Was der schwarze Hans erlebte: Kindererzählung aus der Heimat
Part 2
“Ja Kinder, dann kam für mich eine traurige Zeit, meine Gefängnisjahre könnte ich sie nennen. Ich wurde in einen großen Käfig gesperrt und mußte dort den ganzen Tag auf einem Stabe hocken. Der Stab war rund und glatt, so daß ich jeden Augenblick achtgeben mußte, um nicht herunterzurutschen. Auch Nachts mußte ich da sitzen, immer an derselben Stelle. Von allen Seiten kam die Kälte leise hereingeflogen; nur gegen den Regen war ich geschützt durch ein graues Tuch, welches Abends über den Käfig ausgebreitet wurde. Und manchmal in finsterer Nacht schlichen böse Tiere, die Katzen, mit grünschimmernden, raubgierigen Augen leise um den Käfig herum und reichten ihre bekrallten Tatzen durch das Gitter herein, um mich zu packen und mir den Garaus zu machen. Aber der schwarze Hans blieb wohlweislich in der Mitte des Käfigs sitzen, und ihre Mühe war umsonst“.
„Hast du denn nichts zu essen bekommen im Käfig?“ fragte schon wieder der vorwitzige Rassi.
Vater Hans lächelte. „Dann hätte ich ja bald verhungern müssen. Essen bekam ich wohl, mehr sogar als ich brauchte. Aber es war arme Kost, beinahe immer dasselbe. Dicke Milch und Kartoffeln, ohne Abwechslung, Morgens und Mittags und Abends dazu. Mein Räuber hatte einen eignen Löffel geschnitzt, um mich zu füttern. Ein langes, schmales Holz war es, das er inwendig etwas ausgehöhlt hatte. „Hänschen gaak,“ sagte er dann, und jedesmal mußte ich den Schnabel weit aufsperren, worauf er mir die Speise in den Mund drückte. Wenn ich aber einmal keinen Hunger hatte und den Schnabel nicht öffnen wollte, dann preßte er mir denselben auf und zwängte mir die Speise hinein. Trotz meines Widerwillens dagegen mußte ich sie dann doch schlucken, um nicht zu erwürgen. Ach, welche Zeit!
Als ich dann größer wurde, ging es freilich besser; da brachte der Knecht mir das Essen in einer Holzschüssel, stellte es in die Ecke des Käfigs und sagte: „Hans gaak!“ worauf er sich wieder entfernte. Seit der Zeit habe ich meinen häßlichen Namen Hans. Zu Hause nämlich hatten meine Eltern mir einen viel schöneren Namen gegeben. Raspio hatte meine gute Mutter mich immer genannt. Aber die Menschenbuben sind böse; Schimpfnamen gefallen ihnen besser, und so ist mir der Name Hans geblieben bis auf den heutigen Tag.
Auch andere törichte Reden führte der dumme Bursche, wenn er mir das Essen brachte. „Vogel friß oder stirb“, sagte er gewöhnlich, wenn er wegging. Dann lachte er selbst über diesen dummen Witz und er schien noch zu staunen über solch’ vermeintliche Weisheit. Ich aber sah ihm verächtlich nach und dachte: „Wenn Dummheit weh täte, was hätten manche Menschen Schmerzen!“ So hatte mein Vater immer gesagt.“
„Recht hast du gehabt, Vater Hans,“ nickte Rassi, „der dumme Kerl! Doch Väterchen, Milch und Kartoffeln, war das schmackhaft?“
„Schmackhaft schon“, bejahte Hans, „aber bei weitem nicht so lecker wie die Engerlinge und Fischlein, welche die Eltern brachten. Und auch der besten Gerichte wird man schließlich überdrüssig, wenn sie zu oft aufgetragen werden.“
Schon wieder platzte Rassi heraus: „Dann hätte ich es einfach stehen lassen und hätte nichts gegessen, Väterchen Hans!“
„Ja Rassi, du hast gut sprechen! Wenn der Hunger nicht wäre! Da muß man essen, auch wenn die Speise weniger zusagt!“
„Aber warum bist du denn nicht fortgeflogen, als du größer warst? Deine Flügel sind doch stark geworden. Warum bist du nicht heimgeeilt zu deinen Eltern?“
„Daran hatte ich schon gedacht, kleiner Naseweis. Aber die Türe des Käfigs war immer sorgsam verschlossen, und das Gitter war fest. Manchmal habe ich versucht es zu öffnen, habe mich manchmal an den Eisenstäben müde geschnabelt, aber der Käfig war zu fest, zu fest; alle Mühe war umsonst. Wenn ich dann hinaufsah zum blauen Himmelszelt, an dem die Wolken, vom sanften Winde getragen, langsam und still dahinschwebten, wenn ich unter ihnen die andern Rabenbuben lustig dahinfliegen sah mit frohem Gesang, ja Kinder, dann wurde mir oft das Herz dick. Manchmal weinte ich still und dachte: „Ach, wenn doch die Menschen wüßten, welches Leid sie einem freien Vöglein antun, wenn sie es einsperren, sie könnten doch nicht so grausam sein und müßten es wieder in die Freiheit ziehen lassen.
Dann dachte ich auch an die armen Eltern und die Brüderlein droben, die ich schon so lange nicht mehr gesehen.“
Traurig klang wieder Hansens Stimme, denn jedesmal, wo er von seinen lieben Eltern redete, war sein Herz bewegt.
„Ach Väterchen Hans“, trösteten gleich einige der Büblein, „denk nicht mehr an jene traurigen Tage. Heute hast du ja die goldene Freiheit. Erzähle weiter.“
„Meine Gefangenschaft im Drahtkerker dauerte, wenn ich mich gut erinnere, ungefähr sieben Jahre.“
Ein wehmütiges „Ah“ entschlüpfte den Räblein.
„Einige Freudentage gab es allerdings in jedem Jahr. Im Frühling und Herbst war es, wenn der tiefe Mühlteich gereinigt wurde. Dann gab es Freude für die Menschen in der Mühle, aber auch für den armen Raspio in seinem eintönigen Gefängnis. Da gab es allemal Fische in Hülle und Fülle. Ha, wie ich da von der Küche her die Pfannen krachen hörte! Es war eine helle Freude. Die kleinen Fischlein, welche im Schlamme zurückgeblieben waren, wurden für mich gesammelt; manchmal fand sich auch ein Fröschlein dabei, und an diesen Leckerbissen konnte ich mich dann ergötzen nach Herzenslust.“
Leise hörte man wieder die Zünglein der aufmerksamen Zuhörer schnalzen, und der alte Hans selbst mußte schlucken, da er an diese Sonnentage seiner Jugend zurückdachte.
„Aber ach“, sprach er, „diese Tage kamen nur zweimal im Jahr, und sie waren so bald wieder vergessen. Dann zog wieder das ewige Einerlei in meinen Speisezettel: Dicke Milch und Kartoffeln und wieder dicke Milch und Kartoffeln. Und dann die Langeweile! Stetig an derselben Stelle sitzen, Tag um Tag und Woche um Woche. Etwas Zerstreuung brachten nur die Tage, an denen für die umliegenden Ortschaften gemahlen wurde. Alle die in der Mühle aus und ein gingen, mußten an meinem Käfig vorbei, und so hatte ich Gelegenheit, sie genau zu beobachten. Ich habe es auch redlich getan; habe mir alle genau angesehen und manchmal meine bare Freude an ihrer Torheit gehabt. Kinder! wenn Dummheit weh täte ...! Junge Burschen sah ich oftmals kommen, stolzen Schrittes mit ihrer Last, und sie prahlten gern mit ihrer Kraft. Jeder von ihnen wollte der Stärkste und Tüchtigste sein. Besondere Freude machte es mir, sie zu beobachten, wenn sie zu mehreren zusammen waren. Ei, wie sie da in die Hände spuckten und die Mehlsäcke auf die Schulter warfen! Stolz blickten sie noch einmal rasch um sich, ob man auch ihre Stärke bewundere, sagten einen kräftigen „Guten Abend“ und traten den Heimweg an. Aber wenn sie an meinem Käfig vorübergingen, hörte ich sie schon leise und verhalten keuchen, und ich mußte über die Prahlhanse lachen, wenn sie drüben, schon gleich beim Bergaufstieg, Rast machen mußten.
Aber was in der Mühle geschimpft wurde! Von den Namen, die mir gegeben wurden, will ich nicht einmal reden. Da gab es den ganzen Tag nichts anders als Hans hier und Hans da, gaak hier und gaak da. Freilich gefielen mir diese Schimpfnamen nicht, doch was sollte ich tun? Ich mußte mir dieselben ohne Klage gefallen lassen; ein Zornesausbruch meinerseits hätte den Burschen doch nur Freude bereitet und hätte sie noch schlimmer gegen mich gemacht. So blieb ich denn still auf meiner Stange sitzen, träumte vor mich hin und stellte mich schlafend. Dann zogen sie bald ab und ließen mich in Ruhe.“
„Ganz recht hast du getan, Väterchen,“ nickte Rassi, „so hätt’ ich es auch gemacht.“
„Übrigens“, fuhr Hans fort, „konnte ich mich trösten, denn es gab jemanden in der Mühle, der noch viel mehr gescholten wurde, wie der arme Raspio. Es war der Müller selbst. Kaum einer seiner Kunden verließ die Mühle, ohne sich bitter über ihn zu beklagen. Zwar verstand ich nicht alles, was sie brummten und schalten, aber es schien mir alles auf dasselbe hinauszuklingen: „Das sei nicht mehr gemoltert, das sei einfachhin gestohlen; bald könne man in einer Tasche forttragen, was man von diesem Wuchermüller noch mit nach Haus bekomme. Der klagte wieder, er habe zu wenig Kleie bekommen und jener, sein Mehl sei zu schwarz und entspreche nicht dem guten Getreide, welches er in die Mühle eingeliefert habe; kurz, der ewigen Klagen gab es gar kein Ende.“
Der kleine Rassi trippelte ungeduldig auf seinem Ästchen. Eines machte ihn besonders neugierig, wie Väterchen Hans die Freiheit wiedererlangt. Alles, was in der Erzählung nicht darauf hinwies, interessierte ihn weniger, und so drängte er denn schon wieder weiter: „Väterchen Hans, und dann? Kamst du denn noch nicht bald in die goldene Freiheit?“
„Ach, Rassi, noch lange, lange nicht. Da kamen noch mancherlei Tage dazwischen, gute, aber auch schlimme. Einer der allerschlimmsten meines Lebens aber war der, wo ich in die Schule ging.“
Wiederum erklang ein schallendes Rabengelächter über die Bäume.
„So, Väterchen, auch in der Schule bist du gewesen? Ei, das muß lustig sein! Erzähl’, erzähl’!“
V.
„Nein Kinder, lustig ist es für den armen Raspio keineswegs gewesen. Eines Tages erschien mein Kerkermeister, der Müllerknecht, am Käfig und rief mir freundlich zu: „So, dann komm Hänschen, komm!“
Ich sah ihn erstaunt an, denn er sah ganz anders aus als sonst. Er trug nicht den weißen Anzug mit der gleichfarbigen Mütze, sondern schwarze Kleider, die beinahe so hübsch waren, wie Rabenkleider. Statt der mehlbestaubten Mütze zierte ihn an jenem Tag ein weißer Strohhut mit buntfarbenem Band. Es war nämlich einer jener Tage, wo die Glocken allenthalben so feierlich klangen, von Diekirch herüber über den Goldknapp und aus der Höhe von Burscheid hernieder. Frühmorgens, da der Wind von Norden kam, hatte ich sogar den hellen Klang des Willibrordusglöckleins der Kapelle von Lipperscheid vernommen.
An solchen Tagen kamen nie Leute zur Mühle; die Müllersleute aber gingen dann regelmäßig in Festtagskleidern schon am Morgen fort und kehrten erst gegen Mittag heim.
„Hänschen komm,“ sprach der Knecht noch einmal, „jetzt geht es in die Schule.“ Dann lachte er auf, „denn“, sagte er, „was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“
Was Schule sei, wußte ich nicht und verstand deshalb auch nichts von dem, was er vorhatte. Ich wäre deshalb am liebsten ruhig in meinem Käfig geblieben. So zog ich mich denn seitwärts und rückte auf der Stange bis in die äußerste Ecke des Käfigs.
Mein Räuber aber war damit keineswegs zufrieden. Er versuchte mich nun durch List aus dem Käfig hervorzulocken. Indem er mit seinem langen Holzlöffelchen in den Überresten meines Mittagsmahles herumrührte, rief er schmeichelnd: „Hänschen komm,“ ein um das andere Mal. Auch das half nichts. „Rühr’ nur“, dachte ich, schüttelte still den Kopf und blieb in meiner Ecke sitzen. Ich hoffte, er würde mich dann in Ruhe lassen.
Aber bald merkte ich, daß er anfing ungeduldig und zornig zu werden. Um ihn nicht noch mehr zu reizen, entschloß ich mich denn schweren Herzens, aus meiner sicheren Ecke herauszukommen; aber schon hatte er ein Reis ergriffen, mit dem er mir einige harte Schläge über die Stirne versetzte.
„Die Schule geht gut an“, dachte ich und hüpfte, vom Schmerz getrieben, bis in die Mitte des Käfigs. Mit fester Hand ergriff mich daselbst der Räuber und zog mich aus dem Käfig hervor.
Meine Flügel waren groß geworden, und im Stillen meines Herzens stiegen süße Hoffnungen und Pläne auf. „Vielleicht“, dachte ich, „vielleicht kommt jetzt in einem unbewachten Augenblick die Gelegenheit, rasch zu entschlüpfen, auf ewig dir und deiner Schule Lebewohl zu sagen und drüben über den Bergen die goldene Freiheit wiederzufinden.“
Rassi reckte abermal das Köpfchen.
„Indes sollte diesmal meine schöne Hoffnung noch nicht ihre Erfüllung finden.
Unter der schattigen Linde am Ende des Hofes machte der Knecht Halt. Um einen grüngestrichenen Gartentisch herum standen einige aus Haselstauden roh geflochtene Stühle und Bänke. Dort setzte er sich nieder. Ich hatte nun gemeint, er werde mich vor sich auf den Tisch stellen und dann ...! Schon hatte ich nach Kippenhof hinauf geschickt, mein Plan war fertig.
Doch, hatte der Knecht meine verstohlenen Blicke gesehen oder traute er mir ohnedies nicht, er nahm einen starken Bindfaden und strickte mich damit fest an den Tisch. „Man weiß halt nicht“, sprach er leise, „was in solch einem Rabenhirn vorgehen kann!“
Mitleidsvoll blickte Rassi den alten Hans an. „War der Faden stark, Väterchen,“ fragte er, „und hättest du ihn nicht durchreißen können, wenn du einmal rasch und fest gezogen hättest?“
„Es war unmöglich Rassi ... Über den Krallen war der Strick befestigt, und dick war er, so dick, daß wir zu zehn ihn nicht hätten zerreißen können.
Dann begann die sogenannte Schule. „Hannes“, sprach der Knecht, „nun hübsch aufgepaßt!“ Dann fing er an: „Ta-ta, Ta-ta! Allons Hans, ta-ta, ta-ta“ und immer wiederholte er dasselbe. „Ist der Bursche närrisch geworden“, dachte ich, „oder was will er mit seinem blöden Ta-ta? – Will er mir am Ende wieder einen neuen Namen geben? War schon der Schimpfname Hans nicht mehr gut genug? Der hatte mir schon wenig gefallen, jetzt auch noch Ta-ta zu heißen! „Nein, nein,“ dachte ich, „spar dir deine Mühe, Knechtlein, daraus wird nichts“.
So schaute ich denn einfach vor mich hin und ließ alles geduldig über mich ergehen. Aber mein Lehrer gab sich damit nicht zufrieden. Immer wiederholte er jenes garstige Wort „Ta–ta“. Dann und wann stieß er mich dazu auf den Schnabel und sagte: „Allez Hans!“ Zuletzt, da ich der ganzen Sache überdrüssig wurde, rief ich einmal kräftig „Raspio“, um ihm zu bedeuten, daß ich bei dem von meiner Mutter erhaltenen Namen zu verbleiben gedenke und nicht gesonnen sei, andere Namen, wie Hans oder Tata, anzunehmen.
Meine Antwort schien dem Peiniger Freude zu bereiten. „Brav, Hans“, sagte er, „brav! aber Ta-ta, ta-ta“, und dann ging dieselbe Leier weiter, fünfzig, sechzig Mal. Dabei sah ich den Burschen immer ungeduldiger und zorniger werden. Immer lauter sprach er sein Tata. Die Zornesader auf seiner Stirne begann zu schwellen, und immer unsanfter schlug er mich auf den Schnabel. Schüchtern sprach ich noch einmal „Raspio“, dann schwieg ich vollständig, denn ich sagte mir, einen zornigen Menschen soll man nicht noch mehr reizen.“
„Das war auch das Allerbeste“, warf Rassi rasch dazwischen.
„Doch auch mein Schweigen brachte den Knecht nicht wieder zur Ruhe. Grobe, sehr grobe Worte und Schimpfnamen wechselten schon mit seinem Tata; dann redete er von Halsumdrehen und Ersäufen im Mühlenteich. Wie gerne hätte ich wieder still in meinem Käfig gesessen! Als ich aber dieserhalb einen flehentlichen Blick auf den Burschen richtete, fühlte ich plötzlich einen derben Faustschlag auf meiner Stirne. Halb bewußtlos sank ich zusammen. Was weiter geschah, kann ich mich nicht recht entsinnen. Ich fühlte noch, wie eine feste Hand mir die Brust umkrampfte, hörte noch abgerissene Worte, wie Schloß Burscheid und verlaufen; verschwommen sah ich noch meinen Käfig wieder und fühlte dann, wie ich hart auf dem Boden desselben aufschlug. Erschöpft blieb ich auf demselben liegen.“
„Der grausame Narr“, knurrten die Räblein und knirschten zornig mit den Schnäbeln.
„Wie lange ich bewußtlos da lag, kann ich nicht sagen. Als ich zu mir kam, war es stockfinstere Nacht. Zitternd vor Kälte kauerte ich mich in die Ecke des Käfigs, wo ich bald wieder in tiefen Schlaf versank. Bei meinem Erwachen glitt schon vom Kippenhof her die Sonne über die vom blühenden Ginster vergoldeten Abhänge, und silbern glitzerten ihre Strahlen in den plätschernden Wellen der Sauer.
Vom Schlage am vorhergehenden Tage verspürte ich nur mehr sehr wenig; doch ich war ganz durstig geworden. Glücklicherweise war das Wasser meiner Schüssel nicht ganz ausgetrocknet, und so konnte ich mich am kühlen Trunk erquicken. Bald fühlte ich mich wieder ganz wohl. Essen wurde mir an jenem Tage keines gebracht bis am Nachmittag.
In derselben Einförmigkeit vergingen von da an wieder meine Tage.“
Abermals rückte der alte Hans an seiner Brille und stierte scharf auf dem Aste umher; denn schon war es etwas dunkel über dem Walde geworden. Vater Hans suchte nach seinen übriggelassenen Leckerbissen. Endlich hatte er noch einen dicken Engerling gefunden. Während er denselben langsam verzehrte, flatterten die Räblein einige Male leise mit den Flügeln und lächelten einander freudig zu, weil Väterchen Hans heute so lange erzählte. Dann setzten sie sich wieder still, denn schon war Hans zur Fortsetzung seiner Erzählung bereit.
„Eines Tages, als eben die Müllersleute in Festtagskleidern verreist waren, erschien am Nachmittag der Knecht wiederum an meinem Käfig. Angstvoll dachte ich wieder an die Schule. Aber davon ging diesmal keine Rede. Er hatte einen Korb mitgebracht, und ohne ein Wort zu sagen, nahm er mich aus dem Käfig hervor. Dann setzte er mich in den Korb hinein und verschloß sorgsam den Deckel desselben. Daran fühlte ich, wie er den Korb aufhob und mit mir davonging. „Was soll er vorhaben? Wohin wird er mich tragen?“ das waren die bangen Fragen, die mich beschäftigten.
Im Korbe war es ganz dunkel. Ich konnte nichts sehen. Ich hörte nur, daß der Knecht auf einem harten Wege Schritt für Schritt weiterging. Dann und wann pfiff er ein lustiges Liedlein, in das sich von fernher der muntere Gesang freiheitsfroher Vöglein mischte.“
„Wohin hat er dich denn getragen? Erzähle etwas rascher, Väterchen,“ drängte Rassi.
„Nach Verlauf von etwa einer Stunde wurde der Korb plötzlich niedergesetzt. Draußen hörte ich das Rauschen und Plätschern eines großen Wassers, wie mir schien. In raschen Schlägen hämmerte mein Herz. Sollte der Knecht mich weggetragen haben, um mich im Wasser zu ertränken, wie er damals unter der Linde gedroht hatte? „Dann Raspio“, sagte ich mir, „ist nun dein letztes Stündlein gekommen, ein Entweichen hier ist nicht möglich.“ – Doch dachte ich wieder, „das kann doch kaum seine Absicht sein; wollte er mich töten, so hätte er mich nicht so weit fortzutragen brauchen; da hätte es genügt, mich in den Mühlteich oder in den Fluß daneben zu werfen, und kein Hahn hätte mehr nach mir gekräht, wie die Menschen zu sagen pflegen.
Während ich solchen Gedanken nachging, wurde der Korb wieder aufgehoben, und wir gingen weiter. Wir mußten über ein Gewässer, entweder über eine Brücke oder einen Steg geschritten sein und nun an der andern Seite bergan steigen, denn ich fühlte, wie der Knecht nun bedeutend langsamer und schwereren Schrittes ging.
Von oben herunter hörte ich das rauhe Bellen eines großen Hundes.“
Wiederum stierte Väterchen Hans suchend auf dem Aste hin und her.
Über den Waldbäumen war eben die rote Scheibe des Vollmondes aufgestiegen, und mattes Licht legte sich über die Gegend. „So, Kinder“, unterbrach jetzt plötzlich Vater Hans, „nun wollen wir für heute Schluß machen. Die Nacht ist gekommen, da heißt es für die kleinen Kinder zu Bette gehen; auch der alte Raspio muß nun sein Lager aufsuchen. Ein andermal will ich euch weitererzählen.“
Ein langgezogenes „Ah“ ertönte aus dem Kreise der kleinen Zuhörer. „Nein, Väterchen Hans, noch nicht aufhören!“, bettelten sie alle zusammen. „Jetzt wird es erst recht schön im Walde. Wir sind noch gar nicht müde; übrigens kann bei diesem warmen Wetter ja doch niemand schlafen; und du Väterchen kannst morgen früh ruhen; wir werden dir wieder viel Essen bringen, dann brauchst du den ganzen Tag nicht auszufliegen und kannst rasten nach Herzenslust. Bitte, Vater Raspio, erzähl noch ein wenig weiter!“
Darauf hatte der kluge Hans nur gewartet. So gab er sich denn gleich zufrieden und setzte fröhlich seine Erzählung fort.
„Während wir weitergingen, erscholl das Hundegebell immer näher. Zuletzt waren wir so nahe gekommen, daß es aus einem Hause dicht neben uns zu kommen schien. Erschrocken fuhr ich zusammen. Eine rauhe, barsche Stimme rief ein donnerndes Halt. Der Knecht blieb stehen, und die Stimme fragte: „Wohin?“
Schüchtern entbot der Knecht seinen „Guten Abend“, worauf sich folgendes Zwiegespräch entwickelte:
„Ich habe hier im Korbe eine schönen jungen Raben. Voriges Jahr erst habe ich ihn gefangen und abgerichtet. Auch habe ich ihn einige Worte reden gelehrt.“
„Ei du schwarzer Lügner“, dachte ich. „Voriges Jahr! Sieben sind es ihrer schon, wo ich in deinem öden Kerker hocken mußte. Abgerichtet habe ich ihn! Jawohl, mit Fausthieben abgerichtet, du Wüterich. Einige Worte hast du mich sprechen gelehrt! Aha, jetzt geht mir ein Licht auf; dein blödes Ta-ta sollte wohl die Lektion sein, die du mich gelehrt hättest.“
Doch noch immer redete der Lügner weiter: „Da ich nun gehört, der Burgherr wolle einen abgerichteten Raben für sein Büblein, das kleine Schloßherrlein kaufen, habe ich meinen Hans hieher gebracht und möchte ihn dem Burgherrn zum Kaufe anbieten.“
„Das kann ich schon selbst besorgen,“ antwortete die fremde Stimme. „Zeig’ her!“ Damit wurde der Korb geöffnet und ich herausgenommen.
Ein großer, bärtiger Mann nahm mich in die Hand. „Schön ist er schon,“ sprach er, indem er mich scharf besah, „und mit seinem Sprechen wird es nicht so weit her sein“, fügte er spöttelnd hinzu. Nach einigem Feilschen einigten sich die beiden; der Knecht erhielt einige Kupfermünzen und wandte sich nach kurzem Gruß talabwärts, während der schwarze Mann mich unter einem hohen, überwölbten Tor hindurch in mein neues Heim, das Schloß Burscheid hineintrug.
VI.
Inwendig führte der Weg leicht bergan und mündete zunächst auf einen größern freien Platz. Rundum sah ich nichts als breite graue Mauern und hohe runde Türme mit ganz schmalen engen Fenstern. Darüber ausgebreitet ein wolkenloser, blauer Junihimmel. Später sollte ich Zeit und Muße genug finden, mir alles genau anzusehen.
Über den Hof hinweg schritt der Mann mit mir zur nördlichen Ringmauer. Dort bot die Burg am schwersten Zugang. Steil, fast jäh fielen da die gewaltigen Felsen, auf denen das Schloß aufgebaut stand, bis tief unten in die rasch dahinfließende Sauer. An dieser Mauer, dem Innern der Burg zugekehrt, lagen die herrlich gepflegten Gärten. Breite Blumenbeete mit allerlei Ziersträuchern wechselten miteinander in wundervollem, reichem Farbengemisch. Unter einem vorspringenden Dache gegen den Regen geschützt, stand daselbst ein großer Vogelkäfig. Durch Quergitter war er in eine ganze Reihe von kleinern Käfigen eingeteilt. Dort öffnete der Mann eine Türe und schob mich hinein. Mein neuer Kerker war viel geräumiger als der in der Mühle drunten. Seine Drahtseiten waren hübsch weiß angestrichen; ein richtiger Eichenast bot bequeme Sitzgelegenheit; mit einem Wort, mein neues Heim war sehr wohnlich eingerichtet, es war ein herrschaftliches Gebäude.“
„Doch Kerker ist Kerker“, sagte Rassi, „und hätte er auch goldene Mauern. Besser arm in der Freiheit, als in einem Schlosse gefangen.“
„Allerdings“, entgegnete Hans, „aber da ich gefangen sein mußte, freute ich mich doch, daß mein neuer Kerker schöner war, als der frühere. Doch wie erschrak ich, als ich aus den Nachbarkäfigen eine ganze Reihe Augen auf mich gerichtet sah.
Dicht neben mir hockte ein großer, brauner Kerl mit gekrümmtem, starkem Schnabel. Unruhig trippelte er hin und her, spreizte seine Nackenfedern und warf mir wütende Blicke zu. Es war ein Falke, der zur Jagd abgerichtet war, und der manchem armen Turteltäubchen das Lebenslichtlein ausblies.
Zwischen den Falken und unserer Familie besteht, wie ihr wißt, ewiger Streit, und deshalb hätte er wohl auch mir am liebsten gleich ein jähes Ende bereitet. Glücklicherweise trennte uns ein festes Eisengitter. Nachdem er mich einige Minuten mit frechen, herausfordernden Blicken gemustert, zog er sich in die Ecke seines Käfigs zurück und blickte nach einer andern Seite.