Wenn ich die Sonne grüße ...

Part 2

Chapter 23,561 wordsPublic domain

»Ich meine nichts Bestimmtes. Nur das ist mir klar, daß wir dem Untergang zutreiben. Es hat einmal einer gesagt, wir brauchten eine schwere Kolonisationsaufgabe, um zu gesunden. Die gelbe Gefahr ist nicht von heute, eine zweite Völkerwanderung nicht ausgeschlossen. Ich bin keine Schwärmerin -- unmöglich ist das nicht! Stellen Sie sich nicht nur eine starke Grenzverschiebung, stellen Sie sich einmal eine germanische Grenzerweiterung vor, und die harte schwere Aufgabe ist geboten. Da gilt's nicht nur die Urbarmachung russischer Sümpfe, da gilt's, entartetes Volksleben veredeln. Das wäre eine Arbeit, wie unsere kampfesscheue Zeit sie brauchte. Deutschland ist stärker, als sein Alltagleben verrät. Aber es ist ein Acker, der einer tief gehenden Pflugschar bedarf, um Edelfrüchte zu reifen. Denken Sie an 1806 und dann vor allem an 1813! Der deutsche Volkscharakter braucht immer wieder den Gewaltherrn in irgendeiner Gestalt -- ob er Krieg oder Pestilenz heißt oder harte schwere Arbeit, -- ohne eine große Not findet unser Volk seinen Gott nicht wieder.«

»Und wenn zehntausend übrig blieben, die nicht abgefallen wären?« fragte der Spreewälder.

Sie antwortete nicht. Mit zusammengezogenen Brauen blickte sie über die mondbeglänzten Wiesen.

»Exzellenz,« sagte Franz Schenker leise, »wenn's fünftausend wären?«

Sie schwieg noch immer.

»Wenn's nur tausend wären!«

Die Edelfrau breitete die Hand über die Augen.

»Es heißt doch, ›Ihr seid das Salz der Erde‹, Exzellenz! Tun's nich oft schon 'n paar Körnchen?« fragte er. Die alte Stimme bebte.

Da reichte Sabine von Kambach dem treuen Manne die Hand. »Gott geb's!« sagte sie und schritt dem Hause zu.

Auf dem Altan blieb sie stehen und wandte noch einmal den Blick. Schweigend lagen die Lande im Mondlicht, ein Bild des Friedens.

Da zog's durch ihre Seele: ›Du hast harte Worte geredet, und dein Schweigen war das härteste!‹ Die Tränen stiegen ihr brennend empor.

Aber Heimatliebe ist wahrhaftig. Sie nennt die Sünde ihres Volkes bei Namen.

Durch die Seele der Greisin zog das Wort eines Mannes, der wie wenige sein Volk geliebt -- das Wort Heinrich von Treitschkes: »Wer ein wenig über den nächsten Tag hinausdenkt, wird sich kaum der Ahnung erwehren können, daß vielleicht schon am Beginn des kommenden Jahrhunderts ein ungeheurer Kampf um das Christentum selber, um alle Grundlagen der christlichen Gesittung ausbrechen mag. Gewaltige Kräfte der Zersetzung und der Verneinung sind überall in Europa am Werke: Materialismus, Nihilismus, Mammonsdienst und Genußgier, Spötterei und wissenschaftliche Überhebung. Der Tag kann kommen, da alles, was noch christlich ist, unter einem Banner sich zusammenscharen muß.«

Aber der Warner blieb ungehört, wie viele andere -- -- --

Ein schwerer Fittich rauschte über Deutschland.

Zweites Kapitel.

Wir winden dir den Jungfernkranz!

Wir schmücken singend Kirchlein und Saal, Wir schmücken das stille sonnige Haus! Wir winden dir in den Hochzeitskranz Den vollen purpurnen Heidestrauß!

Wir sprechen den Heimatsegen dazu, Den Festtagsgruß aus verklungener Zeit -- -- Ob wohl die träumende Ahnfrau erwacht, Weil ein märkischer Junker sein Herzlieb freit?

Auf dem Altan vor dem Herrenhause saßen die Brautjungfern, Hochzeitskränze windend. Ein anmutiges Bild, das jedes Geschlecht, jede Zeit kennt und liebt, das immer wieder erwachen und emporsteigen wird, -- ein Stück Heimatbrauch, wie er nicht lebensvoller gedacht werden kann: die Töchter der Mark, der scheidenden Gespielin den Ehrendienst leistend.

Um die laubgefüllten Körbe saßen die schlanken Mädchengestalten, weithin leuchteten die Sommerkleider, die bunten Seidenbänder und Schärpen. Auf blendenden Schultern, auf fleißig schaffenden Händen flimmerte die späte Sonne, als sei's ein Strauß duftender Edelrosen, den sie abschiednehmend küßte. Mehr als eine blonde Schönheit war unter den Kranzwinderinnen. Manch eine beugte sich, heimlich von eigenem Liebesglück träumend, über die duftenden Mulden, aber keine war Braut, -- eine alte Sitte hätte sie von dem lieblichen Dienst ausgeschlossen.

Und die purpurnen Wälder leuchteten, und die weiße Septemberseide flog über Acker und Heidstrecke, über blinkende Wasserspiegel. Vom Gutshaus aber klang's jubelnd und jauchzend ins weite Land:

»Wir winden dir den Jungfernkranz Mit veilchenblauer Seide! Wir führen dich zu Spiel und Tanz, Zu lauter Lust und Freude! Schöner grüner, Schöner grüner Jungfernkranz!«

Tieflandzauber wehte über Wald und Anger, über die altehrwürdige Heimat -- --

Würden ums Abendgold die Flammen aus den Fenstern schlagen und der Jungfernschleier über das Kambacher Moor wehen?

In den braunen und blauen Mädchenaugen stand heimliches Fragen.

»Sibylle,« rief ein goldhaariges Fräulein von Seelow, »heut nacht brennt deine Kammer!« Und ein dunkeläugiger Schelm von siebzehn Sommern erklärte: »Ich will aber den langen Beelitz zum Trauführer haben!«

Glutübergossen hatte sich die junge Gräfin Bühler über den Hochzeitskranz geneigt. Jetzt hob sie das schöne Antlitz: »Kleine Mädchen haben gar nichts zu wollen!«

»Oho, ich sag's ihm heut abend!«

»Tu', was du nicht lassen kannst!«

Ein Blütenregen war die Antwort.

»Höre, Esther Sophie, sei etwas sparsamer mit den Rosen,« mischte sich eine Adelsleben ein. »Franz Schenker hat sagen lassen, es seien die letzten!«

»Schenkersch olle Vadder rückt nie mit etwas heraus, außer wenn Großmutter Kambach oder Eberhard kommen! Für andere Sterbliche hat seine schöne Seele kein Verständnis! Ich fürchte, er ist etwas überspannt!«

»Wenn du nur nicht überspannt bist!« meinte Anna Bertha von Strohbeck. »Den Mann, der dich einmal bekommt, beneide ich nicht!«

Alles lachte.

»Du hast ja auch noch keine Gelegenheit dazu gehabt!« rief die Kleine schnippisch.

»Ich bin fertig,« sagte Sibylle ruhig, als ginge die Sache sie nichts mehr an. Behutsam legte sie das Blumengewinde über den Stuhl. Hoch aufgerichtet stand sie in ihrem weißen Kleide da. Im dunklen Haar, das in schweren Flechten um den feinen Kopf gesteckt war, hingen ein paar Rosenblätter, -- lachend schüttelte sie sie ab. Alles sah sie an. Keine hatte sie je so schön gesehen.

»Wenn er in diesem Augenblick käme,« begann die jüngste Kranzwinderin von neuem.

Aber Sibylle Bühler drehte sich um und ging langsam ins Haus.

»Jetzt ist's genug, Esther Sophie,« sagte sie mit ruhiger Bestimmtheit.

Da wurde die Kleine feuerrot und verstummte.

Gleich darauf zogen Geigenklänge durchs Haus. Künstlerspiel.

»Chopin!« sagte Sigrid Adelsleben. »Eins weiß ich: wenn ich so spielte, bliebe ich nicht daheim, und ob die ganze Verwandtschaft sich auf den Kopf stellte! Eine Kunst, wie diese, ist Allgemeingut und gehört in die Öffentlichkeit!«

»Das liegt Sibylle nicht!«

»Wer sagt das?«

»Sie selbst hat mir gesagt, sie ginge nicht zur Bühne.«

»Die Geige ist für den Konzertsaal.«

Frage und Antwort flogen herüber und hinüber.

»Wo mag Ilse nur stecken?«

»Die ist mit ihrem Schatz in den Wald gegangen,« klang es zurück.

»Streng genommen hätte sie Cercle halten müssen,« meinte Ursula von Dachow. »Während wir unsere zarten Finger opfern, streift sie mit dem Liebsten durchs Land! -- Wir hätten Handschuhe anziehen sollen, Kinder!«

»Ja, man ist immer klüger, wenn man vom Rathaus kommt! -- Da sind ja die beiden!«

Ein Fräulein von der Malwitz reckte den Hals. »Platz für die Königin!«

Die Brautjungfern sprangen von den Sitzen. Wie auf Kommando hoben sie die Hochzeitskränze empor und hielten sie zurücktretend in weitem Bogen über den geschaffenen Durchgang. Die feinen Gestalten leicht geneigt, die weißen Arme emporgestreckt, die lachenden Gesichter auf die Kommenden gerichtet, standen sie da.

Und wieder zog das alte Jungfernlied in den märkischen Herbsttag hinaus.

Wolf Dietrich von Bühler und seine Braut standen still und lauschten der Huldigung. Ein frohes Lächeln lag auf Ilses lieblichen Zügen, während sie den Gespielinnen zuwinkte. Ihre edlen Formen hob ein schlichtes Sommerkleid besonders vorteilhaft hervor. Eine rote Rose im Gürtel, eine kostbare Perlenschnur, das Brautgeschenk Graf Bühlers, waren der einzige Schmuck der vornehmen Erscheinung. Etwas ungemein Zartes, Weibliches lag über ihrem ganzen Wesen, jene Milde, die, mit dem Starken gepaart, nach Schillers Ausspruch einen guten Klang gibt.

Wolf Dietrich von Bühler spielte in der Gesellschaft eine Rolle. Sein gewandtes liebenswürdiges Wesen, sein feines Auftreten, seine ganze Art, sich zu geben, alles nahm für den schönen, aber leicht veranlagten Mann ein. Der Menschenkenner las in dem frauenhaften Gesicht allerdings manches, das besser nicht darin gestanden hätte, andere freuten sich des angenehmen, jederzeit gefälligen Kameraden. Wolf Dietrich hatte der Vater gefehlt. Sein Leichtsinn -- mütterliches Erbe -- war niemals weder erkannt noch bekämpft worden. Gräfin Bühler, eine geborene Gräfin Firlemont, eine bildhübsche gefeierte Frau, hatte zwar, wie sie sagte, um ihrer Kinder willen nicht wieder geheiratet, sich aber keineswegs der Erziehung derselben gewidmet. Wenigstens waren ihre Begriffe von Kindererziehung so oberflächliche, daß der Großvater Bühler, ein Edelmann vom alten Schlage, ihr oft in sehr entschiedener Weise entgegentrat. Aber die Gräfin war Wolf Dietrichs und Sibyllens einziger Vormund und ließ sich nicht dreinreden. Es gab die unerquicklichsten Auftritte, welchen die leidenschaftliche Frau eine solche Schärfe zu verleihen wußte, daß der alte Herr es schließlich aufgab, mit ihr zu verhandeln und seinen Einfluß in anderer Weise geltend zu machen suchte. Es kam hinzu, daß seine Schwiegertochter als Französin für die vornehme Einfachheit des märkischen Adels kein Verständnis hatte.

Wolf Dietrich verehrte und liebte den Großvater auf seine Art; trotzdem war es Graf Bühler nicht gelungen, dem Enkel seinen grenzenlosen Leichtsinn auszutreiben. Er artete nach den Firlemonts. Der Sinn für ererbte Scholle und ehrwürdige Überlieferung fehlte ihm gänzlich. Seine religiösen Ansichten waren höchst oberflächlicher Art und verdienten eher den Namen einer sehr willkürlichen Weltanschauung. Nach außen wahrte er den guten Schein, schon um des Großvaters willen, dessen ritterliche Persönlichkeit er stets in Ehren gehalten. Er begleitete den alten Herrn in die heimische Dorfkirche und würde in seiner Gegenwart niemals in herabsetzender Weise über religiöse Dinge gesprochen haben. Aber im Grunde war er mit dem Christentum fertig. Es vertrug sich nicht mit den modernen Lebensanschauungen, war unvereinbar mit der Wissenschaft, war mit einem Worte rückständig. Die Frage des Ersatzes war ja längst eine schreiende. Ob man denselben in Kunst und Wissenschaft, in Moral oder Religiosität suchte, mußte jeder mit sich selbst abmachen.

Obgleich der junge Offizier dem Großvater seine Ansichten nach Möglichkeit zu verbergen suchte, wußte jener doch, wie die Dinge standen. Aber er sagte sich: ›Viel reden nützt nichts. Das Leben muß ihn in die Schule nehmen‹, und trug seine Sorgen vor Gott.

Mehr Freude als an dem verwöhnten Enkel, erlebte er an Sibylle, die ganz ihres Vaters Tochter war. Wochenlang war sie bei dem Großvater, während ihre Mutter Italien und die Schweiz bereiste. Gräfin Bühler kam ihrem Schwiegervater in diesem Punkte bereitwillig entgegen; denn es entsprach ganz ihren Wünschen, sich ab und zu ohne die schöne Tochter zu zeigen. Sibylle aber tat nichts lieber, als dem alten Herrn Gesellschaft zu leisten.

* * * * *

Das Jungfernlied war verklungen, das Brautpaar betrat den Altan. Feierlich, als nahten zwei Fürstenkinder, senkten sich die Hochzeitskränze. Lachend ging Ilse auf den Scherz ein und schritt, nach allen Seiten grüßend, mit der Würde einer Herzogin an der Seite ihres Verlobten durch die Reihen der Gespielinnen.

Es war ein Bild, wie es nicht anmutiger sein konnte, und über die ernsten Züge des Gutsherrn, der mit dem greisen Erblandmarschall aus einem Fenster des oberen Stocks auf die Gruppe niederblickte, ging ein Lächeln.

»Das war meine selige Frau, wie sie leibte und lebte!« sagte er und beugte sich vor, um der Tochter nachzusehen.

Graf Bühler nickte versonnen. »Wolf Dietrich kann sich glücklich preisen. Er verdient Ilse gar nicht.« Als der Hausherr schwieg, fuhr er fort: »Sie wissen ja, wie ich über diese Heirat denke, lieber Kambach, und ich will Ihnen am allerwenigsten heute das Herz schwerer machen, als es schon ist, aber ich muß es Ihnen noch einmal aussprechen: ich werde die Sorge nicht los! Und diese Sorge betrifft nicht nur Ihre Tochter, welche durch die Heirat mit meinem Enkel aller Wahrscheinlichkeit nach keiner leichten Zukunft entgegengeht, sie betrifft auch Ihren Sohn.«

Er hielt inne, das feine geistvolle Gesicht beobachtend auf die Züge des anderen gerichtet.

Herr von Kambach blickte noch immer auf die Stelle, wo die helle Gestalt seines Kindes im Sonnenschein gestanden. Eine tiefe Falte hatte sich in die hohe Stirn des alten Soldaten gegraben, und die schmalen bartlosen Lippen preßten sich fest aufeinander. Er fuhr mit der Rechten über das kurz verschnittene Haar. Diese Frage durfte außer seiner Mutter nur einer anschneiden, -- der Mann, der vor ihm stand. Trotzdem ging allemal ein Stich durch das Herz des Vaters und märkischen Edelmannes. Starb die alte Art aus? War die Rasse nicht mehr rein? Wahrlich, bisweilen kam ihm der Gedanke, daß die Mächte, vor denen er noch bis vor kurzem seine alte Mark sicher geglaubt, auch hier Fuß faßten. Denn immer wieder mußte er sich sagen, daß es nicht nur das Garnisonsleben war, das Eliteregiment mit seiner Üppigkeit, seinen unleugbaren Versuchungen, das dem Mann Gefahren brachte, wies doch neben diesen Nachtseiten gerade der Offizierstand Vorzüge auf, wie die strenge Zucht, die scharfe Fassung des Ehrbegriffs, den festen kameradschaftlichen Zusammenschluß, -- Vorzüge, die nicht nur geeignet waren, das sittliche Leben in hohem Maße zu festigen, sondern auch das Geschlecht, das in unentwegter Treue zu Altar und Thron stand, dem Vaterlande zu erhalten. Nein, der Schaden lag an anderer Stelle: der Offizierstand als solcher verschuldete den Niedergang nicht, -- Deutschlands Söhne waren es, welche den Verfall in die Armee trugen. Ein erschütternd schwerer Vorwurf gegen Staat und Kirche, Gesellschaft und Familie! Das eiserne Pflichtgefühl, das die Väter stark gemacht, war den Enkeln verloren gegangen. Gottesfurcht und Gottvertrauen, jene felsenfesten Träger gesunden Volkslebens, lehnte der moderne Mensch in unfaßlicher Selbstüberhebung ab. Der Kapitalismus aber trug den Fluch des Goldes herein, Gesellschaft und Persönlichkeit vergiftend. Das war Deutschland hundert Jahre nach den Befreiungskriegen!

Und der königstreue märkische Edelmann schaute blutenden Herzens die sichtbaren Spuren des großen allgemeinen vaterländischen Verfalls am eigenen Fleisch und Blut. Darum brach unter der leisesten Berührung von treuer Hand immer wieder die Wunde auf, -- ein Kambach verstand auf dem Schlachtfeld für seinen König zu sterben, mit gebundenen Händen Deutschland verbluten zu sehen, verstand er nicht. Das war mehr, als Manneskraft ertrug! --

Harro stand bei den Drachenburger Ulanen. Es war Überlieferung bei den Kambachs, daß der älteste Sohn in dies Regiment trat. Er war etwas jünger als Wolf Dietrich Bühler, den er von klein auf kannte. Die Familiengüter grenzten aneinander; solange man denken konnte, hatten die Kambachs und Bühlers gute Nachbarschaft gehalten. Die Knaben hatten zusammen gespielt, das Kadettenhaus hatte sie zusammengeführt, später das Regiment. Die Kameradschaft war eine alte, die Freundschaft schien neueren Datums. Harro Kambach hatte im Regiment geäußert, die Verlobung seiner Schwester sei die Veranlassung gewesen. Aber man glaubte ihm nicht recht.

Am wenigsten der Großvater Bühler. Und so sehr er den Enkel trotz seines Leichtsinns liebte, glaubte er, soweit es in seiner Macht stand, andere vor seinem Einfluß bewahren zu müssen. Er hatte vor Wolf Dietrichs Verlobung dem Oberstallmeister seine Bedenken ausgesprochen und dem Freunde nichts verhehlt. Aber belastende Dinge lagen nicht vor, und Ilse war mündig. Der Kambacher konnte seine Tochter daher nur warnen. Und er tat es mit aller ihm zu Gebote stehenden Überzeugungskunst. Er verhehlte ihr nicht, daß seines Erachtens ein ausnahmsweise starker gereifter, um nicht zu sagen männlicher Frauencharakter dazu gehöre, um dieser ungefestigten leichtherzigen Persönlichkeit den Rücken zu stärken, er sagte ihr ganz offen, daß ihre Veranlagung ihm selbst zwar die bei weitem liebere, aber nicht die für diese Vereinigung richtige sei. Denn ihrem Bunde mit Bühler werde die notwendige Ergänzung fehlen. Er hatte ihr endlich die letzten schwersten Folgen einer unglücklichen Ehe klargemacht, -- alles war vergeblich. In Tränen hatte sie vor dem Vater gestanden: »Ich lieb' ihn doch über alles!« Dabei war's geblieben. Denn der Oberstallmeister war der Ansicht, daß ausgewachsene Menschen ihr Schicksal selbst entscheiden müssen. So ward Ilse Kambach Bühlers Braut. --

»Erlaucht,« sagte der Hausherr, »so schwer dies Gespräch für mich als Vater ist, bitte ich doch daran festzuhalten, daß es nicht nur die alte treue Freundschaft ist, die mir dasselbe ermöglicht, sondern das persönliche Bewußtsein: wir stehen als Christen und Edelleute auf demselben Boden. Die Ursache unseres großen völkischen Niedergangs ist dieselbe, die dem Verderben des einzelnen zugrunde liegt: der Abfall von dem lebendigen Gott. Das ist Hauptursache für alles andere, -- für den sittlichen Niedergang aller Kreise, für das Absterben von Vaterlandsliebe und Königstreue!« Er schritt erregt durch den sonnigen Raum. »Sollen wir den Kindern einer in der Zersetzung begriffenen Zeit den allgemeinen Verfall zum Vorwurf machen? Kann der Apfel dafür, daß er wurmstichig ist? Erlaucht, das sind Fragen, die einen zermürben, wenn man Söhne hat, Fragen, die das Blut aufpeitschen und einen von Zwiespalt zu Zwiespalt hetzen. Und doch komme ich immer wieder zu dem schweren Ergebnis: der einzelne ist verantwortlich. Zumal der Sohn eines christlichen Hauses, dem Gottesfurcht und Königstreue ererbte Kleinodien sind. Ich sage damit nicht zuviel -- bei uns Söhnen der Mark gehe ich sogar noch einen Schritt weiter und spreche stolz von einem Erbteil adligen Blutes. Wer das aber verleugnen kann, -- um Sinnenlust und Geldgier verleugnen kann, -- der ist nicht wert, ein Preuße zu heißen, der ist ein Lump!«

Er blieb vor dem alten Herrn stehen. Die blauen Augen lohten: »Ich weiß ganz genau, was Erlaucht mir über meinen Sohn sagen wollen. Nichts, was ihn gesellschaftlich unmöglich macht -- Gott bewahre! Auslachen würde man mich, wollte ich Erkundigungen in dieser Richtung einziehen! Aber, -- dies Aber spricht Bände für mich! Meine Mutter kam neulich auf der Rückfahrt von Bühl hierher und hat mir gesagt, was Brelow erzählt hat!«

Der Greis nickte still vor sich hin. Die feinen Nasenflügel bebten.

»Sie wollte sich den Jungen vornehmen, -- keiner versteht's besser wie sie!«

»Wenn's nur was hülfe!« entgegnete der Hausherr.

»Wie Sie ja inzwischen erfahren haben,« fuhr der Erblandmarschall fort, »hat Joachim Brelow seinem Vater erzählt, man spräche in Offizierskreisen nicht gerade ablehnend, aber in verändertem Ton von den beiden. Etwas Greifbares hat er nicht gewußt -- fast wär's mir lieber gewesen! Denn man steht ja mit gebundenen Händen da. Und doch besagt dieser ›veränderte Ton‹ alles.«

Kambach nickte finster vor sich hin, und der Graf fuhr fort: »Ich muß immer an das Urteil denken, das der Franzose über die erste Grenzüberschreitung der Frau fällt: ›+Un peu déclassée!+‹ Wieviel weiter darf der Mann gehen, ohne daß ihn der geringste Vorwurf trifft! Und ich bin überzeugt, daß nur diejenigen, welche wir schätzen, ihre kameradschaftliche Haltung verändert haben.«

Kambach nickte: »Ich habe mir die Sache diese Tage viel durch den Kopf gehen lassen, sie auch mit meiner Mutter besprochen. Ilse muß sehen, wie sie fertig wird, gewarnt worden ist sie oft genug. Harro werde ich sagen, was ich über ihn gehört habe. Das Urteil der Kameraden wiegt manchmal schwerer, als der Rat des Vaters.«

Sorgenvoll blickte er über die herbstliche Landschaft.

Da legte sich eine Hand auf seinen Arm. »Sehen Sie nicht zu schwarz in die Zukunft, lieber Kambach!« sagte Graf Bühler. »Wenn wir Menschen nicht aus noch ein wissen, löst unser Herrgott mit einem Hauch seines Mundes die Fragen der Zeit.«

Doch der andere stand unter dem Druck schwerer Verantwortung. »Er verlangt aber auch, daß wir an unserem Teil dazu beitragen! Wenn der Junge vergessen sollte, daß er ein preußischer Offizier ist, dann -- gnade ihm Gott!« Die Reckengestalt straffte sich, wieder stand die Falte zwischen den Brauen.

»Vielleicht gelingt es Ihnen zu verhüten, daß er es vergißt,« sagte der Erblandmarschall mit der Milde des Alters. »Ich habe mir Wolf Dietrich übrigens kürzlich noch einmal vorgenommen und sehr ernst mit ihm geredet. Er war zugänglich und weich wie immer, wenn ich ihm etwas vorhalte. Allerdings mußte ich, wie gewöhnlich, wenn ich ihn ermahne, an den Sohn im Evangelium denken, der dem Vater antwortet: ›Ich will's tun!‹ und tut's nicht. -- Ob Ilse irgendwelchen Einfluß auf ihn ausüben wird?«

Kambach schüttelte den Kopf. »Ilse ist ein weiches hingebendes Geschöpf, zu jedem Opfer bereit, -- ein Charakter ist sie nicht. An diese Stelle hätte eine Frau wie Sibylle gehört.«

Der Greis sah nachdenklich vor sich nieder, dann richtete er das kluge Auge fragend auf sein Gegenüber: »Ist Ihnen etwas von einer Neigung Harros zu Sibylle bekannt?«

Herr von Kambach sah überrascht auf. »Nein.«

»Ich möchte Sie doch auf diese Möglichkeit aufmerksam machen,« entgegnete der andere ernst.

»Würden Erlaucht seiner Werbung zustimmen?«

Der Graf zuckte die Achseln. »Ich komme nicht in Frage. Sibylle steht unter der Vormundschaft ihrer Mutter und wird in absehbarer Zeit mündig.«

Ein Wagen rollte über den Fahrdamm.

»Das sind Brelows,« sagte der Hausherr. »Verzeihung, Erlaucht!« Er wandte sich zur Tür, seinen Gästen entgegenzugehen.

Der alte Herr hielt ihn zurück. »Nicht wahr, es ist alles beim alten zwischen uns?«

Der Oberstallmeister blickte in das schöne ehrwürdige Gesicht. »Erlaucht!« Sie sahen sich fest ins Auge.

»Solange die Bühlers und Kambachs noch eine märkische Ackerkrume besitzen, soll's wahr bleiben: Hie gut Brandenburg allewege!«

Der Erblandmarschall umfaßte die Rechte des Gutsnachbarn mit kräftigem Druck. »Ich weiß es, wir stehen zusammen!«

Der andere richtete sich hoch auf, als gälte es, seinem König den Fahneneid zu leisten. »Gott walt's!« antwortete er mit fester Stimme. -- --

Auf dem Altan ward's lebendig. Mädchenlachen klang herauf, Willkommensrufe.

Die beiden Männer hörten es nicht.

So oft die Geschichte im Vorüberschreiten den Schleier von einer leuchtenden Vergangenheit hebt, wird in deutschen Herzen die Sehnsucht nach nationalem Reichtum, nach persönlichen Trägern großer Ideale wach. Ein Fragen nach den Zeichen der Zeit hebt an, der Alltag ist vergessen -- --

Endlich brach der Kambacher das Schweigen. »Könnt' ich dem Jungen begreiflich machen, daß Gott, König und Vaterland mehr als wesenlose Begriffe, daß sie im höchsten Sinne Wirklichkeit, daß sie Leben und Wahrheit sind! Könnt' ich ihn mit einem Wort -- Geschichte lehren! Denn sonst wird er im ganzen Leben kein Mann! Aber es wird mir nicht gelingen!«

»Vielleicht gelingt es einer Frau,« erwiderte Job Wilhelm von Bühler, als spräche er zu sich selber, und sein Blick flog über den Altan zu einer stolzen Mädchengestalt im weißen Sommerkleide, welche soeben Graf Brelow begrüßte. ›Der gelingt's,‹ fügte er in Gedanken hinzu, ›aber sie ist zu schade für ihn.‹

»Guten Tag, Sibylle,« rief eine helle Stimme, »wie ich mich freue!« Und eine goldhaarige Frau, Mitte Dreißig, umarmte das junge Mädchen. »Wahrhaftig, Sie sind noch schöner geworden!« fügte sie halblaut hinzu.