Westafrikanische Kautschuk-Expedition

Part 14

Chapter 143,606 wordsPublic domain

Am Nachmittage brach während dieser Zeit mit merkwürdiger Regelmäßigkeit ein Tornado mit Regen aus, welcher häufig so stark war, daß die Häuser auf der Station Gefahr liefen, umgeblasen zu werden. Herr +v. Lüdinghausen+ ließ zwar gerade ein neues Steinhaus bauen, doch wäre es uns dennoch sehr unangenehm gewesen, wenn uns in den provisorisch aufgebauten (Raphia-) Bambushäusern das Dach entführt worden wäre. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß wir es der äußerst luftigen Konstruktion dieser Häuser, welche den Wind von allen Seiten hindurchfegen ließen, zu verdanken haben, daß wir einem derartigen Zufalle entgingen.

Herr +Kruschka+, welchen Herr +v. Lüdinghausen+ zur Erholung auf eine kleine Reise nach Djimu, die Herr +Langheld+ mit dem „Major Cambier“ kurz nach unserer Rückkehr vom Dja angetreten, mitgeschickt hatte, traf am 29. Oktober plötzlich mit der Nachricht wieder auf der Station ein, daß am 1. November die „Holland“ von Wesso nach dem Stanley-Pool abfahren wolle. Glücklicherweise hatte ich mich so weit bereit gehalten, daß ich denn auch dank der liebenswürdigen Unterstützung von seiten des Herrn +v. Lüdinghausen+, welcher mit einigen Leuten aushalf, bereits am nächsten Tage unterwegs war. Es wurde mir ordentlich schwer, hier von der Ngoko-Station Abschied zu nehmen, wo ich erst mit Dr. +Plehn+ und dann mit Herrn +v. Lüdinghausen+ so angenehme Stunden verlebt hatte. Das ziemlich große Canoe war kaum im stande, meine vielen Lasten zu tragen; doch hier galt kein Zögern, wenn ich nicht viel Zeit verlieren wollte. Sehr hatte ich mich noch am letzten Tage gefreut, daß Herr +v. Lüdinghausen+ durch sein forsches Auftreten es so weit brachte, daß vier Misangas einwilligten, zusammen mit einigen Leuten von der Station mich nach Wesso zu bringen. Es war dieses das erste Mal, daß die Misangas zu einer derartigen Arbeitsleistung gebracht worden waren.

Da ich zu gleicher Zeit die Post der Station mitnehmen sollte, hatte ich bis gegen 3 Uhr nachmittags zu warten, ehe ich am 30. Oktober aufbrechen konnte. Wir kamen daher denn auch nicht sehr weit, besonders da ich am Dorfe des Häuptlings +Angojo+ anlegen ließ, um einige Lebensmittel zu kaufen. Ehe wir von dort aus das Dorf N’gali erreichten, war es stockfinster geworden, außerdem hatte wieder ein Tornado eingesetzt, so daß die Situation nicht ganz gefahrlos war. Erst gegen 7½ Uhr trafen wir in N’gali ein. Ich wollte nicht erst mein Zelt und das Feldbett unter den übrigen Lasten hervorsuchen lassen, und setzte mich deshalb zum Schlaf in einen langen Stuhl. Doch, o weh! Es gab hier Millionen von Moskitos, welche mich während der ganzen Nacht nicht schlafen ließen. Noch müder als am Abend vorher, setzten wir am nächsten Morgen gegen 6 Uhr unsere Reise fort. Nach einer Stunde ließ ich einige Minuten an einem kleinen Dorfe Halt machen, wo uns die Eingeborenen Elefantenfleisch zum Kaufe anboten. Von dort aus ging es bis 1 Uhr ohne Unterlaß weiter, bis wir den Sanga erreichten. In Sicht von Wesso ließ ich nun noch anhalten, um den Leuten Zeit zum Essen zu gewähren. Kurz darauf trafen wir auch wohlbehalten in Wesso ein, wo man mich bereits aufgegeben hatte, da man dachte, daß ich schon am Abend vorher oder gar nicht eintreffen würde. Der Dampfer war glücklicherweise noch nicht abgefahren. Im Laufe des Nachmittags ließ ich meine Lasten an Bord des Dampfers unterbringen und schickte dann das Canoe mit der Bemannung zur Ngoko-Station zurück.

Da am 1. November der Nebel, welcher den ganzen Fluß bedeckte, uns verhinderte, zu der festgesetzten Stunde zeitig abzufahren, so wurde es ziemlich spät, ehe wir die Reise antreten konnten. Außer mir war noch ein französischer Beamter vom oberen Sanga Passagier auf dem Dampfer; auch er wollte zum Stanley-Pool hinunter. Da der Dampfer nur sehr langsam fuhr und sich fast nur treiben lassen mußte, denn er hatte sich noch während der letzten Ngoko-Reise einige arge Schäden zugezogen, so kamen wir trotz der starken Strömung doch recht langsam vorwärts. Holz wurde nur halb soviel verbraucht als auf dem „Major Cambier“. Es war eine elende Fahrt auf einem der schlechtesten Dampfer, welche den Congo befahren. Hätte ich Leute genug gehabt, würde ich sicher eine Canoereise dieser Dampferfahrt vorgezogen haben, denn dann hätte man doch wenigstens noch die Ufer besser kennen gelernt. Da wir, nach Angabe des Kapitäns, Holz für drei volle Tage besaßen, so fuhren wir bis 5 Uhr am Nachmittage ohne Unterbrechung. Gegen 1½ Uhr sahen wir Likilembe und bald darauf Pembe allmählich hinter uns verschwinden. Bei einem Dorfe, Butinda, welches wir bei der Auffahrt nicht gesehen hatten, legten wir uns am Abend vor Anker. Auch während der Fahrt am nächsten Vormittage sahen wir ein Dorf, welches mir auch früher entgangen war, es wurde N’gunga genannt. Gegen Mittag erreichten wir N’kunda, wo, seit der Zeit meiner Reise den Fluß hinauf, eine Faktorei einer französischen Gesellschaft, in deren Konzessionsgebiet der Ort gehörte, entstanden war. Hier befanden sich zwei Europäer, welche sich beide sowohl darüber beklagten, daß die Eingeborenen ihnen keine Lebensmittel verkaufen wollten, so daß sie gezwungen seien, allein von Konserven zu leben, als auch, daß es überhaupt keinen Handel gebe, denn bis zur Zeit (sie waren bereits zwei Monate in N’kunda) hätten sie noch keinen Zahn Elfenbein kaufen können. Diese Aussagen bestätigten genau meine Ansichten über die französischen Konzessionen am Sanga, wie ich sie übrigens weiter oben und bereits auch an anderen Orten wiederholt ausgedrückt habe. Die armen Leute wußten vor Langeweile nicht, was sie anfangen sollten. Mit großem Eifer hatten sie einen weiten Platz freigeschlagen, um nun daselbst ein großes Haus aufzuführen, denn bis zu unserer Ankunft hatten sie in Zelten gewohnt.

Als wir am Nachmittage N’kunda verließen, erhob sich ein solcher Sturm, daß wir mit dem Dampfer vergeblich versuchten, umzudrehen; erst als wir im Schutze einer Insel waren, konnten wir wieder richtig manövrieren. Wir wurden dann bald von der Strömung ergriffen, welche uns, selbst wenn wir keinen Dampf gehabt hätten, unserem Ziele schnell zuführte. Gegen Abend liefen wir bei einem verlassenen Dorfe an Land. Da wir das Holz der alten Hütten gut als Feuerungsmaterial verwenden konnten, so ließ unser Kapitän die ganze Besatzung daran gehen, die gesamten Holzvorräte auf dem Dampfer zu bergen. Ich sah hier übrigens einige Mittelpfähle an den Häusern, wie ich sie früher noch nicht beobachtet hatte. Dieselben waren am oberen Ende in drei bis fünf verkehrte, übereinander stehende Kegel ausgeschnitzt worden und endeten mit zwei kurzen Spitzen. Der das Dach tragende Querbalken war zwischen diese zwei Spitzen aufgelegt. Unterhalb dieser kegelartigen Verzierung an der Spitze der Pfähle war ein viereckiges Loch angebracht worden, über dessen Bedeutung ich nie recht klar geworden bin, es sei denn, daß man dort Pulverhörner oder sonstige Gegenstände aufhängte.

Daß wir uns nun der schlimmsten Moskito-Region des Congo näherten, wurde uns nur zu bald klar an den vielen Stichen, mit denen wir Europäer bedeckt waren. In der Nacht konnten wir kaum schlafen. Auch die Eingeborenen haben unter dieser Plage sehr zu leiden, da sie fast alle mit vollständig entblößtem Körper sich zur Ruhe legen.

Wieder verhinderten uns starke Nebel am 3. November, vor 9 Uhr aufzubrechen. Wir verfolgten einen Kurs, welcher von dem, welchen wir mit dem „Major Cambier“ bei der Fahrt flußaufwärts eingeschlagen, etwas abwich. So kam es, daß wir auch heute gegen Mittag wieder ein Dorf erreichten, von dem ich vorher auch nichts gehört hatte. Unserem Kapitän war es wohlbekannt, da er dort bereits häufiger Holz gekauft hatte. Auch diesmal versuchten wir wieder, einiges zu erhalten. Nach langem Feilschen willigten die Dorfbewohner schließlich ein, uns etwas von ihrem Vorrate abzulassen. Das Dorf lag an einem kleinen, dicht mit Wassergras, Pistia, Azolla und Utricularia bedeckten Creek, welcher, wie mir die Eingeborenen erzählten, weit aus dem Innern kommt, wo viele Nilpferde (Ngubos) seien; nur bei sehr hohem Wasserstande sei es möglich, dort hinzukommen. Die Leute waren äußerst mißtrauisch. Gegen Abend setzten wir unsere Fahrt dann fort. In der Nähe des Platzes, welchen wir zum Nachtlager erkoren hatten, fand ich viel Landolphien, welche guten Kautschuk gaben. Auch hier wurden wir von den Moskitos arg zugerichtet. Da der Fluß nur wenig Abwechselung bot und der Dampfer nur langsam vorwärts kam, fing die Fahrt an, uns beiden Passagieren äußerst langweilig zu werden. Nicht einmal ein Nilpferd oder ein Krokodil ließ sich sehen; außerdem regnete es sehr häufig, so daß wir uns nicht selten recht ungemütlich befanden. Weiße Edelreiher waren die einzigen Tiere hier, welche einen Schuß Pulver wert gewesen wären; doch diese verschwanden immer wieder, bevor wir uns auf Schußweite nähern konnten, denn die Maschine unseres Dampfers verursachte einen solchen Lärm, daß alle Tiere verscheucht werden mußten. Gegen Mittag langten wir an einem Dorfe an, welches an einem breiten Arm des Sanga gelegen war, der dem Kapitän und mir bis dahin unbekannt war. Da das Fahrwasser günstig schien und wir vermuteten, sehr bald wieder in den alten Kurs zurückzukommen, ließ sich der Kapitän bewegen, in diesen Arm des Flusses einzufahren. Obgleich wir bis gegen Anbruch der Dunkelheit fuhren, war doch noch keine Gelegenheit gewesen, in den Hauptstrom zurückzukehren. Wir wären eventuell wieder umgekehrt, wenn wir nicht aus der stark ablaufenden Strömung ersehen hätten, daß wir uns immer noch im Sanga befanden. Von einer so großen Insel, wie wir sie hier offenbar an unserer Seite hatten, war im Sanga gar nichts bekannt. Sehr neugierig wurden wir schließlich, doch zu wissen, wo wir endlich wieder in uns bekannte Gegenden kommen würden; der nächste Tag mußte ja diese Frage lösen. Natürlich war auch die Gefahr vorhanden, daß wir infolge schlechter Wasserverhältnisse umkehren müßten, wir hätten dann zwei Tage Zeit verloren. Am nächsten Tage dampften wir schon zeitig ab, da wir doch alle gespannt der Dinge harrten, welche nun kommen würden. Das Fahrwasser war gut. Jede neue Biegung zeigte uns dasselbe Bild, zu beiden Seiten hoher Urwald, durch den diese prachtvolle Wasserstraße führte. So fuhren wir in diesem Kanal des Sanga hin, bis wir endlich zu unserer Freude gegen Mittag den Hauptstrom wieder vor uns sahen. Wie sich herausstellte, hatten wir durch diese Fahrt eine bedeutende Verkürzung der Route erreicht, denn die Ausmündung des Kanales lag in nicht großer Entfernung der Mündung des „Likuala aux herbes“ und war bisher stets als eine Mündung eines Nebenflusses des Sanga betrachtet worden. Gegen 4 Uhr erreichten wir die Mündung des „Likuala aux herbes“ und machten dann nach etwa noch einstündiger Fahrt Halt, um den Leuten Zeit zu geben, für den Dampfer genügend Holz zu schlagen. Im Walde waren hier nur wenige Kautschuklianen zu sehen. Erst gegen 9 Uhr konnten wir am nächsten Tage fort, da wir nicht genügend Holz hatten, denn, da keine richtige Aufsicht über die Leute existierte, so benutzten dieselben natürlich auch jede Gelegenheit, um möglichst zu faulenzen. Die Savannen waren schon seit gestern immer häufiger geworden und waren heute sogar an der Likuala-Seite vorherrschend. Gegen Mittag erreichten wir die Mündung des Likensi-Kanales. Hier hatten wir noch das Glück, zu sehen, wie vier Eingeborene in zwei kleinen Canoes ein Nilpferd, welches sie offenbar bereits vorher verletzt hatten, harpunierten. Es war erstaunlich, daß das geängstigte Tier nicht die Canoes umwarf. Kurz nach 1 Uhr trafen wir dann glücklich wieder in Bonga ein.

Wir hatten gehofft, in Bonga einen Holzvorrat zu finden, der es uns ermöglichen würde, am nächsten Morgen gleich weiterzufahren, hatten uns hierin aber getäuscht. Während des folgenden Tages mußte daher die ganze Schiffsbesatzung für einen neuen Holzvorrat sorgen, da wir im Congo voraussichtlich Schwierigkeiten haben würden, die nötigen Holzmengen ohne großen Zeitverlust zu beschaffen. Ich hatte in Bonga noch einiges zu ordnen und benutzte dann den Rest der Zeit dazu, eine Exkursion zu machen, bei der ich aber nichts Neues entdecken konnte.

Kurz nachdem wir am 8. November morgens Bonga verlassen hatten, um nun nach dem Congo zu fahren, trafen wir den „M’Fumuntango“, einen größeren Dampfer des holländischen Hauses. Unser Kapitän, welcher gern derartige Gelegenheiten benutzte, sich eine kleine Abwechselung zu gestatten, ließ an Land anlaufen und ging dann an Bord des „M’Fumuntango“, um sich nach Neuigkeiten zu erkundigen. Auf dem Dampfer befand sich der Gouverneur des Congo français, welcher mit seinem ganzen Stabe auf einer Reise nach dem Ubangi begriffen war. Unser Kapitän, welcher wohl hier eine Gelegenheit gefunden zu haben glaubte, sich besonders auszeichnen zu können, benutzte einen Fieberanfall seines Kollegen zum Vorwande, um unseren Dampfer, welcher hier nur leicht an einer Grasbank durch einen Anker befestigt war, im Stiche zu lassen, und nun den „M’Fumuntango“ nach Bonga zu führen, obgleich sich auf demselben noch ein zweiter Kapitän für etwaige Notfälle befand. Da wir noch in Sicht von Bonga waren, meiner Ansicht nach ein ebenso überflüssiger wie gewagter Schritt, denn es war deutlich zu sehen, daß wir innerhalb der nächsten Stunde einen starken Tornado zu erwarten haben würden. So geschah es nun auch, daß der äußerst lose befestigte Dampfer ohne Führung diesem Sturme preisgegeben wurde. Wenn wir losgerissen worden wären, so wäre der Dampfer rettungslos verloren gegangen, denn seine Steuermaschine fungierte sogar in der gewöhnlichen Strömung kaum und wäre beim Tornado vollends nutzlos gewesen. Als der Sturm ausbrach, ließ ich einen zweiten Anker, welcher glücklicherweise an Bord war, vom hinteren Teile des Dampfers nach dem Ufer hinüberlegen und dann den Dampfer soweit als möglich an die Grasbank heranziehen, so daß er etwas sicherer lag und vom Sturme weniger zu leiden hatte. Als der Tornado vorüber war, wäre es Zeit gewesen, daß der Kapitän hätte wieder zurückkommen können, doch schien es diesem in Bonga so gut zu gefallen, daß er auch am Abend noch nicht zurückkehrte. Gegen 11 Uhr am nächsten Tage erschien ein Canoe von Bonga, welches von dem Chef de Poste daselbst geschickt war, um drei von einer französischen Firma entlaufene Bangalas, welche der Kapitän engagiert hatte, zurückzuholen. Von ihm selbst war noch nichts zu sehen. Erst um 2 Uhr erschien er, sehr vergnügt über die Unterbrechung, welche ihm die Rückreise nach Bonga gestattet hatte. Nun hatte er natürlich Eile, fortzukommen, um das Versäumte nachzuholen. Da ich den Maschinisten aufgefordert hatte, einen gewissen Dampfdruck zu halten, damit wir sogleich nach Ankunft des Kapitäns abfahren könnten, waren wir schon kurz nach 2 Uhr in der Lage, abdampfen zu können. Zwischen den Inseln und dem Festlande fuhren wir stromab. Man wußte nie recht, ob man sich hier noch im Sanga oder im Congo befände, da die davor gelagerten Inseln gewissermaßen die Scheide zwischen Congo und Sanga bilden, während andererseits durch den Kanal von Likensi das herunterkommende Wasser des Congo bei Bonga vorbeifließt. Die Mündung des Likuala, welcher mit dem „Likuala aux herbes“ nichts zu thun hat, passierten wir gegen 3 Uhr und gelangten dann kurz darauf in den wahren Congo, welcher dort gerade ein recht typisches Bild darbot mit seiner breiten Wasserfläche und den unzähligen Inseln. Als die Sonne sank, gelang es uns, in dem Gewirr von Inseln noch eben einen Platz zum Anlegen für die Nacht zu erreichen; Holz gab es hier allerdings nicht, so daß sich wohl bald wieder Mangel bei uns einstellen mußte. Erst gegen 10 Uhr ließ der Kapitän am nächsten Tage abfahren. Da ich in Eile war, nach der Küste zur rechtzeitigen Abfahrt eines Dampfers zu kommen, um möglichst wenig Zeit zu verlieren, war mir dieses doppelt unangenehm. Da wir zwischen den vielen Inseln auch nicht einen direkten Kurs einhalten konnten, so war unser Fortschritt nur ein sehr langsamer. Ein Tornado, welcher am Nachmittage heraufzog, zwang uns, an einer Sandbank Schutz zu suchen. Da das Wetter noch lange Zeit sehr drohend aussah, konnten wir auch im Laufe des Nachmittags nicht weiterfahren. Nilpferde gab es nur sehr spärlich, aber desto mehr Schlangenhalsvögel und weiße Reiher. Ich unternahm noch am Nachmittage eine Canoefahrt zwischen den Inseln hindurch, um zu versuchen, ob ich nicht irgendwo in den Wald eindringen könnte, mußte diesen Versuch aber bald aufgeben, da die sämtlichen Wälder überschwemmt waren. Am nächsten Tage fuhren wir kurz nach 6 Uhr ab. Gegen 8 Uhr trafen wir bei der belgischen Station Bolobo ein, wo wir uns wieder tüchtig mit Hühnern versehen konnten. Ich wollte mir die Station näher ansehen und erkundigte mich nach dem Kommandanten. „Er sei mit 50 Soldaten ins Innere gezogen, um die Eingeborenen zu lehren, wie Kautschuk gemacht werde“, erhielt ich zur Antwort. Auf einer kleinen Streiferei sah ich auch hier ein Exemplar der Kickxia latifolia. Nachdem wir unsere Einkäufe beendet (wir hatten etwa 50 Hühner gekauft), dampften wir weiter. Bei einem kleinen Holzposten unterhalb der Station liefen wir an, da der Kapitän glaubte, von dem den Posten verwaltenden Eingeborenen Holz kaufen zu können. Derselbe gehorchte aber seinen Instruktionen genau und gab kein Holz ab. Wir hielten uns nun gar nicht weiter auf, sondern suchten sogleich nach einem Platze, wo wir genügend Holz finden würden, daß es sich verlohnte, daselbst schlagen zu lassen. Nach etwa halbstündiger Fahrt legten wir für einige Zeit an, bis wir uns überzeugt hatten, daß es sich nicht verlohne, hier weiter Holz schlagen zu lassen. An dem Abend desselben Tages erreichten wir gegen 6 Uhr die englische Missionsstation Chumbiri, welche wir aber von Europäern verlassen fanden. Kurz nach uns traf der Missionsdampfer „Peace“ ein, welcher von Herrn +Grenfell+, dem bekannten Congo-Forscher und Entdecker der Ubangi-Mündung, geführt wurde. Sehr interessante Neuigkeiten sowie verschiedenes über seine letzte Reise gab dieser noch immer äußerst rüstige alte Missionar und Forscher an jenem Abend zum besten. Am 12. November kamen wir nun endlich einmal wieder schon um 6 Uhr fort, allerdings auch nur, um wieder eine kurze Fahrt zu machen, denn schon um 9 Uhr wurde abermals angehalten, da unser Holzvorrat nun völlig erschöpft war. Ich bestieg, während Holz geschlagen wurde, einen der bewaldeten Hügel in der Nähe, fand aber keine Landolphien dort, wie ich eigentlich erwartet hatte. Von dieser Anlegestelle bis zur Mündung des Kassai hatten wir nur eine sehr kurze Fahrt. Gegenüber der Kassai-Mündung hatte das holländische Haus auch eine Faktorei bei dem Dorfe Bokabo, wohin wir nun zunächst unsern Kurs richteten. Kurz nach dem Essen langten wir vor der Faktorei an. Ein sehr netter, junger Holländer, welcher der Faktorei vorsteht, führte mich am Nachmittage in der Umgebung umher, wo er einiges Interessante für mich zu finden glaubte. Savannen wechselten hier mit Urwald ab, erstere häufig durch Sümpfe unterbrochen. An sandigen, sonnigen Stellen im kurzen Grase sah ich hier den Wurzelkautschuk wachsen, von dem die Bateke auch schon anfangen sollen, Kautschuk zu bereiten. Da es unser Kapitän mit der Zeit offenbar nicht sehr eilig hatte und am nächsten Tage in Bokabo liegen blieb, so benutzte ich diesen gezwungenen Aufenthalt dazu, die Umgebung näher zu untersuchen. Wurzelkautschuk war ziemlich reichlich vertreten, verschwand aber sofort, wenn das Terrain weniger sandig und feuchter wurde. Auf den Bäumen in den Wäldern wie auch auf einzeln stehenden Bäumen, häufig der prallen Sonne ausgesetzt, wuchs hier eine Orchidee, welche allerdings nicht in Blüte war, doch noch an vertrockneten Blüten, welche sich in den Blattachseln fanden, leicht erkennen ließ, daß man es mit dem offenbar seltenen Angraecum ichneumoneum zu thun hatte. Auch eine Bossassanga-Art sah ich hier zum ersten Male, welche wohl für die Wissenschaft neu sein dürfte.

Bis zu dieser Faktorei bei Bokabo kommen die Bateke aus dem Innern des Congo français, um ihren Kautschuk zu verkaufen. Am Nachmittage erschienen auch wieder einige, welche wenige Zähne Elfenbein und einige Taschen voll Kautschuk brachten. Der Kautschuk war in große Kugeln geformt, welche einen ziemlich reinen Schnitt zeigten, aber doch viele Hohlräume besaßen. Nach Angaben der Leute stammte er von Landolphien her. Diese Bateke hatten eine interessante Haarfrisur. Die nach dem Scheitel zusammengekämmten Haare waren zu einem langen, stumpfen Kamme zusammengeflochten, welcher sich von der Stirn zum Hinterkopfe zog.

Da von seiten dieser Faktorei oberhalb des Dorfes Bokabo Holz für passierende Dampfer des holländischen Hauses geschlagen wird, so beschloß unser Kapitän, dorthin zu fahren, um sich mit Holz zu versehen. Am Morgen des 14. November dampften wir ab, nun wieder stromauf. Um die Strecke bis zu dem Holzposten zurückzulegen, wozu ein Canoe gewöhnlich 1 bis 1½ Stunden gebraucht, waren wir drei Stunden auf der Fahrt. Erst gegen 1 Uhr war dann das Holz auf dem Dampfer verstaut, so daß wir an die Weiterreise denken konnten. Auf der Rückfahrt hielten wir noch bei der Bokabo-Faktorei an, um Post nach Brazzaville mitzunehmen, dann setzten wir ohne Unterbrechung die Fahrt bis 4 Uhr nachmittags fort. Die „Marie“, ein kleiner Dampfer eines französischen Hauses, kam vor uns den Strom hinauf. Das gab nun natürlich dem Kapitän unseres Dampfers wieder Grund, anzuhalten, um zu gleicher Zeit mit dem Kapitän der „Marie“ für den Rest des Tages sich festzulegen. Unsere Fahrt nach dem Stanley-Pool, die ja schon allerdings eine sehr langsame war, wurde auf diese Weise immer mehr verlängert. Am 15. November ereilte uns nun gar erst das Unglück. Wir hatten den Dampfer „Brazzaville“ getroffen und natürlich wieder für einige Zeit die Fahrt unterbrochen. Der Kapitän kam schließlich in ziemlich benebeltem Zustande wieder zurück und ließ die Fahrt fortsetzen. Ich machte ihn damals schon auf einen heraufziehenden Tornado aufmerksam, welcher in Kürze ausbrechen mußte. Er lachte nur und behauptete, dagegen mit der „Holland“ anfahren zu können. Der Tornado brach bald darauf aus und trieb den Dampfer, welchen er wie eine Feder erfaßte, gegen Felsen und Baumstämme, so daß wir ein großes Leck erhielten und sich die ganzen unteren Räume im Vorderteile des Schiffes bald mit Wasser füllten. Zu unserem Glücke wurden wir dann gegen eine Sandbank aufgetrieben, so daß wir gerettet waren.

Den Nachmittag sowohl des 15. November wie den ganzen Vormittag des nächsten Tages dauerten nun die Reparaturen, welche glücklicherweise an Ort und Stelle ausgeführt werden konnten. Unsere Fracht, welche nicht leicht verderben konnte, denn sie bestand fast nur aus Elfenbein, mußte ausgeladen und an Land gebracht werden. Ich benutzte wieder diesen Zwischenfall zu Streifereien in den Wäldern, um nach Kautschuk zu fahnden. Landolphia owarilusis war ziemlich verbreitet, außerdem noch eine windende Carpodinusart, welche keinen Kautschuk gab. Von einer kleinblütigen Landolphie fand ich im Walde noch auf dem Boden Blüten, konnte der Pflanze selbst aber nicht habhaft werden, obgleich ich lange danach suchte.