Wartalun: Der Niedergang eines Geschlechts

Part 6

Chapter 63,586 wordsPublic domain

Es gingen zwei junge Frauen über den Hof, Arbeiterinnen, die einen schweren Korb mit Torf und Holz trugen, die eine von ihnen lachte heimlich und verbarg das Gesicht mit der erhobenen freien Hand hinter der blauen Schürze. Da dachte der alte Melchior:

»Ach -- das Leben.«

So einfältig sein schlichter Gedanke sein mochte, so war ihm doch, als habe er lange Zeit nicht mehr so tief über das Leben nachgedacht. Sehr früh war es ihm so ergangen, als noch alle Ereignisse seines Lebens im goldenen Schein der Jugend gelegen hatten. Er sah hinaus, über die Bäume des Parks hin, und es war ihm, als habe in der langen Zeit seines Lebens sich hier nichts verändert. Ihm erschien es, als seien die Bäume nicht größer geworden; war nicht auch der Efeu immer schon bis an den Dachfirst herangewachsen, hatte er nicht immer schon die Zinnen umschlungen und seine Ranken durch die goldenen Speerspitzen des hohen Seitentores geflochten, das nie geöffnet wurde? --

Da erklang unten im Hause Afras Stimme, sie schien Martin etwas zuzurufen, und er hörte gegen Ende ihrer kurzen Sätze, daß ein Scherz folgte. Da faßte eine wehmütige Gewalt von so großer Kraft sein Herz, daß er alle Beherrschung verlor. Er eilte wankend die Treppe hinunter, er schaukelte mit vorgestreckten Händen durch den Flur, riß Afras Zimmertür auf, wobei er alle Vorsicht und Ehrfurcht vergaß, die man ihn gelehrt hatte, und so stand er nun vor ihr, die ihn ruhig anschaute.

»Laß mich hier bleiben ... hier leben ... bis ... Afra, sei barmherzig gegen mich! Ich bin ein alter Mann in diesem Hause geworden.«

Das junge Mädchen war zurückgetreten. Nun sah sie ohne Zeichen großer Erregung auf den Bittenden hin, der ihr seine Hände entgegenreckte und auf dessen weißem Haar die Morgensonne lag.

»Natürlich«, sagte sie freundlich, »bleib doch, Melchior. Ich wollte dich schon darum bitten. Aber vergiß nicht, daß im Hause Ordnung sein muß.«

Sie entzog ihm ihre Hand.

»Willst du nicht Martin sagen, daß wir die Pferde brauchen? Ich will nach Wendalen und werde wohl einige Tage dort bleiben. Seit der Herr tot ist, gelt Melchior, geht nicht alles seinen Gang? Dem Nissen muß ich einmal in die Bücher schauen.«

Der alte Diener suchte nach einer Antwort. Über sein Gesicht liefen Tränen, und seine Lippen zuckten.

»Ich soll bleiben«, sagte er endlich und schlug die Hände zusammen. Afra ordnete Papiere am Schreibtisch. Sei es nun, daß er ihren Befehl unbewußt als das empfunden hatte, was er gewesen war, als einen Versuch Afras, ihm über den schweren Augenblick seiner Demütigung hinwegzuhelfen, sei es, daß er ihn im Sturm seiner Erregung und Freude vergaß, jedenfalls führte er ihn nicht aus, sondern lief in den Garten und suchte nach Blumen, die er in Afras Zimmer trug, als sie das Haus verlassen hatte.

* * * * *

Kurz nach diesem Vorfall ritt Afra mit Graf Helmut aus dem Schloß, den fahrbaren Feldweg auf Wendalen zu. Sie sprachen miteinander über gleichgültige Dinge, die die Verwaltung angingen. Afra fragte nicht nach Frau Elsbeth, sie nickte nur nachdenklich, als sie erfuhr, der Arzt habe keine Besorgnisse geäußert, und es ginge besser mit der Kranken. Wohl drängte es ihn, den Versuch zu machen, Afra auf seine Art über die Vorfälle aufzuklären, die in dieser Nacht geschehen waren, aber er fürchtete sich vor Worten, die ihm um seiner eigenen Stellung willen schwer wurden. Es kam hinzu, daß er Afras Verständnis ungewöhnlich viel zutraute, und vielleicht fürchtete er sich davor, von ihr andere Meinungen darüber zu hören, als er sie bei ihr vermutete oder erhoffte. Sie hatte ihm am Morgen erklärt, sie würde für einige Tage nach Wendalen gehen, er war ihr dankbar und fand keine bessere Lösung.

In der Runde krähten die Hähne, es war ein warmer Morgen voll Sonnenschein und tiefer, fruchtbarer Stille. Das Korn stand hoch. Aus der goldenen Fülle leuchteten Mohnblumen, und an lichteren Stellen erkannte man den von der anhaltenden Hitze brüchigen Erdboden.

Nun ritten sie miteinander auf die Moorgründe zu, zwischen Weidengebüsch und Pappeln dahin, ein Bach rieselte am Wegrand über dunklen Grund, und im Gezweig der Büsche zirpten Goldammern. Afra, die an die kommende Jagd dachte, sagte: »Der Förster hat die ersten Feldhühner gebracht.«

»Ich kenne ihn noch gar nicht.«

»Schlimm genug«, sagte das Mädchen lächelnd, »für ihn und für Sie. Er ist ein alter Fuchs, der nicht mehr aus seiner Höhle kriecht, man muß ihn schon aufsuchen. Er will nichts von Ihnen wissen.«

Dann sprachen sie von der Jagd, vom Fischen und vom nahenden Herbst.

Helmut hatte seit einiger Zeit unterlassen, ihr die Lobsprüche über ihr Wesen zu sagen, zu denen sie sein empfängliches Herz Stunde für Stunde herausforderte. Er nahm die glückhafte Gelassenheit ihres schönen und starken Wesens wie eine Wohltat hin; still geworden in der bitteren Erkenntnis, wie teuer ihm dieser neue Reichtum seines Daseins geworden war. Er verglich nicht mehr. Sein schmerzvolles Angesicht hatte einen Zug jenes einsamen Gehorsams bekommen, der willenlose und ehrfürchtige Naturen auszeichnet, die bestimmt scheinen, niemandes Schicksal zu werden.

»Wie ist es mit Melchior?« fragte er.

»Er wird bleiben«, gab sie einfach zurück; diese Auskunft schien ihm zu genügen.

»War dies das Pferd meines Oheims?« fragte er nach einer Weile und klopfte den blanken Hals des Tiers, das er ritt.

Afra schüttelte den Kopf.

»Dies ist >Prinz<«, teilte sie mit, »es taugt nicht viel. Er nahm es in seiner letzten Zeit zuweilen für kurze Ritte, wenn er sich mehr mit seinen Gedanken beschäftigen wollte als eben mit dem Reiten. Nein, sein eigenes Pferd war ein prachtvolles Tier von großem Wert, ich habe es kürzlich verkauft.«

»Warum das?« fragte er ohne Unwillen.

»In den letzten Monaten«, erzählte ihm Afra, »ließ er es sich Tag für Tag nur noch vorreiten. Für gewöhnlich mußte Martin es tun, der etwas von Pferden versteht, denn er selbst hatte nicht mehr die Kraft, das unruhige Tier zu beherrschen. Aber selbst unter dieser Pflege ließ es nach, es schien beinahe, als würde es traurig. -- Wer sollte es denn jetzt reiten?«

Sie sah mit einem raschen Blick über ihn hin. Er raffte sich zusammen.

»Ja«, sagte er, »ich selbst gewiß nicht. Seit meiner Studentenzeit habe ich auf keinem Pferd mehr gesessen. Für eine wirklich edlere Rasse hätte ich wohl auch kaum den rechten praktischen Sinn.«

Sie schien das zuzugeben.

»Und Sie selbst«, fuhr er fort, »warum haben Sie es nicht genommen?«

»Ich?« fragte sie nicht ohne Erstaunen. Dieser Gedanke schien ihr ganz neu zu sein. »Wie sollte ich ... auch habe ich >Joni< von ihm selbst bekommen und will kein anderes Pferd als dies, das er für mich bestimmt hat. Er hat es mir zugeritten, die Narben dort in den Flanken stammen von seinen Sporen.«

Sie schaute hinab und suchte, halb von unten her, nach seinem Blick, ob er ihren Augen folgte. Er sah ihr klares Profil im goldenen Schatten des breitrandigen Strohhuts, die kindhafte Wichtigkeit in seinem Ausdruck und das reine Licht auf ihren Augenlidern. Eine glühende Traurigkeit überfiel ihn jählings wie ein Sturm aus den einsamen Landschaften seiner Träume. Mit schwermütigem Ausdruck hob er sein Angesicht empor, und mit bitterem Lächeln, das Haupt ein wenig zurückgelegt, sagte er in der planlosen Ergebenheit seiner Schwäche:

»Ich möchte keinen Tag mehr leben ohne dich, Afra.«

Man hörte die Hufe der Pferde auf dem weichen Boden und die heimlichen Laute des Lederzeugs der Sättel. Ein Häher flog mit grellen Warnrufen dicht vor ihnen quer über den Weg, und die Spitzen der Weiden schaukelten im sanften Wind.

Nach einer kleinen Weile fuhr Afra zu sprechen fort, vorsichtig, beinahe schüchtern, als empfände sie, wie hart es ihm sein müßte, daß sie nach diesem Ruf seines verwundeten Herzens nun nichts anderes tun konnte als das Gespräch von vorhin wieder aufnehmen:

»Nathanael hat das Pferd gekauft. Er hat eine sehr große Summe bezahlt, ich glaube, er hat seit langem einen Käufer, denn er selbst versteht nur etwas von Ackergäulen und wie man ihre Fehler in Abrede stellen kann.«

Sie hoffte, er würde nach der Kaufsumme fragen, aber er tat es nicht.

Wie konnte er ahnen, daß dies sie verstimmte? So suchte er den heimlichen Verdruß, der nun aus ihrer Stimme klang, durch eine Schuld bei sich zu deuten, denn sie sagte unvermittelt und beinahe lieblos:

»Sie quälen das Pferd. Sie müssen den Zügel locker fassen.«

»O ja ... gewiß ...« antwortete er eifrig und sprach schnell von etwas anderem, wie in Sorge, es möchte ihr nachträglich in den Sinn kommen, daß es sein eigenes Pferd war, das er ritt.

Irgendwie beruhigte es Afra, daß er sich niemals um einen Gewinn bekümmerte, der in Zahlen auszudrücken war, aber doch quälte es sie, und sie dachte: Ihn beglückt kein äußerer Besitz und kein äußerer Reichtum, und doch glaubt er innerlich arm zu sein, er hat es mir selbst gesagt. Vielleicht ist er zu schwach, sann sie, vielleicht würde es ihn bedrücken. Es wäre ihr lieb gewesen, wenn er mit ihr darüber gesprochen hätte, aber er, der oft und leicht über sich und seine Beziehungen zur Umwelt sprach, schwieg stets, wenn es sich um solche Dinge handelte. Aus seiner Verschlossenheit fühlte sie ein heimliches Mißtrauen. Sie nahm sich in einem quälenden Zorn vor, in dem kein Schatten von Habgier war, seine Gleichgültigkeit auf eine harte Probe zu stellen. Wenn sie ihn nun darum bäte, ihr das Vorwerk Wendalen zu schenken ... Ich will es nicht haben, dachte sie, aber sie wollte, daß er es schmerzlich vermissen sollte.

Aber als sie sprechen wollte, zögerte sie doch. Es ist noch zu früh, dachte sie und ertappte sich darüber bei der Befürchtung, er möchte ihr ihre Bitte abschlagen. So war ihr Wunsch doch nicht einzig, ihn zu demütigen? Mit einem Aufwallen übermütigen Trotzes gestand sie sich ein, daß nach ihrer Empfindung dies Gut durch eine unverständliche Fügung des Schicksals in falsche Hände gegeben worden war.

Sie pfiff den Hunden, die sich im Moor umhertrieben, und schaute plötzlich mit hellem Lachen in Helmuts Gesicht.

»Gib mir Wendalen zum Eigentum«, rief sie, wie einem scherzhaften Einfall gehorchend, »dann bleib' ich künftig fort von Wartalun.«

»Das wäre ein Grund, dir Wendalen nie zu geben«, sagte er lächelnd. »Aber alles, was mir gehört, gehört auch dir.«

Sie fühlte sich beschämt und sagte rasch und ohne Überlegung:

»Das glaubt mir niemand.«

Gepeinigt sah er auf.

»O Afra, wie könnte etwas in dieser armen schönen Welt mir wertvoller sein als deine Freude? Wie schlecht kennst du mich, wie wenig wirst du jemals von mir wissen. O du, aller Liebe so nah, der Liebe so fern, wie du bist. Was wollte Gott mit uns, als er dein armes, reiches Herz erschuf. Oft erscheint es mir, als sei der alte Mann, der im Licht deiner herrlichen Jugend seine Augen geschlossen hat, mir lieb geworden wie ein vertrauter Freund. Entbietest du Liebe in unseren Herzen, um sie durch deine Härte um so inbrünstiger in uns zu gestalten? Ich weiß es nicht, aber ich werde gehorsam sein dem Besten in mir und ihm, dessen Erbteil ich habe antreten müssen. Ich habe nicht gewußt, was ich mit seinen Gütern, zu denen auch du gehörst, auf meine Schultern geladen habe. Schau mich nicht an, als ob ich klagte, Afra. Ich weiß auch, daß mein Schicksal und das Schicksal der Frau, deren Leid du gesehen hast, das Himmelreich deiner harten Unschuld nicht verfinstern darf. Ich fordere nichts von dir, was du nicht geben kannst, aber meinen Wunsch, du möchtest mich lieben, wirst du niemals aus meiner Seele löschen können.«

»Ich habe dich nicht traurig machen wollen«, sagte Afra.

Ihm war, als sagte sie zum ersten Male du zu ihm.

»Traurig?« rief er mit schmerzvollem Lächeln. »Ach nein. Aber wie willst du verstehen können, daß uns die Liebe beseligt und bedrängt zugleich.«

»Oh, das verstehe ich wohl.«

»Auf deine Art, Afra. Es wird wohl ein jeder sagen, er verstünde es. Mit verzehrendem Grauen warte ich auf die Stunde, in der du weißt, was die Hingabe an einen Menschen bedeutet. Diese Furcht ist ganz ohne Hoffnung, Afra, denn diese Stunde wirst du ohne mich erleben, diese Stunde, die dich grenzenlos reich machen wird. Sieh, so lieb habe ich dich gewonnen, daß ich niemals daran zweifeln werde, daß sie für dich kommt, daß dein Herz, das im Schlaf seiner kaum erwachten Hoffnungen schlägt, dieser einzigen Gewalt und Kraft fähig ist, die uns reich macht.«

Da stellte Afra die Frage:

»Wie muß ich denn sein, damit mir das geschieht?«

Da schossen ihm Tränen in die Augen, und er wandte sich ab in das besonnte Land und sagte mit zitternder Stimme:

»Wie du bist --«

Sie trennten sich bei der nächsten Wegbiegung, ohne daß noch ein Wort gefallen war. Er gab ihr die Hand und sagte einfach:

»Erinnere dich meiner zuweilen, ich begleite dich immer.«

Sie nickte nur, warf dann den blonden Kopf zurück und nahm »Joni« kurz herum, die auf den Heimweg gehofft hatte. Die Hunde zögerten, dann schlossen sie sich Afra an. Er sah ihr nach. Sie ritt im Sonnenschein, im Rahmen der grünen Wiesen unter dem blauen Himmel dahin, saß gerade im Sattel, das Pferd ging im Schritt, und die Bänder ihres Hutes hoben sich matt im lauen Wind. Er konnte den Blick nicht wenden und prägte das helle Bild inbrünstig in sein Herz ein.

Achtes Kapitel

Es war in diesen Sommertagen, als in Wartalun ein Brief von Friedel Gentler eintraf, einem Studienfreund und Reisegefährten des jungen Grafen. Er meldete sich ziemlich ohne Anfrage im Schlosse an und begründete seinen Überfall in unumwundenem Freimut mit seiner bösen Lebenslage. Es bestand seit Jahren eine Art Freundschaft zwischen den beiden Männern, die vielleicht ihre tieferen Gründe weniger in einer Verwandtschaft ihrer Eigenart oder ihrer Interessengebiete hatte als vielmehr in einer starken Neigung, die der andere zu Helmut gefaßt hatte. Der haltlose Charakter und die leichtfertige Lebensart des jungen Architekten hatten in dem verschlossenen Wert Helmuts und im Ernst seiner Lebensführung eine Art uneingestandener Stütze gefunden, und der junge Gutsherr erwiderte diese Neigung, wenn auch nicht im gleichen Maße, so doch mit jener Dankbarkeit, die innerlich viel beschäftigte Menschen zuweilen an Kameraden bindet, deren freimütiger Frohsinn ihnen in tatenlosen Stunden Aufmunterung oder Erholung gewährt.

Helmut war durch den Brief anfänglich eher überrascht als erfreut. Er las die burschikosen Worte des Freundes wie Klänge aus einer versunkenen Welt, die ihm längst fremd geworden war, und empfand darüber mit heimlichem Schreck, wie sehr die letzte Zeit seines Lebens ihn auf andere Werte und neue Hoffnungen gestellt hatte. Da ihm in den Sinn kam, mit welch argloser Freude Elsbeth die Gegenwart des lustigen Freundes früher stets empfunden hatte, und da er erwartete, ihr Ablenkungen zu verschaffen, vielleicht auch in einer leisen Hoffnung, dem eigenen Zustand ein wenig äußerliche Besserung zu bringen, duldete er das Herannahen dieses Besuchs ohne Einspruch. Gegen seine Gewohnheit teilte er die Neuigkeit erst nach seiner Entschließung seiner Frau mit.

Sie winkte ihm anfänglich nur müde, in jener etwas verstörten Traurigkeit ab, die er ihr seit den letzten Geschehnissen anmerkte.

»Jetzt?« fragte sie zögernd und sah auf ihre Hände nieder. Aber je mehr die Person Gentlers ihr wieder gegenwärtig wurde, um so eifriger trat sie plötzlich für sein Kommen ein.

»Doch«, sagte sie, »es ist eine Abwechslung, es wird auch dich zerstreuen, und ich kann mich ja zurückziehen, soviel ich will; denn Sorgen um das Gutswesen brauch' ich mir ja wahrhaftig nicht zu machen.«

Plötzlich verstand er sie. Ihre ablehnende Stellung war gar zu rasch in Bereitwilligkeit umgeschlagen, als daß nicht eine Hoffnung hinzugekommen sein mußte. Er lächelte bitter. Wie sie Afra unterschätzt, dachte er. Nein, Afra wird einzig über ihn lachen.

So blieb es bei diesem Entschluß, und er ließ im Hause Vorbereitungen treffen, den Gast zu empfangen. Es gab Raum die Fülle, und Helmut ordnete an, daß zwei große Parterrezimmer, die zum Park hinausführten, für den Freund hergerichtet werden sollten. Es kam doch ein kleiner, heimlicher Stolz in ihm auf und die aufrichtige Freude, freigebig bewirten zu können.

Afra weilte immer noch in Wendalen. Wollte sie denn gar nicht zurückkehren? Er hatte erst in diesen Tagen ganz empfinden gelernt, in welche Gefangenschaft und Freiheit er alle tiefere Freude seines Daseins gegeben hatte. Seit Afra fort war, war ihm im Blick auf alle Herrlichkeit, die ihn hier verschwenderisch umgab, zumute, wie einem sein mag, der eine Landschaft im Nebel wiedersieht, die er aus Tagen voll Sonnenschein in seiner Erinnerung trägt. Seine geistige Arbeit ruhte völlig, schon seit jenem ersten Tag, an dem er an Afras Seite die Räume des Schlosses durchwandert hatte.

Der Nachmittag des Tages war ihm bei allerhand Erwägungen damit herumgegangen, daß er eine Urkunde verfaßt hatte, die Afra zur Eigentümerin des Vorwerks Wendalen einsetzte. Darüber hatte er zum erstenmal in Erfahrung gebracht, wie groß Wendalen war, welch weite Gebiete von Wald und Wiesen dazugehörten und daß allein die Viehbestände ein kleines Vermögen darstellten. Die ausgedehnten Wiesen, die in linden Abhängen zum Kornland hinaufführten, boten seit Jahren ganzen Generationen von Rinderherden ausgiebige und billige Ernährung, so daß die Unkosten der Zucht in außerordentlich günstigem Verhältnis zu ihren hohen Einkünften standen. Das Herrenhaus, die Beigebäude für das Gesinde und die Tagelöhner, die Ställe und Heuschuppen waren mit einer Summe versichert, deren Höhe ihn einen Augenblick zögern ließ. Nicht aus Habgier oder aus Zweifel an seinem Entschluß, sondern einzig deshalb, weil er sich für kurz bemühte, sich diese Summe, die er in Zahlen las, vorzustellen, gemessen an den Lebensverhältnissen, die er kannte. »Liebe kleine Herrin von Wendalen«, sagte er vor sich hin, und sein Herz zitterte vor Erhobenheit und Freude.

Stolz und traurig setzte er zuletzt seinen Namen unter das Schriftstück, diesen Namen, der nun so viel Gewicht bekommen hatte, wo es galt, über irdisches Gut zu verfügen. Er hatte früher seinen hohen Titel eigentlich so gut wie abgelegt, da er in der bürgerlichen Gesellschaft, in der er Verkehr gepflogen hatte, ohne große Mittel nur geringes Ansehen gehabt hätte, eher beinahe einen kleinen Anflug von Lächerlichkeit. Es kam hinzu, daß seine Frau nicht aus seinem Stande war, sondern eine Lehrerstochter aus der Provinz. Ihre geduldige Liebe hatte seine einsame Jünglingszeit reich gemacht. Er mußte lächeln, konnte aber nicht umhin, sich zuzugestehen, daß seine neue Lebenslage kaum merklich begann, seine Anschauungen zu verändern. Gewiß nur im Unwesentlichen, aber er lernte doch vielerlei verstehen, was er früher bei seinen hochmütigen Standesgenossen verachtet hatte. Aber die innere Unruhe, in die ihn seine großen Besitztümer versetzten, war oft so stark, daß er es neben anderem beinahe wie eine Erleichterung empfand, daß Wendalen nun Eigentum Afras geworden war. Er beschloß, am nächsten Tage in aller Frühe aufs Landratsamt von Cismaren zu fahren, um die Urkunde beglaubigen zu lassen.

Am späten Nachmittag durchschritt er den Garten, er begegnete in den dichtbewachsenen Niederungen seiner Frau, die er im Gespräch mit Afras Vater fand. Helmut hatte diesem einfachen Mann gegenüber stets gegen eine große Befangenheit zu kämpfen, aber heute gelang es ihm über Erwarten, eine Stellung zu dem Alten zu finden. Er sah heimlich zuweilen in dies derbe, gutmütige Bauerngesicht, während gemächlich über die Obsternte, über Weganlagen und Neuanpflanzungen verhandelt wurde. Kam auf Afra die Rede, deren Anweisungen dem Manne einzig als gerechtfertigt und klug galten, lächelte er einfältig und stolz, als ob er sagen wollte: Nicht wahr, das ist einmal ein Prachtmädel. »Ohne Afra«, sagte er einmal und stellte die Gießkanne auf den Kiesweg, »ginge es hier wohl nicht mehr lange gut, Herr Graf. Der Tote hat gewußt, was er an ihr hatte.«

Helmut nickte. Er empfand die Ungehörigkeit solcher Worte vor ihm und mußte an Afras Tadel denken, die ihm vorgeworfen hatte, seine Freundlichkeit gegen die Leute verwischte den Abstand. Auch ihr Vater gehörte zu den »Leuten«, wie unfaßbar ihm das erscheinen konnte. Aber war sie selbst nicht oft von betörendem Liebreiz der Herablassung? Aber dann dachte er an Melchior und jene bösen Augenblicke, in denen ihn der Alte, wie um sein Leben, um Barmherzigkeit angefleht hatte. Den Untergebenen liegt nicht an einer Freundlichkeit, die nicht einzig dazu da zu sein scheint, ihnen Härte verständlich zu machen. Er fühlte, daß er allen gleichgültig war und daß Afra von ihnen geliebt wurde. Herrschen kann niemand lernen, Vertrauen niemand erzwingen, dachte er. Irgend etwas stimmte ihn traurig, er entließ den Alten gleichgültig und empfand, wie er ihn dadurch kränkte.

Vielleicht hatte ihn nur der Gedanke verstimmt, daß jeder nächste Augenblick ihn mit Elsbeth allein finden könnte. Seit jener verhängnisvollen Nacht vermied er jede Zusammenkunft, die zu einer Aussprache hätte führen können, und schlief allein. Er bemühte sich, in ihrer voreiligen Handlung einen Vertrauensbruch zu sehen, und redete sich gewaltsam in die Berechtigung seiner Härte hinein. Die Ungerechtigkeit dieser Stellung wurde ihm durch einen tiefen notwendigen Zwang seines ganzen Wesens erträglich. Eigentlich dachte er wenig darüber nach, er floh vor sich selbst, sobald das stille Leidensbild seiner jungen Frau vor ihm auftauchte. Mochte sie für sich einstehen; litt denn er selbst weniger? Alles zurückliegende Glück füllte sein Herz mit Wärme und Dankbarkeit einer schönen Erinnerung, nun aber mußte es zu Ende sein. Die grausame Unerbittlichkeit seiner neuen Liebe machte ihn hart und blind; in seiner Hingabe an diese Liebe und in ihrer ausschließenden Macht fand er seinen Freispruch und seine Kraft zur Härte. Es kam ein unbestimmtes Empfinden hinzu, daß diese Wochen einer vorgerückten mütterlichen Erwartung nicht die Zeit seien, auf eine Klärung der neuen Art der Beziehung zu dringen, er verschob alles auf spätere Tage, ohne Hoffnung und ohne Glauben, aber doch in der vagen Erkenntnis, daß die Zeit die Entscheidung von selbst bringen mußte.

Und doch war er sich dunkel eines tiefen Irrtums bewußt, eines heimlichen Frevels am gerechten Gang des Weltwesens, aber er tröstete sich mit jenem Glauben an die Unzulänglichkeit alles Irdischen, der schwachen Naturen und denen, die nicht an das Recht ihrer Liebe zu glauben vermögen, ihr armes Gleichgewicht verleihen kann.

* * * * *