünftig geworden, ist es aus.“ -- Und um sich blickend: „Alte Kunstschätze und moderne Menschen. Junge Menschen, wie? -- -- Ah ja, ja, das Alte taugt nichts, das muß fort. Immer Neues drängt zum Licht, muß sich frei bewegen können. Ist natürlich. Bei mir wird’s auch nicht mehr lang dauern, wie?“
„Aber sprechen Sie nicht so,“ bat die Tante, und mir wurde ganz weh ums Herz. Vom ersten Moment an hat er sich meine Sympatie erworben, und ich weiß, daß wenn er gienge, es eine Lücke bilden würde in meinem Leben. Du lieber, alter General! Was macht’s, daß die Jahre sich mit Runenschrift in Deinen Zügen eingegraben, tiefe Furchen gezogen haben, der Kreuz und Quere: bis an Dein eigentliches Wesen ist die zerstörende Zeit doch nicht gedrungen. Noch immer stehst Du da, so unbeugsam und wetterfest wie eine Eiche, die den Stürmen trotzt, die stolz und sicher ihr Haupt zum Himmel hebt.
„Ein Mann, halb Engel und halb Löwe“, so hat ihn der ältere Dumas genannt.
„Ah, diese trifft sich gut.“ Die Schwestern Trevatti waren uns förmlich in die Arme gelaufen. „Wir haben uns geholt eine neue Gondelier,“ erläutert Pepi, „weil das frihere is in Liebe gefallen zu die Corona, -- und die besen Zungen hier! S’is schrecklich: wir sind ganz krank. Jetzt gehen wir in die Gemalerei, weil dort sind schene Bilder -- eine Porträt, was soll sein die ganze Corona.“
„Da, Signorina,“ sagt die Ältere, mir eine Rose reichend. „Diese ist von eine schene Geburt,“ fügt sie, nicht ohne Wichtigkeit hinzu.
Ich war froh, daß sich keine anderen Leute in der Nähe befanden. Der Aufzug dieser Beiden spottet jeder Beschreibung. Was man an Farben und Uniformen ersinnen kann, das laden sie auf sich. Eine buntbeklexte Palette ist nichts dagegen. So etwas tut mir in den Augen weh. Meine Überwindungskraft geht nicht so weit, daß ich mich über Derlei hinwegzusetzen vermag. Ich weiß, es ist kleinlich: die wahre Klugheit besteht darin, die Menschen zu nehmen, wie sie sind, mit ihren Schwächen und Absonderlichkeiten. Ob ich das je erlernen werde?
Nachmittag sind wir herumgefahren auf dem Meer. Es war schwül; die ganze Natur strömte eine gewisse Mattigkeit aus. Wie Gazeschleier lag es über dem Firmament und selbst die Glocken von San Marco hatten einen müden, gedämpften Klang. In all’ den Farben und Tönen eine schüchterne Weichheit, die mich so seltsam bewegte.
Und der General erzählte aus seinem Leben. -- Alles war Romantik in diesem Dasein. Ich lauschte mit geschlossenen Augen. -- Wie stürmisch wild da mit einemmale die See wurde! -- Die Wogen brandeten, schlugen schäumend an die Gondel, warfen sie hoch in die Luft, daß sie in allen Fugen krachte. -- Es war die Illustration zu der Geschichte des Greises, der an unserer Seite saß.
Seine zügellose Phantasie, sein Drang nach Erlebnissen und Abenteuern hatten ihn noch als halben Knaben hinausgetrieben in die Welt. -- Allenthalben wo es Kampf gab, war er dabei. -- -- Pulverdampf und Kugelregen, das sind die Erinnerungen seiner Jugend. -- Seit jeher empfand er besondere Vorliebe für das sonnige Italien und dort war es auch, wo zum erstenmale die Frau entscheidend in sein Leben trat. Er fand Gegenliebe bei der jungen Fürstin, der er seine Neigung widmete -- die Eltern waren einverstanden und die Regierung zeigte sich hocherfreut. Dennoch gab es Mißgünstige, die diese Heirat hintertreiben wollten. Da machte er aber kurzen Proceß, nahm seine Braut in die Arme und ließ sie sich bei Fackelschein antrauen in stiller Nacht. -- „Meine Division erwartete uns im Wald, wo in aller Eile ein Altar errichtet wurde und dem Bischof wußte ich plausibel zu machen, daß es seine Pflicht sei, uns die Hindernisse aus dem Wege zu räumen. -- -- Sie ist bald gestorben, die Arme. Ja, ja, war ein Engel, eine wirkliche Heilige.“
Tiefen Eindruck hat mir auch folgende Episode gemacht, die er uns aus seinem Schlachtenleben mitgeteilt:
„Es war im Mai 1860. Unter dem heiteren Himmel von Italien trug sich das Grauenhafte zu. Wir zogen mit tausend Helden Garibaldi’s gegen Palermo. In der Nähe des Marktfleckens Partenico erblickten wir am Straßensaume einen Leichenknäuel, und als wir näher traten, sahen wir, daß es zehn bis zwölf Bourbonensoldaten waren, an denen die Hunde nagten. Garibaldi geriet in fürchterlichen Zorn und donnerte die jubelnden Einwohner mit den Worten an: „Schämt Euch über solch’ barbarisches Treiben. Die Anhänger der Freiheit kämpften nie so; nie wüteten sie auf so unmenschliche Weise.“
Die Partenicoer hörten in tiefer Stille diesen Ausbruch der Entrüstung an. Dann trat Einer aus der Gruppe vor den General:
„Ja, wir haben ungerecht gehandelt, aber bevor Sie uns verurteilen, sehen Sie selbst, was hier geschah“, und sie führten uns in vier bis fünf Häuser, in denen eine Schar von Frauen und Kindern lag, versengt, zu Kohle verbrannt.
„Das haben die Bourbonensoldaten getan“, schrien sie. „In die Häuser trieben sie die Frauen und Kinder, zündeten sie an, bis die Unglücklichen in den Flammen starben. Wir hörten das Wehgeschrei und eilten herbei. In unserer Verbitterung vollbrachten wir den Racheakt.“
„Damals überkam mich zum erstenmale namenloser Ekel vor der Grausamkeit der Menschen, vor der Häßlichkeit des Krieges, der alle Dämonen entfesselt. Ähnliches gieng im Innern Garibaldi’s vor, wie er mir später gestand. -- A ja ja, das waren Zeiten. Wie?“, und er fuhr sich mit der Hand über das weiße Haar. -- „Hab’ aber noch nicht genug gehabt. Auch den 66er Feldzug mitgemacht. Weiß der Teufel, warum ich keine Ruhe hatte. Wurde am linken Arm verwundet; war eine sehr gefährliche Geschichte -- hätten ihn bald amputieren müssen. Da bin ich denn gelegen sechs Monate und hab’ Zeit gehabt, nachzudenken. -- Oft hab’ ich Nächte lang kein Auge zugemacht -- immer eine weiße Frau an meinem Bett sitzen gesehen, die fortwährend murmelte: „Ich bin der Tod.“ -- War mir nichts passiert mitten in der Schlacht und hab’ ruhig sterben soll’n im Bett, wie? -- Hab’ keine Lust gehabt, -- der weißen Gestalt gesagt: „Ich will leben -- geh’ fort“ -- dem Tod getrotzt. -- Muß leben, um gut zu machen, meinem kleinen Buben andere Ideen beizubringen -- ja ganz natürlich -- er soll vernünftiger werden, wie sein Vater. A ja ja. -- Kleiner Bub. Ist heut’ ein erwachsener, tüchtiger Mensch, der Egon. Wie? -- -- Schreibt den ganzen Tag -- wird hoffentlich gelingen das Werk, wie?“ und ein stolzes Lächeln verklärte seine Züge.
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5. Juni.
Aus welchem Anlaß er Socialist geworden. Ob er den Standpunkt, den er heute vertritt, seit jeher eingenommen, oder ob ihm die Gegensätze früher als etwas Selbstverständliches erschienen waren? Das Alles hab’ ich Egon Deuchtestum gefragt.