Part 16
Fanny stand im letzten goldbronzenen Winterlicht, das sich bereits mit dem Schimmer des Mondes mischte, am Fenster und hatte das Paket auszupacken begonnen, wobei sie gerade eine fast armslange, schneeweiße Gipsfigur betrachtend in die Höhe hob. Diese Figur war eine überaus schlanke Frauengestalt mit entzückenden Biegungen des hohen Leibes und nicht minder bewundernswertem Faltenfluß des Gewandes; der Stab in ihrer Rechten war zerbrochen, der gesenkte Kopf trug eine feine Binde über den Augen, und in der lang und matt herunterhängenden Linken war eine Schriftrolle. Die ganze Figur atmete Trauer.
»Was hast du denn da?«
»Das schickt dir Lisy«, erwiderte die Elsässerin.
Mit einem leisen Ausruf des Entzückens erkannte er jetzt die Gestalt.
»Wie lange schon habe ich mir diese beiden Figuren gewünscht! Die gute Lisy! Es ist wohl auch die zweite dabei?«
Fanny stand schon über das Paket gebeugt und entnahm der Holzwolle auch die zweite Statuette.
Diese Gestalt trug eine Krone auf dem Haupt, einen unzerbrochenen Stab mit dem Kreuz in der Rechten, in der Linken aber einen Kelch; sie wirkte weniger schlank als die biegsam-anmutige andere, dafür aber priesterlich und königlich: ein breiter Mantel wallte von den Schultern. Freundlich und tröstend schaute diese Siegerin hinüber zu der Verblendeten und Besiegten.
Es war ein Gipsabdruck jener beiden bewundernswerten Standbilder, die am Seitenportal des Straßburger Münsters jeden Besucher entzücken. Die sieghafte Gestalt mit Kreuzesfahne und Gralskelch pflegt man als die christliche Kirche zu bezeichnen, die andre als die Synagoge. Aber für Arnold erhob sich aus den weißleuchtenden Figuren, die fortan seinen Schreibtisch zieren sollten, eine andre Symbolik.
»Das zerbrochene, blinde, schmerzvolle Elsaß!« rief er aus und hob die Trauergestalt mit beiden Händen ins Licht empor. »Nein, mehr noch: die ganze unerlöste Seele der Menschheit überhaupt, die sich noch nicht durchgerungen hat zur Liebe! Sieh, Fanny, und hier das Kreuz der opfermütigen Liebe und der Gralskelch der Weisheit, aus dem der Gottsucher Mut des reinen Lebens trinkt! O wie sinnig von Lisy, wie schön, wie schön, mir dies als letzten Gruß aus dem Elsaß nachzusenden! Die treue Seele!«
Auch Fanny hatte Gutes erhalten: feinste, weiche Wolle und mehrere Tafeln ihrer Lieblingsschokolade, die sie schon so lange vermißt hatte, nebst andren angenehmen Kleinigkeiten des Haushaltes.
Dann übergab sie ihm mit ernstem Gesicht Lisys Brief.
Er las:
Meine liebe, liebe Fanny!
Durch einen braven Menschen, den ich kürzlich im Lazarett kennen gelernt habe, erhältst du diesen Gruß aus dem nun so ganz andren Elsaß. Stell' die Figuren auf den Schreibtisch meines lieben Vetters und eigne dir selbst das übrige an. Was soll ich euch schreiben? Wenn ich's nicht erlebt hätte, ich hätt's nie geglaubt, daß so viel Haß und Gemeinheit in unseren Leuten steckt. Einige Tage war ich im oberen Elsaß. Dort predigte ein evangelischer -- merk' wohl, kein katholischer -- Geistlicher, daß wir achtundvierzig Jahre Knechtschaft hinter uns hätten; ein andrer stellte in seiner Predigt Betrachtungen über Blau-Weiß-Rot an: daß man lange sehnsüchtig gewartet, ob sich das Blau des Himmels und der Hoffnung oder das Schwarz der Trauer mit dem Weiß-Rot der Elsässer verbinden würde. Im Gotteshause hing die Trikolore! Kindern hat man Naschereien gegeben, damit sie ja recht mit Straßenschmutz auf die ausgetriebenen Altdeutschen werfen. Der einziehende französische General hat in seiner öffentlichen Rede wohl fünfmal das Wort ›Boche‹ benutzt. So unritterlich ist diese einst ritterliche Nation geworden. Aber das Schändlichste hab' ich in Straßburg erlebt. Denk' dir nur, sie haben das Standbild des alten Kaisers Wilhelm in Stücke geschlagen! Und mich mußte mein Schicksal grade am Platz in später Stunde vorüberführen -- ach, Fanny, um wen und was wohl zu sehen und zu hören? Daß dein eben aus Frankreich mit den ersten Truppen eingezogener Bruder bei den Cercleleuten war, die das getan haben! Ich hab' ihm zugerufen, aber sie haben mich nicht beachtet. Mein Herz hat Tränen geweint, und ich hab' kaum noch den Weg in meine Finkweilerecke gefunden. Ich bin noch schwach von der Grippe. Alice, die treue Freundin, hat mich gepflegt. Ihr Vater ist interniert, Gott mag wissen, warum! Sobald es angeht, wandern auch sie über den Rhein. Mich zwingt es innerlich, hier zu bleiben und zu sehen, wie weit ich meiner unglücklichen und verblendeten Heimat dienen kann. Aber für Vetter Arnold ist hier allerdings keine Luft mehr. Gott behüt' euch! Bleibt mir gut, wie euch immerdar aus tiefstem Herzen lieb behält
eure ~Lisy~. Arnold hatte gelesen.
Fanny stand derweil am Fenster zwischen den beiden weißen Figuren und hatte die Stirn an die Scheibe gedrückt.
Jetzt wandte sie sich um.
Sie schauten sich voll ins Gesicht.
»Onkel Arnold,« sprach sie mit der so oft aus ihr herausbrechenden offenen, tiefernsten Wahrhaftigkeit, »kannst du dir vorstellen, daß ich meinem Bruder den Haushalt führe? Kannst du dir vorstellen, daß ich in ein solches Elsaß zurückkehre und dich allein lasse?«
Er faßte aufleuchtend ihre beiden Hände.
»Fanny! Liebste Fanny!«
»Du kennst mich genug«, fuhr sie fort. »Du weißt, daß ich wohl immer Liebe gesucht, niemals Liebesgeschichten. Und du wirst mir die Kraft zutrauen, daß ich auch unvermählt bei dir bleiben kann -- als deine Tochter und Pflegerin und, wenn's gelingt, vielleicht ein wenig Mitarbeiterin. Traust du mir das zu?«
»Aber Erwin -- und wer sonst etwa Anspruch auf dich erheben könnte von all den tüchtigen jungen Männern in Deutschland, die sich jetzt nach Weib und Heim sehnen?«
»Erwin wird seine Hertha finden. Und die andern jungen Männer finden Mädchen genug. Aber du bist einsam. Du schließest dich viel zu schwer an jemand an. Doch falls du mich brauchen könntest -- -- Vater, ich habe keine Heimat mehr als dich. Behalt mich bei dir!«
Die letzten Worte klangen so innig, daß er sich zu dem unaussprechlich hold vor ihm stehenden Mädchen hinabneigte und nach alter zarter Weise ihren Mund küßte. Er konnte kaum seine Tränen zurückhalten, als er in das blasse, bittende Gesichtchen sah. Sie hatte ihn zum ersten Male Vater genannt.
»Wir wollen einander Heimat sein, liebes Kind«, sagte er leise.
Dann nahm er die weiße Trauerfigur vom Fensterbrett, Fanny die sieghafte andre -- und so gingen sie miteinander hinüber zur Gesellschaft.
* * * * *
Die seelisch verarmte und viel umhergetriebene moderne Menschheit sucht lange schon nach einer edlen Lebensgemeinschaft. Aber es blieb vor dem Kriege meist bei pflichtmäßigen Abfütterungen oder bei dem üblichen Vereinswesen. Dazwischen sammelten sich da und dort stille Inseln, heilige Haine, wo sich beseelte Menschen in festlichen Zwiesprachen miteinander austauschten.
Erst der Weltkrieg führte die Herzen näher zusammen.
Man hatte auch im Hause Lobsann jene schöne Form der Geselligkeit gewählt, wo nicht mehr Mahlzeit und Rangordnung, sondern die zwanglose Aussprache die Hauptsache war. Es wurde Wein nebst Zigarren für die Herren, Tee und Gebäck für die Frauen herumgereicht; und es fehlte nicht an ehrlich bewunderten belegten Brötchen. Aber zumeist erfreute das herzlich belebte, geistig hochgestimmte, künstlerisch verschönte Gespräch.
Ein dem Hause befreundeter Dichter trug nach ungezwungenen Einleitungsworten etliche Verse vor. Dann sang Frau Lobsann deren Vertonung, wobei der Musikdirektor begleitete. Leicht knüpfte sich eine Unterhaltung darüber an, inwiefern der Tonkünstler dem Dichter gerecht worden war oder aus Eigenem Stimmungen hineingetragen hatte. Weitere Lieder folgten, Präludien von Bach, Tonstücke von Liszt, Schubert und Schumann flochten sich ein. Sowohl Fanny als auch Ingo und Arnold hielten heute ihr laienhaftes Temperament zurück und spielten nicht; der Gatte der Künstlerin und der Musikdirektor, ein ausgezeichneter Lisztkenner, widmeten sich dem Klavier.
Fanny war in so großem und neuem Kreise zunächst scheu. Als sie mit ihrem väterlichen Freunde eintrat, knüpfte das Gespräch naturgemäß an die eigenartigen Statuetten an. Da erst entdeckte Arnold auf dem Rücken der beiden Bilder eingegrabene Worte. Auf der Siegergestalt las er den Satz: »Mit Jesusblut überwind' ich dich«; und zwischen den schmalen Schultern der abgewandten Trauernden fand er die Worte: »Dasselbig Blut erblendet mich«.
Das gab ihm Anlaß, mit unerwartet ausbrechendem Feuer über die Aufgabe der deutschen Zukunft zu sprechen.
»Unsere elsässische Freundin, die dort zurückbleibt, schickt uns da eine großartige Mahnung aus dem Eliland, aus dem nunmehrigen Fremd- und Elend-Land. Wir sollen durch verstärkte Liebe, durch opferfreudige Liebe -- denn das ist Jesu Blut -- dem bisherigen Zeitgeist den Speer zerbrechen, die Augen erblenden und die anklagende Schriftrolle aus der Hand ringen. Der Theosoph würde sagen: wir sollen Luzifer und Ahriman in Christus umwandeln oder Bosheit in Güte. Der Apostel hat es ausgedrückt: Überwindet Böses mit Gutem! Sehen Sie, da hab' ich meine ganze künftige Lebensaufgabe in sichtbaren Zeichen vor mir auf meinem Schreibtisch stehen! Haß wird nicht durch Haß überwunden, nur durch schaffende Liebe!«
Ingo von Stein, der sich nach den Zerrüttungen des Weltkriegs auf verinnerlichte symbolische Lebensbetrachtung freute, ging mit Verständnis auf diese Gedanken ein. Er fühlte sich von den durchgeistigten Zügen des hochgewachsenen Pfarrers und Professors immer wieder angezogen und erzählte ihm von seinen eigenen, durch den Krieg unterbrochenen Arbeits- und Bauplänen.
»Lobsann besitzt hier ein eigenartiges Haus, nicht wahr?« sprach der Spielmann. »Dieser Monumentalbau hat ja da unten geradezu Katakomben. Ich könnte mir ausmalen, daß man hier Grotten und einen Geheimtempel in den Berg hineinbauen und eine auserwählte Geisterschaft zu einem Geheimbund versammeln könnte, etwa wie in Goethes Wanderjahren.«
»Einen Orden der Entsagenden?« bemerkte Arnold lächelnd. »Sehr fein, wenn sie Irdischem entsagen und Höheres gewinnen, also zugleich Schaffende sind.«
Ingo war es auch, der neben Frau Cäcilie und dem gastlichen Hausherrn allvermittelnd und feinfühlig die Verbindung zwischen den einzelnen Gästen herstellte. So schleppte er seinen zugeknöpften, an Vertrutzung leidenden Trotzendorff zu Fanny am Arm heran, damit er -- wie er scherzend bemerkte -- Zeuge werde einer regelrechten Liebeserklärung.
»Verargen Sie mir's nicht, mein gnädiges Fräulein,« sprach er, »ich gestehe hiermit eine alte Schwäche für Elsässerinnen. Einmal bin ich einer Landsmännin von Ihnen bis nach Barcelona in Spanien nachgereist. Und eine meiner Urahnen stammt aus dem oberen Elsaß. Obschon ich sehr, sehr glücklich verheiratet bin, ich kann's nun einmal nicht lassen, mich an jungen Mädchen zu freuen -- nebenbei mit gütiger Erlaubnis meiner ganz von Eifersucht freien Herrin --, so recht zu freuen, wie man sich an schönen Bildern und guter Musik ergötzt. Zu meinen Lieblingsdichtern gehört Herr Walther von der Vogelweide; und ich selber singe gern zur Laute. Gnädiges Fräulein, was will ich mit alledem sagen? Es ist die verblümte Form für eine Einladung nach Haus Stein-Waldeck in Thüringen. Sie wären die erste nicht -- wie meine Ahne Octavie beweist --, die den Weg vom Elsaß nach Thüringen zu rechter Zufriedenheit zurücklegen würde.«
Es war nichts Besonderes, was er sagte; doch spürte man sein Bemühen, der Vereinsamten einige ritterliche, herzlich gemeinte Artigkeiten zu verabreichen.
Allein Frau Lobsann kam dazu und wehrte sich scherzend: »So, so, Sie wollen uns Fanny weglocken? Da wird nichts draus! Wir stehen der Romantik näher als dem Klassizismus, Goethe ausgenommen. Und die Romantik gehört in das blühende Heidelberg, nicht in das dürftige Thüringen.«
Jetzt raffte sich sogar der Preuße Trotzendorff auf, überwand seine wuchtende Sorge und Bitternis und mischte sich in den Wettkampf der Worte und der Herzen.
»Erlauben Sie mir zu sagen, daß Elsaß immer noch Reichsland ist, demnach mehr zu Berlin-Potsdam als zu Heidelberg und Thüringen gehört. Ich spreche also auch meinerseits eine Einladung aus. Deutschland hat zwei Seelen: die eine heißt Weimar, gnädiges Fräulein, da kann Ihnen mein Freund Stein Führer sein, gehen Sie aber weiter nach Potsdam und Sanssouci -- da werden meine Frau und ich Ihnen gern unsre bescheidene Gastlichkeit bieten.«
Arnold saß schweigend daneben. Er rauchte seine Zigarre und dachte manches; aber er sprach es nicht aus; denn das lag hinter ihm. Er dachte: Sieh an, wie man sich da um die elsässische Seele bemüht! O ihr lieben Deutschen, hättet ihr doch das ein wenig früher getan!
Lobsann hatte einige befreundete Professoren eingeladen. Er wollte sachte anpochen und lauschen, ob sein elsässischer Freund sich wieder in den Lehrkörper der Universität einfügen ließe. Doch Arnold winkte ab.
Es gibt vornehme, schicksalbelastete Menschen, zu deren Lebensleid eine feine seelische Einsamkeit gehört; sie sind einmal in entscheidender Stunde zu kurz gekommen, weil der ihnen nötige Vorrat von liebendem Verständnis ausgeblieben; da hat sich etwas in ihnen zugeschlossen. Sie bleiben auf Erden heimatlos; und sie sprechen wenig über ihre himmlische Heimat, weil sie auch über dieses Heiligste nur wieder Mißverständnis und Gleichgültigkeit befürchten müssen.
Arnold war in diesen Zustand eingetreten.
»Wieder Professor?« sprach er mit herb ablehnendem Lächeln. »Nein, Freund, ich bin mit meiner professoralen und pastoralen Weisheit gleichermaßen zu Ende. Es soll übrigens, sagen einige, auch an den deutschen Universitäten Nährboden vorhanden sein für den Bazillus des Neides. Und mir persönlich scheint, daß es just das Professorentum oder der Papier-Verstand ist, was wir überwinden müssen. Deutschland braucht Seele. Sehen Sie, lieber Freund, dort liegen Stöße von schriftstellerischen Arbeiten, die alle aus der Gelehrsamkeit in die Schlichtmenschlichkeit übersetzt sein wollen. Ich gestehe Ihnen, daß ich von dem lauten, würdelosen, meuternden und streikenden Deutschland angewidert bin. Dieses hadernde Volk ist auch geistig keine Einheit mehr. Alles haben sie in Geschwätz und Vernünftelei aufgelöst, auch Christus und das Reich Gottes. Sie gehorchen nicht Gott, sondern dem Zeitgeist. Daher sind sie auch von Gott als Großmacht verworfen worden. Wie hat dieses gegenwärtige Deutschland seine Genies behandelt, einen Richard Wagner, einen Bismarck! Nein, nein, dieses Land der lauten Mittelmäßigkeit, nur durch Drill zusammengehalten, hat schon lange keine Ehrfurcht mehr. Nun hoffe ich noch auf eine Auslese, auf das heimliche Deutschland, auf jene Großmacht des Herzens, deren Weisheit aus Märchen, Mythos und einzelnen Meistermenschen uns entgegenleuchtet. Dieser Großmacht will ich in aller Stille zu dienen suchen. Nicht also dem Papier, sondern dem königlichsten Stoff, den dieser Planet beherbergt: der gottsuchenden Menschenseele.«
Und über seine Züge verbreitete sich ein warmes Leuchten, als er nun, mit einer Wendung zu der nahe sitzenden Hausfrau, auf Fanny deutete und eine Hauptsache aussprach, die bis jetzt noch nicht gesagt war: »Sie bleibt!«
»Sie bleibt?!«
Die Künstlerin in ihrem warmherzigen Rokoko-Naturell sprang lebhaft auf, packte Fannys Köpfchen und küßte sie.
Man wurde aufmerksam und unterbrach das Gespräch.
»Sie bleibt?«
So ging es fragend und flüsternd von Mund zu Ohr.
»Wer? Wieso?«
Und Ingo fügte hinzu:
»Werden hier von schönen Frauen Küsse ausgeteilt, wenn man bleibt?«
Jetzt klopfte Professor Lobsann frohgemut ans Glas.
»Sie bleibt! Meine Damen und Herren, sie bleibt! Sie alle beginnen einen Rundgesang und fragen, was das heißt. Sie wissen es nicht, deshalb muß ich es Ihnen erklären. Wir haben unser Elsaß verloren; von allen Seiten hören wir mit Bitterkeit, wie deutsche Brüder unter Drangsalen von dort ausgejagt werden oder durch Auswanderung dieser Schmach zuvorkommen. Zwei dieser wertvollen Menschen, die durch großes Leid gegangen sind, haben wir hier in unsrer Mitte. Es war meiner Frau und mir eine Herzensfreude, ihnen dieses Haus zur Verfügung zu stellen. Aber unsre liebe Elsässerin wollte schon in den nächsten Tagen in die Heimat zurückkehren. Das war uns schmerzlich, doch wir ehrten ihren Entschluß. Nun hören wir, daß sie aus irgendeinem Grunde -- ich vermute, der Zauber hängt mit diesen beiden Figuren zusammen -- sich entschlossen hat, hierzubleiben für immer. Daher, meine Damen und Herren, unser freudiger Ruf: sie bleibt! Und so hält unser Herz dennoch das Elsaß fest. Denn viele Gute von dort kommen zu uns. Und gemeinsam wollen wir, die ausgewanderten Edelsassen und die im Reiche wohnenden Edeldeutschen, durch Leid geläutert die deutsche Seele bauen. Es ist Elsässer Wein, den ich Ihnen hier vorgesetzt habe, meine Herren! Stoßen Sie mit mir an! Unsere liebe, nie zu vergessende deutsche Westmark -- und das beseelte Reich!«
Die Gläser klangen.
Fanny und Arnold standen Hand in Hand.
Und der Schimmer der zusammenklingenden, mit goldgelbem Wein gefüllten Pokale fiel auf das Straßburger Münster, das groß und still an der Wand hing.
Ende.
Weimar und Westmark -- Edelgut, Bezahlt mit Geist, bezahlt mit Blut.
Geistland und Grenzland, Wort und Wehr -- Das Wort nehmt ihr uns nimmermehr!
Und raubt ihr uns des Reiches Mark, So bleibt uns doch der Goethepark
Und neben Weimars heil'gem Hain Der Wartburg geistbelebter Stein.
Die deutsche Kraft besinnt sich dort: Und starke Wehr wächst aus dem Wort.
Uns aber, die wir heimatlos, Geziemt es: duldet still und groß!
Das unbeseelte Reich zerbrach, Wir stehn vor aller Welt in Schmach;
Nun bleibt uns aufzubaun ans Licht Ein Seelenreich, das nie zerbricht.
Hier, deutsche Jugend, ist die Bahn: Beseelt Neudeutschland! Fanget an!
~Weimar, 21. November 1918~