Wie es Licht geworden!

Part 2

Chapter 23,701 wordsPublic domain

Ohne erst viel Worte zu verlieren, legte mich Papa aufs Bett und bläute mich so unbarmherzig durch, daß ich die Schmerzen eine volle Woche spürte. Ich schrie aus Leibeskräften, strampfte mit den Füßen und schlug mit den Händen um mich; es half Alles nichts. Dann sperrte er mich in eine stockfinstere Kammer, von der er mir erzählt, es gehe darin um. Eulen, Ratten, Schlangen und noch viel Ärgeres.

Ich schloß die ganze Nacht kein Auge und was ich damals empfunden, war so haarsträubend gräßlich, daß ich es auch nicht annähernd zu schildern vermag.

Die Rute stand permanent in Salzwasser, für den allfälligen Bedarf. Wir kamen noch wiederholt in Berührung und gewöhnten uns aneinander. Auch das Fasten, das stundenlange Knien auf Erbsen, es machte mir keinen Eindruck mehr. Völlig gleichgültig ließ ich Alles über mich ergehen, wie das liebe Vieh, das die Prügel erträgt, ohne sich zu wehren. Dumpfe Schwüle legte sich mir aufs Gemüt; ich fürchtete die Menschen und wagte sie nur mehr scheu von der Seite anzublicken.

Dabei sehnte ich mich unsäglich nach einem Wesen, das mich verstehen, mir Trost zusprechen und helfen sollte, mich zu bessern. Allein brächte ich es ja doch nie fertig. Ich war nicht schlecht aus Lust am „Schlechtsein“, sondern aus Schwäche, aus Mangel an einem Ansporn zum „Gutsein“.

Oft, wenn ich allein war, streckte ich die Hände aus, nach dem unerreichbaren Phantom. Und ich jubelte laut auf, als es Gestalt annahm, mir näher und näher kam und mich anblickte mit den Augen des Mitleids und der unendlichen Güte.

* * * * *

„Tu’s mir zu Liebe, Mimi!“ Tante Laura’s Hand hatte mich unter’s Kinn gefaßt und ich sah ihr in’s Gesicht. Und was ich in ihren Zügen las, drang mir wie heller Sonnenschein in’s Herz. Ein armes geängstigtes Vöglein, huschte es durch die geöffnete Käfigtüre, schwang sich wie neubelebt zum blauen Äther empor und schmetterte hoch in den Lüften seiner Befreiung Lied „Tu’s mir zu Liebe, Mimi!“ Dieses eine sanfte gute Wort trieb die Dämonen aus und gab den guten Mächten Raum.

Endlich, endlich! Der kindliche Übermut, die alte Daseinsfreude kehrten wieder. Ich sprang auf, drehte mich herum wie ein Kreisel, unaufhaltsam, rastlos, bis ich erschöpft auf einem Stuhle niedersank.

„Nein, so ein Wildfang. Was hast Du denn nur?“ Und noch ganz atemlos erwiderte ich: „Ich bin so froh Tante, so froh. Nicht wahr, Du bleibst recht lange hier bei uns, -- bei mir?“

„Wenn Du brav bist.“

„Ja, Tante, Dir zu Liebe.“ Sie blickte mich betroffen an; ich hatte es so eigens feierlich gesagt. Dann nahm sie ihre Arbeit wieder auf; ich ließ mich mit einem Spielzeug zu ihren Füßen nieder. Wir sprachen Beide nichts, aber eine Flut von Gedanken wälzte sich durch meinen Kopf. Mir war mit einem mal so wohl, so leicht zu Mute, wie nach einem lauen parfümierten Bad. Alle Hindernisse schienen mir wie weggeblasen und neue Zuversicht erfüllte mich. Und das Alles, weil mir ein Mensch begegnet war, der mir wohlwollte und mich nicht quälte wie die andern. Von meinen Eltern trennte mich eine Kluft -- ich empfand es deutlich -- ihnen Freude zu machen, dazu fehlte mir die Begeisterung. Sie zankten stets und ich fürchtete sie.

Im Studiensaale hing hinter Glas und Rahmen der goldgedruckte Spruch: „Alles zur Ehre Gottes“ und vor jeder Stunde wiederholten wir die gute Meinung. Lippensprache, weiter nichts, die kein Echo weckte in der Tiefe der Seele.

Die Entfernung war so weit. Der liebe Gott wohnte im Himmel und ich konnte mir nicht vorstellen, daß mein schwaches Stimmlein bis zu ihm dringe. Ich hatte mir ein ganz bestimmtes Bild von ihm gemacht. Ein alter Herr mit wallendem weißen Bart, der in eine blaue Draperie gehüllt auf einem Fauteuil sitzt. Er hat schrecklich lange fellige Ohren, die bis zur Erde reichen. Wie soll er denn sonst hören? Bisweilen runzelt er die Stirn und stampft mit dem Fuße, wenn gar zu viel Geschrei da unten ist und er aus dem Durcheinander nicht klug wird. Christine bittet, daß ich etwas anstellen und gestraft werden möge, Papa will Ministerialrat werden und Mama „Ruhe, Ruhe“ haben. Ich weiß nicht was es war, ich hegte kein besonderes Vertrauen zu ihm.

Wir saßen noch immer beim offenen Fenster; schillernde Wölkchen zogen über den Abendhimmel und sachte schlich die Dämmerung heran. Laue Frühlingsdüfte umwehten unser Haar und ein Schwalbenpaar schnäbelte auf dem gegenüberliegenden Dache. Ich blickte die Tante an und erschrack. Sie hatte das Gesicht in den Händen vergraben und weinte bitterlich. Und das duldete der gerechte, barmherzige Gott? Also auch die Guten mußten leiden! Arme Tante.

* * * * *

Wir hatten unsere schwarzen Winter-Capuchons gegen helle Leinwandhauben vertauscht, die unser Gesicht beschatteten und die grellen Sonnenstrahlen abwehrten. Ich beteiligte mich mit großem Eifer am Ballspiel und entschädigte mich so einigermaßen für das lange Stillsitzen. Übrigens, man gewöhnt sich an Alles und die angenehme Aussicht, daß meine Gegnerin Christine demnächst austreten sollte, versöhnte mich völlig mit meinem Schicksal.

Papa steckte bis über den Ohren in seiner Arbeit und Mama klagte ununterbrochen über die verschiedensten Zustände, die Doktor Vogler als hochgradige Nervosität bezeichnete. So blieb ich unter Tante Lauras Aufsicht und damit gab ich mich gern zufrieden.

Der Juni ist wunderschön in Wien. Wir setzten uns in das Gärtchen hinter dem Haus, sie mit einem Buch, ich mit meiner Puppe „Clementine“, die mit verständnislosen Glasaugen vor sich hinstarrte. Sie hatte eine zerquetsche Nase und eine Glatze, aber ich war ihr herzlich zugetan, trotz aller Mängel. Ich traktierte sie mit Sandkuchen und Maulbeeren, dann streute ich den Spatzen kleine Semmelkrummen auf. Zwitschernd, mit breitem Behagen picken sie die Stückchen an, sträuben das Gefieder und sind voll Übermut. Einer sucht dem Andern zuvorzukommen, ihn zu verdrängen und den eroberten Bissen im Notfall zu entreißen. Manche tragen einen Brocken ihrer Familie zu, die Ledigen halten an Ort und Stelle Tafel.

Sie kannten mich und kamen mir sehr nahe; das blinde Zutrauen dieser Tierchen rührte mich.

Tante Laura sprach wenig und blickte oft mit einem Ausdruck ins Leere, der mir in das Herz schnitt. Es lag etwas darin, das ich mir nicht zu erklären wußte und das mich seltsam berührte.

Papa war doch so gut mit ihr; wenn sie für mich bat, verzieh er gleich. Was wußte ich davon, daß sie ein einzigesmal für sich gebeten und -- vergeblich. Liebe, Sehnsucht und Entsagung! Das Kloster ist bloß der Beginn; manche gehen aber den Dornenweg ihr Leben lang. Wenn ihre Kräfte nicht mehr reichen, dann legen sie sich hin und sterben, oder sie machen eine Agonie durch, die tausendmal schlimmer ist als Tod.

* * * * *

Sechs Gulden, 20 Kreuzer; es war das Ergebnis meiner Sparbüchse und schien mir ein Vermögen. Ich entwarf eine ausführliche Liste der Einkäufe für die bevorstehenden Ferien. Obenan, gewissermaßen als das Unentbehrlichste: Stoff, Spitzen und Bänder -- Clementine brauchte dringend ein paar Kleider -- dann Lern- und Schreibsachen, Nadeln, Seife und eine Menge anderer Dinge. Man kannte mich in den „27 Kreuzer-Bazars“ wie falsches Geld; die Ladenfräuleins lächelten sich zu, wenn ich eintrat, beantworteten geduldig meine ungezählten Fragen und da ich eine gute Kunde war, behandelten sie mich mit großer Zuvorkommenheit. Einmal weigerte ich mich, eine Vase zu kaufen, obwohl sie billig war und mir sehr gut gefiel: ich hatte nämlich 25 Kreuzer dafür bestimmt und sie kostete -- nur 18. Ich neigte überhaupt ein wenig zur Pedanterie: Papa besaß diese Eigenschaft in hohem Grade, ich mochte sie von ihm geerbt haben.

Ich zeigte ~Dr.~ Vogler die wohlvermachten Päckchen und ließ ihn raten, was sie enthielten: mit engelgleicher Geduld unterzog er sich dieser schwierigen Aufgabe und brachte mir selbst allerlei Tribute.

Von Tag zu Tag wuchs meine Ungeduld. Noch 6 Tage, noch 48, noch 24 Stunden. Bei der Preisverteilung ging ich natürlich leer aus: das vermochte mir aber die Laune nicht zu trüben. Beim feierlichen Schlußsegen in der Kirche dankte ich Gott aus übervollem Herzen für die bevorstehenden Genüsse. Im Bette noch klatschte ich so laut in die Hände, daß Mama, die nebenan schlief, hereinrief, ich möge doch den Leuten wenigstens in der Nacht Ruhe geben.

* * * * *

Ich lag schon lange wach. Durch die Ritzen der Läden drangen einzelne Lichtstrahlen, sie wuchsen, dehnten sich aus und ließen die Gegenstände deutlich erkennen.

Der dumpfe Lärm des Wagenrollens und das Aufschieben der Fallthüren drang an mein Ohr. Jetzt endlich schlug es 6 Uhr; Clara konnte nicht mehr lange auf sich warten lassen. Mit dem Ankleiden gieng es recht langsam von Statten. Ich tanzte im Zimmer herum, machte die gewagtesten Luftsprünge und beutelte mit dem Kopfe. Der häßliche rote Kautschukkamm, an dem so viele Zähne fehlten, wanderte in die Ecke und als Clara mir die modernen „Ponnys“ geschnitten, besah ich mich mit pfauenartiger Wendung von allen Seiten. Wie gut mir das stand und im großcarrierten dünnen Zephirkleid fühlte ich mich „zum Fliegen“ leicht und frei. Ich trank nur widerwillig eine Tasse leeren Thee, schon das brannte mich wie Feuer in der Kehle.

Dann verabschiedete ich mich bei Mama, die über „Migräne“ klagte. „Sei brav, schreib’ mir -- aber erzähle lieber nichts von mir in Steindorf.“ Ich grübelte nicht weiter nach über diese seltsame Ermahnung, doch geriet ich gänzlich aus der Fassung, als sie zwei conventionelle Tränen weinte. Wie sollte ich mich dazu verhalten? Mir war so gar nicht trübselig zu Mute und ich atmete erleichtert auf, als Papa verkündete, der Fiaker warte schon. Ich stieg mit Tante Laura ein: er konnte erst nachkommen, wenn er Urlaub erhielt; Mama reiste nach Venedig.

Fort geht es durch die bekannten Straßen, an den alten düsteren Bauten vorbei, und den noch geschlossenen Gärten. Die grauen Klostermauern winken mir entgegen -- da kann ich nicht länger an mich halten -- ich stoße einen lauten „Jucherzer“ aus, so daß sich ein paar Passanten erstaunt nach mir umwenden.

„Am Hof“ herrscht bereits reges Treiben. Der Markt ist in vollem Gange. Eine kleine Zeltstadt ragt keck empor und die Verkäuferinnen stehen erwartungsvoll vor ihren Tischen. Köchinnen in hellen Cattunkleidern, das gekolbte Häubchen auf dem kokett frisierten Haar, mustern mit Kennermiene die ausgestellte Ware. Die Körbe füllen sich mit Gemüse und Früchten, die gelb und rot aus appetitlichen Papierdüten hervorlugen. Etwas abseits stehen Blumen in farbenprächtiger Mischung: Hortensien, Nelken und Reseden in Stöcken und in Büscheln.

Ein Schusterbub geht pfeifend vorbei und dreht der Öbstlerin vom ersten Stand eine lange Nase, was ihm mit einem kräftigen Puff heimgezahlt wird.

Unter einem Hausthor spielt ein Leiermann mit sehr viel Verve den „Radetzkymarsch“, als ahne er, daß binnen Kurzem die Töne zur steinernen Wahrheit würden. Dazwischen die schrillen eintönigen Rufe der Lavendelfrau: „Kauft’s Lavendel -- Lavendel kauft’s -- das Schipperl nur 5 Kreuzer. Kauft’s Lavendel, kauft’s.“

Eine Abteilung Bosniaken, das rote Fez schief auf die sonngebräunten Köpfe gestülpt, marschiert in strammer Haltung vorbei, bei jedem Schritt eine Staubwolke aufwirbelnd. Das große Wasserfaß stäubt sein kühlendes Naß auf das graue Pflaster und die ersten matinalen Damen führen kunstvoll kleine Sprünge aus, die Röcke bis über die Knöchel geschürzt, um nicht in eine Lacke zu geraten.

Dieses Momentbild mit all’ seinen Einzelheiten prägte sich so tief meinem Gedächtnis ein, daß ich es jedes Mal vor mir sehe, wenn „vom Hof“ die Rede ist.

Der Wagen hält vor dem Bahnhof. Diensteifrige Träger besorgen das Gepäck und geleiten uns in den Wartesaal. Auch da kenne ich Stück für Stück das Inventar. Olivegrüne Sammetmöbel, eine massive Pendeluhr aus Eichenholz und ein Spiegel, durch dessen Mitte ein Sprung geht und die darauf gemalte Psyche unbarmherzig in zwei Hälften teilt.

Erstes Läuten. „Einsteigen zum Schnellzug nach Nußdorf, Klosterneuburg, St. Andrä-Wördern, Absdorf, Limberg-Maißau, Felsried, Hainberg.“

Wir machen es uns bequem im Coupé; nochmaliges Läuten, Pfeifen und pustend setzt sich die Lokomotive in Bewegung.

Ein wundervoller Tag. In sanfter Bläue strahlt der Himmel auf die saftiggrünen Fluren und mit goldenen Krallen greift die Sonne in das Herz der Ährenfelder; farbensatter Mohn und stille Kornblumen biegen die schlanken Körper im Morgenwind. Hoch in den Lüften beschreibt die Lerche kühne Bögen und trillert ihr lustiges Lied. Auf den Telegraphendrähten sitzt eine große Schwalbengesellschaft beisammen -- von Weitem nimmt es sich aus, wie ein weißer beschriebener Notenbogen -- und tauscht zwitschernd Bemerkungen aus über das dahinsausende Ungetüm.

Hier, unter dieser Rasenfläche mit dem Monumente, liegt Vater Radetzky begraben und dort halten hinter einer Gartenmauer steinerne Soldaten Wach. „Salming“, das Schloß meines Onkels und da das Kirchlein inmitten der Gräber; so einsam und abgeschlossen. Nur einmal im Jahre betritt es der Fuß eines Priesters, am „Allerseelentage“.

Seit ich denken konnte, hatte mich Papa auf das Bemerkenswerte bei jeder Station aufmerksam gemacht.

Das ungewöhnte Fahren und der Kohlenstaub machten mich schwindlig. Etwas Wein und Backwerk erweckten die erschlafften Lebensgeister.

Wie lang es dauerte! Man wartet ja oft Jahre ohne zu murren -- in den letzten Minuten aber wird man ungeduldig. Es hält mich nicht auf meinem Platze; ich stecke den Kopf zum Fenster hinaus und erkenne die Umrisse der kleinen historischen Stadt Hainberg. Ja, das ist die Burg, der Kirchturm, das Stationsgebäude -- und der lichte Phaeton steht auch schon da.

Eins, zwei, drei geht’s über die kleine Treppe.

Wenzels breites Affengesicht legt sich in freundliche Falten. „Je, wie die Baroneß Mimi groß geworden ist; und gut ausschauen tut’s auch. Was wird denn da der Herr Großpapa sagen?“

„Wie geht es denn Allen? Gesund?“

„Ja. Aber die Baroneß Nina geht schon eine Woche nicht aus ’n Zimmer, weil’s eine Eichelkatzel krank ist.“

„Schade. Und Hannerl?“

„No die treibt’s! Gestern hat’s ’n ganzen Tag von nix andern geredt, als daß d’Baroneß Mimi kommt.“ Unterwegs muß die alte treue Haut noch über so Manches Auskunft geben.

Die Bauern auf dem Felde blicken auf, als sie das Gefährt heranrollen hören und grüßen höflich. Das Mähen ist so hübsch mit anzusehen; ich wollte es nächstens auch versuchen.

Vier Pferde ziehen an einem schweren Leiterwagen: die Nüstern blähen sich und das Fell schimmert feucht vor Anstrengung. Wir haben eine Hitze von 24 Grad. Unten im Steinbruch arbeiten sie fleißig darauf los. Eine Anzahl fertiger Platten ist zum Verladen aufgeschichtet und dort legen die Leute noch die letzte Hand an die Glättung eines breiten Sockels.

Auch das gefällt mir. Aus einem eleganten Wagen, von oben herab betrachtet, nimmt sich das Alles so hübsch und so leicht aus. Vorstellung und Wirklichkeit decken sich aber gar selten und die unten dachten wohl ganz anders.

Wir kommen an einem halbverfallenen Schlößchen vorbei, von dem die Sage geht, daß nächtlicherweile Geister erstehen und allerlei Unfug treiben. Jeder, der einmal dort geschlafen, weiß Schauerliches zu berichten. Papa hatte mir erst kürzlich die Geschichte von den drei protestantischen Fräulein erzählt, die in der offenen Säulenhalle im Mondenschein lustwandelten. Brr! wie das grauenhaft war; ich bekam eine Gänsehaut bei der bloßen Vorstellung. Dann biegen wir in die Kastanienallee ein.

„Da schaun’s hin, Baroneß“, ruft mir Wenzel mit bezeichnender Peitschenbewegung zu. „’S Hannerl wartet schon.“

Da steht sie richtig, im schwarzen, glatten Wollkleid, das um Hals und Ärmel mit hellem Grätenstiche eingefaßt ist. Ein grelles Kopftuch verbirgt ihr halbes Gesicht, das weiß und rosig ist und so kugelrund wie ein Vollmond. Sie lacht und zeigt dabei eine Zahnlücke: in den Händen dreht sie in sichtlicher Befangenheit einen steifen Feldblumenstrauß. Wir lassen sie einsteigen. Die freudige Aufregung hat sie gänzlich verwirrt; es ist kein vernünftiges Wort aus ihr herauszubringen. Plötzlich bricht sie ohne jegliche Veranlassung in lautes Schluchzen aus. Wenzel weiß darüber Bescheid. „S’is so eine Gewohnheit von dem Mädel. Solang’s z’ Haus war; hat’s der Vater jeden Tag prügelt, g’rad um die Zeit, da is aus der Schul kommen und er hat auch schon sein Rausch g’habt. Da glaubt’s halt noch immer, es g’schieht ihr was.“

„Aber geh’ Hannerl, sei g’scheit“, tröstet sie die Tante. „Mimi hat Dir was Schönes mitgebracht.“ Das wirkt.

Der Wagen macht eine Biegung und wir fahren durch das breite Tor, auf dem der Reichsadler prangt, noch von Lehenszeiten her.

Vor mir liegt mein schönes, altes Steindorf. Zarter Lindenduft umweht uns und auf der ehemaligen Zugbrücke erwartet uns die ganze Familie. Das Herz klopft mir zum Zerspringen vor Wonne und doch unerklärlicher Angst. Ich wäre am liebsten jedem Einzelnen um den Hals gefallen und hätte ihm in beredten Worten meine namenlose Freude schildern mögen. Statt dessen fühle ich, wie mir brennende Röte die Wangen färbt und mir die Augen übergehen vor Verlegenheit.

„Also kommt, Ihr seid gewiß hungrig“, und Großmama geleitet uns in die Veranda. Entzückt betrachte ich das Wandgemälde; es hatte mir schon von jeher so besonders gut gefallen: Flora sitzt lächelnd und schön in einem Muschelwagen, den vier Genien an Seidenbändern ziehen. Ihr nach schweben noch andere Göttinen, mit Früchten und Ähren beladen. Es schmeckt mir vorzüglich. So ein schwarzes Landbutterbrot, Thee und Kirschen dazu -- ich hätte mit keinem König getauscht.

In gehobener Stimmung betrete ich mein Zimmer. Ein ideales Nestchen, ganz weiß-rosa, so frisch und sommerlich. Blumen überall, zarte Schlingrosen auf den etwas verblaßten Tapeten und vollerblühte Centifolien in den Vasen. Über all dem schwebt jener unbeschreibliche Duft von Reinlichkeit und würziger Atmosphäre, wie er gutgelüfteten, lange nicht bewohnten Räumen eigen ist. Ist es Wirklichkeit oder träume ich? Ach, immer, immer hier bleiben; es wäre das Paradies!

Mit großer Umständlichkeit packe ich die Koffer aus und drücke Hannerl verschiedene Geschenke in die Hand. Sie ist außer sich vor Freude. Wir sind unzertrennlich. Aber endlich müssen wir doch zur Ruhe gehen.

„Gute Nacht, Hannerl.“

„Gute Nacht, Mimi.“

„Wenn’s nur schon morgen wäre!“

„Das möcht’ ich auch.“

Förmlich berauscht von den empfangenen Eindrücken und wohl zum Teil auch von der köstlich-herben Luft schlafe ich ein, die Hände unter dem Kopf gefaltet, ein „Mein lieber, lieber Gott, ich danke Dir,“ auf den Lippen.

* * * * *

Fräulein Auguste, die Bonne, war eine lebensfrohe junge Person, die es vorzüglich verstand, unsere Spiele in Gang zu bringen.

Bald tummelten wir uns auf den Wiesen herum, verrichteten Gartenarbeit, oder wir zogen in den Wald hinaus, um zu botanisieren. Dabei sangen wir allerlei Lieder, Hannerl zum Erschlagen falsch, aber sie meinte es gut und war gar zu herzig. Das gestreifte Waschkleid umhüllte lose den dünnen Engerlingskörper, auf dem der große, runde Kopf wie ein echter, rechter Bauernknödel saß.

Wenn wir Kaffee getrunken -- Fräulein Auguste konnte nur über die unglaubliche Menge staunen, die in der bodenlosen Tiefe unserer Magen verschwand -- arbeiteten wir für unsere Puppen. Wir statteten sie vom Kleinsten bis zum Größten aus -- ja sie besaßen sogar Alle Geradehalter und Sonnenschirme.

Ich war stets die Tonangebende, während sich Hannerl mehr passiv verhielt. -- Bisweilen freilich trug sie einen gewissen Widerstand zur Schau, eine verächtlich-ungläubige Miene, so zum Beispiel, wenn ich ihr französische Stunden geben wollte. Es ging ihr nun einmal absolut nicht ein, weshalb sie mehr lernen sollte, als die übrigen Kinder. Pauline konnte auch nicht französisch und war doch Stubenmädchen geworden. Darin aber gipfelte Hannerl’s Sehnen und Trachten. Im Grunde genommen begriff ich es ganz gut: ja es gab Momente, wo ich um mein Leben gern mit ihr getauscht hätte.

Was gab es aber auch auf der weiten Welt Behaglicheres, als Jungfer Paulinens Zimmer. Weißgetünchte Wände mit vielen Bildern behangen, blütenweiße Vorhänge, blitzblanke Fensterscheiben, von roten Bohnen umrankt, die bis auf den Fußboden herabkrochen; ein Messingbauer mit einer Kanarien-Menage und das Prunkstück, ein Glasschrank, in dem sich Alles dreimal spiegelte.

Sie schien indes nicht besonders erbaut über meine häufigen Besuche, denn ich begnügte mich nicht, den Gesammteindruck ihres reizenden Heims mit Kennerblicken zu genießen; sie mußte mir die Albums, die Schachteln mit den Bändern und Muscheln zeigen und mir gestatten, ab und zu etwas besonders „schön“ zu finden, was dann regelmäßig in mein Eigentum übergieng.

Hannerl war furchtbar ungeschickt beim Nähen. Ein paarmal versuchte sie es, dann nahm sie die Haltung eines störrischen Maultieres an: Ich reizte sie. „Hannerl, Du bist doch schrecklich dumm. Eigentlich will ich gar nicht Deine Freundin sein.“

„Dann laß nur bleiben. Ich mach’ mir nix aus einer Baroneß.“

Ich fühlte mich beleidigt: das sollte sie bereuen. Es fand sich noch am selben Tage Gelegenheit, ihr eine Kränkung zuzufügen. Wir erhielten Besuch aus der Nachbarschaft; mein Vetter Robert und der zehnjährige Alfons, Sohn des Fürsten Weitzperg schlossen sich uns an. Auguste saß abseits und wir spielten Verstecken, ohne von Hannerl die geringste Notiz zu nehmen. Sie war einfach nicht für uns vorhanden; wir behandelten sie als Luft und sprachen zur Verschärfung der Situation nur französisch. Dabei wußte ich es so einzurichten, daß sie ihren Namen hören, und verstehen mußte, daß ich nur Häßliches von ihr sagte. Als ich das Wort „Ochsenknecht“ -- diese Stelle hatte ihr Vater bekleidet, fallen ließ, schleuderte ihr Robert ein „Pfui, wie gemein“, in das Gesicht. Hannerl wurde über und über rot und große Thränen traten ihr in die Augen. Da stieg es wie Scham und Mitleid in mir auf, aber ich zeigte nichts davon und spielte weiter.

Als Alfons sich verabschiedete, pflückte ich eine schöne Rose und gab sie ihm mit dem Bemerken: „Für Deine Mutter.“ Die Hand, die sich nach der Blume ausgestreckt, zitterte: „Ich werd’ sie auf den Friedhof tragen.“

Das hatte ich vergessen und um meine Ungeschicklichkeit zu bemänteln, frug ich: „Du hast sie wohl gern gehabt?“

„Sehr.“

Es wollte keine rechte Unterhaltung mehr in Gang kommen, zwischen Robert und mir. Ich schlich mich an Hannerl heran und schüchtern ihren Arm betupfend, bat ich: „Sei nicht bös Hannerl, es war nicht so gemeint.“ Sie lächelte schon und wir besiegelten unsere Versöhnung durch einen herzhaften Kuß. Robert meinte, so etwas sei unschicklich, ich dürfe nicht vergessen, daß ich „Baronesse“ sei. Doch das Gute hatte in mir gesiegt und behielt die Oberhand.

* * * * *

Es lag irgend ein Geheimnis in der Luft.

Ein fremder, vornehm aussehender Herr war auf Besuch gekommen, doch nur eine Stunde lang geblieben. Tante Laura gieng eine zeitlang blaß und verweint umher und verschloß sich dann ganz auf ihrem Zimmer. Wenn Papa nach ihr fragte, meldete sie sich krank. Er schüttelte unwillig den Kopf, ergriff Hut und Stock und gieng in den Wald hinaus. Er war reizbar, leicht ungeduldig, in denkbar schlechter Laune.

Meine kindliche Neugier war auf das höchste gespannt: eines Abends stellte ich mich schlafend und hörte, wie Fräulein Auguste und Pauline mit einander flüsterten. Das also war’s gewesen! Tante Laura hatte eine Liebe im Herzen getragen -- aber eine hoffnungslose Liebe -- denn der Mann ihrer Wahl war ein Jude gewesen und gegen eine solche Verbindung sträubte sich die Familie mit allen Mitteln. Vor wenigen Tagen nun war die Nachricht gekommen, daß er im Duell gefallen sei.

Wie nichtig schienen mir die eigenen kleinen Sorgen im Vergleich zu diesem Schmerz. Hätte ich zu ihr eilen, sie umfassen, mit ihr weinen dürfen! Nicht helfen können!