Was ich geschaut: Novellen

Part 5

Chapter 53,545 wordsPublic domain

Und in der That gestaltete sich sein Lebenslauf zu einer Bestätigung seiner harmlosen Selbstironie. Michael oder Michel, wie er allgemein gerufen wurde, gehörte zu jenen Pechvögeln, welchen alles, was sie unternehmen, mißlingt und welche, ohne dümmer, oder ungeschickter, oder träger zu sein als Andere, doch von Allen überholt und übervortheilt werden.

Gab es unter den Schulknaben irgend eine Balgerei, so war es sicherlich Michel, der dabei am übelsten wegkam, dessen Rücken die meisten Püffe, dessen Kleider die meisten Risse erhielten und dem obendrein noch oft Strafe zutheil ward, indem ihn die Genossen, so unschuldig er zumeist auch war, als Rädelsführer und Urheber der Schlägerei verklagten.

In der Schule lernte er nicht schlechter als die Mehrzahl seiner Gefährten, dennoch widerfuhr ihm wiederholt das Unglück, bei der Prüfung durchzufallen, einzig aus dem Grunde, weil ihm zufällig solche Fragen gestellt wurden, die er nicht zu beantworten wußte, während er auf alle seinen Collegen vorgelegten Fragen ganz richtige Antworten zu geben vermocht hätte. Von seinen Lehrern wurde er bemitleidet, von seinen Genossen verspottet. Trotz seiner Gutmüthigkeit, mit welcher er sich gern jedem gefällig erwies, was sich Alle ganz wohl gefallen ließen, wenn sie eines Dienstes bedurften, bildete er doch die Zielscheibe ihrer Neckereien. Und schlecht gelang es ihm, sich derselben zu erwehren, denn eine treffende Replik auf irgend eine spöttische Bemerkung fiel ihm regelmäßig erst dann ein, wenn die passende Gelegenheit, sie auszusprechen, längst vorüber war.

Einmal ereignete es sich, daß seiner Classe als Hausaufgabe ein Aufsatzthema gegeben wurde, dessen Ausarbeitung unserem Michel besonderes Interesse und Vergnügen gewährte. Mit Ernst und Eifer machte er sich an die Arbeit. Aber unmittelbar vor dem Ablieferungstermin hatte er das Unglück, das Schreibheft, welches den Entwurf seines zu seiner eigenen großen Zufriedenheit vollendeten Aufsatzes enthielt, und das er unvorsichtigerweise bei sich trug, auf dem Wege von der Schule heimwärts, aus seiner Rocktasche zu verlieren. Natürlich blieb ihm nichts anderes übrig, als die Aufgabe in Hast und Eile -- denn die Zeit drängte -- vom neuem auszuarbeiten. Wer beschreibt nun seine schmerzliche Entrüstung, als seine Arbeit als »ungenügend« zurückgewiesen, jene eines Schulkameraden hingegen prämiirt und zur Auszeichnung laut verlesen wurde, in welcher er seinen eigenen ersten, verlorenen Aufsatz erkannte!

Er hatte gut, denselben als sein Werk reclamiren und die Geschichte seines in Verlust gerathenen Heftchens erzählen! Niemand glaubte ihm; trug doch die belobte Arbeit Namen und Handschrift des Schülers, der sie dem Lehrer präsentirt hatte; welche Belege für das gute Recht seiner Ansprüche vermochte er dagegen aufzuweisen? Einige seiner Schulgenossen lachten ihn aus, andere empörten sich über ihn und erzählten daheim ihren Eltern dieses Beispiel unerhörter lügnerischer Verwegenheit. Der Lehrer aber verwies ihm mit scharfem Tadel seinen kecken Betrugsversuch und bedeutete dem schmerz- und zornverwirrten Knaben, daß er ihm nur dies einemal solch schweres Vergehen straflos hingehen ließe, er möge sich für die Zukunft hüten, denn ein zweitesmal würde er sich eine empfindliche Züchtigung zuziehen. Und als der Junge das Ereigniß weinend seinem Vater klagte, da ward ihm ein gleichgiltiges Achselzucken zutheil und eine Wiederholung des stereotypen Urtheiles: »Geschieht Dir recht, Michel, Du bist ein Tölpel, das weiß ich längst.«

Solche und ähnliche Erfahrungen, die Kränkungen und ungerechten Zurücksetzungen, die ihm allenthalben begegneten, führten dazu, Michel's Gemüth zwar nicht zu verbittern -- hierzu war es zu gut -- aber es immer mehr von der Außenwelt abzuziehen und, sich selbst genügend, sich eine stille, träumerische Welt zu bilden. Langsam von Classe zu Classe aufsteigend, beschäftigte er sich eifrig mit seinen Studien und trat, nach Vollendung derselben, in ein kleines Amt. Außer den dienstlichen Beziehungen verkehrte er wenig mit seinen Collegen, welche ihm, wie früher seine Schulgefährten, wenig Sympathie entgegenbrachten. Gesellige Vergnügungen suchte er noch weniger. In größerer Gesellschaft, an welcher Frauen theilnahmen, war er schüchtern und beklommen, da er sich mit Recht oder Unrecht immer einbildete, eine ungeschickte, lächerliche Figur zu spielen, und für Damen, die für die Komik linkischer Unbeholfenheit meist einen noch schärferen Beobachtungssinn besitzen als die Männer, ein Object, wenn nicht offener, so doch sicherlich heimlicher Belustigung darzustellen. Da ihm dieser Gedanke peinlich war, zog er es vor, Damen-, sowie überhaupt jede größere Gesellschaft zu meiden.

So lebte Michel freund- und freudlos für sich hin.

Freund- und freudlos? Nein, nicht doch! denn einen Freund nannte er sein, dessen Besitz ihm Freude gewährte.

Wenn dieser Freund vor ihm saß und mit seinen glänzenden dunkelbraunen Augen treu und ehrlich in sein Auge blickte, dann ward ihm so innig warm und wohl ums Herz, wie nie bisher in seinem Leben, denn noch nie in seinem Leben war er einem Wesen begegnet, das ihn liebte -- das wußte er. Und wenn dieser Gedanke durch seine arme Seele zog, da regte sich Dankbarkeit und Liebe in seinem Herzen zu diesem Geschöpfe, dem ersten, das ihm treue, aufrichtige Liebe entgegenbrachte, und mit einem Gefühle von Rührung zog er dessen Kopf an seine Brust und drückte einen Kuß auf seinen glatten Scheitel.

Ja wahrhaftig, einen Kuß, obgleich dieser einzige Freund nicht mehr und nicht weniger war als -- sein Hund.

Dieser Hund war durchaus nicht von besonders edler oder auch nur reiner Race. Sein Lux -- so hieß er -- war eine Kreuzung von Dachs- und Hühnerhund. Von letzerem hatte er den schönen, intelligenten Kopf, von ersterem die etwas verkürzten Beine und die Zeichnung: schwarz, gelb und weiß. Trotzdem war es ein hübsches Thier, wenigstens für unseren Michel gab es kein schöneres auf Erden. Und wie anhänglich war er seinem Herrn! Seitdem dieser ihm das Leben gerettet, indem er ihn aus dem Wasser zog, in welches sein früherer Besitzer, um sich seiner zu entledigen, ihn geworfen, wich er ihm nicht von der Seite. Herr und Hund waren unzertrennlich. Sie schliefen in demselben Zimmer, aßen in demselben Wirthshause, machten zusammen große Spaziergänge. Und da von den Beiden der Hund der auffallendere, jedenfalls hübschere und lebhaftere war und der Herr sich augenscheinlich oft den Wünschen seines vierfüßigen Gefährten unterordnete, so kam es, daß die in Betreff unseres Michels stets zum Spotte geneigten Leute, wenn sie Beide einherspazieren sahen, nicht etwa sich anständigerweise derart ausdrückten: »Da geht Herr Müller mit seinem Hund,« sondern aller naturgeschichtlichen Rangordnung zum Trotz kühnlich sagten: »Da kommt der Lux mit dem Michel.« Letzterer hörte zuweilen diese Aeußerung, doch war er darob weder gekränkt noch beleidigt; er lächelte fröhlich vor sich hin.

Die Stunden, welche die Amtsthätigkeit und die weiten Spaziergänge frei ließen, verbrachte Michel bei seinen in der einsamen Zurückgezogenheit seines Lebens ihm lieb gewordenen Büchern. Er las und lernte eifrig. Was ihm an rascher Auffassungsgabe mangelte, ersetzte er durch Gründlichkeit und Fleiß. Sein Lieblingsstudium war Geschichte.

Da traf es sich, daß er in einer Zeitschrift eine von der Akademie der Wissenschaften ausgehende Preisausschreibung für ein großes historisches Essay über den Einfluß einer gewissen literarischen Bewegung auf die Entwickelung des Schriftthums las. Die Aufgabe flößte ihm lebhaftes Interesse ein, und da sich bei einer glücklichen Lösung derselben sowohl Auszeichnung wie eine sehr bedeutende Summe als Preis erringen ließ, so beschloß er, sich an der Concurrenz zu betheiligen. Ohne Aufschub machte er sich an die Arbeit. In Archiven und Bibliotheken sammelte er mit Emsigkeit reiches Material und zu Hause sichtete und ordnete er dasselbe.

Eines Tages wurde er in seiner neuen Thätigkeit durch den überraschenden Besuch eines Amtscollegen unterbrochen. So wenig vertraulich die Beziehungen der jungen Männer zu einander auch waren, empfing Michel seinen Gast doch mit zuvorkommender Freundlichkeit. Hierdurch ermuthigt, rückte dieser bald mit seinem den Besuch veranlassenden Anliegen hervor. Er befinde sich in momentaner Geldverlegenheit; um sich aus derselben zu ziehen, sei er genöthigt, die erforderliche Summe gegen Wechsel aufzunehmen. Der Geldgeber beanspruche natürlich außer seiner Signatur auch die zweier guter Giranten. Einer seiner Freunde habe seine Unterschrift bereits gegeben; nun bäte er ihn -- Müller -- um die Gefälligkeit, das zweite Giro zu leisten. Die Sache sei von keiner Bedeutung, die Summe nicht beträchtlich, der Wechsel werde von ihm jedenfalls vor Ablauf der Fälligkeitsfrist eingelöst und so weiter.

Nach kurzem Zögern willfahrte Michel der Bitte seines Collegen und mit den wärmsten Dankesversicherungen entfernte sich derselbe.

Michel war die Angelegenheit unangenehm. Er haßte leichtsinniges und unordentliches Gebaren mit dem Gelde, denn er war ein guter Wirth und mochte Schulden nicht leiden. Und jetzt hatte er selbst indirect eine Schuld contrahirt. Ja, aber die Sache war nicht zu umgehen. Er hätte es nicht über sich gebracht, seinen Amtsgenossen abzuweisen.

Doch zu seinen Pandecten zurückkehrend, hatte Michel die ganze Geschichte über seiner Arbeit bald vergessen.

Wochen und Monate flossen dahin in stiller, ernster Thätigkeit. Die Concurrenzarbeit wurde vollendet und eingereicht.

Aber nicht nur sein historisches Essay allein hatte Michel während dieser Zeit beschäftigt. Auf der anderen Seite der Treppe, seiner Wohnung gegenüber, liegt das Zimmer eines hübschen jungen Mädchens, einer Waise, welche sich und ihren kleinen achtjährigen Bruder mit ihrer Hände Arbeit -- sie ist Blumenmacherin -- ernährt. Dieses Mädchen hat Michel kennen und lieben gelernt. Er will sie zu seiner Frau machen und die Verbindung nur noch so lange aufschieben, bis sein demnächst zu erwartendes Avancement erfolgt oder -- aber die Hoffnung auf dieses Glück wagt er nicht laut auszusprechen, kaum zu denken -- nun, oder bis er mit seiner Concurrenzschrift den Preis gewinnt.

Es ist am frühen Morgen. Der Tag ist angebrochen, an welchem die Zeitungen das Urtheil der Jury über die Zuerkennung des von der Akademie ausgeschriebenen Preises publiciren werden. Bleich und müde nach schlafloser Nacht erhebt sich Michel von seinem Lager. Eines nicht unbedeutenden Unwohlseins halber mußte er schon mehrere Tage Zimmer und Bett hüten.

Auch jetzt fühlt er sich matt und zerschlagen, aber eine unüberwindliche innere Unruhe treibt ihn aus dem Bette. Auf dem Divan hingestreckt, streichelt er mit fieberheißer Hand das weiche Fell seines treuen Hundes. Er erinnert sich, daß die Stunde des Briefboten nahe sein muß und in der That klingelt dieser bald an seiner Thür und übergiebt ihm mehrere Briefe und das Morgenblatt seiner Zeitung.

Hastig und mit vor Aufregung zuckenden Fingern löst er die Adreßschleife und entfaltet das Blatt.

Es enthält die Publication des Preisrichterspruches. Aber der Autorname der preisgekrönten Arbeit ist nicht der seine --

Ein herbes Lächeln irrt über seine Lippen und mit feuchtem Auge blickt er auf die seine stolze Hoffnung vernichtende Mittheilung.

Wie konnte auch er, der Pechvogel, sich so großen Glückes vermessen! Solche Freuden begegnen den Sonntagskindern, nicht ihm, dem »Aprilnarr« des Schicksales!

Er warf die Zeitung fort und griff nach den Briefen.

Der eine derselben ist ein Schreiben seines Bureauchefs, in welchem derselbe ihm in schonendster Weise mittheilt, daß sein Amtscollege * * * bedeutender Schulden wegen aus seinem Dienste entlassen sei. Unter seinen protestirten Wechseln finde sich einer mit Müller's Giro. Sollte er nicht in der Lage sein, den Wechsel einzulösen, so sei es, um einer fataleren Eventualität vorzubeugen, das beste für ihn, um Enthebung seiner Stelle selbst einzukommen.

Der zweite Brief ist von der Hand seiner Braut, welche ihn darin beschwört, sie zu vergessen und ihr zu verzeihen, daß sie nie die Seine werden könne. Aus Mitleid mit seiner traurigen Herzenseinsamkeit habe sie ihm mehr Liebe gezeigt, als sie thatsächlich für ihn fühlte. In Wahrheit habe sie stets einen anderen Mann geliebt, und im Begriffe, ihre Verbindung mit demselben einzugehen, sehe sie sich genöthigt, die Täuschung, in der er sich in Betreff ihrer befinde, aufzuklären.

Mit einem heiseren Wuthschrei sprang Michel von seinem Sitze empor und eilte in die Wohnung des Mädchens. Er fand die Eingangsthür unverschlossen und trat in das kleine Vorzimmerchen.

Doch als er schon die Hand nach der Klinke ihres Wohnzimmers ausstreckte, erfaßte ihn plötzlich ein Gefühl drückender Beklommenheit und Angst. Er wagte es nicht, derjenigen ins Auge zu schauen, die er liebte und die ihn so furchtbar hintergangen hatte. Da hörte er laute Stimmen. Es war eine kräftige Männerstimme im Gespräche mit seiner Geliebten. Er lauschte nicht. Aber plötzlich vernahm er deutlich seinen Namen und darauf schallendes, fröhliches Gelächter.

Da wandte er sich zum Gehen. In seine Wohnung zurückgekehrt, sank er auf einen Stuhl und barg schluchzend den Kopf in seine Hände.

Seine Liebe war betrogen, seine Existenz vernichtet, die Hoffnung, eine neue Laufbahn betreten zu können, zerstört. Was lag noch an seinem Leben?

* * * * *

Wenige Stunden später stieg Herr Müller =senior=, um seinen kranken Sohn zu besuchen, die Treppe zu dessen Wohnung empor. Als er in Michel's Schlafzimmer trat, fand er ihn, eine tiefe Schußwunde in der Stirn, entseelt in einer Ecke des Divans lehnen. Die verhängnißvollen Druck- und Schriftstücke lagen auf der Diele des Bodens; die eine Hand des Unglücklichen hielt noch die selbstmörderische Waffe umspannt, die andere hing schlaff über der Divanlehne herab.

Leise winselnd saß der Hund vor seinem todten Herrn und Freund und beleckte dessen erstarrte Hand, als wollte er mit seiner warmen Zunge ihr neues Leben einflößen.

Lasse ihn schlummern, treues, gutes Thier! Ihm ist wohl, daß er ruhen darf, und daß der Vorhang fiel über sein schmerzliches Dasein, das für ihn Tragödie war und für die Anderen -- Posse!

Der Unwiderstehliche.

»Treue --?! Glaubst Du wirklich noch immer, daß es diesen Artikel echt und unverfälscht giebt? Hat Dich das Leben nicht darüber belehrt, daß dies ein Begriff ist ohne realen Hintergrund, eine Vorstellung, die sich mit den Thatsachen nicht deckt, ein leeres Wort, das die Menschen nur zu dem Zwecke erfunden haben, um sich selbst etwas vorzulügen, um sich vor sich selbst besser zu machen, als sie wirklich sind?« -- so fragte das Gespräch fortsetzend, mein Freund Theodor mit lauter Stimme, um den polternden Lärm des Eisenbahnzuges zu übertönen, der uns aus der Residenz nach dem lieblichen Landsitze eines gemeinsamen Freundes führte, von dem wir zur Feier des Namensfestes seiner Frau zu Gast geladen waren.

»Echte, unverfälschte Treue,« fing ich sein Wort auf. »Was meinst Du damit? Was Du da sagst, ist ein Pleonasmus. Treue muß echt sein. Verfälschte Treue ist ja nicht mehr Treue, sondern ihr Gegentheil.«

»Keine Spur!« rief Theodor, den Rest seiner Cigarre zum Waggonfenster hinauswerfend. »Es giebt eine echte Treue und eine unechte. Das werde ich Dir gleich an einem Beispiele erläutern.«

Dann steckte er sich eine andere Havana in Brand und fuhr fort:

»Solche Treue, die das nothwendige Ergebniß der Empfindungen ist, ist echt; solche, die aber nur die Folge zufälliger äußerer Verhältnisse und Umstände ist, kann unmöglich für echt gelten. Die Treue einer Frau, die zufällig keinem Manne begegnete, der ihr besser gefiel als ihr Gatte, ist eine unechte Treue.«

»Das sind Sophismen,« warf ich ein. »Da könnte man ja bei dem erhabensten Beispiele weiblicher Treue die Behauptung aufstellen, dieselbe sei nur durch zufällige Umstände bedingt.«

»So ist es auch,« sagte der Andere ruhig lächelnd, indem er sich in die Wagenkissen behaglich zurücklehnte. »Kein Mensch, weder weiblichen noch männlichen Geschlechtes, kann bedingungslos für seine Treue bürgen. Immer handelt es sich darum, ob das Schicksal dem Betreffenden den Rechten oder die Rechte entgegenführt, denen die Macht gegeben ist, ihre Treue zu erschüttern. Eben darum behaupte ich, daß es auf unserem Planeten keine echte Treue gebe.«

»Du hast vielleicht eine solche noch nicht kennen gelernt,« erwiderte ich gereizt, denn seine überlegene Art, mit seiner Lebens- und Erfahrungsweisheit groß zu thun, ärgerte mich immer. »Aus Deinen persönlichen Erfahrungen gleich auf die Allgemeinheit zu schließen, ist aber doch etwas voreilig.«

»Pah, es handelt sich immer nur darum, ob der Rechte kommt,« wiederholte Theodor heiter lächelnd, und zwirbelte mit seinen weißen Fingern den blonden, wohlgepflegten Schnurrbart.

Jetzt mußte auch ich lächeln. Mir ging plötzlich ein Licht auf. Er, Theodor, war ja dieser »Rechte«, dem gegenüber, sowie er kam und siegen wollte, keine Frauentreue standzuhalten, kein Mädchenherz unverwundet zu bleiben vermochte. Hieß er denn nicht seit der Tanzschule her »der Unwiderstehliche«? Und hatte er sich während der seit jenen Tanzstunden verflossenen Reihe von nahezu fünfzehn Jahren diesen Namen nicht bewahrt und stetig mehr verdient!

Halb »Löwe«, halb Dandy, bald heldenhaft kühn, bald lyrisch schmachtend, hatte er -- so ging die Sage -- seit seiner frühesten Jugend fabelhaftes Glück bei den Frauen gehabt und -- auch dies erzählte die Fama -- das Glück gepackt, wo und so oft es sich haschen ließ.

Alles dies fiel mir jetzt wieder ein, als ich bei seinen letzten Worten meinen Blick über ihn hingleiten ließ, während er den aus seiner Cigarre aufsteigenden blauen Ringelwölkchen sinnend nachschaute.

Theodor war ein auffallend schöner Mann. Schlank und zierlich gebaut, das fein geschnittene, blasse Gesicht von seidenweichen blonden Locken und einem üppigen Vollbart umrahmt, der die Lippen so weit frei ließ, um das verführerische, zuweilen etwas frivole Lächeln, das den Frauen so leicht gefährlich wird, zur vollen Geltung kommen zu lassen, mit großen, dunklen, bald träumerisch, bald verwegen blickenden Augen -- war seine äußere Erscheinung so recht angethan, um seinen beliebten Wahlspruch: =Veni, vidi, vici= nicht Lügen zu strafen. Vorzüglicher Reiter und Tänzer, amusanter Causeur, der eine Menge pikante Geschichtchen und schnurrige Anekdoten zu erzählen wußte, stets elegant und mit feinstem Chic gekleidet, konnte es wahrlich nicht wundernehmen, daß alle Damen für ihn schwärmten, daß es keine Gesellschaft gab, zu der er nicht geladen wurde, und keinen Ball, dessen Cotillon nicht er führen mußte. Dabei hatte er eine so ganz besondere Art, mit den Damen zu verkehren. Voll ritterlicher Galanterie und doch nie ohne einen gewissen Anflug selbstbewußter Ueberlegenheit und leichter Blasirtheit.

»Nun, giebst Du mir recht?« fragte er, die entstandene Pause plötzlich unterbrechend. »Oder bleibst Du trotz aller Vernunftgründe immer der alte, unverbesserliche Idealist, der Du warst?«

»Im Durchschnitte magst Du ja recht haben,« erwiderte ich. »Du wirst aber doch nicht behaupten wollen, daß es nicht auch Ausnahmen --«

»Giebt es nicht,« fiel er ein.

»Doch!« bemerkte ich beinahe eingeschüchtert. »Glaubst Du nicht, daß Margarethe zum Beispiel --«

Margarethe war die Frau jenes Freundes, zu dem wir uns auf dem Wege befanden.

»Ach, Margarethe!« wiederholte er mit einem leichten Seufzer. »Ja, ich hätte es denken können, daß Du sie als Beleg Deiner unhaltbaren Theorie werdest heranziehen wollen.«

»Nun --?!«

»Wer sagt Dir, daß sie eine solche Ausnahme ist! Daß nicht auch ihre bis jetzt allerdings geradezu phänomenale Verliebtheit in den guten Jungen, der seit vier vollen Jahren das Glück hat, ihr Gatte zu sein, doch nichts anderes ist als das Werk des Zufalles? Des Zufalles nämlich, daß sie bis jetzt noch keinen Mann kennen lernte, der --«

»Eben der Rechte wäre. Ich weiß schon, Du hast es ja gerade gesagt,« unterbrach ich ihn ungeduldig.

»Ja, allerdings, das meine ich. Oder auch, daß dieser Rechte sich vielleicht noch nicht die Mühe gegeben, die Dichtigkeit ihres Herzenspanzers zu erproben.«

»Ich aber meine, daß es eine Vermessenheit ist, von einer Frau, wie Margarethe, deren Charakter den leisesten Schatten eines Mißtrauens zu bannen geeignet ist, so geringschätzig zu denken.«

Ich war bitterböse auf Theodor. Sein Gleichmuth aber blieb unerschütterlich.

»Einen allgemein giltigen Maßstab an den Einzelnen anlegen,« erwiderte er, »heißt nicht geringschätzig denken über ihn. Ich besitze nur eben genug Menschenkenntniß, um die Handlungen der Menschen auf ihre innere Quelle zurückführen zu können. Warum sollte Frau Margarethe anders sein als die anderen Frauen? Sie ist eben ein Weib. Und denselben Naturgesetzen, die den Charakter des Weibes im Allgemeinen beherrschen, ist -- wie alle Anderen -- auch sie unterworfen. Daran läßt sich nichts ändern.«

Ich schwieg. Einsehend, daß Theodor's Ansichten zu fest wurzelten, um sich durch Worte widerlegen zu lassen, hielt ich eine Fortsetzung unseres Disputes für ebenso zwecklos wie ermüdend. Meine Gedanken flogen voraus, den Freunden entgegen. Und indem ich an sie dachte, mußte ich in mich hinein über Theodor lachen, dessen mit solch apodiktischer Sicherheit verkündeten Anschauungen eben durch sie eine so schlagende Widerlegung fanden. Arthur's und Margarethens Ehe war die glücklichste, die ich je gesehen. Der verstockteste Pessimist mußte durch ihren Anblick bekehrt werden. Allerdings waren Beide noch sehr jung, Arthur zählte sechsundzwanzig, Margarethe zwanzig Jahre. Und wer die Beiden sah, hätte sie eher für übermüthige Geschwister, denn für Ehegatten halten können. Manchmal, wenn ich zu ihnen gekommen, fand ich sie im Garten herumtollen, als ob sie noch Kinder wären. Noch hatte kein Schatten die frohe Laune ihres Jugendmuthes getrübt. Das Leben konnte wohl sie ernster machen, sie konnten mitsammen reifen und -- altern. Aber trennend, ihre zu einem wohlklingenden Accord zusammengestimmten Seelen trennend, konnte nichts zwischen sie treten. Diese beiden herzlieben Geschöpfe paßten füreinander, als ob sie eigens füreinander geschaffen wären. Sie lebten vollkommen für- und ineinander. Und jedes war glücklich durch die Existenz des Anderen. Theodor kannte sie nicht so gut wie ich; wenn er sie näher kennen lernte, würde er bald einsehen, daß wenigstens dies eine Beispiel seine Ueberzeugungen Lügen strafte.

Den Faden des behandelten Themas weiter spinnend, fragte ich Theodor nach einer kleinen Weile:

»Deine Anschauung über den weiblichen Charakter im Allgemeinen und über weibliche Treue im Besonderen ist wohl auch die Ursache Deines Widerwillens gegen das Ehejoch?«

Theodor nickte lächelnd.

»Ich bewundere Deine Combinationsgabe! Allerdings ist dies die Ursache. Ich schätze meine Ruhe über alles. Was hätte ich nöthig, mich zu verheiraten und diese Ruhe und meine Freiheit aufzuopfern? Die Annehmlichkeiten des Ehestandes stehen ja dem Junggesellen, der verheiratete Freunde hat, beinahe in ebenso reichlichem Maße zur Verfügung wie den Ehemännern. Ihre Frauen sind unsere Freundinnen, an ihrem Tische, an ihrem Kamin ist stets ein Plätzchen für uns bereit. So oft wir eintreten, sind wir willkommen. Wir erheitern ihre Einsamkeit, die vielleicht gerade in dem Augenblicke als wir kamen, anfing, sie ein bißchen zu langweilen. Auf diese Weise wahren wir unsere Unabhängigkeit und genießen doch alle Vortheile des Ehestandes, ohne dessen Mühen, Lasten und beunruhigenden Sorgen zu haben. Ja, wäre doch jeder ein Thor, der die Lasten und Sorgen auf sich nähme, damit ein Anderer sich des Glückes ohne diesen bitteren Beigeschmack erfreue, ein Thor, der die Hefe des Bechers leerte, von dem ein Anderer den süßen Schaum fortgenippt.«