Was ich geschaut: Novellen

Part 7

Chapter 73,595 wordsPublic domain

In völlige Verblüffung versetzte es mich, als unser Wirth am Abend des zweiten Tages uns mittheilte, daß er eines Brandes wegen, durch den eine zu seiner Besitzung gehörende Sägemühle zerstört worden, behufs Besichtigung des Schadens und zu treffender Anordnungen hinsichtlich des Neubaues, sich am folgenden Morgen an Ort und Stelle begeben und nicht vor Abend zurückkehren werde.

Das fehlte gerade noch, die Beiden einen ganzen Tag allein zu lassen -- denn meiner unbequemen Nähe würden sie sich, wenn es ihnen so genehm, wohl zu entziehen wissen.

Ich versuchte es, Arthur zu einem Aufschub seiner geschäftlichen Excursion zu bestimmen. Ich bat ihn, dieselbe am zweitnächsten Tage anzutreten, an welchem Theodor und ich nach der Hauptstadt zurückkehren würden. Arthur meinte aber, daß dies gerade der Grund sei, warum er die Ordnung dieser Angelegenheit nicht verzögern wolle, denn so lange wir hier seien, wisse er, daß seine Margarethe sich nicht langweilen würde, und trotz meiner verschiedensten Einwendungen blieb er bei seinem Entschlusse.

Theodor strahlte und auch in Margarethens Augen blitzte ein Freudenschimmer, der mich fast rasend machte vor Grimm, und ich beschloß, meine letzte Karte auszuspielen, um Arthur von seinem Vorhaben zurückzuhalten.

Nach dem Thee, während Margarethe uns einige Lieder sang, zu welchen sie Theodor, wie gewöhnlich auf dem Clavier begleitete, brach ich die Gelegenheit vom Zaune, um meinem Freunde, mit Ausnahme des auf Margarethe bezüglichen Details, mein ganzes mit Theodor während der Bahnfahrt geführtes Gespräch zu erzählen. Mit wahrer Wonne verbreitete ich mich über die eines Don Juan's würdigen Anschauungen des »Unwiderstehlichen« über Liebe und Treue und entblödete mich nicht, auch seines, wie er behauptete, aus seinen intimen Erfahrungen geschöpften Wahl- und Wahrspruches: =Veni, vidi, vici!= Erwähnung zu thun. Wer beschreibt jedoch meine Fassungslosigkeit, als ich sah, daß auch dieses Mittel nicht verfing!

Mit ruhigem Lächeln hörte Arthur mir zu, und als ich schwieg, sagte er ganz unbefangen:

»Ja, ja, ich kenne das. Solche Ansichten sind bei den Männern gang und gäbe, namentlich bei den Junggesellen.«

Ich war wie vor den Kopf geschlagen und starrte ihn an, als hätte er plötzlich angefangen, chaldäisch zu sprechen. Auch muß ich in meinem grenzenlosen Staunen ein etwas dummes Gesicht gemacht haben, denn er lachte geradezu, als er mich ansah. Ich wurde so erbittert über ihn, daß ich ihm sicherlich etwas Grobes gesagt hätte, wenn nicht in diesem Augenblicke ein von Margarethe vorgetragenes Gounod'sches Lied beendigt und sie zu uns herangetreten wäre, wodurch unser Gespräch abgeschnitten war.

So zwang ich mich denn, gegen Margarethe gewendet, zu ein paar artigen Floskeln über ihren Gesang -- von dem ich diesmal freilich wenig gehört hatte -- während ich innerlich Arthur mit Molière apostrophirte: =Tu l'as voulu, George Dandin!= Am anderen Morgen, als Arthur, seinem Vorhaben gemäß, fort fuhr, stand Margarethe, so zeitlich früh es auch war, am Wagen, um ihm Adieu zu sagen. Am offenen Fenster stehend, sah ich, wie sie sich zärtlich umarmten und küßten und hörte Margarethe sagen:

»Also pünktlich, Arthur, keine Verspätung!«

»Pünktlich, wie eine Sonnenuhr!« rief er zurück, während er lachend in den Wagen sprang.

Ich aber dachte: »Sei Du nur pünktlich, mein Lieber, so pünktlich kannst Du doch nicht sein, um Deinem Unheil zuvorzukommen, dem Du kopfüber entgegen rennst!«

Der Vormittag verging wie die anderen, ohne daß etwas Besonderes vorfiel. Nur glaubte ich an Theodor sowohl wie an Margarethe eine gewisse nervöse Unruhe zu bemerken, als ob sie irgend etwas mit Spannung erwarteten.

Bei Tische -- das Dessert war eben aufgetragen worden -- griff Theodor nach seinem mit edlem Wein gefüllten Glase und es emporhaltend, sprach er zu Margarethe gewendet:

»Es verstößt zwar gegen die gute Lebensart, sich selbst zum Hauptgegenstande des Gespräches zu machen. Dennoch kann ich es mir nicht versagen, zu bemerken, daß ich heute mein Geburtsfest feiere. Gestatten Sie mir, gnädige Frau, mein Glas auf Ihr Wohl zu leeren, indem ich Ihrer Güte und Ihrer liebenswürdigen Einladung, in Ihrem Hause zu weilen, es danke, daß der heutige sich zu dem schönsten und reizvollsten Geburtstag meines Lebens gestaltet.«

Margarethe schlug sich in die Hände.

»Ihr Geburtstag ist heute!« rief sie heiter. »Das trifft sich ja köstlich! Schade, daß Sie es nicht früher gesagt, dann hätten wir ein kleines Fest veranstaltet. Never mind, noch ist es ja nicht zu spät dazu.«

Ein schelmisches Lächeln flog über ihr Gesicht. Sie erhob ihr Glas und die Becher klangen aneinander.

Mich aber faßte es wie ein Taumel. Indem ich mit dem Rande meines Glases dasjenige Margarethens berührte, rief ich lustig:

»Evviva, Theodor! Ein Hoch dem Unwiderstehlichen und seiner Siegesbahn!«

Theodor blickte mich betroffen an. Margarethe lachte.

»Das gilt nicht,« rief sie. »Darauf stoße ich nicht an.«

»Mein Freund hat sich falsch ausgedrückt,« fiel Theodor ein. »Manche Spötter geben mir allerdings diesen Namen. Dies beruht jedoch auf einer Verwechslung der Begriffe. Kein einzelner Mensch ist unwiderstehlich, nur die siegreiche Allmacht der Liebe ist es. Wollen Sie auf die Macht der Liebe trinken, gnädige Frau?«

Während Theodor sprach, hatte Margarethe den Blick gesenkt. Jetzt sah sie wieder auf.

»Es lebe die Liebe!« sagte sie.

Nochmals erklangen die Gläser und Theodor's und Margarethens Blicke begegneten sich in stummer und doch beredter Sprache.

Nach Tische zog Margarethe sich für kurze Zeit zurück, um, wie sie mir zuflüsterte, für Theodor's Geburtstag eine kleine Ueberraschung vorzubereiten.

»Du wolltest mir mit Deinem Toast eine kleine Grube graben,« sagte Theodor, als Margarethe uns verlassen hatte. »Ich fürchte jedoch, daß sich wieder einmal das Sprichwort von solchem Gebaren bewähren werde. Nicht ich werde es sein, der hineinstürzt. Deine Theorien werden mit einem großen Plumps hineinfallen.«

»Morgen geht die Frist zu Ende,« versetzte ich.

»Allerdings. Aber zweifelst Du wirklich noch daran, daß meine Anschauungen Recht erhalten werden?«

Ich zuckte mit den Achseln und gab keine Antwort.

Eine halbe Stunde später vereinigten wir uns im kühlen Billardzimmer zu einer kleinen Partie, denn noch war es zu heiß, um ins Freie zu gehen. Später sollte eine Kahnfahrt und nach derselben ein Spaziergang in den Wald unternommen werden. Margarethe wollte uns zu dem an ihrem Lieblingsplätzchen erbauten Pavillon führen, den sie uns noch nicht gezeigt hatte.

Alles verlief ganz programmgemäß. Aber während ich ruderte, bemerkte ich wiederholt, wie Theodor, der am Steuer saß, mit Margarethen leise Worte tauschte. Auch schien es mir, daß sich die von mir schon früher wahrgenommene erregte Spannung ihres Wesens sichtlich steigerte.

Schon neigte sich die Sonne ihrem Untergange zu, ihre schräg auffallenden Strahlen glitzerten und glänzten auf den Wellen wie flüssiges Gold. Die Abendkühle senkte sich erfrischend hernieder.

An einer buchtähnlichen Biegung des Flusses, an dessen Ufer eine Bank stand, landeten wir, um von dort aus den Weg durch den Forst nach dem Pavillon einzuschlagen. Wir hatten jedoch erst einige Schritte zurückgelegt, als Margarethe erklärte, vorher noch nach Hause gehen zu wollen, um sich einen Shawl zu holen. Der Abend sei plötzlich so kühl geworden.

Theodor meinte jedoch, wir sollten vorangehen, er würde nach Hause eilen, um das Gewünschte zu bringen.

Er setzte sich in Schnellschritt -- doch nur, um nach zwei Minuten einen kleinen Schrei auszustoßen und, indem er hinkend zu uns zurückkehrte, die Erklärung abzugeben, er sei gestrauchelt, habe sich den Fuß verletzt und bäte daher mich, die Mission zu übernehmen, da er unmöglich so rasch zu gehen vermöchte. Sie Beide würden hier auf der Bank meine Rückkehr abwarten.

Ich verstand -- und vermochte es nicht, ein spöttisches Lächeln zu unterdrücken. Fragend blickte ich auf Margarethe, doch als sie mit freundlicher Bitte sich Theodor's Anordnung anschloß, sah ich, daß es ihr Wunsch sei, daß ich sie verlasse, und begab mich auf den Weg.

»Das also haben sie mitsammen abgekartet, als ich sie flüstern sah,« dachte ich, während ich beinahe laufend dem Hause zustürmte. Dort ließ ich mir von einem Diener irgend einen Shawl Margarethens geben und kehrte wieder zurück. Etwa zwanzig Minuten mochten verflossen sein, so war ich wieder zur Stelle. Doch die Bank war leer. Weder von Margarethe noch von Theodor eine Spur.

Ich rief, aber keine Antwort tönte zurück.

Da lachte ich laut auf -- doch that mir dieses Lachen so wehe, als ob ich weinte.

Dann überlegte ich, was ich thun sollte. Hier warten? -- Wozu! Hierher kamen sie gewiß nicht mehr. Nach Hause zurückkehren, allein? -- Damit riskirte ich, Margarethe zu compromittiren, deren Escapade mit Theodor dadurch bekannt wurde. Den Beiden auf dem Wege nach dem Pavillon folgen? -- Das war unmöglich, denn ich kannte den Weg nicht, der eine Steinwurfweite von der Bank entfernt sich in drei verschiedenen Richtungen nach dem Walde hin trennte. Also was thun --?

Plötzlich schoß mit ein Gedanke durch den Kopf. Spornstreichs eilte ich wieder zur Villa zurück und rief Pluto heran, Margarethens prächtige dänische Dogge, deren specielle Freundschaft ich mir bereits erworben hatte und die mir ohne Widerstreben folgte. Zum viertenmale legte ich, jetzt von Pluto begleitet, den Weg zur Bank am Flußufer zurück. Dort angelangt, rief ich dem Hunde zu:

»Such' die Frau, such' Deine Herrin, Pluto! Such', such'!« und ich hielt ihm Margarethens Tuch an die Nase, auf daß er besser verstehe, wen er suchen sollte. Und das kluge, schöne Thier verstand mich vortrefflich.

Erst hob es den Kopf empor und schnupperte in die Lüfte, dann den Weg entlang. Und ein leises, kurzes Gebell anschlagend, sprang es in weiten Sätzen auf einem der sich kreuzenden Fußpfade dem Walde zu.

»Langsam, Pluto, langsam!« rief ich ihm zu, da ich ihm kaum zu folgen vermochte.

Der Hund mäßigte seinen Lauf und nun ging es, von ihm geleitet, in den Wald hinein.

Es dämmerte bereits und im Forste lag schon tiefes Dunkel. Mit den Füßen über Wurzeln stolpernd, mit dem Kopfe an Bäume stoßend, das Gesicht gepeitscht von den niederhängenden Zweigen, folgte ich im Laufschritte meinem wackeren Führer.

Plötzlich sah ich eine Lichtung vor mir und in demselben Augenblicke hörte ich Pluto, der mir in den letzten Minuten vorangeeilt war, laut und freudig aufbellen. Dann ließ sich Margarethens Stimme vernehmen:

»Pluto, Du hier! Wie kommst Du hierher, mein Braver?«

Und darauf Theodor:

»Er wird aus dem Garten entkommen und Ihrer Spur gefolgt sein.«

Da waren sie also! -- Tief aufathmend blieb ich stehen. In diesem Zustande, athemlos, keines Wortes mächtig, mit zerzaustem Haar, die Kleider in Unordnung vom wilden Lauf, konnte ich unmöglich vor die Beiden hintreten. Was würden sie von mir denken! Auch mußte ich mich erst besinnen, was ich ihnen zur Erklärung meiner seltsamen Parforcejagd sagen wollte.

Behutsam, um meine Nähe durch kein Geräusch zu verrathen, drang ich bis an den Saum des Waldes vor. Nur der dämmernde Lichtschein, der von dort in das Dickicht fiel, leitete mich jetzt. Denn die Stimmen der Gesuchten waren verstummt. Am Rande der Lichtung, vom tiefen Schatten der Bäume gedeckt, hielt ich nochmals inne. Und jetzt erblickte ich die Beiden.

Inmitten der kleinen Waldwiese, nahe dem im Stile eines Miniaturschweizerhäuschens gebauten Pavillon, stand Margarethe, das Haupt zu Theodor herabgeneigt, der vor ihr auf den Knien lag --

Und mit bebender Stimme sprach er:

»Zürne mir nicht, Margarethe, daß ich es wage, Dir das Geheimniß meines Herzens zu entdecken. Ich liebe Dich, liebe Dich unsäglich!«

Margarethe trat einen Schritt zurück.

»Wie unvorsichtig!« flüsterte sie hastig. »Wissen Sie denn nicht, daß nicht nur Wände, zuweilen auch die Bäume Ohren haben? -- So stehen Sie doch auf!«

Theodor erhob sich. Und die Hand nach dem Pavillon ausstreckend, bat er:

»Margarethe --?!«

Die Thür öffnete sich und Beide verschwanden im Inneren des Häuschens.

In einer Secunde stürmte blitzartig eine Fluth von Gedanken und Gefühlen durch mein Inneres.

Ein Schmerz durchzuckte mich, wie er heftiger nicht hätte sein können, wäre ich Margarethens Gatte oder Bruder gewesen. Einen Augenblick fühlte ich mich versucht, ihnen nachzustürzen und Theodor zu Boden zu schlagen. Aber hatte ich etwa ein Recht dazu? Wahrlich nicht! Dann ergriff mich Scham, als ob ich es wäre, der einen Frevel begangen, und eine wilde Qual, meinen Glauben an Tugend, an die Unwandelbarkeit treuer Liebe so schmählich und auf so lächerliche Weise zerstört zu sehen. Und alle diese Gedanken und Empfindungen waren in wenigen Augenblicken zusammengedrängt, denn als ich mich wieder zusammenraffte, fiel hinter den Beiden erst die Thür ins Schloß.

Doch was war dies? -- In dem Häuschen blitzte plötzlich ein Lichtschein auf und ein schwacher Schrei ertönte.

Ich schritt vorwärts, und durch ein Fenster in den Pavillon spähend, bot sich mir der überraschendste Anblick.

In der mir gegenüber liegenden Fensteröffnung las ich die durch ein glänzendes Transparent gebildeten Worte:

»=Veni, vidi -- non vici.=«

Und nun wurde es hell im Pavillon. Unter Margarethens Händen flammte eine Lampe auf. Und ich sah auf einem Tischchen allerlei kostbare Gegenstände zierlich geordnet: einen eleganten Briefbeschwerer, eine prachtvolle türkische Pfeife, ein Cigarrenetui und noch manches andere, dessen ich mich nicht mehr entsinne.

Neben dem Tischchen aber stand Margarethe -- an Arthur's Schulter gelehnt und Beide blickten lächelnd auf Theodor, der starr wie eine Bildsäule an der Thür stand.

Jetzt trat Margarethe auf ihn zu.

»Hab' ich mein Wort gehalten?« fragte sie. »Ich sagte doch, Ihr Geburtstag treffe sich köstlich. Schade, daß unser Freund, den wir so schmählich im Stiche gelassen, nicht anwesend ist, sich auch an der Ueberraschung zu laben.«

»Ihr Wunsch ist erfüllt, gnädige Frau,« fiel ich ein, lachend durch die Thür tretend. »Freund Pluto hat mich hierher geführt.« Und gegen Theodor gewendet, flüsterte ich: »Wer zuletzt lacht --«

Theodor hatte endlich seine Fassung wieder gewonnen und mit der Gewandtheit des Weltmannes gute Miene zum bösen Spiele machend, dankte er mit erzwungener Heiterkeit für die allerliebsten Geburtstagsgeschenke und -- leise zu Margarethe -- für die heilsame Lehre.

Ob diese Radicalcur ihn von dem Wahne seiner Unwiderstehlichkeit und von jenem, daß es keine echte Treue gebe, gründlich geheilt hat? -- Ich weiß es nicht. Mir gegenüber vermeidet er es ängstlich, auf dieses Thema zurückzukommen.

Schwer geprüft.

Der Wanderer, der von dem in den südwestlichen Ausläufern der Allgäuer Alpen, inmitten eines üppigen Tannen- und Eichenwaldes malerisch gelegenen und durch seine heilkräftigen Mineralquellen auch als Curort bekannten Weiler Adelholzen gegen das etwa eine halbe deutsche Meile davon entfernte, knapp an die östlichen Ufer des freundlichen Chiemsees geschmiegte Dörfchen Uebersee hinabsteigt, kommt, wo der Weg aus dem Walde hervortritt und sich tiefer gegen die Thalebene senkt, an einem massiven Eisengitter vorüber, das einen schattigen Garten gegen die daran vorbeiführende Bergstraße abschließt. Wer in der Schwüle eines heißen Sommertages hier vorüberschreitet, mag wohl einen Augenblick stillstehen, um durch die Eisenstäbe des Gitters einen begehrlichen Blick auf dieses reizende Heim zu werfen, welches das zwischen dem dunklen Grün der Bäume und über den bunten Flor eines mächtigen, den ganzen Vorplatz des Gebäudes einnehmenden Rosenrondeaus hell und heiter hervorblickende Landhaus seinen Bewohnern bieten mag.

Auch heute sandte die Augustsonne ihre gluttragenden Strahlen versengend heiß von dem wolkenlosen, durchsichtig klaren Himmel in das Thal hernieder. Aber hier, in dem an breitästigen dichtbelaubten Bäumen reichen Garten, in welchem aus dem unmittelbar angrenzenden Nadelholzwalde die Luft frisch und würzig herabstrich, war die unten im Thalkessel drückende Hitze wohlthuend gemildert.

Die Besitzer des anmuthigen Landhauses, Doctor Richard Wilnau -- den man, seit eine Krankheit ihn des Augenlichtes beraubt, in der ganzen Umgegend nicht anders als schlechtweg den »blinden Doctor« nannte -- und seine junge, hübsche Gattin, in der Oeffentlichkeit durch ihre vortrefflichen Gemälde, im Kreise der Näherstehenden aber auch durch ihre hohe Geistesbildung und persönliche Liebenswürdigkeit bekannt, befanden sich plaudernd auf der kühlen Veranda.

Die junge Frau hatte soeben die Lectüre der Tagesblätter beendet, die sie nach eingenommenem Mittagsmahle dem Doctor täglich vorzulesen pflegte. Aber im Begriffe, zu ihrer Arbeit wiederkehrend, in ihr Atelier sich zu begeben, war sie, schon auf der Schwelle, von ihrem Gatten zurückgerufen worden.

»Unverbesserlich, ganz unverbesserlich,« sagte der Blinde, indem er, heiter lächelnd, sein Haupt an die Rücklehne des Schaukelstuhles drückte, in dem er sich behaglich auf und nieder wiegte. »Was wirst Du mir für eine Strafe dictiren, Malwinchen, wenn ich bekenne -- und beinahe hätte ich gar nicht mehr daran gedacht -- daß ich Dein strictes Gebot, zum Mittags- oder Abendtische niemand einzuladen, ohne Dich vorher hiervon zu verständigen, abermals freventlich übertreten habe?«

»Unerhört!« rief Malwine lachend. »Gestern erst gelobst Du reuig Besserung -- heute sündigst Du aufs neue. -- Und wer ist es denn, dessen anziehende Gesellschaft Dich zu so schnödem Wortbruche verführt?«

»Rathe nur!«

»Natürlich, der dicke Major, der sein tausend und erstes Jagdabenteuer noch nicht oft genug zum Besten gegeben.«

»Fehlgeschossen!«

»Dann ist es der Badearzt, von dem Du Berichte interessanter Krankheitsfälle erwartest.«

»Keineswegs!«

»Also vielleicht Baronin X., von der Du kürzlich sagtest, daß niemand Dich zur Violine so gut auf dem Klavier zu accompagniren verstände als sie?«

»Ebenfalls nicht. Doch ich sehe schon, Du erräthst es ja nicht. Wie solltest Du auch?«

»Nun denn?«

»Universitätsprofessor -- ja, mein Gott, wie hieß er denn nur gleich? Professor --«

»Du weißt den Namen desjenigen nicht, den Du eingeladen?« lachte Malwine.

»Doch, doch, er wird mir gleich in den Sinn kommen. Heute Vormittag, während Deiner Abwesenheit, wurde ich durch den Besuch dieses Herrn überrascht, der allerdings nicht so sehr mir, als vielmehr Dir galt. Er erzählte, er sei ein Jugendfreund Deiner Familie und Schulcollege Deines verstorbenen Bruders gewesen, aber seit vielen Jahren -- Du warst damals noch nahezu ein Kind -- habe er Dich nicht gesehen. Jetzt befindet er sich auf seiner Ferienreise, und da er zufällig von Deinem Aufenthalte hier gehört, wollte er die Gelegenheit nicht ungenützt lassen, Dich aufzusuchen. Ja, nun fällt mir auch schon sein Name ein. Halt -- Hellwig nannte er sich!«

»Hellwig!« wiederholte Malwine, während ihr erbleichendes Antlitz Schrecken, Freude und Schmerz in raschem Wechsel wiederspiegelte.

Der Doctor plauderte weiter, berichtete, was der Gast von seiner Reise in diesem schönen Alpengebiete, das er jetzt zum erstenmal betrete, erzählt, und schilderte, mit welch freudiger Bewunderung er von Malwinens Bildern gesprochen, die er in mehreren Kunstausstellungen gesehen.

Aber seine Frau hörte von all dem nichts. Der eben vernommene Name schwirrte ihr im Ohre, so laut, daß er die Stimme ihres blinden Gatten weit übertönte.

Wenige Stunden später sprang Malwine ungeduldig von ihrem Sitze vor der Staffelei empor, Pinsel und Palette mißmuthig in eine Ecke schleudernd. Sie grollte mit sich selbst, denn trotz aller Anstrengung vermochte sie nicht zu arbeiten. Ihre Hand zitterte, unklar sah ihr Auge und unablässig irrten ihre Gedanken von dem seiner Vollendung harrenden Gemälde fort, weit fort nach ihrer Kindheit trautem Heim. Sie sah sich selbst als glückliches Kind, als aufblühendes Mädchen, dessen übersprudelnder Frohsinn selbst von des stets kränkelnden Vaters Stirn die trüben Schatten hinwegzuscherzen wußte. Sie schaute an ihrer Seite die stille, ernste, unvergeßlich theuere Frau, deren sanfte Hand und wachsames Auge mit jener treuen Fürsorge, die nur Mutterliebe zu üben im Stande ist, ihre Erziehung leitete. Sie erinnerte sich ihrer Professoren, besonders des grämlichen Zeichnenlehrers, der für seine Schüler selten ein freundliches Wort hatte, für sie aber die sonst stereotype unwirsche Miene zumeist ablegte, und die eine oder andere ihrer Zeichnungen ihren Eltern vorweisend, mit geheimnißvollem Lächeln und bedeutungsvollem Kopfschütteln bemerkte: »In dem Kinde steckt etwas.«

Sie gedachte ihres frühverstorbenen Bruders, und neben ihm tauchte die Gestalt eines anderen frischen munteren Knaben immer deutlicher in ihrer Erinnerung auf, des Jugendfreundes, der als Dritter im Bunde alle kleinen Leiden und Freuden der Geschwister getheilt. Sie hatte ihn einst geliebt. Mit ahnungsloser, schwesterlicher Neigung zuerst und dann mit der ganzen Glut des erwachenden Mädchenherzens. Als sie es aber wahrnahm, oder doch wahrzunehmen glaubte, daß sie seine Gegenliebe nicht besaß, daß er in ihr nichts sah als die Gefährtin aus der Kindheit, da hatte sie stolz und trotzig ihre thörichte, hoffungslose Liebe bezwungen, dem rebellischen Wünschen und Sehnen Schweigen geboten.

So waren Jahre hinüber gegangen. Sie hatte nichts mehr von ihm gehört und kaum mehr seiner gedacht. Da lernte Doctor Wilnau sie kennen und warb um ihre Hand. Wohl war es nicht jene tiefe, heiße Leidenschaft, die ihr Herz zu seinem Herzen zwang, von welcher die Dichter singen und sagen, daß sie nur einmal entflamme die Menschenseele und dann nie, niemals wieder, aber sie war dem trefflichen Manne in inniger Freundschaft geneigt, der süße Zauber des Bewußtseins, geliebt zu sein, that das Uebrige, und so ward sie seine Frau. Sie hatte es nie bereut. Jetzt aber beschlich sie leise ein seltsames Gefühl -- sie wußte es selbst nicht gleich zu deuten -- wie ein heimliches Bedauern, nicht frei zu sein. Sie strich sich mit der Hand über die Stirn, als wollte sie die Gedanken wegwischen, die da drinnen gegen ihren Willen sich regten.

Plötzlich aber trat sie an einen Schrank, in dem sie einen Theil ihrer Arbeiten aufzubewahren pflegte. Sie wählte lange in der Menge der hier aufgestapelten Skizzen, Studienblätter, Kreide- und Federzeichnungen, bis sie das Gesuchte fand. Ein freudiges Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie das Gemälde vor sich auf die Staffelei stellte. Es war ein reizendes Bild. Kenner, die es gesehen, hatten es einstimmig für eine von Malwinens besten Arbeiten erklärt. Aber trotz der bedeutenden Summen, die ihr dafür geboten worden, hatte sie sich nie zu entschließen vermocht, sich von ihm zu trennen. Es war ja nicht nur ihr bestes, sondern auch ihr liebstes Bild. Zwei Kinder stellte es vor, einen Knaben und ein Mädchen, die auf weichem Waldesrasen von ihrer Beschäftigung ausruhend, auf welche das bis an den Rand mit rothglänzenden Erdbeeren gefüllte Körbchen hinwies, das zwischen ihnen und der zu ihren Füßen Wache haltenden prächtigen Dogge stand, eingeschlummert waren. Des Mädchens blondumlockter Kopf war an die Schulter des kräftigen Jungen gelehnt, während dieser zum Schutze seinen Arm um dessen Nacken geschlungen hielt.

Lange weilte Malwinens Auge auf dem Bilde. Aber allmählich verdüsterte sich ihr Blick. Nicht mehr mit träumerischer Wehmuth, sondern mit feindseligem Trotze starrte sie jetzt auf das Abbild desjenigen, der ihre Gedanken abermals mit unwiderstehlicher Gewalt gefangen genommen. Sie zürnte ihm. Warum kam er, den schwer errungenen Frieden ihres Herzens zu stören? Hatte sie nicht genug durch und um ihn schon gelitten? Wer gab ihm das Recht, sich bei ihr einzudrängen und übermüthig die heißen, qualvollen Kämpfe ihrer Seele zu erneuern? Nein, das wollte sie nicht dulden! Sie wollte ihn nicht wiedersehen!