Was ich geschaut: Novellen

Part 6

Chapter 63,569 wordsPublic domain

Ich fand keine Zeit mehr zu antworten. Der Pfiff der Locomotive verkündete uns, daß wir uns dem Ziele näherten. Wir griffen nach unseren Handkofferchen und Ueberziehern, stiegen aus und warfen uns in einen Wagen, der uns in einer halben Stunde nach Arthur's allerliebsten Landsitz brachte.

Der Empfang, der uns, namentlich aber Theodor zutheil wurde, brachte mich auf den Gedanken, daß er in der That nicht unrecht habe, seinen Junggesellenstand als einen glücklichen zu preisen. Alles, was er über sein beneidenswerthes Los gesagt, schien sich zu bestätigen. Die sichtliche Freude, die seine Gegenwart hervorrief, das herzliche Entgegenkommen, das der Hausherr ihm entgegenbrachte, das reizende Lächeln, das Margarethe ihm spendete, das Bemühen, den Aufenthalt im Heim des Freundes ihm wohl und behaglich zu gestalten, alles vereinte sich, um die Wahrheit seiner Schilderung zu bezeugen.

Bald fand sich eine zahlreiche Gesellschaft ein, in der Theodor die Hauptrolle spielte. Seine vorzügliche Unterhaltungsgabe bewährte sich wieder aufs glänzendste und sämmtliche Damen, Margarethe nicht ausgenommen, schienen im Banne seines Zaubers zu liegen.

Groll erfaßte mich, denn ich bemerkte bald, daß sie es war, die er sich als Opfer eines neuen Eroberungszuges ausersehen, vielleicht, um mir den Beweis für die Richtigkeit seiner mir so abscheulich dünkenden Theorien zu liefern.

Einen Augenblick dachte ich daran, seine Absichten zu durchkreuzen, etwa Margarethens Stolz Theodor gegenüber durch Mittheilung seiner Auffassung des weiblichen Charakters, namentlich aber des seinen gegen sie gerichteten Feldzugsplänen zweifelsohne zugrunde liegenden Motives herauszufordern, oder die Vorsicht ihres, wie mir schien, von allzu argloser Vertrauensseligkeit erfüllten Gatten durch eine bei passender Gelegenheit angebrachte Warnung wachzurufen. Doch bald ließ ich den Gedanken wieder fallen. Was hatte ich mich in Anderer Angelegenheiten zu mischen? Waren Theodor's Anschauungen die richtigen; war mein Glaube an Frauentugend und Treue wirklich nur eine auf Unkenntniß der Weibesseele beruhende kindische Schwärmerei, dann verlohnte es sich wahrlich nicht, dem Siegeslaufe des Unwiderstehlichen durch Verrath seiner Pläne Einhalt zu thun. Mein Alarmruf konnte wohl in diesem einen Falle seinen Sieg vereiteln; der Widerstand, der ihm aus diesem Anlasse entgegengesetzt würde, wäre jedoch fürwahr nicht geeignet, mein Vertrauen zu rechtfertigen, sondern er würde im Gegentheile Theodor's Ansicht bestätigen, daß alle Treue nur ein Werk des Zufalles sei.

Diese Ueberlegung bestimmte mich, die weitere Entwickelung der Dinge ohne Einmischung meinerseits ruhig abzuwarten. Mit Argusaugen überwachte ich Margarethens Benehmen gegen Theodor. Aber meine anfänglich siegessichere Zuversicht, daß das Ergebniß der Bemühungen Theodor's meinen von ihm so grausam verspotteten Ueberzeugungen recht geben möchten, schwand immer mehr, je lebhafter das Feuer ihrer seinen Blicken begegnenden Augen sprühte, je reicher und von einer seltsamen Unruhe durchbebt der Tonfall ihrer Stimme wurde, je heller ihr Lachen an mein Ohr schlug, mit dem sie seine witzigen Einfälle lohnte.

Nicht sie allein war es, die an seinem Triumphwagen zog. Auch alle anderen anwesenden Damen schienen völlig berauscht von der hinreißenden Macht seiner Persönlichkeit. Sie verfolgten ihn mit brennenden Blicken, während er, wie ein schillernder Schmetterling von Blume zu Blume flattert, von der einen zur anderen unermüdlich und unermüdend die ewige Lüge seines verlockenden Lächelns, seines verstohlenen und doch so vielsagenden Augenspieles, seiner leise geflüsterten Huldigungen trug.

Als es Abend wurde und die Wärme des heiteren Frühlingstages der nächtlichen Kühle wich, wurde ein Tänzchen arrangirt, wobei Theodor natürlich wieder neue Gelegenheit fand, als der anerkannt beste und eleganteste Tänzer alle übrigen Herren in den Hintergrund zu drängen, gleichwie das Licht der Sterne vor dem siegreichen Glanz der Sonne erbleichen muß.

Mit einer anderen Dame plaudernd, stand ich neben Margarethe, als Theodor an sie herantrat, um sie um die letzte Quadrille zu bitten.

»Bedauere, ich bin schon engagirt,« sagte sie freundlich, indem sie mit dem Fächer auf mich wies.

»O, wie schade!« säuselte Theodor. Dann fügte er, sein schönes Haupt gegen sie gebeugt, ein paar leise Worte hinzu, die ich nicht verstand und die von Margarethe ebenso leise beantwortet wurden, während eine flüchtige Röthe über ihre zarten Wangen glitt.

Gleich darauf wurde eine Schnellpolka gespielt und Margarethe flog an Theodor's Arm durch den Saal dahin.

Nachdem auch ich einige Touren getanzt, schlängelte ich mich wieder in Margarethens Nähe, die soeben mit blitzenden Augen und hochwogendem Busen sich auf ein kleines Ecksofa niedergleiten ließ, während Theodor vor ihr stehend, ihr mit dem Fächer Kühlung zuwehte. Ich war mir dessen vollbewußt, eigentlich eine lächerliche Rolle zu spielen, wenn ich mich stets, wenn auch für Andere so unauffällig wie möglich, in Margarethens Nähe drängte. Aber der Groll über des Unwiderstehlichen -- des Unausstehlichen, wie ich ihn meinem Inneren nannte -- neue Triumphe packte mich so mächtig, daß ich dem Drange, den Aufpasser zu machen, selbst auf die Gefahr hin, abgeschmackt zu scheinen, nicht zu widerstehen vermochte.

Diesmal aber schien es sich nicht zu lohnen, den Lauscherposten zu beziehen, denn Beide plauderten ganz harmlos über einen Pavillon, den Arthur in dem bis an den Garten sich hinziehenden Walde hatte bauen lassen.

»Es ist mein Lieblingsplätzchen,« erzählte Margarethe, »wo ich mit einer Arbeit, oder einem Buche manche Stunde verbringe. Der dichte Nadelwald, die kleine Anhöhe, von welcher aus sich ein weiter Blick über das Thal öffnet, bieten einen reizenden Aufenthalt. Um mir denselben bequemer zu machen, überraschte mich Arthur mit dem Lusthäuschen.«

»Wie tollkühn, so allein viele Stunden im Walde zuzubringen,« fiel Theodor ein.

»Durchaus nicht allein,« erwiderte Margarethe. »Mein Pluto begleitet mich stets auf meinen Wegen. Und er ist ein gar wackerer und treuer Beschützer.«

»Und trauen Sie Ihrem Pluto eine so famose Witterung zu,« mischte jetzt ich mich in das Gespräch, »daß er vermöge seiner feinen Nase jede Gefahr erkennt, die Ihnen von unvermutheter Seite droht?«

Theodor warf mir einen erzürnten Blick zu, der mich einschüchtern und mir Schweigen gebieten zu wollen schien. Margarethe aber erwiderte mit feinem Lächeln:

»Pluto und ich wir ergänzen einander vortrefflich. Wo sein Witterungsvermögen aufhört, da beginnt das meine.«

»Wäre es aber nicht klüger, das Schicksal nicht durch allzu große Kühnheit herauszufordern?« fragte ich, meine verblümten Warnungen mit ungeschickter Hartnäckigkeit fortsetzend.

Da lachte Margarethe, und Calderon citirend erwiderte sie:

»Wer Gefahren ängstlich flieht, der stürzt sich in Gefahr.«

Theodor aber gab mir den Rath, um Pluto's feine Spürnase zu erproben, mich als Vagabund verkleidet bei seiner Herrin in der Waldeinsamkeit anzuschleichen. »Da würdest Du erfahren, ob er Freund und Feind zu unterscheiden vermag,« schloß er spöttisch. »Und Pluto's Zähne würden Deine Wißbegierde befriedigen.«

Nun wurde ich wieder böse und mit scharfem Tone entgegnete ich, daß börsengierige Strolche nicht die schlimmsten Feinde seien. Die scheinbare Freundschaft mancher Leute sei weit gefährlicher als offenkundige Feindschaft, gegen die man sich wappnen könne.

»Natürlich! Der berüchtigte Wolf im Schafspelz ist ein gar böses Thier!« rief Theodor lachend. »Eine höchst interessante Entdeckung, nur nicht ganz neu.«

Ich hatte mich abgewendet und im Weggehen hörte ich noch Beide lachen. Ich fühlte mich gekränkt, nicht nur von Theodor, auch von Margarethe, die sich an seinen Witzen über mich belustigte. Am liebsten hätte ich mein Engagement mit ihr zur Quadrille Theodor abgetreten. Da dies aber doch nicht anging, fand ich mich, als das Zeichen zur Quadrille gegeben wurde, pflichtschuldigst bei Margarethe ein.

Als ich mich ihr näherte, stand ihr Gatte neben ihr. Sie sprachen eifrig und lächelnd miteinander und ganz deutlich schien es mir, Theodor's Namen aus Margarethens Munde zu hören. Welche Arglist! Sie spottete wohl mit Arthur über ihn, um diesen in Sicherheit zu wiegen und desto bequemer und unbeargwohnt ihre süßen Tändeleien mit ihrem Courmacher fortsetzen zu können. Mir ward ganz übel zu Muthe, Margarethe von solcher Seite kennen zu lernen, mit so schnöder Hand das ideale Bild, das ich von der Lauterkeit ihres Charakters in meiner Seele trug, verwüstet zu sehen.

Doch jetzt wurde die Introduction zur Quadrille intonirt, die Paare traten in die Reihe und ich hatte keine Zeit, mich meinen trübseligen Betrachtungen hinzugeben. Schweigend verbeugte ich mich vor Margarethe und bot ihr meinen Arm.

»Sie machen ja ein Gesicht, als ob Sie bei meinem Begräbnisse wären, nicht aber bei einem zur Feier meines Namensfestes veranstalteten Tanzkränzchen,« sagte sie, mir treuherzig in die Augen blickend.

Auf diesen Vorwurf nicht vorbereitet, stotterte ich ein paar Worte der Erwiderung, deren ich mich nicht mehr erinnere, die aber sicherlich recht albern waren, denn Margarethe lachte. Sie verbarg zwar ihre spöttisch zuckenden Lippen in dem Blumenstrauße, den sie an ihr Gesicht drückte. Ich fühlte es jedoch, daß sie lachte, mich auslachte. Aber ich zürnte ihr nicht. Sie war so berückend schön in diesem Augenblicke, die dunklen Augen, die über die Blumen hinweg schelmisch auf mich hinüber blitzten, das zarte Adlernäschen, dessen feingeschwungene Flügel sich leise hoben und senkten, indem sie den Duft der Blumen begierig einsogen, der volle und doch schlanke weiße Nacken, der durch das schwarze Spitzengewebe der Corsage wie beseelter Marmor schimmerte -- es war ein so entzückend liebliches Bild, das sich meinem Auge darbot, daß ich nicht an mich selbst zu denken vermochte, sondern nur an sie, die in der ganzen Glorie ihrer jugendfrischen Schönheit, auf meinen Arm gestützt, leichtfüßig dahinglitt. Ja, nur an sie dachte ich und an den, dem es gelingen sollte, vielleicht schon gelungen war, bloß um seiner nimmersatten Eitelkeit zu fröhnen, das Herz dieses reizenden Wesens mit den Fallstricken seiner auswendig gelernten feurigen Blicke, seiner allerorten wiederholten lügenhaften Liebesbetheuerungen zu umgarnen.

»Nun, wollen Sie mir nicht verrathen, was Sie so traurig stimmt?« fragte sie, als ich nach dem »Herren-=Eté=« an ihre Seite zurücktrat.

»Warum nicht,« erwiderte ich. »Es ist der Neid, grimmer Neid, der mir die Laune verdirbt.«

»O, wie häßlich! Und solches Laster gestehen Sie so ruhig ein?«

»Sie wissen ja, wovon das Herz voll ist --«

Die nächste Figur trennte uns. Dann, beim »=Balancer=«, fragte sie:

»Und darf man wissen, wer der glückliche Unglückliche ist -- denn daß es ein Er, steht wohl außer Zweifel -- dessen Los Ihnen so beneidenswerth dünkt?«

»Sagt es Ihnen Ihr Herz nicht?«

»Mein Herz schweigt.«

»Nun, so will ich es denn gestehen. Ihr Pluto ist es, den ich beneide. Ich beneide ihn um den Vorzug, Sie gegen alle Ihnen drohenden Gefahren beschützen zu dürfen.«

»Ach ja, gegen den Wolf im Schafsfell,« lachte Margarethe und warf einen raschen Blick auf Theodor, der uns gegenüber tanzte, und, ohne uns Beachtung zu schenken, mit seiner Dame eifrig plauderte.

Ich fing den Blick auf und ärgerte mich schon wieder.

»Sehen Sie nur, was die kleine Baronesse Mischi für selige Augen macht, der Auszeichnungen des Unwiderstehlichen gewürdigt zu werden,« sagte ich boshaft.

Eine neue Figur hinderte Margarethe, mir zu antworten. Dann aber beim »=Tour de main=« fragte sie:

»Wie sagten Sie vorhin? -- Der Unwiderstehliche?«

»Allerdings. Wissen Sie nicht, daß Theodor, ob der Legion weiblicher Herzen, die ihm nur so entgegenfliegen, unter seinen Intimen der Unwiderstehliche genannt wird?«

»Wie komisch!« lächelte sie. »Und doch, wie zutreffend -- der Unwiderstehliche! -- Da wir aber gerade von Theodor sprechen -- ich habe einen Auftrag meines Mannes an Sie und ihn: Sie Beide zu bitten, unsere Landeinsamkeit für einige Tage zu theilen. Sie bleiben doch?«

Ich verbeugte mich, die Einladung annehmend.

Das also war es, was sie vorhin mit ihrem Manne gesprochen, wobei ich Theodor's Namen gehört. Sie wollte das Glück des Zusammenseins mit dem Geliebten -- denn daß sie ihn liebte, darüber gab ich nun schon gar keinem Zweifel mehr Raum -- verlängern, und ich wurde dabei als das mindest störende Element -- als Elephant, wie ich grollend mich selbst benamste, ins Schlepptau genommen. Aber sie hatten die Rechnung ohne den Wirth gemacht, und ich beschloß, durch dieselbe einen dicken Strich zu machen. »Pluto, Pluto!« rief es in meinem Inneren, »ich werde Dein Verbündeter, wir werden sie beschützen!« Alle meine löblichen Erwägungen, daß mich die Sache doch gar nichts angehe, daß ich kein Recht hätte, mich in Anderer Herzensangelegenheiten zu mengen, waren verflogen wie Spreu im Sturm meiner Entrüstung. »Ja, Margarethe, gegen Deinen eigenen Willen werde ich Dich schützen mit diesen Armen, in denen Du jetzt ruhst!« sprach ich im Geiste zu ihr, während ich im Walzerschritt mit ihr durch den Salon hinraste.

Doch dabei verwickelte ich mich mit einem Fuße in das Kleid einer anderen Tänzerin, strauchelte und würde Margarethe um ein Haar mit mir zu Boden gerissen haben, hätte nicht Theodor, der, weiß Gott wie, in diesem Augenblicke neben uns auftauchte, sie aufgefangen, wobei er mir einen Blick zuwarf -- einen Blick so voll lächelnder, fröhlicher Geringschätzung, daß ich mich völlig vernichtet fühlte.

Mit einer Empfindung, als wollte ich unter den Boden versinken, stotterte ich vor Margarethe meine Entschuldigung. Sie tröstete mich gütig, indem sie meinte, solch ein Malheur passire allzu leicht. Ich aber fühlte mich vor Margarethe und Theodor schmählich blamirt und dachte im Stillen, ob dies etwa eine Vorbedeutung wäre, daß ich mich vor den Beiden auch in meinem Rettungswerke blamiren sollte?

Unbemerkt drückte ich mich aus dem Salon, denn ich schämte mich meiner Niederlage viel zu sehr, um eine der Damen, die sie ja alle gesehen, noch zum Tanze aufzufordern. Ich zog es vor, im Speisezimmer, wo das Buffet aufgestellt war, eine Cigarre zu rauchen und das schmerzliche Gefühl meiner Demüthigung mit ein paar Gläsern Rheinwein hinabzuspülen.

Zwischen dem Speisezimmer und dem Salon, in dem getanzt wurde, lag ein zweiter, etwas kleinerer Salon mit einem Altan nach dem Garten. Die Verbindungsthür dieses Gemaches mit dem Tanzsaale war entfernt worden, und manches der tanzenden Paare benützte diesen Raum, um seine Touren zu verlängern.

Die Nacht war milde; ich trat auf den Balcon, dessen Glasthür offen stand, und labte mich an der freien, frischen, vom balsamischen Duft zahlloser Rosen und blühender Nachtschatten gewürzten Luft. In stillem, erhabenem Frieden lag die schlummernde Natur vor mir ausgebreitet; die Sterne glänzten über meinem Haupte, ein leises Wehen flüsterte durch das Laub der Bäume, und mir ward zu Muthe, als ob eine weiche, schmeichelnde Hand allen Groll, alle Verstimmung, alle Kränkung meiner tiefsten Gefühle, welche die Eindrücke des heutigen Tages in meinem Inneren hervorgerufen, hinwegstreichelte, und wohlige Ruhe zog in meine Seele. Die Musik, die aus dem Saale zu mir herübertönte, das gedämpfte Geräusch der Tanzenden, das Schleifen der Schritte, das Murmeln der entfernten Stimmen störte mich nicht, es erhöhte noch die Empfindung des stillen, wonnigen Friedens, der sich wie ein süßer Traum über mein innerstes Wesen breitete.

Der Laut eines munteren Lachens weckte mich plötzlich aus meinen Träumereien. Ich brauchte mich nicht umzusehen, um zu wissen, wer es sei, der wenige Schritte vor mir an der offenen Thür stand. Ich kannte dieses silberhelle, perlende Lachen. Nur Margarethe lachte so.

Und jetzt ließ sich auch Theodor's schmelzender Bariton vernehmen:

»Nein, noch gebe ich Sie nicht frei! Warum wollen Sie grausam mir die köstlichen Minuten kürzen, da ich Sie in meinen Armen halten, Ihr Herz an dem meinen pochen fühlen darf! Solchen Augenblick, zu dem ich wie Faust spreche: Verweile doch, Du bist so schön!«

»Wunderbar gesprochen!« scherzte Margarethe. »Doch sagen Sie mir ehrlich, ist es zählbar, auf wie viel Bällen, wie vielen Damen Sie diese Tirade schon wiederholt haben?«

»Es scheint Ihnen Vergnügen zu gewähren, mich zu quälen,« flötete Theodor. »Sie müssen doch erkennen, daß es nur widerwillig geschieht, wenn ich meine Huldigungen scheinbar Anderen zuwende, daß ich dieses Opfer nur zu dem Zwecke bringe, um meine wahren Empfindungen zu verbergen.«

Weiter hörte ich nichts mehr. Die unfreiwillig Belauschten hatten wieder in den Saal zurück getanzt.

Bald darauf ging die Gesellschaft auseinander. Einige der Gäste kehrten nach ihren benachbarten Landsitzen heim, andere fuhren nach der Bahnstation, um nach der Hauptstadt zurückzukehren. Theodor und ich begaben uns auf unsere Zimmer.

»Nun, hast Du Dich von Deiner Niederlage schon erholt? Keine Beulen davongetragen? Du trägst ja eine Jammermiene zur Schau, als ob Du große Schmerzen fühltest?« spottete Theodor, nachdem der uns führende Diener sich entfernt hatte.

»Immer noch besser, eine Jammermiene, als die Rolle eines Polichinells,« versetzte ich gereizt.

»Ah -- wen meinst Du mit dem Polichinell?« frug Theodor sanft, während er sich seiner Handschuhe und Halsbinde entledigte.

»Niemand Anderen als Dich,« antwortete ich, an der offenen Thür meines Zimmers stehend.

»Ei wirklich, und warum denn das?«

»Darum, weil ich es für einen Mann lächerlich finde, wie ein kokettes Salondämchen keinen anderen Ehrgeiz zu kennen, als den, Eroberungen zu machen.«

»So, so! Nun, wenn es Dich lächert, zu sehen, daß die Damen sich mit mir lebhafter unterhalten und lieber tanzen als mit Anderen, so will ich Dir das Vergnügen nicht wehren, Dich über diesen Anblick zu belustigen. Uebrigens kenne ich ein altes Sprichwort: Wer zuletzt lacht und so weiter.«

»Wer zuletzt lacht,« wiederholte ich. »Wer dies sein wird, muß sich erst zeigen.«

Ich war in mein Zimmer gegangen. Einige Minuten später -- Theodor kroch gerade unter die Decke -- trat ich wieder unter die Thür.

»Ich habe mich vorhin schlecht ausgedrückt,« begann ich neuerdings. »Nicht nur lächerlich, unrecht finde ich es, seine persönlichen Vorzüge dazu auszunützen, zur Befriedigung seiner Eitelkeit den Frieden und das Glück der Menschen zu zerstören.«

Theodor erhob sich ein wenig. Den Ellbogen auf das Kopfkissen, das Kinn in die hohle Hand gestützt, sah er mich lächelnd an.

»Lieber Freund,« sagte er nach einer kleinen Weile, »Du hast entschieden Deinen Beruf verfehlt. Du hättest Mönch werden sollen, um von der Kanzel herab gegen die Verderbtheit der Welt zu donnern. Wer sagt Dir denn, daß ich dem Frieden und dem Glücke der Menschen Eintrag thue? Man unterhält sich, man -- nun, man liebäugelt ein wenig und man trennt sich wieder, ohne Gram und Kummer. Und bedenke auch, daß Du selbst es bist, der mich dazu herausgefordert hat, in Betreff dieser Frau, um deren Herzensruhe Du jetzt so besorgt zu sein scheinst, die Stichhältigkeit Deiner Theorien meinen Ueberzeugungen gegenüber auf die Probe zu stellen. Entweder -- oder. Ein drittes giebt es nicht. Entweder Deine Anschauungen sind die richtigen, dann ist ja doch für sie keine Gefahr vorhanden; ihre Treu erweist sich als echt, meine Ansichten finden Widerlegung. Oder die letzteren bestätigen sich: dann ist das Unglück auch nicht gar so groß. Denn die Wahrung einer Treue, die nur ein Werk des Zufalles -- ist wahrlich von keinem großen Werthe. Uebrigens verspreche ich Dir, daß ich, wenn es mir nicht gelingt, binnen der drei Tage meiner Anwesenheit hier -- denn in drei Tagen muß ich wieder zu Hause eintreffen -- von Margarethens holden Lippen das Geständniß ihrer Liebe zu hören, die Feuerprobe nicht länger fortsetze und mich vor Dir feierlich als besiegt erkläre. Bist Du nun zufrieden?«

Ich zögerte nicht, mich einverstanden zu erklären. Theodor's Hoffnungen für eitle Vermessenheit haltend, glaubte ich, davon überzeugt sein zu dürfen, daß es dem selbstgefälligen Gecken niemals, zum mindesten aber nicht binnen einer so kurzen Frist, gelingen werde, Margarethens Herz in Banden zu schlagen und ihr ein Liebesgeständniß zu entreißen. Ja, ich freute mich im voraus der heilsamen Lection, welche Theodor's Eitelkeit zutheil werden, des Widerstandes, der dem »Unwiderstehlichen« doch endlich entgegengesetzt werden sollte.

Völlig beruhigt schlief ich ein -- um am anderen Tage, als ich die Beiden wieder beisammen sah, dennoch wieder von neuen Zweifeln gequält zu werden. Es schien mir, als sähe ich aus den zwischen ihnen verstohlen getauschten Blicken zarte Fäden sich hin und wieder spinnen, die sich zu einem dichten Netze verschlangen. Kein Wort wurde, wenigstens in meinem Beisein -- und ich verließ sie selten -- von ihnen gewechselt, das nicht auch zu jedem Anderen gesprochen werden könnte, und dennoch glaubte ich aus dem Klange der Stimme, womit alles gesagt wurde, einen ganz besonderen Ton herauszuhören, einen Ton, der beileibe nicht derselbe war, als wenn sie ihre Rede an Andere richteten, und der meine peinvolle Sorge von Stunde zu Stunde steigerte. Ich versuchte es wohl, mich mit dem Gedanken zu beruhigen, es sei unmöglich, daß Margarethen an der Seite eines von ihr geliebten Gatten, der -- in meinen Augen wenigstens -- weit liebenswerthere Herzens- und Geisteseigenschaften besaß als Theodor, dessen Verführungskünste sollten gefährlich werden. Dann aber fiel mir wieder ein, welch große Macht dem Reiz des Wechsels gegeben sei. Es gehört zu den schmerzlichsten Geheimnissen der Liebe, wie es manchen Menschen möglich ist, in der Vereinigung mit den ausgezeichnetsten Wesen, welchen sich ihr Herz in tiefster Neigung erschlossen hatte -- bloß durch den Reiz der Abwechslung verlockt -- sich wieder einem Anderen zuzuwenden. Sonst wäre es nicht möglich, daß, wie so viele Beispiele zeigen, die liebenswürdigsten, edelsten Männer und Frauen oftmals um der schalsten Persönlichkeiten willen, die den Vergleich mit jenen in keiner Weise auszuhalten vermögen, betrogen werden.

So von den widersprechendsten Gefühlen hin und her bewegt, bald von heiterer Zuversicht gehoben, bald gedrückt von quälender Sorge, verbrachte ich die nächsten beiden Tage in denkbar unbehaglichster Gemüthsstimmung. Unsere Gastfreunde boten alles auf, um uns Vergnügungen zu bereiten. Ausflüge zu Fuß und zu Wagen, Kahnfahrten auf dem nahen Flusse, Pistolenschießen, Musik oder ein Spielchen des Abends, dazu bei den von heiterster Laune der Theilnehmer gewürzten Mahlzeiten das Beste, was Küche und Keller zu bieten vermögen -- ein solches Leben hätte das Gemüth des düstersten Griesgrams aufheitern müssen. Ich aber konnte nicht froh werden. Auf jedes Wort, jeden Blick, auf jede Miene und Bewegung Margarethens und Theodor's lauernd, war mir alle Freude verdorben. Am meisten mußte ich mich über Arthur ärgern. War er denn mit Blindheit geschlagen, daß er es nicht wahrnahm, mit welch verwegener Unverfrorenheit Theodor seiner Frau den Hof machte und mit welcher Befriedigung sie es sich gefallen ließ? So gut wie ich mußte doch auch er es bemerken, wie Theodor's Hand jene Margarethens drückte, wenn er ihr beim Scheibenschießen die für sie geladene Pistole reichte; wie sein Arm ihre Schultern streifte, wenn er die Fröstelnde in den wärmenden Shawl einhüllte; wie sein Knie das ihrige berührte, wenn er ihr gegenüber im Wagen saß, und welche Blicke sie tauschten, wenn sie sich unbeachtet wähnten.

Aber Arthur schien von allem nichts zu sehen. Ja, manchmal däuchte es mir geradezu, als ob seine stets frohgemuthe Laune um so fröhlicher würde, je kühner Theodor's seiner Frau dargebrachten Huldigungen sich äußerten.