Wartalun: Der Niedergang eines Geschlechts

Part 7

Chapter 73,711 wordsPublic domain

Wie weit und einsam die Sonne an diesen Sommertagen ihren großen Himmelsbogen zog. Langsam wechselte mit den ruhigen Stunden ihr Schein in den hohen Räumen des Schlosses, nun leuchtete der Saal, und im Hof lag noch die abwartende Kühle, die der Garten hinübersandte, nun sanken die hellgoldenen Flecke durch die Lindenzweige auf den Brunnenrand, die Dächer des Flügels strahlten die Mittagshitze aus, und alles schien in Schlaf zu versinken. Nur von den Scheunen herüber, die außerhalb der starken Ringmauer lagen, klangen zuweilen die Rufe von Männern oder Frauen, das Knattern der Leiterwagen und die wohltuenden Stimmen der Haustiere. Mit der herabsinkenden Dämmerung erwachten die melancholischen Töne, die mit der kommenden Nacht der ländlichen Einsamkeit zu entstehen scheinen: ein rasch unterbrochener trauriger Gesang, der sich wie eine Klage erhob und am dunklen Herzen der Erde zur Ruhe ging, von irgendwoher die sanftmütige Heiterkeit einer Ziehharmonika, gedämpft von den Blättern der Linde und auch in ihrer fröhlichsten Weise noch von eigenartiger Traurigkeit, von einer Traurigkeit, die dem Seufzen der ermüdeten Kreaturen zu entstammen schien und die sich in keine Gewißheit von Licht oder Freude zu erheben vermochte. Fern aus dem Moor herüber antworteten zuweilen fremdartige Vogelrufe oder der Chor der Frösche, die ihre Gefährten in den Schloßgräben riefen. Es gab auch viele Eulen in Wartalun, die zu späterer Stunde der Dämmerung aufbrachen und oft in ihrem lautlosen Flug aus den Obstgärten auftauchten, um im Mondschein auf den schwarzen Zinnen der Ringmauer zu sitzen oder auf dem Giebel der Scheunen. Einen herrlichen Anblick bot der Vollmond, wenn er rot und groß aus dem Dunst des Moors emportauchte. Diese rötliche Stunde am Himmel, die den Wald noch in blauen Schleiern fand, brachte das Wesen einer Herrschaft in die Welt, der keine Gewalt zu vergleichen war, und die Erde gab eine schwermütige Antwort voll tiefer Ergebenheit. Das waren die girrenden und lockenden Wohlklänge, deren Wesen kein irdischer Name nennt, die aus dem warmen Schatten emporstiegen, nicht Klage und nicht Jubel, nicht als Blätterflüstern erkennbar und nicht als Mädchenseufzen -- und doch hätten sie beides sein können.

Friedel Gentler war gekommen. Sein unbesorgtes Lachen füllte die feierliche Stille der Schloßräume und des Parks. Er wollte anfangs alles auf einmal, reiten, fischen, jagen, und dabei das ganze Anwesen auf einen besseren Stand der Verwaltung bringen. »Du verstehst ja nichts«, sagte er zu Helmut, »und darüber vernachlässigst du noch deine Frau.« Helmut ließ den Sturm von Plänen, Hoffnungen und Ermahnungen ziemlich gelassen über sich ergehen, weil er den Freund zu gut kannte, um nicht zu wissen, daß es dabei blieb. Weit besorgter machte ihn die innere und äußere Verfassung, in der der junge Mann sich befand und die er vergeblich zu verbergen suchte. Es war bald zu einer Aussprache gekommen, und Helmut hatte ausgeholfen, mit Geldmitteln, die quälende Verpflichtungen aus der Welt brachten, mit Aufmunterung und Trost und sogar mit Wäsche. Nun war Friedel obenauf, glaubte einmal wieder das bösartige Leben überwältigt zu haben und verspottete seinen Wohltäter. Er hatte eine liebenswürdige und harmlose Art, sein Selbstbewußtsein zu behaupten, und schon die äußere Stellung, die er bei seinen Reden einzunehmen pflegte, duldete keinen Widerspruch. Wenn er, die Hände so tief in den Taschen, daß die Hose zwei hohe Gebirge bildete, die Brust eingesunken und den Kopf vorgestreckt, von unten herauf und doch gewissermaßen von oben herunter, auf Helmut einredete, so schien sein Übergewicht auf allen Gebieten erwiesen. Es war auch gewiß nicht zu bestreiten, daß er bei einer etwas saloppen Sprachgewandtheit manch guten Einfall hatte, nur fehlte ihm jedwede Kraft, seine Einsichten durch Handlungen nützlich zu machen. Einmal war es, bei aller Langmut des jungen Schloßherrn, zu einer kleinen Differenz gekommen, die zwar nicht von tieferer Nachwirkung gewesen war, wohl aber die Stellung des voreiligen Beurteilers, Helmut gegenüber, endgültig verschob. Es hatte sich um Elsbeth gehandelt, deren Lage den gutmütigen Friedel empörte:

»Du verstehst das Leben nicht«, sagte er überlegen, »sieh mich an, ich nehme das Leben, wie es ist, ohne viel zu grübeln.«

Helmut errötete tief, nach einer Weile sagte er ruhig:

»Ob du das Leben nimmst, wie es ist, weiß ich nicht. Jedenfalls nimmst du an, was man dir zum Leben gibt.«

Friedel sah ganz bestürzt auf:

»Was willst du damit sagen?«

»Ich will damit sagen, daß ich deine Achtung vor Angelegenheiten meines Lebens fordere, wenn du es teilst. Die Dinge sind nicht dort zu Ende, wo du aufhörst, sie zu erkennen. Blamiere dich, soviel du willst, versuche aber nicht, mir klarzumachen, daß deine Purzelbäume im Land der Erkenntnis Offenbarungen sind, die die Menschheit erretten.«

»Donnerwetter«, sagte Friedel ganz verdutzt, »du bist wahrhaftig noch der alte. -- Du solltest aber nicht vergessen, daß ich das im Grunde weiß. Ist es nicht richtig, daß ich mit allem Innerlichen, sozusagen mit meinen Herzensangelegenheiten, immer zu dir gekommen bin? Sag selbst ...«

Helmut mußte wider Willen lächeln.

»Ja«, sagte er, »es soll auch künftig kein Gebot ergehen, daß die Ablagerung von Schutt bei mir untersagt ist, aber tritt dabei nicht auf die Beete.«

Friedel lachte.

»Weißt du, wenn ich solche Scherze machen könnte wie du, täte ich es häufiger.« Aber dann wurde er plötzlich traurig und sein Gesicht, dies unstreitig hübsche Gesicht eines gealterten Knaben, verzog sich voll trotziger Bekümmernis.

»Es ist wahr«, meinte er, »ich bin ein Lump, einfach ein Lump. Aus mir wird nichts mehr. Die Zeit ist verpaßt. Ich bin jetzt dreißig Jahre alt und habe es zu nichts gebracht, bei all meinen Anlagen. Ich habe keine Hände zum Zugreifen, bin gewissermaßen ein Mensch ohne Schubladen, nichts bleibt bei mir, ich kann nichts bewahren.«

»So bewahre dir dein gutes Herz«, sagte Helmut, und es kam etwas von jener tiefen, leidenden Güte in seine Augen, die den Freund überwunden hatte, so oft sie ihm begegnet war und so lange er zurückdenken konnte. --

Als am anderen Tage Helmut, Elsbeth und ihr Gast auf der Terrasse, die zum Garten hinunterführte, vereint beim Nachmittagskaffee saßen, sagte Friedel:

»Ihr lebt hier in einem merkwürdigen Halbschlummer der Erwartung, man hat stets das Gefühl, als käme noch irgend etwas.«

Das Schweigen, das eintrat, bedrückte ihn weiter nicht, und er fuhr fort, große Pläne zum Ausbau und zur Erweiterung der Vorteile zu entwerfen, die man aus einem Landgut dieser Art ziehen könnte. Eigentlich war Helmut seinen Fragen über den Wert Wartaluns und über die Art seiner Betätigung ausgewichen. Wohl hatten sie weite Ritte miteinander gemacht, und der junge Gutsherr hatte, keineswegs ohne ein wenig Stolz und mit sichtlichem Wohlbehagen, über dies und jenes geplaudert, aber da Afras Name nur beiläufig gefallen war, konnte sich der Freund immer noch keine rechte Vorstellung von Helmuts Art der Verwaltung seines Guts machen.

»Man kann sich doch nicht so ohne weiteres auf die Leute verlassen«, hatte er einmal gesagt. »Du tust dich nicht genügend um.«

Heute war eine eigene Belebtheit im Schlosse ihm aufgefallen. Er wußte nicht recht, wie sie entstanden war und was sie bedeutete. Aus dem alten Melchior, der sich durchaus nicht auf seine jovialen Späße verstand, war nichts herauszubringen, und Elsbeths kleiner Iduna hatte er die Harmlosigkeit gleich anfangs durch einen zu großen Ernst geraubt, mit dem er seine Eroberungen einzuleiten pflegte. Nun sah sie in jeder arglosen Frage einen erneuten Versuch heroischer Würdigung ihrer Vorzüge, was ihr ungewohnt war, und so weit war Friedel noch nicht vorgedrungen, daß sich alles in der Vertrauensseligkeit der erhofften Liebelei auflöste.

Elsbeth flößte ihm eine fremde Ehrfurcht ein, wie arglose Männer des geistigen Mittelstandes sie oft vor einem geheimen Schmerz fühlen, dessen Art und Ursprung sie nicht kennen. Er führte es auf ihren Zustand zurück und verletzte häufig durch sein bemerkbares Zartgefühl. Trotz allem war er gerne gesehen, selbst Helmut suchte seine Gesellschaft, freilich nicht einzig aus Gründen einer persönlichen Sympathie.

»Ach, Gräfin«, seufzte Friedel, und schob den Strohhut gegen die schrägen Sonnenstrahlen, »jetzt hast du es gut, nur bleibe ich bei der Behauptung, daß du fröhlicher sein könntest. Ich werde der Pate des Thronfolgers, das mußt du mir versprechen. Es sichert meine Existenz.«

Melchior servierte mit weißen Handschuhen und veralteten Gewohnheiten den Kaffee. Auf dem Geländer der Terrasse saß ein weißer Kater in der Sonne und säuberte seine weiche Pfote in umständlicher Anmut. Im Efeu hörte man die Sperlinge, ein Duft von Heu und trockenen Sommerblumen kam im lauen Windzug von den Wiesen herüber. Da seufzte Friedel schwer auf, und es brach ihm aus der entlegensten Tiefe seines Herzens das Bekenntnis:

»Es ist doch eigentlich was ganz Feines, so ein Schloß.«

Helmuts Lachen verdutzte ihn.

»Was denn ...« meinte er, »etwa nicht?«

Da riß ein beherzter Hufschlag von der Landstraße her die Drei aus ihrem gemächlichen Einerlei. Jetzt klang er auf den Steinen des Hofs, und mit einem derben Niedersprung wurde ein so gewaltiger Fluch ausgestoßen, als gälte es, Wartalun dem Erdboden gleichzumachen. Helmut, der erbleicht war, ließ sich mit einem Lächeln der Erleichterung in den Korbsessel sinken, als er diese Stimme hörte, und gleich darauf tauchte Martins stürmischer Gassenbubenkopf am Gitterzaun auf. Er sah flott und kräftig aus, wie er über den Gartenweg auf die Terrasse zuschritt, im wohlgepflegten Reitanzug, mit helledernen Stiefeln und dunklem Hut.

Es war nur ihr Diener, ihr Bote, und doch schlug dem jungen Gutsherrn das Herz zum Zerspringen, er rang mit ganzer Kraft um seine Gelassenheit, es wurde ihm um so schwerer, als Elsbeth ihre Bestürzung nicht verbarg.

Martin riß den Hut herunter, viel zu munter, als daß es sonderlich respektvoll erschien, und sagte froh:

»Heute abend kommt Fräulein Afra zurück. Ich soll bestens grüßen.«

Dann sah er Friedel Gentler und verbeugte sich noch einmal, ohne sein Erstaunen zu verbergen.

Der Graf entließ ihn so herzlich, wie Friedel ihn nie vor einem Angestellten gesehen hatte. Erstaunt sah er umher. Der weiße Kater hatte sich mit Martins Ansturm eilig davongemacht, überhaupt schien alles verändert.

»Das ist deine Verwalterin, von der du mir erzählt hast, nicht wahr?« fragte er Helmut. »Ist denn das so ein Ereignis, wenn die kommt?«

»Ein Ereignis? -- Ich muß es wissen.«

»Na, dann weißt du's ja jetzt«, gab Friedel etwas unsicher zurück, denn die Antwort hatte kühl und abweisend geklungen.

Elsbeth schickte ohne ein Wort zur Sache Melchior nach Iduna, an deren Arm sie nach einem leidenden Gruß die Herren verließ. Helmut kämpfte seinen Zorn nieder. Beinahe boshaft gesinnt, dachte er: Als hätte ich jahrelang nicht gesehen, wer du bist, wie erbärmlich, wie würdelos macht dich dein Schmerz.

»Die mußt du mir aber mal vorstellen«, sagte Friedel, als sie allein waren, durch Unbestimmtes angeregt, das in der Luft lag.

»Das kommt ja von selbst«, gab Helmut zurück, »heute abend wird es sich nicht mehr machen.«

Er ging kurz darauf, examinierte Martin und befahl sein Pferd, um Afra entgegenzureiten.

Neuntes Kapitel

Afra erwachte in der kommenden Nacht in ihrem Zimmer in Wartalun. In unfaßbarem Entzücken einer ganz neuen Offenbarung richtete sie sich in ihrem Bett empor und lauschte in die helle, singende Nacht hinaus. Ihre Fenster waren weit geöffnet, und draußen schien der Mond. Sie wußte nicht, wie ihr geschah, denn die ganze Welt draußen im Licht klang wie ein einziger himmlischer Gesang vom Frieden. Es zog in einem beglückenden Reigen durch das Licht zum Himmel und nahm ihre Seele mit sich empor. Afra wagte nicht, sich zu rühren, sie glaubte, daß ein wunderreicher Traum sie gefangenhielte, und fürchtete zu erwachen; ihr war, als hörte ihr Herz zu schlagen auf, als stockte ihr Atem, als würde ihr ganzes Wesen zu einem hingebenden Lauschen an die singende Nacht. Das Mondlicht ruhte und klang; in seligen Silberströmen zog es unsichtbar empor in den Himmel der Sterne Gottes, und es sank aus dem kühlen Blau mit betäubend süßer Wohltat in ihr ergebenes Herz zurück. Nun verlor sich dieser Lobgesang der Erde in einem hochschwingenden silberhellen Aufstieg von verzücktem Jubel, hoch ins Unfaßbare emporwirbelnd, hell und so betörend lieblich, daß Afra glaubte, die dunkle Decke ihres Zimmers müßte zerbersten und ihren Augen den Aufblick in eine Heimat ewigen Lichts eröffnen. Aber als nun der magische Gesang für eine kurze Weile schwieg und dann eine Reihe dunkler, langer und schmerzbebender Töne folgte, wie im Rhythmus eines stolzen und wilden Schluchzens, hob das Mädchen ihre Hände empor, warf stürmisch ihr Angesicht hinein und weinte lautlos und am ganzen Körper bebend die Tränen ihrer ersten Hingabe. --

Eine tiefere Wirkung hat der arme Friedel Gentler in seinem kurzen Leben wohl niemals auf ein Menschenherz ausgeübt als in dieser Nacht, in der er an den offenen Fenstern seines Zimmers seine Geige spielte.

Afra hatte, als das Spiel verstummt war, nun wohl gewußt, um was es sich handeln mußte, auch dachte sie sich, daß es eine Geige war, der sie gelauscht hatte, aber sie hatte auf diesem Instrument vorher noch niemand spielen hören. Sie vergaß diese Eindrücke in ihrem Leben niemals, und die beinahe scheue Achtung, die sie zu Anfang ihrer Bekanntschaft Friedel Gentler entgegenbrachte und die ihm so verhängnisvoll werden sollte, war nur auf das Erlebnis dieser Nacht zurückzuführen. Denn die Persönlichkeit des jungen Mannes berührte Afra wenig, kaum daß sie andere Lebensregungen bei ihm suchte als sein in der Tat nicht unbedeutendes Talent für die Geige. Sehr viel anders war dagegen Afras Wirkung auf diesen gutherzigen und im Grunde haltlosen und vernachlässigten Menschen. Am Abend des Tages, an dem er Afra zum erstenmal gesehen und gesprochen hatte, nachdem er ihren betörenden Liebreiz und den unwiderstehlichen Frohsinn ihrer Kraft empfunden hatte, sagte er abends zu Helmut und sah ihn mit großen, starren Augen lange an:

»Jetzt weiß ich erst, daß ich verkommen bin.«

Aber so gering die Einwirkungen Friedel Gentlers immer gewesen sein mögen, er führte doch zwei mächtige Geister in die Mauern des alten Schlosses ein, zwei Geister, deren Gewalt durch die Jahrtausende Qual und Lust, Erniedrigung und Würde, Auferstehung und Verfall der Menschenkinder in ihr berauschendes Wesen verwoben haben: den Geist der Musik und den Geist des Weins.

* * * * *

Friedel begann bald Einblick in die Verhältnisse zu gewinnen, er erkannte, daß die Frauen einander mieden, er empfand das tiefe Zerwürfnis zwischen Helmut und Elsbeth. So nahm er sich in uneingestandenem Mitgefühl Frau Elsbeths auf etwas derbe, aber liebevolle Art an; ihre Beziehungen reichten weit zurück, und über arglose Neckereien hinweg hatte immer ein Verhältnis guter Kameradschaft zwischen ihnen bestanden. Im Grunde floh Friedel vor Afra. Es war sonst gewiß nicht seine Art, ein Gefühl zu unterdrücken, zumal ihm zur beständigen Durchführung einer Absicht die Beherrschung fehlte, aber hier war zu allem Schwanken seines Gefühls zum erstenmal etwas wie Todesfurcht hinzugekommen. Menschen einseitig entwickelter Anlagen und unkluger Intelligenzen haben oft einen an Feigheit grenzenden, sehr sicheren Instinkt für alle Mächte, die ihren Untergang beschleunigen, und meiden sie gewöhnlich dann mit Beharrlichkeit, wenn sich ihre Hingabe anfänglich nicht mit Genüssen, sondern mit Demütigungen oder Opfern verbindet. Trotzdem war diese Entsagung rein äußerlicher Art, im Grunde hing Friedels ganzes Wesen schon nach wenigen Tagen mit schrankenloser Hingebung an Afra. So mochte es vielleicht auch etwas wie Trotz oder Herausforderung gegen sie sein, daß er sich zu Elsbeth hielt, die ihn in ihrer melancholischen Schwerfälligkeit eigentlich langweilte. So kam es denn von selbst, daß aus dieser Selbsttäuschung die grausame Angewohnheit wurde, daß er auf einsamen Spaziergängen zu Elsbeth über Afra sprach.

Sie hatten sich den Weg, der am Ende des Parks in den Wald überging und der nach der Försterei führte, als gemeinsamen Spaziergang erwählt. Der Förster sah ihre regelmäßigen Besuche gern, und seine alte Haushälterin servierte ihnen den Nachmittagskaffee unter den Buchen der Kuckucksburg auf dem moosbewachsenen Waldgrund. Die Jagdhunde kannten sie bald, besonders ein betagter Teckel, den viele ehrenvolle Narben schmückten, hatte sich an Friedels Kindergemüt gewöhnt und ließ es sich gefallen, daß er in seinen späten Tagen noch einen Gefährten seiner altmodischen Interessen bekam.

Friedel ließ es sich anfangs aufrichtig angelegen sein, Elsbeth zu zerstreuen, aber nachdem er einmal gemerkt hatte, daß sie im Grunde nicht fähig war, auf ihn einzugehen, erlahmte seine gute Absicht und wich mehr und mehr seinem Drang, bei ihr Trost und Verständnis zu finden. Er sprach oft und auf bislang nicht gekannte Art von seinem eigenen Leben, er erzählte ihr viel und malte seine Jugend hoffnungsreich und glanzvoll aus, wie es junge Männer oft tun, die ihre besten Aussichten früh verscherzt haben. Zögernd begann auch die junge Frau von sich zu sprechen, und je mehr sie glaubte Teilnahme zu finden, um so mehr ließ sie sich willenlos gehen, und so wurde Afra bald die heimliche Begleiterin der beiden Betrübten. Einmal war es spät geworden, da die junge Frau von Tag zu Tag mit größerer Mühe und immer schwerfälliger dahinschritt, als sie dicht am Park auf jener Bank rasteten, die einst Helmut und Afra bei ihrer ersten Begegnung beherbergt hatte.

»Friedel«, sagte sie da plötzlich mit veränderter Stimme, »könntest du eine Möglichkeit ersinnen, Afra von Wartalun zu entfernen?«

Friedel erschrak. Seine Gedanken waren bei Afra gewesen, die ihm am Morgen zu Pferd begegnet war. Er sagte:

»Darüber müßte ich nachdenken.«

»Helmut ist so eigensinnig. Ich weiß ja, Friedel, im Grunde liebt er sie nicht. Wie ich es bei ihm kenne, daß er sich voreilig in eine Idee verrennt, aus deren Irrtum er stets zurückgekehrt ist.«

»Hat er denn sonst mit Frauen jemals etwas erlebt?«

»Mit Frauen eigentlich nicht, aber mit so mancherlei anderen Dingen ist es ihm so ergangen.«

»Eine Frau ist kein Ding«, meinte Friedel weise, »da liegt es hier wohl doch anders. Von Afra habe ich den Eindruck, daß sie nicht über sich verfügen läßt.«

»Welche Rechte hat sie denn?«

»Ja, das ist so eine Sache. Helmut sprach mit mir über diese Frage des Rechts. Er hat eine sehr verwickelte und eigentümlich unpraktische Idee davon, aber wie es bei ihm oft ist, er hat im Grunde recht. Sieh mal, Elsbeth, mir fällt ja eigentlich wenig Gescheites ein, und das ist mein Verhängnis dabei, daß ich trotzdem für die Wahrheit einen verflucht entwickelten Sinn habe. Wenn ich mich belügen könnte, wie ich andere belüge, wäre ich voraussichtlich ein sehr glücklicher Mensch. Helmut ist ein Mann von großer Gerechtigkeit.«

»Das ist nicht wahr ...«

»Doch. Hör mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gerät mit den praktischen Lebensnotwendigkeiten oft in Konflikt. Die höhere Gerechtigkeit ist sozusagen mit äußeren Daseinsinteressen kaum zu vereinen. Er meint, daß Natur und Anlage den Menschen ihre Rechte vorschreiben und nicht das Gesetz. Er hält es für ungerecht, jemand durch eine zufällige Verfügungsmöglichkeit Befugnisse zu entziehen, die ihm von Natur zustehen. Er meint, es mache sich über kurz oder lang bestraft, und den großen, notwendigen Gesetzen, nach denen alles Lebendige herrscht oder unterliegt, entginge man doch nur vorübergehend und mit schlechtem Gewissen. Er hat diese Weisheit aus Briefen oder Papieren des alten Grafen, wenigstens scheint mir, als habe er sie sich nach dessen letzten Verfügungen zur Pflicht gemacht.«

»Immer Graf Konstantin«, sagte Elsbeth und wehrte mit der Hand etwas ab, das auf sie einzudringen schien. »Sein Vermächtnis ist verhängnisvoll. Er zerstört uns alle aus seinem Grab heraus.«

Friedel sah ganz erschrocken auf:

»Aber Elsbeth! Siehst du am hellen Tage Gespenster?« Es hatte mehr im Ton ihrer Stimme gelegen als in ihren Worten, was ihn so erschreckte. Nun sah er in ihr bleiches Gesicht, aus dem die umschatteten Augen leblos ins Weite starrten. Er nahm rasch das Gespräch wieder auf:

»Das ist es jedenfalls bei Helmut: es geht ihm gegen das Gewissen, Afra etwas vorzuenthalten, was er glaubt ihr zugestehen zu müssen.«

»Weil er in sie verliebt ist.«

»Mag sein. Aber dagegen läßt sich einwenden, daß vielleicht in der Welt nur das wahrhaft gerecht ist, was im Geist der Liebe geschieht oder unterbleibt.«

»Und mein Kind ... sein Sohn -- ach, Friedel, wie kannst du solcherlei Irrtümer gutheißen?«

»Er würde dir jedenfalls antworten, daß der Junge selbst für sich zu sorgen hätte und einst sein eigenes Teil und Recht finden würde.«

»Und das nennst du gerecht?«

»Ich weiß nicht. Es kann ja niemand einem andern helfen ...«

Das sah Frau Elsbeth wohl in diesem Augenblick auch schmerzvoll ein, denn sie antwortete traurig:

»Er versündigt sich an seinem Kind. Diese Gerechtigkeitsgefühle ins Blaue hinein sind Entschuldigungen. Die Gerechtigkeit eines Menschen bewährt sich doch wohl in den Grenzen der Pflichten, die sein Leben ihm auferlegt. Weist nicht die Natur ein Kind für lange Jahre auf den Vater an?«

Das ging Friedel zu weit. Er schob sein Herz in den Vordergrund, da seine Gedanken ihn im Stich ließen, und sagte etwas armselig, indem er den Kopf stützte:

»Ich verstehe dich ja ...«

Aber ihn versteh' ich auch, dachte er und empfand, daß das Leben wohl unzulänglich sein müsse und daß nichts vollkommen sein könnte, solange der Kampf um Genuß und Glück die Sinne betäubte.

»Übrigens«, warf er ein und nahm einen Einwand der jungen Frau wieder auf, »von Ehebruch kann nicht die Rede sein.«

»Das hoffst du selbst«, wurde ihm schroff zur Antwort.

Da schwieg er und empfand, daß sie einander künftig nichts mehr zu sagen hatten und daß sie schuldig geworden waren an dem, was sie einander als Vertrauen gezeigt hatten. Es mußte ein ähnliches Bewußtsein die Frau an seiner Seite bewegen, etwas wie eine Erkenntnis ihrer völligen Vereinsamung, denn Friedel sah nach einer kleinen Weile, daß Tränen auf ihre gefalteten Hände fielen. Es wallte heiß in ihm empor, ein aufglühendes Bedürfnis nach einer großen, freien Tat der Liebe erhob sein Herz, aber seltsam, aus diesen raschen Feuern tauchte Afras Bild empor, er sah ihr unschuldiges Angesicht unter den blonden Haaren, in denen der Glanz des Morgensonnenscheins leuchtete. Martin hielt ihr das Pferd, Helmut stand neben ihr und lächelte sein trauriges Lächeln voll Hingabe und vergrämten Stolzes; die grünen Büsche rührten sich im Wind ... Was hatte er denn tun wollen?

»Übrigens«, sagte er plötzlich rasch und wußte nicht, weshalb er gegen seinen Willen nun gerade dies sagen mußte, »du fragtest nach Afras Rechten, sie ist doch Besitzerin von Wendalen; Wendalen gehört doch ihr ...«

Da traf ihn ein Blick voller Schmach und Seelenqual, den er nie in seinem Leben hat vergessen können. Er begriff auch später nie, was ihn veranlaßt hatte, gerade in diesem Augenblick ein Geheimnis preiszugeben, das ihm anvertraut worden war. Immer, wenn er wieder daran denken mußte, war ihm zumute, als sei dies seine schlechteste Tat gewesen, und doch wußte er seit diesem Augenblick aus tiefster Seele, daß er Afra liebte.

Er erhob sich und reichte der jungen Frau seinen Arm. Am Rande des Wegs saß hinter einer schräg gestellten Strohwand ein alter Mann und klopfte Steine. Er sang zum eintönigen Takt seines Hammers einen melancholischen Singsang in den Sonnenschein der Welt hinein. Er zog die Kappe, als die beiden vorüberschritten, und sah ihnen nach.

* * * * *