Wartalun: Der Niedergang eines Geschlechts
Part 9
Die letzten Rosen an dem hohen Staket des Eingangs glühten im späten Mondlicht. Vom Garten her wehte es feucht, er lag dunkel im Schlaf in seiner sommerlichen Schwermut. Aus der Gesindestube klang eifriges Flüstern, überall war Licht im Schloß, die Pferde stampften unruhig in den Ställen, und zuweilen rasselte eine Kette. Friedel hatte sich auf den Weg gemacht, und Helmut schritt langsam durch das Portal, den matterhellten Flur hindurch und erstieg müde und fröstelnd die Treppe. Er sah durch das Fenster zum Flügel hinüber ... Dort oben! Ihn schauderte. Er hörte, gedämpft, wie aus der Erde herauf, lang hin hallende Schreie. Eine Stiege höher sah er Melchior am Treppenfenster stehen. Er schien ihn nicht zu hören. Als er näher kam, vernahm er die gebrechliche Stimme des Alten, und nun erkannte er auch, daß er mit heißgerungenen Händen, die gefaltet waren und sich beschwörend hoben und senkten, hinausstarrte in das nächtliche Land, nach Wartaheim hinüber. Und nun verstand er die dumpfen Worte:
»Herr Christ, hilf Afra. Hilf ihr! Behüte sie, behüte sie!« --
»Du wirst es bis an deine letzte Stunde gut haben in meinem Hause«, flüsterte Helmut, und sein Herz strömte über. Er schlich leise vorüber und preßte die Zähne auf die Lippe. --
Die Nacht und den langen kommenden Tag hindurch bis in den späten Abend lag Wartalun mit seinen Menschen im düsteren Bann einer qualvollen Erwartung. Schon am Nachmittag unterrichtete der Arzt den jungen Grafen, daß er sich auf das Leben seines Kindes keine Hoffnungen machen dürfe, es müßte alles geschehen, was in Menschenkräften stände, das Leben der Mutter zu erhalten. Er mußte noch einmal nach Wartaheim und befahl Martin, der ihn fuhr, die Pferde zu mißhandeln. Trotzdem kam er mit seinen letzten Mitteln zu spät, und am Abend atmete das Schloß in tiefer Trauer auf.
Helmut war durch Bangen, Hoffnung und Selbstmarter nicht mehr fähig, die Kunde voll zu erfassen, die ihn betraf. Der Arzt fand ihn in seinem Zimmer vor dem Schreibtisch, und auf die Nachricht hin sank das gequälte Haupt des jungen Vaters auf die Arme nieder, die auf dem Tisch lagen.
»Die Mutter lebt, Herr Graf.«
Ein Kopfschütteln ...
Erst als der Arzt sich nach vielen Bemühungen zurückziehen wollte, richtete sich Helmut auf und fragte:
»War es ...« Er stockte.
Der Arzt war wieder an seiner Seite.
»Wonach fragten Sie?«
»Ein Sohn?«
Der Arzt nickte und verließ stumm den Raum.
Der Abend bekränzte das herrliche Schloß mit himmlischen Rosen. Unten im Weinlaub des Gartenhauses spielte der Lump seine Geige in der kühlen Luft. Helmut schellte nach Afra. Sie trat kurz darauf mit ernstem Gesicht vor ihn hin.
Er versuchte zu sprechen. Dann überwältigte ihn sein Schmerz zum erstenmal, als er Afras Augen voll heißen Mitleids auf sich ruhen fühlte. Er umschlang sie hilflos wie ein Kind und ließ sein Haupt an ihre Brust sinken.
»Afra, liebe Afra, sei barmherzig. Oh, bedenke, daß ich nichts bin als ein Mensch, nichts mehr habe als das was du mit deinen Armen stützt.«
Afra trat von ihm zurück. Da schrie er:
»Erbarme dich meiner! Erbarme dich meiner!«
Das Mädchen wurde bleich bis in die Lippen, und mit der Gebärde einer sich neigenden Bildsäule, steif und hart und hilflos, gab sie ihm ihren Mund für seine Küsse.
»Bin ich durch meinen Schmerz meiner Heimat ein einziges Mal nahe? Wieviel muß ich leiden, um erlöst werden zu können? Afra, mein Kind ist tot. Mein Sohn ist tot. Mein Weib wird nicht leben, bevor du ihr nicht zurückgibst, was ich dir geben muß.«
»Was soll ich tun?« fragte Afra.
Er flammte auf, als habe ihre Frage das bohrende Feuer seiner Hoffnung zum Lodern entfacht, aber als er ihr Gesicht sah, sank er auf die Knie.
»Geh! Du kannst nicht ... Du darfst nicht. Herrliche, wer bin ich, daß ich hoffe, du möchtest mich lieben. Göttlich-Lebendige du, du ewige Jugend meines zertretenen Daseins, du Geliebte Gottes ...«
Afra trat scheu und mit großen Augen von ihm zurück. Ging durch ihr Herz der erste Glaube daran, daß die Liebeskraft dieses Mannes vielleicht doch hinüberführte in das Heimatland ihrer traumdunklen Weibessehnsucht, die noch unter den blühenden Härten ihres Mädchentums schlief? Ein verzehrend süßes Gefühl von überströmendem Mitleid brannte in ihrem Blut empor, aus ihm mochte die holde Frage stammen, die sie andächtig und wild hervorstieß:
»Was willst du? Ich weiß es nicht. So tu, was du mußt ... ich möchte gut sein ...«
Aber er schien plötzlich wie erloschen, mit einem Ausdruck von Schwäche und Verstörtheit stammelte er:
»Du hast nicht gehört, ob Elsbeth nach mir gefragt hat?«
Mühsam raffte er sich auf und stützte sich am Tisch. Und da geschah das Unerhörte. Afra schnellte steil empor, ihre Augen flackerten plötzlich wie verdunkelt und voll Haß, voll eines Hasses, der nicht ihn meinte, sondern eine Gewalt, die sie in ihm zu erfühlen geglaubt hatte und von der sie sich auf unverständliche Art um ihren Glauben betrogen sah. Wie hätte sie sonst wohl jemals die Herzenshärte aufbringen können, einen gebrochenen Menschen zu schlagen? Ihre Hand traf sein Gesicht, daß er taumelte, und sie sagte in einer beinahe dämonischen Sicherheit:
»Du Erbärmlicher.«
Unten im Weinlaub des Gartenhauses spielte der Lump immer noch die Geige, sich zum Vergessen, anderen zum Trost. Als Afra die Treppe niederschritt, rannen ihr über die Wangen große Tränen nieder, deren Ursache sie nicht verstand. Sie dachte nicht an die junge Frau, die oben im Schloß die letzte Hoffnung ihres Lebens im Grund ihres matt pochenden Herzens begrub, und nicht an den Mann, der sie gedemütigt hatte. Was ihr Sinn ahnte, lag fern von allem, was ihr geschehen war, im hellblühenden Nebelland der Zukunft, dem sie entgegenschritt, im Großen, im Vollkommenen, am Herzen Gottes.
Elftes Kapitel
Die wilde Spätsommersonne fand durch die halb geöffneten Läden in das Leidenszimmer der jungen Frau, die ihre schwersten Lebensstunden ohne die Liebe eines Menschen durchlitten hatte. Als man den kleinen Leichnam forttragen wollte, warf sich die Mutter, alles vergessend, über das Lager des Kindes, klammerte sich mit ihren blutleeren Händen an der Wiege fest und wollte ihr Kind nicht davontragen lassen. Ihre niederbrechenden Haare bedeckten es, und sie preßte ihre elende Wange auf sein erloschenes Augenpaar. Niemand konnte sie mit dem Gedanken vertraut machen, daß der kleine Tote von dannen mußte, um in der Erde zu ruhen. Sie stieß mit ihrer geschwächten Stimme ein Geschrei aus, dem kein anderes Geschrei auf der Erde zu vergleichen ist, und ihre klammernden Hände konnten erst gelöst werden, als ihre Sinne in eine lindernde Ohnmacht versanken.
Sie erholte sich nur langsam, Woche um Woche, und gewann ihre Kräfte niemals wieder ganz zurück. Ihr Herz und ihre Augen wandten sich dem irdischen Treiben nicht wieder zu.
Die Beisetzung des Kindes geschah in großer Stille im Schloßpark in der Begräbnisstätte des Geschlechts, unter den braunschattigen Tannen, an der Seite des Grafen Konstantin. Das Kindlein lag weiß verhüllt und schlummerte in seiner dunklen, engen Wiege, die seine einzige irdische Lagerstätte bleiben und die es mit keinem anderen Lager vertauschen sollte. Der Pfarrer von Wartaheim sprach über dem kleinen Sarg, bevor er in die Nacht der geöffneten Erde versenkt wurde. Er breitete seine Hand segnend über das kleine Menschenwesen aus, das die Erdenfinsternis nur für ganz kurze Zeit berührt hatte, um sie für immer zu verlassen. Er betete darum, daß diese Reise ins Licht führen möchte und daß das Kind den Vater im Himmel finden möge.
Als Afra Blumen auf die Grabtafel legte, brachen Helmut die ersten Tränen um seinen Sohn aus den Augen. Afra sah es und reichte ihm ihre Hand. Als sie nebeneinander den Tannenweg zurückschritten, sagte sie:
»Ich möchte, du könntest die arge Stunde auf deinem Zimmer vergessen. Ich bemühe mich darum. Ich habe nichts Böses tun wollen.«
»Ach, Afra«, antwortete er, »meinst du, dieser Schlag, der mein Gesicht getroffen hat, wäre den Schlägen zu vergleichen, die ich durch mein Geschick erdulde? Ich weiß besser als du, warum du so gehandelt hast. Wie sollte mich das Leben in seiner herrlichsten Vollendung anders treffen als in seinem täglichen Walten? Ihr, hoch oben, wißt nichts von uns, und ich glaube, ihr sollt es nicht wissen. Versuche mich zu verstehen, wenn ich heute weiß, daß das Mitleid, das ich von dir gefordert habe, eine Herabwürdigung deines Werts bedeutet hätte. Ich lerne langsam begreifen, daß unser Trost nicht in einer Verschmelzung der Schönheit und des Reichtums anderer mit unserer Dürftigkeit liegen kann, sondern nur darin, daß wir unterscheiden lernen und im Unerbittlichen Gottes Willen am deutlichsten fühlen. Aber wer kann es? Wenn ich die Kraft finde, soll mein Lebensdank darin beschlossen sein, dich so unvergleichlich herrlich und lieblich auf derselben Erde, in der gleichen Natur zu wissen, die auch mich zu Vollkommenem im Sinne hat.«
Afra sah bewegt vor sich hin. Sie antwortete ihm zögernd:
»Ich verstehe dich nicht ganz, aber ich kann fühlen, daß deine Worte von Herzen gemeint sind.«
Da verließ er sie und schritt rasch auf einem Seitenweg in den Wald hinein. --
* * * * *
Die letzten Wochen hatten Afras Wesen verändert. Mit der Fülle von Lebenseindrücken und Geschehnissen, die über sie hereingebrochen waren und vor deren wechselndem Übergewicht ihre starke Natur sie bewahrte, war eine seltsam frühe Reife ihres Wesens überraschend schnell und sicher herbeigeführt worden. Eine bevorzugte Menschennatur unterscheidet sich dadurch von einer benachteiligten, daß sie in ihrer Jugend auch den stärksten Eindrücken nur vorübergehend erliegt und von allen Gaben der Umwelt nur die bewahrt und nur soviel von ihnen, als ihr zu ihrer gesunden Entwicklung notwendig ist. Ihre häufige Begleiterscheinung ist in früher Jugend eine an Bewußtlosigkeit grenzende Benommenheit der Sinne, die etwas vom herben Schlaf der Wälder und Wiesen an sonnigen Märztagen hat. Denn die Natur hütet ihre erwählten Kinder, damit ihre Kräfte nicht unnütz und voreilig verblühen, weil sie in ihnen um ihre höchste Offenbarung und um ihren letzten Triumph ringt.
Das junge Mädchen führte keine wesentlichen Veränderungen in der Verwaltung von Wartalun und Wendalen ein. In ihrem Tun und Verhalten verriet nichts ihre neue Stellung, sie besprach die wichtigsten Angelegenheiten nach wie vor mit Helmut, obgleich sie bald empfand, daß sein Interesse mehr und mehr erlosch. Einmal hatte er noch versucht, sich aufzuraffen, er hatte sich bemüht, seine Sinne für die köstliche Wahrheit zu schärfen, daß das weite Land umher in seiner Schönheit und Einträglichkeit sein ihm anvertrautes Eigentum war, das Wild in den Wäldern, die Fische in den Bächen und das Korn der Felder. Er betätigte sich hier und da wohl flüchtig ein wenig, aber er gewann keine Beziehung zu seinem neuen Besitz, die ihn beglückt hätte. Auch seine geistige Arbeit ruhte immer noch. In Afras belebtem Frohsinn und in ihrer unermüdlichen Schaffenskraft ruhte er beschauend und versinkend aus.
Am Tage der Grablegung seines Kindes war er am Abend gegen den eigenen und gegen Elsbeths Wunsch in ihr Zimmer eingedrungen. Der schwüle und beengende Hauch von Medikamenten und matt pochendem Dasein schlug ihm lau entgegen. Er erschrak furchtbar, als er sein Weib sah. Ihr Gesicht ruhte spitz und eingefallen in den großen Kissen, deren blendendes Weiß es grau und wächsern erscheinen ließ. Die beiden Arme lagen gerade an den Körper gebettet und die Hände schienen erstorben. Sie bewegte sich nicht, als er an ihr Bett trat, sie sah ihn nur an und lächelte. Und dieses Lächeln dankte ihm für das verflossene Glück ihres Lebens, das sie hatte geben und empfangen können, es erhob sich mit ihm ein schwacher Widerschein ihrer Kindheitshoffnungen und ihrer ersten frauenhaften Beglückungen, es lag ein kaum spürbares Bitten wie um Vergebung darin, als schämte sie sich ihres armen Zustandes und als wünschte sie ihre Schuld in seinen Augen ausgetilgt zu sehen. Aber von aller Bedrängnis ihrer letzten Wochen, von Zorn oder Anklage war kein Schatten mehr in ihren Augen. Der letzte, große Schmerz hatte alles hinweggeschwemmt wie ein glühender Lavastrom.
Helmut verwand dieses Lächeln nie. Ihm war, als habe er bisher von Schmerzen nur Sagen und Märchen vernommen. Es brachte ihm den ersten Geschmack auch seines Todes auf die Lippen, und dieser Geschmack, der bis tief in die Kammern seines Herzens drang und sein Blut bis in alle Poren durchsetzte, erschien ihm kalt und von schneidender Süßigkeit. Er sah für einen kurzen Augenblick hohe, beschneite Berggrade, ein unabsehbares Gefilde, und darüber hin sauste in unfaßbarer Freiheit ein leerer, singender Wind.
Dieser Zustand dauerte nur kurze Zeit, aber er ließ keinen Gedanken zu, er erstickte jedes Aufwallen von Mitleid und von Erbarmen, alle Vorsätze und jeden inneren Kampf. Er sah seinem Weibe mit einem Blick in die Augen, der eine grauenvolle Zuversicht enthielt, die beinahe wie ein Triumph aussah und eine unaussprechliche Ruhe enthielt.
»Ich komme auch ...« sagte er nur, und so leise, daß es wie ein Seufzer klang.
Aber das Leben ging unerbittlich fort. Ein strahlender Herbst zog über Moor und Stoppelfelder durch die Wälder dahin und durch den bunten Garten dem versunkenen Sommer nach. Das rote Meer der Heide glühte, die Weiden färbten sich an ihren sandigen Ufern, und das Moor lag schon am Nachmittag, wenn die Sonne noch schien, in grauen Schleiern. Die tiefe Klarheit des Überwundenen verschönte die sterbende Welt, alles schien in beruhigtes Leuchten versunken, großäugige Engel schritten unter den unsagbar klaren Sternen über die erfüllten Fluren. Es war am Morgen ein Duft in Hof und Garten, daß die Brust der Menschen sich in tiefer Beglückung weitete.
Das Korn war eingebracht, Afra hatte reich an Arbeit ausgefüllte Tage hinter sich, und Helmut sah sie oft nur für kurze Minuten am Abend. Er hatte anfangs versucht, sie zu begleiten, aber als er sah, daß sie seine Ermüdungen merkte und sich zwischen Rücksicht und Pflichtbewußtsein bewegte, ließ er sie allein.
Dafür nahm Afra sich Friedels zuweilen an und stellte ihn bei dieser oder jener Arbeit, die seinem beschaulichen Temperament nicht Einbuße tat, ein wenig an. Er fühlte sich ungeheuer wichtig, und der allgemeine, nicht zu dämpfende Frohsinn der Erntezeit, der überall die Landbevölkerung ergreift, teilte sich damals auch seinem Musikantenherzen mit. Soweit er sich nicht strikte an Afras Anordnungen hielt, störte er überall, eine Tatsache, die ihn in weitgehende Betrachtungen über seine vielseitige Verwendbarkeit stürzte und ihn mit Ermahnungen zu Helmut trieb:
»Ich habe es dir schon oft gesagt: du tust dich nicht genügend um. Ich an deiner Stelle ... Nun, es geschieht ja, was geschehen muß. Wir haben heute das ganze Heu der Annerwehrer Wiesen eingefahren. Kutschpferde, Reitpferde, alles hat geholfen.«
Helmut mußte lächeln.
»Du hast ja nichts getan, als dich zu guter Letzt auf dem höchsten Wagen mit heimfahren lassen. Und dabei bist du noch der Betty zunahegetreten; ich weiß schon alles.«
»Betty hin, Betty her! Übrigens, der ganze Mädelbestand ist hier in Martin vergafft. Die Hauptsache ist, daß man anwesend ist. Die Leute kommen ganz anders voran, wenn sie sich kontrolliert wissen.«
»In der Liebe?«
»Nein, in der Arbeit.«
»Das kommt vom guten Beispiel.«
»Spotte nur. Morgen geht es über die Äpfel her. Von Wartaheim ist die halbe Dorfschule zum Pflücken bestellt. Der Lehrer kommt auch, frißt aber nur. -- Übrigens, Helmut, das ist nun so eine Sache, Afra sprach heute früh mit dem Verwalter Nissen, die Leute erwarten ihr jährliches Fest, das ihnen Graf Konstantin um diese Zeit stets gegeben hat, und sie meinte, daß der Todesfall -- -- du verstehst schon.«
Helmut wandte sich gequält um.
»Das darf den Leuten ihren Lohn an Freude nicht entziehen. Ich werde mit Afra sprechen.«
Er dankte Friedel heimlich für diese Gelegenheit, die er ihm so verschaffte, Afra einmal wieder anders als nur für flüchtige Augenblicke bei sich zu sehen. Beglückt schritt er im Dämmerlicht seines Zimmers auf und ab. Schien nicht draußen die Sonne? Es überkam ihn ein Gefühl von Frohsinn, wie er es lange nicht mehr empfunden hatte, ihm war, als erinnere er sich plötzlich seines Daseins und seiner Jugend. Aber damit erwachte, wie unter einem Vergleich, auch wieder neu und qualvoll das Bewußtsein seiner Ausgeschlossenheit.
Und doch: Afra würde kommen. Mit dem hereinbrechenden Abend würde sie in gewohnter Weise auf jenem Sessel dort sitzen. Die Hände um die Knie gefaltet und den Blick ein klein wenig von unten her in seinen Augen. Er versuchte sich ihre Augen vorzustellen und sah zu dem Bild über dem Schreibtisch empor, das einmal ein flüchtiger Besucher hier nach kurzem Aufenthalt zurückgelassen hatte. Afra hatte ihm damals erzählt, auch jener habe sie geliebt. Ein junges, hochmütiges Fräulein sah ihn an, etwas starr und ohne wärmeres Lebenslicht, aber eigen eindringlich. Der Mund war wohlgetroffen, es schien, als habe der Künstler versucht, von diesem Mund aus das ganze Wesen des Angesichts zu verstehen. Es lag eine leidende Wildheit im Zug der freien Lippen, die oft so breit und sinnvoll ruhten, in ihrer kindlichen, wohlbestellten Daseinsfreude. Als habe der junge Maler in diese Lippen sein eigenes Herz verwirkt, das reicher und ärmer wieder in die Fremde zog. Die Schatten um die Schläfen, unter dem rotblonden Haar, waren von einer aufwiegelnden Süßigkeit leiblicher Wärme und atmenden Bluts, aber die letzte Vollendung des Ganzen fehlte. Es schien, als hätte plötzlich die Kraft versagt, die so gut begonnen hatte, als wäre mit der menschlichen Hoffnung auch das künstlerische Vermögen dahingesunken.
Erst nach dem Nachtmahl, als schon die Dämmerung Haus und Garten einhüllte, hörte Helmut im Hof Afras Schritte. Das war ja auch Martins Pfeifen, so mußte sie gekommen sein. Er entzündete die Kerzen auf seinem Tisch und sah, wie seine Hände zitterten. Vom dunklen Tuch, aus dem Durcheinander, das ringsumher herrschte, erhoben sich still und feierlich die mattfunkelnden Schlangenleiber der bronzenen Leuchter im rötlichen Licht.
Afra kam in ihrem hellen Sommerkleid, Ähren am Strohhut, und legte ihm ein paar späte Kornblumen auf seinen Tisch. Sie lehnte sich im breiten Sessel zurück, ganz wie er es im Geist gesehen, schlug ein Knie über das andere und nahm den Hut von den Haaren. Es fiel ihm auf, daß ihr Gesicht leicht gebräunt war, das ließ ihr Haar heller erscheinen und gab ihren Zügen einen Ausdruck von Kraft, der in einem betörenden Widerspruch zu der kindhaften Lässigkeit ihrer Haltung stand.
»Ach, ich bin müde«, rief sie, und hob die Hände hinter den Kopf. »Ich bin den ganzen Tag nicht zur Ruhe gekommen, auf dem Pferd hab' ich zu Mittag gespeist, und ich war schon auf, als es hell wurde.«
Ein heimlicher Hauch von der Müdigkeit des Tages, vom Korn der Felder und von durchsonnter Luft kam von ihr zu ihm und schlug seine Sinne in den Lebensbann eines friedlosen Heimwehs. Draußen wurde es Nacht. Afras Stimme erschien ihm dunkel von holden Verheißungen, ihre Müdigkeit, die einen herben Duft von Hingabe zu atmen schien, benahm ihm den Willen. Er schloß die Augen im Ringen nach Kraft, die sein drängendes Herzblut bewachen sollte.
Dabei sprachen sie miteinander über die Maßnahmen, die zur Veranstaltung des Festes getroffen werden sollten. Er hatte ihr längst zugestanden, daß er ihr alles überlassen würde und daß es auf alte Art vor sich gehen sollte, aber immer wieder griff er Einzelheiten heraus, machte Vorschläge und fragte, nur um sie bei sich festzuhalten.
Dann war von der Entenjagd die Rede. Sie wollten am Sonntag in der Frühe die Annergräben mit dem Kahn abfahren. Der Landrat hätte für gewöhnlich daran teilgenommen; ob es ihm recht sei, wenn er auch diesmal käme?
Helmut sagte eifrig zu. Während er sprach, schloß er die Augen. Er sah die herbstliche Morgensonne im Schilf und die stillen Spiegel der Moortümpel. Der Wald lag eingehüllt im blauen Atem der versinkenden Nacht. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen:
»Afra«, sagte er leise, »Geliebteste. Wie soll mein Herz schweigen? Ich fühle keine Freude mehr ohne deine Nähe. Ich kann mein Dasein nicht mehr ertragen. Warum läßt Gott zu, daß ich so restlos in dir aufgehe, daß ich keinen Atemzug mehr tun kann, der nicht seine Kraft aus meiner Hoffnung schöpft, deine Augen möchten lernen, auf mich zu sehen, und dein Herz möchte mich hören. Ich tue den Willen Gottes in einem Gehorsam, der keine andere Demut und keinen anderen Willen mehr kennt. Ich habe mein Herz mit aller Gewalt schweigen geheißen, ich weiß deine Antwort, aber begreife, daß niemand sich ohne Seufzen in die Finsternis des Todes abkehrt ...«
Er wandte sich ihr zu und hob seine Hände.
Ihr Haupt war auf die Lehne des Sessels gesunken, ein wenig zur Seite geneigt, ruhte es schwer auf der dunklen Rundung.
Sie schlief.
Zwölftes Kapitel
Die Vorbereitungen zum Herbstfest hatte Afra nach mühsamen Anweisungen teilweise in Friedels Hände gelegt, und zum erstenmal bewährte er sich über Erwarten. Er ging so weit, den Wartaheimer Dorfmusikanten in umständlichen Reden, von denen sie kein Wort verstanden, die Grundgesetze einer höheren Musik klarzulegen, und blieb dies Opfer seiner Geisteswelt auch unbedankt, so gelang es ihm doch, wenn seine Geige ihre Tanzweisen anführte, ein ganz neues Leben und einen frohen Schwung in ihre Spielart zu bringen. Helmut traf ihn, als er mit einer verrosteten Kneifzange im unteren Saal Versuche machte, den alten Flügel zu stimmen, der dort seinen betagten Charakter noch zuweilen bei dererlei Festlichkeiten preisgeben mußte.
»Dieser Apparat ist eine Katastrophe«, sagte Friedel. »Er stammt aus einem Zeitalter, in dem die Musik noch in den primitivsten Uranfängen gewesen sein muß. Hör dies! Ist das ein Ton?«
Helmut mußte es verneinen.
»Gib acht, was ich aus diesem Instrument machen werde. Afra bewundert mich seit gestern mit Hingabe. Sie spielt bereits mit einem Finger, daß dir Tränen über die Backen laufen, lauter alte, bewährte Volksweisen.«
Der Saal lag voller Girlanden, Papierlaternen und Fähnchen, in der einen Ecke wurde eine Tribüne errichtet, in der anderen ein Schanktisch. Von der Linde zu den geöffneten Fenstern waren Schnüre gezogen, die die bunten Ampeln tragen sollten.
»Dieser Konstantin muß ein feiner Kerl gewesen sein, Helmut, da sind wir matte Epigonen, weiß Gott. Er hat den fremden und eigenen Arbeitern dies Fest gegeben, damit ihr Lohn nicht gleich wieder in die Schenken springt. Alles auf seine Kosten, und jedem so viel, als er wollte. Dieses Gesindel weiß nicht, was es bedeutet, einen Kater zu ersäufen, sie schleppen ihn mit heim und ihr Geld dazu, lassen ihn verdursten und denken für Wochen nur an Fortpflanzung. Aber diese Einrichtung ist das wenigste, ich habe den Förster examiniert. Junge, ich sage dir, das ist hier ein Leben gewesen, von dem wir uns in unseren kühnsten Phantasien nicht annähernd eine Vorstellung machen. Dieser schartige Buschklepper da drunten sieht mit seinen zwei demolierten Teckeln auf Jahrzehnte zurück, und der Graf hat für sein Leben Verwendung gehabt, Himmel, das glaub'! Jedes Jahr eine andere Frau! Den Winter über war er in der Hauptstadt, und wenn es Frühling wurde, schleppte er sich Jahr für Jahr eine andere unter die Syringen. Einmal -- ich sage dir, der Förster kann erzählen, daß einem die Haut einreißt -- bekam eine Wind von der Schar ihrer Bettschwestern der Vergangenheit, sie legte sich aufs Ahnen, was die Zukunft betraf, und tunkte sich eines Nachts in den Schloßgraben. Morgens fanden sie sie. Sie schwamm im Hemd an der Oberfläche zwischen den Wasserrosen, und sie fischten sie mit Stangen heraus. Weißt du, mit Stangen ohne Haken, so daß sie immer wieder untertauchte. Der Alte war mit aktiv. Ihre Beine und Arme hingen ins Wasser hinab, und ihre Kehrseite ragte nachdenklich in die Morgenluft ...«
»Schweig«, rief Helmut, »du bist frivol.«