Wartalun: Der Niedergang eines Geschlechts

Part 8

Chapter 83,736 wordsPublic domain

Am späten Nachmittag suchte Graf Helmut in seinem Arbeitszimmer nach dem Brief des Toten. Er warf Schubfächer auf und zu, durchwühlte verstaubte Packen alter Schriftstücke und Dokumente, und in Gedanken verloren suchte er endlich in seinen Rocktaschen, ganz mechanisch und mit leblosen Blicken. Als er sich besann, empfand er zum ersten Male mit leisem Schreck die Unordnung, die seit einiger Zeit überall in seinen Sachen herrschte. Es handelte sich gewiß nur um Kleinigkeiten, aber er wußte, daß mancher Verfall mit geringfügigen Erscheinungen einsetzen konnte. Ihn packte plötzlich eine sinnlose Angst, und er begann hastig und beinahe verstört Ordnung zu schaffen. Er war von frühester Kindheit an gewohnt, im Haushalt seiner persönlichen Angelegenheiten eine an Pedanterie streifende Ordnung zu wahren, es herrschte bei ihm eine Geregeltheit, die sich bis auf den Inhalt seiner Taschen erstreckte. Aber je mehr er nun begann, all den kleinen Gerätschaften ihren Platz zu geben, je mehr er sich bemühte, die Geschäftspapiere, die Bankdokumente und die Briefschaften, die er einzusehen hatte, zweckmäßig und praktisch zu verteilen, um so mutloser wurde sein Herz, und er sah endlich ein, daß nur Verantwortlichkeit, eine aufrichtige Beteiligtheit und zwingende Notwendigkeiten solche Arbeit erträglich machen. Er kam sich in seiner sinnlosen Mühe wie ein Kind vor, das einen ernstlich beschäftigten Mann zu spielen versucht.

»Ich habe keine Freude daran, ich nütze niemand damit«, sagte er tonlos und ließ die Hände sinken. Seine Augen suchten draußen die Bäume des Parks, neben ihnen den Ausblick in das weite, geduldige Land, das in diesen Wochen den Menschen seine Früchte überließ. Am Brunnen hörte er die Mägde lachen und Melchiors väterliche Stimme mit ihrem ewigen dummen Ernst.

Er sprang auf und klingelte. Unten wurde es still am Brunnen, als die Glocke im hohen Flur schrillte, er hörte Melchiors geschäftigen Schritt. Gleich darauf stand der Alte neben ihm.

Afra sollte kommen. -- Melchior berichtete, sie sei in Annerwehr, am Deich müßte gebaut werden, aber sie würde bereits seit einer Stunde zurückerwartet.

Er befahl, sie hinaufzubitten, sobald sie gekommen sei. Die Tür schloß sich aufrührerisch vorsichtig, und er war wieder allein.

Irgendwie erinnerte ihn der Vorfall an den Brief, den er suchte, und er begann von neuem die Papiere zu durchwühlen. Überall begegnete ihm der Tote. War nicht auch Melchiors Art, zu kommen und zu gehen, sich zu verneigen und die Tür zu schließen, noch von jenem Geist beseelt? Er konnte diesen Schatten nicht anders bannen, als indem er den Geist selbst heraufbeschwor. Die letzten Worte des Verstorbenen waren ihm ein gefährlicher Trost geworden, eine zerstörerische Bestätigung seiner tatlosen Ergebenheit.

Endlich fand er ihn. Er lag abseits von allem Durchsuchten unter dem bronzenen Leuchter, der eine gewundene Schlange darstellte, die sich zornig erhob und auf ihrem geneigten Hals eine zackige Krone trug, in die die Kerze eingelassen wurde. Er besann sich nun, daß er das Schreiben in der letzten Nacht dort geborgen hatte.

»Es hieße Sünde tun, eure alten Rechte, die in dieser Zeit nicht mehr gelten, sichern zu wollen. Ihr sollt eure besten Güter wahren, denn die zeitlichen könnt ihr nicht halten. Euer Kampf um sie wird euch herabwürdigen, denn das Beste unseres Wesens hat mit dem Wirken der Zeit nichts gemein, und ihr könnt ihre Waffen nicht führen.«

Er ließ den Brief sinken. Hatte er nicht bei seiner ersten Begegnung mit Afra ihr diese Worte und alle anderen als die vergrübelte Weisheit eines Sonderlings hingestellt? War es denn etwas anderes? Waren seine Gefühlsgewißheiten damals noch frei gewesen, ohne diesen düsteren Bann, in den Wartalun zu schlagen schien? Oder machte seine Liebe zu Afra ihn zu einem Narren, der aus diesen greisenhaften Bekenntnissen Entschuldigungen für seine Frevel an seinem Weibe und an seinem Kinde zog?

Er las aufs neue und kam an jene Stelle, die ihn Tag für Tag beschäftigte:

»So bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts, aber es sei denen gesagt, die es zu eigen haben sollen, daß es keinen ererbten Besitz in der Welt gibt, der vor Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in der Kraft des Lebendigen.«

Im Grunde war dieses Schreiben nichts anderes als ein geheimes Vermächtnis des Schlosses an Afra. Die Liebe des Grafen Konstantin zu Afra, die er auch in der Stunde seines letzten Abschieds noch verbarg, durchglühte diese Worte mit einem bösen, heimlichen Willen. Beinahe flammte ein zorniger Hohn hindurch und etwas wie ein Haß gegen die Linie seines Hauses, der Wartalun zufallen sollte. Überall zwischen den Zeilen brannten Verheißungen und dunkle Prophezeiungen und Afras Name -- --

Er erschrak furchtbar, als plötzlich das junge Mädchen neben ihm stand. Sie lachte über seinen Schreck:

»Aber das habe ich nicht gewollt, wirklich nicht! Wie düster ist es hier. Erlaubst du, daß ich die Vorhänge zurückziehe? Du hast Angst vor dem Licht.«

Sie trat ans Fenster, und er sah sie im Abendlicht in ihrer ganzen blühenden Kraft vor sich stehen. Sie lehnte sich ans Fenstersims, streichelte die bronzene Schlange erwartungsvoll mit der tanzenden Spitze ihrer Reitpeitsche und schaute lächelnd auf ihn nieder. Ein sinnlos betörender Duft kam von ihr zu ihm, etwas wie das Heimweh des Sommers nach dem Frühling, die liebliche Fülle ihrer warmen Mädchenschaft atmete gebieterisch in einer unschuldigen Sorglosigkeit den süßen Hauch lebendigen Daseins, als spräche Gottes Freude am Erschaffenen ihr unsterbliches Wort des Wohlgefallens an der erstandenen Erde.

Haltlos tastete Helmut auf dem Schreibtisch umher, ergriff zitternd einen beschriebenen Bogen, der die Siegel des Amts von Cismaren trug, und in einer leidenschaftlichen Gebärde der Hingabe, die etwas von dem Krampf eines berauschten Gehorsams gegen die heiße Wirkung des Mädchens hatte, schlug er ihr das Papier entgegen, daß es hörbar in der Luft flatterte.

Sie nahm es bestürzt mit großen, wachsamen Augen, die ihn beinahe warnend musterten, und ohne zu sprechen.

»Lies«, rief er bebend.

Sie sah ihn immer noch an, änderte plötzlich ihre Haltung, so daß sie weniger leichtfertig war, zog ihren Fuß zurück und glättete mit einer unbewußten Bewegung der Hand ihr Kleid über dem Knie. Dann lehnte sie sich etwas ins Licht zurück und begann langsam zu lesen.

Helmuts Herz pochte schmerzhaft. Er empfand, daß diese Art der Darbietung wie ein Raubanfall an eine Gegenleistung scheinen mußte. Er schämte sich tief, aber irgendein leidender Zorn hinderte ihn an jeder gütigen Gelassenheit. Man stirbt nicht liebenswürdig, dachte er. Glaubst du, ich schenkte dir irdische Güter, meinst du, die Äcker bekümmern mich, oder die Herden?! Was mich bekümmert, ist der Tod ...

»Hallo!« Afra war aufgesprungen und stand kerzengerade vor ihm. Ihre Augen leuchteten wildherzig und froh:

»Also Wendalen ist jetzt mein Eigentum?!«

»Ja«, sagte er schwankend und ohne Fassung, »es bedarf allerdings ... noch einer Formalität ... Du mußt mit mir nach Cismaren ...«

»Das macht ja nichts. Also ... vielen Dank!«

»Bitte«, sagte er.

Es ist wahr, dachte er und sah bleich vor sich nieder, das Sterben ist keine Heldentat, niemand erkennt es an. Und dann würgte ihn etwas an der Kehle, die eiskalten Hände eines widerwärtigen Gespenstes, das mit dem Erdrosseln beharrlich eine herzlose Pflicht ausführte: Ich bin allein! Oh, wenn er hätte sprechen können, von sich, wie es um ihn stand, wie sein Herz beschaffen war und wo sein tiefstes Leid brannte.

»Wenn ich es nehme, so tue ich es, weil ich dich liebhabe und weil ich nun frei vor dir dastehe und du nicht mehr darunter leidest, daß ich nicht auch äußerlich deinesgleichen bin.«

Nicht einen Augenblick hoffte er, sie möchte die Liebe meinen, die er ersehnte, aber doch erlösten ihn ihre Worte, sie machten ihm das Schwerste leichter, da sie ihm seine Bitterkeit nahmen. Er wollte etwas sagen, aber er konnte nicht sprechen. Sie ließ ihn ruhig gewähren, wie man einem Kranken Zeit läßt, bis er endlich sagen konnte:

»Mein Leben ist in deine Hand gegeben, Afra.«

Darauf antwortete Afra ihm nicht, so daß es ihm klar wurde, daß er in seinem Wort wohl zu weit gegangen sein mußte, denn er konnte sich nicht denken, daß eine Schuld bei Afra lag. Sie senkte den Blick nicht, es schien ihr wohl Mühe zu kosten, aber sie gab nicht einen Schein von Beschämung zu. Die unerbittliche Sicherheit, mit der sie den Platz einnahm, den er ihr einräumen mußte, tröstete ihn und gab ihm Halt. Erst viel später wußte er, daß er zusammengebrochen wäre, wenn Afra auch nur im kleinsten eingestanden hätte, daß er mehr als seine Pflicht getan hatte.

Aber er hatte sich niemals so allein gefühlt wie nun, da Afra die Tür hinter sich schloß. Ein grenzenloses Heimweh überfiel ihn jählings, als müßte er sich aufmachen und davoneilen, um die einfache und arme Lebensweise aufs neue zu beginnen, die er verlassen hatte. Er dachte an Elsbeth und an sein Kind, alles drängte ihn zu einer Rückkehr, ihm war, als läge alle Heimat, die es für ihn noch geben könnte, in einer Umkehr.

Da hörte er Afras Lachen im Hof, und sein Herz verwandelte sich. Er sah sie unten mit Friedel stehen, der sich kokett beim Reden drehte; und Afras Gesicht, voll komischer Weisheit und neckisch überlegen, spiegelte seine Scherze wider.

Da warf er sich in den Sessel, atmete mühsam und sagte sich:

Schließlich ist es kaum der vierte Teil meines Vermögens, den ich verschenkt habe.

Zehntes Kapitel

Es folgte eine Nacht, die neuartig für Wartalun begann und die böse endigte. Friedel hatte vorher mit Helmut im Schlosse umhergestöbert, und sie waren auf ihrer Irrfahrt auch in die Kellerräume gedrungen, die Melchior mißtrauisch bewachte und widerwillig erschloß. Durch die dicken Mauern fielen spärliche Streifen von Licht aus niedrigen vergitterten Fensterchen in die steinernen Tiefen. Hier entdeckte Friedel zu seinem jubelnden Entzücken ganze Wände voller Weinflaschen, die sorgfältig gereiht, ganz eingehüllt in Staub, nur hier und da im Licht der Laterne aufblinkten. Melchior stand wie eine beleidigte Bildsäule und leuchtete, während Friedel sich wie unsinnig gebärdete, sich ausgelassen auf die Schenkel schlug und eine dithyrambische Ansprache an die Überfülle verkapselter Daseinsfreude hielt, die hier schlummerte.

Helmut zog gleichmütig eine Flasche hervor:

»Das hab' ich ja gar nicht gewußt.«

»Barbar!« schrie Friedel. »Was machst du denn mit der Flasche? Du bist von Grund aus ohne Religiosität. Bildest du dir ein, so was ließe sich ungestraft auf den Kopf stellen?«

Helmut gab die Flasche gutmütig an Friedel zurück, der sie behutsam in ihre alte Lage bettete.

»Gibt es nicht was zu feiern?« fragte er.

Da sagte Helmut rasch, in leidendem Leichtsinn:

»Heute ist die Übergabe Wendalens an Afra erfolgt.«

Da fiel die Laterne aus Melchiors Hand klirrend auf den Boden und erlosch. Langsam schlich sich das Tageslicht spärlich durch den langen Felsgang herab. Alle schwiegen. Der Alte suchte mit bebenden Händen unter den Scherben nach dem Kerzenstümpfchen.

»Verbrenn dir die Finger nicht«, sagte Helmut in einem Tonfall, der seinen Worten eine Bedeutung, über die Augenblickssorge hinaus, verlieh.

Er atmete auf, als sie nach einer kleinen Weile im Abendsonnenschein auf der Terrasse standen. Friedel griff den Gedanken einer nächtlichen Feier mit Begeisterung auf, und Helmut ließ sich bereitwillig mitreißen. Es war ihm ein beglückender Gedanke, für Stunden einmal wieder Vergessen zu finden und den verschollenen Klang seiner ersten Jugend heraufzubeschwören. Daß er nicht eher darauf gekommen war!

»Melchiors Verschwiegenheit ist schon beinahe Diebstahl«, meinte er.

Friedel lachte.

»Wenn man den Kerl sieht, hat man das Gefühl, als wandele das böse Gewissen als Gespenst über die Erdkruste. Halb Beichtvater, halb Erbtante, schlumpt er umher und ist auf Moral aus. Dabei strömt er einen Modergeruch aus, daß alles verschimmelt, was er anglotzt. Läßt sich sowas nicht pensionieren?« Friedel geriet in heiligen Eifer, gleich darauf verlangte er von Melchior eine Weinkarte.

Der Alte wandte sich an Helmut:

»Es ist ein Verzeichnis da, Herr Graf.«

Diese Aufstellung entzückte Friedel bis zu Tränen.

»Weißt du, Helmut, dein Graf Konstantin, dein Onkel, oder war es nicht dein Onkel, jedenfalls war er ein Heros auf dem Schlachtfeld edelster Genüsse.«

»Fängst du auch an ...« sagte Helmut unbeherrscht.

»Womit? Wieso?... Darf ich für heute abend auswählen?«

»Ja, wähle. Wir trinken im großen Saal. Ich werde Afra unterrichten.«

Er schlenderte fort über den Hof auf die Wirtschaftsgebäude zu, und Friedel schloß Freundschaft mit Melchior, den er für seine festlichen Vorbereitungen brauchte.

* * * * *

Als das letzte Sonnengold auf den Turmspitzen des Schlosses erloschen war, hoch, wo der goldene Hahn sich gegen den Wind wandte und das alte Wappenkreuz funkelte, als der braune Mond schwermütig über die schwarzen Moorgräben sah, die unter Schleiern lagen, ertönte ein lang verschollener Silberklang aus den hohen, weit geöffneten Saalfenstern in den stillen Hof nieder: das Klingen der alten Weingläser von Wartalun. In ihren goldenen Kelchen blinkten die Wahrzeichen des Geschlechts in funkelnden Farben und reinem Gold. -- O Afra, dein Mädchenlachen! Der Wein, dessen Duft aus diesen Kelchen blüht, überströmte das alternde Herz und die junge Seele deines ritterlichen Herrn, der begraben liegt. Im Geist dieses Weins lohte der schwermütige Liebeszorn des Beschlossenen über das blühende Frühlingsland deines jungen Leibes, der in der Kraft seines starken Geistes aufwuchs. Was sinnst du nieder in das schaukelnde Gold deines Glases? -- Er gibt dich nicht frei.

Friedel, Lump! Auf! Hol deine Geige. Schaff den Geistern der Versunkenen ein himmlisches Reich, in das sie fliehen können, und den Geistern der Lebendigen eine Zuflucht für ihre Träume und ihre Trauer. Hinauf mit dir, Lump, auf den flüchtigen Thron deiner einzigen Herrschaft. Unser Begehr ist, die Menschenfinsternis unserer armen Tage zu vergessen, dein Spiel nimmt unseren Herzen den Alltag hinweg, dein Spiel macht die Welt zeitlos. Schau Afra an, wenn deine Hände zittern. Spiel, daß die bronzene Krone ihres Haupthaars wie Abendschein über ihre Schultern rinnt und die Blumen von ihren Schläfen im Wein sterben, der längst vor ihnen geblüht hat. Spiel weiter, der Wein wird dir Mut geben, hochzeitlichen Mut der unsterblichen Sehnsucht deiner vergeudeten Jugend, daß Afra dein wird, solange die beseligte Himmelfahrt deiner Töne dir ewige Reiche eröffnet. Und dann stirb! Du mußt dahin! Die qualvolle Allgewalt der dunklen Lebensmächte, denen auch du gehorchen wirst, zwingt dein Haupt in ihren umnachteten Schoß. Es ist im ewigen Buch verzeichnet: Dir wird auch das genommen, was du hast. --

Seht ihr nicht, wie die Angesichter der Verblichenen, die von den Wänden niederschauen, ihr Leben zurückgewinnen, wenn die Wohltaten der Geige erglühen? Laßt euch von ihren Klängen in das Reich der Dahingeschiedenen emportragen. Sie steigen zu einem seligen Reigen in eure Erdengemeinschaft nieder und erleuchten mit ihrer im Tode erkauften Unschuld den dämmerigen Saal. Der Falke hebt sich von der weißen Hand der lächelnden Reiterin im schimmernden Wandteppich, und mit hellem singendem Schrei schwingt er sich in die dunkle Wälder zurück, die draußen im Mond schlafen ...

Der arme Friedel ließ bleich und zitternd seine Geige sinken. Er stürzte seinen Wein hinab, als suchte er nach einem neuen Weg, um seinem Herzen die Feierstunde zu bewahren. Afra sah mit heißen, leuchtenden Augen auf ihn hin, und die Stirn des jungen Grafen Helmut ruhte auf der Kante des schweren Eichtisches.

Da riß ein kurzes Aufschluchzen die Befangenen aus ihrem Bann, und ein helles Lachen Friedels erlöste sie. In der Saalecke rang Martin fassungslos mit seinem Herzen, seinem Wein und seiner Müdigkeit. Afra rief ihn herbei, sie verwies Friedel sein Lachen und reichte Martin die volle Flasche. Melchior war zur Ruhe gegangen und träumte davon, die Mauern des Schlosses stürzten mit donnerndem Krachen nieder und begrüben die Frevler am Gut des Toten.

»Ist noch Wein oben?« fragte Afra.

Martin nickte schwermütig.

»Geh zu Bett, Junge, geh ... Ich werde schon für das übrige sorgen.«

»Martin hat's gut bei Ihnen«, sagte Friedel.

»Sie können ja auch zu Bett gehen, wenn Sie wollen.«

»Nein«, sagte Friedel, »ich bleibe inständig lebendig, solange Sie diesen Saal erhellen, Fräulein Afra.«

Hell war er nun freilich nicht, der große, hohe Saal, denn die Kerzen, die zwischen Rosen auf dem langen Tisch brannten, erhellten die fernen Ecken nur ungewiß, und der heraufsteigende Mond an den Fenstern gewann langsam an Kraft und machte den Lichtern die Herrschaft streitig. In diesem magischen Dämmerschein, unter der hohen, dunklen Decke, nahmen sich die Gestalten der Menschen seltsam klein aus, wie Verirrte, die sich um die Kerzen zusammengedrängt hatten. Aber niemand schien daran zu denken, diese ungewohnte Nacht zu beenden. Die Allmacht des Weins fand bei Helmut und Friedel haltlose Gemüter, und Afras Sinne glühten hochgemut und in freudigem Triumph ihrer neuen Würde und ihrer jungen Herrschaft. Sie sprach wenig, und die Wirkung des Weins war nicht bei ihr zu spüren, sie wahrte sich eine freie Gelassenheit, und die wildherzigen Träume ihrer erhobenen Seele stürmten weit über die Wünsche der beiden Friedlosen fort, die um ihretwillen versanken. Aber allmählich wurde der Geist des Weins in ihrem Blut mächtiger, aber mit ihm auch ihr Verlangen nach fernen Zielen und großem Tun, denn das Erreichbare erschien ihr gering. Wie sollten diese hier ihr Gewähr leisten, daß ihr Bestes gewürdigt wurde? Plötzlich stand sie auf, schüttelte langsam mit einer aufwiegelnden Beharrlichkeit tiefinnerster Hingabe ihr kindliches Haupt, bis die goldenen Haare niederbrachen, ergriff die Blumen, die den Tisch schmückten, mit einer trotzigen Hast zu einem verwegenen Strauß in ihrer Hand, hob mit der anderen ihr Glas und rief:

»Es lebe Graf Konstantin!«

»Er sei verflucht!« heulte Helmut auf und zerwarf sein Glas, daß es an der Steinwand mit einem hellen Knall zerstäubte und kaum ein Klirren am Boden folgte.

Friedel sprang auf, daß sein Sessel tanzte, und starrte die beiden an, als sähe er Gespenster. In der Stille, die entstand, erhob sich von außen her etwas Unfaßbares, etwas, das niemand verstand und das doch alle nahen fühlten. Jetzt wußten sie es, es mußte draußen eine letzte Tür aufgestoßen worden sein, es war ein helles, wildes Geschrei um Hilfe. Nun war die Saaltür erreicht, nun knallte sie auf, und Iduna stürzte herein, die Hände hoch erhoben, die Haare wild um den Kopf, im flatternden Kleid:

»Helft! Zu Hilfe! Die Gnädige stirbt ... Das Kind ... sie dreht sich am Boden!«

Afra sprang auf. Mit einer einzigen Geste schien sie die Herrschaft über die Nacht an sich zu reißen:

»Laß dein Geschrei!« Sie war mit wenigen Schritten bei dem Mädchen, und obgleich sie es hart anfuhr, richtete sie die Zitternde freundlich auf, die vor Erregung und Angst in die Knie gebrochen war. Dann ergriff sie Helmuts Arm:

»Wo willst du hin? Du kannst dort nicht helfen. Komm hinab, hilf mir!«

Die Ernüchterung aller war wie mit einem Schlag eingetreten. Iduna wurde zurückgeschickt, und sie ging gehorsam, die entsetzten Blicke bis zuletzt in Afras Gesicht, deren Wille sie gehorsamer machte als jemals ein anderer. Unten im Hof war es in wenig Minuten lebendig. Afras beherrschte, beinahe frohe Hast ergriff das erwachte Haus. Martin mag im Leben kein Aufstehen schwerer geworden sein als dies, aber der Eifer seiner Herrin belebte ihn, daß er Wein und Müdigkeit vergaß.

»Rasch! Du mußt nach Wartaheim! In einer halben Stunde bist du da, hast du verstanden! Nimm >Husar< und >Prinz< und schlag drauf, was dein Arm aushält. In einer halben Stunde, verstehst du?! Nicht eine Minute weniger brauchst du!«

Sie sattelte Joni selbst. Zwei Knechte halfen ihr. Das edle Tier wurde von der Unruhe ergriffen und war schwer zu halten.

Martin zog den leichten gelben Landwagen aus der Remise. Dann überließ er alles den anderen und half Afra. Der Mond leuchtete.

»Willst du reiten? Wohin willst du reiten?«

»Zum Arzt, die Frau Gräfin ... bekommt ihr Kind. Zieh an! Fester.«

»Nein«, sagte Martin, »so fest darfst du den Gurt nicht ziehen.«

Afra trat zurück und ließ den Burschen machen.

»Wir warten auf dem Kirchplatz!« sagte sie. »Der Arzt und die Amme müssen in unseren Wagen. Fahr wie der Teufel. Ich verlaß mich auf dich. Marsch, sorg für den Wagen! Ich sorge in Wartaheim dafür, daß alles zur Stelle ist.«

Joni stieg empört. Afra gewann den Sattel mit Mühe, und Martin mußte ihr noch einmal zu Hilfe eilen.

»Ich danke dir, Afra ...« Helmut versuchte ihre Hand zu ergreifen, es gelang ihm nicht. Er sah nur Afra, er dachte nur an sie. »Hüte dich ... reit nicht zu wild ...«

Es antwortete ihm ein heller Ruf. War's ein Zuruf an das Pferd, ein Abschiedswort ... er wußte es nicht. Er sah nur Joni anspringen mit einem langen Satz, so daß die Reiterin weit nach hinten flog, aber sie gewann wieder Sitz, und der hohe Rachen des Tors verschlang diesen hellen Triumph von Hast und Willen.

Taumelnd stürzte Helmut, von Friedel gefolgt, vor das Tor. Ein klirrender Sturmwind riß draußen in einem schaukelnden Flug Pferd und Reiterin auf dem hellen Band der Straße in die mondflimmernde Nacht hinaus. Auch Martin vergaß in diesem Augenblick alles andere, er stand im Tor und starrte Afra nach, vorgebeugt, beide Hände an den Schläfen:

»Jetzt«, keuchte er, »jetzt ... jetzt ...«

»Was denn?« stieß Helmut wie im Fieber hervor.

Aber da schien es geschehen: Martin stürzte mit einem wütenden Aufschrei vor, der zugleich etwas von einem todesbangenden Jauchzen der Begeisterung hatte. Draußen klang die Nacht nicht mehr. Die Straße war leer.

»Teufel, o Teufel!« schrie Martin und bearbeitete die Luft mit den Fäusten. »Sie reitet durchs Moor!«

* * * * *

Gleich darauf rollte der Landwagen mit Martin in schnellster Fahrt die Landstraße dahin auf Wartaheim zu. Martin schonte die Pferde nicht, aber obgleich ihn fieberte, bändigte er seinen Mutwillen. Afras Tollkühnheit hatte ihn eigen ernüchtert; wie schon stets als Kind er es gewesen war, der ihr wildes Herz in seine bedächtige Bauernweisheit einfing. Hier war ihm die Gespielin seiner Jugend wohl auf Leben und Tod entgangen, aber es sollte nicht an ihm liegen, dies drohende Unheil nicht nach Kräften zu beschwichtigen. Vielleicht brauchte Afra Wagen und Pferde noch diese Nacht für sich selbst. --

Der Lump torkelte durch den Schloßhof, der halb im Mondschein lag.

»Das ist es, das ist es ...« stotterte er, »das Lebendige, das Leben! Gleichgültig für was. O Helmut, Bruder im Verfall, deine gräfliche Scheune beherbergt das wildeste Herz der Welt. Ich bin es, der dort draußen reitet, verstehst du? In allem, was sie tut, bin ich! So wie Gott mich vorhatte, wie meine Mutter mich erhoffte, solange sie noch nicht der peinliche Vorfall einer näheren Bekanntschaft mit mir überrumpelte ...« Er besann sich: »Helmut, armer Junge, ich weiß ja: da oben! Aber wenn ich in der Welt zu nichts mehr nütze bin, so laß dir doch mein Verständnis ein Trost sein. Wer Afra nicht ... nun, du weißt ... es wäre die Sünde gegen den Heiligen Geist ... Ach, Bruder ...«

Helmut raffte sich auf:

»Du bist betrunken. Komm zu dir. Es wird das beste sein, du gehst zu Bett.«

»Ja«, sagte der Lump traurig, »schlafen ... Aber höre, du mußt mir eine deiner blanken Jungfern mit unter die Laken geben, eine von denen, die ihre Jugend unten in den Katakomben deiner Baracke vertrauern. Sonst komme ich nicht über diese Nacht.«

»Nimm, was du willst«, sagte Helmut, »im Saal findest du noch Flaschen genug.« --