Part 1
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Anmerkungen zur Transkription.
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Wenn ich die Sonne grüße ...
Roman aus der Gegenwart
von
E. von Maltzahn
34. bis 35. Tausend
Berlin 1923 Verlag von Martin Warneck
+Copyright 1915 by Martin Warneck, Berlin+
Alle Rechte, einschließlich das der Übersetzung, vorbehalten
Inhaltsverzeichnis.
Seite
1. Kapitel. Haus Kambach 5
2. " Wir winden dir den Jungfernkranz! 19
3. " Bodenständig 33
4. " O Deutschland! 53
5. " Adel 75
6. " Gala 102
7. " Trotz alledem 115
8. " Allein 137
9. " Bankrott 157
10. " Ein Ton 170
11. " Um die Volksseele 185
12. " Der alte Krückstock 213
13. " Eine Heimkehr 232
14. " Jutta 244
15. " Ein Frauenlos 267
16. " Gold gab ich für Eisen! 277
17. " Der getreue Eckart 299
18. " Veteranen 312
19. " »Wenn ich die Sonne grüße ...« 329
20. " »O Deutschland, meine Freude« 347
Deutschland!
Du deutsche Erde an Haff und Strom, Es rauscht ein Lied durch den Föhrendom! Wie Schildgetöne, so trutzhaft klingt's, Durch Mark und Bein, durch die Seele dringt's: Seit wann ist der Deutsche des Teufels Knecht? Seit wann vergaß er sein heilig' Recht? Seit wann sind Zucht und Sitte gebannt? Wer jagte die Treue aus deutschem Land? Wer trieb mit dem Kreuze den ersten Spott? Wer lehrte den Wahn: Es gibt keinen Gott!? -- Wie ein Brand flog's herein, wie giftiger Samen, Und Deutschland -- sprach Amen. -- -- Mein Vaterland, was hast du getan! Mein deutsches Volk! Einst warest du stark! Sag', warum huldigst du Trug und Wahn? Es hat dich getroffen bis tief ins Mark! Nun liegst du blutend in deinen Wunden Und kannst nicht gesunden! -- Doch! Du kannst es! Nach oben den Blick! Zum Urquell zurück! Zurück zum Kreuze mit all deiner Last, Zu ihm, den du irrend verlästert hast!
Er nimmt dich an! Er zerbricht deine Ketten, Er heilt deine Wunden und will dich erretten Aus des Todes Feuer, aus all deiner Not -- Auch in der Tiefe bleibt er dein Gott! -- -- Seit wann ist der Deutsche des Teufels Knecht? Das Kreuz verbleibet dein heiligstes Recht! -- Zurück zum Urquell, so wirst du heil, So wirst du stark, so leuchtet dein Schwert, So sind gesegnet Heimat und Herd, So hast du das beste himmlische Teil! -- -- Verwehte der ewigen Liebe Samen? -- Deutschland -- mein herrliches Vaterland, Ich weiß es, -- es kann ja nicht anders sein -- Du schlägst in die heil'ge allmächtige Hand Beichtend, betend und glaubend ein -- Und Gott spricht Amen.
Erstes Kapitel.
Haus Kambach.
Das Land, das noch Liebe zur Scholle kennt, Das noch Edelleute sein Eigen nennt, Das die Treue pflegt und die Sitte noch ehrt, Das Land ist die Schätze der Erde wert! In den Stürmen der Zeit verbleibet es stark -- Das Land ist die Mark!
Ein wundervoller Herbstabend geht zur Neige. Auf den Stoppelfeldern liegt des Tages letzter Strahl, Ebereschen voll glühender Frucht säumen die Landstraßen, Stockrosen und Gladiolen flammen in den Gärten.
Drüben liegt die Heide in des Abends lichte Töne getaucht, seine tiefen Schatten auf dem weißen Sandweg, seinen bronzenen Glanz in den leise wehenden Zweigen der Birken. Am Horizont ein Waldstreifen, breit und dunkel; weiterhin einer Kieferngruppe krauses Gebilde.
Um die kleine Dorfkirche, um den Kranz herbstlicher Linden spielen die scheidenden Lichter. Mücken tanzen, eine Schar Kinder dreht sich im Ringelreihen auf dem letzten sonnigen Fleckchen. Wie flüssiges Gold liegt's über dem Friedhof mit seinen Kreuzen und Grabsteinen. Es ist, als tränke die Sonne dies Gold aus dem Laub der vielhundertjährigen Bäume, als mische sie mit dem eigenen Blute den wundervollen Farbenton, um die leuchtende Schale über einen weltfernen Erdenwinkel auszugießen.
Altweibersommer weht über den Acker, jener duftige Zauber später Tage, dem man an den Küsten des Meeres, wo die Sage bis spät in die Nächte spinnt, den lieblichen Namen Septemberseide gibt.
Und weit im Lande ein Ahnen stiller Herrlichkeit: träumende Seen, sonnige Wiesen, dunkle Wasserstraßen im Schweigen bunter Wälder, altertümliche Kleinstädte mit ragenden Kirchen aus grauer Zeit, vornehme Edelsitze, vergessene Klöster -- es ist das Land fürstlicher Hochzeitsfeste und fröhlicher Kindtaufen, das Land treuer Arbeit und heißer Kämpfe, das, niedergedrückt und zertreten, immer wieder aufblühte, erstarkte, zu Macht und Ansehen gelangte, bis es das Herzland eines gewaltigen geeinten Reiches wurde, die Heimstätte der Zollern, Mark Brandenburg.
* * * * *
Im letzten goldenen Tagesschein lag Haus Kambach. Ein breiter einstöckiger Bau mit efeuumsponnener Freitreppe. Ausgedehnte Rasenflächen, stolze Georginengruppen, einer Blutbuche purpurne Herbstgestalt, hier und da eine vornehme Auslandspflanze, -- keine Prachtanlage -- der schlichte, von den Vätern ererbte Edelsitz war's, das Landhaus des märkischen Adels.
Der Altan bot ein wundervolles Stimmungsbild: im Kranz ihrer Linden grüßte die Kirche herüber. In breitem Ring lagen die strohgedeckten Häuser der Dorfbewohner um den Herrensitz, patriarchalische Verhältnisse und Verständnis für Heimatbrauch und -sitte bekundend. Das rein äußerliche Ansehen dieses märkischen Dorfes war ein schöner Beweis dafür, daß es noch gesundes Volksleben in Deutschland gibt: jene starke Zusammengehörigkeit von Gutsherrn und Arbeiterschaft, die einzig sichere Unterlage für den Großgrundbesitz, -- mit einem Wort, das Dorf, das keine Landflucht kennt, weder die Landflucht des Volkes, das unzufrieden und verhetzt den Weltstädten zuwandert, noch die Landflucht der oberen Stände, die immer eine Entfremdung zwischen der besitzenden und arbeitenden Klasse herbeiführen muß. Die Kambachs gehörten nicht zu dem altangesessenen Adel, der die Wintermonate in irgendeiner Hofstadt oder im Süden verbringt, der seine Hochzeiten in Berliner Gasthöfen feiert und damit sein soziales Interesse einschlafen läßt und seine gutsherrlichen Pflichten versäumt. Die Kambachs blieben zu Hause. Von den kaiserlichen Hoffesten, wo sie als königstreue Männer erschienen, kehrten sie nach drei bis vier Tagen zurück. Ihre Töchter zogen im Brautschmuck von der umkränzten Schwelle der Heimat in die schlichte Gutskirche hinüber, vom ganzen Dorf, wie von einer großen Familie begleitet. Sie pflegten die altehrwürdigen Heimatbräuche, Erntefeste, Silvesterabende mit ihren volkstümlichen Sitten, sie sorgten für gute Büchereien, für Unterhaltungsabende, sie hielten es für ihre Ehrenpflicht, bei solchen Gelegenheiten -- und nicht nur dann -- enge Fühlung mit ihren Leuten zu unterhalten. Sie teilten Leid und Freud' mit ihnen, sie hatten mit einem Wort sozialen Sinn, aber keinen künstlich gezüchteten, dem Zwange schwieriger Verhältnisse entsprungenen, sondern ererbten, angeborenen. Und weil sie dieses Erbe hochhielten, waren die Kambacher immer rechte Gutsherren gewesen. Das wußte aber auch das ganze Dorf. Und sein Dank war zähe Treue zu einer Zeit, da die Umsturzpartei an alle Türen klopfte, und die roten Verführer ihre Hetzblätter in jedes Haus trugen.
Wer aus der Großstadt oder aus Fabrikbezirken kam, der staunte diese wundersamen, im besten Sinne vorsündflutlichen Verhältnisse an und wunderte sich, daß so etwas im zwanzigsten Jahrhundert im Königreich Preußen noch möglich war. Die braven Kambacher aber lachten sich ins Fäustchen und freuten sich ihrer patriarchalischen Verhältnisse.
Drüben, wo der Park sich lichtete, schritten zwei Gestalten langsam den Wiesensaum entlang dem Gutshause zu. Die gebeugte Gestalt des Mannes erzählte von des Lebens Mühen, von manch hartem Spatenstich. Aber das kluge feingeschnittene Gesicht war jung geblieben, und in den hellen Augen glänzte ein fast kindlicher Frohsinn. Das war Franz Schenker, der Spreewälder, der schon zu Zeiten des alten Herrn als Gärtnerbursche nach Kambach gekommen war. Später rückte er zum Diener auf und war nun schon seit Jahren Hausverwalter und Kammerdiener in einer Person, das Bild eines ehrwürdigen Faktotums. Auf seinen eigenen Wunsch war ihm auch noch die Oberaufsicht über den Garten übertragen worden. Denn Obst- und Rosenzucht waren sein Steckenpferd. Herr von Kambach konnte seine Gärtnereien keinen besseren Händen anvertrauen. Seine einzige Sorge blieb die, daß der Alte sich, wie es von jeher seine Art gewesen, zuviel Arbeit auflud. Aber Franz Schenker beteuerte immer wieder, mit mehreren gutgeschulten Gärtnerburschen an der Hand sei die Sache ein Kinderspiel. Und dabei blieb es.
Trotz all dieser wirtschaftlichen Vorzüge war er mehr wie ein Faktotum und eine außergewöhnliche Arbeitskraft. Man sah es Schenkersch olle Vadder, so hieß er allgemein, auf den ersten Blick nicht an, daß er mit dem ganzen Dorf in engster Fühlung stand, daß sein Einfluß viel weiter ging als der des Gutsherrn und des Pastors. Und doch war Herr von Kambach ein Gutsherr, wie man ihn selten fand, und Pastor Wendler versah sein Amt nach besten Kräften. Aber Franz Schenker war eben Franz Schenker, und oft fragte man sich, wie's werden solle, wenn der Alte einmal die Augen schlösse. Er war Ratgeber, Schiedsrichter, Freund und Seelsorger von ganz Kambach; ja man erzählte sich, die alte Exzellenz, die Mutter des gnädigen Herrn, bespräche oft wichtige soziale Fragen mit ihm.
Die deutsche Frau zog's zu dem deutschen Manne, zu dem alten Diener ihres Hauses, der sein Vaterland über alles auf Erden liebte, die einfache fromme Bibelchristin zu der Seele, die eines Weges mit ihr wanderte. Der Standesunterschied störte Frau Sabine nicht, für sie war das Schlichte, solange es echt blieb, vornehm. Auch der naturgemäß engere Gesichtskreis des Mannes, die andere Auffassung mancher wichtiger Punkte wirkte nicht hemmend, sondern ergänzend. Eins lernte vom anderen. Franz Schenker lehrte Sabine von Kambach in das Herz seines und ihres Volkes schauen, sie aber erschloß dem Spreewälder den Blick für das Große, Allgemeine, für die Aufgaben der Zukunft. Es war ein feines eigenartiges Freundschaftsverhältnis zwischen der Edelfrau und dem alten Kammerdiener. --
Franz Schenker war kirchlich. Er kannte den Unterschied zwischen positiv und liberal besser wie mancher Edelmann von Geblüt, und seine Beurteilung kirchlicher Einrichtungen bewies, daß er sich auch noch mit anderen Dingen, als den Edeltannen des Kambacher Parks beschäftigte.
Langsam ging er neben der alten Exzellenz her.
Frau von Kambach war die märkische Landedelfrau, wie sie leibte und lebte. Eine hohe kräftige ehrfurchtgebietende Erscheinung in der Krone des Alters. »Großmutters weißes Haar leuchtet durch den ganzen Garten,« hatte einmal ein Enkelkind stolz erklärt, und es war etwas Wahres daran. Als sie vor fünfzig Jahren in Kambach einzog, mochten strahlende Freundlichkeit, Frische und Anmut des Wesens, Schönheit der Farben, mit einem Wort jene blühende Gesundheit des Leibes und der Seele der Hauptreiz der jungen Frau gewesen sein, heut war's die Milde des Alters, verbunden mit seltener Klarheit des Geistes und dem gründlichen, wenn's not tat, auch rücksichtslosen Urteil eines scharfen Verstandes. Redensarten machte Großmutter Kambach nicht, sie widerstrebten ihrem geraden wahrhaftigen Sinn. Kam ihr aber ein aufrichtiger Mensch entgegen, so war der Weg zu dem liebewarmen mütterlichen Herzen der alten Frau nicht mehr weit. --
»Das Pack, das aus den Großstädten herüberkommt, schmeißen wir einfach 'raus, Exzellenz,« sagte Franz Schenker. »Es is das einzige Mittel, was hilft!« Er wandte Frau Sabine das lebhafte Gesicht zu. »Exzellenz, wenn wir die Prügelstrafe noch hätten, stünd's nich so schlimm ums deutsche Vaterland. Die hätte nich abgeschafft werden dürfen!«
Frau von Kambach blieb stehen und stützte sich auf den Krückstock.
»Ich bin ganz Ihrer Meinung, Schenker! Aber sagen Sie, haben Sie keine Unannehmlichkeiten, wenn Sie so scharf vorgehen?«
»Unannehmlichkeiten, Exzellenz? Wer soll mich was anhaben? Det dringt mit eine Frechheit in die Häuser und schmiert die Leute seinen Kram an, -- da werd' ick doch wohl das Recht haben, wenn so'n Schuft mit seinen Mitteln zur Geburtenverhütung zu meine Schwiegertochter in die Stube kommt, ihm das Jackleder vollzuhauen! Der versucht's kein zweites Mal, und von Anzeige is keine Rede! Das Pack kann froh sein, wenn's mit heilen Knochen aus Kambach raus is! ~Wir~ erstatten Anzeige, wenn's nur was hülfe! Aber man fängt ja jetzt oben an, hellhörig zu werden, Zeit wird's wahrhaftig!« Und Franz Schenker wischte sich den Schweiß von der Stirn. Bei diesem Gesprächsstoff lief ihm stets die Galle über.
Die alte Exzellenz war weitergegangen. Ihr Gesicht war sehr ernst geworden.
»Kommt das hier öfter vor?« fragte sie.
»Diesen Sommer war's schlimm. Ick allein hab' Stücker acht in den Häusern verdreschen helfen.« Er lachte kurz. »Nie hab' ick solchen Spaß am Prügeln gehabt!«
»Und -- und die Frauen?«
Der Alte richtete sich kerzengerade in die Höhe.
»Exzellenz -- keine Kambacherin is für diese Gemeinheiten zu haben gewesen! 's wär' ihnen auch schlecht bekommen; denn noch is Schenkersch olle Vadder da!« Er atmete schwer. »Der Menschenschlag in unsere Gegend is 'n gesunder! Wenn manches auch faul is -- allein durch die Nähe von Berlin, -- noch is die Mark die Mark!«
»Gott gebe, daß Sie recht haben!«
»Wir haben doch noch Religion, Exzellenz,« sagte Franz Schenker.
Wieder blieb Frau Sabine stehen. Der Krückstock scharrte im Kies.
»Noch« -- sie betonte das Wort -- »wie lange noch? -- Sind Sie auch ein Blinder, der die Größe der Gefahr nicht erkennt? Es geht ums Ganze, Schenker, der Geburtenrückgang ist nur ein Ausschnitt aus dem trüben Gesamtbilde.«
Er blickte sie starr an. Das war nun das drittemal in kurzer Zeit, daß er dieser Auffassung begegnete.
Gewiß, die Gefahr war groß, ein Tor, der sie geleugnet hätte! Die rote Flut wälzte ihren Giftstrom durchs deutsche Land, Glaube und Sittlichkeit untergrabend. Auf Kanzeln und Lehrstühlen führten Irrlehrer das Wort, und niemand dachte daran, ihnen ernstlich zu wehren. Die »Richtungen« waren ja gleichberechtigt. -- In allen Gesellschaftskreisen machte sich jüdischer Einfluß geltend, die Ansprüche wuchsen ins Ungeheuerliche, eine Üppigkeit, von der man früher nichts geahnt, zerrüttete das Familienleben.
»Deutschland steht im Begriff, das Opfer des Goldes zu werden,« so hatte Frau von Kambach, als er vor einigen Wochen Rosen zur Zucht nach Dreilinden gebracht, geäußert und hinzugefügt: »Ehe der Liberalismus nicht durch entschiedenen Nationalismus und der Mammonismus nicht durch die Religion überwunden werden, eher werden wir nicht frei!«
Franz Schenker hatte viel über dies Wort nachdenken müssen. Soviel stand fest: die alte Exzellenz sah und hörte mehr, als er in seinem stillen Kambach. Er hatte nur Fühlung auf dem Lande, sie dagegen in Stadt und Land. Alle Kreise standen ihr offen. Den Winter über verbrachte sie in Berlin. Aber nicht die Landflucht trieb sie aus ihrem geliebten Dreilinden, sondern lediglich das baufällige kalte Fachwerkhaus, welches der gichtisch Veranlagten den Winteraufenthalt unmöglich machte. Sobald die ersten Veilchen blühten, kehrte die Greisin zurück, und der alte Witwensitz rüstete sich zum Empfang fröhlicher Gäste. Denn von Anfang Mai bis Ende Oktober ward das Haus nicht leer. Verwandte, Erholungsbedürftige, Menschen aus dem großen Freundeskreise Frau Sabines kehrten an hellen Sommertagen bei ihr ein. Franz Schenker wußte, es waren nicht nur Männer aus leitenden kirchlichen Stellen darunter, sondern auch Persönlichkeiten, die in besonders enger Fühlung mit dem Volke standen, Laien und Frauen mit warmem Herzen und offenem Auge für Deutschlands Not. Sie alle trugen das Leben herein, das wahrhaftige Leben in seiner wirklichen Gestalt. Denn sie kannten es. Sie scheuten sich nicht, dem Feind ihres Vaterlandes furchtlos ins Auge zu schauen. Und doch -- immer wieder hatte Schenker sich fragen müssen: Ist die Gefahr so groß, wie sie sagen? Ist das Gesindel, welches sich herumtreibt, sind die Juden, die sich überall breit machen, sind Großstadterscheinungen und Lebemenschen, sind Theater, Kino, Presse wirklich jenes unbegrenzten, zersetzenden Einflusses fähig? Ihn schauderte bei dem Gedanken, daß er diese schwere Frage zu leicht genommen, daß jenes furchtbare Gespenst, das ihm in den letzten Wochen so oft begegnet, mehr als eine vorübergehende Gefahr bedeute, daß es eine Großmacht sei, der Feind deutscher Art, deutschen Lebens. Und immer mehr fühlte er's, diese Gefahr stand nicht allein. Sie hatte Verbündete. Eine starke geeinte Macht zog aus, dem deutschen Volke die Seele zu rauben. Darum der scharf einsetzende Kampf wider Religion und Sitte, wider Thron und Herrschaft, darum die Lockungen der Sozialdemokratie, die Sucht, das Familienleben zu zerstören, die Lüge auf allen Gebieten. Denn es ging ums Ganze, um Deutschlands Verfall. »Noch -- wie lange noch?« Das kurze Wort aus dem Munde der hochgestellten und doch so schlichten kerndeutschen Frau hatten dem Manne, dessen ganze Seele die Sorge um sein Volk erfüllte, die Binde von den Augen gerissen. Und wie bei allen stark empfindenden Naturen das heiße Fühlen des Augenblicks den Träger befreiender Taten, den Gedanken auslöst, so trugen auch seine Sinne geflügeltes Hoffen ans Licht. Um den Ausdruck ringend, gab er einem kaum gefaßten Gedanken die erste ungefüge Form. Denn die Sorge mahnte ihn, die Stunde zu nützen, und die Liebe trat ihr, alle Hindernisse überschreitend, zur Seite. Die Hoffnung aber unterstrich den Vorsatz der beiden: ›Noch ist's Zeit‹. Noch -- warum klopfte dies Wort immer wieder bei ihm an?
»Exzellenz,« sagte er und eine tiefe Erregung durchzitterte seine Stimme, »wenn's wirklich so steht, is es dann nich 'n Unrecht, daß man ungenützt die Zeit verstreichen läßt? Noch is nich alles verloren. Wir haben doch noch Männer und Frauen, die treu zu Altar und Thron stehen und überall ihren Christenglauben bekennen würden. Dürfen sie müßig sein, wenn man das Vaterland verkauft? Ick bin nur 'n schlichter Mann und versteh' mich nich auszudrücken. Aber ick hab' neulich mal in'n Buch von einen Berliner Pastor gelesen, und der sagt, wenn alle die wirklichen Christen eine Mauer bildeten gegen den Feind, wenn sie ihm mit der Bibel in der Hand entgegenträten, dann müßte er zurückweichen. Eine Schar von wahrhaftigen Betern sei selbst dem Teufel ungemütlich, Exzellenz! Das fällt mir eben wieder ein. Es steht ja mit unseren Volk viel schlimmer, als man hier bei uns in Kambach ahnt. Und darum bin ick dankbar, daß ick manchmal auch was anderes höre und sehe und lese, und daß Exzellenz mir die Augen geöffnet haben. Ick hab' ja immer gedacht, es wär' nich so schlimm. Jetzt versteh' ick erst das Wort, das ick kürzlich in Drachenburg, wo ick meinen Wilhelm besuchte, in einer christlichen Volksversammlung hörte: ›Wann wird Deutschland seine Vogelstraußpolitik aufgeben und den Geburtenrückgang als eine Einzelerscheinung, eine vorübergehende Modekrankheit zu betrachten aufhören?‹ So hat der Mann gesagt. Ick hielt ihn für einen Schwarzseher. Jetzt weiß ick, was er gemeint hat, als er sagte: der Geburtenrückgang is 'n Glied in der langen Kette der deutschen Verfallserscheinungen.«
Er schwieg. Auf den klaren Zügen lag tiefe Trauer.
Langsam gingen sie durch den sinkenden Abend. Aus den Wiesen stiegen die Nebel, die ersten Sterne blitzten. Fern hinter dem weißen Herrenhause lag der Wald wie ein dunkles Geheimnis. Der Mond ging auf. Über der Dorfkirche stand die feine glänzende Sichel.
Der Blick der alten Frau weilte auf dem friedlichem Bilde. Ihre Gedanken wanderten. In wenigen Tagen sollte dort drüben eine Kambach im Brautschmuck zum Altar treten, ein liebliches Kind, das Welt und Menschen nicht kannte.
Ein Seufzer verklang. -- --
Franz Schenker war noch bei seiner Idee.
»Wenn Exzellenz die Sache einmal überlegen wollten,« begann er von neuem, »Exzellenz verstehen so etwas zu machen, und ...«
Sie unterbrach ihn. »Aber Schenker, was denken Sie sich? Ein paar Missionsstunden hab' ich eingerichtet! Wie kann eine Frau eine so große Sache in die Hand nehmen! Das ist Mannesarbeit!«
»Gewiß, aber die Frau is des Mannes Gehilfin! Wenn Exzellenz die Frage noch mal überlegten und dann einen oder mehrere Herren, die was davon verstehen, ins Vertrauen zögen« -- er sah sie erwartungsvoll an.
Sie drohte ihm lächelnd.
»Sie sind doch unverbesserlich, Schenker, -- immer muß Ihre alte Gnädige die Kastanien für Sie aus dem Feuer holen!«
»Weil niemand besser dazu geeignet is,« entgegnete er mit bescheidener Würde. Zuversichtlich blickte er in das klare Gesicht. Er war seiner Sache gewiß.
Sie waren am Teich hinter dem Gutshause angelangt. Herbstzauber webte um die leuchtende Pracht der Baumgruppen. Weiße Malven erschlossen ihre keusche Schönheit dem Mondlicht. Ein feiner Duft zog von den Resedabeeten herüber. Im Gartensaal strahlten die Kronleuchter hinter Rosengerank und wucherndem Geißblatt.
»Genau wie vor fünfzig Jahren, als ich mit Fritz Karl den Ball eröffnete,« dachte Frau Sabine.
»Ick muß noch ins Treibhaus, Exzellenz,« sagte Franz Schenker und blieb, den weißen Kopf entblößend, stehen. »Exzellenz nehmen's nich übel, daß ick vorhin meine Meinung sagte?«
Die alte Dame sah ihn voll an. »Schenker, machen Sie keine Redensarten! Sie wissen, daß ich große Stücke auf Sie halte. Sie sind ein Mann, der nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat, ein Wort mitzusprechen. Es wäre ein Unrecht, wenn Sie's nicht täten. Deutschlands Not geht uns alle an. Denn hier handelt es sich nicht um Dinge, die am grünen Tisch gemacht werden, sondern um die Gesundung des Volkstums. Zweierlei fehlt uns: die Erkenntnis der Zeit und -- Männer. Wir brauchen einen Bismarck und einen Luther. Ob Gott sie uns geben wird?«
»Vielleicht sind sie schon da, Exzellenz!«
Sie zuckte die Achseln. »Gott hat verschiedene Eisen im Feuer. Wir haben es vielleicht nötig, daß die Geschichte uns vor eine harte Aufgabe stellt.«
»Exzellenz meinen einen Krieg?«