Was der schwarze Hans erlebte: Kindererzählung aus der Heimat

Part 3

Chapter 33,686 wordsPublic domain

Rechts von mir hauste ein großer, weißer Uhu. Hu! was hatte der zwei kecke Augen im Katzenkopf. Am Abend leuchteten sie in fahlem Grün, als habe er Lichter im Kopf mit grünen Gläsern. Auch vor ihm fürchtete ich mich anfangs nicht wenig; doch erfuhr ich bald, daß er besser sei, als sein Äußeres schien. Er war ein recht gemütlicher Bursche, der mir mit seinen köstlichen Erzählungen manches Stündlein verkürzte und mir des öftern am Morgen einen Leckerbissen in meinen Käfig warf. Des Nachts wurde er nämlich freigelassen, und wehe dann den armen Mäuslein oder Fröschen, die sich aus dem Gemäuer oder aus den Hecken um das Schloß herum hervorwagten.

Kleinere Vögel waren in den obern Käfigen untergebracht. Alle sah ich munter und fröhlich umherhüpfen und hörte sie manchmal aus voller Brust ein lustiges Liedlein singen. „Meinen Nachbarn scheint es wirklich nicht schlecht zu gehen“, dachte ich, „hoffentlich werde auch ich dann einigermaßen hier zufrieden sein können.“

So war es in der Tat. Die Freiheit ausgenommen, fehlte mir im Schlosse eigentlich nichts.“

„War das Schloß damals noch von Edelleuten bewohnt, Väterchen“, fragte Rapsi, „oder hauste der Mann, der dich gekauft hatte, allein dort oben?“

„Geduld Kleiner, Geduld! Alles will ich euch erzählen. Eins nach dem andern!

Anderntags, gleich am Morgen, erschien ein etwa zehnjährigen blonder Knabe mit seinem Lehrer am Käfig. Freudig klatschte der Kleine in die Händchen, als er meiner ansichtig wurde. Rasch griff er in die Tasche, zog ein Stücklein süßen Kuchens hervor und rief mich ganz lieb und freundlich zu sich. Seine Stimme klang so gut und sanft, daß ich mich gar nicht vor ihm fürchtete. Er nahm mich in die Hand, streichelte mich sanft und fragte seinen Lehrer, ob er mich gleich mitnehmen dürfe? Doch der Lehrer bedeutet ihm, er müsse bis Mittag warten, da der Burgwart erst meine Federn stutzen müsse, damit ich nicht fortfliegen könne. Der Kleine gab sich damit gleich zufrieden, drückte mir den Rest des Kuchens in das Gitter und sagte dann: „Auf Wiedersehen Räblein, bis heute Mittag.“ Freundlich nickte ich ihm zu, denn am ganzen Auftreten dieses Kindes hatte ich schon gemerkt, daß ich von ihm nichts zu fürchten brauche.“

„Wie hast du gesagt, Väterchen,“ fragte Rassi neugierig, „deine Federn stutzen, was war denn das?“

„Auch ich wußte es nicht, Rassi. Angstvoll fragte ich mich, was der Hauslehrer damit meinen könnte? Sollte man mir etwa die Schwungfedern ausreißen? Sollte man mir die Flügel abschneiden, damit ich als Krüppel ewig an den Boden gefesselt wäre?

Bald sollte ich es erfahren.

Gegen 10 Uhr erschien der Burgwart, ein großer, düsterer Mann. Zunächst stellte er das Essen in alle Käfige, ausgezeichnete Speisen: Fleisch, Käse und Brot, sowie einen kleinen Blechnapf mit Wasser. Meine Nachbarn begannen gleich ihr Mahl zu verzehren. Ich folgte ihrem Beispiel und tat das Gleiche. Da ich seit dem Vortage außer dem Stücklein Kuchen nichts genossen hatte, war ich sehr hungrig, und das erste Mahl im Schlosse mundete mir ganz vortrefflich. Darnach setzte ich mich auf meine Stange, um einige Stündlein Mittagsruhe zu halten.

Indes, bald wurde ich gestört. Der Burgwart erschien wieder mit einer großen Schere. Ohne ein Wort zu reden nahm er mich aus dem Käfig heraus und zog mir den rechten Flügel auseinander. Die Schere knackte, und beinahe die Hälfte aller meiner schönen Federn lag abgeschnitten am Boden. Dann kam die Reihe an den linken Flügel. Zuletzt stutzte er auch noch die Steuerfedern meines Schwanzes. Jetzt verstand ich, was man mit „Stutzen“ meinte. Nachdem der Mann mir die Flügel wieder zusammen gelegt, knackte er noch hie und da ein Spitzchen ab und setzte mich in den Käfig zurück.

Traurig sah ich die abgeschnittenen Federspitzen vor dem Käfig umherliegen und nach und nach im Winde davonflattern. Aus dem Falkenkäfig nebenan schien mir ein heimliches Kichern zu kommen, und wie ich scheu hinüberlugte, sah ich, wie sein Insasse mich unverwandten Auges mit spöttischen Blicken betrachtete. Der Uhu aber saß still auf seinem Aste und nickte in tiefem Schlafe.“

„Hat es dich geschmerzt, Väterchen?“ fragte Rapsi mitleidig.

„Nein Kinder“, antwortete Hans, „Schmerzen empfand ich zwar keine in den abgeschnittenen Federn, aber doch zürnte ich dem bösen Burgwart, denn nun wußte ich wohl, daß ich nicht mehr fortfliegen könnte, und daß ich alle diesbezüglichen Hoffnungen wenigstens vorläufig aufgeben mußte.

Von Bürden her leuchtete die Nachmittagssonne gerade in meinen Käfig herein. An der Rückwand desselben sah ich mein Schattenbild; es war viel schlanker als tagszuvor.

VII.

Als die Trompete des Burgwächters fünf Uhr verkündet hatte, erschien der kleine Burgherr und nahm mich aus dem Käfig heraus. Jubelnd eilte er mit mir in die Laube unter der schattigen Kastanie, nahe dem Eingang des Schlosses. Dort stellte er mich auf eine aus dünnen, schön geglätteten Latten gezimmerte Bank und setzte sich neben mich. Ich versuchte nicht einmal fortzufliegen, denn es war mir klar, daß bei meinen abgeschnittenen Flügeln jeglicher Fluchtversuch vergebliche Mühe wäre. Mein kleiner Herr, „Rudi“ war sein Name, hatte mir allerlei süße Leckersachen mitgebracht, die ich froh verzehrte. Das liebe Kind vermied sorgsam alles, was dem armen Raspio weh tun konnte, und so freute ich mich bei ihm und war ohne jegliche Furcht.

O wie viel schöne Stunden habe ich bei diesem Kinde zugebracht! Nie konnte ich gegen ihn die geringste Klage erheben.

Munter schritten wir nebeneinander über den Burghof, er in größeren und ich in kleinern Schritten; dann wieder setzte er mich auf seine Hand und seine Schulter und hüpfte mit mir im Kreise herum. Ein Reiter auf seinem stolzen Rößlein konnte nicht herrlicher fahren als der schwarze Raspio.“

Sichtlich erfreut hüpften einige Male die Rabenbüblein leise auf und schaukelten nachher noch einige Zeit auf ihren Ästchen langsam auf und nieder.

Unten im Walde hörte man durch das dürre Laub ein Häslein eilenden Schrittes vorüberhuschen. Einen Augenblick horchte Vater Hans auf. Dann fuhr er ruhig weiter:

„Am liebsten verweilte ich mit Rudi droben auf dem hohen, flachen Turm. Dort standen zwei Bänke um einen runden Tisch. Schön geschnittene Lorbeer- und Oleanderstöcke gaben kühlen Schatten und schützten gegen die allzu starke Sommersonne.

Von dort aus hatte man die schönste Aussicht. Den vielgezackten Burgpfad konnte man überblicken, von der Mühle aus bis zur Pforte. Im Tale floß die Sauer, in der sich die hohen grünen Berge spiegelten; im Hintergrund, gegen Südosten, am Fuß des Donatiberges, kauerte im Grün das blendend weiß getünchte Michelau. Drüben in den Hecken sah ich im alten Pfade die Leute dahinziehen, winzig klein, da sie so weit entfernt waren, muntern Schrittes die lebensfrohen Buben und schweren Fußes die gebückten Alten. Vom Turme aus lauschte ich auch manchmal den frohen Liedern, die allenthalben aus den Hecken tönten, wenn im Frühling die Lohe geschlissen wurde. Von allen Seiten ertönte dann vom frühen Morgen bis zum späten Abend lustiges Klopfen und Knacken. Und vom Tale an bis auf die höchsten Bergesspitzen legten sich nach und nach, langen weißen Knochen gleich, die entrindeten Stangen. Von dort aus sah ich auch manchmal jenes herrliche Schauspiel, das den Öslingerbergen eigen ist, wenn im September die Hecken „gesangt“ und gebrannt werden. Hei! wie knisterten dann bis in die späte Nacht hinein die Reiser!“

„Mein Großvater war auch aus dem Ösling“, unterbrach der kleine Rapsi eilig, „davon hat er mir auch mehr als einmal erzählt. Doch, ist es wahr, Väterchen, daß man dann das Feuer immer oben anlegt, daß es nach unten brennen muß? Das versteh’ ich nicht, gewiß würde es doch besser und schneller brennen, wenn man es unten im Tale anzündete?“

„Freilich, so ist es,“ erwiderte Hans zustimmend, „auch ich konnte mir es nie erklären. Doch die Menschen haben es immer so getan, sie müssen wohl einen Zweck dabei haben.“

„Ich kenne den Zweck, ich kenne ihn,“ jubelte Rapsi. „Legte man das Feuer unten an, so würde es allzurasch brennen; die Flammen könnten auf die umliegenden Hecken und Wälder übergreifen und großen Schaden anrichten. Deshalb zündet man die Reiser oben an; das Feuer brennt nur langsam, und mit leichter Mühe bleibt man Herr desselben.“

„Ganz recht“, erwiderte Hans, „so ist es in der Tat. Zudem werden beim Brennen der Hecken noch andere Vorsichtsmaßregeln getroffen. Ehe man das Feuer anlegt, wird die Brandstätte genau begrenzt; auf Meterbreite wird die abgeholzte Fläche ringsum von allem dürren Laub und Reisig sorgfältig gesäubert. Auch wird das Feuer wohl bewacht; ein entstehendes Schadenfeuer würde allsogleich bemerkt und gelöscht werden.

Vom Turme aus sah ich aber auch den alten Eichbaum, wo einst vor langen Jahren unser Nest gestanden. Sehnsüchtig schaute ich oft hinüber, ob ich nicht die Eltern sehen könnte oder die Brüderlein, aber alles Spähen blieb umsonst. Hätte ich reden können, Rudi hätte gewiß auf meine Bitten hin den Burgwart hinübergeschickt, sich nach unserm Neste zu erkundigen; aber meine flehentlichen Blicke verstand er nicht. So mußte ich denn traurig hinübersehen, und da ich keine Spur der Meinigen entdeckte, konnte ich nichts anders denken, als böse Räuber hätten auch die Brüderlein fortgenommen, und die Eltern seien dann todestraurig hinweggezogen in fremde Länder zu bessern Menschen.“

„Das war aber langweilig“, unterbrach nun wieder Rassi, „immer an derselben Stelle droben auf dem Turm zu sitzen und immer nur dasselbe zu sehen Tag für Tag.“

„Ich hatte geglaubt, du seiest eingeschlafen, Rassi,“ entgegnete Väterchen Hans, „daß du so lange still sein konntest. Doch wenn du glaubst, auf der Burg sei es langweilig gewesen, dann irrst du dich. Im Gegenteil, es gab dort viele Abwechslung. Freudige Stunden erlebte ich mit Rudi, freudige Stunden, besonders wenn fremde Spielleute und Musikanten zur Burg kamen. Abends saß dann die ganze Schloßfamilie mit diesen gern gesehenen Gästen auf dem Turme; Rudi hielt darauf, daß auch ich dabei sein durfte, und dann lauschten wir bis tief in die Nacht hinein den wunderschönen Erzählungen, Liedern und Melodien dieser fahrenden Sänger. Manchmal wurden uns dabei die Augen naß, denn so oft erzählten jene Leute von Ritterskindern, die ihren Eltern aus der heimatlichen Burg weggeraubt wurden, und die dann in der Fremde ein trauriges Leben führten. Aber schließlich brachte sie doch ein glückliches Geschick endlich wieder heim zu den vor Freude überglücklichen Eltern.

In jenen Stunden, glaubt mir es Kinder, wurde auch das Herz des armen Raspio dick, er dachte zurück an seine Eltern, und der glimmende Hoffnungsfunke, sie noch einmal wiederzufinden, leuchtete in ihm wieder zur hellen Flamme auf.

Freilich auch traurige Tage gab es auf der Burg; denn mögen auch noch so feste Türme und Ringmauern eine Menschenwohnung umschließen, gegen das Leid sind sie dadurch nicht geschützt; früh oder spät wird es auch dort seinen Einzug halten und den Freudenhimmel, der vielleicht jahrelang über dem Hause war, mit dunkeln, schweren Wolken überziehen.

Im September war es, als das Laub der Lohhecken schon rot und gelb zu werden anfing, als Nachmittags lange weiße Spinnfäden sich schlängelnd zwischen den Bergen dahinzogen, da saßen Rudi und ich wieder zusammen auf dem Turme. Schon seit einigen Tagen schien der Kleine äußerst niedergeschlagen. Zwar war er gegen mich ganz lieb und gut, aber er redete so wenig. Manchmal blickte er wie geistesabwesend in die Berge hinein, stützte das Köpfchen in die Hand und weinte bitterlich. Etwas Besonderes mußte sein gutes Herzchen drücken; den Gegenstand seiner Trauer indes konnte ich nicht erraten. Da stand er plötzlich auf, nahm mich auf die Hand und sagte traurig: „Räblein, Mütterchen ist krank, sehr krank.“ Bittere Tränen rollten über seine Wangen. Schweigend trug er mich zu meinem Käfig zurück und eilte still über den Hof in die Ritterwohnung. In den nächsten Tagen sah ich das liebe Kind nicht wieder. Eine traurige Stille lag über der ganzen Burg. Leise nur redeten die Bedienten miteinander. Fremde Männer – es seien gelehrte Ärzte, sagte man, – sah ich kommen. Als einer von ihnen wieder fortging, sah ich Rudis Vater ihn bis zum Schloßtor begleiten, wo die beiden noch einige Zeit ganz leise miteinander redeten. Als sich der fremde Mann verabschiedet hatte, ging der Schloßherr einsam und traurig im Hofe auf und ab, und als er an unserm Käfig vorüberschritt, merkte ich, wie aus seinen Augen heiße Tränen stürzten.

Anderntags, da sich die Abendschatten leise über die Gegend zu legen begannen, läutete das Glöcklein der kleinen Schloßkapelle Rudi’s liebem Mütterlein das Totenlied. Leise schwebten des Glöckleins Töne traurig hinab ins Tal. Die armen Leute der ganzen Gegend horchten erschrocken auf, und in des Glöckleins Trauerklang mischte sich ihr Wehklagen, denn die Verstorbene war ihnen stets eine wohltätige, gute Mutter gewesen.

Scharenweise kamen sie anderntags von allen Seiten herbei, um noch einmal jene mildtätigen Hände zu sehen, die ihnen so viel Gutes gespendet hatten.“

„Oh! der arme kleine Rudi,“ klagte Rassi traurig. „Und hast du auch das Begräbnis gesehen, Väterchen Hans?“

„Gewiß Kinder, großartig waren die Leichenfeierlichkeiten für die dahingeschiedene Edelfrau. Die adeligen Familien fast des ganzen Landes waren erschienen, ihr das letzte Geleite zu geben. Tagszuvor waren die Bewohner der näher gelegenen Schlösser mit ihrem Gefolge angekommen: Die Herren von Esch an der Sauer, Wiltz, Schüttburg und Clerf; Vertreter der weiter entfernten Burgen konnten erst am Begräbnistage selbst erscheinen, da einzelne zwei Tagereisen zu machen hatten. Frühmorgens kamen die Herren von Hollenfels, Simmern und Ansemburg; die Herren von Befort hatten sich durch einen Eilboten entschuldigen und herrliche Blumen am Sarge niederlegen lassen.

Nahe der Schloßmauer am stillsten Orte des Burggartens, fand die Verstorbene vorläufig ihre letzte Ruhestätte.

VIII.

Lange Zeit dauerte es, bis wieder frohes Leben in die Burg zurückkehrte; ja ich kann sagen, daß es nie wiederkehrte wie früher. Einige Tage später kam zwar Rudi und nahm mich wieder mit auf den Turm, aber nach immer war er so traurig. Die schwarzen Kleider, die er vom Tode der Mutter an während zweier voller Jahre trug, schienen auch den Sonnenschein seines Herzens überdüstert zu haben.

In der letzten Zeit schien überhaupt die Freude von der Burg verschwinden zu wollen. Noch zu Lebzeiten von Rudi’s Mutter hatten schon manchmal besorgte Stunden daselbst geherrscht. Schon seit längerer Zeit waren die Sänger, die früher so häufig zur Burg kamen, ausgeblieben. Statt ihrer aber waren Boten gekommen, fern her aus Frankreich, und sie hatten düstere Nachrichten von dort mitgebracht. Sie hatten erzählt, wie blutgierige Menschen die Herrschaft an sich gebracht hätten; König Ludwig und seine Gemahlin seien auf dem Schafott hingerichtet worden; die adeligen Familien würden verfolgt und viele von ihnen verließen das Land.

Immer zahlreicher wurden diese Unglücksboten; schon erschienen Flüchtlinge, die einige Wochen blieben und dann weiterzogen nach den Schlössern an Untermosel und Rhein. Tief erschüttert hatte ich einmal gehört, wie ein fremder Mann herzzerreißend redete über das Schicksal des kleinen Ludwig von Frankreich. Tieferzürnt hatte er erzählt von jenem grausamen Mann, dem Schuster, dem man das arme Kind übergeben, nachdem man ihm Vater und Mutter getötet, und der dann seine Wildheit an dem armen Knaben ausließ.

Der kleine Rudi aber hatte seine Fäustchen geballt. „Wenn ich da gewesen wäre,“ hatte er gesagt, „ich hätte dem kleinen Ludwig geholfen, wir wären an den bösen Mann gegangen und hätten ihn zu zwei wohl bemeistert.“ Seine Mutter aber hatte Rudi an sich gezogen, hatte einen Kuß auf seine Wange gedrückt und schluchzend gesagt: „Armes Kind, wenn nicht auch du noch leiden mußt von bösen Menschen.“

Einige Zeit waren solche Unglücksnachrichten wieder verstummt. Lange schon war kein fremder Bote und kein Flüchtling mehr auf dem Schloß erschienen. Alles schien wieder seinen gewöhnlichen Lauf anzunehmen.

In diese Zeit nun fiel ein Ereignis, das mich lebhaft ergriff, und das sich mir tief in das Herz eingrub. Die Verurteilung und Hinrichtung der beiden jugendlichen Verbrecher Franz und Jakob Heintzen.“

„Sind es die, welche gehängt worden sind?“ fragte Rassi, „davon hat mir mein Großvater schon öfters erzählt, er war auch dabei gewesen.“

„Ja, sie sind am Galgen gestorben,“ antwortete Väterchen Hans, „das ist eine gar traurige Geschichte. Doch da ihr sie ja kennt, kann ich darüber hinweggehen.“

„Nein, Väterchen, nein. Wir haben sie noch nie gehört“, baten die Übrigen und auch Rassi nickte: „Ja, Väterchen, erzähl’ sie noch einmal; mein Großvater hat zwar davon gesprochen, aber solche Erzählungen könnte ich jeden Tag hören, ich würde nicht müde werden, sag’ Vater, waren die beiden schon alt, und wie kam es, daß sie so böse Verbrecher wurden, die so arg gestraft werden mußten?“

„Anfangs der Zwanziger waren sie,“ sprach Hans, „und es kam, wie es in solchen Fällen gewöhnlich kommt: „Im Kleinen fängt es an, im Großen hört es auf.“ Ich erfuhr alles genau, als die Richter im Schlosse waren, droben in der Laube, wo ich mit Rudi zugegen war, als sie alles genau besprachen. Schon in ihrer Kindheit waren die beiden sehr unfolgsame und unbändige Buben. Von niemanden ließen sie sich etwas sagen; über alle Ermahnungen der Vorgesetzten setzten sie sich leichtfertig hinweg. Ihre Eltern störten sie nicht, sondern nahmen sie noch in Schutz. Kam jemand, der sich über neue Streiche ihrer ausgelassenen Kinder beklagte, so sagten sie einfach, ihre Kinder seien nicht schlimmer wie die andern; man solle sie nur ruhig lassen, wenn sie einmal größer geworden, würden sie schon machen, wie es recht wäre.

„Im Kleinen fängt es an!“ Ja, Kinder, in den alten Sprichwörtern steckt Erfahrung und Wahrheit. Mit Kleinigkeiten fingen die Heintzenknaben an zu stehlen; zuerst heimlich Obst und Früchte in den Gärten und Feldern; manches davon trugen sie auch heim; die Eltern nahmen es an und lobten die kleinen Diebe ihrer Klugheit und Geschicklichkeit wegen.

Da sie größer wurden, gewöhnten sie sich an Müßiggang und Trinken. In der Dorfschenke waren sie fleißige Besucher. Die Dorfbewohner wunderten sich zwar, daß ihnen so viel Geld zur Verfügung stehe, daß aber dieses Geld von den Diebstählen herrühre, die sich in den letzten Monaten in der Umgegend immer mehr häuften, ahnten sie nicht. Eines Tages, frühmorgens, als es eben erst im Osten zu dämmern begann, schlichen aus den Lohhecken zwei verkleidete, geschwärzte Burschen, die eilig hinter der Scheune des Heintzenhauses verschwanden. In jener Nacht war der Burgförster von zwei Wilderern überfallen und übel mißhandelt worden. Da man aber nicht bestimmt nachweisen konnte, daß die jungen Heintzen wirklich die Täter waren, mußten sie freigesprochen werden. In der Umgegend gingen von Tag zu Tag schlimmere Gerüchte über die Beiden um.

Immer mehr gerieten sie auf die Bahn des Bösen.

Eines Abends waren sie wieder angetrunken nach Hause gekommen; die Eltern hatten ihnen Vorstellungen gemacht, waren aber von den beiden verrohten Burschen schwer mißhandelt worden; eine volle Woche hatte der Vater das Bett hüten müssen. Endlich gingen den Eltern die Augen auf; sie ernteten die Früchte einer verfehlten Kindererziehung. Es grauste ihnen vor den schlimmen Dingen, die sie herannahen sahen. Nun wollten sie ihre Kinder wieder zu braven und fleißigen Menschen machen, durch gute Worte wollten sie dieselben von ihren bösen Wegen zurückführen, aber es war zu spät.

Faulenzerei, Diebstahl und Alkohol waren derart ihre vertrauten Freunde geworden, daß sie sich nicht mehr zur Umkehr und Änderung ihres Lebens bewegen ließen.“

„Väterchen Hans, nicht wahr,“ unterbrach Rassi, „da hätte gepaßt, was dir der Knecht damals so töricht gesagt, als er dich in die Schule nahm: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.““

„Ja, du hast Recht, Rassi,“ entgegnete Hans. „„Jung gewohnt, alt getan,“ sagt das Sprichwort, und wenn die Kinder schon frühzeitig schlimme Wege gehen, sind sie später schwer davon abzubringen. „Die Katze läßt das Mausen nicht.“

So kam denn die schwarze Nacht des 17. Mai, von der die ganze Gegend noch lange Jahre erzählte. Spät am Abend vom Felde heimkehrende Landleute hatten zwei vermummte Männer begegnet, die aus dem Dorf kamen und in der Richtung nach Brandenburg und Landscheid weitergingen. Scheu waren die beiden am Wegesrand vorübergegangen und hatten den Abendgruß nicht erwidert. Der Nickelsbauer, welcher an jenem Abend im Heintzenhaus vorgesprochen, um ihre beiden Söhne für den folgenden Tag zur Heuernte anzuwerben, hatte sie nicht zu Hause gefunden; ihre Mutter aber hatte ihm die schüchterne Antwort gegeben, sie seien für einige Tage weiter hinauf ins Ösling, nach Munshausen, zu ihren dortigen Verwandten auf Besuch.

In jener Nacht war der Pächter der Bleesmühle unterhalb Gralingen ermordet und beraubt worden. Vor wenigen Tagen hatte er auf dem Jahrmarkt in Ettelbrück eine schwere Koppel Ochsen zu einem außergewöhnlich hohen Preise verkauft. Viel war in der Gegend von diesem Handel gesprochen worden.

In jener Nacht war der Pächter allein zu Hause gewesen, da seine Verwandten nach Vianden zur Kirmeß gegangen waren und erst anderntags heimkehren sollten. Der Pferdeknecht hatte in der Scheune geschlafen und vom Verbrechen nichts gemerkt, bis er morgens die blutüberströmte Leiche seines Herrn im Hausflur aufgefunden hatte. Alle Schränke waren erbrochen und das Geld verschwunden.

Die Aufregung in der ganzen Gegend war ungeheuer.

Bald lenkte sich der Verdacht auf das Heintzenhaus, denn die beiden Burschen waren es, welche am Morgen die Kunde von dem Verbrechen mit viel Entrüstung im Dorfe verbreiteten. Dem Nickelsbauer schien es verdächtig, daß die beiden nach Aussage der Mutter für einige Tage abwesend sein sollten und nun waren sie schon wieder zu Hause. Alles sprach sich leise herum; am Abend wurden die beiden Heintzen in Untersuchungshaft abgeführt.

Hartnäckig leugneten sie die Tat. Wo sie aber in jener Nacht gewesen, wußten sie anfangs nicht zu sagen. Zuletzt bestanden sie darauf, sie hätten nach Diekirch gehen wollen, da sie aber ein Gewitter gefürchtet, seien sie halbwegs umgekehrt und wieder nach Hause gekommen.

Gleich nach ihrer Verhaftung war eine Haussuchung im Heintzenhaus vorgenommen worden. Eine größere Summe Papiergeldes wurde dabei zu Tage gefördert, und weder Eltern noch Kinder wußten Aufschluß über dessen Herkunft zu geben. Zuletzt erkannte der Metzger, welcher die Ochsen der Bleesmühle gekauft hatte, in dem vorgefundenen Gelde eine Anzahl derselben Scheine wieder, die er dem Ermordeten in Ettelbrück ausgehändigt hatte. So verdichtete sich der Verdacht gegen die beiden immer mehr; immer mehr verwickelten sie sich in Widersprüche. Nach mehreren Wochen lügenhafter Abrede gaben sie endlich das Verbrechen zu und legten ein vollständiges Geständnis ab. Auch bekannten sie die Tat mit Vorbedacht begangen zu haben: „Zwar wäre es ihnen lieber gewesen,“ sagten sie, „wenn sie das Geld ohne Mord hätten an sich bringen können, doch hätten sie sich mit Waffen versehen, für den Fall, wo sie an der Arbeit überrascht werden sollten. Einer Gefangennahme und späteren Verurteilung hätten sie um jeden Preis vorbeugen wollen und so hätten sie den Mord geplant, für den Fall, wo ihr Einbruch hätte ruchbar werden können.“ Einige Monate vorher bereits hätten sie zu zwei verschiedenen Malen einen Einbruch in der Mühle versucht, wären aber jedesmal dabei verscheucht worden.