Part 10
An jenem Tage, als Arnold und der Winzer bei Trotzendorff ihre Sache verfochten, saßen Madam Bieler und ihre Tochter Jacqueline vor einem Korb mit Stoffresten, deren farbige Fülle sich um die beiden Straßburgerinnen ausbreitete.
Langhin auf dem Stubenboden lag eine Fahnenstange. Das große Tuch war jedoch losgeschnitten; es waren die elsässischen Farben Weiß und Rot. Die Damen wühlten in ihren Vorräten, maßen und verglichen, ob sich nicht zu den beiden Farben ein gleich großes Stück Tuch finden möchte. Auch dies war eine geheimnisvolle Arbeit. Doch es sollte keine Weihnachtsüberraschung werden. Sie suchten die Farbe Blau.
Diese Suche war gar nicht so leicht. Die meisten blauen Stoffreste waren zu klein; oder der Stoff war Seide und paßte nicht zu dem übrigen Tuch. Die Damen parlierten halb elsässisch, halb französisch. Jacqueline, eine schlanke Brünette, saß zu den Füßen ihrer Mutter, die mit der Brille auf der Nasenspitze matronenhaft im Lehnstuhl thronte.
Endlich kam die Tochter auf den Einfall, sie wolle einmal zu den Schwestern Ehrmann in den Oberstock hinauflaufen und sich nach Stoff erkundigen. Aber die Mutter hatte Bedenken. Wenn nun die zwei Mamselle Ehrmann fragen würden, was sie mit dem Tuch anfangen wolle, was sollte man denn da antworten?
»=Tu sais, maman=,« erwiderte die Tochter, »ich saa, mr welle e =comédie= mache, e Theaterstückel.«
Und schon war sie aufgestanden; die Mutter solle sie nur machen lassen. Und mit der niedlichen Lüge auf der Lippe verschwand die Holde nach oben.
Erwins Schwestern lebten im Oberstock des Hauses Bieler ihr stilles Dasein allbeliebt dahin. Henriette war als Lehrerin tätig und brachte das nötige Geld in den Haushalt, den Dorothee leitete. Außer ihrem Nachbarn, dem Kunstmaler Kaspar Speckel, sahen sie wenig Menschen in ihrer hohen und heimeligen Wohnung mit den vielen Bildnissen an den Wänden und den noch zahlreicheren Nippsachen auf den Altväter-Möbeln. Ein Papagei und ein Kater gehörten zum Haushalt. Manchmal kamen Kinder, lärmten ein bißchen und verschwanden wieder; manchmal auch gab es einen Altjungferntee, soweit der entbehrungsreiche Krieg solche Ausschreitungen gestattete. Sie lasen einander vor; sie spielten auch gern auf einem betagten Tafelklavier. Es war eine behagliche Stille in diesem Heim, an dem Krieg und Kriegsgeschrei fernab am Horizont vorüberzogen.
Die hochnäsige Jacqueline kam eigentlich nur dann zu ihres Vaters Mietern herauf, wenn sie etwas brauchte. Und so betrat sie auch heute nach kurzem festem Anpochen ohne viel Umstände das Stübchen der alternden Jungfrauen.
Allein sie traf es recht ungeschickt. Der Maler und Junggesell stand mitten im Zimmer, Palette und Pinsel in der Hand, in seinem beschmierten langen Graukittel. Er war auf einen Augenblick herüberspaziert und erzählte grade mit dem ihm eignen erzschalkhaften Gesichtsausdruck der Jungfer Dorothee eine Schnurre. Mitten im Wort brach er ab, verbeugte sich mit komischer Übertreibung vor Jacqueline und trat einen Schritt zurück. Aber er machte keinerlei Miene, in sein Atelier zurückzukehren. Des Hausherrn Töchterchen mit ihren zwanzig flotten Jahren war sonst nicht auf den Mund gefallen; diesmal aber verhaperte sie sich unter den Blicken dieses unausstehlichen Kasperle, wie sie ihn zu nennen pflegte, so sehr, daß sie ihre Bitte kaum zu stammeln vermochte. Und bei der harmlosen Frage Dorothees, wozu sie das Tuch brauche, verwirrte sich das Räderwerk ihres Sprachvermögens erst recht. Kasperle legte tiefsinnig die Hand an den ergrauenden Spitzbart und meinte, wenn Mamsell Jacqueline etwa ein altes Hemd opfern wolle, so würde es seinem Pinsel eine Freude sein, mit Preußischblau darüberzustreichen -- aber da war Jacqueline auch schon verschwunden und hatte die kleine Tür kräftig hinter sich zugeschmettert.
Zornig kam sie wieder zu ihrer Mutter hinunter.
»=Maman=, do hilft halt nix, jetzt mueß doch min Unterrock dran!«
Sie erzählte kurz ihr Mißgeschick und hatte schon die Schere in der Hand. Ein hübscher blauer Unterrock wurde der Länge nach aufgeschnitten, und nun wurde geprobt. Die schwere, stattliche Frau Bieler erhob sich, spannte das blaue Tuch mit ausgebreiteten Händen vor sich hin, und Jacqueline hielt die bereits fertigen Fahnenstücke Weiß und Rot darunter. Das schönste Blau-Weiß-Rot leuchtete als ein hocherfreuliches Ergebnis in die Straßburger Stube.
Aber das Mißgeschick des Tages war noch nicht voll. Die Damen waren so sehr in ihre Arbeit vertieft, daß sie das leise Klopfen ihres ewig unbelehrbaren Mädchens vom Lande überhörten. Sofort ging auch schon die Türe auf -- und plötzlich stand, ohne weiteres vom Dienstmädchen freundlich hereingeschoben, Fanny Bieler in der Stube.
Die beleibte Matrone, die mit ihrer Brille grade noch über das blaue Tuch hinübergucken konnte, war so erstarrt, daß sie noch ein Weilchen in ihrer Stellung verharrte. Jacqueline merkte in ihrem Eifer erst überhaupt nicht, daß sie Zuschauer hatte, sondern hielt von unten her Weiß und Rot ebenso beharrlich fest und rief einmal über das andere entzückt: »G'fitzt! 's isch g'fitzt! =Maman, ça y est!=«
Gustavs Braut durchschaute sofort den Hergang. Und in ihr Herz rann ein eisiger Strom. Sie erbleichte und stand wortlos. Dann gab es ein bestürztes Aufspringen der Tochter, dem eine übertrieben-freundliche Begrüßung folgte. Auch die Mutter ließ die Arme sinken, nahm die Hornbrille ab und gab Fanny die Hand. Danach packte sie schleunigst ein, während Jacqueline ablenkend sehr eifrig mit der Cousine plauderte, und gab der Magd Befehl, die Fahnenstange hinzubringen, wohin sie gehöre; worauf es in der Küche noch ein besonderes Donnerwetter setzte, des Inhalts: sie, das Käthel von Grafenstaden, sei nicht nur die uneinsdümmste, sondern die allerdümmste in Gottes Gänsestall.
Es kam keine rechte Unterhaltung zwischen den drei Damen in Fluß. Madam Bieler hatte gönnerhaft recht viel zu fragen; und fast alle Fragen enthielten eine kleine Spitze. Zögernd gab Fanny über die Ladung in das Gouvernement und die Begleitumstände Auskunft; Mutter und Tochter warfen sich Blicke zu. Dann wurde Tee gereicht. Fanny hatte die Empfindung, daß sie unter verlarvten Feinden sei, nicht unter Verwandten. Und als sie endlich, endlich den Vater die Treppe heraufhusten hörte, sprang sie ihm entgegen:
»Wie steht's?« Er gab beruhigende Antwort. Das gefolterte Mädchen atmete tief auf. Und nun war sie nicht mehr zu halten. Sie hatte Einkäufe zu besorgen, verabschiedete sich von den Damen und lief noch einige Augenblicke zur Jungfer Immergrün hinauf, wie sie Erwins Lieblingsschwester zu necken pflegte.
Da oben war mehr Wärme. Da gab's ein herzhaft Händeschütteln, die üblichen Wangenküsse und ein schnelles, gedrängtes, überfließendes Erzählen von Erwin und von Gustav.
Und wie unser Dasein oft mit allerliebsten Neckereien durchflochten ist, so geschah es auch hier. Fanny hatte gleichfalls ein Anliegen, das Jacquelines Bitte überraschend ähnlich sah.
»Ihr habt doch einmal mit Erwin ein so hübsches Weihnachtsspiel aufgeführt. Sag', Dorothee, habt ihr vielleicht noch die Kostüme? Ich brauche nämlich ein weißes oder blaues Frauengewand. Pfarrer Redslob, unser ehemaliger geistlicher Inspektor im Städtchen, feiert nächste Woche seinen achtzigsten Geburtstag und zugleich seine goldene Hochzeit. Du weißt, es sind so liebe, alte Leute. Da stellt man ihnen lebende Bilder. Und ich habe -- es ist eine kleine geladene Gesellschaft -- eine besondere Überraschung vor. Alles ganz ernst und still, wie es ja in dieser Zeit selbstverständlich ist.«
Und voll Feuer plauderte sie weiter, daß sie unter Onkel Arnolds Papieren einige »Gespräche« gefunden habe; darunter eine reizende Unterhaltung zwischen jenem Ritter, den man den »armen Heinrich« zu nennen pflegt, und dem Mädchen, das sich für ihn opfern will. Das wolle sie mit Gustav aufführen und Onkel Arnold ebenso damit überraschen wie die anderen Gäste des kleinen Kreises.
Dorothee erzählte lachend den mißglückten Versuch Jacquelines, in den Besitz eines blauen Tuches zu kommen. »Weiß der Kuckuck, wozu sie's braucht!« Fanny wußte Bescheid und fand ihre Heiterkeit wieder, als sie Speckels Vorschlag vernahm. Dann aber holte Dorothee in der Tat ein feines blaues Gewebe hervor, das sie der jungen Freundin anvertraute.
Und mit ihrem Paket lief die Kleine unter dem großen Hut in die nebligen Gassen hinaus und war heilfroh, das Haus ihrer Verwandten hinter sich und das blaue Tuch sicher im Arm zu haben.
Papa Bieler hatte das alte Bürgerhaus nur höchst ungern betreten; das Lützelbronner Gespräch mit dem Straßburger wirkte noch unangenehm in ihm nach. Aber es war ein Geschäft zum Abschluß zu bringen; sein Bruder war ihm noch Geld schuldig. Er traf im Kontor einen gutgelaunten Handlungsreisenden, der sich als Vertreter von Weil, Blum & Co. vorstellte, witzig bemerkend, seine Firma sei leicht zu behalten, man brauche nur an Blumenkohl zu denken. Und in der üblichen Straßburger Mundart, die er mit französischen Brocken spickte, fuhr dieser rundliche Blumenkohl fort, seine Späßchen zu machen, wobei er mit zwinkernden Augen den Winzer zu föppeln begann, was er denn wohl anfange, wenn man den Liter Rotwein demnächst für zehn Sous trinken werde?
Bieler antwortete erst ziemlich unbeholfen, er werde sich ohnedies bald vom Geschäft zurückziehen, und steckte seine Banknoten ein. Als aber Weil, Blum & Co. nicht abließ, wurde der alte Mann bissig. Er habe, sprach er, vorhin in der Münstergasse einen Bekannten aus dem Württembergischen getroffen, der habe ihm erzählt, daß aus seinem Städtchen von sechshundert jüdischen Wehrpflichtigen zwei Mann umgekommen seien: der eine durch Krankheit, der andre durch einen Sturz aus dem Wagen. Aber im Nachbarstädtchen seien von siebenhundertundfünfzig christlichen Wehrpflichtigen hundertundzwanzig den Heldentod gestorben, ohne die Vermißten. »Wie kommt das, he?« schloß er ingrimmig.
Der Geschäftsreisende war beleidigt, aber nicht aus der Fassung gebracht; er blinzelte ihn an, steckte beide Hände in die Hosentaschen und antwortete ganz einfach und unverfroren: »Warum sin se so dumm?«
Und Bielers Bruder nickte kühl: »Sich für die Schwowe totschießen zu lassen!«
Der ehrliche Winzer schaute hilflos von einem zum andern. Dann nahm er ohne weitere Gegenrede seinen Hut: »=Bonjour=, ihr Herren«, und entfernte sich.
Im Treppenhause erhielt der in sich versunkene, mißmutige Alte zunächst einen tüchtigen Stoß auf die Magengegend. 's Käthel von Grafenstaden kämpfte mit der Fahnenstange herum. Was sie denn vorhabe, fragte Bieler verdrießlich, es sei ja gar keine Fahne dran. Das schon, meinte Käthel, die recht gekränkt und ärgerlich aussah, aber man sei doch nicht so »taub«, wie d' Madam immer sage, man wisse ganz genau, daß die Herrschaften eine französische Fahne machen und daß d' Mamsell einen schönen blauen Unterrock dazu zerschnitten habe ...
»So, so, so«, summte der Weinsticher nachdenklich vor sich hin, als er seiner Wege ging. Und er bewunderte nicht wenig die Opferfreudigkeit seiner Nichte Jacqueline.
* * * * *
Im Oberstock eines Kaffeehauses am Broglieplatze saßen sie abends beisammen, die Mitglieder der Gesellschaft für elsässisch-deutsche Kultur. Professoren, Pfarrer und Lehrer, Beamte, Buchhändler und Kaufleute -- jeder Stand war vertreten. Mit Altelsässern plauderten Altdeutsche, Eingewanderte mit Eingesessenen, alle in den Rauch ihrer Zigarren und ihrer gemeinsamen Sorgen eingehüllt, lebhaft der Erörterung hingegeben über den peinlichen Notenwechsel zwischen bittender deutscher Regierung und befehlendem amerikanischem Präsidenten.
Alle diese Elsässer erwarteten irgend eine unbestimmte Hilfe, ein befreiendes Wort, einen Eingriff der göttlichen Macht ...
Soll unser Elsaß Spielball sein zwischen zwei Nationen? Hat man uns nicht Autonomie versprochen? Darf man über uns verhandeln, ohne uns zu fragen? Das Unrecht von 1870 soll wieder gutgemacht werden? Welches Unrecht? Daß Deutschland in ehrlichem Krieg deutsches Land zurückerobert hat? Und das Unrecht von 1681? Hat nicht Ludwig der Vierzehnte in jener Septembernacht des Jahres 1681 die freie Reichsstadt Straßburg mitten im Frieden überfallen und geraubt? Weiß das Präsident Wilson nicht? Himmel, und wie hat Deutschland am Lande gearbeitet in diesen vier Jahrzehnten! Wie ist Straßburg mit seinem Rheinhafen und seiner Universität eine blühende deutsche Stadt geworden! Weiß das Wilson nicht? Wir müssen ein Telegramm an Wilson senden. Wir wollen Autonomie, wir wollen Volksabstimmung. Wir müssen hier in Straßburg eine große Volksversammlung einberufen. Schwander ist Statthalter, wir haben eine freisinnige Regierung, man kann sich nun regen und offen reden -- los! ...
So schwirrten die Gespräche und verdichteten sich zu einer allgemeinen Erwartung.
Der Vorsitzende, ein vollbärtiger, schmaler, mittelgroßer Professor mit einer kahlen Denkerstirne, klopfte ans Glas. Und er sprach. Er sprach klug und gehaltvoll; er sprach scharfsinnig. So hatte er oft gesprochen; er war ein ausgezeichneter Theoretiker; aber er war keine aufrüttelnde, ansteckende oder mitreißende Kraft. Warm und schön, mit wohltuender Ruhe, sprach auch ein altelsässischer katholischer Universitätsprofessor, ein temperamentvoller Arzt, ein Gymnasiallehrer. Und alle Reden gipfelten in dem Wunsche, man möge, nach dem Vorbilde der Reichsregierung, Telegramm und Sendschreiben an den Präsidenten Wilson richten, daß Elsaß ein deutsches Land sei und ein deutsches Land bleiben wolle.
Arnold saß bei einem seiner Freunde, dem blondbärtigen Pfarrer des Diakonissenhauses, paffte Rauchkringel in die Luft und schwieg. Die Augen halb geschlossen, schaute er in die Vielzahl dieser durch Hunger und Sorgen abgemagerten Gesichter und sah sie von unzähligen fließenden und immer wechselnden Rauchschlangen umringelt, die sich mit höhnischen Fratzen über die aussichtslose Erörterung lustig machten. Die Straßburger Luft war voll von bösen Dämonen; die Geister der Revolutionszeit hatten Erlaubnis erhalten, sich ein Weilchen wieder auf der Erde umzutreiben. Hatte nicht diesem Hause gegenüber, beim Bürgermeister Dietrich, einst Rouget de l'Isle die Marseillaise gesungen? Und wenige Häuser weiter, in der Blauwolkengasse, hatten St. Just und Eulogius Schneider gehaust; und nicht weit war es zum Kleberplatz, wo einst die fahrbare Guillotine am Ostersonntag 1793 erste Blutarbeit getan hatte.
Die Dämonen von damals huschten schon lange wieder durch Straßburgs Gassen und Schenken, tuschelten, zischten, reizten den Pöbel unten und oben, die Stunde begierig erwartend, wo sie herausbrechen könnten ...
Das sah Arnold. Und es schien ihm nicht der Mühe wert, seinen Briefentwurf herauszuziehen und vorzulesen. Die gute deutsche Sache war verloren.
Plötzlich aber erscholl sein Name. Er erwachte, sah sich um und bemerkte viele Blicke auf sich gerichtet; und der Vorsitzende bat ihn, seinen Offenen Brief an Wilson vorzulesen.
Arnold erhob sich langsam. Und er sprach zu seinen aufmerksam horchenden Freunden:
»Wagen Sie denn immer noch an Gerechtigkeit und an Autonomie oder dergleichen zu glauben, meine Herren? Hoffen Sie noch immer auf einen Rechtsfrieden? Sehen noch immer nicht, daß diese Phrasen im Munde der Feinde nur Machtmittel sind, um uns und die Neutralen irre zu führen? England will uns niederknütteln -- und weiter nichts; Frankreich will Elsaß-Lothringen, vielleicht das ganze linke Rheinufer, und will sich weiden an einem zusammengebrochenen Deutschland -- und weiter nichts. Völkerbund? Nein, nein. Das sagen sie nur, aber das wollen sie nicht ... Weshalb aber gelingt ihnen diese unerhörte Vergewaltigung? Sie, meine Herren, sagen gewiß: weil sie mehr Kapital, Menschen, Munitionsmassen haben. Ich sage: weil sie mehr ~Leidenschaft~ haben. Ja, diese Völker haben mehr Leidenschaft, wenn auch in Formen des Hasses. Sie sind zäher Willen, gefühlbelebter Willen. Wir aber, wir Deutschen? Wir tragen das Malzeichen des Verstandes. Der verbürgt zwar Ordnung und Methode, aber er verbürgt keine schöpferische Kraft und Beharrlichkeit. Die Leute da drüben hinter den Bergen wollten etwas mit der zähen Leidenschaft eines Liebenden. Hat man sich in Altdeutschland mit ähnlicher Liebesleidenschaft um uns Elsässer gerissen? Selbst die nichtswürdigen Tschechen und Slowaken setzen nun ihren Staat durch, weil sie's mit Gefühl und Leidenschaft wollen. Was wollen wir? Wo ist unser Ideal? Uns behaupten? Das ist nur negativ, ist selbstverständlich, aber kein Ideal.«
Es ging eine unbehagliche Bewegung durch die Köpfe, die in den Rauch eingezeichnet waren. Eine solche Rede hatte man nicht erwartet. Das schmeckte nach Bußpredigt. Dieser Träumer von Lützelbronn! Da sang er also glücklich wieder sein Liedlein vom vergessenen deutschen Idealismus!
»Nennen Sie mich keinen Unheilsraben,« fuhr Arnold fort, »aber machen Sie sich bereit auf die Wanderung durch die Wüste! Deutschland muß jetzt durch die Wüste wandern, um nach Kanaan zu kommen. Es ist der alte Mysterienweg. Sie mögen sagen: das spricht ein Ästhet oder Ethiker, aber kein Politiker. Nun, ich breche auch ab. Meinen Brief an Wilson will ich Ihnen aber doch wenigstens vorlesen, wenn auch mit dickem Blaustift ein ›Zu spät‹ quer darüber geschrieben ist.«
Er las:
~Offener Brief an den Präsidenten Wilson~
Herr Präsident! Hinter uns stehen Tausende von freien elsässischen Männern und Frauen, die genau so denken wie wir.
Seit fast fünfzig Jahren sind wir staatlich wieder deutsch, wir Elsaß-Lothringer. Wir waren nach Art und Sprache deutsch, solange es eine deutsche Geschichte gibt: seit dem Niedergang des Römerreiches, seitdem der germanische Stamm der Alemannen und der germanische Stamm der Franken das Land am Oberrhein besiedelt haben. Also seit anderthalb Jahrtausenden! Die Sprache unseres Landes ist zu neun Zehnteln deutsch; die Namen unserer Dörfer und Städte, unserer Fluren und Flüsse, unserer Burgen und Berge sind deutsch. Es ist eine Fälschung zu sagen, daß wir ›geraubte französische Provinzen‹ seien. Das Umgekehrte ist der Fall! Wir sind deutsches Land, einst in den Reunions- und Revolutionskriegen von Frankreich dem Deutschen Reiche geraubt, dann von Deutschland im offenen Kriege des Jahres 1870 zurückerobert. Wir Elsaß-Lothringer sind also durch den Frankfurter Friedensvertrag vom 10. Mai 1871 zum deutschen Mutterlande zurückgekehrt. Das ist der Tatbestand.
Und nun wollen die Völker der Entente, nun wollen Sie, Herr Präsident, ein deutsches Land gewaltsam wieder französisch machen? Nun wollen Sie den künftigen Völkerbund mit einem Bruch des Frankfurter Friedensvertrages beginnen?
Wir Elsaß-Lothringer empfinden das nicht als Befreiung, sondern als Vergewaltigung.
Und wir protestieren dagegen im Namen der Wahrheit und der Gerechtigkeit.
Sie hatten, Herr Präsident, eine wahrhaft erhabene Sendung. Sie hatten die Aufgabe, den Völkern Europas den Frieden zu bringen. Sie haben es vorgezogen, den Feinden Deutschlands Munition zuzuführen; aber die Zufuhr von Lebensmitteln an deutsche Frauen und Kinder haben Sie nicht durchzusetzen für nötig gehalten. Eine bleiche Parade hungernder und durch Unterernährung dahingeschiedener Gestalten zieht anklagend an Ihrem Weißen Hause vorüber. Und um Deutschland vollends zu brechen, griffen Sie an der Seite unserer Feinde in den Kampf ein. Sie sind es, dem Deutschland neben innerer Zersetzung nunmehr den Zusammenbruch verdankt.
Und mit diesem Zusammenbruch unseres deutschen Vaterlandes brechen auch wir Elsaß-Lothringer zusammen. Wir sollen nun wieder hinübergeschleudert werden zu Frankreich. Wir protestieren. Wir wollen uns durch Schweigen nicht mitschuldig machen an diesem ungeheuerlichen Verbrechen. Wir halten treu zu unsrem deutschen Vaterlande. Und wir schreiben diesen Brief nicht aus irgendwelchem Haß gegen irgendwelche Nachbaren, mit denen wir vielmehr im Frieden zu leben wünschen, sondern nur im Interesse der Menschlichkeit und der Wahrheit.
Allgemeiner Beifall umwogte diesen Brief. Man trank dem Verfasser zu, man schüttelte ihm die Hände. Und sofort setzte die Erörterung ein. Es wurde vorgeschlagen, den Brief ins Englische zu übersetzen und in Tausenden von Flugblättern über den englisch-amerikanischen Truppen durch Flieger abwerfen zu lassen. Die Einberufung einer Volksversammlung in das Sängerhaus ward beschlossen; man müsse von Wilson Volksabstimmung verlangen. Der Abschnitt, der des Präsidenten unfreundliche Stellungnahme angriff, die Hungerparade, wurde beanstandet; denn dergleichen könnte verletzen. Andere jedoch riefen: »Sagt's ihm nur, denn es ist die Wahrheit!« Und so bekundete sich an diesem bewegten Abend viel guter Wille dieser treuen Söhne ihrer elsässischen Heimat und ihres deutschen Vaterlandes.
Doch die Dämonen kicherten: Zu spät! Und Arnold schied aus dem Rauch in den Nebel hinaus mit dem schmerzlichen Gefühl: die Sache der Deutsch-Elsässer ist verloren.
»Eine Handvoll Französlinge hat mit Hilfe der feindlichen Truppenmassen dieses kerndeutsche Land vergewaltigt«, schloß er ein Gespräch mit einem befreundeten Bibliothekar, der ihn nach dem Gasthofe begleitete. »Die Lüge herrscht in der Welt wie nie zuvor. Und das Gemeine lauert auch hierzulande auf den Augenblick, wo es deutsche Ordnung wie einen lästigen Tornister abwerfen und sich nach all der Kriegsspannung schamlos austoben kann. Ich spüre das. Gute Nacht, lieber Freund! Ich sah im Geiste die entflohenen elsässischen Landesverräter im Schutze französischer Soldaten wieder einmarschieren und mit einer schwarzen Liste von Haus zu Haus ziehen, ihr Werk fortsetzend: den Verrat. Halten Sie Ihr Bündel geschnürt! Wenn der Franzos einrückt, werden Ihnen die Straßburger Wackes die Fenster einwerfen!«
»Und Sie?« fragte der andre.
»Je nun, ich! Mit dem Elsaß hab' ich abgeschlossen. Ich ziehe aus und suche. Ich suche ein Deutschland, das durch den Schmerz reif wird, das an der Stirne das Malzeichen der Gottheit trägt, das sich um den Altar der Seele versammelt, wo ein Gott der Weisheit und der Liebe verehrt wird: -- ein Deutschland also, das es noch nicht gibt, an dem wir aber vielleicht bauen dürfen.«
* * * * *
»Bist du's?«
Eine weibliche Stimme flüsterte es, als Arnold oben im Gasthof seine Zimmertüre aufschloß. Und Fanny schlüpfte aus der Türe gegenüber und huschte zu ihm herein. Es war spät. Sie hatte auf ihn gewartet.
»Ich muß dir doch noch schnell Gutenacht sagen, ich hätte ja sonst gar nicht schlafen können«, sagte sie hastig und halblaut, um die Nachbarschaft nicht zu stören. »Ich hab' heute gleich ein Telegramm an Gustav geschickt. Ach, ich bin ja so froh, so froh, daß alles gut gegangen ist!«
Eine warme Welle überrieselte den Mann, der vor ihr stand und aus dem schweren Pelzmantel lächelnd auf das leichte anmutige Wesen herabsah. Starr erschien ihm die Pflichtwelt eines Trotzendorff, schattenhaft die fruchtlosen Pläne seiner politischen Freunde -- doch siehe, hier war ein lebenatmendes, der Herzensleidenschaft fähiges und nur vom Herzen aus die Welt erfassendes reines Geschöpf, das ihn kindlich lieb hatte!
»Aber, Kleine, noch auf? Schnell, schnell zu Bett! Wir wollen ja morgen ganz früh abfahren! Gutenacht, mein Seelchen!«
Zwei Wangenküsse nach gewohnter Art, eine herzliche Umarmung -- und schon verschwand sie wieder lautlos, schalkhaft noch durch ihre Türspalte den Finger an den Mund legend:
»Gute Nacht!«
Neuntes Kapitel
Aus Speckels Tagebuch
Ich frage nie beim goldnen Weine, Warum im Glas die Perle glimmt: Sei er vom Rhodan oder Rheine, Genug, wenn er mich höher stimmt!
~Ludwig Spach~
Es ist der Entente gleichgültig und der deutschen Diplomatie unbekannt, daß mein Atelier einerseits auf einen Hof geht und andrerseits auf das Straßburger Münster schaut. Dort ist's eng, hier ist's groß; dort haust der Philister, hier das Genie.