Was der schwarze Hans erlebte: Kindererzählung aus der Heimat

Part 1

Chapter 13,653 wordsPublic domain

Was der schwarze Hans erlebte.

Kindererzählung aus der Heimat von Theodor Zenner.

Esch an der Alzette. Druck und Verlag: Kremer & Rettel. 1921.

Meinem Vater selig in dankbarer Erinnerung gewidmet.

I.

Der schwarze Hans?!

Wer war denn das? – Vielleicht ein ausgelassener, böser Bube? – ein Räuber? – ein Neger im fernen Afrika?

Nichts von alledem. Der schwarze Hans war nichts anders als ein alter, sehr alter Rabe.

Aus der Naturgeschichte ist euch gewiß bekannt, daß die Raben ein sehr hohes Alter erreichen; ja man sagt sogar, sie könnten es bis auf 200 Jahre bringen. –

So alt war freilich unser Hans noch nicht; aber über 100 und weit darüber gingen seine Jahre. Genau wie alt er sei, wußte er eigentlich selbst nicht; denn die alte Tanne, worin er jedesmal ein Zeichen eingehackt, wenn der garstige Winter von dannen zog und ein neuer Frühling in die Länder kam, war vor 50 Jahren umgehauen worden; und so war Hansens Tagebuch verloren gegangen. Gegen 140 mochten seine Sommer zählen, vielleicht einige mehr, vielleicht einige weniger; doch das verschlägt ja auch nichts; Hans war sehr alt, und das genügt.

Trotz seines hohen Alters war er aber noch sehr rüstig. Zwar ging er wie alte Leute etwas gebückt, aber seine Federn waren noch nicht weiß geworden; sie schillerten nur etwas ins Grünliche hinüber. Er hörte auch noch vorzüglich, und im Fliegen hätte er es mit einem Zwanzigjährigen aufnehmen können. Oft indes klagte Hans, daß in den letzten Jahren sein Augenlicht bedeutend abgenommen habe; er sah bei weitem nicht mehr so klar wie früher. Die Brille, die er im Garten des Lehrers gefunden, leistete ihm daher treffliche Dienste. Fast beständig trug er sie; selbst wenn er erzählte, setzte er sie bedächtig auf, und über die Gläser hinweg sah er scharf seine Zuhörer an.

Viel war der Hans in seinem langen Leben im Lande herumgekommen. Gute und böse Tage und Jahre hatte er gesehen. Für alles hatte er ein offenes Auge gehabt; Land und Leute hatte er fleißig beobachtet, und er hatte sich alles wohl gemerkt und eingeprägt. Sein Gedächtnis war noch frisch, seine Zunge gelenkig wie in ihren besten Jahren. Kein Wunder also, wenn Hans erzählen konnte, wie kaum ein zweiter. Weit und breit war er dafür bekannt, und die Rabenbüblein der ganzen Gegend kamen gerne zu ihm, um seinen Erzählungen zu lauschen.

Umsonst freilich erzählte der alte Hans nicht. Seine kleinen Zuhörer mußten ihm Geschenke bringen, Engerlinge, Regenwürmer und dergleichen Leckerbissen, und nach der Menge der Gaben richtete sich die Länge seiner Geschichten.

Väterchen Hans erzählte gerne. Seine helle Freude hatte er jedesmal, wenn ihm die Rabenbüblein mäuschenstill zuhorchten. Besonders gern erzählte er „gruselig“, so gruselig, daß manchmal die schwarzen Bürschlein regungslos da saßen, kein Auge von ihm abwandten und kaum noch zu atmen wagten.

Heute nun, an einem lauen Sommerabend, waren sie wieder zu ihm gekommen; jeder hatte das Beste mitgebracht, was er zu finden vermocht, und vieles hatten sie zusammengetragen, daß Väterchen Hans ihnen einmal lange, sehr lange erzählen möchte. So hatte er es neulich versprochen, und das wußten sie, wenn Väterchen Hans etwas versprach, konnte man sich darauf verlassen.

Auf einer hohen Eiche, droben bei Folkendingen, hatten sie Platz genommen; zu oberst Vater Hans, um ihn herum ein halb Dutzend schwarzhaariger Rabenbüblein, alle voller Spannung auf die versprochene lange Geschichte.

Lächelnd hatte Meister Hans die hergebrachten Leckerbissen verzehrt; einige Würmlein nur hatte er auf dem knorrigen Aste liegen gelassen, um sich daran zu ergötzen, wenn ihm etwa während der Erzählung die Zunge trocken werden sollte. Bedächtig rückte er die Brille zurecht und begann dann feierlich und voller Weihe:

„Lange ist es her, Kinder, damals, als noch allenthalben dichte Wälder das Luxemburger Land bedeckten, – gegen das Jahr 1780 – da stand meine Wiege droben im Ösling“.

Da lachten die kleinen Rabenbuben hell auf: „Ha, ha, ha, ha! Papa Hans! Deine Wiege! Eine Wiege hast du ja gar nicht gehabt! Ha, ha, ha!“

Vater Hans verzog mißmutig das Gesicht. Wie konnten die vorlauten Buben wagen, ihm, dem alten Manne in die Rede zu fallen? Einen Augenblick sah er sie vorwurfsvoll über die Brille an.

Doch bald lächelte er wieder und fuhr vergnügt fort: „Ja, es ist auch nur um so zu sagen, Kinder. Unser Nest glich doch einer Wiege, denn geschaukelt wurden wir darin mehr als manches Menschenkind in seinem Holzkasten. Auf einer alten Eiche über der Anhöhe bei Michelau stand unser Heim. Sorgsam hatten die Eltern es in die Baumkrone hineingesetzt. Und weich, ganz weich war es gepolstert. Tief unten hatten die Eltern es mit feiner Wolle ausgeschlagen, die sie an den Dornenhecken pflückten, wo die Schafherde vorbeigegangen, und darüber hatten sie schöne weiße Federchen und Daunen gelegt, die sie aus den Tannen bei Bürden holten, wo die Habichte hausten und die Hühnchen und Tauben verzehrten.

Wie mir der Verstand aufging, saß ich droben auf dem hundertjährigen Baume und sah mir die Gegend ringsum mit neugierigen Augen an. Unserm Hause grade gegenüber, auf der jenseitigen Anhöhe, stand das Schloß von Burscheid, voller Schönheit und Pracht! Heute, – ach wie sich die Zeiten ändern! – heute ist es nur mehr eine traurige Ruine, die nicht einmal mehr ein schwaches Bild seiner früheren Herrlichkeit geben kann. Und drunten im Tale floß die Sauer, ein breiter Silberstreifen im saftigen Wiesengrün. In weitem schlankem Bogen zog sich das klare Wasser zwischen den hohen Bergen hindurch, von der Burscheidtermühle an, wo es aus den Bergen zu kommen schien, bis unterhalb Michelau, wo es hinter einem vorspringenden Bergrücken abermal zwischen den Felsen verschwand. Und aus den Tümpeln an ihren Ufern brachten die Eltern Leckerbissen – ah! Fischlein, Fischlein, ah!“ Dabei glitt die spitze Zunge Hansens langsam am Schnabel vorbei, und die kleinen Rabenbuben taten desgleichen. Mit glänzenden Augen sahen sie Vater Hans an; das Wasser lief ihnen im Munde zusammen, und einer nach dem andern schluckte verstohlen, daß man es leise in der Runde gurksen hörte.

„Und du hast keine Angst gehabt, Väterchen Hans,“ unterbrach der kleine Rassi, ein vorwitziges gewecktes Kerlchen, „du könntest vom Baume herunterfallen, als dir die Flügel noch nicht ausgewachsen waren?“

„A... Angst!“ wiederholte Vater Hans und verächtlich schaute er Rassi an. „Bah, Angst! Angst hab ich in meinem ganzen Leben noch keine gekannt. Und wenn der Wind recht heftig durch die Bäume fuhr und an unserm Hause rüttelte, wenn gar von Kehmen herunter ein Gewitter rabenschwarz ins Tal stieg und den Baum schüttelte, daß wir beinahe aus dem Neste geschleudert wurden, dann hatte ich erst rechte Freude.“

Die Rabenbüblein wanderten sich und staunten über solchen Mut.

„Ja, damals, Väterchen Hans“, fuhr der kleine Rapsi, ein Bürschlein, das erst vor drei Tagen flügge geworden war, dazwischen, „damals gab es wohl auch noch keine so bösen Menschenbuben wie jetzt. Wenn du heute im Neste sitzen würdest, dann würde dir schon die Angst kommen, ganz gewiß!“

„Paperlapap,“ grinste Hans. „Buben sind Buben. Auch früher gab es freche Buben, grade so gut wie heute.“

Langsam rückte er mit einer Kralle die Brille zurecht, suchte den dicksten der noch übriggebliebenen Würmer und verzehrte ihn mit sichtlichem Wohlbehagen. Dann setzte er seine Erzählung fort:

„Böse Buben, ja, ja! Als ich noch im Neste saß, da kamen einmal ihrer drei, böse, freche Kerle, – ich sehe sie noch. – Oben über die Felder schlichen sie herunter und gingen am Saume der Hecken entlang. Plötzlich blieben sie stehen. Sie hatten unser Nest entdeckt. Einen Augenblick beratschlagten sie miteinander. Zwar verstanden wir nicht was sie sagten, aber an den verstohlenen, unheimlichen Blicken, die sie nach dem Neste richteten, erkannten wir wohl, daß sie nichts Gutes im Schilde führten. Bald standen sie unter dem Baume. Schon schickten sie sich an, denselben zu ersteigen. Einer umklammerte den knorrigen Stamm, die beiden andern stützten ihn und halfen ihm nach. So kroch er herauf, immer höher und höher. Da habe ich doch ein wenig gefürchtet. Schon saß er in den Ästen. Deutlich hörte ich, wie er mit seinen Gesellen, die unten standen, redete. Schwarze Pläne waren es, die sie ausspannen. „Sind Eier drin“, sprach der Bösewicht, „so werden sie geschlürft, sind Junge drin, dann gehen sie mit in den Käfig. Jeder von uns erhält einen, und die überzählig sind, werden totgeschlagen.“

„Ha, der Mörder,“ knirschten erbost die Räblein!

„Wir waren zu vier Brüderlein“, erzählte Hans wehmütig weiter, „und haben gezittert, als wir die freche Rede hörten.“

„Waren denn der Vater und die Mutter nicht da“, unterbrach hastig der kleine Rassi, „daß sie den frechen Buben fortgetrieben hätten?“

„Ihr könnt euch denken, wie wir geschrieen haben“, entgegnete Hans, „so laut, so laut. Aber die Eltern waren fort, weit fort, um Essen zu holen. Hoch über den Berg, bis zum Kippenhof, waren sie geflogen. Dort hatten sie tagsvorher ein Häslein für uns erbeutet, und das wollten sie uns stückweise zum Neste bringen.

Schon war der böse Bube so nahe gekommen, daß er uns gleich erreichen mußte. Angstvoll drückten wir uns in die entgegengesetzte Ecke des Nestes und schrieen so laut wir nur konnten. Plötzlich, – ach ich zittere so oft ich daran denke! – plötzlich neigte sich das Nest etwas zur Seite und unser armes Brüderlein Jackli stürzte kopfüber in die schaurige Tiefe.“

„Und die andern?“ zitterte Rassi.

„Es ging noch gut,“ atmete Hans auf, gleichsam als erlebe er diese qualvolle Angst ein zweites Mal, „der Kleine hatte sich kein Leid getan; in seiner Todesangst hatte er kräftig mit seinen Flügelein geflattert und unter dem Baum war dichtes, weiches Moos; für uns aber sorgte der Vater. Just wie der böse Bube die Hand nach uns ausstreckte, erschien er, gerade noch zur rechten Zeit. Gleich hatte er die Absicht des bösen Buben erkannt.“

Einen Augenblick hielt der alte Hans inne.

„Und dann, und dann ...?“ drängten neugierig und zitternd einige Stimmen. „Und dann“, fuhr Vater Hans bedächtig fort, „dann hättet ihr einmal meinen guten Vater sehen sollen! So zornig hatte ich ihn noch nie gesehen. Geradeswegs stürzte er auf den Buben los. Mit einem heisern Schrei saß er ihm im Nacken; wütend fuhr sein kräftiger Schnabel auf den Bösewicht nieder. Ha! da hättet ihr einmal Schmerzensschreie hören können! Heulend zog der Bube den Kopf zwischen die Schultern und rutschte am Baume hinab, so schnell er nur konnte. Aber der Vater ließ nicht locker. Immer wieder hieb er auf ihn ein. Hu! wie des Buben Federn flogen! Ganze Büschel Haare zauste der Vater ihm aus; allenthalben lagen sie später um den Stamm der Eiche herum. Hätte man sie sammeln wollen, ein ganzes Nest hätte man damit auf’s feinste polstern können. Kaum war der Bube unten am Boden angelangt, so eilte er den Berg hinunter, so rasch er nur konnte; seine Mütze, die ihm entfallen war, ließ er unter dem Baume liegen und drei Tage später war er noch nicht wiedergekommen, sie zu holen. Seine Begleiter hatten schon das Weite gesucht, sonst hätte der Vater auch ihnen die verdiente Strafe gegeben.“

„Bravo, Bravo!“ jubelten in einem Chor die Rabenbüblein und freudig klopften sie mit den Flügeln. „Der hatte seinen Herrn gefunden, dem war sein Recht geschehen!“

„Und sind sie anderntags nicht wiedergekommen und haben noch größere Buben mitgebracht?“ fragte Rassi erregt.

„Nie sind sie wiedergekommen, bis heute nicht“, erwiderte Hans triumphierend. Sie hatten sich die Lehre gemerkt und werden sie, denke ich, zeitlebens nicht vergessen haben.

II.

So war denn diese große Gefahr glücklich vorübergegangen. Unter der sorgsamen Obhut der Eltern wuchsen wir heran. Nur mehr wenige Tage trennten uns von der freudigen Stunde, wo wir großjährig werden und unsern ersten Ausflug machen sollten.

Doch da kam jener Unglücksmorgen, den ich nie vergessen werde, und sollte ich auch 500 Jahre alt werden. Die Eltern waren eben wieder weggeflogen. Sie hatten uns mitgeteilt, daß sie bis Diekirch hinuntereilen wollten, wo einer unserer dortigen Verwandten ein Reh in einer Schlinge gefunden hatte. „Dort gebe es,“ sagte der Vater, „ein Freudenmahl, wie unsere Familie schon jahrelang keines mehr gesehen hätte. Vor Mittag könnten sie schwerlich zurück sein. Wir sollten uns hübsch ruhig verhalten; vor allem dürfe sich niemand über das Nest hinüberlehnen, damit kein Unglück geschehe. Auch versprach er uns einen fetten Bissen mitzubringen, daß wir noch lange an jenen Tag denken würden.“

Doch kaum waren die Eltern fortgeflogen, da kamen durch den gewundenen, holperigen Heckenpfad von Lipperscheid herauf drei halberwachsene, ausgelassene Burschen. Zaghaft zogen wir die Köpfchen ein. Tief duckten wir uns in’s Nest, in der Hoffnung, daß sie uns nicht entdecken und dann vorüberziehen würden.

Indes, wir hatten uns getäuscht. Unter dem Baume blieben sie stehen. Wir hörten, wie sie von unserm Neste redeten.

Nachdem sie eine Zeitlang beratschlagt, schickte sich einer der drei an, den Baum zu ersteigen. Es gelang ihm aber nicht, trotz wiederholter Versuche. Auch die beiden andern, welche nach ihm heraufzuklettern suchten, hatten keinen Erfolg. Jedesmal, wenn sie einige Meter erklommen hatten, rutschten sie wieder hinab.“

„Aha, das war gut!“ jubelten die Räblein. „Ihr hattet ihnen doch nichts zuleide getan, da konnten sie ja ruhig ihres Weges weiterziehen!“

„Wir freuten uns“, fuhr Vater Hans fort, „und hätten laut aufjubeln mögen, als wir sie nach einer Weile unverrichteter Dinge abziehen sahen.

Aber leider sollte unsere Freude nicht von langer Dauer sein.

Voll Zorn, daß sie nichts erreicht hatten, stiegen die drei Lümmel die kleine Anhöhe hinauf, welche zur Seite des Feldes unser Nest überragte.

Einige Zeit hatten wir nichts mehr gehört. Schon glaubten wir alle Gefahr verschwunden. Da sauste plötzlich ein dicker Stein an unserm Nest vorüber. Ich lüge nicht, aber ganz gewiß war er dicker als mein Kopf.“

Angstvoll reckten die Räblein ihre Köpfchen und mit weit aufgerissenen Augen stierten sie den alten Hans an. Leise redete er weiter. „Wir duckten uns rasch ins Nest hinein, so tief wir nur konnten. Weitere Steine folgten. Immer zahlreicher hörten wir sie an uns vorbeifliegen. Bald gingen sie in weitem Bogen über das Nest und den Baum hinweg; dann wieder fuhren sie klatschend durch das Laub neben oder unter uns, und leise hörten wir sie unten am Berge aufschlagen.

Lange folgte Schuß auf Schuß. Noch waren sie alle glücklich vorbeigegangen. Weder uns noch unserm Neste war ein Unheil geschehen. Das aber reizte die bösen Burschen noch mehr. Zitternd hörten wir, wie sie abwechselnd einer den andern aufforderten, aus den umliegenden Feldern Steine herbeizutragen. Ohne Rast und Erbarmen schleuderten sie ihre Geschosse weiter.

Nach langen, qualvollen Minuten hielten sie plötzlich inne. Einige Zeit blieb alles still. Ich horchte hinunter. Da ich gar nichts mehr hörte, sprach ich freudig zu meinen Brüderlein: „Endlich sind sie fort.“ Erleichtert atmeten wir alle auf.

Ungefähr fünf Minuten war alles ruhig geblieben. Da beugte sich unser Brüderchen Rappi rasch über den Rand des Restes hinüber. Er wollte spähen, ob die grausamen Kerle wirklich davongegangen seien. Doch, o weh! Gerade in dem Augenblick traf ihn der tötliche Schuß. Hart an die Schläfe getroffen, schrie er plötzlich grell auf. Gleich sank sein Köpfchen seitwärts und färbte die Reiser des Restes blutigrot. Seine sonst so klaren Äuglein füllten sich mit Tränen. Wehmütig sah er uns alle noch einmal an. In wenigen Sekunden wurde sein Blick trüb und immer trüber; einige Male noch ging sein Atem rasch und schwer. Leise stöhnend starb er schon nach etlichen Minuten.

Und von neuem sausten die bösen Steine, die auch uns ein jähes, grausames Ende bringen konnten.“

Regungslos, mit halbgeöffnetem Schnabel saßen die Räblein da und sahen Hans angstvoll an.

Leise, mit tränenerstickter Stimme, fragte Rassi teilnahmsvoll:

„Und was sagten die Eltern, Väterchen Hans, als sie Mittags heimkehrten?“

„O, darüber laß mich schweigen, Rassi,“ entgegnete Hans traurig, „was würden deine Eltern sagen, wenn ein böser Mensch dich totwerfen würde?

Anderntags, als die Mutter auf einem mehr abseits stehenden Baum herzzerreißend um das tote Brüderlein weinte, nahm der Vater schluchzend die kleine, blutbefleckte Leiche in seine festen Krallen und flog damit fort, weit weg über die Berge. Erst nach langer Zeit kehrte er heim. Wohin er das tote Brüderlein begraben, hat er uns nie mitgeteilt.“

Der alte Hans hielt inne. Tränen erstickten seine Stimme.

Das harte Mißgeschick, das den armen kleinen Rappi betroffen, und das große Leid, welches die bösen Buben seinen lieben Eltern bereitet hatten, war auch den Rabenbüblein tief zu Herzen gegangen. Bittere Tränlein rollten aus ihren Augen und tröpfelten leise drunten in das dürre Laub.

III.

„Doch war damit“, fuhr Hans abermal fort, „des Unglückes noch nicht genug. Einige Tage später kam ein großer Kerl – wie ich später erfuhr, war er Knecht auf der Erpeldingermühle – an unserm Baum vorüber. Auch er blieb stehen und spähte einige Zeit nach unserm Neste. Obschon wir uns ganz ruhig verhielten, machte er dennoch bald Anstalten, den Baum zu ersteigen. Er warf seine weiße Mütze zu Boden, umklammerte fest den knorrigen Stamm und kam rasch an demselben empor.“

„Er kommt nicht herauf, er kommt nicht herauf,“ hastete Rassi wieder, „es geht ihm wie den drei Buben, er rutscht wieder hinunter!“

„Ja Rassi,“ lächelte Vater Hans, „so hatten auch wir gehofft, aber umsonst. Schon saß er in den Ästen. Nachdem er einige Minuten gerastet, kletterte er, schwer atmend, weiter. Plötzlich erschien sein großer, weißer Kopf ganz in unserer Nähe. Mit seinen frechen, schwarzen Augen glotzte er uns triumphierend an.“

Mäuschenstill war es wieder in der Runde geworden, die kleinen Rabenbüblein horchten unverwandten Auges.

„Kamen denn diesmal die Eltern nicht zu Hilfe?“ fragte Rassi zitternd. „Väterchen Hans erzähl’, erzähl’! Wie ging es weiter? Kam nicht der Vater und hat den frechen Buben gestraft und hinuntergetrieben, wie den andern Bösewicht einige Tage früher?“

„Leider nicht, Rassi. Die Eltern waren fort und hörten unsere flehentlichen Hilferufe nicht. Was hätte es auch genützt, wenn sie da gewesen wären? Dieser Bursche war viel stärker als der Bube von damals; zudem hatte er sich mit einem Stock bewaffnet, und damit hätte er sich gewiß gegen die Eltern gewehrt; möglicherweise wären sie noch verwundet worden, und schließlich wäre doch der Räuber Meister geblieben.“

„Wie schade“, klagte Rassi traurig, und indem er das Köpfchen neugierig nach vorne streckte, „und dann, Väterchen Hans, und dann?“

„Guten Morgen, ihr Herren Räblein,“ sagte der Spötter. „Jetzt geht einer von euch mit mir zur Mühle“.

Und er nahm einen von uns nach dem andern in die Hand und wog uns bedächtig; dann breitete er uns die Flügel aus und betrachtete sie genau; schließlich fand er mich als den größten von uns allen“.

„Du gehst mir jetzt mit, Hänslein“, sagte er, „und die andern hol’ ich mir später, wenn sie etwas größer sind.“

Damit stieg er mit mir den Baum hinab; leise hörte ich noch einmal die Brüderlein klagen, und seitdem habe ich nie wieder etwas von ihnen erfahren“.

„Ach, der böse Dieb und Räuber! Du hättest ihn beißen sollen, Väterchen Hans, bis er dich freigelassen hätte“, knirschte Rassi zornig, „oder fortfliegen hättest du sollen, es wäre dir gewiß schon gelungen.“

„Es wäre mir nicht gelungen, Rassi“, erwiederte Hans betrübt, „seine schwere Hand hatte mich zu fest umklammert; er preßte mir die Seiten zusammen, daß ich beinahe nicht atmen konnte und in Gefahr schwebte zu ersticken. Unter dem Baume drückte er mich in eine Tasche, die er mit einer Stecknadel sorgfältig verschloß. So war es unmöglich herauszuschlüpfen. In der Tasche war es eng, Kinder; eine Zehe war mir zwischen zwei harten Gegenständen eingeklemmt und schmerzte mich heftig.“

„War es denn hell in der Tasche, Väterchen Hans, und hast du gewußt, wohin der Räuber dich tragen würde?“ unterbrach schon wieder Rassi.

„Ihr könnt euch denken“, lachte Hans, „ganz finster war es drinnen, so schwarz, daß ich nicht einmal die Richtung wußte, in der ich fortgetragen wurde. Nach einiger Zeit blieb mein Räuber stehen. Er öffnete die Tasche, ergriff mich wieder mit seiner Eisenfaust und zog mich ans Tageslicht. Aus der finsteren Tasche plötzlich in den hellsten Sonnenschein zurückversetzt, vermochte ich anfangs nicht aufzublicken. Nach einer Weile erst sah ich, daß sich die Gegend ganz verändert hatte. Vor mir lag ein schöner Wiesengrund. Eine breite Fläche tiefen, stehenden Wassers breitete sich in demselben aus, und seitwärts ging von ihm ein schmaler Graben aus, der das Wasser mitten in das im Hintergrund liegende weiße Haus hineinleitete. Das Haus war gedeckt mit Stroh, auf welchem bis zum First hinauf allerlei Moosarten herumstanden.

Wir befanden uns vor einer alten Mühle. Heute ist sie verschwunden. Bereits vor einigen Jahrzehnten ist sie abgebrochen worden, nachdem sie lange Zeit als unbewohntes, baufälliges Gebäude leer gestanden hatte. Damals war sie noch in Betrieb, und ein Poltern drang aus derselben heraus, daß mir das Herz schneller schlug, und ich mein letztes Stündlein gekommen glaubte.

Indem mein Räuber ein Liedlein pfiff, trug er mich dort hinein. Es war das erste Menschenhaus, welches ich aus der Nähe sah. Allenthalben standen sonderbare Gegenstände, die ich nicht kannte: schwere, runde Steine, groß wie Räder, dann wieder Wagen, Säcke, Ackergeräte u. s. w. Mit verwunderten Augen sah ich alles scheu an. Auf einmal fuhr ich erschrocken zusammen. Hinterher aus dem Hof erscholl ein wildes Schreien Hi ... hi ... hi! so fürchterlich, wie ich es noch niemals gehört hatte. Und als ich hinsah, kamen zwei große, unheimliche Tiere heran, tausendmal größer als ich. Rot waren sie wie die Eichhörnchen, aber viel größer und wilder. Mit schweren Schritten kamen sie gerade auf mich zu. Der Boden zitterte unter ihnen und Augen hatten sie größer wie mein Kopf“.

„Wollten sie dich fressen, Väterchen Hans?“ fragte Rassi erschrocken.

„Ja, so hatte ich auch gefürchtet“, lächelte Hans, „aber sie gingen vorüber, ohne nach mir zu schauen und verschwanden in einem schwarzen Loch hinter dem Gebäude. Später hörte ich, daß man sie Pferde nannte“.

Laut krächzend lachten die Räblein auf.

„Und die hast du gefürchtet, Vater Hans“, kicherte Rassi, der vor lauter Lachen fast nicht mehr reden konnte, „die guten Pferde, welche uns die fetten Raupen und Würmer herausgraben, wenn sie das schwere Eisen durch die Felder ziehen. Die hätte ich aber nicht gefürchtet!“

„Du willst immer den Held spielen, Rassi“, entgegnete Hans, voll Freude, daß seine kleinen Zuhörer sich so an seiner Erzählung ergötzten, „wenn du sie zum ersten Mal gesehen hättest, und du wärest festgehalten gewesen wie ich, dann hättest auch du gefürchtet, kleiner Prahlhans“.

„Väterchen Hans, nur weitererzählen!“, klang es bittend aus der Runde, „der dumme Rassi muß immer schwätzen und dich unterbrechen; Väterchen Hans, und dann?“

IV.