Part 17
„Mein Vater“ -- und in diesem Worte lag große Zärtlichkeit -- „hat mich in den Principien der Nächstenliebe und Gerechtigkeit aufgezogen. So viel ich mich erinnere, war es mir als Kind Bedürfnis, den Armen zu geben. Damals hab’ ich’s instinktiv getan -- später aus Gewohnheit und weil es mir wirklich Freude machte. -- Dabei aber ließ ich mir nichts abgehen, legte mir keinerlei Entbehrung auf. -- -- Ich sollte mein Freiwilligenjahr absolvieren und meine neuen Kameraden forderten mich auf, an einem Bankett, das sie veranstalteten, teilzunehmen. Ich gieng. Am Sylvesterabend war’s. Ein Wetter, daß man keinen Hund hätt’ auf die Gasse jagen mögen. Drin im Restaurant war’s behaglich warm; eine elegante Gesellschaft füllte den Raum; Alles war lustig, guter Dinge. Unser Tisch stand knapp am Fenster -- -- wir ließen es uns gut sein, plauderten, aßen die besten und seltensten Dinge, tranken Punsch und dann kam der Champagner an die Reihe. Ich war nie ein Freund solcher Gelage gewesen und auch diesmal nur gekommen, um nicht als Spaßverderber zu gelten.
Schon stand eine ganze Batterie geleerter Flaschen auf dem Tisch -- der gewöhnliche Grad der Gemütlichkeit war überschritten. Und da kein irgendwie fesselndes Thema berührt wurde, hieng ich meinen eigenen Gedanken nach -- und sah unwillkürlich durch das Fenster. -- Gerade gegenüber war eine Delikatessenhandlung. Ein ärmlich gekleideter Mann stand davor und studierte die ausgestellten Leckerbissen. Die Züge vermochte ich nicht deutlich zu unterscheiden. Ein paar Minuten später trat er in unser Restaurant. -- Zaghaft, mit einem so flehenden Ausdruck, den ich nie vergessen werde, näherte er sich einer Gesellschaft. Ein paar geputzte Damen rückten ihre Stühle beiseite und eine hielt ihr Taschentuch an die Nase: „Puh, dieser Geruch!“ Und ein dicker Herr rief den Kellner: „Was will der Mann hier? -- Sorgen Sie dafür, daß die Besucher nicht durch solches Gesindel belästigt werden.“
„Herr, ein krankes -- --“
„Nichts da -- packen Sie sich fort, sonst hole ich den Wachmann“, und der Kellner drängte ihn zur Tür. -- -- Er wankte mehr, als er gieng. Dann ballte er die Faust -- wie man es tut, wenn man einen Fluch ausstößt.
Der ganze Auftritt hatte keine fünf Minuten gedauert. -- Hatte mich nun der Champagner gelähmt, mich eingeschläfert -- ich verfolgte die Scene mit dem Blick des gleichgültigen Zuschauers. Erst als mein Nachbar sich über den „unverschämten Kerl“ beklagte, kam ich zu mir.
Ich nahm mir kaum Zeit, in meinen Mantel zu schlüpfen -- ich eilte hinaus, dem Verjagten nach. -- Seine Hand hab’ ich genommen und ihm Abbitte geleistet. -- In seine elende Kammer bin ich ihm gefolgt; sein Weib und seine vier Kinder waren blau vor Kälte. Auf einem Strohlager lag das Jüngste -- tot. Es war gestorben in seiner Abwesenheit. -- Da hat sich der Mann über die kleine Leiche geworfen und Dinge gebrüllt, die mir durch Mark und Bein drangen. -- --
„Gelt, daß die Reichen sich überfressen können, muß Unsereins arbeiten wie a Viech. -- -- Wir verdienen’s und sie verprassen’s. Von Mitleid keine Spur -- drum hast krepieren müssen, armes Hascherl -- -- kein’ Doktor hab’n mehr zahlen können, und jetzt is aus. -- Wahrli, man dürft’ keine Kinder haben, ’s wär’ besser für die Würmer -- so an Luxus kann sich nur a Reicher gestatten. -- Besser war’s, wann das ganze G’schlecht aussterbert -- sollen sich dann selbst helfen, die nobligen Leut’.“
Lang hat’s gedauert, bis er zur Ruhe kam. -- -- Und ich stand da -- und schämte mich -- im Namen meiner Genossen. Es schlug Mitternacht, das neue Jahr hielt seinen Einzug. -- Da hab’ ich es dem Manne gelobt in seine rauhe Hand: „Ich will für Euch kämpfen -- -- meine Kraft, mein Streben weih’ ich von dieser Stunde an den Unterdrückten.“
„Ich --“ -- weiter kam ich nicht -- Tränen erstickten meine Stimme und noch jetzt, wenn ich daran denke, zittert mir die Feder in der Hand. -- -- Danken wollt’ ich ihm, ihm sagen, wie gut das gewesen, und habe doch kein Wort hervorgebracht. Aber meine Tränen haben mich verraten, die sind mir unaufhaltsam herabgerollt.
Er sah mich bestürzt an. „Ich habe Sie nervös gemacht. Verzeihen Sie.“
„Sie haben mir wohl getan. So wohl.“
Der Garten, in dem wir wandelten, mit seinen dunklen Laubgängen, mit den plätschernden Fontänen, mit dem Dufte der Magnolien schien mir plötzlich so wundervoll. Der ganze Zauber des Südens stürmte auf mich ein, atemraubend überwältigend.
Wir näherten uns einer Gruppe von spielenden Kindern. Ein etwa eilfjähriger Knabe schien seinen Kameraden etwas zu zeigen, was sie offenbar sehr interessierte, denn sie reckten die Hälser und verwandten keinen Blick von ihm. Jetzt sahen auch wir es. Das kleine Monstre hatte ein junges Vöglein in der Hand, das hilflos zappelte, denn es hatte die Füße mit einem Schnürchen zusammengebunden: die Federn waren ihm teilweise ausgerupft und aus den Augenhöhlen träufelte Blut. Mir wurde ganz schwindlig bei dem Anblick. Egon war feuerrot geworden: die Stirnader trat hervor und die sanften Augen sprühten Zornesblitze. Er sagte kein Wort, sondern trat auf den Missetäter zu, riß ihm das zuckende Tier aus der Hand und versetzte ihm einen so heftigen Schlag, daß er taumelte. Aber gleich darauf hörten wir ihn höhnisch lachen.
Egon atmete tief auf: „Es war eigentlich unerlaubt -- aber ich konnte mich nicht zurückhalten. Wenn ich sehe, wie man ein armes wehrloses Geschöpf mutwillig quält, bin ich nicht Herr meiner selbst. -- -- -- -- So etwas entmutigt mich auf Tage hinaus, es erregt mich so, daß ich nicht einmal schreiben kann. Alle Worte, die derbsten Ausdrücke sind mir noch zu gering. -- Es ist ein so weiter Weg, den der Gedanke zurücklegt vom Augenblicke, da wir ihn empfangen, bis zu jenem, da wir ihn zu Papier bringen. -- -- Er verblaßt uns unter der Feder, was als Flamme aufgelodert im Gehirn, das ist nur mehr verlöschende Glut, sobald wir es niedergeschrieben.
Man möchte ja helfen -- ach Gott, wie gerne -- -- -- aber die Verzagtheit drückt uns zu Boden. Keine andere Waffe zu haben gegen so viel Roheit als diese Hände und den guten Willen. -- -- Nicht an die eigene Kraft glauben, an sich selbst verzweifeln. -- Das Martyrium des Zweifels, der aufreibende Zwiespalt zwischen Riesenwollen und Zwergkönnen. Es ist eine Qual.“
So hatte er noch nie zu mir gesprochen: es war als fühle er das Bedürfnis aus sich herauszutreten, einer teilnehmenden Seele sein „Ich“ zu enthüllen.
„Ich bin sicher, Sie werden es zu Stande bringen.“
„Sie glauben wirklich?“ -- Er sagte es ganz freudig, „Ach, wenn Sie recht behielten. -- Bisweilen denke ich ja selbst: Es muß mir gelingen. Ein Schrei, der aus dem innersten Herzen kommt, muß der nicht widerhallen in den Anderen, sie bewegen, erschüttern? In solchen Momenten bin ich voll Zuversicht. Meine Arbeit scheint mir ein Kinderspiel -- was ich sage, kommt mir so eindringlich, so überzeugend vor. Das ist dann Seligkeit.“
Darum also nennen sie ihn einen „seltsamen Kauz?“ -- Sie haben nicht so Unrecht -- wie wollen „Die“ ihn verstehen! -- Diese heiße Dichternatur mit ihren 1000 Nuancen, mit dem ewig wechselten Colorit, so tief, wie das Meer, so schillernd wie das Gefieder der kleinen Colibris in den Tropen, so fascinierend für den, der sie erfaßt, wie die Musik des Südens.
„Ja, ich gestehe“, fuhr er nach einer Pause fort, „daß ich etwas wie Neid fühle gegen die Menschen mit beschränktem Horizonte. Sie sind relativ glücklicher als wir, die der Drang erfüllt, nach Neuem, Gewaltigem, nach himmelhohen Zielen. Sie gleichen stillen, durchsichtigen Wässern, ohne brausende Wogen -- denn sie sind seicht. Niemals treten große Entschlüsse, mächtige Leidenschaften an sie heran, oder sie ziehen vorüber, ohne sie zu berühren. Sie stehen auch nie auf schwindelerregender Höhe, und wenn sie fallen, wird ihr Sturz ein sanfter sein. -- -- Freilich -- es entgeht ihnen auch viel Schönes. Ein reicher Teil ihres „Ich“ bleibt ihnen verborgen -- sie ahnen nicht einmal die eigene Genußfähigkeit. Niedere Gewächse, die im Schatten auf der Erde weiterkriechen, ohne glühende Farben, ohne berauschenden Duft. Kein Sonnenstrahl zieht sie zu sich empor: sie wissen nicht, wie lieblich der blaue Himmel ist, wie berückend der schwüle Sommer.“
Er ist ein Adler, die Anderen sind Schnecken. Ihn tragen seine Flügel weit -- -- wenn ich ihm folgen könnte!
Und wie richtig er die modernen Menschen definiert hat. -- Ein Bekannter schrieb ihm einmal: „Ich kann das Gefühl nicht los werden, daß Einer hinter mir dreinjagt auf feurigem Rosse. Ich höre ihn atmen -- er kommt immer näher mit rasender Geschwindigkeit, und da laufe und laufe ich, solange mich meine Füße tragen.“ -- Und an dieses Gleichnis hat er angeknüpft: „Ja, es ist wahr, man möchte zehn Dinge auf einmal erledigen -- die Tageszeit verdoppeln. Es gäbe so unendlich viel zu tun gerade in unserem Jahrhundert, dessen charakteristisches Merkmal ein ununterbrochenes Hasten und Drängen ist. Diese ewig vibrierenden Nerven, dieses heiße Streben, diese wechselnden Stimmungen, bald zuversichtlich zum Aufjauchzen, bald verzagt bis zur Verzweiflung. Selten ein Augenblick wirklicher Ruhe, inneren Gleichgewichts. Leben wir denn jemals in der Gegenwart? Unser Geist eilt stets voran, der Zukunft entgegen, schwingt sich in lichte Sonnenhöhen. -- In unsren Träumen Götter, und beim Erwachen -- Menschen, Spielball des Schicksals, so armselig und so nichtig. -- Dann machen wir uns mit einer Art Galgenhumor daran, das eigene Ich zu analysieren; mit dem Blicke des unparteiischen Kritikers die verborgensten Winkel unsrer Seele zu durchstöbern, und was wir mit dem freien Auge nicht sehen, das entdecken wir sicher durch das Mikroskop. -- Wir quälen uns unbewußt -- auch das hat seinen herben Reiz: es ist die Lust der Qual.
Wenn wir dann erschöpft mit heißem, schmerzenden Kopfe innehalten, wenn die Reaktion eintritt, die betäubende Ermattung, dann fragen wir uns: „Wozu dies Alles?“ -- Für die Überreiztheit, für die Compliciertheit des heutigen Geschlechtes fehlt uns der richtige Ausdruck.“
Stundenlang könnt’ ich ihm zuhören, wenn er spricht. Alles, was er sagt, hat ein eigenes Interesse für mich, und dann schmeichelt es auch meiner weiblichen Eitelkeit, daß er sich so ausschließlich mit mir befaßt.
Die jungen Damen warfen mir zuerst mißgünstige Blicke zu, dann änderten sie plötzlich ihr Benehmen. Sie machen mir jetzt Avancen, besuchen mich, laden mich ein und lassen so ganz obenhin die Bemerkung fallen, ob denn Graf Deuchtestum nirgends hingehe, weil man ihn nie zu sehen bekommt in der Gesellschaft.
Wenn sie wüßten, wie nutzlos ihre Bemühungen sind. -- Die Schablonensoiréen sind ihm ein Gräuel, er hat es mir offen gestanden.
„Früher, als ich noch in den Salons verkehrte, hab’ ich keine Befriedigung gefunden. Was wollen denn die Menschen? Diese Frage drängte sich mir stets von Neuem auf. -- -- Die Zeit totschlagen -- sie mit Banalitäten, mit hohlen Phrasen ausfüllen? Stundenlang nebeneinander sitzen, ohne sich etwas zu sagen zu haben. Oder ist’s nicht so? Es kommt mir ungefähr vor, als stellte ich mich vor den Spiegel, um die Cravatte gerade zu schieben, während das Haus in Flammen steht. Ich bringe das nicht fertig. Und Sie -- Sie können sich auch unmöglich unterhalten. -- Weil Sie so grundverschieden sind -- von den Andern.“
„Gute Nacht.“
Das klang so aufgeregt und hastig -- -- und er drückte mir die Hand so heftig, daß mir’s wehe tat.
Es ist spät. Ich will mich niederlegen. Schlaf aber verspür’ ich keinen.
Die Sterne blinken goldig. Es war ein lila Stern, dann glühendrot. -- Es regt sich nichts -- -- weil Alles ruht. -- -- Ruht wirklich Alles? -- Gute Nacht, Egon Deuchtestum -- -- gute Nacht.
* * * * *
9. Juni.
Der Ostwind. Wie er sägt an meinen Nerven! Heut’ bin ich elend. Von Minute zu Minute ändern sich meine Stimmungen. Mein ganzes Wesen ist in Aufruhr. Siedend heiß jagt mir das Blut zu Kopfe. Alles Denken und Fühlen ist zu höchster Intensivität gesteigert. Ein Chaos, eine glühendrote Finsternis, ein Hämmern, ein Pochen zum Verrücktwerden. Der Atem geht mir aus, ich meine zu ersticken -- dann wieder schüttelt’s mich vor Kälte, als ob ich Fieber hätte. -- -- Eine Unruhe, ein Bedürfnis zu gehen, mich zu bewegen! Wie wenn der Tod schon seine eisige Hand auf’s Herz legt und die Füße noch tanzen möchten -- nur ein einziges Mal noch -- bis -- sie -- erstarren.
Gleich darauf wird es still, unheimlich still in mir. Mir ist’s, als sei ich mir eine Fremde und nur zu Gast auf dieser Erde. Mir graut -- denn was ich ahne, ist mein anderes Ich -- mein Doppelgänger.
Die düsteren Phantasien weichen einer großen Abgespanntheit. -- Ich fühle mich müde wie ein geprügelter Hund, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. ~Saison morte~ im Kopfe.
O, er hatte Recht. -- -- Mit welcher Gier ich meine Sensationen zergliedere. -- -- Ich war also nur scheintot gewesen, ich hatte mich für abgestumpft gehalten. -- Zum Lachen. Mich nie anders gesehen wie als Matrone, etwas gebeugt, auf einen Stock gestützt, mit weißen Scheiteln und einem Spitzentuch darauf. -- Und „Tante Mimi“ haben sie mich genannt, nie anders als „Tante Mimi“. --
Das hatte ich wirklich geglaubt, ich, mit meiner Eindrucksfähigkeit? Mein Ohr hört Töne, und ich sehe Farben, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Nuancen und Abstufungen, die man nicht festhalten kann, weil sie zerflattern, verschwinden, wie jene Blumen auf den Wiesen, die der leiseste Hauch hinwegfegt.
Warum bin ich auch hingegangen zu den lebendig Toten? Man hatte mich gewarnt. Nun wollen sie mir nicht aus dem Sinn, die armen Irren von San Clemente.
Wie ihr starrer Blick zu fragen schien: „Wer bist Du, und was willst Du?“ -- -- Doch nein, ihnen ist’s ja einerlei. Sie fragen nicht, sie wissen nichts. Was sie zu Menschen machte, das existiert nicht mehr.
Ich ließ mich überall herumführen. Hinter einem eisernen Gitter hält eine Frau mit wildem Pathos einen Vortrag: „Ich bin eine Königstochter und mit dem Prinzen Ottavio verlobt. Ich hab’ ein Riesenschloß und Diener und viel, viel Geld in großen Kisten. Wollt Ihr welches? -- Da.“ Und sie macht die Bewegung des Ausstreuens.
Eine Greisin kauert mit blöder Miene auf dem Boden und macht ununterbrochen das Kreuzzeichen, klopft an ihre Brust und ruft: „Geh’, geh’ hinweg“. Dann verbirgt sie das Gesicht in den Händen, weil sie meint, den Teufel gesehen zu haben.
Der Krankensaal ist bis auf’s letzte Plätzchen angefüllt. Ein junges, schönes Mädchen ist darunter. -- Sie dauert mich besonders. Weshalb? -- Auch eine der unwillkürlichen Ungerechtigkeiten, daß wir mit schönen Menschen am meisten Mitleid haben.
In einer Einzelzelle sitzt eine Frau mit gefesselten Füßen auf dem Bett. Sie hält den Kopf gesenkt und scheint mit Jemand zu flüstern, während sie in den Händen unablässig ein schellenartiges Spielzeug dreht. Sie singt dazu mit klagender Stimme ein Lied. Die Wärterin streicht ihr das Haar aus der Stirne und frägt sie etwas. „Ma no, ma no“ erwidert sie beharrlich.
„Die Arme!“ Und die Wärterin erzählte uns, daß sie früher ganz normal war, bis die Eltern sie zu einer verhaßten Ehe zwangen. Seit dieser Zeit war die Schwermut über sie gekommen.
Mir wird unheimlich. Es drängt mich hinaus aus diesem düstern Kerker, hinaus in die freie Natur. Dort wird mir leichter und ich frage mich, ob sie, die nichts empfinden, nicht vielleicht besser daran sind, als wir, die wir uns jeden Genuß verbittern und die, wenn wirkliches Leid über uns hereinbricht, so furchtbar schwer daran tragen. Das Gute, das uns widerfährt, betrachten wir als einen, uns von der Natur geschuldeten Tribut, das Böse als ungerechtfertigte Insulte. -- Wir lehnen uns auf, wir ringen uns die Hände wund, wir verzweifeln an unserer Ohnmacht, wir leiden -- leiden.
Die Sonne brennt mit versengender Glut und scheint mit den kühlen goldigblauen Wellen zu kämpfen. Weiße Möven schießen pfeilschnell über den Spiegel dahin -- von Weitem könnt’ man sie für Wasserrosen halten.
Scharenweise haben sich die müden Arbeiter am Ufer dahingestreckt, um ihre Polenta zu verzehren, oder Siesta zu halten. Bloßfüßige Männer waten bis über den Knöcheln im weichen Sand, um nachzusehen, was ihnen die Flut bescheert. Und jedesmal, wenn sie statt einer Muschel eine Krabbe erwischen, werfen sie mit verächtlicher Miene das Ding in das Meer zurück, wo es lustig weiterzappelt.
Ein freundliches, sonniges Bild. Ich aber kann das frühere nicht vergessen: das Dunkle verblaßt langsamer als das Helle.
Auf dem Lido bin ich ausgestiegen. Ich suchte ein einsames Plätzchen auf und starrte vor mich hin.
„Signorina -- Sie hier?“ -- und der kleine Spanier stand vor mir.
Etwas ärgerlich versetzte ich: „Ja, wie Sie sehen.“
„Nicht wahr, das Meer ist schön.“
„Gewiß.“
„Und groß -- und tief.“
Ich staunte über seine ungewohnte Gesprächigkeit. Dahinter mußte etwas stecken. Dabei sah er mich so traurig an mit seinen Hundeaugen, daß er mir erbarmte.
„Tief auch, natürlich.“
„Und wenn man hineinfällt. -- --“
„Kommt man schwer heraus -- außer wenn man schwimmen kann.“
„Da unten schlafen, ewig -- -- mit Ihnen. -- -- Ich liebe Sie ja, -- ich -- --“
Ich entfernte mich rasch. „Sie wissen nicht was Sie reden -- und mit wem.“
Das arme, dumme Männchen -- -- -- Warum hatte gerade er mir das gesagt? -- -- -- Und unwillkürlich dachte ich mir einen Andern an seine Stelle -- groß und blond. -- Ich sah die lieben blauen Augen voll Zärtlichkeit auf mich gerichtet -- -- und eine Sehnsucht überkam mich, eine Sehnsucht riesengroß, seinen Mund sprechen zu hören -- von Liebe.
Vielleicht hat er nicht so Unrecht gehabt, der kleine Spanier. -- Ruhen da unten auf dem Meeresgrund, wo Alles schweigt.
Die armen Irren!
Nicht mehr die Folter ungestillter Wünsche!
* * * * *
10. Juni.
Auf meinem Tische steht ein Rosenstrauß in einer Opalschale. Kleine Sonnenfunken huschen über den irisierenden Stein, über die duftenden Blumen. Purpurn die einen, blaß und zart die andern. Sie sind von ihm. Und auch das Buch daneben. „Das Evangelium Buddhas“, die schönste, die poetischste der Religionen, die Religion der Güte. Ich schlage es auf und lese auf’s Geradewohl diese Stelle:
„Erbarme Dich Derer, die mühselig und beladen sind. Habe Mitleid mit den Leidenden. Hilf den Geschöpfen, welche hoffnungslos darniederliegen in den Fallstricken der Trübsal. Der Wohltäter hat den Pfad der Erlösung gefunden. Er gleicht einem Manne, der ein Bäumchen gepflanzt hat und sich dadurch Schatten, Blüten und Früchte sichert“.
Gerade diese Stelle hat er mir früher einmal genannt. Ich glaube, es ist sein Motto.
Ich habe das Buch geschlossen, mich zurückgelehnt im Schaukelstuhl und den Duft einer Rose eingesogen. -- -- -- Dann bin ich traurig geworden. -- Morgen wird die Glut verbleichen -- und nichts bleibt übrig als ein welkes Blätterhäufchen. Es war. -- Wenn man so nimmt, man müßte weinen über die Schönheit eines Blumenlebens, das man in Händen hält. -- --
Ich kenne mich selbst nicht mehr. Ist das dieselbe vernünftige Mimi, deren Herz erstarrte, weil es zur Maienzeit ein Frost getroffen? -- Oder ist’s die Andere, die Fremde?
Früher waren’s Nelken, jetzt sind es Rosen.
Es ist noch nicht so lange her.
O über unsere Unbeständigkeit!
* * * * *
Am 12. Juni.
Der General hat mir seine Photografie gegeben. „~Cosa sarebbe la vita senza speranza? Dunque speriamo~“ steht darauf.
Ja, wenn man könnte!
* * * * *
Am 14. Juni.
Egon hat viel zu tun mit seinem Buch und einer Arbeiterversammlung, der er nächstens präsidieren soll. -- Ich seh’ ihn selten und wenn, dann scheint er mir einsilbig und zerstreut. Zum Concert aber, heute Abend, bei Solfini, will er kommen.
„Ob mir denn nicht wohl sei“, frug die Tante, „weil ich so blaß aussehe.“
Ich glaube, sie muß etwas gemerkt haben. Ich bin ihr dankbar, daß sie nicht darüber spricht.
Traurig ist’s, das Leben ohne Hoffnung.
* * * * *
15. Juni.
Die Nachbarinnen haben uns zum Thee geladen. -- Eine Schaar verblühter Mädchen sitzt um den Tisch, auf den eine gehäkelte Decke gebreitet ist. So zwischen dreißig und fünfzig Jahren -- Herbstzeitlosen; die meisten sind recht häßlich. -- -- Sie schauen in das Leere, mit dem Blick des Leides und der getäuschten Erwartung.
Sie trinken aus großen, altmodischen Schalen Thee. Wenn sie sich bewegen, entströmt ihren Kleidern ein leiser Duft von Lavendel und getrockneten Rosen.
Sie flüstern, leise, furchtsam.
Ein hageres Fräulein sitzt am Spinett und spielt eine wehmütige Melodie. -- In Moll. Gedämpft. -- Die Tasten schäppern.
Laut wie gewöhnlich, schreiend fast, sprechen nur die Hausfrauen. Sie haben möglichst grelle Kleider angelegt zum Empfang -- und Corona trägt eine Art Sandalen; die Lederriemen sind aber nicht festgemacht, sondern sie schleifen nach, und die metallenen Schnallen erzeugen einen Lärm wie Sporengerassel, wenn sie geht.
Keine hat einen Beruf. Es sind verfehlte Existenzen.
Entsetzlich.
Dann fuhren wir in’s Concert.
Das war schön.
Zuerst sang ein Österreicher -- ein gewisser Link -- von dem wir bis dahin nie etwas gehört haben. Nun ja, Niemand ist Prophet in seinem Vaterland. Der Mann verdient es, daß man ihm einige Aufmerksamkeit schenkt.
Sein Lied „Der Abendfriede“, mutet an wie ein Stimmungsbild vor Sonnenuntergang. Wie es mich ergriffen hat in seiner Zartheit und Farbenpracht! Man atmet förmlich den Duft dieser stillen Landschaft ein, den tiefen Frieden der Natur. Ein Schlummerlied, so leise und so weich.
Und die närrischen Leute applaudierten; ich hätt’ es nicht vermocht. Das höchste Glück, der größte Schmerz, -- leidenschaftliche Liebe, tötlicher Haß, kurz alle auf’s Höchste getriebenen Sensationen erfordern Schweigen. -- Das ist eventuell noch eine Steigerung.
Man soll den Zauber auf sich wirken lassen, still, hingebungsvoll, entzückt.
Und dann das Brahm’sche: „Wie bist Du meine Königin.“ -- Wonnevoll, wonne -- wonnevoll. Wie ich dieses Lied liebe!
Um mich her Sprechen und Surren wie in einem Bienenschwarm. -- --
In meinem Innern gieng etwas Seltsames vor. Diese Musik hatte ungeahnte Tiefen in meiner Seele aufgewühlt, Schätze zu Tage gefördert, die im Grunde schlummerten. Die starren Bande, die Fesseln meiner Phantasie sind gelöst; ein Wunderland, ein prächtiges Bild nach dem andern entrollt sich vor meinem schönheitsdürstenden Auge. Eine Art Trunkenheit überkommt und entrückt mich in weltferne Regionen.
Das haben die Töne bewirkt, diese Fülle von Wohllaut, die meine Sinne umschmeichelten, -- die einzelnen schrillen, wilden Klänge dazwischen, die sich wie scharfe Krallen in mein Herz verfiengen, es umklammerten -- und zerfleischten.
Tomagno sang noch italienisch das „~Vieni a l’amore~.“ Das ist ein Künstler von Gottes Gnaden.
Ich schwelgte in den süßen Melodien -- ich habe diesen Abend doppelt genossen, weil ich Egon in der Nähe wußte. Nach den musikalischen Vorträgen bat er mich, mich in den Wintergarten führen zu dürfen. Es ist ein Bau mit Säulen -- im antiken Stil. Die Luft war schwer vom Dufte der Orangen und Tuberrosen. --
Wir standen uns gegenüber -- allein.
Ich hatte den Kopf an eine der Säulen gelehnt und wartete, daß er spreche, irgend etwas sage, etwas Gleichgültiges.
„Sie passen hier herein. Wenden Sie den Kopf etwas zur Seite. -- Ja so -- -- ich habe einmal eine Kamee gesehen -- die trug Ihre Züge -- nur weniger seelenvoll. Und gerade die Seele ist der Hauptreiz in einem Gesicht, die Seele ist das, was uns so mächtig anzieht, uns niederzwingt auf die Knie. Und darum“ -- -- -- Einige lustwandelnde Paare kamen in unseren Bereich und maßen uns mit erstaunten Blicken: „~Elle a de la chance, cette petite autrichienne~“, hörte ich eine Dame sagen -- -- sein Satz blieb unvollendet.
Wir giengen bald.
Ach wenn ich wüßte! Was gäbe ich darum.
Mich selber, ganz und gar.
Und immer wieder hör’ ich das „wonne -- wonnevoll“, zuerst laut, dann immer leiser, -- schwächer -- ersterbend.
* * * * *
Am 16. Juni.