Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1898 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche und mundartliche Passagen wurden nicht korrigiert.
Die Verlagswerbung wurde vom Bearbeiter an das Ende des Textes verschoben.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
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Wie es Licht geworden!
Wie es Licht geworden!
Roman
von
Maria Louise von Suttner.
Dresden und Leipzig G. Pierson’s Verlag 1898.
Alle Rechte vorbehalten. Unberechtigter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.
Meiner lieben Tante und Lehrmeisterin
Bertha von Suttner zugeeignet.
+Harmannsdorf+, im Frühjahr 1898.
Erster Abschnitt.
„Ich mag nicht.“
„Dieses Wort kennt man hier nicht, mein Kind: Du mußt.“ Die Klosterfrau mit dem strengen blassen Gesicht drückte mir den Löffel so fest in die Hand, daß es mich schmerzte. Ich würgte die verhaßte Suppe hinunter und mit ihr die Frage, weshalb ich denn eigentlich „müsse.“
Zu Hause, da hatte es immer geheißen: „Tu’s mir zuliebe, Mimi“, und da aß ich den ganzen Teller blank und war reichlich belohnt, durch das freundliche Lächeln meiner Eltern.
„Du mußt.“ Jetzt erst gewahrte ich die schadenfrohen Blicke der Schülerinnen, mit denen ich nun Tag für Tag beisammen sein sollte. Eine stieß mich ganz besonders ab. Es lag ein böser, harter Zug um ihren Mund und in den grünen Augen blitzte es höhnisch auf. Da fühlte ich mich mit einemmale so grenzenlos verlassen und mit der Kindern eigenen Intensivität, malte ich mir meine Zukunft an diesem Orte in den düstersten Farben aus.
Bis zu diesem Augenblicke hatte ich mich den neuen Eindrücken hingegeben, wie jemand ganz Unbeteiligter. Der kahle, weißgetünchte Saal mit den langen Pultreihen und dem erhöhten Sitz für die „Aufsicht“, das Alles kam mir so seltsam vor.
Noch mehr aber verwunderte mich die Frage „ob ich mich freue, ob ich gern gekommen sei?“ Ich besann mich nicht erst lange, sondern erwiderte rundweg: „Nein.“ Mein Blick schweifte zu den Mädchen hinüber. Sie hatten wie auf Commando die Zähne auf die Unterlippe gepreßt und ein vernehmliches „Mais vraiment“ gemurmelt. Wer nur auch so unverschämt aufrichtig sein konnte! Damit kommt man nicht weit; ich blieb es auch nicht lange.
Wie träge die Stunden dahinschlichen; noch nie hatte mir ein Tag so endlos lang geschienen.
Christine, das Mädchen mit den bösen Augen schlich sich in einem unbewachten Moment an mich heran und riß mir das Band vom Zopfe.
„Du garstiges Ding“, es war mir unwillkürlich entschlüpft. Sie aber flugs bei Mère Walter. „Mimi sagt mir „Du“ und ist grob.“
Nun erfuhr ich, daß man sich nicht „Du“ sagen und nicht empfindlich sein dürfe. Christine hätte es ganz zufällig gethan.
„Das ist nicht wahr.“
„Mein Kind, geh’ in den Winkel.“
Diese Ungerechtigkeit erweckte meinen Zorn. „Ich will nicht“ und dabei stampfte ich mit dem Fuße auf. Mère Walter machte kurzen Proceß; sie packte mich mit festem Griff am Arme und schleifte mich in die Ecke. „So.“
Nun löste sich mein Widerstand in Tränen auf und ich empfand die Ohnmacht des Schwachen dem Starken gegenüber. Und zugleich mit dem Bewußtsein meiner Hilflosigkeit loderte es in meinem Innern auf, gleich einer zündenden Flamme, etwas Wildes, Dämonartiges -- der Haß.
Das war mein erster Tag im Kloster, nur ein dünnes Glied der langen, langen Kette.
Ich sprach das Abendgebet nicht mit, denn ich kam mir vergessen, von Gott verlassen vor und lügen konnte ich damals noch nicht.
„Papa“ -- weshalb hatte er mir das, gerade das angethan? Tiefe Sehnsucht nach dem alten lieben Heim trat an die Stelle der Auflehnung; es wurde ruhig in meiner Seele und ich weinte mich still in den Schlaf.
* * * * *
Wir standen im Halbkreis, mit den dunkelblauen Sonntagskleidern angetan, endlos lange Bandschleifen um den Hals, und warteten auf die Notenverteilung. Allwöchentlich wurden nämlich kleine Karten mit „sehr gut“, „gut“ und „ziemlich gut“ ausgegeben, je nach dem Verdienste der Schülerinnen.
Ich war lächerlich klein für meine acht Jahre und befand mich als Allererste vor dem Platze, den bei dieser Gelegenheit die Oberin einzunehmen pflegte.
Pünktlichkeit schien nicht gerade ihre starke Seite zu sein. Wir warteten schon eine geraume Weile, als Mère Walter hereingestürmt kam und uns geheimnisvoll zuflüsterte: „~Attention mes enfants, la révérende Mère.~“ Gleichzeitig intonierte das Harmonium ein frommes Lied und die Zöglinge stimmten mit ein.
Tiefe Verbeugung beim Eintritt der Erwarteten. Alle setzen sich. Mère Walter klappt ein großes dunkles Heft auf, lächelt mit verbindlicher Miene der Oberin zu, und beginnt dann die Verlesung. Eine endlose, immer gleichförmige Litanei von lauter „Sehr gut“, „sehr gut“, „gut“, die mich bei Weitem weniger fesselt, als das Gesicht der ehrwürdigen Mutter. Um ihren zahnlosen Kiefer zuckt es wie unausgesetzte Blitze und der große Kopf baumelt im Takte auf und ab. Es erinnert mich an die chinesische Pagode auf unserem Kamin zu Hause und diese Ähnlichkeit macht sie mir sympatisch. Ob sie wohl besser, sanfter ist als die Anderen? Da plötzlich werde ich aus meiner Betrachtung aufgeschreckt.
„Mimi Steindorf, ziemlich gut.“
Mechanisch stelle ich mich vor den Tisch, mache einen ungeschickten Knix und streckte meine Hand aus, um die Karte in Empfang zu nehmen.
„Es sind Klagen über Dich eingelaufen, Kind“, -- wie rauh und unangenehm ihre Stimme klingt -- „Du mußt Dein Benehmen ändern und Mère Walter um Verzeihung bitten,“ und da ich zögere: „Nun, wird es? -- schnell.“
„Ich habe nichts getan.“
„Was? -- Schäme Dich. Ich verbitte mir solche Antworten. Senke den Blick. Mère Walter, halten Sie ihr heute eine Vorlesung über die christliche Demut; sie scheint es dringend zu benötigen.“ Rote Flecke zeigen sich bei diesen Worten auf ihren fahlen Wangen und lassen das Gesicht geradezu abschreckend erscheinen. Es gleicht der gepuderten, clownartigen Maske eines Perlhuhnes.
Nach diesem Vorgang spürte ich nicht die geringste Reue. Im Gegenteil: ich nahm mir vor, „wirklich schlimm“ zu sein, so daß sie es nicht länger mit mir aushielten und mich zurückschicken müßten. Ich lernte absolut nichts, schnitt Mère Walter Grimmassen und schrieb einen kläglichen Brief an Papa, der aber nie an seine Bestimmung gelangte, da er der strengen Censur nicht Stand gehalten hatte.
Meine Eltern besuchten mich nach einem Vierteljahre und durch meine Bitten schwach gemacht, erlösten sie mich zum Teil von meiner Qual, indem sie mich „Externe“ werden ließen. Vielleicht empfanden sie auch Gewissensbisse, als sie mein blasses Gesicht, die schlechte Haltung gewahrten.
Freilich, ich hatte die Disteln nicht gerade gegen Rosen vertauscht. Gleich zu Anfang schienen mir meine Eltern gänzlich verändert. Die alte Zärtlichkeit war einem lauernden Mißtrauen gewichen, und ich wußte nur zu wohl, wer dieses Gift in ihre Seele geträufelt hatte. Von Natur aus zurückhaltend in meinen Liebesbeweisen, wartete ich unbewußt auf Entgegenkommen. Doch vergeblich.
Es geschah nicht selten, daß, wenn ich irgend eine komische Situation aus dem Klosterleben in ganz harmloser Weise schildern wollte, Papa mir das Wort mit dem Bemerken abschnitt: „Ich dulde nicht, daß Du Dich über die würdigen Schwestern lustig machst.“
Und so hütete ich ängstlich meine Zunge, legte jedes Wort auf die Wagschale, wurde scheu und verschlossen.
Wenn man aber eine junge lichtdürstende Winde in den Schatten stellt, läßt sie das Köpfchen hängen und verkümmert.
* * * * *
Wie das weh tut, wenn man noch halbverschlafen aus den Federn muß! Jeden Morgen setzte es förmliche Kämpfe ab zwischen Clara, der Zofe, und mir.
„Nur noch eine Viertelstunde, nur noch zehn Minuten, bitte, liebe gute Clara; ich bin so schrecklich müde.“ Ich hätte ihr in meinem Schlafbedürfnis ein Königreich angeboten für diesen kurzen Genuß. Und je nach ihrer Laune und vermutlich nach dem Inhalte des Briefes, den sie tags zuvor von ihrem „Gefreiten“ erhalten, ließ sie sich erweichen oder bestand auf ihrer Forderung.
Dieses unbeschreiblich wohlige Gefühl des bewußten Schlummerns, des traumlosen Träumens, wer hätte es nicht ungezähltemale selbst empfunden!
Doch wie kurz währte die Gnadenfrist! Clara entzündete die Kerze und zog die Jalousien auf. Und jedesmal, namentlich im Winter, verspürte ich tiefes Unbehagen, eine Art von Katzenjammer, wenn ich durch halbgeöffnete Lider in den farblosen Morgen blinzelte. Doch Clara schien wenig Sinn für meine Stimmungen zu haben. Sie zog mir mit energischem Ruck die Decke herab und installierte sich mit dem Elektrisier-Apparat an meinem Bette.
Auch ein Erfolg des Klosters. Die storchbeinigen Stühle und die niederen Pulte bewirkten die ersten Symptome einer Rückgrat-Verkrümmung. Ich zuckte wie ein Frosch; dieses Prickeln und Stechen wie von scharfen Nadelspitzen war mir gräßlich. Dann kam das Eisenmieder an die Reihe. Auf diese Weise eingepanzert, fühlte ich mich beengt und unbeholfen, unfähig, mich zu bücken. Mère Walter machte mir einmal eine arge Scene, da ich ihr den herabgefallenen Zwirnknäuel nicht aufgehoben. Ich duldete lieber die Strafe, als einfach zu erklären, das Mieder sei schuld daran, denn ich schämte mich halb zu Tod und zitterte vor der Entdeckung. Da würden sie dann ihre Witze über mich machen, mich verhöhnen, Christine an der Spitze, -- nur das nicht. Ich litt ja ohnedies gering an den Regungen unbefriedigter Eitelkeit, da meine Eltern von krankhafter Sparsamkeit waren und oft die allernötigsten Auslagen scheuten.
„Mama, ich möchte so gerne ein paar Knopfstiefletten haben“ und ich zeigte ihr die durchlöcherten Sohlen.
„Man kann sie doppeln lassen. Und was hast Du denn gegen die Zugstiefletten; sie thun genau denselben Dienst, nur daß sie billiger sind. Wozu denn so verschwenden?“ Ich mußte also die geschmacklosen Chaussüren forttragen, zur heimlichen Freude Christinens, die mich nächstenliebend „das Bettlerkind“ getauft hatte.
Auch das Kleid mußte ich solange benützen, bis die Ellenbogen durchgewetzt waren und der Rücken glänzte. Neue Handschuhe und Haarbänder gab es nur alle heiligen Zeiten einmal, und wenn der Mantel nicht mehr paßte, wurde solange der Kreuz und Quere nach angesetzt, bis von der ursprünglichen Façon nichts mehr zu erkennen war. Was Wunder da, wenn ich stets nur „ungenügend“ in der Ordnung bekam! Papa hielt mir dann lange Strafpredigten, „ich sollte mich zusammennehmen, Andere brächten es ja auch fertig.“
Andere! Wie leicht das gesagt war. Da war eben nicht jede Neuanschaffung von Vorwürfen und Lamentationen begleitet, während bei mir! -- Nicht einmal ungebrauchte Bücher hatte ich; lauter beschmutzte Einbände mit Fingerspuren und überklebten Stellen. Wie beneidete ich meine Nachbarin, die große Gertrud, um die vielen nagelneuen Bände! Überdies besaß sie ein Gebetbuch, das von den feinsten französischen Spitzenbildern strotzte, und einen Federnbehälter aus ~papier mâché~ mit einer Veilchenguirlande darauf. Ich rechnete und überlegte, wie lange es wohl dauern würde, bis ich mir ähnliche Gegenstände kaufen könnte. Ein paar Jahre gut, wenn Papa mein Monatsgeld von 30 Kreuzern nicht erhöhte. Und selbst dieser minimale Betrag hing von den erhaltenen Klassen ab. Also blutwenig Aussicht! Diesmal würde es ohnedies wieder nur „gut“ geben.
Mère Walter ließ mich auf ihr Zimmer rufen. Mein Herz klopfte zum Zerspringen und ich starrte noch immer in tötlichem Schreck den Zettel an, der meine Nummer trug. Ja „17“, da gab es keinen Ausweg.
Ich legte die Schürze ab und setzte mich auf das „Folterbankerl“ vor ihrer Thüre, um zu warten, bis meine Vorgängerin herauskäme. Wäre sie doch ewig drin geblieben, oder gleich erschienen, schon im nächsten Moment, damit es überstanden wäre. Meine Wangen brannten, die Hände glühten und förmliche Krämpfe befielen mich. Was sie nur wieder sagen würde? Vielleicht gar nichts Besonderes, oder wegen der französischen Aufgabe, dem Stockfisch. Schließlich wichen die klaren Gedanken einer maßlosen Furchtempfindung. Ich blickte hinüber zu den arbeitenden Gefährtinnen, die gesammelt der Lektüre lauschten. O daß ich doch an ihrer Stelle gewesen wäre, nur nicht gerade „ich“, oder überhaupt weit weg, ganz anderswo.
Jetzt hörte ich Schritte. Ich raffte mein bischen Mut zusammen, blickte zum Himmel, machte hastig ein Kreuzzeichen nach dem anderen und gelobte dem lieben Gott, „brav zu sein“, der heiligen Jungfrau, „fleißig zu lernen“, der heiligen Filomena, „das Stillschweigen zu beobachten“, lauter Dinge, von denen ich nachträglich keine Ahnung mehr hatte.
Übrigens pflegten mich meine Heiligen in der Regel schmählich im Stich zu lassen. Und am Ende verdiente ich ja ihre Hilfe gar nicht, wenn ich wirklich so schlecht war, wie Mère Walter behauptete. „In der Kirche eingeschlafen, 6 schlechte Punkte wegen Unaufmerksamkeit in der französischen Stunde und des Ungehorsams am Freitag.“
O dieser Freitag, wie verabscheute ich ihn. Schon beim Eintritt ins Refektorium drang mir der penetrante Geruch von Einbrennsuppe und Stockfisch entgegen. Ich versuchte zu essen, doch schon beim ersten Bissen meinte ich, ersticken zu müssen. Ich zog den Atem an, um den abscheulichen Geschmack weniger zu spüren. „Mir wird schlecht. Darf ich es stehen lassen?“ -- „Nein, Du wirst essen.“ Ich nahm die Bissen in den Mund, schluckte sie aber nicht, sondern schob sie in die Wangenhöhlung und behielt sie da bis nach beendigtem Mittagsmale. Dann stahl ich mich in den Garten, drückte das Taschentuch an den Mund und warf es mitsammt dem Stockfisch in die geöffnete Kellerluke.
Hierauf ging es in die Kirche, um den „Kreuzweg“ zu beten. Es war eisig kalt, wir traten uns beim Aufstehen auf die Füße, stießen an den Bankecken an und beteten etwas Lateinisches, das wir auswendig gelernt hatten, ohne den Sinn zu verstehen:
„~Sancta Mater, istud agas; Crucifixi fige plagas Cordi meo valide.~“
Mein Magen knurrte und der Kopf that mir weh. Den ganzen Nachmittag über fühlte ich Schwindel und eine eigentümliche Beklemmung. Zu Hause wurde es noch ärger; ich klagte über Hitze und Kälte und hatte heftige Üblichkeiten. Man schickte nach dem Arzte, einem noch jungen Manne und Freund Papas.
Er stellte mir die gewöhnlichen Fragen der Doktoren an die Patienten und als er hörte, daß man mich zum Essen gezwungen habe, geriet er in Zorn. „Solch’ ein Unsinn! Ich lasse den ehrwürdigen Schwestern sagen --“
Papa räusperte sich bedeutungsvoll und führte ihn in ein Nebenzimmer. Ich hörte deutlich, wie er meinen Eltern auseinandersetzte, daß es unverantwortlich sei, Kinder auf diese Art zu quälen. Gegen Idiosynkrasie lasse sich nichts machen; Zwang sei eine völlig falsche Methode, nur geeignet, den gesunden Organismus zu untergraben. Die Engländer seien viel vernünftiger in dieser Beziehung. „Vor Allem soll sich der Körper kräftigen, entwickeln, dann lernt es sich von selbst. Schicken Sie die Mimi hinaus aufs Land zur Großmama. Im Freien sein, herumspringen den ganzen Tag, das ist das Richtige.“
Wie hüpfte mir das Herz bei der bloßen Vorstellung. Ein weiches, warmes Dankgefühl gegen meinen Anwalt stieg in mir auf; ich hätte seine Hände fassen und sie küssen mögen. Ja, hinaus nach Steindorf, das war mein Traum und ich jubelte innerlich auf. Doch alsbald sanken meine Hoffnungen auf Null.
„Ein großer Irrtum, ich kann mir als Freund diese Bemerkung schon erlauben,“ sagte der Doktor -- Papas Erwiderung war mir entgangen -- -- „Die Kinder sind nicht für die Eltern da, im Gegenteil.“
Zu viel für meinen Kopf. Was das eigentlich hieß, faßte das Begriffsvermögen der Achtjährigen noch nicht. Später freilich erinnerte ich mich -- o wie oft -- an diese Worte. Wie hatte er doch Recht gehabt, der gute Doktor Vogler.
* * * * *
Von nun an durfte ich eine halbe Stunde später aufstehen und wurde von der Freitagsabstinenz freigesprochen. Sonst fanden keine wesentlichen Veränderungen zum Bessern statt; viel Lernen und recht trockenes Zeug mitunter, blutwenig Erholung.
Um 8 Uhr Morgens versammelten wir uns zur Messe in der kleinen Hauskapelle. Wir sangen aus großen grauen Büchern Kirchenlieder und da nur die Wenigsten Gehör und Notenkenntnis besaßen, ging es oft jämmerlich daneben. Eine wahre Katzenmusik.
Meine Aufmerksamkeit galt ganz anderen Dingen, als dem Gebete selbst. Ich bewunderte die heilige Filomena, die, eine lebensgroße Wachspuppe, in einem Glasschrein ruhte. Bald hatte sie ein fliederfarbenes, bald ein rotes goldgesticktes, dann wieder ein weiß und grünes Kleid, da sie über eine sehr zahlreiche Garderobe verfügte. Auf dem blondgelockten Haupte, das etwas zurückgebogen in den Kissen lag, trug sie eine massive Goldkrone, mit echten Rubinen besetzt. Es war die Gabe einer reichen Gräfin, die ihre Genesung der Fürsprache unserer jugendlichen Heiligen verdankte.
Und die vielen duftenden Wachskerzen! Ich zählte sie gewissenhaft ab, schloß dann die Augen halb und gewahrte nur einen bläulichen Schimmer, ganz rund, wie eine kleine Sonnenscheibe; keine deutlichen Flammen mehr, Alles floß ineinander, vermengte sich, nur wunderlich-schillernde Arabesken.
Oder ich vertiefte mich in den Anblick der künstlichen Blumenstöcke. Steife, königliche Lilien wechselten mit purpurnen Malven und dunklen Pensées ab.
Die Schwester-Pförtnerin lieferte diese Kunstwerke. Ich hatte ihr zugesehen, wie sie, ganze Berge bunten Stoffes vor sich, zuschnitt und klebte. Warum sollte es mir nicht auch gelingen? Ich verfertigte eine Rose aus Seidenpapier, fand sie sehr schön und schenkte sie Mama. Tags darauf lag sie mit anderm Kehricht auf der Schaufel. Kinderherzen sind empfindlich. Von nun an behielt ich meine Blumen für mich oder ich schmückte meinen kleinen Zimmeraltar damit. Natürlich nur aus Nachahmungstrieb, denn vorderhand war mir die Frömmigkeit im wahren Sinn des Wortes ein Buch mit sieben Siegeln.
Ich plapperte mein Morgen- und Abendgebet in Papas Gegenwart herunter wie ein Papagei, mit den Gedanken Gott weiß wo. Oft blieb ich mitten drin stecken, wiederholte, oder vergaß auch, für Daisy Clairvinceau, Anna Auerbach und Sektionschef Kalb -- verstorbene Freunde der Eltern -- die „ewige Ruhe“ zu erflehen. Ein verweisender Blick Papas genügte, um mich vollends aus der Fassung zu bringen; ich stotterte und verhaspelte mich umsomehr.
Damit wir während der Andacht nicht gestört wurden, mußte ich die Thür verriegeln. Mama vergaß bisweilen nach der Stunde zu sehen und drückte vehement die Schnalle nieder. Papa murmelte dann etwas, das einer Verwünschung nicht unähnlich war.
Darauf mußte ich Tag für Tag dieselben Gedichte ableiern. „Der Sperling“, „Kommt die Nacht mit ihren Sternen“ und „Die Uhr“.
„Die Sonne sinkt, Der Vollmond blinkt, Der Bauer schließt die Scheune, Denn auf dem Turme schlägt es Neune“,
und so weiter, alle Stunden des Tages und der Nacht durch.
Dieses endlose Poëm hatte mir den Haß eines alten Herrn eingebracht, der in mir eine gefährliche Concurrentin erblickte. Er sprach für sein Leben gern und verzieh mir niemals, daß er eine halbe Stunde nicht zu Wort gekommen. „Kinder gehören nicht in den Salon“, äußerte er wütend.
Um diese Zeit wünschte ich mir sehnlichst ein Gebetbuch in Leder gebunden, wie das von Gertrud. Nein, wenn ich das hätte! Wie die Blätter rauschten und knisterten -- es mußte eine Wonne sein. Ich schüttete Wasser auf mein Büchlein und verklebte die Seiten mit Gummi -- jetzt rauschte es auch.
Mit wie wenig gibt sich doch solch’ kleines Ding zufrieden und wie unsinnig ist die Freude am erfüllten Wunsch. Ich hatte mir das Bitten abgewöhnt; ich kannte die abschlägigen Antworten im Voraus. Eine Zeitlang verzichtete ich und dann -- der Wahrheit zuliebe sei’s gesagt -- dann stahl ich. Einen Monat blieb es unentdeckt, dann brach die Catastrophe los, die mich in Aller Augen zur Diebin stempelte.
* * * * *
Als ich eines Morgens den Studiensaal betrete, wirft mir Mère Walter einen Blick zu, der mir das Blut in den Adern erstarren macht und sagt mit dröhnender Stimme: „Folge mir.“
Mir ahnt nichts Gutes. Totenblaß tripple ich durch eine lange Zimmerflucht hinter ihr her. Die Knie zittern mir vor Angst und ich meine in den Boden versinken zu müssen vor Scham. „Vorwärts!“ befiehlt meine Führerin.
Jetzt stehen wir stille; sie klopft. „Entrez.“ Ich wünsche mich tot. Die Erkenntnis des begangenen Unrechts, das ich erst jetzt in seiner vollen Größe erfasse, lastet mir mit Centnerschwere auf der Seele. Ich bin halb besinnungslos vor Angst. Einen Moment blitzt mir der Gedanke auf, zu leugnen, doch da liegen sie ja alle aufgestappelt, die ~corpora delicti~ -- nicht eines etwa, nein ein halber Tisch voll -- und grinsen mich verzweifelt überzeugend an. Ach Gott, was war mir da nur eingefallen?
Ich stehe vor der Oberin, mit Armensündermiene, am ganzen Körper bebend wie Espenlaub. Bevor sie noch ein Wort gesprochen, sinke ich in die Knie: „Verzeihung“ -- ich presse die Worte mühsam unter Tränen hervor.-- „das eine -- einzigemal, -- ich werde nie wieder -- so was thun. Gewiß -- ich will mir -- viel Mühe geben -- nur nichts Papa sagen -- das eine Mal.“
„Steh’ auf, kleine Comödiantin. Wer stiehlt, der lügt auch. Ich glaube nicht an Deine Vorsätze. Du bist ein grundverdorbenes Geschöpf und mußt gestraft werden. Geh’! Mère Walter, da sie dem ganzen Pensionat Ärgernis gegeben, bestehe ich darauf, daß sie öffentlich Abbitte leistet. Der Brief an ihre Eltern ist unterwegs. Ein arger Schlag für ihren rechtlich gesinnten Vater.“ Damit bin ich entlassen.
Wir kehren in den Studiensaal zurück. Es flimmert mir nur so vor den Augen. Jetzt würden es Alle erfahren.
„Meine Kinder“, beginnt Mère Walter salbungsvoll, „ich habe Ihnen eine sehr traurige Mitteilung zu machen. Mimi Steindorf, sag’ dreimal laut und deutlich hintereinander: „Ich habe gestohlen; meine Schwestern in Christo, verzeihen Sie mir.““
Ein Zischen der Entrüstung dringt an mein Ohr -- dann spreche ich mit einer mir völlig fremden Stimme die anklagenden Worte nach.
Alles geht mir aus dem Wege. Ich sitze in der hintersten Reihe und wage nicht den Blick zu erheben. Ich suche mir einzureden, daß nicht mein „Ich“ das Schreckliche gethan, nein, eine ganz andere Person, die in gar keinen Zusammenhang mit mir steht und die ich ihrer unglaublichen Dummheit halber verachte. Da sie sich schon fremdes Eigentum angeeignet, hätte sie es doch weniger plump anstellen sollen. Die böse Handlung an und für sich schmerzt mich weit weniger als die Entdeckung.
Ich hatte mit der Zeit einen recht ansehnlichen Vorrat aufgespeichert, was mir eben zufällig unter die Hand kam. Bücher, Lehrgegenstände, einen Spielball und vier Paar Bedientenhandschuhe, das Alles verschwand in meinen Taschen, während diensteifrige Commis Mama ihre Waaren anpriesen. Heute wollte ich gerade die Handschuhe zerschneiden und meiner Puppe Strümpfe daraus machen. Es fällt mir inmitten meiner ernsten Reflexionen ein und die Vereitelung des Spaßes erfüllt mich mit Ärger. Wer weiß, was mir überhaupt nach Schulschluß bevorstand?
Genug, um es mir zu merken mein Leben lang.