Part 3
Und die Großeltern hatten es nicht zugegeben, nur aus dem Grunde, weil er ein Jude war. Die hatten Christus an’s Kreuz geschlagen: doch das war lange her. 2000 Jahre. Und er mußte dafür büßen! Nein, das konnte der gerechte Gott nicht wollen! Und schlecht war jener gewiß nicht gewesen, sonst hätte ihn die arme Tante nicht so geliebt. Jetzt war Alles vorbei. Oh, Tante Laura, das hast Du nicht verdient!
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Eine ältere Dame, Madame Berger, die Erzieherin der Tanten gewesen, und die schöne Jahreszeit in Steindorf verbrachte, erteilte mir auf Großmamas Wunsch Klavierunterricht. Ich mußte bei den Anfangsgründen beginnen und langweilte mich schrecklich dabei. Meine Unaufmerksamkeit erboste die Lehrerin; bei jedem falschen Ton versetzte sie mir einen Klaps mit ihren spitzen, gichtischen Fingern. Oft mußte ich denselben Takt zwanzigmal wiederholen und wünschte Madame sammt dem Klavier zum Kuckuck. Da ich keine Spur von Lust fühlte, blieben natürlich auch die Fortschritte aus. Ich liebte die Musik, aber nur, wenn sie einschmeichelnd, melodienreich mein Ohr berührte. Papa spielte schön: Großmama und ich saßen allabendlich auf dem runden Kanapee beisammen und hörten zu. Gar häufig legte sie die Zeitung beiseite und wischte sich unter dem Augenglase eine Träne weg: ihr Blick ruhte dann mit unaussprechlicher Zärtlichkeit auf dem blonden Kopfe ihres Ältesten und Lieblings.
Aber Madame Berger, die kleine, geschäftig herumtrippelnde Person sollte lieber „~de petits corsets de batiste~ nähen.“ Sie litt an der fixen Idee, daß man nur handgenähte Dinge tragen könne: Maschinenarbeit war „Schlamperei“.
Gewöhnlich erstarb sie in Liebenswürdigkeit; allein mit mir, nahm sie sich kein Blatt vor den Mund. Ich aber konnte sie nicht leiden und war auch nicht ganz so arglos wie „die berückende Frau“ meinte. Ein schlauer Fotograf hatte ihr diesen Bären aufgebunden und sie so veranlaßt, einige Dutzend Bilder zu bestellen. Sie machte allen Ernstes trotz ihrer sechzig Jahre und des Hexengesichts noch Anspruch auf Schönheit und kokettierte mit den Herren. Mit „Don“ einer engelsguten Haut, dem Gesellschafter Großpapas geriet sie häufig in Conflikt, weil er ihr mit rührender Offenheit die derbsten Wahrheiten sagte. Das aber vertrug sie nicht.
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Großmama verordnete mir kalte Waschungen und wies Auguste eigenhändig an, wie sie meinen Rücken behandeln müsse. Sie nahm ein ellenlanges Stück Rosenseife zwischen Daumen und Ringfinger und fuhr dreimal mit der scharfen Kante sehr energisch über die Wirbelsäule. Dann rieb sie mich mit Handtuch und Nägel trocken. Das kitzelte abscheulich, gerade so wie beim „Geschichten“ erzählen. Da setzten Hannerl und ich uns auf Schemeln zu ihren Füßen und sie hielt unsere Hände fest. Im Anfang streichelte sie sie leise, im weiteren Verlauf der Erzählung aber, wenn sie in Affekt geriet, oder gar Räuber vor uns aufmarschieren ließ, bohrte sie sich förmlich mit den Fingern in die Innenflächen ein, und krabbelte und kitzelte solange, bis wir uns vor Lachen schüttelten.
Hannerl verdaute die Geschichten schwer, besonders die von der „grauen Frau“ und den „geschluckten Nasen und Ohren“. Sie fuhr des Nachts in ihrem Bette auf und schrie um Hilfe, bis Pauline Licht entzündete und sie beruhigte.
Mir gieng es einmal auch nicht besser. Auguste und Pauline waren zu einem Fest ins Dorf gegangen und das Nebenzimmer blieb leer. Ich trachtete zu schlafen: vergeblich. Dort in der Ecke knisterte es; ich hielt den Atem an -- gewiß, ich täuschte mich nicht. Ich hörte eine Zeitlang nichts, als das laute Klopfen meines Herzens. .. Waren das nicht Schritte? Und jetzt ein Stöhnen, ganz deutlich. Abermals. ... Ich steckte den Kopf unter das Kissen, aber die Angst nahm nicht ab. Ich hielt es nicht länger aus. Suchend tastete ich nach den Zündhölzchen und atmete erleichtert auf, als der Lichtschein das völlig leere Zimmer beleuchtete. Ich hätte also ruhig sein können, aber der Schlaf war mir vergangen; ich sehnte mich nach Gesellschaft, nach Aussprache, warf das Nachtgewand über und begab mich zu Hannerl. Die schnarchte fest. Ich rief sie an, rüttelte, zupfte sie am Ohr, alles umsonst. So wartete ich eine Viertelstunde: dann dauerte es mir aber doch zu lange: ich machte kurzen Proceß, hob die Decke auf, schob Hannerl an die Wand und legte mich an ihre Seite. Endlich schien sie zu merken, daß es nicht mit rechten Dingen zugehe. Sie brummte etwas Unverständliches und als ich ihr in Kürze den Sachverhalt schilderte, erwiderte sie mürrisch: „So geh’ doch schon, ich will ja schlafen.“ Dazu entschloß ich mich aber erst, als die Ausflüglerinnen bei anbrechendem Morgen heimkehrten.
Mit meinem Mut war es überhaupt nicht weit her. Jedes Geräusch, jede fremde Gestalt, ja jeder bellende Hund jagte mir Schrecken ein. Es erfuhr nie eine Seele, was ich bei den Abendspaziergängen mit Papa ausstand. Wenn die Erlen rauschten, das Käuzchen klagend schrie und die Dämmerung die Gegend in dunkle Schleier hüllte, da kam die Furcht, das bange Erwarten etwas Schrecklichen über mich.
Besonders vor einer Stelle graute mir. Papa hatte uns gesagt, es sei die Wolfschlucht, in der mit Samiels Hilfe die Kugeln gegossen wurden. Ich blickte scheu zum Himmel. Wenn jetzt plötzlich die wilde Jagd durch die Lüfte gesaust käme, dann müßte man auf die Knie fallen, das Gesicht auf die Erde drücken und ein Vaterunser beten. „Papa“ -- ich klammerte mich an ihn.
„Was hast Du denn?“
„Aber siehst Du denn nicht? -- Dort, hinter dem Baum, Du auch nicht, Hannerl?“ Statt aller Antwort hing sie sich zitternd an den andern Arm Papas. „Ein Mann mit braunen Locken, ein Barett auf dem Kopf. Hohe Stiefel, ein Gewehr umgehängt .. ein Wildschütze.“
„Ja, ja, ich hab’ Dir’s immer gesagt!“ bestätigte Papa, dem unsere Angst wohl Spaß machte. Meine erregte Phantasie spiegelte mir die verschiedensten Erscheinungen mit solcher Deutlichkeit vor, daß ich steif und fest glaubte, die Dinge wirklich gesehen zu haben.
„~La baronne c’est un paquet de Nerfs~“ hatte sich einmal Madame Berger über meine Mutter geäußert. Ich hatte bereits, ohne es zu wissen, die traurige Erbschaft angetreten. Wenn Großmama schlürfend Thee trank und an einer Honigsemmel saugte, als wäre es eine furchtbar zähe Masse, zuckte es mir in allen Gliedern. Ich preßte die Fingernägel ins Fleisch, biß mir die Zunge wund und konnte es nicht erwarten, daß sie fertig war. Dieselben Qualen litt ich, wenn Jemand eine Thüre heftig zuschlug, hustete, sich räusperte. Da lief ich unter irgend einem Vorwand aus dem Zimmer, ballte die Fäuste, stampfte mit den Füßen und weinte Wuttränen, bis ich mich erschöpft und erleichtert fühlte.
Natürlich ahnte niemand etwas von diesen anormalen Zuständen, denn ich hütete mich wohl, etwas zu verraten. Man hätte mich ausgelacht, gestraft oder zu einem Arzt geführt und jede dieser Aussichten war mir schrecklich. Das Verspotten fürchtete ich vielleicht am meisten. Madame Berger benützte jede Gelegenheit, mir kleine Hiebe zu versetzen. „~La petite a l’air d’une cigogne.~“ War das wirklich wahr? -- Von diesem Moment an wußte ich nicht, was mit meinen Armen und Beinen beginnen; meine Bewegungen nahmen etwas Linkisches, Steifes an, das an die Darstellungen der Altegypter gemahnte und mir vielleicht wirklich eine Storchähnlichkeit verlieh.
O ich war empfindlich! Seit einmal Großmama aus Zerstreutheit frug: „Du, wer ist denn das?“ redete ich nur in einer „selbsterfundenen Person“ mit ihr. „Bitte, das meinen?“ „Bitte, vorlesen“ u. s. w. Alle Vorstellungen vermochten nichts daran zu ändern; ich hätte mir lieber die Zunge abschneiden lassen, als je wieder die alte, vertrauliche Ansprache anzuwenden. Überhaupt, sie imponierte mir und verstand es vorzüglich, alle Welt in gemessener Entfernung zu halten. Sie war in ihrer Art eine Großmacht und hing mit allen Fasern ihres Seins an der Regierung. Nie und nimmer hätte sie einen Eingriff in ihre Rechte als Herrin des Hauses geduldet.
Ich sehe sie noch deutlich vor mir. Eine trotz ihrer siebenzig Jahre stolze, aufrechte Erscheinung, mit edlen, entschiedenen Zügen, deren Ausdruck, je nach Gelegenheit, zwischen unbeugsamer Starre und fast kindlicher Weichheit wechselte. Wo sie ging und stand, begleitete sie ihr Schlüsselbund: sie trug dies Abzeichen ihrer Würde mit einem gewissen Stolz, wie der Herrscher seine Krone. Sie teilte selbst die Vorräte aus und liebte es, in der „Speise“ eine ungestörte Viertelstunde zu verbringen, um die Güte des Proviantes zu erproben, um zu „kosten“. Es waren nicht immer „Mäuse“, die Unfug anrichteten unter Mandeln und Rosinen!
Gieng Großmama spazieren, trug sie sich seltsam genug, in der Art des vorigen Jahrhunderts. Ein breitkrämpiger, helmartiger Strohhut, darüber um das Kinn gebunden ein dünnes Wolltuch, in der Hand einen massiven Schirm, den Griff nach unten gekehrt, den sie bisweilen drohend schwang wie eine Keule. Die hellen Glacéehandschuhe waren stets nachlässig übergestreift, so daß die halben Finger frei blieben und wie abgebundene Würstchen aussahen. Die Füße steckten in viel zu großen Überschuhen und es geschah gar häufig, daß der eine mit ins Freie zog, während sein Bruder mit betrübter Miene aus irgend einer Ecke hervorguckte, in Gesellschaft eines Taschentuches, das, mit vierfachem Knoten versehen, eine prächtige Nachthaube abgegeben hätte.
Mit der Dienerschaft verkehrte sie nie anders, als: „Hat der Kutscher den Wagen geputzt?“ -- „Geh’ der Gärtner augenblicklich an die Arbeit“ und das in einem Ton, der von vornherein jeden Widerspruch ausschloß.
Ihr Mann war der „liebe Ferdinand“ und wagte nicht, sie anders anzureden als „Mylady“. Bei Meinungsverschiedenheiten zog er regelmäßig den Kürzeren und mußte sich mit dem bescheiden, was der Gattin nicht behagte. Ein Feld zum Beispiel, auf dem der Weizen schlecht stand, war „Dein Feld“, eine Allee hingegen mit schönen reichtragenden Bäumen war „meine Allee“. Er aber ließ sich dadurch die Laune nicht verderben. Unglaublich rüstig für sein hohes Alter stand er schon um 6 Uhr auf, ging auf die Jagd, aß für Zwei und war unermüdlich im Erzählen alter Anekdoten. Man kannte die Geschichten Wort für Wort, wußte die genaue Reihenfolge und wehrte sich aus Leibeskräften. Es war, als säße er auf einem Birnenbaum und beutle so lange, bis die Darunterstehenden mit Früchten überschüttet waren. Darum hieß es immer: „Birne so und so viel oder Waldberg“, „König von Hannoverbirne“.
„Also; wißt Ihr die Geschichte, wie ...?“
Einstimmiger Chor: „Ja, o ja.“
„No, wie geht sie?“
Jemand erzählt den Anfang.
Kleine Pause. Aufmunternd zu mir gewandt: „Mimi, weißt Du’s auch?“
„Nein, Großpapa.“
Rufe der Entrüstung von allen Seiten. Er triumphierend: „Aha, seht Ihr, sie hat’s noch nicht gehört. Also ich werd’ es Dir erzählen.“
Don: „Die Uhr ist wieder einmal aufgezogen. Der Herr Baron wird noch heiser werden.“ Alles umsonst.
Die Familie spannte im Gedanken Regenschirme auf, sprach durcheinander und ließ die Birnen abprallen. Aber wenn Gäste kamen, wehe! -- Mit erkünstelt interessierter Miene, mit der Höflichkeit von Leuten, die „Knigge’s Umgang“ beherzigt haben, hörten sie zu, hier und dort ein „Ach wirklich“, ein zweifelndes Kopfschütteln, ein verständnisvolles Lachen anbringend. Großmama räusperte sich wiederholt, warf ihm vielsagende Blicke zu, und da Alles nicht half, zog sie den andächtigen Zuhörer an ihre Seite und sprach „Landwirtschaft und Industrie“. Sie besaß einen regen Unternehmungsgeist und wußte stets von allen Neuerungen auf diesen Gebieten.
Tante Nilla war nie sichtbar, wenn Fremde kamen. Hörte sie einen Wagen rollen, verschwand sie durch eine Hinterpforte in den Wald. Dort sammelte sie Beeren oder Schwämme, rauchte, las Heiligenlegenden und Missionsberichte. Oder sie hielt Zwiesprache mit ihren Hunden, lauter „Findlingen“, an irgend einer Ecke aufgelesen, wo sie, dem Verhungern nahe, verzweifelt zu ihr aufsahen; lauter Invaliden, Pfründner, die das Gnadenbrot aßen und ihre Tage in Ruhe beschließen durften.
Da war vor Allem Fly, ein ausgedienter Jagdhund, der von seinem früheren Herrn mehr Prügel als gute Worte erhalten hatte und jeder neuen Erscheinung auf zehn Schritte auswich „~serrant la queue et portant bas l’oreil~“. Er führte das Dasein eines Rentiers, gieng immer mehr in die Breite und trug seine „Knochen“ auf ein entferntes Feld, um sie später einmal auszugraben.
„Pintschbock“ glich einer „Karricatur“ aus den fliegenden Blättern und machte mit dem unförmig zausigen Körper einen geradezu lächerlichen Eindruck. Er besaß nur eine Schönheit, ein paar Augen, die einen anblicken konnten, daß es einem ordentlich das Herz umdrehte.
Endlich noch „Scheck“, ein plumper Stallköter, mit häßlicher, rauher Stimme. Nach Sonnenuntergang brachte er der züchtigen Grundel, einer Hündin, über deren Alter man nicht reden durfte, Ständchen, daß sie ganz verwirrt wurde. Wie kam sie nur zu solcher Huldigung, sie mit den wackligen Zähnen und dem ewigen Baucherlweh? -- Der Geschmack ist eben verschieden, auch in der Tierwelt.
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Mama war mit ihrer Freundin, Frau von Cordi, einer sehr hübschen geschiedenen Frau in Steindorf eingetroffen. Zwischen Letzterer und Madame Berger bestand ein entschiedener Antagonismus und die Beiden begegneten sich mit eisiger Kühle.
Frau von Cordi gefiel mir ungemein. Eine junonische Gestalt mit Grübchen in den Wangen und kornblumenblauen Augen; selbst die Zähne, die gegen alle Schönheitsregeln kühn hervorstrebten, erregten meine Bewunderung. Ich trachtete mir ihren leisen wiegenden Gang anzueignen, strich mir die Augenbrauen schwarz an und malte mir die Wangen so feuerrot, daß Großmama fürchtete, ich habe Rotlauf und mir Zimmerarrest diktierte. Sie behandelte mich als „Große“, was meiner Kindereitelkeit ungeheuer schmeichelte. Ich sann hin und her, wie ich mich ihr angenehm machen könnte und ergriff eifrig die erste Gelegenheit, die sich mir bot. Madame Berger hatte geäußert, daß sie nicht begreife, wie man mit einer solchen Person, die ihrem Manne davongelaufen, verkehren könne. Sie sei eine ganz gewöhnliche Intriguantin und an Großmamas Stelle würde sie ihr das Haus verbieten. Der Augenblick, meine Rache auszuüben, schien mir gekommen. Nochmals das Gehörte vor mich hingemurmelt, um nur ja nichts zu vergessen, und dann schnurstracks zur Geschmähten. Ich war wie von einem Taumel erfaßt, unfähig, mir über mein Vorhaben und dessen Folgen auch nur die geringste Rechenschaft abzulegen. Hätte ich es nicht sagen können, ich wäre erstickt. Kaum aber daß es heraus war, begriff ich, welchen Unsinn ich begangen. Ich setzte mich ans Fenster und blieb auf der Lauer. Das Alarmsignal erfolgte bald; Mama nahte im Eilschritt, das Taschentuch an die Augen gepreßt. Sie machte mir die heftigsten Vorwürfe: „Du bist ein abscheulicher, boshafter Fratz, zu nichts anderm gut, als die Leute übereinander zu bringen. Was ist Dir nur eigentlich eingefallen?“ u. s. w. Dann hielt sie eine Art Monolog, aus dem ich nicht recht klug wurde. „Wär’ ich doch in Venedig geblieben: dieses Steindorf hat mir nie Glück gebracht; jetzt gönnen sie mir nicht einmal das bischen Ruhe. Mir liegt der Ärger auf dem Magen wie ein Berg“ und dabei schluckte sie und machte allerlei Verrenkungen. „Alle führen hier das große Wort, nur ich soll schweigen; ich laß mir es aber nicht länger gefallen. Der alte Drache, die Madame Berger, soll nur schön schweigen, die ist nicht ihrem Mann durchgegangen, bei der war’s umgekehrt. Auch begreiflich.“ Sie schien meine Anwesenheit gänzlich vergessen zu haben. Ein paar Tage ging sie gähnend und seufzend herum, mit dem klagenden Blick einer Mignon, so daß man sich unwillkürlich frug: „Was hat man Dir, Du arme Frau, gethan?“ Dann reiste sie mit ihrer Freundin ab.
Madame Berger begegnete mir von diesem Tage an mit so unterwürfiger, katzenartiger Liebenswürdigkeit, daß ich nur staunte.
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Drückende Schwüle lag auf der Erde. Nun empfand ich doch etwas wie Mitleid mit den Knechten auf dem Felde, die in rastlosem Fleiße Garben aufbanden, während die Sonne glühend heiß auf ihren Scheitel brannte. Nein, ich wollte nicht mehr tauschen. Es hatte doch sein Gutes, „Baroneß“ zu sein. Endlich erhob sich ein kühles Lüftchen. Ich nahm den Hut ab und ließ es über Haar und Stirne wehen; eine wahre Wohlthat. Im Westen ballten sich schwarze Wolken zusammen, und die Schwalben flogen so nieder, daß ihre Flügel die Erde streiften. Aus dem Teiche drang das Schluchzen der Unken und ein Libellenpaar kreiste müde über dem ruhigen Spiegel.
Es rauschte leise in den Zweigen und die kleine „Werner Pepperl“ lockte mit eintönigem Ruf die Hühner, um sie vor Beginn des Gewitters in Sicherheit zu bringen und der alte Gänserich trieb mit Geschnatter seine Damen heim.
Der Himmel verdüsterte sich immer mehr und wir flohen ins Haus. Bald folgte Blitz auf Blitz, Donner auf Donner. Feurigen Schlangen gleich fuhr es am Himmel hin und das dumpfe Poltern brach sich in ohnmächtiger Wut an den alten Mauern, daß es laut widerhallte. Entsetzt schloß ich die Läden und stammelte ein Gebet um das andere. Das Unwetter wütete die halbe Nacht hindurch. Es hatte sich zudem ein Sturm erhoben; er rüttelte an den Fenstern, fuhr heulend um die Ecke und sang im Schornsteine schauerliche Lieder. Es war die Strafe Gottes für meine Sündhaftigkeit: jetzt und jetzt mußte das Schloß zusammenstürzen und uns unter seinen Trümmern begraben. Ich besprengte mich mit Weihwasser, erweckte Reue und Leid, schlüpfte in die Pantoffeln, hüllte mich fest in meine Decke und forderte Fräulein Auguste auf, gleich mir ihre Seelenrechnung zu machen. Als sie mich aber in diesem seltsamen Aufzug erblickte, brach sie in ein so schallendes Gelächter aus, daß ich mich entrüstet entfernte, um allein zu sterben.
Der Tod kam nicht, wohl aber sein Bruder, der Schlaf. Er strich mir sanft über die Schläfen und nahm mich mit sich ins Reich der Träume:
Die Gestalt des dicken Verwalters tauchte vor meinem geistigen Auge auf: bei jedem Schritt taumelte er so, daß man meinte, er müsse umfallen, aber er verlor doch nie das Gleichgewicht. Er lehnte sich ans Billard und erzählte, daß die Bauern einen Grenzstein verrückt hätten: „Mein Jott, ich sach’s ja immer, ’s jiebt so jefährliche Menschen“, dabei rutschte das Billard und er lag der Länge nach da. Auguste hob ihn auf und ließ ihn auf einem Seile tanzen. Fly bellte. Er sagte: „Weil der Mond scheint“ und begann zu singen: „Juter Mond, Du jehst so stille“. Auguste meinte, er solle keinen Unsinn treiben, ihr sei eine „jut jebratene Jans“ viel lieber, worauf er sie zu einem fetten Schinken einlud: „Meine Vorratskammer is jerade jefüllt.“ -- „Von unjerechtem Jute, alles jekrippst von der Herrschaft“, kicherte Auguste. Dann riß sie so heftig am Seil, daß er stürzte. Ich verspürte einen Ruck und erwachte an ungewohntem Orte, auf meinem Bettteppich. Als ich Auguste den Traum bis in die kleinsten Einzelheiten erzählte, nannte sie mich geärgert ein „überspanntes Ding“. Gesunde Kinder hätten keine solchen Träume.
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Robert und ich stellten lebende Bilder dar. Ich öffnete mein Haar, daß es mir wie ein Mantel über die schmalen Schultern fiel, schlang wilden Wein darum und legte mich mit geschlossenen Augen ins Gras. Dornröschen schlief. Der Prinz war in einen großkarrierten Plaid gehüllt und eine Pfauenfeder schmückte sein dunkles Sammtbarett. Er nahte schüchtern, kniete vor mir nieder, küßte mich und ich erwachte.
Hannerl war aufgelöst vor Entzücken, obwohl seine Hoheit sie keines Blickes würdigte. Für ihn gab es eben nur „Prinzessinnen“, das hatten ihm seine Tanten schon an der Wiege gesungen.
Mir gegenüber war er ganz „Cavalier“. Wir feierten gerade „Kirchweihfest“, und da ich in die Nähe der Musik wollte, bot er mir seinen Arm und tanzte eine Tour mit mir. „Blau steht Dir am allerbesten, wie den meisten Blondinen“, äußerte er, indem sein Blick wohlgefällig mein Tüllkleid streifte. Er schenkte mir ein Lebkuchenherz mit flammender Inschrift: „Aus Liebe“. Papa und der Onkel stießen sich an und wir wurden sehr verlegen. Auguste führte mit dem Verwalter einen Tanz auf, wie ihn die Nilpferde nicht schöner zu Stande gebracht hätten. „Du, mir scheint, da fangt sich was an“, bemerkte Robert altklug.
„Was denn?“
„Kleine Unschuld“ und er lächelte protektorhaft.
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Alle taten sehr geheimnisvoll mit den Vorbereitungen zu meinem Namenstag. Ich lief zu Pauline, um sie auszuforschen: verriegelte Thüren; ich bestürmte Hannerl mit Fragen -- sie schüttelte den Kopf und Frau Huber, die Köchin, wollte auch nicht mit der Sprache heraus. „I, i darf nix sagen, sonst könnt’s heißen, daß i eine Tratschen bin.“
„Frau Huber“, in der geöffneten Küchentüre erschien Dons kleine, feiste Gestalt und mit gekrümmtem Zeigefinger neckisch drohend: „Frau Huber, der Herr Baron läßt Sie ersuchen, sich ein wenig zu beeilen, weil er sehr hungrig ist.“
Bei seinem Eintritt schmunzelte die Huberin mit hinreißender Coquetterie. Dieses Gesicht setzte sie jedesmal auf, wenn sie ihren einstigen Verehrer erblickte. Er hatte vor langer Zeit für sie geschwärmt, „o wenn sie ewig grünen bliebe, die Zeit der jungen Liebe“, und erinnerte sich nur noch ~vague~ an diese Episode seines Lebens. In fünfundzwanzig Jahren vergißt sich so Manches, namentlich wenn eine Gehirnkrankheit den Gedächtnisapparat geschwächt, wie es beim armen „Don“ der Fall war. Ab und zu erzählte er von seinen Flammen und in diesen Berichten spielte auch die Huberin eine gewisse Rolle. „Zum erstenmal habe ich sie mit einem Einkaufskorb unter dem Arm gesehen und das machte mir gleich einen vorteilhaften Eindruck. Sie sah so nett und appetitlich aus. Ich hob den Deckel auf und sah Rettige und Karfiol, mit einem Worte, lauter gute Sachen“. Später hatten zwei Zwillingsschwestern sein Herz zu neuer Glut entfacht. „Wie die schön und graziös auf dem Trapez turnten, eine Passion, ihnen zuzusehen, und so wohlerzogene, brave Mädchen.“
Er schilderte mit Vorliebe seine Beamtentätigkeit an der Franzjosefsbahn. „Das war ein aufreibendes Leben, diese Verantwortung! Mir stehen noch jetzt die Haare zu Berg, wenn ich daran denke. Mit einem Fuß im Grab und mit dem andern im Criminal. .. Wie damals noch Alles primitiv war und wir uns plagen mußten, bis etwas klappte. Der erste Ball, den wir gaben“ ... und dann stieg er regelmäßig die 4 Treppen zu einer nunmehr berühmten Burgschauspielerin empor und bat sie, das Patronessenamt zu übernehmen. Sie sagte zu, traktierte ihn mit schwarzem Kaffee und war sehr liebenswürdig.
Bisweilen, wenn er Reminiscenzen von anno dazumal auffrischte, erwachte in Großpapa der Concurrenzneid und er ließ es Don bei der Zeitungsvorlesung entgelten.
Don: „Landtagswahl“. Pause.
„Auf was warten’s denn, so lesen’s weiter.“
Nochmals „Landtagswahl“. Unter Gelächter: „Dem König von Portugal, dem ist das ganz egal.“
„Herrgott, ist das ein Chineser.“
„No ja, aber uns geht’s ja eigentlich nichts an, wer gewählt wird. Wir candidieren ja nicht.“
„Deshalb interessiert’s mich doch. Ich bin zum Glück nicht so wie Sie, daß ich für nichts Sinn hab’ als für Zwetschkenknödel.“
„Da irrt der Herr Baron: ich esse Apfelstrudel und Milchreis eben so gern.“
„Also lesen’s schon einmal weiter. Lauter, man versteht ja nichts.“.
„Ich bin schon heiser, Herr Baron, und es wird finster.“
„Jesses, hat der Mensch Faxen!“
Nach einer Weile: „Don, was sind Sie?“
„Ein Aff’.“