Part 15
Fanny hatte im Balkonzimmer den Tisch geschmückt, soweit es in dieser Jahreszeit möglich war. Der Abend schimmerte herüber. Die Teestunde sollte eine Art Einweihungsfeier werden, in einfachsten Formen. Frau Cäcilie war in einem kornblumenblauen Kleid heraufgeeilt und zog Fanny schnell noch zu einem Plauderviertelstündchen neben sich auf das Sofa.
Und da ergab es sich nun, daß sie plötzlich auf Arnolds Heidelberger Anfangszeit zu sprechen kam.
»Ja, und da wollt' ich noch sagen, Fanny,« plauderte sie in ihrer geläufigen, manchmal umständlichen und begründenden Art, »ist Ihnen nicht auch schon an Professor Arnolds Gesicht das schmerzliche Lächeln aufgefallen? Ich habe diesen wehmütigen Zug, der sich ihm tief eingegraben hat, geradezu entstehen sehen. Denn ursprünglich war er nicht so, er war vielmehr heiter und zu Neckereien aufgelegt, so daß wir in jener allerdings nur kurzen Zeit unserer ersten Bekanntschaft manchen Redestrauß miteinander ausgefochten haben. Es endete freilich immer versöhnlich, und zwar meist mit einer Schokoladetafel Lindt und einem unter Blumen versteckten Verschen. Aber die Geschichte mit seiner Frau -- --«
»Daß sie geisteskrank wurde?« fragte Fanny gespannt. »Ich habe nie Näheres darüber gehört.«
»Nein, noch früher. Man spricht ungern davon. Sie war immer ein wenig nervös, ein wenig unbefriedigt und leicht gekränkt, in der wirklich törichten Meinung, daß man sie als Elsässerin nicht voll achte, wozu aber sicherlich gar kein Grund vorlag, wenn man auch einmal auf die Französlinge im Elsaß schimpfte. Und dann, ja, es ist halt traurig zu sagen -- dann kam die Verirrung mit dem Studenten. Sie hat ihren Gatten und das zweijährige Bübchen einfach sitzen lassen und ist eines Tages mit einem jungen Mann durchgegangen, um freilich nach ein paar Wochen oder Monaten beschämt und gebrochen wieder heimzukehren. Von da ab war eine Störung in ihrem seelischen Wesen. Man hat die Sache möglichst zugedeckt. Aber schließlich hat man sich die Augen nicht mehr verschließen können, daß sie geisteskrank war. Im Irrenhause ist sie dann gestorben. Es hat ihn furchtbar mitgenommen. Seine Stellung hier war unmöglich geworden. Denn nicht wahr: er selbst vertritt ja so etwas wie philosophischen Idealismus und fühlte den Vorgang als eine öffentliche Niederlage, da er nicht einmal in seiner nächsten Umwelt Ordnung schaffen konnte. Er hat Zeiten gehabt, wo er an Gott und an aller Weltordnung irre geworden ist; aber ausgesprochen hat er sich höchstens einmal zu meinem Mann, und der trägt solche Sachen nicht weiter. Nur die Musik bot dem Vereinsamten immer wieder Trost. Da hab' ich ihn mit meinen Liedern oft erfreuen dürfen. Überhaupt, edle Hausmusik -- -- obwohl, ich muß es Ihnen halt ganz verstohlen gestehen, liebe Fanny, mich drängt's und reißt's doch auch immer wieder nach dem Konzertsaal. Das liegt mir so von Mutter und Großmutter her im Blut. Sich so recht in Formen der Kunst austoben, eine kunstsinnige Zuhörerschaft hinreißen -- ach, Fanny, verstehen Sie das?«
Ja, Fanny konnte diesen edlen Ehrgeiz nachfühlen.
»Ist's das vielleicht, was jene unglückliche Frau gesucht hat?« fügte sie nachdenklich ein. »Hat ihr vielleicht die Befreiung durch die Kunst gefehlt? Onkel Arnold sagte mir einmal, sie habe zu Kunst und Musik kein Verhältnis gefunden. Können Sie sich das vorstellen, Frau Cäcilie? Und er so musikalisch! Und sogar ein Stück Poet wie auch Gustav!«
Und Fanny erzählte von jenem Band »Gespräche«, den sie unter den Papieren gefunden. Sie glaubte die Unterhaltung zwischen Agnes und dem armen Heinrich jetzt noch besser zu verstehen. Und bitter brach auch heute wieder die Klage durch, daß ihr selbst dem Verlobten gegenüber keine Erlösungskraft beschieden gewesen.
Frau Cäcilie tröstete.
»Das ist Schicksal, liebe Fanny. Mit wieviel Widerwärtigkeiten im Haushalt und im Künstlerberuf hab' ich zu kämpfen gehabt! Manchmal hab' ich dagesessen, gänzlich mürb und müde, die Hände im Schoß, und hab' mit Tränen im Auge Gott gefragt: Warum denn mir das alles? Was hab' ich denn Schlimmeres getan als die andren? Da haben mir wertvolle Freunde nebst edel gehaltener Dichtkunst, Religion und Musik wiederum Kraft und Gleichmaß gegeben. Vieles hat sich mir nicht erfüllt. Aber das ist Schicksal, Fanny. Manches Leben zerbricht freilich dabei, wie jetzt Deutschland zerbricht und wie Ihr armer Gustav zerbrochen ist. Aber Sie haben mir ein schönes, schlichtes Wort von Professor Arnold an seines Sohnes Grab berichtet: Gott wird seine Seele wiederherstellen. Ja, das wird der Allgütige tun. Gott wird auch die deutsche Seele wiederherstellen. Und wird auch Sie und mich führen, liebe Fanny, wie es zu unsrem Heil gut ist. Nicht wahr? Denn obschon ich so himmelblau und heiter neben Ihrem schwarzen Kleid sitze -- auch ich habe manches durchgekämpft. Und ich verstehe Sie -- -- ach nein, ~dich~, Fanny! Laß uns einander du sagen! Ist es dir recht, Schwesterseelchen?«
Die beiden Frauen küßten sich und saßen fortan umschlungen wie zwei junge Mädchen, die Freundschaft fürs Leben geschlossen haben. Fanny sprach nicht viel, atmete nur heftig; denn ungeklärte Entschlüsse rangen in ihr, die sie erwog, während die Schweizerin von den Festen im Hottinger Lesezirkel zu Zürich, von den Heidelberger Bach-Aufführungen und von eigener edelgeplanter Geselligkeit weitersprach. Hier tat sich eine reichere, leuchtkräftigere Welt auf als im gar zu kleinen Winzerdorf Lützelbronn.
Und plötzlich, wie ja oft die Gedanken und Gefühle vertrauter Freunde insgeheim zusammenklingen und gleichzeitig auf die Lippen treten, sprach es die Hausfrau zaghaft aus:
»Schade, Fanny, wirklich sehr schade, daß mein Liselottchen dich nicht immer um sich hat. Das Kind wird Heimweh nach dir bekommen, wenn du weggehst -- und ich halt auch es bizzli.«
Das ward treuherzig und lächelnd, zuletzt in Züridütsch, aber doch recht wehmütig gesagt. Und sie schaute die junge Freundin so liebreizend dabei an, daß Fanny abermals den Arm um sie schlang. »Wie gut ihr alle zu mir seid!« Es tat der Elsässerin unendlich wohl, solche innige Teilnahme zu spüren.
»Was gedenkst du denn in Straßburg zu tun?« beharrte Frau Cäcilie.
»Ich werde meinem Bruder Georges den Haushalt führen«, erwiderte Fanny etwas kleinlaut. »Und überhaupt -- ich werde arbeiten, arbeiten und vergessen.«
Jetzt kam das jüngere Fräulein Weller, eine rotwangige Blondine, eilig herauf und meldete einen Besucher, der Fräulein Bieler zu sprechen wünsche.
»Es ist ein Sanitäter aus Straßburg und hat ein Paket von Schwester Lisy.«
Fanny schnellte empor.
»Aus Straßburg? Aber die Grenzen des besetzten Gebietes sind ja abgesperrt!«
»Der Sanitäter ist doch durchgekommen. Da ist er!«
Ein großer, hagerer Mann im feldgrauen Mantel, mit runder Hornbrille trat schweren Schrittes ein und blieb in soldatischer Haltung stehen, ein längliches Paket in der linken Hand.
Hatte bei den Frauen alle Rede in zarten, hellen Schwingungen das Zimmer belebt, so erklang hier eine wortknappe, männliche Baßstimme, die fast rauh und rostig wirkte. Man spürte, daß dieser Soldat dem Tod ins Angesicht geschaut hatte und auf Redensarten des Salons nicht gestimmt war. In kurzen, schlichten Worten berichtete er, daß er bis zuletzt im Kunstschul-Lazarett zu tun gehabt.
»Das war uns erlaubt. Wir mußten nur aus den Hosen das Rot abtrennen und eine bürgerliche Mütze aufsetzen, auch alle Abzeichen entfernen. So hab' ich den Einzug der Franzosen mitangesehen. Hier sind Zeitungen, hier Bildkarten und hier ein Brief von Schwester Lisy.«
Er entnahm den Taschen die zerknitterten, stark nach Tabak duftenden Papiere und gab auch das verschnürte Paket ab.
Auf einige Fragen, woher und wohin, kam schlichte Antwort. Es war Fernblick in den Augen dieses Mannes, der während des Sprechens gradaus nach dem Fenster in den Abendhimmel schaute. Er hatte eine Farm im inneren Afrika, am Kilimandscharo. Von dort war er bei Ausbruch des Krieges nach Deutschland gereist, um mitzukämpfen. Man sprach mit Achtung vom tapferen Lettow-Vorbeck, der Deutsch-Ostafrika vier Jahre hindurch unbesiegt verteidigt hatte. Dann fragte man nach den Zuständen in Straßburg.
»Erbärmlich! Hätte nie vermutet, daß im schönen Elsaß so viel Gemeinheit haust. Wenn Altdeutsche oder Deutsch-Elsässer ausgewiesen werden, muß das innerhalb vierundzwanzig Stunden geschehen. Dann sammelt sich der Pöbel am Desaix-Denkmal bei der Kehler Rheinbrücke. Die Ausgewiesenen, Männer von Bildung und Pflichttreue, werden truppweise bis dorthin gefahren; von dort müssen sie zu Fuß über die Rheinbrücke gehen und werden dabei beschimpft, verhöhnt, ja oft mißhandelt und mit Schmutz beworfen. So geht's auch in Kolmar und Mülhausen. Auf militärischen Lastautos, wie Tiere, führt man sie auch dort dem Pöbel zur Schau durch die Straßen nach der Grenze. In höheren und Volksschulen ist französische Sprache befohlen; die Marseillaise wird eingedrillt. Beim Einzug der Franzosen schwangen die Kinder französische Fähnchen und schrien wie besessen ›=vive la France!=‹ Die ganze Bevölkerung war berauscht. Frankreich bringt ihnen ja den Himmel auf Erden: Schokolade, Milch, Mehl, Rotwein -- alles im Überfluß! Aber nach jedem Rausch kommt der Kater. Es wird auch im Elsaß katern.«
Der Soldat räusperte sich rauh und schwieg. Er hatte nicht viel Zeit und machte Anstalt, sich zu verabschieden. Noch am Abend hoffte er zu seinen alten Eltern nach Sachsen weiterfahren zu können.
»Und Lisy! Wie geht's denn Schwester Lisy?«
»Sehr gut. Das heißt, sie hatte einen Grippe-Anfall. Es wird wohl alles im Briefe stehen. Besonders erschüttert hat sie die Schändung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals. Nichtsnutzige Burschen, Elsässer leider und französische Soldaten, haben das Bronze-Reiterstandbild unseres ehrwürdigen alten Kaisers Wilhelm =I.= vom Sockel gerissen, in Stücke geschlagen und den Kopf an Seilen vor das Denkmal des Generals Kleber geschleift.«
»Was haben sie getan?!« rief Fanny entsetzt.
»Es wird im Briefe stehen«, wiederholte der Sachse. »Es waren Mitglieder eines Cercle von elsässischen Studierenden. Daß aber einer von Ihren Verwandten dabei war, Fräulein Bieler, der eben aus Frankreich zurückgekehrt ist, das hat Schwester Lisy ganz besonders zusammengeschmettert.«
»Doch nicht mein Bruder?!«
Fanny zitterte am ganzen Körper, als sie die Frage stellte.
Der Erzähler verwies mit ausgestrecktem Zeigefinger abermals auf das Schreiben und sprach gleichsam tröstend: »Das steht alles da drin.«
Dann schritt der Afrikaner in die beginnende Nacht hinaus, von Frau Cäcilie verabschiedet, die Fanny allein ließ, damit sie den Brief lesen könne.
* * * * *
Im großen Arbeitszimmer des ausgewanderten Elsässers waren bereits etliche Gäste mit Lobsann angekommen. Die beiden Freunde Ingo von Stein und Oberstleutnant Richard von Trotzendorff hatten sich im nahen Schloßhotel durchreisend auf wenige Tage einquartiert. Sie waren hocherfreut, in diesem neuen Lebensbezirk den ehemaligen Pfarrer von Lützelbronn so vortrefflich untergebracht zu finden. Beide trugen bürgerliche Kleidung. Die Revolution hatte ihnen persönliche Ungelegenheiten nur wenig bereitet. Den Versuch freilich eines unreifen Burschen, dem Oberstleutnant auf offener Straße die Achselstücke abzureißen, hatte dieser mit einer so wuchtigen und wirksamen Ohrfeige beantwortet, daß der Rekrut an eine Laterne taumelte. Dann hatte Trotzendorff die Hand an den Revolver gelegt, die Umstürzler durchbohrend angeschaut und unbehindert seinen Weg fortgesetzt, wenn auch hinter ihm geschimpft wurde. Der Schmerz über das schmachvolle Betragen deutscher Truppen hatte in diesem Altpreußen ebenso großartige Formen angenommen, wie sein Ingrimm, der in verzehrenden Flammen unter seinen buschigen Augenbrauen hervorschoß. Er hatte schon früher nicht viel gesprochen; während des Krieges und dieser furchtbaren Herbsttage war er schweigsamer geworden als je zuvor. Er litt unendlich. Doch in den Tiefen hofften er und Ingo trotzdem auf ein neues Erwachen der deutschen Seele.
Derselbe Ernst lag über allen Damen und Herren des erlesenen kleinen Kreises.
Ein schlanker, feingebauter Generalstabsoffizier mit durchgeistigten Zügen erzählte aus eigener Anschauung von des Kaisers letzten Tagen im Hauptquartier zu Spaa.
»Wir glaubten die Verantwortung für des Monarchen persönliche Sicherheit nicht mehr übernehmen zu können. Die Memmen von der Etappe flohen ja kopflos. Ein Unteroffizier des Kraftwagenparks in unserem Großen Hauptquartier ist im Kraftwagen mit der gesamten Löhnung durchgegangen. Durch solche feigen Flüchtlinge sind uns Milliardenwerte an Heeresgerät und Stoffen aller Art verloren gegangen. Befehle wurden nicht mehr ausgeführt, die Offiziere waren machtlos. Da sah ich den sonst so selbstsicheren Kaiser zum ersten Male unsicher. Er wußte nicht, was tun; er schämte sich, zu fliehen und zögerte lange; zu einer frühen und freiwilligen Thronentsagung konnte er sich auch nicht entschließen, denn er glaubte dann erst recht den Zusammenbruch zu beschleunigen. Endlich, an einem schmutzig-grauen Regentage, ging's fort nach der holländischen Grenze.«
»Und unser Hindenburg?«
»Ihn sah ich zuletzt, wie er den Bahnsteig betrat, gebrochen in seiner äußeren Haltung, begleitet von einem Mann in Soldatenuniform mit roter Armbinde. Ein zweiter Zug stand in der Nähe; dort stiegen Mannschaften ein; niemand beachtete den Sieger von Tannenberg. Der Feldmarschall bestieg den Wagen, an dessen beiden Enden eine Wache mit roten Binden am Arm Platz nahm. Inzwischen entwürdigten sich deutsche Soldaten, den ersten Feinden Hurra zuzurufen; es waren französische Offiziere von der Waffenstillstandsgruppe. Diese hatten mehr Würde im Leib: sie blickten gradaus und dankten nicht.«
Trotzendorff knirschte. Er stand mit gekreuzten Armen und stieß zwischen den Zähnen hervor:
»Die Franzosen haben uns bisher gehaßt, jetzt verachten sie uns.«
»Sie wollten noch vom Kaiser erzählen«, warf Ingo hin, um die dumpfe Pause zu unterbrechen.
Der Offizier erzählte.
Es war ein trauriger Regentag, als der lange Eisenbahnzug mit dem letzten Hohenzollern und seinem Gefolge in die kleine niederländische Station bei Schloß Amerongen einfuhr. Überall Schlamm, Pfützen, nasse letzte Blätter und weithin graue, flache Landschaft. Unter Regenschirmen warteten einige Dutzend Berichterstatter und allerlei neugieriges Volk nebst holländischen Soldaten und Gendarmen. Langsam krochen die schwarzen Wagen heran, mit heruntergelassenen Gardinen, ein Leichenzug. Der Kaiser, in feldgrauer Generalsuniform, mit Mütze und Pelzmantel, steigt mit seinen Leuten aus. Er begrüßt in seiner raschen alten Weise seine Gastgeber. Die Zeitungsherren schweigen; ein paar Zurufe ertönen; er will in gewohnter Freundlichkeit militärisch danken, doch die Hand zuckt wieder vom fahlen Gesicht zurück: denn schrille Pfiffe fahren darein. So geht er schnell zum Auto. In einem Kraftwagen unmittelbar dahinter nimmt ein niederländischer General Platz, der Leiter des Internierungsdienstes. Und nun ein peinliches Warten bei strömendem Regen und ungehemmt herandrängender Menge, die den Monarchen anstarrt. Einem alten General in des Kaisers Gefolge rollen die Tränen aus den Augen. Endlich sind die zahlreichen Koffer auf Lastautos umgeladen. Der Zug der Kraftwagen setzt sich unter schwachen Zurufen in Bewegung und verschwindet zwischen herbstnassen Büschen und emporspritzendem Schlamm in der Richtung nach Amerongen.
Der Offizier schwieg.
Es ging eine Bewegung der Teilnahme wie von einem inneren Weinen durch die Versammelten. Sie alle waren freiheitlich gestimmt, wie das ja dem Süddeutschen und zumal dem Badenser im Geblüt liegt; aber sie hatten auch Verständnis für Ehrfurcht. Besonders der bewegliche, in Gebärden und Sprechweise jugendlich wirkende Professor Lobsann lief einige Male hin und her, angeblich um Streichhölzer zu suchen, in Wahrheit um eine Träne zu verbergen.
»Und im Berliner Schloß«, stellte einer der Anwesenden fest, »hält ein wahnsinniger Hetzer aus demselben Fenster Ansprachen, aus dem bei Kriegsbeginn der Kaiser gesprochen -- der Kaiser, dem auch die Sozialdemokratie zugejubelt hat! Und in den Schloßräumen hausen die meuterischen Matrosen, denen grade dieser Monarch seine ganze Liebe geschenkt hatte. Man möchte ausspucken, wenn man auf der Straße eine Matrosenuniform sieht.«
So suchten sich die Herzen zu erleichtern. Bitter gebrandmarkt wurde besonders die ungeheuerliche Verschwendung der nunmehrigen Parteiherrschaft, unter der auch die Soldaten für ihre Wachen gut bezahlt wurden, während gleichzeitig die Arbeiter durch Streikdrohungen geradezu unerhörte Löhne erpreßten. Mammon, überall der fluchwürdige Götze Mammon!
Ein anwesender höherer Beamter mit abgearbeiteten Zügen bekam einen Zornanfall.
»Arbeiter! Arbeiter!« rief er mit rotem Gesicht und geschwollener Stirnader. »Sind wir denn nicht alle Arbeiter?! Haben wir denn nicht für das Staatsganze gearbeitet bis zum Umfallen?! Erhält eine Munitionsarbeiterin nicht dreimal so viel Gehalt als wir alten, abgeschafften Aktenmenschen? Welcher Teufel und Dämon hat denn dem deutschen Volke seit Jahrzehnten dieses Wahnsinnsgedudel vom unterdrückten Arbeiter vorgesungen? Wurde nicht die Arbeiterschaft verhätschelt und verpäppelt, seit der Kaiser zur Regierung kam? Hat er nicht ihretwegen Bismarck weggejagt?! Und das ist nun ihr Dank! Stellen Sie sich einmal unter die Leute beim Milchholen oder beim Bäcker, wenn unsre braven Hausfrauen in dieser Dienstbotennot dort mitwarten müssen -- und hören Sie das unflätige, freche Reden der Arbeiterfrau mit an! Diese Menschen hat der Satan geführt seit Jahrzehnten, aber nicht der liebe Gott. Mag unser pflichttreuer Hohenzoller gefehlt haben -- diese Bande ist nicht berufen, wahrlich nicht, ein um Preußen so hochverdientes Königsgeschlecht abzusetzen!«
So machte sich dieser Gerichtsbeamte Luft.
Und die Anwesenden stimmten kräftig bei. Auch Ingo. Doch immer auf Ausgleich bedacht, streifte der Thüringer die Asche von seiner Zigarette und sagte wie im halben Selbstgespräch:
»Wohl wahr! Immerhin ... Als ich zuletzt durch Weimar kam -- vor einigen Monaten --, sah ich ein paar junge Damen der gebildeten Stände aus einer dortigen Teestube in die Dämmerung heraustreten, trällernd, frech und Zigaretten rauchend. In der Schillerstraße ähnliche moderne Erscheinungen: blecherne, laute, leere Stimmen, Faltenröcke, Gamaschen, dreister Blick. Das ist weibliche Jugend mancher besseren Stände. Wohlgemerkt: in Weimar, nicht in der berüchtigten Berliner Tauentzienstraße! Wenn man als vielgereister Europäer den Blick für diese Dinge übt, so entgeht einem nicht eine wichtige Tatsache: die Roheit der unteren Stände ist nur die Widerspiegelung des Seelentiefstandes der oberen. Das, Herr Geheimrat, möchte ich als Ergänzung zu Ihren durchaus richtigen Beobachtungen hinzufügen. Und du, Richard: weißt du noch, wie wir einmal auf meinem Gut Waldeck an einem Winterabend beisammen saßen und vom unbeseelten Deutschland sprachen? Das war schon ein bis zwei Jahre vor dem Weltkrieg. Ich habe mich merkwürdig oft mit dem Kaiser im Traum beschäftigt; ich fühlte, daß er mit seinen unruhigen Reisen und Festen auf falschem Wege war, denn ich selbst hatte lange mit solchem Reisedrang zu kämpfen gehabt. Freund Trotzendorff« -- Ingo fügte das lächelnd hinzu -- »hatte übrigens den freundschaftlichen Ehrgeiz, mich auf Grund meines Werkes über Heldentum und Friedrich den Großen persönlich mit Seiner Majestät zusammenzubringen. Nun, es ist ihm ja auch gelungen, und zwar auf der Wartburg. Ich hatte gar viel auf dem Herzen, was ich dem Kaiser sagen wollte, besonders über sein Nicht-Verhältnis zu Kunst und Dichtung. Aber ich bin gar nicht zu Worte gekommen. Majestät wußte schon alles, wenn nicht mehr. So war denn die Unterredung kurz, schmerzlos und nichtssagend. Ich denke mit Wehmut daran zurück.«
»Leider!« nickte der Geheimrat. »Majestät wußte immer alles, wenn nicht mehr. Er redete nur, er fragte nicht. Und in Wahrheit, meine Herren, war er im Innern oft recht unsicher: er hat es nur durch forsche Reden verdeckt.«
Nun wob Lobsann eine feine Bemerkung ein:
»Sie wissen, meine Herrschaften, in der nordischen Edda ist vom Weltbrand die Rede. Alle Asen-Götter gehen unter. Einer jedoch überlebt und tötet die Midgardschlange. Dieser eine ist Widar. Und ihn, den sonst wenig bekannten, fast geheimnisvollen Gott, nennen die Sänger den ›schweigsamen Asen‹. Widar der Schweigsame überlebt. Wo mag er stecken, unser Widar, der nicht viel redet, sondern handelnd den neuen Himmel und die neue Erde heraufführen hilft?«
Ingo war entzückt von diesem Gedanken. Er schüttelte dem nicht gern vortretenden, doch manchmal sehr sinnig eingreifenden Gastherrn in seiner liebenswürdigen Weise die Hand.
Jetzt trat mit leichten, zierlichen Schritten Frau Cäcilie ein und brachte Mozartsche Stimmung in den schweren Gesprächston. Und zugleich mit ihr einige neue Gäste: ein Stadtpfarrer und ein Musikdirektor mit ihren Frauen. Sie hatte die elsässischen Zeitungen und Bildpostkarten mit herübergebracht. Und sogleich nach dem Begrüßungsaustausch spann sich das Gespräch in dieser neuen Richtung weiter.
Was für ein Anblick für den Elsässer Arnold, als er die »Straßburger Neue Zeitung« vom 22. November entfaltete! In fetten Buchstaben obenan ein »=Vive la France!=« Das Blatt hatte jetzt einen französischen Untertitel und französische Aufsätze vor den deutschen. Und sieh an: Als verantwortlicher Direktor zeichnete da noch immer derselbe Maler und Mundartdichter, dem einst der Kaiser persönlich den Roten Adlerorden mit schmeichelhaften Worten überreicht hatte! Jetzt aber -- was für Anhimmelungen Frankreichs! Ein andres Blatt war die sozialdemokratische »Freie Presse«, äußerlich und innerlich noch übler anzusehen. Da wurden die Beschauer gleich von einer Riesenüberschrift »Wilhelm die Memme« angefunkelt. »Feig wie ein Hund« -- »bei Wilhelminchen Schutz und Hilfe suchen« -- »Großmaul« -- so spie dieses Gewürm, dieser Elsässer!
Dann die Bildkarten, die von Hand zu Hand gingen: Parademarsch der Franzosen vor dem Kaiserpalast -- Festgewimmel um das fahnenumwogte Kleberdenkmal -- jauchzendes Volksgedränge, fahnenschwingende Jugend -- hier ein begeisterter junger Mensch, der dem französischen General das Pferd am Zügel führt -- --
So also sah es jetzt in Straßburg aus.
»Was sagt Fanny dazu?« fragte Arnold. »Und wo bleibt sie?«
Frau Lobsann erzählte von dem Besuche des durchreisenden Lazarettgehilfen, der Paket und Brief von Schwester Lisy gebracht, und von der Schändung des Kaiserdenkmals. Arnold horchte hoch auf, als er vernahm, ein Verwandter Fannys habe sich an dem häßlichen Vorgang beteiligt.
»Ein Verwandter?« fragte er mit fast erschrockenem Staunen. »Das kann doch nur ihr Bruder sein --?«
»Dem sie den Haushalt führen will«, setzte Cäcilie bedeutsam hinzu. Und ein höchst gespannter Zug trat auch in ihr Antlitz.
Arnold verstand diesen fragenden Blick. Er nickte ihr zu und entschuldigte sich bei der Gesellschaft: »Ich will zu ihr hinübergehen. Ich fühle, sie macht eine wichtige Entscheidung durch.«
Und er begab sich zu seiner Leidensgenossin.
* * * * *
»Du hast einen Brief von Lisy bekommen, Fanny?«
Gedankenlos hatte sie auf Arnolds Pochen »=entrez!=« gerufen nach ihrer elsässischen Gewohnheit. Und als er ins Zimmer trat, bot sich ihm ein sonderbarer Anblick, der ihn wie ein schwermutvolles Gleichnis durchdrang.