Westafrikanische Kautschuk-Expedition

Part 15

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Endlich nach 2 Uhr konnten wir die Fahrt fortsetzen. Die hügeligen, zum großen Teile bewaldeten Ufer boten einen recht pittoresken Anblick dar mit ihren häufig steil abfallenden Wänden. Am Ufer des Stromes dehnten sich mächtige Sümpfe aus, welche großen Scharen von Vögeln Schutz boten. Gegen Abend legten wir uns mit einbrechender Dämmerung wieder am Ufer fest. Der 17. November endlich brachte die Erlösung von dieser furchtbaren Reise. Da wir früh aufgebrochen, fuhren wir schon gegen 9 Uhr im Stanley-Pool ein und kamen endlich gegen Mittag in Brazzaville bei der Hauptfaktorei des holländischen Hauses an. Noch an demselben Nachmittage fuhr ich nach Kinchassa hinüber. Dort besuchte ich noch Herrn Dr. +Briart+ und Herrn +Vaalbroek+, um mich von diesen Herren zu verabschieden. Hier entlief mir auch mein Bangala-Diener, welcher wohl glaubte, daß ich ihn zu weit von seiner Heimat wegführe.

Am 19. November siedelte ich darauf zur Station Dolo über, welche nunmehr nach der sandigen Ebene hinter der ehemaligen alten Station verlegt worden war. Ich hatte so Gelegenheit, noch einmal die Wurzelkautschuk-Pflanze zu sehen, und ließ einige hundert Früchte derselben sammeln, um sie zunächst einmal nach Kamerun überzuführen.

Meine Kickxiasamen, welche ich in der letzten Zeit häufig durchgetrocknet hatte, waren hier noch in gutem Zustande. In der Nacht gab es wieder Scharen von Moskitos.

Am 20. November brachte mich die Eisenbahn, nach einer ziemlich interessanten Fahrt, über die nun in vollem Blütenflor stehenden Savannen nach Tumba, wo wir Passagiere des Zuges wieder für die Nacht Quartier suchen mußten. Am 21. November traf ich dann gegen Abend in Matadi ein. Da ich schon gehört hatte, daß Kapitän +Jensen+, welcher mich im Februar nach Lagos gebracht hatte, hier mit der „Leopoldville“ liege, um über Lagos und Sierra Leone nach Antwerpen zu fahren, so ging ich zu ihm an Bord. Da der Dampfer eigentlich keine Passagiere vor seiner Abfahrt annahm, so lud mich Kapitän +Jensen+ ein, bis zur Zeit der Abfahrt sein Gast zu sein.

Am 24. November verließ die „Philippeville“ Matadi und fuhr, ohne sonstwo anzulaufen, bis Boma, wo wir nach dreistündiger Fahrt eintrafen. Da keine wichtigeren Telegramme in Lagos aufzugeben waren, konnte die „Philippeville“ dort nun doch nicht anlaufen, denn sie würde sonst zu spät in Antwerpen eingetroffen sein. Ich beschloß daher, in Banana auf den englischen Dampfer zu warten, welcher bereits seit einiger Zeit erwartet wurde. Mit diesem konnte ich allerdings nicht anders nach Kamerun kommen, als daß ich die ganze Reise bis Angola hinunter machte. Für meine Kickxiasamen war das sehr ungünstig, denn wenn ich mit der „Philippeville“ nach Lagos hätte fahren können, so wäre ich einen ganzen Monat früher in Kamerun eingetroffen.

In Boma machte ich noch Abschiedsbesuch bei Herrn Gouverneur +Vanghermé+, um mich daselbst auch für die Unterstützung zu bedanken, welche ich auf meinen Reisen seitens des Congostaates erhalten hatte.

Am 25. November verließ der Dampfer Boma, um nach vier Stunden in Banana einzutreffen. Hier entdeckte ich beim Ausschiffen meiner Lasten, daß ein Kolli mit getrockneten Pflanzen abhanden gekommen sei. Alles Suchen half nichts. Offenbar war das Paket auf der Eisenbahn verloren worden; ich stellte natürlich sofort die nötigen Nachforschungen an.

In Banana quartierte ich mich in dem „Hôtel des Magasins Généraux“ ein, einem am Meere gelegenen Gebäude, welches infolge der angenehmen Brise, welche mehr oder minder beständig hier weht, für Rekonvaleszenten als Aufenthaltsort sehr zu empfehlen ist. Die ganze Einrichtung war allerdings nicht vom allerbesten, doch gab sich der Verwalter die größte Mühe, seinen Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Der Aufenthalt in Banana wäre furchtbar langweilig gewesen, da man keine Exkursionen machen konnte, weil der Dampfer stündlich erwartet wurde, wenn nicht noch Herr Dr. +Sucaro+ aus Leopoldville und der englische Missionar Mr. +Forfeit+ mit seiner Gemahlin anwesend gewesen wären. In dieser angenehmen Gesellschaft verging uns die Zeit schnell genug. Ich hatte außerdem mit dem Lüften meiner Samenkisten und dem Durchtrocknen meiner Lasten immer mehr oder minder zu thun.

Erst am 7. Dezember erschien endlich der langersehnte Dampfer „Niger“, welcher mich hier erlösen sollte. Um besser Erkundigungen betreffs meines verlorenen Pflanzenpakets anstellen zu können, machte ich die Reise nach Matadi noch einmal. Der Directeur d’Exploitation der Eisenbahn, Herr +Levi+, gab sich die größte Mühe, dasselbe für mich zurückerlangen zu können. Solange wir in Matadi waren, allerdings ohne Erfolg; doch erhielt ich dann später in Kamerun die Nachricht, daß das Paket gefunden worden sei. Bis zum 12. Dezember dauerte unser Aufenthalt in Matadi. Am Nachmittage des folgenden Tages verließen wir die Congo-Mündung bei Banana und nahmen dann einen südlicheren Kurs an der Küste von Angola entlang.

Am frühen Morgen des 14. Dezember fuhr der „Niger“ vor Mussera an, einem kleinen Orte, der auf einem nach dem Meere zu steil abfallenden Hügel liegt. Die Brandung an der ganzen Angola-Küste bis Sao Paulo de Loanda hinunter ist sehr stark und deshalb das Landen der Waren mit ziemlichen Schwierigkeiten verknüpft. Bis zum späten Nachmittage hatten wir zu thun, bis wir den für diese Niederlassung bestimmten Cargo gelandet hatten. Von Mussera bis Kissembo dauerte die Fahrt nur zwei Stunden. Die Ortschaft Kissembo ist ganz ähnlich wie Mussera angelegt und fast ebenso groß. Nachdem wir am Morgen des 15. Dezember auch die Ladung für Kissembo gelöscht und die wenigen Exportwaren, bestehend aus Kaffee und sehr wenig Kautschuk, geladen hatten, dampften wir nach Süden weiter und erreichten gegen 10 Uhr die Handelsniederlassung Ambriz. Hier hatte der Dampfer bis zum Abend zu thun, da wir auch einen nicht unbedeutenden Teil neuer Fracht für Europa mitnehmen mußten. Schon bevor die Sonne am 16. Dezember aufging, fuhren wir in den Hafen von Sao Paul de Loanda ein. Sogleich nach dem Frühstück fuhr ich zur Stadt, um unserem deutschen Konsul daselbst, Herrn Dr. +Gleim+, einen Besuch abzustatten. Gern wäre ich einer Einladung desselben gefolgt und hätte mich länger hier aufgehalten; doch das war nicht möglich, da ich schon sehr viel Zeit im Congo verloren hatte. Auf den Hügeln am Rande der Stadt wuchs Euphorbia rhipsaloides Welw. in großen Quantitäten. Ich konnte mich hier davon überzeugen, daß der Milchsaft dieser Pflanze derartig mit anderen Substanzen vermischt ist, daß das aus ihm durch Koagulation gewonnene Produkt nicht als Kautschuk verwendet werden kann. Ich nahm einige Zweige der Pflanze mit, um sie nach dem botanischen Garten in Victoria (Kamerun) überzuführen. Schon am Nachmittage dampfte der „Niger“ wieder nordwärts. Ich war gerade noch zur rechten Zeit an Bord angekommen. Außer Kaffee und Kautschuk, letzteren in ziemlich unbedeutenden Quantitäten, hatten wir hier auch eine Anzahl großer Ballen geschlagener Blätter von Sanseviera teretifolia als Ladung erhalten.

Bevor wir auf der Rückreise die Congo-Mündung wieder passierten, liefen wir am 17. Dezember noch zwei Küstenplätze an, erst Ambrizette und darauf Mussera. In Ambrizette hatten wir fast den ganzen Tag zu thun, so daß ich es vorzog, an Land zu fahren. Die ganze Küste Angolas litt damals unter einer längeren Dürre, so daß die Vegetation mehr oder minder vertrocknet war. Es gab infolgedessen nichts Interessantes hier für mich zu sehen.

Als wir in der Nacht vom 18. zum 19. Dezember etwa der Congo-Mündung gegenüber waren, hatten wir den seltenen Anblick eines wahrhaft wundervollen Meeresleuchtens. Auch einige Scharen phosphoreszierender Fische zogen in der Nähe des Dampfers vorüber. Am nächsten Morgen erreichten wir Kabinda. Von nun an hatten wir an allen Küstenplätzen bis Kamerun hinauf Palmenkerne als Hauptfracht einzunehmen. Palmenöl und kleinere Quantitäten von Kautschuk kamen auch noch von den meisten Niederlassungen hinzu. Von Kabinda fuhren wir zunächst nach Landana und Chiloango, wo wir eine Fracht von 6000 Säcken Palmenkerne und 250 Tonnen Öl erhielten, so daß wir drei volle Tage daselbst zu thun hatten. Am 23. Dezember liefen wir noch Nyanga und bald darauf Settekama an, erhielten aber keine Ladung. Nun ging es direkt auf Cape Lopez zu, wo wir am Nachmittag des 24. Dezember eintrafen. Ich benutzte unseren kurzen Aufenthalt daselbst zu einer Exkursion in die Sümpfe hinter der Niederlassung. Während des heiligen Abends waren wir auf der Fahrt nach Gabun. Am frühen Morgen des Weihnachtstages erreichten wir Libreville, die Hauptstadt des französischen Congo-Gebietes (Gabun). Da wir nicht die Erlaubnis bekamen, während der Feiertage Cargo einzunehmen, so waren wir gezwungen, 2½ Tage hier zu bleiben. Gleich am ersten Tage machte ich unserem deutschen Konsul Herrn +Gebauer+ meine Visite. Einer Einladung, während der Zeit meines Aufenthaltes in Libreville sein Gast zu sein, leistete ich gern Folge, da ich dann nicht immer des Abends zum Dampfer zurückzukehren brauchte und so mehr Zeit hatte, die Umgebung und den botanischen Garten kennen zu lernen. Herr +Gebauer+ führte mich auch sogleich zu Herrn +Chalot+, dem Direktor des botanischen Gartens, unter dessen kundiger Führung ich die Sehenswürdigkeiten dieses nach dem Victoria-Garten wohl besten botanischen Gartens von Afrika besichtigen konnte. Unter anderen interessanten Sachen erhielt ich hier Stecklinge einer mit Landolphia sehr nahe verwandten Kautschukliane, der Ancylobotrys pyriformis Pierre, sowie gute Samen von Coffea Chalotii, einer neuen Kaffeeart aus der Ubangi-Region.

Für den 26. Dezember hatten wir eine Besichtigung der etwa zwei Stunden von Libreville entfernt liegenden +Woermann+schen Sibange-Plantage in Aussicht genommen. Schon früh am Morgen fuhren wir durch die Stadt, soweit die Wege dazu geeignet waren. Als dieselben dann aber schmäler wurden, schickten wir den Wagen zurück und setzten nun zu Fuß die Reise weiter fort. Bald hatten wir die Zone des von den Eingeborenen teils einst kultivierten, teils noch unter Kultur stehenden Landes um Libreville durchschritten und traten nun in einen prachtvollen Urwald ein, welcher an Üppigkeit mit den Wäldern am Fuße des Kamerun-Gebirges wohl rivalisieren kann. Da wir die Sibange-Plantage noch erreichen wollten, bevor es zu heiß werden würde, denn der Tag versprach ein wundervoller zu werden, so hielten wir uns hier nicht erst auf, sondern schritten rüstig weiter, bis wir gegen 10 Uhr auf der Plantage anlangten.

Bis zu der Zeit hatte man nur Kaffee angepflanzt und dann die ganze Plantage, welche doch schließlich nichts einbrachte, mehr oder minder vernachlässigt. Ein Grasbrand, welcher sich über die Plantage ausgebreitet hatte, hatte einen großen Teil der Kaffeestämme teils vollständig getötet, teils arg beschädigt. Seitdem Herrn +Gebauer+ die Vertretung der Firma +Woermann+ in Gabun übergeben worden war, hatte er sich dieser Plantage wieder etwas angenommen und einen Europäer dorthin geschickt, der dafür sorgen mußte, daß die vorhandenen Bestände einigermaßen rein gehalten wurden. Da infolge eines Abkommens, welches Herr +Gebauer+ mit der französischen Regierung in Gabun getroffen, sich nun für den Kaffee ein bedeutender Preis erzielen ließ, so gewann natürlich das Vorhandensein der schon Früchte tragenden Kaffeestämme eine ganz andere Bedeutung für die Plantage. Herr +Gebauer+ behauptete, daß er in der letzten Zeit schon einen kleinen Verdienst aus der Anlage gezogen hätte. Da er nach seiner Aussage aber bedeutend größere Quantitäten absetzen könnte, so würde von der Plantage in Zukunft wohl Gewinn zu erwarten sein; natürlich vorausgesetzt, daß der ausnahmsweise gute Absatz des Kaffees anhält. Mit Kakao hatte Herr +Gebauer+ auch einige Versuche machen lassen. Die vorhandenen Pflanzen sahen sehr gesund und kräftig aus, so daß ich es also nicht für ausgeschlossen halte, daß der Kakao hier gedeihen wird. Der Feuchtigkeitsgehalt der Luft ist hier allerdings ein bedeutend geringerer als in den Plantagengebieten Kameruns, und deshalb dürfte es hier sehr geraten erscheinen, mehr Schattenbäume stehen zu lassen. Für Kickxia-Anpflanzungen würde sich der Boden sehr gut eignen. Gegen Abend kehrten wir nach Libreville zurück. Nun hatte ich unterwegs mehr Zeit, auf die Vegetation zu achten, fand auch bald einige Landolphien, aber nur in sehr schwachen Exemplaren. Die sämtlichen stärkeren Lianen werden von den in der Umgebung der Stadt wohnenden Gabunesen sofort zur Kautschukgewinnung abgebaut, sobald sie anzapfbar sind.

Von Gabun längs der Küste weiter nach Norden fahrend, erreichte der „Niger“ am frühen Morgen des 28. Dezember die Corisco-Bucht. In der Nähe der Elobi-Inseln an der Mündung des Muni-Flusses an einer englischen Faktorei, „Ukaka-Beach“ genannt, gingen wir vor Anker. Nachdem der kleine Vorrat an Palmenkernen, Öl und Kautschuk im Dampfer verstaut war, fuhren wir den Muni-Fluß hinauf, um daselbst an verschiedenen Orten große Mahagoniholz-Stämme einzuladen. Ich entdeckte während einiger Exkursionen, die ich in den Wäldern unternahm, Ancylobotrys pyriformis in Menge und schaffte einige Exemplare an Bord, um sie nach Victoria überzuführen. Botanisch war diese Gegend äußerst interessant. Die Eingeborenen, welche zu der großen Familie der Fan-Völker gehören, zeichneten sich durch sehr reichen Perlenschmuck aus. Sie sollen sehr hinterlistig sein und keinen Europäer hier weit ins Innere hineinlassen. Bis jetzt ist es offenbar auch noch keinem gelungen, trotz der Wasserstraßen, welche vorhanden sind, weiter als zwei Tagereisen ins Innere vorzudringen.

Am 29. Dezember verließen wir den Muni-Fluß wieder und dampften nun längs der Küste nach Norden bis in die Nähe des Benito-Flusses, wo wir auch wieder eine große Zahl Mahagoniblöcke empfingen. Wir hatten etwa eine englische Meile von der Küste entfernt Anker geworfen. Neun oder zehn dieser Mahagoniblöcke wurden an der Küste immer zu einem Floß verbunden und dann durch die Dampfpinasse des „Niger“ zum Dampfer hinübergezogen. Am Abend des 31. Dezember erreichten wir Batta. Nachdem wir uns noch am Neujahrstage in Groß-Batanga kurze Zeit aufgehalten hatten, fuhren wir am 2. Januar 1900 in den Kamerun-Fluß ein und warfen um 8 Uhr der Stadt gegenüber Anker.

IV. Kapitel.

Kamerun- und Bakossi-Expedition.

In Kamerun angekommen, machte ich zunächst dem dortigen Richter, Herrn Grafen +v. Oberndorf+, welcher dort den Herrn Gouverneur vertrat, meine Visite, um mich als zurückgekommen bei ihm zu melden. Von ihm erfuhr ich nun Genaueres über die Zustände im Innern, von denen ich schon Gerüchte in Batanga vernommen. Leutnant +v. Queis+ und +Conrau+ waren in der Zwischenzeit ermordet worden. In Kamerun wurde eben die Strafexpedition, welche Hauptmann +v. Besser+ führen sollte, ausgerüstet; man wartete mit der Entsendung derselben nur noch auf einige Ausrüstungen, welche der nächste Dampfer bringen sollte. Unter diesen Umständen schien die Ausführung einer Expedition in die Gebiete der Bakossi, welche so wie so bereits den Ruf eines leicht erregbaren Volkes genossen, sehr in Frage zu kommen. Da ich an der Südküste infolge der Buli-Aufstände auch nicht weiter ins Innere vordringen konnte, hatte ich jene Bakossi-Expedition geplant, denn ich vermutete in jenen Gegenden das Vorhandensein der Kickxia elastica.

Da ich vorher keine andere Gelegenheit fand, nach Victoria zu fahren, wartete ich bis zur Abfahrt des „Niger“, um dorthin zu gelangen. Am 5. Januar fuhren wir aus dem Kamerun-Flusse hinaus und erreichten gegen Mittag die Ambas-Bay, welche in der Mittagssonne sich in ihrer ganzen Pracht zeigte. Während meiner sämtlichen Reisen hatte ich doch keinen Platz in Afrika gesehen, welcher dieser Ambas-Bay an Üppigkeit der Vegetation und Schönheit der Lage gleichkommt. Capetown in Südafrika ist entschieden auch schön gelegen und würde wohl die Ambas-Bay an Schönheit übertreffen, wenn nicht dort die Vegetation trotz ihrer immensen Reichhaltigkeit einen so äußerst dürftigen Charakter tragen würde. Am Nachmittage ließ ich meine sämtlichen Sachen an Land schaffen und quartierte mich wieder im Hotel der Ambas Bay Trading Company ein, das unterdessen bedeutend verbessert worden war, so daß man sich, dank den Bemühungen des Herrn +Lange+, hier stets sehr wohl fühlte. Zu meiner großen Freude vernahm ich, daß Herr Geheimrat +Wohltmann+ auch am Tage vorher angekommen sei. Am Nachmittage ging ich dann noch sofort zum botanischen Garten, um dem Gärtner daselbst die von mir mitgebrachten Pflanzen und Samen zu überweisen. Die Kickxiasamen sahen schon recht bedenklich aus, so daß ich befürchtete, sie hätten trotz der Sorgfalt, mit der ich sie behandelt hatte, ihre Keimfähigkeit verloren. Leider war dieses auch wirklich der Fall, wie sich bald herausstellte.

Am Abend kam Herr Bergassessor +Hupfeld+, der Generalbevollmächtigte des Herrn +Sholto Douglas+, und bat mich, doch noch am selbigen Tage Herrn Geheimrat +Wohltmann+ aufzusuchen, bei dem ich am Nachmittag vergeblich vorgesprochen hatte, da sie am nächsten Morgen nach Buëa aufbrechen wollten. Mit Herrn Geheimrat +Wohltmann+ verabredete ich nun, daß ich zusammen mit Herrn +Stammler+, dem Leiter der Moliwe-Pflanzung, nach Buëa nachkommen wolle, um mich dann an einer Rundreise in den Plantagengebieten des Kamerun-Gebirges zu beteiligen; ich wäre lieber sofort mit nach Buëa gegangen, um dem Herrn Gouverneur +v. Puttkamer+ Bericht über die Sanga-Ngoko-Reise zu erstatten, wollte aber doch erst die Verteilung der Kickxiasamen erledigen, soweit dieses möglich war.

Am Sonntag, den 7. Januar, ging ich nach Kriegsschiffhafen zu Herrn +Friederici+, um dort das Resultat der von mir gemachten Vorschläge betreffs Anpflanzung der Kickxien zu sehen. Zu meiner großen Freude standen die Pflanzen sehr gut, und, soweit bis dahin beurteilt werden konnte, bewährten sich die Vorschläge. Es waren beim Umpflanzen aus den Samenbeeten in den gelichteten Wald eine Anzahl von Pflanzen zu Grunde gegangen, besonders da, wo sich am Waldrande zwei scheußliche Unkräuter, eine Convolvulacee und eine Momordica, zeigten, welche mit großer Geschwindigkeit alles überwucherten und die kleinen Pflanzen erstickten. Bis dieselben angewachsen sind, wird es natürlich nötig sein, daß sie einigermaßen rein von Unkraut gehalten werden, damit letzteres nicht mehr die Oberhand über sie gewinnen kann. Herr +Friederici+ war mit dem Gedeihen der Pflänzchen durchaus zufrieden. Die im Samenbeete zurückgelassenen Kickxien hatten sich natürlich viel besser entwickelt, da sie nicht durch das Umpflanzen in ihrem Wachstum gestört worden waren; einige derselben hatten eine Höhe von zwei Fuß erreicht. Eine Rundfahrt in der Kakaoplantage bewies, daß auch hier die schon günstigen Zustände sich immer mehr vervollkommneten. Die verschiedensten neuen Anlagen sind geschaffen worden. Besonders das Vorwerk „Wasserfall“ hatte seinen Anblick sehr verändert, da die Kakaopflanzen, welche ich damals dort gesehen, nun zu stattlichen Bäumchen herangewachsen waren, obgleich die spärlichen Regen, welche während meiner Abwesenheit gefallen, für die Entwickelung der Anlagen äußerst ungünstig gewesen waren. Am Abend noch kehrte ich wieder nach Victoria zurück, da ich am 8. Januar früh zur Moliwe-Pflanzung aufbrechen wollte.

Mit drei Trägern und meinen beiden Jungen, von denen der eine recht gut Deutsch verstand, brach ich am 8. Januar früh am Morgen auf. Ich fühlte mich ganz wohl und marschirte daher mit den Leuten ziemlich schnell bis zum Limbe-Vorwerk der „Victoria“-Pflanzungsgesellschaft. Hier befiel mich plötzlich ein starkes Unwohlsein, so daß ich gezwungen wurde, mich daselbst einige Zeit niederzulegen. Das starke Erbrechen schien fast ein Zeichen zu sein, daß ich mir ein heftiges Fieber zugezogen hatte. Doch gegen 2 Uhr am Nachmittag fühlte ich mich wieder wohl genug, um den Marsch fortsetzen zu können. Wir stiegen auf einem breiten, noch nicht ganz vollendeten Wege bis Boniadikombe am Fuße des Gebirges empor und marschirten dann von dort auf einem Waldwege bis zur Moliwe-Pflanzung, welche wir gegen 4 Uhr erreichten. Herr +Stammler+, welcher bereits von meiner beabsichtigten Ankunft benachrichtigt war, hatte schon alles so weit vorbereitet, damit wir zeitig von Moliwe nach Buëa am nächsten Tage aufbrechen könnten. Ich fühlte mich infolge des Marsches nach meinem kleinen Fieberanfall noch nicht recht wohl und ging daher zeitig schlafen, um am nächsten Tage für den anstrengenden Marsch nach Buëa frisch genug zu sein.

Da es am nächsten Morgen zu regnen begann, verschoben wir unseren Aufbruch bis um 10 Uhr. Um aber die Zeit bis dahin nicht zu verlieren, besichtigte ich die Plantage und vor allen Dingen die mit Kickxia bepflanzten Teile. Herr +Stammler+ war ganz entzückt von den Resultaten, welche er erzielt hatte. Einige der ausgepflanzten Bäumchen hatten auch bereits eine Höhe von zwei Fuß erreicht. Fast möchte ich sagen, die Pflanzen standen hier noch besser als auf der Kriegsschiffhafen-Plantage. Unkraut kam hier weniger auf, da die Plantage nicht am Waldrande begann und daher weniger Sonne für die Unkräuter vorhanden war.

Als der Regen etwas nachgelassen hatte, brachen wir zusammen mit acht Trägern und unseren Jungen nach Boniadikombe auf. Von dort aus schlugen wir einen schmalen Pfad ein, welcher uns durch teilweise kultiviertes Gebiet und durch einige Dörfer hindurch, allmählich am Abhange des Gebirges ansteigend, oberhalb Bomana in den breiten Victoria-Buëa-Weg brachte. Gegen 1 Uhr erreichten wir ein Hotel, welches von einem unternehmenden Sachsen an der Buëa-Straße aufgebaut ist, um den ermüdeten Wanderern etwas Rast und Erfrischung zu bieten. Da Herr +Stammler+ mit dem Besitzer dieses Hotels so wie so verschiedenes Geschäftliche abzumachen hatte (der Grund, auf welchem es aufgebaut ist, gehörte noch zur Moliwe-Pflanzung), so gaben wir unseren Leuten eine Stunde Ruhe, während welcher wir uns zum Mittagessen niedersetzten. Von dem Hotel „Sachsenhof“ bis zum Rande des Buëa-Plateaus hatten wir noch etwas über eine Stunde zu marschieren. Selten war mir ein Marsch so schwer geworden als dieser; offenbar hatte ich meinem nicht wieder ganz hergestellten Körper zu viel zugemutet, denn auch für einen gesunden Menschen ist dieser Marsch bis Buëa hinauf nicht gerade ein leichter Spaziergang. Sobald wir auf dem Plateau waren, fühlte ich frischen Mut. Schon nach kurzer Zeit sahen wir Buëa vor uns liegen und kamen endlich um 5 Uhr auf der Station selbst an. Hier bekamen wir von Herrn +Leuschner+ unsere Zimmer wieder im Rekonvaleszentenhause angewiesen, wo wir uns denn gleich tüchtig reinigten und umzogen, denn von dem Marsche auf der staubigen Straße (es hatte zwischen Bomana und Buëa am Morgen nicht geregnet) waren wir von oben bis unten beschmutzt. Zum Abend waren wir von Herrn Gouverneur +v. Puttkamer+ zum Essen eingeladen. Bei dieser Gelegenheit äußerte sich Herr Gouverneur +Köhler+ von Togo, welcher nach Kamerun berufen war, um den bald zur Erholung nach Europa zurückkehrenden Herrn Gouverneur +v. Puttkamer+ zu vertreten, daß er mich auch in Togo in jeder Weise unterstützen würde, falls ich, den von Herrn Geheimrat +Wohltmann+ und Herrn Bergassessor +Hupfeld+ gemachten Vorschlägen folgend, auch eine kurze Bereisung des Misahöhe-Bezirkes unternehmen würde. Damals konnte ich mich noch nicht sicher für die Sache entscheiden, doch war schließlich das Versprechen des Herrn Gouverneurs +Köhler+ der Hauptgrund, welcher mich veranlaßte, wirklich später zuzusagen.

Herr Geheimrat +Wohltmann+, Herr Bergassessor +Hupfeld+ und Herr +Stammler+ brachen bereits am nächsten Morgen auf, um nach der Lisoka-Plantage zu gehen, wo ich mit den Herren am folgenden Tage zusammenzutreffen versprach, da ich Herrn Gouverneur +v. Puttkamer+ noch Bericht über die Sanga-Ngoko-Reise erstatten wollte.