Was ich geschaut: Novellen

Part 4

Chapter 43,578 wordsPublic domain

Vor wenigen Jahren war Franzi von einer Familie, die am Wohlthun ihre Freude hatte, zum Weihnachtsfest zugezogen worden. Und mehr noch als die Geschenke, mit welchen er dabei überrascht wurde, hatte der hohe, vom Boden bis zur Zimmerdecke ragende, in glänzendem, glitzerndem Schmucke und zahllosen Lichtern strahlende Christbaum auf das staunende Kinderherz einen tiefen und unauslöschlichen Eindruck geübt. Jeder Tannen- und Fichtenbaum, den er seither erblickte, rief ihm jene unvergeßlich schöne Erinnerung wach. Und heute, als sie sich auf die Wanderung begaben, hatte der Vater ihm versprochen, daß er am Christabend einen ebensolchen »Lichterbaum« bekommen würde, wenn er sich auf dem weiten Wege auf den Berg hinauf brav halte und die Mutter nicht durch Weinen ängstige. Und diese, sein Gemüth erfüllende frohe Hoffnung flößte ihm Muth und Kraft ein und tapfer trabte er mit seinen kleinen Beinen an der Hand seines Vaters den steilen Weg hinan.

So lange der Pfad durch den Wald führte, wo die gedrängt stehenden Bäume den stets dichter herabwirbelnden Schnee zum Theile abhielten, auch der Boden noch ziemlich schneefrei war, ging der Aufstieg noch verhältnißmäßig gut von Statten.

Dort aber, wo der Weg den Wald verlassend über die lang sich hinstreckende Alpenwiese lenkte, wo im Sommer kurzes, dunkelgrünes Weidegras üppig emporsprießt, jetzt aber frischer lockerer Schnee lag, in welchem die Wanderer bis zum Knie und an manchen Stellen gar bis zur Hüfte einsanken, da steigerte sich die Ermüdung fast zu völliger Erschöpfung. Onkel Karl packte den Kleinen, der mit aller Anstrengung nicht mehr weiter zu dringen vermochte, wie einen Rucksack auf seine Schultern und Vincenz half seinem Weibe vorwärts, welches schwer athmend und schweißüberströmt alle Energie aufbot, um gegen die überwältigende Macht des feindlichen Elementes anzukämpfen und das ersehnte Ziel zu erreichen. Dazu wurde der Weg durch die stetig zunehmende Schneemenge unkenntlich gemacht, und die ganze Gegend war in einen jeden orientirenden Ausblick verhindernden, undurchdringlichen weißgrauen Schleier gehüllt, daß es der peinlichsten Vorsicht und der durch die in den letzten Wochen häufig wiederholten Besteigungen des Berges erworbenen sichersten Ortskenntniß der beiden Männer bedurfte, um sie die Richtung nicht verlieren, und auf einen der gefährlichen Ab- und Irrwege gerathend, dem unvermeidlichen Untergange entgegen gehen zu lassen.

Oft mußte Rast gemacht werden, um den versiegenden Kräften zu neuem Vorwärtsstreben Erholung zu gönnen. Besorgt blickte Vincenz auf seine Frau, als er sah, wie sie stehen bleibend, ihre Hand auf ihr zum Zerspringen klopfendes Herz preßte und keuchend nach Athem rang.

»Es wär' besser gewesen, wir wären nicht herauf, Du dermachst es nicht,«*) sagte er ängstlich.

*) »Du dermachst es nit,« hochdeutsch: »Du bringst es nicht zuwege.«

Doch der Anfall ging vorüber.

»Es hat sein müssen, Du weißt es ja selber,« antwortete die Frau. »Was wär' denn unten mit uns g'worden? Nix mehr zum Leben und kein' Arbeit. Zu Grund' gangen wär'n wir Alle. Da droben haben wir aber unsere Wohnung und a bisl a Geld und im Sommer die Wirthschaft, wenn die Herrn auf'n Berg steigen auf die Jagd oder so zum Vergnügen. Da oben wird's schon besser werd'n. Nit nur für uns selber hab'n mir's thun müssen, daß mir aufi g'stieg'n san, sondern auch für unsere Kinder.«

Vincenz nickte. Seine Frau hatte wohl recht. Aber wenn sie nur erst oben wären! Ihm ward so bange.

Endlich, nach sechs Stunden furchtbarster Mühe waren sie zur »steinernen Stiege« gelangt, einer Stelle des Berges, wo zwischen dem gähnenden Abgrund an der einen und der schroff und glatt ansteigenden Felsenwand von der anderen Seite zur Ermöglichung dieser Passage Stufen in das Gestein gehauen sind.

Die Männer hießen die Frau und den Knaben warten und versuchten es, mit ihren Bergstöcken die hohen Felsenstufen so weit von Schnee zu befreien, daß die Gefahr nicht allzu nahe lag, durch einen Fehltritt in die nachgiebig poröse Schneemasse rettungslos in die schreckliche Tiefe zu stürzen.

Und jetzt geht es vorwärts, langsam, vorsichtig von Stufe zu Stufe, mit dem Bergstocke erst den Platz prüfend, wo der Fuß hintreten darf, um sicher zu stehen. Kein Wort wurde gewechselt; man vernimmt nur das Scharren der Eisenspitzen der Stöcke auf den Felsen und die schweren Athemzüge der mit äußerster Anstrengung emporklimmenden Leute. Von einem scharfen Nordwest gepeitscht, der das Gehen erschwert und den Schritt unsicher macht, wirbeln in verdoppelter Dichtigkeit die Schneeflocken um unsere Wanderer, hängen sich an die Wangen, fliegen in die Augen, blendend und den Blick trübend.

Aber ohne Unfall überschritten sie die gefährliche Stelle und langten wohlbehalten auf dem Hochplateau an, auf welchem, etwa eine halbe Stunde entfernt, das Schutzhaus liegt. Allein, so nahe sie auch dem ersehnten und mit Aufwand aller physischen und moralischen Energie erstrebten Ziele sind, so vermag die arme Frau doch nicht weiterzugehen, ohne sich nochmals auszurasten.

Den Rest ihrer Kraft hat sie zur Ueberwindung dieser ebenso gefährlichen wie anstrengenden Passage aufgeboten, jetzt kann sie nimmer weiter; sie muß ruhen. Ihre Pulse hämmern so fürchterlich, das Herz klopft so beängstigend heftig, die Athemnoth ist so qualvoll -- o, sie muß ruhen, sonst muß sie ersticken.

Während ihr Bruder Karl, vorausgehend, den vor Kälte zitternden Knaben nach dem Unterstandshause trägt, setzt sie sich erschöpft auf den Schnee nieder. Es ist ihr unmöglich, stehend auszuruhen, sie würde zusammenbrechen. In stummer Sorge steht ihr Mann neben ihr.

Nach wenigen Secunden schaut sie auf, blickt um sich.

»Vincenz,« sagt sie, »es ist gut, daß wir endlich heraufgekommen sind, schau nur, mir wird auf einmal so wohl. Wie schön es hier oben ist, welch frische Luft. Ja, jetzt wird alles gut werden. -- Lieber Gott, ich danke Dir.«

Und einen leisen Seufzer ausstoßend, sinkt sie zurück in den Schnee.

Vincenz erschrickt, er glaubt, daß seine Frau eine Ohnmacht befallen hat. Er kniet sich neben sie, reibt ihr Stirn und Schläfe mit Schnee, dann wieder die Pulse an den Armen mit Branntwein aus der Feldflasche. Doch während er unermüdlich immer und immer wieder neue Belebungsversuche vornimmt, fühlt er, wie unter seinen Händen ihre Glieder allmählich erkalten und erstarren -- und er erkennt, daß sie todt ist.

Auf den Armen ihres Mannes und ihres Bruders wurde die Entschlafene in das Schutzhaus gebracht, wo, nur durch eine dünne Bretterwand von ihr getrennt, ihr Kind ahnungslos schlummert.

Von kräftigen Gebirgsbauern auf Latschen thalwärts getragen, wurde die Todte in dem am Fuße des Untersberges gelegenen Dörfchen Grödig bestattet. Die ärztliche Obduction ergab, daß in Folge der ihre Kräfte übersteigenden enormen Anstrengung ein Herzschlag eingetreten war.

Ihre Hoffnung hatte sich erfüllt -- wenn auch in ungeahnter Deutung. Auf der Höhe des Berges, der sie zustrebte, ward sie der Noth des Elendes, der Bürde ihres schweren Daseins enthoben, war für sie »alles gut« geworden.

»Armer Franzi! Der Christabend kam, aber kein strahlender »Lichterbaum« erfreute Dein kindliches Gemüth. Verwaist und einsam blicktest Du von stiller Bergeshöhe auf die öden Thäler herab, traurig Deines kranken Vaters und Deiner todten Mutter gedenkend. Möge ihr Wort sich an Dir bewähren, daß es Dir gut werde dort oben!«

Der Weg zum Herzen.

Mein Freund Christian hatte es sich fest in den Kopf gesetzt, ein durch hervorragende Hausfrauentugenden ausgezeichnetes Mädchen zu heiraten. Dabei sollte sie aber ein gar liebliches Gesichtchen, eine schöne Gestalt, Jugend und feine Bildung besitzen. Er selbst war, was man so einen guten Jungen nennt, dabei leidlich hübsch und sehr wohlhabend. Seit fünf Jahren sah er sich in seinen ausgedehnten Bekanntenkreisen nach einer passenden Lebensgefährtin um. Denn als er, dreiundzwanzig Jahre alt, das Landgut seines plötzlich gestorbenen Vaters übernahm, hatte er mit der Suche begonnen, und zur Zeit, da das hochbedeutsame Ereigniß, welches zu berichten ich im Begriffe stehe, sich zutrug, zählte er achtundzwanzig Jahre -- und noch hatte er nicht gefunden, was er wollte. Die Eine hatte röthliches Haar, was er nicht leiden mochte; eine Andere mischte zu viele Fremdwörter ins Gespräch, wodurch er sich in seiner teutschen Gesinnung -- er schrieb und sprach niemals: deutsch, sondern teutsch, und seine Freunde nannten ihn mit Vorliebe den Teutonen -- verletzt fühlte; die Dritte war ihm zu sentimental; die Vierte viel zu kokett; die Mehrzahl aber ermangelte des Haupterfordernisses, das er an seine Zukünftige stellte: häuslichen und wirthschaftlichen Sinnes.

»Sehen Sie,« so klagte er mir einmal, »was hätte ich von einer Frau, wenn sie auch wie Venus so schön, klug wie Minerva, tugendhaft wie, wie -- mir fällt ein geeigneter Vergleich nicht ein -- kurzum, wenn sie auch alle Tugenden der Welt in sich vereinigt, sie könnte aber nicht kochen! Ich bin Landwirth, den Tag über nimmt die Bewirthschaftung von Wald und Feld meine Zeit und Kraft in Anspruch. Wenn ich müde und hungrig nach Hause komme, will ich etwas Ordentliches zu essen vorfinden. Ich habe so meine Lieblingsspeisen, die ich in einer bestimmten Weise gekocht haben will. Anders mag ich sie nicht. Mit den bezahlten Köchinnen geht es nicht; die nehmen sich nicht die Mühe dazu, meine Eigenschaften zu studiren, und wenn sie es ja auch einmal gelernt haben, dann gehen sie sicherlich aus dem Dienste, um sich zu verheiraten, und die Plage fängt mit einer Anderen von neuem an. Meine gute Mutter hat mich in dieser Beziehung sehr verwöhnt. Sie war eine vortreffliche Hausfrau und kochte ganz vorzüglich. Wenn ich nicht in der Ehe unglücklich werden soll, muß ich in meiner Frau eine ebenso gute Hausfrau finden.«

Ich bemerkte dagegen, daß das Glück der Ehe wohl durch noch andere Eigenschaften als allein durch Wirthschaftlichkeit und Verständniß der edlen Kochkunst -- so schätzenswerthe Qualitäten dies ja auch seien -- bedingt würde; daß persönliche Sympathie zum Beispiel eine doch mindestens ebenso wichtige Bedingung bilde. Christian schwieg eine Weile nachdenklich. Dann strich er sich mit seiner kräftig geformten, sonnengebräunten Hand den blonden Schnurrbart und meinte lächelnd:

»Sie haben im Allgemeinen ganz recht in dem, was Sie da sagen. Aber es bestätigt mir die Erkenntniß einer fehlerhaften socialen Institution. Es klingt ja recht barbarisch, so etwas auszusprechen, aber richtig ist es doch: Die Monogamie taugt nichts. Jeder rechtschaffene Mann, dessen materielle Lage es ihm gestattet, sollte zwei Frauen haben dürfen: die eine fürs Herz, die andere fürs Haus, für seine Wirthschaft.«

Ich lachte laut auf.

»Sie sollten unter die Mormonen gehen,« rief ich belustigt. »Sie haben entschieden Talent dazu!«

Er aber schüttelte den Kopf.

Ungeachtet seines unerschütterlichen Entschlusses, ein vorzüglich häusliches Mädchen zu seiner Gattin zu erwählen, versagte er es sich jedoch nicht, sich mit seiner bildhübschen, siebzehnjährigen Cousine Ottilie, die er mit einer gemeinsamen Tante, bei welcher sie seit dem Tode ihrer frühverstorbenen Eltern lebte, für einige Monate auf seinen Landsitz eingeladen hatte, ganz ausgezeichnet zu unterhalten, und trotzdem Ottilie nicht die geringste Lust und nicht das leiseste Talent bewies, die von ihm so hochgeschätzten häuslichen Qualitäten zu erwerben, sah man es ihm doch deutlich an, daß das von lebensfroher Jugendfrische strotzende, allerliebste Geschöpf seinem Herzen sehr theuer war. Er stellte dies auch nicht in Abrede, als ich einmal neckend auf den Strauch klopfte, nur fügte er gleich die Bemerkung bei, daß nichts vollkommen sei unter der Sonne. Ottilie besitze zwar alle Eigenschaften, um sein Leben zu verschönen, allein tüchtig in der Wirthschaft sei sie leider nicht.

Das hinderte ihn jedoch keineswegs, alle Zeit, die seine ökonomische Thätigkeit ihm freiließ -- und manchmal auch etwas mehr -- ihr zu widmen und, was zu sehen mir besonders Spaß machte, sie mit sichtlichem Vergnügen in ihren antihäuslichen Liebhabereien noch zu bestärken. Er unterrichtete sie im Reiten, Kutschiren, Rudern, sie übten sich zusammen im Pistolenschießen nach der Scheibe, und wenn sie das Centrum öfter traf als er, wenn sie, ein Bild von mit Kraft gepaarter Anmuth, sich im Sattel wiegend, an seiner Seite über die bräunlichen Stoppelfelder -- denn mittlerweile war es Herbst geworden -- dahinsprengte, war er ganz außer sich vor Entzücken.

»Da, da schauen Sie,« rief er mir einmal voll Ekstase zu, indem er mir eine durchschossene Papierscheibe vor Augen hielt. »Zwanzig Schüsse ins Centrum! Zwanzig Schüsse nacheinander auf dreißig Schritt Distanz, und keinen daneben, um keine Linie! Phänomenal! Das lob' ich mir, einen solchen Kameraden zu haben!«

»Gewiß, gewiß, ein ganz famoser Kamerad!« lachte ich. »Aber Sie wollen sich ja eine Frau suchen, nicht einen flotten Kameraden für Ihre Sportvergnügungen.«

Christian machte eine abwehrende Handbewegung.

»Ah, bah!« brummte er etwas verstimmt. »Das hat Zeit. Warum soll ich mir mein angenehmes Leben mit der Erwägung verbittern, daß ich nicht finde, was ich suche!«

Bei Tische aber widerfuhr seinem angenehmen Leben des Oefteren eine unliebsame Dämpfung. Er hatte eine brave ältliche Person im Dienste, die unter seiner Oberaufsicht die häusliche Wirthschaft leitete und ganz befriedigend gut kochte. Aber seine Lieblingsspeisen genau nach seinem Geschmacke zu bereiten, das verstand sie nicht. Und er wußte es ihr nicht zu erklären, woran es fehlte. So geschah es denn öfters, daß seine heitere Stimmung bei den Mahlzeiten, wenn auch nur vorübergehend, getrübt wurde.

Einmal wagte er in meinem Beisein anläßlich einer Wildpastete -- auch eines seiner Lieblingsgerichte -- die nicht nach seinem Geschmacke war, eine Bemerkung zu Ottilie, daß es doch gar zu hübsch wäre, wenn sie nebst ihren virtuosen Amazonenkünsten auch ein bißchen von den Künsten der Küche verstände. Sie aber erwiderte lachend, daß ihr Ehrgeiz weit mehr durch das Ziel angestachelt werde, seinen feurigen Rothfuchs zu bändigen, was ihr bisher noch nicht gelungen, als eine wohlschmeckende Pastete zu bereiten.

Die Tante schüttelte wehmüthig das graue Haupt, denn ihrer Neigung hätte es weit mehr entsprochen, Ottilie hätte sich zu einer wackeren Hausfrau ausgebildet, als zu einer glänzenden Sportsdame, zu der sie sich zu entwickeln drohte. Christian aber hatte bei Erwähnung seines Rothfuchses sogleich sein Bedauern über die mißlungene Pastete vergessen, und lustig rief er Ottilie zu:

»Du willst meinen Bucephalus reiten? Nein, meine Liebe, Du bist zwar unter meiner Leitung eine sehr gewandte und kühne Reiterin geworden, aber mein Bucephalus ist nichts für Dich. Sein Rücken wird Dich nie tragen. Ich warne Dich vor einem erneuten Versuch.«

»Ich werde sehen!« murmelte Ottilie leise. Und nach Tische erschien sie in dem Stalle, um dem Rothfuchs eigenhändig ein wenig Brot und Zucker zu reichen.

Tags darauf hatte Christian den ganzen Vormittag über in seiner Wirthschaft zu thun und zu schaffen. Müde und ärgerlich, denn sein Verwalter hatte ihn erzürnt, kehrte er zu verspäteter Stunde heim. Wir hatten mit dem Mittagessen auf ihn gewartet, und ich befürchtete, daß ein in der Länge der Zeit sicherlich zu gar gebratenes Rostbeef, das er nach englischer Art halbroh liebte, seine Laune nicht verbessern würde.

Als die Suppe schon aufgetragen war, trat Ottilie mit hochgerötheten Wangen in das Speisezimmer.

»Du siehst ja aus, als ob Du am Herde gestanden hättest, so erhitzt bist Du,« sagte Christian, sie begrüßend. »Aber freilich, so etwas kommt bei Dir nicht vor.«

Ottilie lächelte und gab keine Antwort.

Als das Rostbeef an die Reihe kam, bemerkte ich zu meiner Befriedigung, daß dasselbe, meiner Befürchtung entgegen, noch ganz »englisch« war und daß sich Christian's Stimmung sichtlich erheiterte. Die Mehlspeise aber that das Uebrige. Es waren gewisse kleine, mit gehacktem Wild gefüllte Klößchen, auch ein Lieblingsgericht Christian's und -- o Wunder! ganz nach seinem Geschmacke zubereitet.

Christian strahlte.

»Ei, das schmeckt ja vorzüglich,« sagte er, indem er zum zweitenmal zulangte. »Meine Mathilde macht sich. Sie hat ihre Scharte von gestern glänzend ausgewetzt.«

Und bei diesem einenmale blieb es nicht. Ueber Mathilde schien plötzlich eine Erleuchtung gekommen zu sein. Jedesmal, wenn Christian Vormittag abwesend war -- und da er jetzt viel zu thun hatte, traf sich dies öfters -- fand er irgend eine seiner Lieblingsspeisen in vorzüglicher, ganz seinem Geschmacke entsprechender Bereitung bei Tische vor. Und jedesmal bemerkte ich bei Ottilie ebensolche geheimnißvolle Miene und erhitzte Wangen wie das erstemal, so daß ich nicht umhin konnte, auf eine Vermuthung zu verfallen, welche beide Thatsachen in einen gewissen, unschwer zu errathenden Zusammenhang brachte.

Dieselbe Vermuthung schien übrigens auch in Christian's Kopf platzzugreifen, denn zuweilen machte er eine flüchtig in das Gespräch gestreute Bemerkung, welch ein herrliches Kleinod eine Frau sei, die mit all ihren sonstigen Vorzügen auch den der häuslichen Kenntnisse, namentlich der Kochkunst, vereinige und mit den Schwächen und Eigenheiten ihres Mannes freundliche Nachsicht übe.

Ottilie bemühte sich hartnäckig, derartige Bemerkungen Christian's zu überhören, und die Tante blickte verlegen lächelnd auf ihren Teller und brachte die Unterhaltung auf ein anderes Thema.

Mittlerweile ging mein im gastlichen Heim meines Freundes verbrachter Urlaub zu Ende, und ich kehrte nach der Stadt zurück, um, Christian's Einladung entsprechend, einige Wochen später zum Weihnachtsfeste wiederzukommen.

Es überraschte mich nicht, Ottilie mit ihrer Tante noch vorzufinden. Christian hatte sie, so oft sie auch heimkehren wollten, zurückgehalten. Und ebenso wenig überraschte mich die sich mir bald aufdrängende Wahrnehmung, daß sein Herz für seine Cousine in hellen Flammen stand, und daß Christian's Herzensflammen mit jenen Ottiliens lodernd zusammenschlugen. Einigermaßen verwundert war ich nur darüber, daß die Tante über diese Lage der Dinge nicht sonderlich erbaut, ja von einer seltsamen nervösen Unruhe beherrscht schien, als erfüllte sie irgend eine geheime Sorge.

So kam der Weihnachtsabend heran. Im großen Saale des Erdgeschosses brannte ein mächtiger Christbaum, dessen zahllose Lichtlein in den einander gegenüber hängenden Spiegeln sich hundertfach vervielfältigend wiederstrahlten. Eine Menge schöner Geschenke, auf weißüberdeckten Tischen zierlich geordnet, lagen da, nicht nur für den Herrn des Hauses und dessen Gäste, auch für seine Beamten und Diener und deren Kinder, die in stillem, freudigem Entzücken ob des in prächtigem Schmucke und hellem Glanze flimmernden Tannenbaumes und der großmüthigen Bescherung durch ihren gütigen Herrn schier verblüfft umherstanden und kaum Worte des Dankes fanden.

Ein heiteres Festmahl folgte darauf, dann ein Tombolaspiel, und gegen die Mitternachtsstunde kam, zur Beendigung der Festfeier, eine dampfende Punschbowle auf den Tisch.

Die Gläser klangen. Es wurde toastirt und poculirt.

Doch inmitten der heitersten Unterhaltung wurde unser liebenswürdiger Gastgeber plötzlich von wehmüthiger Stimmung überflogen. Er gedachte seiner Mutter, die er innig geliebt, und die der Tod erst vor wenigen Jahren von seiner Seite gerissen. Und indem er von ihr und von dem stillen, glücklichen Leben, das sie miteinander geführt, erzählte, meinte er, wie schön es wäre, wenn sie hier in der Mitte des kleinen Kreises weilte.

»Ganz so wie heute,« schloß er, zu mir gewendet, seine Rede, »feierten wir unser Weihnachtsfest. Nur eines fehlt. Mütterchen bescherte mir immer einen riesigen Baumkuchen. Sie wußte, daß ich ihn besonders liebe. Mathilden wollte ich dessen Herstellung aber nicht anvertrauen.«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür, und ein mächtiger Baumkuchen wurde aufgetragen.

»Was ist das?« rief Christian freudig betroffen. »Ist da Zauberei im Spiele?«

Das Stubenmädchen entfernte sich schweigend. Die Tante aber erklärte lächelnd:

»Keine Zauberei, lieber Christian. Du vergißt, daß Du uns von diesem Weihnachtskuchen schon öfters gesprochen. Nun, und da dachte ich, damit nichts fehlen sollte --«

Christian blickte auf Ottilie, die, als ob sie nichts hörte, sich mit frischer Füllung der Punschgläser beschäftigte.

»Ah, ich verstehe,« murmelte er leise, und eine flüchtige Röthe überzog seine gebräunten Wangen.

Der Kuchen wurde angeschnitten und erwies sich als vortrefflich, ganz so, wie er unter den geschickten Händen von Christian's Mutter gediehen war.

Einige Minuten lang hatte Christian still und nachdenklich dagesessen. Plötzlich erhob er sich, und zur Tante hintretend, sagte er mit etwas schwankender Stimme:

»Ich weiß keinen geeigneteren Augenblick, liebes Tantchen, als das heutige Freudenfest, um Dir ein freudiges Geheimniß zu bekennen, das für Dich sicherlich schon lange kein Geheimniß mehr ist: Ottilie und ich, wir lieben uns. Willst Du sie mir zur Frau geben?«

Die Tante umarmte Christian, Christian umarmte Ottilie, und die Tante segnete Beide. Ich aber brachte ein Hoch aus auf das Wohl des Brautpaares. Und wieder erklangen die Gläser.

Dann aber, als die fröhlich laute Stimmung etwas ruhiger geworden war, sagte Ottilie zu Christian:

»Da heute schon der Tag der Ueberraschungen ist -- auch ich habe Dir etwas mitzutheilen, was Dich überraschen wird.«

Christian lächelte freudig verschmitzt.

»Kann es mir schon denken, Tilly. Der Weihnachtskuchen, nicht wahr? Und die Hachéklößchen damals und alle meine anderen Lieblingsspeisen.«

Ottilie sah ihn groß an.

»Was ist es mit all dem?« fragte sie verwundert. »Ah, Du meinst, daß nicht Mathilde es war, die diese guten Sachen gekocht hat? Ja, das hast Du errathen. Unser liebes Tantchen war es, die Dir eine Freude bereiten wollte, was ihr ja auch vortrefflich gelungen ist. Doch nicht das ist es, was ich Dir sagen wollte. Meine Ueberraschung ist anderer Art. Dein Rothfuchs -- täglich, wenn Du nicht zu Hause warst, hab' ich versucht, ihn zu reiten. Darum kam ich immer so erhitzt zu Tische. Du wolltest die Ursache wissen, aber ich sagte sie nicht. Nun, jetzt, mein Schatz, ist Dein wilder Bucephalus völlig in meiner Gewalt.«

Jetzt war an Christian die Reihe, die Augen aufzusperren.

»Ach, das ist es!« sagte er kleinlaut »und ich glaubte --« Und dabei sah er beinahe traurig aus. Doch rasch war seine Verstimmung verflogen. »Bah, was macht es?« rief er, wieder fröhlich. »Die gute Tante bleibt bei uns und leitet das Haus. Vielleicht lernst Du es auch mit der Zeit. Vorläufig bist Du mein lieber, flotter Kamerad. Wir reiten und schießen miteinander.«

»Ja, wir schießen um die Wette.«

»Und unser Ziel --«

»-- ist unsere Liebe und unser Glück!«

Sie verfehlten es nicht, dieses Ziel.

Weder Glück noch Stern.

Er hieß Michael Müller und war am 1. April 18.. geboren. Seine Mutter starb am Tage nach seiner Geburt und sein Vater liebte ihn nicht, weil eben sein Eintritt in die Welt seiner Mutter das Leben kostete und somit die Last der Sorge für seine Pflege und Erziehung dem Vater allein zu tragen aufbürdete, dann aber auch, weil er bei seinem Heranwachsen weder ein schönes noch ein kluges Kind zu werden versprach. Das einzig Hübsche seines Gesichtes waren die großen, stahlgrauen, schwärmerisch blickenden Augen, welche mit der ausdruckslosen Stumpfnase und dem weiten, dicklippigen Munde sonderbar contrastirten, und der einzige Witz, der ihm in seinem ganzen Leben gelang, war der, daß er, auf das Datum seines Geburtstages anspielend, mit gutmüthig traurigem Lächeln sagte, das Schicksal habe ihn, indem es ihn geboren werden ließ, in den April geschickt.