Westmark

Part 9

Chapter 93,521 wordsPublic domain

Der peinliche, ja angesichts der großen und schweren Zeit doppelt widerliche Vorfall mit dem Hauptmann, wovon dir Gustav geschrieben hat, wird sich hoffentlich schadlos beilegen lassen. Morgen erwartet uns in Straßburg zu einer persönlichen Aussprache der hierin bestimmende Oberstleutnant; er ist mit dem thüringischen Baron befreundet, der uns neulich hier besucht hat. In seinem Schreiben nimmt er in liebenswürdiger Weise auf Gustavs Zustand Rücksicht und bittet nur Bieler und mich nach Straßburg. Fanny soll mitkommen und sich zur Verfügung halten, falls die Sache sich verwickelt; doch hofft er, alles in der Stille abzumachen. Daß man sich überhaupt in solcher Zeit mit solchen niedrigen Dingen auch nur einen Augenblick befassen muß, nicht wahr, lieber Erwin! Siehst du, das ist unser Elsaß.

Doch noch etwas Gutschönes, etwas Schlichtmenschliches muß ich dir erzählen, mein Lieber. Im Gespräch mit jenem Baron von Stein wies ich neulich auf meine mannigfachen Arbeiten und Aufsätze hin, die ich seit meinen Heidelberger Jahren in meinem Schreibtisch verschließe. Gesprächsweise hatte ich wohl einmal Lisy oder Fanny davon Erwähnung getan. Kurz, nach einer schweren Nacht suchte ich danach, aus einem Grunde, der weiter nicht hieher gehört. Ich suche -- und finde nicht. Zunächst geh' ich an meine Tagesarbeit, suche dann aber wieder und ziehe endlich Lisy zu Rate. Diese wird rot, verlegen, weicht aus. Tags darauf, mit dem lang erwarteten Brief des Oberstleutnants Trotzendorff, der uns nach Straßburg bestellt, zu Fanny eilend -- was entdecke ich? Das liebe Kind sitzt an der Schreibmaschine und schreibt mir schon seit Tagen heimlich meine Handschriften ab, oft halbe Nächte über der Arbeit verwachend! Du kennst ihre holdselige, kindliche Art, wenn sie bei solchen anmutigen Streichen ertappt wird. Ich habe nach einer Gewohnheit aus älteren übermütigen Zeiten sie wieder einmal wie ein Kind auf die Arme genommen und ihr von Herzen gedankt.

Gott nimmt uns die Heimat, lieber Erwin, aber er schenkt uns Menschen.

Behalt lieb deinen väterlichen Freund

~J. F. Arnold~.

Achtes Kapitel

Ein Tag in Straßburg

Zu Straßburg, ja zu Straßburg Soldaten müssen sein ...

~Volkslied~

Oberstleutnant von Trotzendorff saß in seinem Straßburger Amtszimmer.

Eine schmucklose Stube zu ebener Erde, ein großer Tisch in der Mitte, Aktenschränke und einige Stühle -- das war seine Arbeitswelt. Vor den vergitterten und geschlossenen Fenstern ging die Lebensbewegung der Blauwolkengasse schattenhaft hin und her. Über der Stadt Straßburg lastete eine lauernde und dumpfe Stimmung.

Die deutsche Westfront wich langsam, wenn auch unzerbrochen zurück. Jedoch von hinten her nagte Zersetzung. Siegfriedstellung hieß unsre festeste Linie im Westen. In der Tat: Hagen bereitete sich vor, Siegfried in den Rücken zu stoßen. Und hart, ja hochmütig klang über den Ozean herüber Wilsons Antwort auf das deutsche Friedensangebot. Die Französlinge im Elsaß rieben die Hände. Eine triumphierende Tücke war auf manchen Gesichtern der Straßburger unverkennbar; und oft genug steckte man die Köpfe zusammen und tuschelte. Doch eisern hielt die Kriegsmaschine vorerst noch die Haßgesinnung unter Zwang ...

Trotzendorff hatte den Stuhl zur Seite gedreht. Sein Ellenbogen lag auf dem Tisch; die Hand spielte mit dem sehr großen Blaustift. Äußerlich beherrscht, pflegte er die innere Erregung nur durch das Spiel der Hand zu verraten. In gewohnter Weise saß er kerzengerade, breitschultrig, gut gebaut, immer Soldat. Die graue Litewka mit dem Rosakragen des Generalstäblers saß tadellos. Die buschigen Brauen gaben dem ehrlichen Gesicht Ernst und Strenge, ungemildert durch das graue, knapp geschorene Haar und den kurzen grauen Schnurrbart.

So saß der Preuße im Gespräch mit dem ungefähr gleichaltrigen elsässischen Pfarrer Johann Friedrich Arnold.

Des Pfarrers schwarzgekleidete Gestalt war in der Tiefe des Zimmers vom Fenster her beleuchtet. Er hatte die Hände auf die Krücke seines Schirmes gestützt und hielt zugleich den Zylinderhut. Da er auch dunkle Lederhandschuhe trug, hob sich das ziemlich bleiche, lange Gesicht scharf ab von dem farblosen Ton der Hinterwand.

Zwei tiefernste Männer saßen einander gegenüber.

Sonst klingen um diese Herbstzeit Straßburger Glocken wehmutschön durch die alte Nebelstadt. Besonders die metallenen Stimmen des hohen Münsters haben ihren eigenen Klangzauber. Doch die Töne des Himmels waren im Laufe des Weltkriegs gleichsam eingefroren; aus Besorgnis vor Fliegergefahr hatte man das Geläute eingeschränkt; und viele Glocken waren in Kanonen umgegossen. Nun herrschten nur die nüchternen Geräusche der Straße, gelegentlich scharf unterbrochen vom grellen Geklingel einer elektrischen Bahn.

»Entschuldigen Sie, Herr Pfarrer, daß sich unsre Zusammenkunft um einige Tage verzögert hat«, sprach Trotzendorff. »Die Gegenseite hat den Vorfall aufgebauscht. Aber ich hoffe die Sache möglichst geräuschlos niederzuschlagen. Den Herrn -- wie heißt er doch gleich? -- Ihren Nachbarn Huber oder Bieler und ebenso den Hauptmann habe ich auf eine halbe Stunde später bestellt. Es lag mir daran, zuvor mit Ihnen allein zu sprechen, Herr Pfarrer. Wir haben übrigens zwei gemeinsame Bekannte.«

»Zwei?« erwiderte der Pfarrer. »Das sollte mich zwar freuen, aber -- ich weiß nicht --«

»Da ist zunächst Baron von Stein, der Sie neulich besucht hat. Sie haben sich ja angefreundet, wie ich höre. Sechs Jahre sind es wohl her, da haben meine Frau und ich mit diesem Freunde Frankreich bereist, die Provence, bis hinaus nach Lourdes, wo es mir freilich zu mittelalterlich geworden ist. Ingo war damals ein wenig Schwärmer, wir nannten ihn Spielmann. Hört er gute Musik, so ist er auch heute noch derselbe und nicht mehr zu halten. Diesem Zuge seines Wesens verdankt er Ihre Bekanntschaft -- und verdank' ich Ihren Brief und Besuch. Sie sehen, wie wunderlich unser himmlischer Generalstab seine Menschen lenkt.«

»Ich habe meinerseits«, schob hier Arnold höflich ein, »zu danken, daß ich bei Ihrer übermäßigen Arbeit -- --«

»Freilich übermäßige und nicht erfreuliche Arbeit,« warf der Offizier ein, fuhr aber nach einem Blick über den Tisch sogleich fort: »Dann haben wir aber noch einen zweiten gemeinsamen Freund. Dort habe ich zuerst von Ihnen gehört. Entsinnen Sie sich des Professors Lobsann in Heidelberg und seiner prächtigen Frau Cäcilie?«

»Ach, was Sie sagen!« Der Pfarrer blitzte ordentlich empor. Die Amtsstube verklärte sich. Er schaute Goethes Lieblingsplatz am Heidelberger Schloß; er schaute den schön geschwungenen Neckar; er betrat eine nahe Villa und lauschte dem Gesang der damals blutjungen, eben aus der Schweiz nach Heidelberg vermählten Gattin eines seiner Universitätsfreunde. »Mein lieber alter Freund Lobsann! Einer der wenigen, der sehr wenigen, die mich mit Tränen in den Augen scheiden sahen -- damals!«

»Ich weiß«, nickte Trotzendorff. »Lobsann hat mir's erzählt. Meine Frau ist mit Frau Cäcilie befreundet.«

Im Nu waren die beiden Männer in Erinnerungen an Heidelberg ausgeflogen und lustwandelten ein Weilchen in studentischen Fernen. Sie hatten im Jahre 1886 die großzügige Festfeier der Hochschule miterlebt.

»Ein unvergeßliches Fest!« rief der Pfarrer. »Nicht nur das Schloß in seiner bengalischen Beleuchtung, nicht nur der glühende Neckar -- mehr noch der Geist des Ganzen, die überschäumende Festfreude in jenen vier, fünf Tagen. Es ist dabei merkwürdig, wie man auf solchen Hintergründen Einzelheiten behält. So kann ich z. B. nie vergessen, wie ein Kind, ein kleiner blonder Lockenkopf, in der festlichen Menschenmasse unter die Pferde einer vorüberfahrenden Kutsche geriet --«

»Sahen Sie das auch?« Trotzendorff ward lebhaft. »Und haben Sie gesehen, daß einige Studenten und Offiziere den Pferden in die Zügel sprangen? Nun, darunter war auch ich. Da haben wir also damals in derselben Straße Schulter an Schulter gestanden, Herr Pfarrer, und vielleicht gar miteinander gesprochen! Vorzüglich!«

»Lieber Gott, und in wie andrer Stimmung!«

Der Pfarrer seufzte. Man war wieder in der Gegenwart.

»Sie haben wohl inzwischen meinen ausführlichen Bericht gelesen, Herr Oberstleutnant?«

Trotzendorff nickte.

»Genau gelesen. Mit Wehmut gelesen. Ja, ich kann wohl sagen: mit Ergriffenheit. Ich bin schon einige Zeit hier in der Verwaltung und arbeite täglich bis zum Umfallen. Aber Sie haben in diesem Bericht aus dem besonderen Fall soviel Allgemeingültiges herausgeschlagen, daß ich Ihnen dankbar bin. Ich habe die Elsässer dadurch besser verstehen gelernt. Manches, was für unsern preußischen Ordnungssinn sachliche Verfügung ist, wirkt auf diese Leute wie bösartige Absicht. Und sie pflegen das dann unter dem Fremdwort ›Schikane‹ anzufeinden. Das tut mir recht leid.«

»Diese Bemerkung in Ihrem Munde freut mich«, versetzte der Pfarrer. »Unsereins kommt mit Volk wie mit Regierung gleicherweise in Fühlung. Wieviel Bitterkeit müssen wir da allerdings bekämpfen! Es steht leider nicht gut um die deutsche Sache im Elsaß, das muß ich offen sagen. Das Kriegsgebiet spürt den Krieg doppelt. Und da wird von der politisch unreifen Bevölkerung gewohnheitsmäßig sofort der deutschen Regierung in die Schuhe geschoben, was doch Gebot der Zeit überhaupt ist. So verwirrt und verdummt ist unsre Volksseele. An allem Übel in der Welt sind nun einmal die Deutschen schuld. Was soll man gegen diese Seuche anfangen?«

Der Pfarrer war erregt geworden. Er fuhr, da Trotzendorff nach seiner Art schweigend gradaus blickte, sogleich fort:

»Aus meiner Eingabe haben Sie ungefähr die Welt kennen gelernt, in der ich selber lebe. Nehmen Sie zur Musik und Orgelkunst, die mir teuer sind, noch etwa Plato und das Neue Testament, Kant und Schleiermacher hinzu, so haben Sie meinen geistigen Bezirk. Und in dieser Luft habe ich auch meinen einzigen Sohn erzogen, also in gut deutscher Geisteskultur. Sie können daraus ermessen, wie mich der neuliche Fall verletzen mußte, mich, den deutschgesinnten Elsässer. Und so erzog ich zum Teil auch seine Braut, die Tochter dieses unglückseligen Bieler, der dort in Lützelbronn ein großes Weingut trotz aller Kränklichkeit recht schön imstande hält. Das Mädchen ist ganz herrlich veranlagt. Aber die Politik, natürlich, hat unser harmonisches Bildungsideal beträchtlich gestört. Und mein Junge hat leider von seiner Mutter her ein zartes Nervengeflecht, von mir selbst aber ein nicht allzu starkes Herz. Lassen Sie nun diese Menschen unter den so schwierigen Verhältnissen mit einer derben Natur zusammenstoßen -- -- nun, und es läßt sich denken, daß es Scherben gibt.«

Trotzendorff schaute vor sich hin und nickte nachdenklich:

»Ja, ja, ich bin vollkommen im Bilde.«

Und der Pfarrer, der im Zuge war, setzte seine Herzensentlastung fort:

»Schauen Sie nur hinaus: was ist das für ein drückender Nebeltag! Ist es nicht, als ob alle Menschen dieses Landes wie Schatten und Gespenster ihrer Vergangenheit umherschlichen? Das Elsaß hat heimliche Melodien, hat wundervolle Herzen -- aber sie können nicht los, nicht heraus und haben alle Freudigkeit verloren. Denn es gibt doch schließlich auch einen freudigen Trotz, wenn er einer guten Sache dient. Aber die elsässische Sache ist nicht gut, sie macht ihre französelnden Vertreter tückisch oder zum mindesten zweideutig. Das ist unsre Lage. Die ersten Kriegswochen -- ein hinreißendes deutsches Aufjauchzen bis zum letzten Eckensteher! Nach und nach freilich kam wieder der Nebel. Doch im Herzensgrunde haben unsre edelsten Elsässer eine ganz besonders tiefe Sehnsucht nach schön gestimmtem Leben voll Gastlichkeit und Brüderlichkeit. Pöbel gibt's natürlich überall. Ich spreche von der Minderheit der edlen Seelen. Und zu den Edlen rechne ich, das darf ich mit Vaterstolz aussprechen, auch meinen Sohn. Er ist weich, und jetzt nervenleidend, aber nicht weichlich. Eine gewisse Gedämpftheit paßt übrigens in unsre elsässische Wesensart.«

Hier konnte sich Trotzendorff die Bemerkung nicht versagen: »Na, wir Norddeutschen möchten denn doch dem Elsässer manchmal mehr Härte wünschen. Der Vogesensandstein ist zu weich; er verwittert leicht, wie Ihr Münster beweist, das man ja kaum ohne Baugerüst sieht.«

»Bitte: wir haben auch Granit«, erwiderte der Pfarrer lächelnd.

»Wie dem auch sei,« lenkte der Oberstleutnant ab, »ich war in jungen Jahren hier, bin aber erschrocken, wie sich später die geistige Luft verändert hat. Sagen Sie mir, wie ist denn das gekommen? Hat das mit der Einkreisungspolitik eingesetzt?«

»Planmäßig von Frankreich aus geschürt«, bestätigte der Pfarrer. »Und von der Regierung nicht mit Geschick bekämpft. Sehen Sie, da ist mein Sohn in bitterste Tragik geraten. Der Bruder seiner Braut war einst sein Schulfreund. Dann, als Student, geriet jener junge Bieler in den sogenannten =Cercle des étudiants= --«

»Aha! Eine höchst gehässige Sippschaft. Wir haben hier die Liste seiner sämtlichen Mitglieder. Das war ja ein ganz gefährlicher Geheimbund! Unbegreiflich, daß die Regierung diese Französelei geduldet hat! Ich habe die Akten durchgesehen: das war schon im Frieden längst kein Frieden mehr. Das war ja wie der Mord in Serajewo, der den Krieg eingeleitet hat: das war ein planmäßiges Töten des deutschvölkischen Empfindens.«

»Weshalb man das geduldet hat? Weil Freisinn und Zentrum sofort der Regierung in den Rücken fielen, sobald sie im Interesse nationaler Würde Ordnung schaffen wollte. So wurde die Regierung unsicher. Aber die Unterminierung ging weiter. Jedenfalls haben wir das Elsaß innerlich nicht erobert, wir Deutschen, leider, leider! Mein Sohn holte sich das Eiserne Kreuz, aber der junge Bieler -- und manch andrer noch -- brannte nach Frankreich durch. Elsässer beide! Und nun bringen Sie das unter einen Hut!«

»Und der alte Bieler?« fragte Trotzendorff.

»Der alte schwache Bieler rückt ratlos sein Käppchen von einem Ohr aufs andre. Und Fanny, die Braut, steht zwischen Bruder und Bräutigam in peinvollem Zwiespalt.«

Wieder ein Nicken: »Echt elsässisch!«

»Aber der Krieg klärt. Und so entscheidet sich's jetzt auch im Hause Bieler -- das heißt: es ~hätte~ sich zugunsten Deutschlands auch dort entschieden, trotz alledem, wenn jetzt nicht das fatale Friedensangebot und Wilsons Antwort uns wiederum ins Unsichere zurückwürfen. Wie denken Sie denn, Herr Oberstleutnant, über die Lage?«

Der Pfarrer richtete den Blick fragend auf den Offizier. Dieser wandte mit kurzem Ruck den Kopf, an Schweigen gewöhnt, und schaute aus dem Fenster. Es entstand eine ernste, fast düstere Pause, so daß Arnold selbst wieder das Wort nahm und seinen Besorgnissen Ausdruck gab.

Plötzlich begann Trotzendorff selbst seine angestaute Bitterkeit zu enthüllen: »Sie betrachten als vertraulich, was ich Ihnen sage, Herr Pfarrer. Wir sind innerlich zersetzt. Wer und was uns zersetzt hat, das ist eine Frage für sich. Tatsache ist: die Heimat fällt der Front in den Rücken. Wir ~könnten~ noch aushalten, wenn im eignen Lande nicht der Feind nagte. In den ersten Jahren hatte der Generalstab mit preußischer Willenskraft das Ganze fest in der Hand. Aber die Helden liegen unter dem Rasen, die Händler sitzen in den Klubsesseln! Das ist die sogenannte Demokratie!«

Es klang kurz, scharf, bissig. Dann fuhr er mit zornig erhobener Stimme fort:

»Aber glauben Sie nicht, daß ich damit jenen Hauptmann entschuldige! Ihnen darf ich sagen: das ist jenes Zerrbild von Deutschtum, das auch mir, dem Altpreußen, ganz verflucht auf die Nerven fällt und das aus dem deutschen Wesen raus muß.«

»Sehr richtig! Das uns verhaßt macht im In- und Ausland!« stimmte der Elsässer kräftig bei.

»Das weder Zucht noch Innerlichkeit kennt«, fuhr der Preuße fort.

»Das in Gasthöfen mit Kellnern umspringt wie mit Lakaien des achtzehnten Jahrhunderts«, klang es vom Pfarrer her.

»Das sich abends den Bauch voll Bier pumpt und um Mitternacht Türen schmettert«, bestätigte der andre.

»Das laute, schnarrende Deutschland, das die innere Stimme betäubt!«

»Das seelenlose Deutschland der Wucherer, Kriegsgewinnler und Etappenschweine!«

So sprang es hin und her zwischen dem Altpreußen und dem Altelsässer. Und hier erhoben sich beide. Trotzendorff streckte die Hand aus und schlug in seines Besuchers Hand: »Wir verstehen uns, Herr Pfarrer!«

»Ich danke Ihnen, Herr Oberstleutnant!«

Der Pfarrer verbeugte sich leicht und nahm wieder Platz.

Dann wiederholte er seine Frage und formte sie genauer:

»Nehmen Sie mir die Sorge vom Herzen, soweit Ihnen der Dienst Offenheit gestattet! Was für Aussichten hat das deutsche Friedensangebot? Wie steht's um unser Elsaß?«

Der Oberstleutnant war sogar innerhalb seiner Familie in Dienstsachen von peinlicher Verschwiegenheit. Er hatte darin, wie in seinem ganzen Wesen überhaupt, etwas Starres. Jetzt sah er sein Gegenüber eine Weile scharf und schweigend an; der Blaustift pochte auf die Papiere. Endlich sagte er langsam: »Es würde Freund Lobsann und seine Frau gewiß freuen, wenn Sie wieder Fühlung mit ihm nehmen würden. Sein oberes Stockwerk steht leer. Sollten Sie einmal« -- und er betonte nun jedes Wort -- »in die Lage kommen, sich aus dem Elsaß zurückzuziehen, so würden Sie dort gewiß schöne deutsche Gastfreundschaft finden.«

Weiter sagte er nichts. Er schaute nur dem Pfarrer ernst und unverwandt in die Augen. Und der Pfarrer verstand ...

Arnold senkte den Kopf, hob ihn dann wieder und fragte: »So brauchen wir auch über den Offenen Brief an Wilson, den ich Ihnen entwurfsweise mitsandte, heut' abend in unsrer deutsch-elsässischen Gesellschaft nicht zu beraten? Hat er noch Zweck?«

»Das sind Dinge, die mich amtlich nicht kümmern dürfen. Wenn Sie mich persönlich fragten, so würde ich etwa sagen: Einige rosenrote Politiker wagen noch an die Möglichkeit eines Pufferstaates oder dergleichen zu glauben. Ich nicht. Haben Sie übrigens Dank für die freundliche Übermittlung!«

Und er legte das Schriftstück, einen von Arnold entworfenen Brief an den Präsidenten Wilson, wieder in des Verfassers Hand zurück.

Jetzt meldete ein Unteroffizier unmittelbar hintereinander den Winzer Bieler und den Hauptmann.

Trotzendorff war wieder ganz Soldat und Beamter. Die Rücksprache wurde knapp und sachlich. Papa Bieler fand nach anfänglicher Verlegenheit seinen unbefangenen Ton, ja einen schlichten Freimut.

»Herr Oberstleutnant,« sprach er treuherzig, »daß ich's nur gradheraus sag': mich trifft viel Schuld, mich trifft die allermeist' Schuld. Ich hab' die Dummheit gemacht, Herr Oberstleutnant, ich hätt' den Herrn Hauptmann nicht in den Keller führen sollen. Mehr brauch' ich nicht zu sagen.«

»Ihr Keller spielt dabei allerdings eine verhängnisvolle Rolle.«

»Herr Oberstleutnant, ich bin ein einfacher Bürgersmann und ein alter Soldat von Anno siebzig. Hand uffs Herz, Herr Oberstleutnant: ich für mein' Person hab' nie agitiert gegen die Rejierung, aber ich steh' halt von wegen meinem Sohn auf der schwarzen Liste. Soll ich's dann in solchem Fall mit dem Herrn Hauptmann verderben? Man wird charakterlos, Herr Oberstleutnant, ich sag's und g'steh's ganz offen: man wird ein schwacher Charakter.«

»Danke, Herr Bieler. Angenehm für Ihren Ruf ist die Geschichte freilich nicht.«

Trotzendorff wandte sich zum Hauptmann; seine Stimme hatte äußerst kalten Klang, wenn auch der Unwille beherrscht war: »Die Sache ist für mich bereits geklärt. Ich bedaure, daß wir mit solchen Dingen in solchem Augenblick unsre Zeit verlieren mußten. Es ist kein Grund zu einem gerichtlichen Einschreiten. Ich möchte nur in Gegenwart dieser Herren von Ihnen hören: was ist es mit der deutschfeindlichen Gesinnung, deren sich angeblich alle, auch der Unteroffizier Arnold, schuldig gemacht haben?«

»Durchaus, Herr Oberstleutnant, durchaus!«

Ungeduldig klopfte der Blaustift.

»Was heißt das: durchaus? Wollen Sie sich nicht freundlichst etwas genauer ausdrücken?«

»Gestatten mir Herr Oberstleutnant, daß ich von einer Tatsache ausgehe, die hier entscheidend ins Gewicht fällt.«

»Die wäre?«

»Bei den ersten Kämpfen im Oberelsaß wurde bekanntlich aus den Häusern geschossen --«

»Na, na, was haben denn diese peinlichen Dinge hier zu tun?«

»Wenn ich mir gestatten darf, Herr Oberstleutnant: mein bester Freund wurde dabei erschossen, infam, aus dem Hinterhalt. Also von Einwohnern dieses Landes.«

Unwillig warf Trotzendorff den Bleistift hin.

»Wie können Sie so was behaupten, wenn Sie keine genauen Beweise haben?! Ist das einwandfrei festgestellt? Sie wissen doch, daß französische Soldaten bürgerliche Kleider im Rucksack hatten. Und daß allerlei bedauerliche Mißverständnisse und Aufregungen vorgekommen, wie sie bei der ungeheuren Erregung erster Kriegswochen leider nicht zu vermeiden sind. Wir wollen lieber auf diesem Wege nicht fortfahren, Herr Hauptmann. Die Elsässer leiden ohnedies genug unter dem Verhalten einzelner Landsleute. Ich habe selbst sehr viele Elsässer kennen gelernt, die sich äußerst tapfer gehalten haben. Also gut, ich lasse Ihre Meinung insofern gelten: sie erklärt Ihr Vorurteil. Waren Sie schon früher im Lande?«

»Niemals, Herr Oberstleutnant.«

»Nun ja. Aber jetzt die Gegenfrage: Wenn Ihnen dieses Haus Bieler als -- wie sagen Sie in Ihrer Eingabe? -- als ›Brutstätte deutschfeindlicher Gesinnung‹ verhaßt war, weshalb ließen Sie sich dennoch im Keller bewirten? -- Sie schweigen. Auch eine Antwort.«

»Allerdings -- immerhin -- ich -- wie gesagt, ich will meine menschlichen Schwächen nicht entschuldigen, Herr Oberstleutnant. Aber die Tatsache, daß alle drei Beteiligten in französischer Sprache auf mich eindrangen -- --«

Des Hauptmanns Stimme war wieder scharf und nasal geworden.

»Das stimmt nicht!« rief Bieler.

»Unmöglich!« fiel auch der Pfarrer ein. »In meinem Hause wurde nie französisch gesprochen.«

»Kurz, ich fühlte mich plötzlich unter lauter Feinden.«

Bieler bekam Mut.

»Ich bin der Meinung, Herr Hauptmann, Ihr einziger Feind sind nicht wir drei gewesen -- excusieren Sie mich --, sondern vielmehr der Rappoltsweiler Riesling von Anno neunzehnhundertundelf. Und daß im Pfarrhaus immer nur elsässisch oder hochdeutsch gesprochen wird, das kann ich bezeugen.«

»Können Sie das auch von Ihrem Hause behaupten?« fiel der Hauptmann ein.

Aber der Pfarrer sprang zu Hilfe.

»Das Haus Bieler zu begreifen, muß man sich lang und liebevoll mit dem Elsaß beschäftigt haben, Herr Hauptmann.«

Dem Oberstleutnant waren Wolffsche Depeschen gebracht worden, die er während dieser Hin- und Herreden durchblätterte. Dann stellte er noch einige kurze Fragen und beendete die Unterredung. Alle erhoben sich.

»Herr Oberstleutnant,« sagte Bieler, als er sich verabschiedete, und der gebeugte Mann in seinem langen Sonntagsrock war nicht ohne Würde, »sehen Sie, ich hab' dazumal Frankreich gedient und hab' meiner Regierung Treue gehalten, wie sich's für einen Ehrenmann schickt. Aber mein Sohn hat seiner Regierung keine Treue gehalten. Das ist mein heimlicher Kummer, ihr Herren. Andre Eltern verlieren ihren Sohn draußen im Krieg; ich hab' halt meinen Sohn auf dem Schlachtfeld der elsässischen Ehre verloren.«

Trotzendorff reichte dem Alten die Hand. Und in seinem festen Händedruck war Wärme.

»Gehen Sie ruhig nach Hause, Herr Bieler! Die Sache ist erledigt.«

Die Bürger gingen. Der Hauptmann blieb noch einen Augenblick, um unter vier Augen eine kurze, aber eindrucksvolle Ansprache des Oberstleutnants in Empfang zu nehmen.

* * * * *

Dem Weihnachtsfeste fliegen Engel der Liebe voraus. Es sind die Engel der Überraschungen, des liebevollen Versteckspiels. Wochen hindurch ist manche Seele auf Heimlichkeiten bedacht. Schon in den langen Spätherbstabenden sitzen Mütter oder Töchter mit der unendlichen Geduld der Frauen über irgendeiner Arbeit und sticken, stricken, nähen oder malen, um zum Feste der Liebe mit einem erfreuenden Geschenk unter den Weihnachtsbaum zu treten. Nur die Absicht des Freudemachens ist mit solchen heimlich vorbereiteten Gaben verbunden. Und so ist um die nahende Wintersonnenwende viel Herzlichkeit in der Lufthülle des Erdballs wirksam.