Part 3
Tante Cölestine nahm das Blatt, las und nickte langsam mit ihrem weißhaarigen, mit einem kleinen Spitzenhäubchen bedeckten Haupte.
»Hm -- hm, das ist freilich recht schade,« meinte sie. »Es wäre ja schön gewesen, die hübschen Lieder singen zu hören.« In ihrem Inneren aber erwog sie, ob dieser Zufall, daß sie von der Sache nicht rechtzeitig erfahren hatte, nicht eine Fügung Gottes gewesen sei. Sie würde Betti's Drängen, das Concert zu besuchen, jedenfalls nachgegeben haben und sie wußte aus Erfahrung, daß jede Berührung mit der Außenwelt, jedes Concert und jede Theatervorstellung einen Sturm in des jungen Mädchens Seele hervorrief, dessen leidenschaftliche Sehnsucht nach der großen Welt heftig entfachend. Und langer Zeit bedurfte es immer, bis die Wirkung solcher Ereignisse beseitigt wurde und das jugendlich stürmische Herz wieder zur Ruhe kam.
Dann legte sie das Blatt fort und griff wieder nach ihrer Handarbeit.
»Grüß Di' Gott', grüß Di' Gott!« rief der Papagei und reckte sich, so weit er konnte, Betti entgegen, die sein Liebling war.
Betti faßte ihn und setzte ihn auf ihre Achsel.
»Hast Du Deinen englischen Aufsatz für Miß Evans schon geschrieben?« unterbrach die Tante nach einer Weile das eingetretene Schweigen. »Morgen früh hast Du ja wieder Stunde.«
Betti nickte stumm. Dann schwiegen sie wieder beide. Nur der Papagei plauderte und drehte sich und tanzte auf Betti's Schulter, als ob er ihre Verstimmung fühlte und sie erheitern wollte.
Plötzlich wandte Betti sich wieder an ihre Tante.
»Glaubst Du, daß Herr Reichel schon abgereist sei?«
Die Befragte blickte erstaunt auf.
»Herr Reichel -- wer ist das?«
»Nun, der Sänger. In der Zeitung steht ja sein Name.«
»Ach so! Ich habe es wirklich nicht beachtet, wie er heißt. Aber wie soll ich wissen, ob er schon abgereist ist, und warum interessirt Dich das?«
»Na, ich dachte nur so. Wenn er etwa noch in der Stadt weilte, so könntest Du vielleicht, als die Schwester seines ehemaligen Meisters, ihn für heute Abend oder morgen zu Tische laden. Und da könnte er uns einige Lieder vorsingen.«
Der Ausdruck des Mißfallens breitete sich über das Angesicht des alten Fräuleins.
»Wie Du nur auf solch abenteuerliche Ideen verfallen kannst, Betti!« sagte sie vorwurfsvoll. »Was geht dieser fremde Mensch uns Beide an? Dein Papa hatte gar viele Schüler. Wenn wir die alle zu uns rufen wollten!«
Betti blickte beschämt zu Boden.
»Ja, Du hast recht, Tante,« sagte sie bescheiden. »Sei nicht böse. Es war ein gar alberner Gedanke von mir.«
»Ich bin ja nicht böse, liebes Kind,« antwortete die Tante rasch besänftigend. »Jung, wie Du bist, fehlt Dir eben noch das reife Urtheil für das, was sich schickt und ziemt.«
Durch Betti's Brausekopf schoß der Gedanke, daß ihre Eltern an ihrem Vorschlage nichts Unpassendes gefunden haben würden. Die Frage drängte sich ihr auf, ob jene mit ihren freieren Anschauungen, oder die Tante mit ihrer peinlichen Vorsicht, ja nichts Ungewöhnliches zu thun, ja nicht einmal zu denken, mehr recht hätte? Aber sie wußte sich keine Antwort auf diese Frage zu geben. Und wieder, wie so oft legte sich das Gefühl drückender Beengung auf ihr Gemüth.
Die Tante ließ ihr aber nicht lange Zeit, über solche nutzlose Dinge nachzugrübeln. Sie hatte allerlei Aufträge für sie. Die frisch gebügelte Wäsche mußte revidirt und in den Schränken eingeordnet werden; der Gärtner war gekommen, um Rechnung zu legen über einige Körbe Obst aus ihrem Garten, das er in der Stadt verkauft hatte, und mit dem Dachdecker mußte man Rücksprache nehmen, daß er eine schadhaft gewordene Ecke des Hausdaches ausbessere, bevor die schlechte Jahreszeit mit ihren langen und ausgiebigen Herbstregen eintritt. Rasch und willig unterzog sich Betti der gewohnten Erfüllung derartiger Pflichten. Nachdem sie aber alles zur vollen Zufriedenheit ihrer Tante besorgt hatte und diese sich, der einbrechenden Abendkühle wegen, in ihr Zimmer zurückzog, da schlüpfte Betti in den Gartensalon, in welchem ein prächtiger Steinwayflügel stand, ein Vermächtniß ihres Vaters, ein gar lieber Genosse ihrer Einsamkeit und eine reiche Quelle glücklicher Augenblicke.
Bald hatte sie auf dem nebenan gerückten Notenschränkchen das Gesuchte -- das von ihrem Vater componirte Liederheft -- gefunden und wenige Augenblicke später klang ihre frische, klare Stimme in lieblichen Tonwellen hinaus in den stillen Frieden des von den goldenen Strahlen der sinkenden Sonne durchglühten Alpenthales.
Es war Lenau's »Wunsch«, den sie gewählt hatte, eines jener Lieder, die, wie dem Programme entnommen, der fremde Sänger in dem am verflossenen Abend in der eine Wegstunde entfernten Stadt gegebenen Concerte zum Vortrage gebracht, und welche zu hören, ein unglücklicher Zufall sie verhindert hatte. Sie sang:
»Fort möcht ich reisen weit, weit in die See, O meine Geliebte mit Dir allein! Die Dränger und Lauscher und kalten Störer, Sie hielt uns ferne der wallende Abgrund, Das drohende Meer, Wir wären so sicher und selig allein! Und käme der Sturm, Ich würde Dich halten an meiner Brust. Wenn donnernde Wogen zum Himmel schlügen, Doch höher schlüge mein trunkenes Herz; Und meine Liebe, die ewige, starke, Sie würde frohlockend Dich halten im Sturm. Du würdest zitternd mir blicken ins Auge Und würdest erblicken, was nimmer scheitert in allen Stürmen Und würdest lächeln und nicht mehr zittern.
Sieh', nun ermüdet der tobende Aufruhr, In Schlummer sinken die Wellen und Winde, Und über den Wassern ist tiefe Stille. Da ruhst Du sinnend an meiner Brust. So tiefe Stille: mein lauschendes Herz Hört Antwort pochen Dein lauschendes Herz.
Wir sind allein, doch flüsterst Du leise, Um nicht zu stören das sinnende Meer, Nur sanft erzittern die Lippen Dir, Die schwellenden Blätter der süßen Rose; Ich sauge Dein Wort, Den klingenden Duft der süßen Rose.
Im Osten hebt sich der klare Mond. Und Gott bedecket den Himmel mit Sternen, Und ich bedecke, selig wie er, Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel, Mit feurigen Küssen.«
Ein jäher Schrecken ließ sie aber verstummen, als bei dem Verse: »Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel --« eine klangvolle Baritonstimme in die Melodie einfiel und das Lied zu Ende sang, schöner, herrlicher als sie es je gehört.
Und aufblickend sah sie hinter der vom Salon auf die mit dem Garten durch eine Freitreppe verbundene Terrasse führenden und jetzt offen stehenden Glasthür die Gestalt eines schlanken jungen Mannes auftauchen, der den Hut ziehend, vom Thürstock wie vom Rahmen eines Bildes umfaßt, auf der Schwelle stehen blieb.
Erst nachdem er das Lied vollendet und sich noch einige Secunden an der grenzenlosen Verblüffung Betti's, die, gleichsam erstarrt, auf ihn schaute, mit lächelnder Miene geweidet hatte, verbeugte er sich tief vor dem jungen Mädchen. Und ohne näher zu treten, sprach er:
»Verzeihen Sie dem Eindringling, mein Name ist Oswald Reichel. Zufällig erfuhr ich, daß die Schwester und die Tochter meines verehrten Meisters hier wohnen, und da wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sie aufzusuchen.«
Betti hatte unterdessen Zeit gefunden, sich zu fassen. Sie erhob sich und trat dem Fremden grüßend entgegen.
»Fräulein Betti? -- ich irre wohl nicht?« frug dieser zögernd. »Sie erinnern sich meiner wohl kaum mehr? Zu viele Schüler Ihres Vaters gingen in Ihrem Hause ein und aus. Und Sie waren ein so kleines Mädchen, als ich Sie zuletzt gesehen.« Dabei machte er mit der Hand ein Zeichen, welches bedeutete, daß sie ihm damals etwa bis zum Ellbogen reichte.
Betti lachte. Als der Künstler aber ihr seine Hand zum Gruße reichte und, als sie in dieselbe einschlug, als er die ihrige an seine Lippen führte, erröthete sie tief. An derartige Huldigungen war sie noch nicht gewöhnt.
Sie stotterte etwas von ihrer Tante, und daß sie dieselbe von seinem Besuche benachrichtigen müsse, und im nächsten Augenblicke war sie zur Thür hinausgehuscht.
»Ein allerliebstes Backfischchen!« murmelte der junge Mann lächelnd. »Noch etwas grün, aber doch ganz reizend.«
Dann blickte er sich im Zimmer um, hielt von der Terrasse aus rasche Umschau über den Garten und, noch immer allein, setzte er sich an den Flügel und begann zu präludiren.
Betti war mittlerweile zu ihrer Tante hinaufgeeilt, diese kam ihr schon entgegen.
»Wer hat unten gesungen?« rief sie ihr von weitem zu.
»Denke nur, Tantchen, er ist gekommen!« rief Betti athemlos.
»Ja, wer denn?«
»Er, Oswald Reichel!«
Die Tante warf den Kopf zurück: »Welche Aufdringlichkeit!« murmelte sie ärgerlich. »Und so spät am Abend bei Fremden einen Besuch abstatten. Nun, hoffentlich bleibt er nicht lange.« Dann aber fügte sie nachdenklich hinzu: »Da er aber nun schon da ist -- und weil er ein Schüler meines seligen Bruders, so werden wir ihn wohl zum Abendessen bitten müssen. Sieh' einmal rasch in der Küche nach. Anna soll etwas Schinken aufschneiden. Mit dem Uebrigen wird es reichen. Ich will einstweilen in den Salon gehen, den Herrn zu begrüßen.«
Betti that, wie ihr geheißen, und als sie zehn Minuten später in das Gartenzimmer trat, fand sie die Tante mit dem fremden jungen Mann bereits in ein ganz heiteres Gespräch vertieft. Vor seinem jovialen, unbefangen herzlichen Tone vermochte ihre anfänglich etwas steife Zurückhaltung nicht Stand zu halten. Er wußte tausend schnurrige Anekdoten aus Künstlerkreisen zu erzählen, welche die alte Dame bis zu Thränen lachen machten, und sprach mit einer das Herz der Schwester aufs tiefste rührenden Verehrung von ihrem Bruder, seinem Meister, dem er all sein Können und -- so ihm solche beschieden seien -- alle weiteren Erfolge zu danken haben würde. Ihre völlige Sympathie aber gewann er sich, als er eine begeisterte Lobeshymne über die stille Zurückgezogenheit ihres Landlebens anstimmte und erklärte, daß er sich nichts besseres wünsche, als nach einer Reihe von Jahren seine Laufbahn in einem selbsterbauten, traulichen Nestchen fern von dem lauten Treiben der Welt, beschließen zu dürfen.
Betti fühlte sich durch die sprudelnde Unterhaltung des jungen Mannes in die glückliche, frohe Zeit ihrer Kindheit zurückversetzt. Ihr war es, als hörte sie den Wellenschlag eines mächtigen Stromes neben sich aufrauschen, in den es sie sehnsuchtsvoll zog sich hineinzustürzen, um, mit kraftvollem Arm seine Wogen durchschneidend, einem fernen, glückverheißenden Ziele entgegenzuschwimmen. Aber in stille Seligkeit versank sie, als der Künstler, ohne erst eine an ihn gestellte Bitte abzuwarten, sich nach dem Abendessen vom Tische erhob, und an dem noch geöffneten Piano Platz nehmend, die ihr theueren Lieder ihres Vaters vortrug. Eine Empfindung süßester Weltentrücktheit überkam sie. Unter dem gewaltigen Eindrucke, den die Musik auf begeisterungsfähige Gemüther zu üben so geeignet ist, fühlte sie ihre Seele gleichsam hinschmelzen in einem Meere wonnevollen, schönheitstrunkenen Entzückens. Und fast schmerzhaft berührte es sie, als der Sänger, dem als Priester höchster Kunstoffenbarung solch zaubermächtige Gewalt über ihr ganzes Wesen gegeben war, sich plötzlich von seinem Sitze am Clavier erhob und, in seinem gewöhnlichen, fast etwas burschikosen Tone die Bemerkung machte, daß er seinen Besuch wohl über Gebühr ausgedehnt habe und die Damen nun nicht länger belästigen dürfe.
Tante Cölestine hielt ihn nicht zurück, von beiden Seiten wurde ein herzlicher Abschied genommen, und nachdem Reichel die wiederholten lebhaften Dankesversicherungen für den bereiteten Kunstgenuß, wie er sich lachend ausdrückte, »dankend quittirt« hatte, empfahl er sich nochmals und verließ das Haus.
»Es ist in der That spät geworden,« sagte die Tante, nach seinem Weggehen auf die Uhr blickend. »Es ist Schlafenszeit.« Und dann zu Betti: »Ich will einstweilen vorausgehen, kommst Du bald nach?«
»Ja, Tante, ich komme gleich,« sagte Betti träumerisch, während sie sich mit der Ordnung der zerstreut umherliegenden Notenhefte zu thun machte. Dann aber, als Cölestine weggegangen war, trat sie über die Terrasse ins Freie. Es war ihr jetzt unmöglich, zur Ruhe zu gehen. Alles wogte, gährte, fieberte in ihrer Seele. Im Frieden der Natur wollte sie erst Frieden suchen für ihr eigenes stürmendes Herz.
Eine wunderbare Nacht lag über der schlummernden Erde. Die Sterne flimmerten und glänzten, als lächelten sie verständnißvoll zu ihr hernieder. Leises Rauschen ging durch das welkende Laub der Bäume; einzelne Blätter lösten sich und fielen knisternd zu Boden. Ueber einer der bewaldeten Bergeskuppen lag heller Schein. Und jetzt, plötzlich, mit einem Rucke, hob sich der Stand des Mondes über der Kante des Berges und übergoß, höher und höher steigend, die ganze Landschaft mit seinem milchweißen Lichte.
Ein leiser Schrei entfuhr Betti's Lippen. Denn als sie, um eine Baumgruppe biegend, den Weg zur Ausgangsthür des Gartens weiter schritt, sah sie plötzlich Reichel vor sich stehen. Sie wollte nach dem Hause zurück. Doch schon hatte er sie bemerkt.
»Welch eine herrliche Nacht! Welch wunderbares Bild!« rief er. Und dann dicht an sie herantretend, klang es im süßesten, sanftesten =sotto voce= von seinen Lippen:
»Im Osten hebt sich der klare Mond, Und Gott bedecket den Himmel mit Sternen. Und ich bedecke, selig wie er, Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel, Mit feurigen Küssen!«
Und nun breitete er seine Arme aus, umfaßte sie und bedeckte ihr Antlitz mit Küssen, ihre Augen, ihre Stirn, ihren Mund.
Sie sträubte sich nicht. Sie schloß die Augen und athmete schwer. Ein Sturm zog durch ihre Seele, halb Schmerz, halb Seligkeit, und ihr war es, als müsse sie vergehen unter seinen Küssen.
Plötzlich klirrte ein Fenster.
»Betti, so komme doch, es ist schon spät!« ließ sich der Tante Ruf vernehmen.
Da riß sie sich los und floh ins Haus.
Der Mond lächelte in ihr Zimmer und sah, daß sie die ganze Nacht ihr Auge nicht im Schlummer schloß. Er sah, wie sie ihr Angesicht zwischen den Händen verhüllte und weinte -- bitterlich. Stirn, Augen, Mund, die der fremde, junge Mann geküßt, brannten ihr vor Scham. Einen schweren Fehltritt glaubte sie begangen zu haben, der sich nie, niemals wieder tilgen ließ, der sie für immer aus der Reihe der guten und reinen Menschen schied.
Gegen Morgen erhob sich ein heftiger Nordweststurm, massige schwarzgraue Wolken vor sich herschiebend. In dichter Menge schüttelte er die Blätter von den Bäumen, hier in wirren Knäueln sie durcheinander wirbelnd, dort zu kleinen Hügeln zusammenfegend.
Betti verließ früh ihr schlummerloses Lager. Sie ging in den Garten und ließ es willig geschehen, daß der Wind ihr Haar zerzauste und einzelne schwere Regentropfen in ihr Antlitz warf. Der lange, todte Winter, der seine Vorboten in Sturm und Regen vorausschickte, paßte für ihre Stimmung. In ihrem Inneren sah es auch so aus. Sie fühlte sich müde, und ihr war es, als sei etwas erstorben in ihrem Herzen.
Freilich wußte sie, daß der Frühling wiederkommen und alles zu neuem Leben und zu neuer Blüthe erwecken werde, was jetzt in Scheintodt erstarb. Noch aber ahnte sie es nicht, daß der Frühling ihrer Seele nicht geknickt war, daß auch ihre Jugend wieder erwachen würde -- froh und kraftvoll.
Franzi's Weihnacht.
Trübe, schläfrige Stille ringsum im breiten Thale, öde, braune Felder, auf welchen das kurze, gelbe, vom Froste der vergangenen Nächte geknickte Gras sich lebensmüde zum Winterschlafe hinstreckt, kahle Bäume, die, um ihr grünes Laubgewand klagend, ihre nackten Arme zum Himmel emporrecken, der sich grau und kalt über die Erde spannt, mit seinem Rande auf die Kuppen der das Thal in weitem Bogen umfassenden Berge sich stützend, die in einen weichen, weißen Schneemantel gehüllt, von ihren schroffen Höhen bleich und ernst herabblicken.
Die schläfrige Wintersonne vermag mit ihren matten Strahlen das schmutziggraue Wolkengehänge nicht zu durchbrechen, nur ein etwas heller Fleck zeigt den Punkt an, wo sie verborgen steckt.
Auf der schnurgeraden Moosstraße, die von Salzburg zu dem südlich von der Stadt etwa eine und eine halbe Wegstunde entfernt liegenden 1957 Meter hohen Untersberg führt, schreitet wacker ausgreifend eine kleine Gesellschaft fürbaß: zwei Männer, eine Frau und zwei Kinder.
»Ich mein', wir kriegen bald wieder Schnee, aber vielleicht wird es noch aushalten, bis wir droben sind,« sagte der eine der Männer, einen besorgten Blick nach dem Westen werfend, dorthin, wo die bayerische Ebene an das österreichische Gebiet grenzt und für die Salzburger alle, schlechtes Wetter oder Sturm bringende Wolken heraufziehen.
Der Andere zuckt die Achseln.
»Ja, da laßt sich nichts machen,« antwortete er. »Hinauf müssen wir. Mehr als fußhoch liegt schon jetzt der Schnee auf dem Berge, und gestern, wie ich herunter bin, hab' in den Weg frei gemacht, so gut ich können hab'. Wenn es aber noch einmal schneit, dann bringen wir die da nimmer hinauf.«
Die, von welchen der Mann spricht, das sind sein Weib und seine Kinder.
Keine leichte Arbeit ist es fürwahr, die den guten Leuten zu vollbringen obliegt. Tüchtige Kräfte brauchen unter günstigen Verhältnissen fünf Stunden zum Aufstieg vom Fuße des Berges bis zu dem nahe am »Geiereck« gelegenen Schutzhause. Der Weg ist steil und beschwerlich und jetzt mit frischem, weichem Schnee bedeckt, die Kinder sind noch klein. Franzi, der Bube, ist noch nicht acht und das Mädchen gar erst drei Jahre alt, und die Mutter eine kränkliche Frau und des Bergsteigens ungewohnt. Aber der Vater hat recht, auf den Berg hinauf müssen sie; damit wird dem Elende ein Ende gemacht, aus dem sie jahrelang vergeblich herauszukommen ringen und das nun schon so groß geworden, daß sie die rückständigen drei Gulden Monatsmiethzins für ihr armseliges Dachzimmer im Dorfe Max-Glan nicht aufzubringen vermochten und von dem Jammer bedroht waren, bei der nächstfälligen Rate obdachlos zu werden. Denn Vincenz Reitmeier ist ein armer Taglöhner und nun schon geraume Zeit, trotz seiner eifrigsten Bemühungen, Arbeit zu finden, ohne Erwerb. Das bißchen Ersparte und der geringe Erlös für ein paar verkaufte Kleider und Möbelstücke war bald aufgezehrt, um Brot und Kartoffel zu kaufen, und Karl, der Bruder der Frau, ein armer Tagwerker wie sein Schwager, konnte auch nicht Rath und Hilfe schaffen.
Da traf es sich, daß der österreichische Alpenverein im Spätherbst einen Hüter des von ihm kürzlich erbauten Untersberger Schutzhauses suchte, welcher für die Obliegenheit, den Winter über das Häuschen zu bewohnen und gewisse meteorologische Beobachtungen anzustellen, über welche er in bestimmten Zeiträumen im Comptoir der Salzburger Section des Vereines Bericht zu erstatten hat, zweihundert Gulden Bezahlung erhält. Vincenz hörte davon und dachte, wenn er diese Stelle annähme, so wäre ihm geholfen. Mit den zweihundert Gulden läßt sich während des ganzen Winters sein und seiner Familie Lebensunterhalt bestreiten, und im Frühjahr findet sich wohl leichter wieder Arbeit.
Mancher seiner Freunde redete ihm zwar davon ab, sich um den Posten zu bewerben; zu schlimme Dinge hatte der Mann, der im verflossenen Winter mit Weib und Kind da oben gehaust, von seinem Aufenthalte erzählt, und um keinen Preis würde er eine Wiederholung desselben auf sich nehmen. Hungern und frieren mußten sie, daß es eine Art hatte. Selbst im Anfange, als sie noch Holz zur Feuerung hatten, brachten sie die Temperatur ihrer Stube oft nicht höher als auf drei Grad Reaumur Wärme. Und dann, als das Holz ausgegangen war und die dichte tiefe Schneedecke nur mit Mühe und Noth ein bißchen Reisig zusammenzubringen ermöglichte, da ward es natürlich noch ärger. Um nichts besser ging es mit der Beschaffung von Lebensmitteln. Freilich hatte er sich vor Eintritt starken Schneefalles mit Proviant versorgt, den er auf dem Rücken eines Esels auf die Höhe des Berges beförderte. Aber die Vorräthe an Lebensmitteln gingen schneller als gedacht zur Neige, und als so tiefer, lockerer Schnee auf dem Berge lag, daß es unmöglich war, den Abstieg zu unternehmen, konnten sie, wochenlang auf die geringen Reste des vorhandenen Vorrathes angewiesen, sich keinen Tag satt essen.
Als aber Vorstellungen härtester Beschwerlichkeiten nichts nützten, weil Vincenz meinte, man könne denselben durch eine praktische Vorsorge wohl vorbeugen, da hielt man ihm auch die von anderer Seite her drohenden Gefahren vor Augen. Man erinnerte ihn, daß das Untersberger Schutzhaus den vielen Wilderern und Schmugglern -- denn die bayerisch-österreichische Grenze zieht sich über diesen Berg -- ein Dorn im Auge und von denselben in früherer Zeit schon wiederholt durch Feuer vernichtet worden sei. Auch wäre er da oben wohl seines Lebens nicht sicher, sei es doch erst vor wenigen Jahren geschehen, daß der Wächter des Unterstandshauses auf dem Mallnitzer Tauern ermordet worden.
Aber auch diese Bedenken verfingen nicht.
Auf dem Tauern, meinte Vincenz, könne so etwas wohl vorkommen; diesen Gebirgssattel passirten allerlei herumziehende Vagabunden, die im Unterstandshause Nachtquartier nehmen. Den Untersberg werde aber keiner solcher Strolche eigens zu dem Zwecke besteigen, um an einem armen Teufel, wie er es sei, der selbst kaum genug zum Leben habe, einen Raubmord zu verüben. Und kurz und gut: er fürchte sich nicht und sein Weib auch nicht. So ward es von ihnen beschlossen, daß Vincenz sich bei der Salzburger Alpenvereinssection zur Uebernahme des vacanten Wächterpostens melden sollte. Er that es und bekam die Stelle. Da fiel es ihm nun aber ein, daß es wohl gut wäre, wenn er dieselbe nicht wie sein Vorgänger im verflossenen Winter, bei beginnendem Frühling einem Anderen abtreten müsse, sondern sie auch den Sommer über behalten dürfe, wo die Verpflegung der den Berg besteigenden Touristen und Jagdfreunde einen kleinen Verdienst einbrächte. Auch wäre es für den Winter allein wohl kaum der Mühe werth, die mühevolle und beschwerliche Uebersiedlung mit Weib und Kind zu unternehmen. Er suchte daher um Verlängerung seines Engagements bis zum Herbste nach. Da für den Sommer aber ein Anderer, derselbe, der die Stelle in der letzten Saison innegehabt und mit dem man keine Ursache hatte, unzufrieden zu sein, in Aussicht genommen war, so zog sich die Unterhandlung mit Vincenz in die Länge, und als die Entscheidung endlich zu seinen Gunsten getroffen wurde, war unterdessen der Winter eingebrochen und der erste Schnee gefallen.
Doch wohlgemuth begab Vincenz sich an die mühselige Arbeit, in wiederholten anstrengenden Märschen den nöthigen Proviant auf seinen Schultern auf den Berg zu schaffen, und zuversichtlichen und freudigen Herzens machte die Familie sich auf den Weg nach der von stolzer Höhe herabblickenden neuen Behausung, die ihnen eine, wenn auch wahrlich nicht minder beschwerliche, so doch dem bittersten Elend enthobene Existenz versprach.
Das kleinste der Kinder, das nur wenige Monate zählte, war in Pflege gegeben worden, die beiden größeren wurden mitgenommen.
Es war ein unfreundlicher, trüber Tag um die Mitte December, und als sie bei dem am Fuße des Berges liegenden Gasthause »zur Rositte« anlangten, wo der Fußsteig in den herrlichen Nadelwald einbiegt, fing es bereits zu schneien an, und das kleine Mädchen weinte vor Müdigkeit und Kälte. Man mußte sich entschließen, es den Wirthsleuten in Obhut zu geben; am folgenden Tage wollte der Vater es abholen. Die Anderen setzten ihren Weg fort. Langsam, aber gleichmäßig ausschreitend, ging es den steilen, von Baumwurzeln durchzogenen, mit gelbem Laub und dürren Kiefer- und Fichtennadeln bedeckten, schmalen Fußpfad empor.
»Mutter,« sagte der Knabe, zu den schlanken Tannen aufblickend, »das sind ja lauter Lichterbäume -- aber ohne Lichter.«