Part 2
Als ich nun bei einem meiner Besuche in dem mit wildem Wein und Schlingrosen überwachsenen, anmuthigen Landhause mit Dora zusammentraf, welche jetzt das Institut verließ, in dem sie ihre letzte Ausbildung erhalten hatte, um -- vorläufig, wie Justus sagte -- in das Haus ihres Pflegevaters zu ziehen, da ward es mir klar, warum Justus' Augen so traurig blickten. Er liebte Dora -- aber er war zu verständig, um auf Gegenliebe zu hoffen, und zu gerecht, um es nicht natürlich zu finden, daß das schöne, blühende Mädchen für den verwachsenen, alternden Freund keine anderen Gefühle in seinem Herzen nährte, als Freundschaft und Dankbarkeit. Und als ich Justus' bildhübschen Bruder kennen lernte, da konnte ich keinen Zweifel hegen, daß dieser Dora's Herz in Sturm erobern würde. Hoch und schlank gewachsen, den schönen Kopf stolz auf dem edel geformten Nacken tragend, frei und kühn in seinen Bewegungen und voll ritterlicher Aufmerksamkeit gegen das kaum flügge gewordene Pensionsfräulein, sah er neben dem unscheinbaren, mißgestalteten Männchen aus wie ein junger Gott. Ich wurde ganz traurig gestimmt, als ich die drei guten Menschen beisammen sah, denn ich konnte es mir nicht verhehlen, welch tiefes Herzeleid dem armen Justus aus seiner wohl begreiflichen, aber doch so hoffnungslosen Neigung für das liebreizende junge Geschöpf erwachsen würde.
Dennoch aber verbrachte ich manche glückliche Stunde in Justus' gastlichem Heim. Tagsüber, wenn das Wetter günstig war, waren wir Alle im Garten oder machten Ausflüge in der nahen Umgebung, wobei es sich, wie zufällig, immer so traf, daß Alvyn mit Dora vorausmarschirte, während ich und Justus die Nachhut bildeten. Des Abends aber versammelten wir uns im traulichen Gartensalon, und nach dem Thee wurde Lectüre vorgenommen. Alvyn oder ich lasen vor, während die Anderen zuhörten.
Da gab es oft lebhaft erregte Discussionen. Denn Justus vertheidigte die classische Richtung, während Alvyn und ich die Modernen in Schutz nahmen. Dora kümmerte sich nicht viel um unsere literarisch-ästhetischen Dispute. Nur hin und wieder warf sie ein Wort dazwischen. Abseits von uns saß sie an einem kleinen Tischchen und zeichnete emsig. Ich wußte, was es war, das sie beschäftigte, denn mich hatte sie ins Vertrauen gezogen und beauftragt, Justus' Aufmerksamkeit bei diesen Leseabenden so in Anspruch zu nehmen, daß er sie und ihre Zeichnung nicht beachtete. Denn dieselbe sollte eine Ueberraschung für ihn werden.
Und sie gelang glänzend.
Am Vorabend von Justus' Geburtstag -- es war sein vierundvierzigster, wie ich erfuhr -- nachdem das festliche Abendessen zu Ende und mancherlei Toaste ausbracht waren, verschwand Dora plötzlich aus dem Zimmer, und als sie nach einer kleinen Weile mit freudig geheimnißvoller Miene wieder eintrat, ergriff sie Justus bei der Hand und zog ihn, während sie uns winkte, ihnen zu folgen, in den Gartensalon hinüber. Derselbe war hell erleuchtet, und mitten im Zimmer ruhte auf einer Staffelei das lebensgroße und sehr wohlgetroffene Brustbild unseres Justus. Sprachlos vor tiefster Ergriffenheit, blickte dieser auf sein Porträt.
»Nun, ist es gut? Bist Du zufrieden mit dem, was ich gelernt?« frug Dora schüchtern, als Justus noch immer keine Antwort über seine Lippen brachte.
Ein Blick auf sein Angesicht gab ihr Antwort.
Eine überirdische Freude leuchtete aus seinem Auge, eine Thräne rollte langsam über seine Wange, und er öffnete den Mund, als ob er sprechen wollte; aber das Wort versagte ihm.
Da stürzte Dora ihm an den Hals, küßte und herzte ihn und rief ein- um das andermal:
»Freut es Dich? Bist Du zufrieden? Justus, freut es Dich?«
Dieser aber verfärbte sich plötzlich. Und je mehr Küsse es von den holden Lippen auf seinen Mund und seine Wangen regnete, um so bleicher wurde er und ein leichtes Zittern ging durch seine Glieder. Ich verstand, was in seinem Inneren vorging, und ein Gefühl peinlichen Mitleides beschlich mich.
Warum war Dora auch so toll und thöricht, den Armen so abzuküssen, als ob sie ihn liebte. Bedachte sie denn gar nicht, daß auch in der Brust dieses unglücklichen, mißgestalteten Freundes ein warm fühlendes, der Liebe nicht verschlossenes Herz wohnen könne?
Einige Wochen später rüstete sich Alvyn zur Abreise. In einer unfernen größeren Stadt wollte er sich als Arzt niederlassen. Schon war der Tag seiner Abreise festgesetzt, als er von einem Jagdausfluge verwundet nach Hause gebracht wurde. Die Kugel eines der Schützen hatte -- statt des Rehbockes, dem sie bestimmt gewesen -- Alvyn's linke Schulter getroffen. Die Verletzung war keine gefährliche, dennoch aber wurde das ganze Haus in die größte Bestürzung versetzt. Justus bestand darauf, die Pflege des Bruders selbst zu übernehmen. Dora wollte ihn ablösen, damit er Zeit fände, sich auszuruhen. Aber er gestattete es nicht, indem er meinte, daß ein Krankenbett kein geeigneter Platz für sie sei, und so mußte sie sich damit begnügen, in sorgsamer Ueberwachung der Hauswirthschaft dem Bruderpaare ihre Dienste zu erweisen. Sie war keine gewandte Hausfrau -- wo hätte sie bis dahin auch Gelegenheit gefunden, sich in dieser Richtung zu bethätigen? -- Und da war es zugleich heiter und rührend, zu sehen, wie sie sich abmühte, ihren ungewohnten Pflichten gerecht zu werden. Glücklicherweise war Agathe da, die alte, langerprobte Köchin. Sie versah ihren Dienst so fest und sicher, daß alles ganz gut von Statten ging; auch war sie viel zu gutmüthig, um dem jungen Mädchen seine grüne Unerfahrenheit allzu fühlbar werden zu lassen. Mit der ernstesten Miene von der Welt ließ sie sich täglich von Dora den Speisezettel vorschreiben und sich einschärfen, wie die Gerichte bereitet werden müßten, daß sie sich für den Kranken eigneten, und daß sie kräftig genug seien und leicht verdaulich, um Justus für seine anstrengende Krankenpflege genügend zu stärken.
Langsam und traurig zog die Zeit dahin. Eines Tages aber, als ich wieder in dem Häuschen vorsprach, um mich nach dem Befinden des Patienten zu erkundigen, wurde ich von Dora mit heiterer Miene empfangen. Und sonderbar! Erst jetzt, als sie wieder lächelte, bemerkte ich, wie schmal und blaß ihr liebliches Gesichtchen geworden war. Freudig theilte sie mir mit, daß der Arzt heute Alvyn gestattet hatte, für einige Stunden sein Bett zu verlassen. Wenn ich ein wenig warten wollte, könnte ich ihn sehen.
Wie erschrak ich, als eine Viertelstunde später Alvyn, auf den Arm seines Bruders gestützt, in das Zimmer trat! Nicht er war es, der mir Schrecken einflößte. Seine Wangen waren wohl etwas bleicher als vordem, aber man erkannte sogleich, daß der Doctor nicht zu viel versprochen, indem er seine baldige Genesung in Aussicht gestellt. Justus' Aussehen dagegen erweckte meine Sorge. Seine Gesichtsfarbe war wachsgelb geworden, die Backenknochen traten scharf hervor, und die schönen, strahlenden Augen lagen tief eingesunken in ihren bläulich umränderten Höhlen und hatten allen Glanz verloren. Sollten die Anstrengungen der Pflege, die Nachtwachen und die Angst um den Bruder ihn so arg mitgenommen haben? Ich konnte es nicht recht glauben. Das aber wußte ich, daß er selbst einer Erholung bedürftiger war, als der an seiner Seite blühend aussehende Reconvalescent. Auch hielt ich es für meine Pflicht, aus meiner Meinung kein Hehl zu machen, und nachdem wir ein Weilchen über allerlei alltägliche Dinge geplaudert, erklärte ich Justus, ohne Umschweife, daß es an der Zeit sei, sich Ruhe zu gönnen, zu seiner Erholung etwa eine kleine Vergnügungsreise anzutreten. Alvyn und Dora, die mittlerweile auch eingetreten war, stimmten mir lebhaft bei. Justus aber betheuerte, daß er sich ganz wohl fühle, und wollte von einer Reise nichts wissen. Die kleine Ermüdung, die er ja nicht leugnen wolle, werde nun, da er jetzt nichts mehr zu thun und zu sorgen habe, bald von selber weichen. Ich glaubte ihm nicht, da aber alles weitere Drängen sich als nutzlos erwies, beschloß ich, mich hinter den Hausarzt zu stecken und diesen zu einem Machtwort in Betreff Justus' zu veranlassen. Als ich mich aber zu diesem Zwecke zwei Tage später bei meinen Freunden einstellte, empfing mich Justus und bat mich, ihn in sein Arbeitszimmer zu begleiten, dessen Thür er zu meiner nicht geringen Verwunderung hinter uns absperrte.
»Ich will nicht, daß wir gestört werden,« sagte er, indem er vor seinem Secretär Platz nahm und einen großen, von seiner Hand geschriebenen Bogen Papier entfaltete.
»Sie sind Jurist und ich möchte mir Ihren Rath erbitten,« fuhr er fort. »Als ich da vergangene Nacht wieder nicht schlafen konnte -- am Krankenbette Alvyn's habe ich mir das Schlafen fast ganz abgewöhnt -- da fiel mir ein, daß es angezeigt sei, ein wenig Ordnung zu machen und mein Testament niederzuschreiben. Man kann ja nie wissen, was geschieht. Und da möchte ich Sie nun ersuchen, dasselbe durchzusehen, ob es in seiner Form richtig abgefaßt ist.«
Ich nahm das Testament und las. Alvyn und Dora waren darin zu gleichen Theilen als Erben von Justus' nicht unbedeutendem Vermögen eingesetzt. Als ich ihm das Schriftstück mit der Beruhigung zurückgab, daß dasselbe ganz rechtsgiltig verfaßt sei, konnte ich nicht umhin, die Bemerkung beizufügen, daß es wohl viel vernünftiger wäre, irgend etwas zur Kräftigung seiner Gesundheit zu unternehmen, als sich mit Todesgedanken zu tragen.
Justus lächelte.
»Nun, nun,« sagte er, »deshalb, weil ich mein Testament gemacht habe, glaube ich ja nicht, schon morgen oder übermorgen sterben zu sollen. Ich will ja nur alles in Ordnung gebracht haben -- für alle Fälle. Was Sie aber da von meiner Gesundheit sagen -- ich bin ja nicht krank, wirklich nicht. Wenn es aber dennoch bald mit mir zu Ende ginge, was läge weiter daran? Ich habe doch eigentlich genug gelebt, da ich niemandem mehr zu etwas nützlich bin. Im Gegentheile. Ich stehe dem Glücke der Anderen nur im Wege. Haben Sie es denn nicht bemerkt? Dora und Alvyn lieben sich ja. Dora wird sich aber nicht leicht dazu entschließen, mich zu verlassen und Alvyn's Frau zu werden, so lange ich lebe. Das gute Geschöpf würde es schwer übers Herz bringen, mich einer traurigen Einsamkeit anheimzugeben. Die Dankbarkeit, die sie glaubt, mir schuldig zu sein, würde ihr dies nicht erlauben.«
Ich unterdrückte einen Seufzer.
»Glauben Sie wirklich?« stotterte ich nicht ohne Verlegenheit.
»Glauben! Was glauben!« wiederholte Justus. »Ich weiß es! Und wenn ich es auch nicht schon früher bemerkt hätte, so müßte ich es doch jetzt wissen. Hab' ich es doch gesehen, wie sie sich in Angst und Sorge verzehrte, als Alvyn krank darniederlag. Nachts, wenn ich aus seinem Zimmer trat, fand ich sie oftmals in Thränen, statt daß sie schlief. Ich gab ihr wohl keine Veranlassung dazu.«
»Und wenn nicht Alvyn, sondern die Sorge um Dich, um Deine Gesundheit und Dein Leben die Ursache ihrer Thränen gewesen wäre?« -- schoß es mir plötzlich durch den Kopf. Doch gleich darauf kam mir dieser Gedanke so komisch vor, daß ich mich wohl hütete, ihn laut werden zu lassen.
»Ja, wenn es aber auch wirklich der Fall sein sollte, daß Dora Alvyn liebt,« sagte ich, »sind Sie dessen auch gewiß, daß ihre Liebe erwidert ist?«
Jetzt fuhr Justus auf.
»Wie? Nicht erwidert? Dora's Neigung sollte nicht erwidert sein? Aber Alvyn müßte ja blind und blöde, ja geradezu blöde sein, wenn er dieses liebe Geschöpf nicht liebte. Ich bitte Sie, wie können Sie so etwas denken!«
Dann warf er das Testament in die Lade seines Schreibtisches und fing an, im Zimmer auf und ab zu laufen. Mich beachtete er gar nicht mehr, so mächtig war die Erregung seines Gemüthes. Wieder waren mehrere Wochen vorübergegangen. Alvyn war völlig hergestellt und der letzte Abend vor seiner Abreise sollte uns Alle zum Abschiedsfeste vereinigen. Mir bangte davor, denn ich war überzeugt, daß es auch zum Verlobungsfeste werden sollte, und wenn ich es auch einsah, daß es für Justus besser sei, wenn die von ihm selbst vorausgesehene Entscheidung bald fiele, so wußte ich doch, daß dieselbe einen schweren Streich gegen sein Herz führen würde.
Als ich das Haus betrat, begegnete mir Dora im Flur. Sie kam aus der im Erdgeschosse gelegenen Küche und hielt auf einem Glasteller einen mächtigen Kuchen in der Hand. Ihre Wangen waren vom Herdfeuer geröthet und freudige Heiterkeit blitzte aus ihren blauen Augen.
»Welch lucullische Genüsse bereiten Sie da für uns?« frug ich, auf den Kuchen weisend.
Sie legte den Finger an den Mund.
»Bst, nicht so laut,« flüsterte sie. »Es soll eine Ueberraschung für Justus werden. Sein Lieblingsgericht, das ich selbst gebacken. Er wird Augen machen, wenn er erfährt, daß Agathe mir dabei gar nicht geholfen hat.«
Schweigend stieg ich hinter Dora die Treppe hinan. Ich war ärgerlich gestimmt, Dora's Aufmerksamkeiten für Justus verdrossen mich, da ich wußte, daß sie ihn mehr quälen als erfreuen müßten. Ich folgte ihr in das Speisezimmer, wo sie den Kuchen auf den Credenztisch stellte und über und über mit Zucker bestreute.
»Das ist der Zucker, mit dem sie die bittere Pille versüßen will, die sie ihm zu schlucken giebt,« dachte ich zornig.
Sie aber lächelte vergnügt vor sich hin.
»Glauben Sie, daß es ihn freuen wird?« frug sie.
Ich gab keine Antwort, so böse war ich auf sie. Plötzlich aber fuhr ich los:
»Warum quälen Sie den armen Justus unaufhörlich? Warum überhäufen Sie ihn mit Zuvorkommenheiten, die ihn nur peinigen können?«
Ich hielt inne; meine eigenen Worte erschreckten mich. Dora aber blickte mich mit großen Augen staunend an.
»Quälen?« wiederholte sie. »Ich quäle Justus?«
»Wie denn nicht? Das müssen Sie doch selbst einsehen, daß Ihre Aufmerksamkeiten ihm Qualen bereiten müssen. Es kann Ihnen doch kein Geheimniß geblieben sein, daß er -- Ah, bah! Sie wissen ganz gut, was ich meine. Aber besser wäre es, Sie machten dem grausamen Spiele ein Ende und erklärten sich. Heute bei Alvyn's Abschiedsfest wäre der richtige Augenblick hiefür.«
Dora wechselte die Farbe. Ein leichtes Zittern bewegte ihre Hand, die immer noch die Streubüchse festhielt, und ein dichter Zuckerstaub fiel neben dem Kuchen auf die Tischplatte nieder.
»Sie glauben, daß Justus --,« lispelte sie kaum hörbar.
»Sie liebt!« fiel ich ein. »Ja, das glaube ich nicht nur, ich weiß es. Und daß Sie mit Ihren koketten Künsten ihn nutzlos peinigen.«
Ich war so erbost gegen sie, daß es mir ordentlich wohl that, sie zu kränken.
Sie schwieg. Nur ein leiser Seufzer drang zwischen ihre Lippen. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, denn sie hatte mir den Rücken zugewendet. Jetzt klappte sie den Deckel des Schrankes zu und schlüpfte hastig aus dem Zimmer.
Mit gemischten Gefühlen blickte ich ihr nach. Ich schämte mich meiner plumpen Derbheit, und doch war ich wieder froh, das unhaltbare Verhältniß einer Krisis entgegengedrängt zu haben. Noch mehr aber freute ich mich dessen, als ich, in Justus' Zimmer tretend, die bleichen Wangen, die nervöse Unruhe meines wackeren Freundes sah. Es war wirklich hoch an der Zeit, daß diese unerquickliche Lage der Dinge ein Ende nahm.
Trotz der anfänglich etwas befangenen und erregten Stimmung der Mehrzahl der Theilnehmer verlief das Festmahl in ungestörter Heiterkeit. Alvyn's übersprudelnde Lustigkeit wirkte ansteckend auf die Anderen, und frohes Lachen, muntere Scherzworte flogen von Lippe zu Lippe.
Wir waren beim Dessert angelangt, und der mir bereits bekannte Kuchen wurde aufgetragen. Mit etwas scheuer Miene -- denn mein auf Dora gerichteter Blick verwirrte sie sichtlich -- und stockendem Tone murmelte Dora, wie geistesabwesend, ein paar Worte vor sich hin: daß sie den Kuchen selbst bereitet habe, um zu beweisen, daß sie in den Künsten der Küche nicht so ungeschickt sei, wie Justus stets behauptete. Weiter kam sie nicht; das spöttische Lächeln, das sie auf meinem Munde bemerkte, schnitt ihr das Wort ab.
Jetzt aber erhob sich Alvyn von seinem Sitze und sein mit edlem Wein gefülltes Glas hochhebend, rief er:
»Hurrah, hoch! die Hausfrau möge leben! Ich leere meinen Becher auf Dora's Wohl und auf das Wohl -- desjenigen, der das Glück haben wird, sie als Hausfrau heimzuführen!«
Tiefes Schweigen folgte Alvyn's Worten. Doch nach wenigen Augenblicken erhob auch Justus sich, das Glas mit bebender Hand ergreifend. Er war sehr blaß geworden. Ein seltsames Leuchten verklärte den dunklen Glanz seines Auges.
»Dora!« sagte er laut und langsam. »Ich schließe mich Alvyn's Wunsche an. Ich trinke auf das Wohl desjenigen, den Du liebst. Willst Du mir Bescheid thun?«
Dora zögerte. Eine Secunde lang blickte sie unschlüssig vor sich ins Weite. Eine jähe Röthe überfluthete ihre Wangen und ihre Brust hob und senkte sich in heftigen Athemzügen. Doch jetzt erhob auch sie sich und griff nach ihrem Becher. Hell klangen die Gläser aneinander und Justus und Dora's Blicke begegneten sich, als wollte jeder tief sich in des Anderen Seele senken.
»Gern thu' ich Dir Bescheid,« sagte Dora. »Es lebe der, den ich liebe! Er lebe hoch! -- Justus lebe hoch!«
Justus' Glas fiel zu Boden, das köstliche Naß über den Teppich ergießend. Er selbst stand wie versteinert. Da flog Dora ihm an den Hals und küßte ihn wieder lebendig.
Wir aber tranken auf das Wohl des Brautpaares. Ein Toast folgte dem anderen und die Nacht war weit vorgerückt, als ich in heiterster Stimmung mich auf den Heimweg machte.
Wenige Wochen später fand Justus' Vermählung mit Dora statt. Dann traten sie eine Reise an, und als sie wieder in ihr trauliches Heim zurückkehrten, fand ich Justus völlig verändert. Kraft und Gesundheit lag über seiner Erscheinung. Sein Schicksal hatte ihm das beste Heilmittel gereicht -- das Glück.
Fallendes Laub.
Friede lag über dem Thale. Die ermüdete Herbstsonne badete das purpurne und gelbe Laub der Wälder in ihrem milden, sanften Glanz. Um die Kuppen der Berge ringelten sich weiße, flockige Nebelstreifen, lagerten sich schläfrig in die Schluchten und Risse, um dann an den zackigen, grauen Felswänden langsam emporzukriechen und, höher und höher steigend, im durchsichtigen, blassen Blau des Himmelsgewölbes sich allmählich aufzulösen.
Das ganze Land, so weit das Auge sah, lag in zitterndem, goldigem Licht. Das letzte warme Lächeln des fliehenden Sommers glitt über das Antlitz der Natur, bevor sich ihr Auge zum winterlichen Schlafe schloß. Und um die Mittagszeit schien die Sonne noch so warm, daß man glauben konnte, der Herbst mit seinem Reif und Frost, der Winter mit seinem Schnee und Eis seien noch in weiter, weiter Ferne.
Aber die klugen Schwalben ließen sich von dem gleißnerischen Lächeln nicht täuschen. Fast alle hatten schon den großen Zug nach dem Süden angetreten und jetzt rüsteten sich auch die letzten zum Aufbruch. Fröhlich zwitscherten sie ihren Abschiedsgruß in die linde, laue Luft. Geschäftig hin und her fliegend, ordneten sie sich in Gruppen und prüften sorgsam die Flugkraft ihrer jüngsten Kinder, um derentwillen sie ihre Abreise hatten verzögern müssen.
Gleichgiltig sahen die Sperlinge den Reisevorbereitungen zu. Was kümmert es sie, ob und wann es Herbst wird. Sorglos hüpfen sie von Zweig zu Zweig, trippeln auf dem kurzen, grünen Rasen umher, gierig nach kleinen Würmchen ausschauend, oder baden sich behaglich im Staub der trockenen Erde. Wie graue, schlechtgewickelte Wollknäuel sitzen sie da und blasen sich auf, daß alle Federn emporstehen.
Plötzlich fahren zwei dieser struppigen Wollknäuel laut pipsend in die Höhe. Ein seltsamer Schrei hat sie erschreckt. Und doch sollten sie an denselben schon gewöhnt sein. Es ist ja ein guter Bekannter, der ihn ausgestoßen hat. Tante Cölestinens Papagei, der, während seine Besitzerin in dem Lusthause mit einer Handarbeit beschäftigt sitzt, neben ihr auf einem in die Sonne gerückten Gestelle auf und nieder flattert. Bei trübem Wetter verhält er sich meist still und manierlich, wie es sich ziemt für den wohlgesitteten Genossen eines ruheliebenden, alten Fräuleins.
Er schaukelt sich auf dem an seinem Gestelle befestigten Ringe, lacht und plaudert, und wenn es ihm gestattet wird, auf der Schulter seiner Herrin zu ruhen, drückt er schmeichelnd sein Köpfchen an ihre Wange und läßt sich aus ihrem Munde mit kleingekauten Milchbrötchen füttern.
Wenn aber die Sonne so recht warm auf ihn herabscheint, dann erinnert der Vogel sich seiner fernen sonnigen Heimat und Sehnsucht erfaßt das kleine Herz. Er reckt und dehnt sich, schlägt mit den verschnittenen Flügeln, flattert empor -- und fällt mit einem lauten kreischenden Schrei zu Boden.
Tante Cölestine begreift es nicht, daß der kleine Fremdling in seiner vieljährigen Verbannung seine Heimat in den Urwäldern Südamerikas nicht schon verschmerzt und vergessen hat. Es ging ihm doch so gut. An nichts fehlte es ihm. Reichliche, gesunde Nahrung, Schutz vor den Unbilden der Witterung und der Verfolgung raubgierigen Gethiers, freundliche, liebevolle Behandlung -- was konnte er noch mehr verlangen, wie konnte er sich nach Freiheit sehnen, wo er den schweren Kampf ums Dasein aufnehmen mußte und von vielfältigen Gefahren bedroht wurde? Mehr Verständniß brachte Cölestinens siebzehnjährige Nichte der Freiheitssehnsucht des kleinen Gefangenen entgegen. War ihr Schicksal dem seinen doch nicht unähnlich.
Nach dem Tode ihrer frühverstorbenen Eltern, eines reichbegabten Künstlerpaares, von der Schwester ihres Vaters an Kindesstatt angenommen, fühlte auch sie sich in eine ihr fremde, sie beengenden Welt versetzt. Trotz der innigen Liebe und Dankbarkeit, mit der sie an der Tante hing, deren Güte alle Sorgen und Lasten des Lebens von ihr fernhielt, war es ihr doch manchmal zu Muthe, als müsse sie die Flügel spannen und in die weite, schöne Welt hinausfliegen, von welcher sie in der verklärenden Erinnerung jener Zeit, da sie an der Seite ihrer Eltern ein reiches, glückliches Leben gelebt, ein so verlockendes Bild in ihrem Inneren trug. Aber auch ihr waren ja die Flügel geschnitten, und die gute Tante meinte, daß die Freiheit nur ein illusorisches Glück und das wahre Glück viel eher in dem stillen Frieden ihrer einsamen Zurückgezogenheit, denn in dem wüsten Sturm und Drang der Welt zu finden sei. Und nicht ohne Sorge gedachte sie der Zukunft, wenn ihre Augen sich für immer schließen würden und das junge Mädchen ohne Schutz und Stütze den vielfachen Gefahren und Versuchungen des Lebens preisgegeben sein werde. Doch vielleicht war jener Augenblick, da Gott sie abberufen würde, noch ferne. Noch fühlte sie sich gesund und rüstig und sie wußte, daß die Grundsätze, welche sie in die jugendliche Seele zu pflanzen bemüht war, eine feste Rüstung seien, um sie in der Stunde des Kampfes siegreich bestehen zu lassen.
Mit unerschütterlicher Geduld hatte Cölestine sich abermals von ihrem Sitze erhoben, um den Papagei, der zum so und so vieltenmale mit schrillem Aufschrei von seinem Metallringe herabgeflattert war, und nun verzagt und enttäuscht um sich blickend, auf dem Boden des Lusthäuschens hockte, wieder auf sein Gestell emporzuheben. Mit liebkosender Hand glättete sie sein gesträubtes, grünes Gefieder, küßte ihn, und mit dem Finger drohend, redete sie ihm freundlich zu, Ruhe zu halten.
»Sieh' nur, Betti, wie thöricht unsere Lora heute wieder ist,« sagte sie, sich lächelnd zu ihrer mit raschen Schritten sich nähernden Nichte wendend. »Durchaus fort will das Närrchen. Es ahnt nicht, welche Gefahren in der weiten Welt seiner harren würden und daß es in der ersehnten Freiheit umkommen müßte.«
Aber Betti schenkte den Worten der Tante keine Aufmerksamkeit. Ein Zeitungsblatt hastig hin und her schwenkend, stand sie mit hochgerötheten Wangen und blitzenden Augen vor der sie verwundert anblickenden alten Dame.
»Ach, Tantchen,« rief sie und ihre Stimme zitterte vor innerer Bewegung. »Welch ein Unglück, daß wir gerade diesmal die Zeitung nicht früher durchgesehen haben. Hier ist das Programm mitgetheilt von dem gestern Abend in der Stadt gegebenen Concerte. Und denke nur, ein junger Sänger, einer von den Schülern meines Vaters, hat darin mehrere von Papas Liedern gesungen. Und nun waren wir nicht dabei!«