Was ich geschaut: Novellen

Part 1

Chapter 13,467 wordsPublic domain

Was ich geschaut.

Novellen

von

Irma von Troll-Borostyání.

Wien. Pest. Leipzig.

A. Hartleben's Verlag.

Alle Rechte vorbehalten.

K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.

Inhaltsverzeichniß.

Seite

Erlöst! 3

Justus 16

Fallendes Laub 30

Franzi's Weihnacht 44

Der Weg zum Herzen 55

Weder Glück noch Stern 65

Der Unwiderstehliche 75

Schwer geprüft 107

»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht« 124

Der kleine Geiger 132

Die Harfenspielerin 140

Sein Bild 151

Erlöst!

Mit dem Versprechen, am anderen Tage wiederzukommen, hatte sich der Arzt verabschiedet und Gabriele blieb allein am Bette ihres kranken Kindes. Es lag in heftigem Fieber; auf den lieblich gerundeten, vollen Wangen brannten hochrothe Flecken und die sonst so fröhlichen, dunkelblauen Augen blickten schmerzlich und wie hilfesuchend auf das kummervolle Antlitz der Mutter, die sich zwang, es freundlich anzulächeln.

Der kleine Erich war während der fünf Jahre seines Daseins niemals krank gewesen. Vor wenigen Tagen zeigte er eines Morgens Mattigkeit und Unlust, seinen gewohnten Spielen zu obliegen. Dann klagte er über Schmerzen im Kopfe und in der rechten Seite der Brust beim Athemholen. Fiebersymptome traten auf; er wurde zu Bett gebracht, und der herbeigerufene Arzt konnte es den Eltern nicht verhehlen, daß der Fall -- eine hochgradige Entzündung des rechten Lungenflügels -- ein sehr bedenklicher sei.

Jetzt saß die Mutter am kleinen Bettchen des Knaben und streichelte hin und wieder mit weicher Hand über seinen blonden Lockenkopf, den er unruhig auf den Kissen hin und her wälzte. Mit ängstlicher Aufmerksamkeit beobachtete sie die kurzen, raschen Athemzüge, den fliegenden Puls des Kindes und verfolgte zugleich den vorrückenden Zeiger an der gegenüberhängenden Wanduhr, um den rechten Augenblick nicht zu versäumen, ihm, der ärztlichen Vorschrift gemäß, viertelstündlich die Arznei zu verabreichen.

Wie ein dumpfes Brausen drang der Lärm des großstädtischen Lebens und Treibens durch die geschlossenen Doppelfenster des Krankenzimmers. Die Vorhänge waren zugezogen, und die mit einem grünen Papierschirm bedeckte Lampe verbreitete eine milde Helle in dem weiten Gemache.

Draußen lag noch das graue Licht der schwindenden Abenddämmerung über den Straßen. Es war ein unfreundlicher Märztag, und ein rauher Nordost wirbelte einen trockenen, hustenreizenden Staub auf. Die Damen, die sich in leichten Frühlingstoiletten herausgewagt hatten, bedauerten es lebhaft, ihre warmen, winterlichen Umhüllungen zu Hause gelassen zu haben.

Ein elegant gekleideter, noch junger Mann schritt quer über die Straße dem Hause zu, in welchem der kranke Knabe lag. Es war Otto von Brauneck, der Vater des Kindes. Nachdem er an der Eingangsthür geschellt und der Diener ihm geöffnet hatte, trat er durch das Vorzimmer in den Salon, um in sein neben demselben gelegenes Arbeitszimmer zu gelangen.

»Was ist das? -- Sind noch keine Vorbereitungen getroffen?« fragte er den Diener, indem er an der Schwelle stehen blieb und einen überraschten Blick durch den unerleuchteten Raum schickte. »In längstens einer Stunde werden die Gäste eintreffen, und es ist nichts in Ordnung gebracht. Sollte meine Frau keine Anordnungen getroffen haben?«

»Die gnädige Frau meinte, der Empfang würde heute nicht stattfinden,« erklärte der Diener.

»Und warum nicht?«

»Ich glaube -- des Kranken wegen.«

»Ach, das Kind wird in seiner Ruhe nicht gestört werden. Schlagen Sie den Spieltisch in meinem Zimmer auf, statt im Salon, und besorgen Sie rasch alles nöthige. Kaltes Buffet -- einige Flaschen Bordeaux aus dem Keller -- hier, nehmen Sie!«

Mit diesen Worten reichte Brauneck dem Diener eine Banknote und schritt in sein Zimmer. Nachdem der Diener die Kerzen angezündet und sich entfernt hatte, schloß Brauneck seinen Schreibtisch auf, entnahm demselben ein Spiel Karten, prüfte sie und steckte sie zu sich. Einige Minuten später trat er in das Zimmer seines Sohnes.

Gabriele hob den Kopf empor und warf einen traurigen Blick auf ihren Gatten, der sich mit langsamen und auf dem schweren Teppich geräuschlosen Schritten näherte.

»Wie geht es dem Kleinen?« fragte er leise, indem er seine Frau mit leichtem Kopfnicken begrüßte.

»Um nichts besser,« erwiderte Gabriele noch leiser. »Das Fieber steigert sich.«

»War der Doctor hier?«

Flüsternd wiederholte sie die Weisungen des Arztes. »Im Laufe der Nacht,« so hatte er sich geäußert, »würde die Krisis eintreten. Sollte das Fieber nach Mitternacht noch stärker werden, so möge man ihn unbedingt nochmals holen lassen.«

»Rege Dich nicht so auf,« sagte Brauneck, als er bemerkte, wie ihre Augen sich mit Thränen füllten. »Erich ist ein kräftiger Junge; es liegt kein Grund zu so großer Sorge vor.«

Gabriele antwortete nicht. Der Knabe aber, der die flüsternden Stimmen gehört, schlug die Augen auf.

Ein Ausdruck von Freude glitt über sein Gesichtchen.

»Ach, Papa, bist Du endlich gekommen,« sagte er. »Ich fürchtete schon, Du kämest nicht mehr.«

Der Vater beugte sich zu dem Kinde herab und drückte einen Kuß auf seine brennende Stirn.

»Warum hätte ich denn nicht kommen sollen?« erwiderte er lächelnd. »Freilich bin ich gekommen und habe Dir auch etwas mitgebracht. Einen wunderschönen Wald und allerlei Gethier darin. Bären, Wölfe, Füchse. Wenn Du wieder gesund bist, dann gehen wir miteinander auf die Jagd.«

»Ja, dann spielen wir Jagd miteinander,« bekräftigte der Kleine. »Mama, Du und ich, alle Drei. Ich bin der Jäger, Du und Mama, Ihr müßt das Wild vor mir zu verstecken suchen.«

»Du wirst aber alle Thiere todtschießen, und am anderen Tage werden sie trotzdem wieder lebendig sein, damit Du sie wieder erschießen kannst,« ergänzte Brauneck.

Erich lachte, aber ein heftiger Hustenanfall unterbrach seine Heiterkeit, und die hübschen Züge seines Gesichtchens verzogen sich schmerzhaft.

»Jetzt aber mußt Du still liegen, mein Kind, nicht sprechen,« fuhr Brauneck fort, als der Anfall vorüber war. »Sonst wirst Du nicht gesund, und wir können nicht zusammen Wild und Jäger spielen.«

Der Knabe war erschöpft in die Kissen zurückgesunken und schloß die Augen. Gabriele träufelte ihm einen Löffel voll Medicin zwischen die trockenen, heißen Lippen; dann saßen die beiden Gatten eine Weile schweigend an seinem Lager. Da schlug die Uhr acht, und Brauneck schnellte von seinem Sitze empor.

»Ich gehe, meine Gäste zu empfangen,« flüsterte er, zu Gabriele geneigt. »Wir werden heute unser Spielchen in meinem Zimmer abhalten, und ich will den Herren beim Kommen und Gehen die größtmögliche Behutsamkeit anempfehlen, damit Erich nicht beunruhigt werde.«

Gabriele schaute auf und der Ausdruck peinlichen Staunens malte sich in ihren Gesichtszügen.

»Wie?« sagte sie, »Du hast Deinen Herren nicht abgesagt? Du findest ein Vergnügen daran, Dich dem Kartenspiele zu widmen, während Dein Kind hier schwer krank liegt?«

Brauneck zuckte die Achseln.

»Liebe Gabriele, Du hast eine pessimistische Neigung, das Leben furchtbar tragisch aufzufassen.«

Ein halbunterdrückter Seufzer entrang sich Gabrielens Lippen.

»Es wäre vielleicht viel besser gewesen, für heute eine Absage ergehen zu lassen,« fuhr Brauneck fort. »Aber ich gestehe es, ich habe vergessen, es rechtzeitig zu thun. Und jetzt Abends wäre es hierzu doch jedenfalls zu spät gewesen. So bleibt mir nichts übrig, als die Herren zu empfangen. Aber, wie gesagt, ich werde dafür Sorge tragen, daß der kleine Patient in seinem Schlummer nicht gestört werde.«

Gabriele erhob und entfernte sich einige Schritte vom Bette des Knaben. Sie wollte nicht, daß er ihre Worte zu hören vermöchte. Brauneck folgte ihr.

»Ein schwerer Krankheitsfall in der Familie,« antwortete sie, »gäbe Dir wohl einen hinreichenden Rechtfertigungsgrund, Deine Einladung noch in letzter Stunde zurückzuziehen. Selbst jetzt noch müßten Deine Freunde Deine Entschuldigung annehmen. Ich bitte Dich, Otto, thu' es doch, schicke sie fort, bleibe bei Deinem Kinde. Wenn Du es mir zuliebe nicht thun willst, so thu' es Erich zuliebe. Er schläft nicht; er frägt immer nach Dir. Biete ihm die Erleichterung in seinem Leiden, daß er Dich bei sich sieht, wenn er die Augen aufschlägt und nach Dir verlangt.«

Brauneck machte eine Bewegung.

»Aber liebe Gabriele,« sagte er mit schlecht verhehlter Ungeduld, »das geht doch nicht an, daß ich die Gäste, die ich geladen, nun, da sie kommen, wieder gehen heiße, weil mein kleiner Sohn krank liegt. Solche Sentimentalität würde man allenfalls der Frau, der Mutter zugute halten, aber einem Manne nicht.«

Vom Bette her tönte ein leises Stöhnen.

Gabriele faltete die Hände und streckte sie bittend dem Gatten entgegen. Er aber schüttelte verneinend den Kopf.

»Otto, bleibe bei uns, bleibe bei Deinem Kinde! Ich bitte Dich!«

»Aber ich gehe ja nicht fort! Ich verlasse doch weder das Haus, noch selbst die Wohnung.«

»Bleibe hier, bei Erich!«

»Das kann ich nicht.«

»Und was soll ich dem Kinde sagen, wenn es nach seinem Vater frägt?«

»Sag' ihm, was Du willst!«

Gabriele zuckte zusammen; dann richtete sie sich hoch auf.

»So geh' denn! Geh' zu Deinen Genossen, geh' dem entsetzlichen -- Vergnügen nach, das Du nicht entbehren kannst! So mächtig hat der Dämon des Spieles Deine Seele umstrickt, daß Du ihm Dein Vermögen zum Opfer brachtest, das Du Deinem Sohne hättest erhalten sollen. Jetzt siehst Du Deines Kindes Leben selbst bedroht -- doch auch das hält Dich nicht zurück. Für Dein Weib und Dein Kind ist Dein Herz erkaltet; nur die Flamme jener unseligen Leidenschaft verzehrt es.«

Fast unhörbar leise hatte Gabriele diese Worte hervorgestoßen, aber Otto war keines entgangen. Er erbleichte. Einen Augenblick lang begegneten sich die Blicke der beiden Gatten. Dann senkte Otto den Kopf, wendete sich langsam um und verließ geräuschlos das Zimmer.

Einige Minuten blieb Gabriele regungslos stehen und starrte auf die Thür, durch welche er sich entfernt hatte. Dann wandte auch sie sich um und kehrte an Erich's Lager zurück.

Nach einer Weile schlug der Knabe die Augen auf. Ein heißer Tropfen war ihm auf die Stirn gefallen.

»Mama,« sagte er und streichelte mit seinem Händchen über ihre Hand, die auf seinem Bette ruhte. »Weine nicht, Mama, mir thut nichts mehr weh, gewiß nicht. Weine nur nicht, Mama, liebe Mama!«

Erich log. Er log, um seiner geliebten Mutter, die er traurig sah, zu verheimlichen, daß er litt. Der Glückliche wußte noch nicht, daß es einen Kummer giebt, heißer, bitterer, trostloser, als selbst der eines Mutterherzens am Schmerzenslager des Kindes: Der Kummer um eine verlorene Seele, die uns theuer ist --

Brauneck war in sein Zimmer gegangen, hatte aber noch keinen seiner Gäste vorgefunden. Er athmete erleichtert auf, als er sich allein sah. Aber was nützte es ihm? In wenigen Minuten mußten sie ja doch kommen, und er mußte zu den Karten greifen. Zu den Karten, die -- er wußte es wohl -- den Fluch seines Lebens bildeten, die er wahnwitzig liebte und die er in diesem Augenblicke zu fürchten und zu hassen vermeinte.

Er seufzte tief auf, warf sich in einen Fauteuil und die Arme auf die Seitenlehnen gestützt, verbarg er den Kopf in seine Hände.

Die Worte seiner Frau hatten ihn mächtig erschüttert. Sie hatten sein im Grunde leicht bewegliches und weiches Gemüth im Tiefsten aufgewühlt. Blitzartig zog das Bild seines eigenen Selbst vor seinem geistigen Auge vorüber. Nackt und aller beschönigenden Entschuldigungsgründe bar, schaute er seine Seele im Banne jener furchtbaren Leidenschaft, deren Sklave er geworden. Ja, Gabriele hatte recht, all seinen Besitz hatte er dem Dämon Spiel in den Rachen geworfen. Drei große Vermögen hatte er sich von ihm rauben lassen: sein eigenes, das seiner Mutter, das ihm wenige Jahre nach seiner Verheiratung zugefallen war, und jenes eines Oheims, den er vor kurzem beerbt hatte. Die noch übrigen Reste betrugen kaum einige Tausend Gulden. Er hatte seinen Sohn zum Bettler gespielt. Aber nicht das allein: Er war noch weit tiefer gesunken, als Gabriele ahnte. Nicht nur das Laster -- das Verbrechen hatte seine Hände besudelt. Als fast sein ganzes Capital vergeudet war und er sich am Rande vollständigen Ruines sah, da war eine entsetzliche Versuchung an ihn herangetreten. Schleichenden Schrittes erst, in flüchtigen Umrissen, wie ein Phantom. Dann nahm sie deutlichere Formen an und lockte ihn immer lauter und dringender. Ein böser Zufall, der ihm einen Genossen zuführte, welcher unentdeckt und erfolgreich die Bahn des Verbrechens schon betreten hatte, gab den Ausschlag. Seine letzten schwindenden Skrupel waren besiegt -- und -- er erlag. --

Das war es, was er, in sein Inneres schauend, gewahrte. Er wußte, daß es keine Umkehr, keine Rettung für ihn gab.

Ein schmerzliches Stöhnen entrang sich Otto's gequälter Brust. Da schellte die Klingel an der Eingangsthür; im Vorzimmer wurden Stimmen laut, und er sprang empor. Seine Gäste trafen ein; jetzt war nicht die Zeit dazu, sich düsteren Betrachtungen hinzugeben. Wozu auch? Vielleicht würde endlich das Glück ihm hold, und -- wer weiß, vielleicht ließe sich, wenn nicht alles, so doch ein Theil des Verlorenen zurückerobern. Nicht alles Unrecht, was in der Welt geschieht, gelangt zur Enthüllung. Wie viele Schurken und Verbrecher, schlimmer als er, bleiben unentdeckt und erfreuen sich ungestört der goldenen Früchte ihrer Gaunerstreiche.

Otto trat den Ankömmlingen grüßend entgegen; bald folgten Andere, und eine Viertelstunde später saß die Gesellschaft vollzählig beim Spiele.

Drüben aber lehnte Gabriele am Bette des kleinen Erich und sandte aus gläubiger Seele ein inbrünstiges Gebet zu Gott empor, daß er ihr Kind vom Tode und ihren Gatten vom Untergange in Laster und Verkommenheit, dem schlimmeren Tode, erretten möge. --

Die Stunden verrannen. Tiefe Stille herrschte im Zimmer des Kranken. Otto hatte Wort gehalten; es drang kein Laut herüber von der lustigen Spielgesellschaft, den Schlummer des Knaben zu stören. Aber Erich schlief nicht. Wohl hatte der Husten nachgelassen, aber der Athem drang in kurzen, hastigen Stößen aus der Lunge, und das Fieber steigerte sich stetig. Einigemale hatte der Kleine nach dem Vater gefragt und Gabriele ihm geantwortet, daß er zu Hause sei, in seinem Zimmer, ob sie ihn herbeirufen solle? Erich schüttelte den Kopf. Er glaubte, daß der Vater schlafe und wollte ihn nicht seinetwegen wecken lassen. Mama weilte bei ihm, er war ja nicht allein.

Und immer weiter rückten die Zeiger der Wanduhr vor, und Stunde um Stunde floß in den Schoß der Unendlichkeit. Mit unermüdlicher Pünktlichkeit reichte Gabriele dem Kinde die Arznei, träufelte einen kühlenden Trank zwischen die heißen Lippen, lockerte seine Kissen. Von Zeit zu Zeit durchmaß sie mit leichten, unhörbaren Schritten das Gemach. Eine qualvolle Unruhe hatte sie erfaßt. Sie wußte und sie fühlte es, daß die Stunde nahte der Entscheidung über Tod und Leben.

Mitternacht war vorüber. Mit stockendem Herzschlage stand Gabriele über Erich gebeugt und lauschte. Ihr hatte plötzlich geschienen, als ob die stoßweisen Athemzüge des Kranken von einem leisen, röchelnden Geräusch begleitet würden, und eine furchtbare Angst hatte sie an der Kehle gepackt.

Da machte Erich eine Bewegung und setzte sich im Bette auf. »Mama,« sagte er mit ungewöhnlich lauter und deutlicher Stimme. »Mama, jetzt hatte ich einen wunderschönen Traum. Den möchte ich Dir erzählen. Aber Papa soll ihn auch hören. Bitte, liebe Mama, ruf' ihn ein wenig zu mir.«

»Gleich, mein Kind, ich hole ihn gleich,« erwiderte Gabriele. »Aber wie fühlst Du Dich? besser?«

»Wie ich mich fühle?« wiederholte der Knabe. »Besser, viel besser. Nur so sonderbar ist mir zu Muthe, und hier innen -- Erich deutete mit der Hand auf seine Brust -- hier innen ist mir auf einmal so heiß. Aber das thut nichts, Mama,« fuhr er fort. »Ich fühle gar keine Schmerzen mehr. Bitte, gehe Papa zu holen, damit ich ihm auch meinen schönen Traum erzählen kann.«

Gabriele nickte und verließ das Zimmer. Als sie, die Reihe der Gemächer durchschreitend, sich dem Zimmer ihres Gatten näherte, scholl ihr daraus lautes Stimmengewirre entgegen. Ein heftiger Wortwechsel schien dort stattzufinden. Einen Augenblick zögerte sie einzutreten. Doch nach kurzer Ueberlegung ging sie weiter und wurde, als sie die schwere Portière zurückschlug, welche jenes Gemach vom Salon trennte, Zeugin eines Auftrittes, der, sie mit tödtlichem Entsetzen erfüllend, ihre Schritte hemmte. Sie sah Folgendes:

Mehrere der Herren waren von ihren Sitzen aufgesprungen und sprachen wild und verworren durcheinander. Einer derselben hielt mehrere Karten in der Hand, die er den anderen Spielern triumphirend vorwies.

»Da seht!« rief er. »Da habt Ihr den Beweis. Die Karten sind markirt!«

Und in der nächsten Secunde schleuderte er die Karten ihrem Gatten ins Angesicht. »Elender Schurke!«

Otto fuhr vom Stuhle auf. Aschfahle Blässe bedeckte seine Wangen. Seine Lippen zuckten.

Dumpfes Schweigen lagerte plötzlich über der Gesellschaft.

»Die Pflichten der Höflichkeit als Hausherr verbieten mir, gegen Sie so vorzugehen, wie ich an jedem anderen Orte vorgehen würde,« stammelte Brauneck nach einigen Augenblicken. »Nichtsdestoweniger werden Sie« -- gegen den Ankläger gewendet -- »mir für Ihre mir zugefügte Beschimpfung Genugthuung zu geben haben. Ich werde Ihnen morgen meine Zeugen schicken.«

Ein Hohngelächter beantwortete Brauneck's Worte.

»Mit einem Falschspieler schlägt man sich nicht!«

Und alle Anwesenden erhoben sich von ihren Plätzen.

Gabriele stand noch immer an der Thürschwelle. Ein dunkler Schatten legte sich ihr über die Augen. Aber sie schrie nicht auf; sie brach nicht zusammen. Unbemerkt wandte sie sich zurück und ehe die Gäste sich zum Weggehen gerüstet, erreichte sie das Zimmer ihres Kindes.

Dort sank sie lautlos an Erich's Bettchen nieder.

Der Knabe hatte sich wieder in die Kissen zurückgelegt. Er schien zu schlummern. Die Fieberröthe war von seinen Wangen gewichen. Nur die Athemzüge klangen noch immer so kurz und röchelnd.

Jetzt regte er sich und schaute mit weitgeöffneten Augen im Zimmer umher.

»Mama,« sagte er, und ein heiteres Lächeln flog über sein Gesichtchen. »Mein wunderschöner Traum -- wir waren in einem wunderprächtigen Garten, eine herrliche Musik tönte von fernher und eine Schaar hübscher Kinder tanzte mit mir nach ihren Klängen. Du und Papa --«

Erich vollendete den Satz nicht. Ein tiefer, rasselnder Athemzug hob seine Brust. Dann ging ein plötzliches Zucken durch seine Glieder. Seine Lippen bebten und bedeckten sich mit blutigem Schaum.

Er war verschieden. Eine Lungenblutung hatte sein junges Leben dahingerafft.

Gabriele wischte den Schaum von seinem Munde und bedeckte seine Stirn und Hände mit Küssen. Ein convulsivisches Schluchzen durchschütterte sie. Aber unter den brennenden Thränen, welche unaufhaltsam ihr Gesicht überströmten, flüsterte sie:

»Du bist erlöst, mein Kind! Erlöst von der Schmach Deines entehrten Namens, von dem furchtbaren Geschicke, der Sohn eines Vaters zu sein, den Du geliebt und den Du verachten müßtest. Erlöst -- erlöst!«

Justus.

Seit meinem Austritte aus dem Institute hatte ich Justus nicht mehr gesehen. Und als ein guter Freund und ehemaliger Schulcollege mir schrieb, daß Justus seine Tante beerbt habe und sich in dem von ihr hinterlassenen Landhause ganz nahe von dem Städtchen, in welchem ich damals wohnte, niederlassen werde, mußte ich mich erst besinnen. Justus? -- Wer ist doch Justus? Wo bin ich ihm je begegnet? Allmählich tauchte das Bild des einstigen Lehrers in meiner Erinnerung auf.

Da stand es wieder vor mir, das hagere Männchen mit dem großen Höcker auf der linken Schulter. Da stand es an der großen schwarzen Tafel und zeichnete mit Kreide Figuren und Zahlen, indem es mit unermüdlicher Geduld selbst die begriffsstützigsten seiner Schüler in die Geheimnisse der Geometrie und Algebra einzuführen bemüht war. Auf der winzigen, mißgestalteten Figur saß tief in den Schultern ein mächtiger, prachtvoll profilirter Kopf mit schwarzem Kraushaar und tiefen, seelenvollen Augen. Ja, Justus hatte der sanfte Lehrer geheißen, der uns, weil allzu gütig, nicht zu imponiren vermochte, und uns niemals die wohlverdiente Strafe, sondern höchstens eine freundliche milde Mahnung zutheil werden ließ.

Alles dies hatte uns an ihm lächerlich geschienen. Seine verwachsene Gestalt, die wir vierzehnjährigen Jungen um einen halben Kopf überragten, seine langsame, zögernde, beinahe stotternde Sprechweise, seine unerschütterliche Sanftmuth, ja selbst sein Name: Justus, Justus -- der Gerechte, welch komischer Name! Wie konnte man Justus heißen!

Und doch hatte dieser Name für ihn gepaßt, wie selten einer sich für seinen Träger eignet. Denn Gerechtigkeit war die Grundlage seines Wesens, der vorherrschendste Zug seines Charakters. Und jede, auch die geringste Ungerechtigkeit, deren Zeuge er war, konnte ihn aufs tiefste empören. Noch weiß ich es, wie entrüstet er war, als er sah, wie mehrere kräftige Knaben über einen weit schwächeren Kameraden herfielen, von dem sie sich beleidigt glaubten. Nie vorher hatte ich ihn so gesehen. Sein Auge flammte, die Muskeln seines Gesichtes zuckten vor Erbitterung, seine Fäuste ballten sich und -- was nur in den Augenblicken mächtigster Erregung geschah -- er stotterte nicht, als er mit laut dröhnender Stimme über die ungeberdigen Jungen hindonnerte, in glühenden Zornesworten die Feigheit und Ungerechtigkeit, sich an dem Schwächeren zu vergreifen, ihnen entgegenschleudernd. Ja, selbst eine empfindliche Strafe dictirte er ihnen.

Und nun sollte ich den einstigen Lehrer nach zwölf Jahren wiedersehen.

Er hatte sich wenig verändert. Auch älter schien er nicht geworden in dieser doch stattlichen Reihe von Jahren. Man hatte es ihm nie angesehen, wie alt er eigentlich war. Uns, seinen Schülern, hatte er alt geschienen, doch hatte man uns gesagt, daß er ein junger Mann sei, noch nicht dreißigjährig. Und jetzt, als ich ihn in seiner neuen Behausung aufsuchte, sah er gerade so aus wie damals, als ich ihm bei meinem Austritte aus der Schule Lebewohl gesagt. Nur hatte sein dunkles, schwärmerisch blickendes Auge den Ausdruck milder Traurigkeit und Wehmuth angenommen. Die Ursache dieser Trauer zu errathen, ward mir bald Gelegenheit geboten.

Einige Jahre vorher hatte ein Freund seines Vaters in unglücklichen Speculationen sein ganzes, nicht unbeträchtliches Vermögen verloren und in der Verzweiflung über sein Mißgeschick sich das Leben genommen. Er hatte nichts hinterlassen als sein vierzehnjähriges Kind, die kleine Dora, blond und blauäugig und lieblich wie ein thaufrischer Frühlingsmorgen.

Justus' Vater nahm die Waise ins Haus und nach seinem Tode übernahm Justus selbst die Fürsorge für das junge Mädchen, für sie und für seinen Bruder Alvyn, der -- um zwanzig Jahre jünger als er -- zur Zeit, als der Vater starb, seine Universitätsstudien noch nicht vollendet hatte.