Westafrikanische Kautschuk-Expedition

Part 28

Chapter 283,447 wordsPublic domain

Dieser letzteren ist eine Methode verwandt, für welche sich insofern einiges sagen läßt, da nur wenig Arbeitskräfte dazu nötig sind, doch ist sie ebenso wie die eben beschriebene langwieriger als die des Einkochens der Milch. Ein größeres Gefäß mit trichterförmigem Boden, welcher durch einen Abflußhahn geöffnet werden kann, fülle man mit der frischen Kickxiamilch und lasse es dann einige Tage ruhig stehen. Nach etwa acht Tagen werden sich dann die in der Milch enthaltenen Kautschukkügelchen nach der Oberfläche der Flüssigkeit zusammendrängen, und allmählich kann man das am Grunde des Gefäßes fast reine Wasser durch das verschließbare Abzugrohr herausfließen lassen, so daß man nach etwa zwei Wochen nur die mehr oder minder zusammenhängende Kautschukmasse zurückbehält, welche dann durch Pressen von dem größeren Teile der sich darin noch befindenden Wassermengen befreit werden kann. Die sich zuerst an der Oberfläche bildende Kautschukhaut scheint einen großen Teil der Kautschukharze zu enthalten und könnte deshalb, vielleicht gesondert, als andere Qualität in den Handel gebracht werden. Leider ist es ohne Laboratorium nicht möglich, in Westafrika die Berechtigung dieser meiner Vermutung zu prüfen und festzustellen, wie weit die Kautschukmasse von Harzen befreit ist, nachdem die sich zuerst bildende obere Schicht entfernt worden ist. Auch mit Wasser kann man die Milch verdünnen, doch scheint dadurch das Abscheiden der Kautschukkügelchen nicht eher vor sich zu gehen.

Während meines Aufenthaltes auf der Ngoko-Station in Südost-Kamerun machte ich auch Versuche, Kickxia-Kautschuk nach der Para-Räuchermethode herzustellen. Ich ließ mir zu diesem Zwecke aus hartem Holze eine ruderförmige Spatel anfertigen, ähnlich wie sie in Para gebräuchlich ist. Leider standen mir damals keine Palmennüsse zur Verfügung, so daß ich gezwungen war, über einem einfachen Holzfeuer die Räucherversuche zu machen. Dieselben fielen durchaus nicht zu meiner Zufriedenheit aus. Die Milch der Kickxia koaguliert offenbar zu langsam, um sich für diese Methode zu eignen. Ich war trotz eifriger Arbeit nach mehreren Stunden erst im stande, eine kaum 4 mm dicke Kautschukschicht um die Spatel herumzulegen. Die Eingeborenen, welche ich dann mit dieser Arbeit betraute, hatten schon gar keine Lust dazu, da eine solche mühsame Methode ihnen von Natur aus zuwider ist. Selbst wenn man die Leute zu dieser Arbeit fände, dürfte sich doch das Resultat in kein Verhältnis zu dem Kostenaufwand an Arbeitermaterial stellen. Es ist wissenschaftlich interessant, daß sich der Kickxia-Kautschuk in dieser Weise anfertigen läßt und auch von brauchbarer Qualität ist, doch befürchte ich, daß wir uns mit diesem Resultat zufriedenstellen müssen. Nach meinen Erfahrungen ist also diese Methode für Westafrika nicht angebracht. Ob eventuell über einem Feuer von Palmennüssen ein besseres Resultat herbeigeführt werden kann, muß ich noch dahingestellt sein lassen, doch glaube ich, daß ein solches auch nicht besonders zu einer schnelleren Koagulation führen wird, da die Kickxiamilch, abweichend von den Milchsäften der meisten anderen Kautschukarten, gegen Einfluß von den gewöhnlichen Koagulationsmitteln vollständig unverändert bleibt, solange nicht ein gewisser Wärmegrad hinzutritt.

Um auch die +Biffen+sche Centrifugiermethode anwenden zu können, hatte ich auf der Expedition eine kleine Rahm-Centrifuge mitgeführt. Mit dieser Centrifuge stellte ich auf der Ngoko-Station auch Versuche an. Ich fand, daß sich die Kickxiamilch leicht centrifugieren läßt, aber nur bis zu einem gewissen Grade. Man hatte die sich oben an den Tuben sammelnde flockige Masse stets wieder zu entfernen, um eine einigermaßen gute Scheidung der Kautschukkügelchen zu erzielen, und dennoch enthielt schließlich der Rückstand noch so viel Kautschuk, daß ich gezwungen war, die letzten Reste durch Kochen auszuziehen. Man hatte also trotz langwieriger Arbeit nachher noch die zuerst geschilderte Methode zu wiederholen, um das zu erreichen, was man durch Abkochen in wenigen Minuten erreicht hätte. Es scheint also, als ob das Centrifugieren praktisch von geringem Werte und nur als wissenschaftliches Experiment interessant ist, da durchaus nicht alle Milchsäfte durch Centrifugieren in dieser Weise sich behandeln lassen. Ich muß hier allerdings erwähnen, daß meine Centrifuge zu klein war, um Experimente in größerem Maßstabe zuzulassen, doch ist kaum zu erwarten, daß hier, wo sich die Koagulation in dieser Weise nicht einmal im kleinen lohnt, eine solche in größerem Maßstabe betrieben, zu anderen Resultaten führen würde.

Aus dem oben Gesagten scheint also hervorzugehen, daß die Methode des Einkochens der Kickxiamilch zur Koagulation derselben die empfehlenswerteste ist. Ich würde ihr jedenfalls vor jeder anderen den Vorzug geben. Inwieweit die Methode des Eintrocknens sich bewähren wird, müssen weitere Versuche feststellen.

Ich habe bereits wiederholt Vorschläge über Anlagen von Kickxiaplantagen und deren Instandhaltung gemacht und bin stets dafür eingetreten, daß man möglichst bald dieser Frage nähertreten solle. Es ist mir ja gelungen, im Victoria-Gebiete in Kamerun einige Plantagenleiter für eine solche Unternehmung günstig zu stimmen und sie zur Inangriffnahme des Planes zu bewegen. Doch bis jetzt sind solche Pflanzungen nur am Kamerun-Gebirge entstanden, obgleich die Regionen südlich des Kamerun-Flusses für derartige Unternehmungen auch durchaus günstig, wenn nicht sogar infolge ihres weniger schweren Bodens noch günstiger sind. Jedenfalls müßte das Projekt eine viel weitere Verbreitung finden.

Da bis jetzt das Beschaffen großer Quantitäten von Samen noch immer mit einigen Schwierigkeiten verknüpft ist, so hatte ich bisher vorgeschlagen, dieselben erst in Saatbeeten auszusäen, damit möglichst wenig verloren gehen können; doch wenn wir erst Verbindungen besitzen, durch welche die Samen in größeren Quantitäten leicht zu erhalten sind, so wäre es vielleicht ratsam, an Ort und Stelle einige derselben auszusäen, um dann die kräftigste Pflanze der aufgegangenen stehen zu lassen, die anderen könnten dann ja zum Ausfüllen etwaiger Lücken verwendet werden. Sind die Pflanzen in Saatbeeten ausgesät, so müssen sie, anfangs beschattet, in denselben verbleiben, bis sie vier bis sechs Blättchen entwickelt haben. Dann könnten sie im Walde ausgepflanzt werden. Um den Pflänzchen in ihrer Jugend genügend Luft und Licht angedeihen zu lassen, muß der Wald zu diesem Zwecke etwas gelichtet, d. h. das Unterholz und die jüngeren Stämme, soweit sie mit wenigen Axtschlägen zu fällen sind, entfernt werden. Eine solche Lichtung des Waldes zum Zwecke von Kickxiaplantagen würde also nicht mit sehr großen Kosten verknüpft sein. Zusammen mit Herrn +Stammler+, dem Leiter der Moliwe-Pflanzung, berechnete ich die dadurch entstehenden Unkosten. Er hatte gefunden, daß er mit fünfzig guten Arbeitern in der oben vorgeschlagenen Weise ein Hektar zur Aufnahme der jungen Pflänzchen in einem Tage herrichten konnte. Da er zu diesem Zwecke die teuren Togo-Arbeiter verwendet hatte, welche alles in allem 1,35 Mk. pro Tag kosteten, so würden sich die Ausgaben für die Arbeiter selbst auf 67 Mk. 50 Pf. belaufen. Da zur Aufsicht dieser Arbeiter ein Europäer nötig ist, der einschließlich seiner Beköstigung ungefähr 12 Mk. pro Tag kosten würde, so ergäbe sich als Endresultat eines Kostenanschlages für die Lichtung eines Hektars die Summe von 79 Mk. 50 Pf., also rund 80 Mk. In Abständen von etwa fünf Metern könnten die Pflänzchen in den so gelichteten Wald eingepflanzt werden, da die Kickxia ein Baum ist, der nur eine kleine aufrechte Krone besitzt. Es wäre vielleicht sehr angebracht, wenn man die einzelnen Samen in tütenförmig aufgerollte, mit Erde gefüllte Kakaoblätter oder in kleine Körbchen aus Ölpalmen-Blattfiedern, in deren Anfertigung die Eingeborenen eine große Geschicklichkeit besitzen, aussäen würde, in denen sie dann an Ort und Stelle übertragen werden könnten, sobald sie das nötige Alter erreicht haben. Da das Kakaoblatt oder das Körbchen aus Palmen-Blattfiedern im Boden bald verfaulen würde, würden die Wurzeln keinen Widerstand an der ehemaligen Wandung finden und somit gar keine Wachstumsstörung eintreten. Bei Kakao habe ich diese Methode mit großem Erfolge zur Anwendung bringen sehen. Herr +Stammler+ teilte mir mit, daß zum Bepflanzen eines Hektares des so gelichteten Waldes auch wieder fünfzig Leute unter Aufsicht eines Europäers einen Tag thätig sein würden. Die Bepflanzungskosten würden sich mithin also auch auf 79 Mk. 50 Pf., also rund 80 Mk. belaufen. Ein eben mit Kickxia elastica bepflanzter Hektar würde somit also eine Auslage von 159 bezw. 160 Mk. erfordern. Da bei einem Abstande von fünf Metern auf einem Hektar Landes 400 Pflänzchen stehen würden, so würde eine Pflanze 40 Pf. kosten. Wenn man bedenkt, welche riesigen Unkosten das Urbarmachen des Landes bei Anlage einer Kakaoplantage erfordert, da nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der stärkeren Urwaldbäume stehen bleiben kann, so ist es leicht erklärlich, daß eine Kakaopflanze, an Ort und Stelle ausgepflanzt, bedeutend mehr kosten muß. Bis die so ausgepflanzten Kickxien eine genügende Stärke erreicht haben, um sich selbst überlassen zu werden, d. h. bis zu Beginn ihres dritten Lebensjahres, müßte die Pflanzung in der Nähe der jungen Bäumchen genügend rein gehalten werden, damit dieselben nicht von den aufsprießenden Unkräutern überwuchert und erstickt werden. In einem nur mäßig gelichteten Urwalde wird der Kampf gegen etwa aufsprießende Unkräuter ein nicht so schwieriger sein als in einem offenen, sonnigen Terrain, daher dürfte eine Reinigung der Plantage nur drei- oder viermal im Jahre nötig sein. Also auch hier wären die Unkosten nur geringe, denn zur Reinigung des Hektars würden nach Herrn +Stammler+ etwa zehn Leute einen Tag lang beschäftigt werden müssen.

Vorausgesetzt nun, daß der Baum erst nach sechs Jahren angezapft werden kann, so stände der Bruttoertrag desselben, wenn er nur ein Kilo Kautschuk lieferte, in einem so hohen Verhältnisse zu den geringen Ausgaben, daß man die Kickxiakultur nur als eine ungeheuer lohnende bezeichnen könnte.

Wenn wir dann erst einmal so weit gekommen sind, daß wir in den Plantagen Kautschuk gewinnen können, dann werden sich auch noch viele Verbesserungen in der rationellen Anzapfungsmethode der Bäume und in der Bereitung eines guten Kautschuks finden, denn dann können an Ort und Stelle wichtige Versuche gemacht werden, für welche der Reisende nicht genügend Zeit hat.

Ich möchte gerade die Kickxia zum Anbau in Westafrika besonders empfehlen, da sie im Lande heimisch ist und deshalb sicher mehr Aussicht auf Erfolg zu bieten scheint, als die verschiedenen Kautschukbäume anderer Erdteile.

Bei Gelegenheit der Schilderung meiner Togo-Reise habe ich bereits des Manihot Glaziovii Erwähnung gethan und Vorschläge für seine Anpflanzung gemacht. Die Pflanze ist meiner Ansicht nach mit Unrecht in letzterer Zeit häufig als wertlos bezeichnet worden. Wenn sie nur richtig angepflanzt und ausgebeutet wird, dann wäre eine größere mit Manihot Glaziovii bedeckte Fläche eine durchaus nicht zu verachtende Besitzung, welche sicher mehr einbringen dürfte, als viele der afrikanischen Kaffeeplantagen, deren Unterhaltung ganz bedeutende Kosten verursacht. Ich möchte hier noch einmal betonen, daß ich nur dann für die Anpflanzung des Manihot Glaziovii eintrete, wenn diese sowohl wie das Abernten der Bestände in der von mir vorgeschlagenen Weise betrieben wird. Sobald die Anlage größere Kosten verursacht, kann Manihot Glaziovii nicht als Kulturpflanze in Betracht kommen, denn bei den geringen Mengen Kautschuk, welche der Baum liefert, würde sich ein regelrechter Plantagenbetrieb nie lohnen. Für die sehr regenreichen Gebiete am Kamerun-Gebirge würde ich den Baum, welcher in seiner Heimat eine Steppenpflanze ist, nicht empfehlen. In den Gegenden, wo, wie z. B. in den Steppen Togos, die Eingeborenen alljährlich das Gras niederbrennen, müßten die Brände natürlich in der Nähe solcher Manihotbestände verboten und im Falle der Übertretung die den Brand verursachenden Eingeborenen bestraft werden. Überhaupt wäre es sehr wünschenswert, daß diese vollständig nutzlosen Grasbrände, die besonders in Togo, wo schon an und für sich die Bewaldung des Gebietes eine sehr spärliche ist, in den Baumbeständen riesige Verheerungen anrichten, verboten oder doch bedeutend erschwert würden. Es wäre doch ein großer Triumph europäischer Kultur, wenn es uns gelänge, die sonst vollständig wertlosen immensen Steppengebiete durch Bepflanzung mit nützlichen Gewächsen wertvoll machen zu können. Manihot Glaziovii ist eine Pflanze, die bei dieser Frage große Beachtung verdient. Auch in anderer Hinsicht wäre ein Bepflanzen der Steppen mit diesem Kautschukbaume von Wichtigkeit. Da bekanntlich der Baum ziemlich große Laubblätter besitzt, die, wenn sie herabfallen, allmählich den Boden mit einer Humusschicht überdecken würden, so würde mit der Zeit der Steppencharakter der mit diesem bepflanzten Gebiete vollständig verloren gehen und schon dadurch der Wert der Gebiete bedeutend erhöht werden.

Auch der Ficus elastica habe ich bereits Erwähnung gethan. Entgegen der Manihot Glaziovii haben wir in ihr eine Pflanze vor uns, welche zu ihrem Gedeihen einer feuchteren Atmosphäre bedarf. Dennoch ist es merkwürdig, daß die bisher in Kamerun vorhandenen Exemplare einen recht minderwertigen Kautschuk liefern, obgleich auch dort der Baum vorzüglich gedeiht. Sollte dieses etwa in der chemischen Zusammensetzung des Bodens liegen? Oder sollten die im Victoria-Garten vorhandenen Exemplare von einer bereits degenerierten Pflanze abstammen? Es wird nötig sein, um dieser Frage auf den Grund zu gehen, mit möglichst guten Spielarten neue Versuche zu machen. Schlagen auch diese nicht ein, dann dürfte wohl erwiesen sein, daß die Pflanze in Kamerun nur einen minderwertigen Kautschuk hervorzubringen im stande ist. Wie einige aus Kairo entstammende, von Herrn Prof. +Schweinfurth+ angefertigte Proben beweisen, liefern die dort angezapften Bäume ein wirklich vorzügliches Produkt, das wohl mit den besten Penang-Qualitäten konkurrieren könnte. Sollten sich Spielarten dieser Ficus finden lassen, welche auch in Kamerun ein wirklich gutes Produkt erzeugen. so sollte mit ihrer Anpflanzung nicht gezögert werden.

Zur Zeit meiner Anwesenheit in Westafrika waren von Castilhoa elastica in Kamerun nur einige wenige, sehr junge Exemplare vorhanden, aus deren Alter natürlich gar nicht zu schließen war, ob sie sich gut bewähren würden oder nicht. Nach den letzthin von Kamerun eingetroffenen Nachrichten sollen sich die Exemplare sehr gut entwickeln. Inwieweit sich ein Kautschukertrag späterhin rentieren wird, muß natürlich der Zukunft überlassen werden zu entscheiden.

Im botanischen Garten zu Victoria standen die einzigen Bäume von Hevea, welche bereits anzapfbar waren. Der Boden, in dem diese Exemplare wuchsen, war ziemlich trocken, und diesem Umstande ist es wohl zuzuschreiben, daß die Stämme auffallend wenig Kautschuk gaben. Es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß die Pflanze in feuchterer Lage oder in höherem Alter, wie es sich in Ceylon zeigte, einen bedeutend besseren Ertrag bringen und sich dann bezahlt machen würde. Außerdem ist es noch nicht erwiesen, daß die in Victoria stehenden Bäume wirklich einer besseren Hevea-Art angehören, die auch in der Heimat größere Erträge liefert. Also auch über sie läßt sich, soweit Kamerun in Betracht kommt, noch nicht viel sagen.

Anhang I.

Denkschrift des Herrn Prof. O. Warburg zur Begründung der Kautschuk-Expedition.[2]

Eine wie große Bedeutung der Kautschukhandel namentlich infolge der Entwickelung der Elektrotechnik und des Radsports erreicht hat, ist bekannt genug. Es braucht nur darauf hingewiesen zu werden, daß, während 1830 erst 230 Tons nach Europa eingeführt wurden und 1840 (im Jahre der Entdeckung der Vulkanisation des Kautschuks) 400 Tons (von Para kommend) den gesamten Weltbedarf deckten, der Konsum im Jahre 1896 schon auf 31541 Tons gestiegen ist, welche Summe einen Wert von 200 Millionen Mark repräsentiert.

Nacheinander wurden sämtliche tropische Gegenden für die Gewinnung von Kautschuk in Anspruch genommen, in den meisten Gegenden freilich in derart ruchloser Weise, daß nach wenigen Jahren steigender Ausbeute die natürlichen Bestände so gut wie vernichtet waren. +Centralamerika+, die Heimat des schönen Castilloa-Kautschuks, liefert nur noch ganz geringe Mengen, so daß man sich daselbst jetzt mit Energie auf die Kultur dieser Bäume zu werfen beginnt. Der gesamte Export +Süd- und Mittelamerikas+, abgesehen von Brasilien, betrug 1896 mir 1773 Tons, d. h. nur 5.6 pCt. der Totalproduktion. Der nie sehr bedeutend gewesene Kautschukexport +Südasiens+ befindet sich seit Jahren in Abnahme und betrug 1896 etwa 1393 Tons, d. h. 4.4 pCt. der Weltproduktion. Für Brasilien liegen die Verhältnisse insofern günstig, als im Amazonas-Gebiet den feinen Para-Kautschuk große Bäume (Hevea) liefern, die recht widerstandsfähig sind; außerdem hat sich daselbst eine immer mehr vervollkommnete Methode des Anzapfens ausgebildet, so daß die Produktion dieses gewaltigen, zwei Drittel Europas gleichkommenden Gebietes stets wächst und von 10018 Tons 1882/83 auf 22290 Tons (etwa 140 Millionen Mark) im Jahre 1896 gestiegen ist. Die im Amazonas-Gebiet lebenden Sachverständigen sind allgemein der Ansicht, daß von einer Erschöpfung des Vorrates noch für lange hinaus keine Rede sein kann.

In aufsteigender Richtung bewegt sich augenblicklich auch noch die Kautschukausfuhr +Afrikas+, die aber 1896 erst 9111 Tons, das sind 28.9 pCt. Gesamtproduktion betrug, wovon nicht weniger als 6933 Tons nach Liverpool gingen, und zwar 1890 Tons von der Nordwestküste (Senegambien, Liberia, Gold-, Elfenbein- und Sklavenküste), 2352 Tons aus Lagos, 975 Tons aus Sierra Leone, 1716 Tons von Madagaskar und Mozambique. Dazu kommen 501 Tons vom Congostaat, meist nach Antwerpen gehend, und 675 Tons der deutschen Schutzgebiete, meist nach Hamburg gehend.

Was die +deutschen Kolonien+ in Afrika betrifft, so bildet der Kautschuk zwar einen der bedeutendsten Ausfuhrartikel Kameruns und Ostafrikas, und auch Togo exportiert nicht unbeträchtliche Quantitäten; die Zeit des Aufschwunges in Bezug auf diesen Artikel ist aber schon für unsere Kolonien vorbei, Togo und Kamerun zeigen schon wieder beträchtliche Abnahmen, in Ostafrika hat zwar noch im letzten Jahre die Quantität etwas zugenommen, aber nur noch sehr wenig und wahrscheinlich nur infolge der vermehrten Anfuhren aus Portugiesisch-Ostafrika; es dürfte kaum einem Zweifel unterliegen, daß sich auch hier schon in einem der nächsten Jahre ein bedeutender Minderexport zeigen wird.

Kamerun exportierte

1893 413758 kg im Werte von 1426874 Mk. 1894 409061 „ „ „ „ 1304218 „ 1895 352502 „ „ „ „ 1102802 „ 1896 340301 „ „ „ „ 1077776 „[3]

Togo exportierte:

1893 28637 kg im Werte von 99254 Mk. 1894 30582 „ „ „ „ 115621 „ 1895 87498 „ „ „ „ 306123 „ 1896 82645 „ „ „ „ 297524 „ 1897 66156 „ „ „ „ 245369 „[4]

Deutsch-Ostafrika exportierte:

1893 499994 engl. Pf. im Werte von 232598 Dollar 1894 415429 „ „ „ „ „ 247470 „ 1895 503320 „ „ „ „ „ 683260 Rupies 1896 611446 „ „ „ „ „ 721896 „ 1897 619264 „ „ „ „ „ 851298 „[5]

Noch schlimmer ist der Rückgang in anderen afrikanischen Gegenden, und zwar gerade in solchen, wo der Kautschuk zuerst in größeren Mengen exportiert wurde. So betrug der Gesamtexport des berühmten altbekannten +Madagaskar-Kautschuks+ im Jahre 1896 nur noch 536783 Frcs., und der +Mozambique-Kautschuk+, von dem schon 1887 445567 kg exportiert wurden, war 1894 und 1895 schon auf 2500 Säcke, 1896 auf 2000 Säcke zurückgegangen, während der Export des Jahres 1897 auf nur 50 pCt. der Ausfuhr des vorhergehenden Jahres angegeben wird. Dabei besteht (Kolonialblatt 1898 S. 359) „fast 75 pCt. der Gummiausfuhr aus sogenanntem gekochten Gummi, dessen Qualität sich von Jahr zu Jahr verschlechtert hat, so daß derselbe kaum noch einen Wert für den europäischen Markt besitzt“. Auch an der +Goldküste+, von wo 1893 für 218162 Pf. Sterl., 1894 sogar für 322070 Pf. Sterl. Kautschuk exportiert wurden, hat sich die Ausfuhr 1896 etwas verringert (Kolonialblatt 1898 S. 145), ebenso im +französischen Congo+, von wo der Export betrug

1895 574146 kg 1896 546355 „ 1897 518270 „

Auch in Angola scheint sich jetzt schon ein Rückgang oder wenigstens ein Stillstand vorzubereiten. Während der Kautschukexport von 14607 kg im Jahre 1870 auf 2105771 kg im Jahre 1895 gestiegen war, betrug der Export im Jahre 1896 erst 2285995 kg, also nur sehr wenig mehr, und von den südlichen Provinzen ist sogar ein merklicher Rückgang erkennbar, in +Mosamedes+ von 44586 auf 12740 kg, in +Ambriz+ von 4186 kg auf 2094 kg in den beiden Jahren 1894 und 1895.

Für +Britisch-Centralafrika+, welches 1893 539 englische Pfund (33 Pf. Sterl.), 1894 noch 144 englische Pf. (6 Pf. Sterl.) exportierte, wird Kautschuk jetzt gar nicht mehr erwähnt, vom +Niger Coast Protectorate+ kommt nur gelegentlich etwas Kautschuk. +Portugiesisch-Guinea+ exportierte 1895 nur für 90287 Milrs. (1 Milrs. etwa 3 Mk.). Selbst in +Lagos+, welches infolge der Entdeckung des Silkrubber (des angeblichen Kickxia-Kautschuk) zu so plötzlicher Bedeutung gelangte, daß 1895, d. h. ein Jahr nach der Entdeckung, 5069504 englische Pfund im Werte von 269892 Pf. Sterl. exportiert wurden, ist seitdem infolge der maßlosen und ungeregelten Ausbeutung der dortigen Kautschukbäume die Gummigewinnung wieder auf einen kleinen Betrag zusammengeschmolzen. (Kolonialblatt 1897 S. 637.)

Die einzige große Zunahme zeigt der +Congostaat+, wie aus folgender Tabelle hervorgeht (Kolonialblatt 1895 S. 20):

1886 18069 kg im Werte von Frcs. 1887 30050 „ „ „ „ 116768 „ 1888 74294 „ „ „ „ 260029 „ 1889 131113 „ „ „ „ 458895 „ 1890 123666 „ „ „ „ 556497 „ 1891 81680 „ „ „ „ 326720 „ 1892 156339 „ „ „ „ 625356 „

Dann stieg der Export rapide, betrug 1895 schon über 500000 kg (im Werte von 2882585 Frcs.) und 1896 bereits 1195000 kg. Für 1897 wird der Export auf 1500000 kg (1500 Tonnen) geschätzt. Man erwartet sogar für die Zukunft einen Export von 4000 Tonnen pro Jahr aus dem Congostaat.[6]

Die Ursachen der auffälligen Erscheinung der +Abnahme des Kautschuks in den meisten Teilen Afrikas gegenüber der Zunahme in Brasilien+ sind in der unvernünftigen Ausbeutung durch die Eingeborenen Afrikas zu suchen; wobei freilich zuzugeben ist, daß es viel schwieriger ist, Lianen (wie in Afrika) rationell anzuzapfen, als die großen, den Para-Kautschuk liefernden Bäume. Aber auch wo es sich um Bäume handelt, wie beim Silkrubber in Lagos, hat man in Afrika (ebenso wie in Centralamerika auch die Castilloa) die Bäume in kurzer Zeit vernichtet. Der Congostaat ist bisher von der Abnahme des Exportes an Kautschuk verschont geblieben, einerseits, weil die Ausbeutung dort noch zu jung ist und jetzt erst anfängt, weiter ins Land hinein vorzudringen; dann aber auch, weil die Regierung bemüht ist, durch Belehrung und Strafen eine rationelle Ausbeutung zu erzwingen. Namentlich ist hierdurch teilweise eine Güte des Produktes erzielt wie fast nirgends in Afrika, am allerwenigsten in unseren Schutzgebieten, so daß manche Kautschuksorten des Congo-Gebietes neuerdings dem guten Para-Kautschuk an Wert kaum nachstehen sollen.

Von welcher Bedeutung diese enorme Zunahme der Kautschukausfuhr des Congostaates für das belgische Mutterland ist, sieht man an dem zunehmenden Kautschukhandel Antwerpens, welcher Platz jetzt auch sogar schon beginnt, Kautschuk anderer Provinzen (z. B. der Goldküste und Angolas) an sich zu ziehen. Der Kautschukimport Antwerpens betrug