Wanderschuhe und andere Erzählungen

Part 3

Chapter 34,064 wordsPublic domain

Das sei oft so in diesen Zeiten bei den Frauen, da müsse man nur warten und Geduld haben, mit dem neuen, jungen Leben werde auch der neue Lebensmut geboren und was man so zu sagen pflegt. Aber es war doch auch uns beiden nicht recht wohl ums Herz, als wir in einer der nächsten Wochen bei einem Abendspaziergang das junge Weib dort draußen auf dem kleinen Hügel trafen, auf dem ich sie schon einmal hatte stehen sehen, damals im Vorfrühling. Heute sah sie krank aus, mit übergroßen, dunklen Augen, die wie in einer sehnlichen Glut brannten; das schöne Gesicht war hager geworden und um die Mundwinkel lag ein fremdes, trauriges Lächeln. Sie wollte sich zwingen, heiter zu sein, als sie, sich dichter in das alte, rote Zigeunertuch hüllend, sagte: »die Schwalben sammeln sich schon wieder zum Fortgehen. Ich hab ihnen zugesehen, man sieht so weit hinaus da oben.« Aber es war, als ob eine gefangene Seele die beschnittenen Flügel höbe: warum kann nicht auch ich hinausziehen in die große, uferlose Weite? Ich wollte nun doch auch einmal mit Markus Lohrmann reden, das nahm ich mir vor; denn ich wußte wohl, daß er in Sorge und Liebe jetzt seine Tage hinbringe, und es war mir auch, als ständen wir alle vor einem tiefen Rätsel, zu dessen Lösung wir uns die Hände reichen müßten.

Aber eh’ ich noch, durch allerlei Amtsgeschäfte abgehalten, dazu kam, ihn aufzusuchen, geschah, was geschehen mußte, so wie das Leben nun einmal ist.

Es war ein Tag im Herbstanfang, so, wie es bei uns da oben viele gibt, blau, sonnig und von einer durchsichtigen Klarheit. Das Agathlein war wieder einmal bei uns. Es stand, als ich von einem Krankenbesuch im Filial heimkam, am Gartenzaun und streckte sein Näschen zwischen den Latten durch. »Großvater,« sagte es, als ich herankam, »sei einmal ganz still, ich höre Musik, feine, schöne.« Und ich stellte mich neben das Kind, das den Finger vor den Mund gelegt hatte und sich horchend vornüberneigte und horchte mit ihm in die blaue Luft hinein. Da hörte ich es denn auch, es kam näher und näher: Klarinetten und eine Geige, und dazwischen die klagenden Töne des Dudelsacks. Es war eine Zigeunermusik; die halbe Dorfjugend und, so viele ihrer sich ein Gewerbe auf der Straße machen konnten, auch von den Alten, zogen hinter einigen schwarzhaarigen, bräunlichen Gesellen in malerischen, aber vertragenen Gewändern drein. Und bald ging es von Mund zu Mund: heute Abend sollte große Tanzmusik droben im Ochsen sein. Draußen vor dem Dorf, in der gleichen Bodensenkung stand nun auch der Wagen der fahrenden Leute wie einst der, der Mirza gebracht hatte. Ein paar Weiber gingen vor die Türen, allerhand heischend, was es so bei den Bauern gibt; mir war Angst im Herzen um Mirza, an die ich heut immer denken mußte, als ob ihr Schlimmes bevorstände. Aber, wie so oft schon, ich beruhigte mich bei dem Gedanken, daß sie ja in einer treuen Liebe geborgen sei; die würde auch heute um sie wachen. Als ich jedoch am späten Abend von einer Krankenkommunion heimkehrend an Markus Lohrmanns Haus vorüberging, sah ich nur die dunklen Fenster ringsherum und bei näherer Betrachtung den alten Knecht auf dem Bänklein vor dem Hause, wie er mißmutig in seiner Pfeife herumstocherte. Der Bauer sei für drei Tage ins Unterland gegangen, er wollte Vieh kaufen und Wein. Und die Frau? Die sei seit einer Stunde fort, wohin, das wisse kein Mensch, und ganz richtig sei es nicht mit ihr und es gehe auch nicht gut, das sage er.

Wo nun der kleine Marx sei? fragte ich. Da erhellten sich die Züge des Knechts. Ei, der liege in seinem Bettlein und schlafe. Die Frau habe ihn hineingetan und habe bei ihm gesungen, als er schon lang geschlafen habe; es sei gewesen, wie geweint, ihm, dem Zuhörer da außen, habe sich alles um und um gedreht im Innern. Er verstehe nichts von so Sachen, aber es sei wahrhaftig gewesen, wie wenn eine arme Seele ums Lösgeld bitte. Und dann sei sie zur hinteren Haustür hinausgegangen und in ihrem alten, roten Tuch übers Feld hinauf in den sinkenden Abend hineingelaufen. »Sie ist halt anders, als alle dazuland,« schloß der Knecht, »aber unrecht, das ist sie nicht, bloß anders.« Mir kam die Angst aufs neue, die ich bei Tag verscheucht hatte. Denn dieses Menschenkind, das hast du schon gesehen, lag mir am Herzen.

Ob wohl ihre fahrenden Stammesgenossen bei ihr gewesen waren? Ob sie die Musik der dunklen Gesellen gehört hatte? Und der Mann war nicht da, bei dem sich Mirza sonst wohl in der Not, auch vor sich selbst, geborgen hatte.

Es hatte sich ein starker Wind aufgemacht, einer von den Herbststürmen, wie sie bei uns da oben so manche Nacht ihr wildes Lied singen. Nach dem schönen, sonnigen Tage war es verwunderlich; das Wetter mußte rasch umgesprungen sein. Nun trieben schwere Wolken in großen Heerhaufen am Himmel dahin. Wenn sie den Mond, der hinter ihnen stand, auf Augenblicke freigaben, so warf der sein blasses Gesicht auf ihre zerrissenen, zerklüfteten Gestalten, die seltsam rasch über ihn dahinflogen. Der Wind rauschte in den Bäumen, es war eine andere Musik, als die sie da oben machten im Ochsen. Die klang mir nun auch in die Ohren, je mehr ich mich meinem Hause näherte, um so stärker. Ich gönne meinen Burschen und Mädchen wohl ein Vergnügen; ich habe selber auch schon zugesehen, wenn sie sich im Reigen drehten, und ich wußte, so, wie heute, bekamen sie nicht oft aufgespielt. Du kennst das kleine Liedchen, wir haben es schon miteinander gelesen:

»Eine braune Geige schluchzt, Und daneben juchajuchzt Eine tolle Flöte.«

Das fiel mir ein, als ich eine Weile horchend stehen blieb; denn, anstatt in mein Haus zu gehen, ließ ich mich von den Tönen noch ein Stück näher gegen den Ochsen hinziehen. Es war mir, als müsse ich sie diesmal still sein heißen; als müsse ich sagen, es sei ein Krankes um den Weg, das Stille brauche. Als ob die schluchzende Geige, der klagende Dudelsack Mirzas Seele seien, die sich zur Ruhe singen wolle und nicht könne. Aber die Instrumente sangen weiter, ein jedes seinen Ton, und nun hörte ich auch das Stampfen der Stiefel auf dem Saalboden des Ochsenwirts und sah an den hellerleuchteten Fenstern des Oberstocks die Gestalten der Tanzenden vorübergleiten.

Ich wollte wieder umkehren, ich hatte ja eigentlich nichts da oben zu suchen; und dennoch, fast von selber, gingen meine Augen durch die Dunkelheit in allen Winkeln umher; sie suchten dennoch etwas. Da, als ich mich schon zum Gehen wandte, riß eben der Wind, der da oben noch ganz anders hausen mochte, die Wolkendecke wieder einmal auseinander. Und in dem unsteten Licht, das sich aus dem Wolkenspalt heraus ergoß, sah ich, hart an die Wand des gegenüberliegenden Hauses gedrückt, eine Frauengestalt in einem roten Tuch, und ein blasses Gesicht, aus dem die Augen, groß nach dem hellen Lichtschein aus dem Tanzsaal gerichtet, fast herausspringen wollten wie in Hunger und vergeblicher Sehnsucht.

Ich trat zu ihr hin und fühlte, als ich ihr die Hand bot, wie sie heftig zusammenschrak. »Guten Abend, Mirza,« sagte ich, aber es wollte mir jetzt kein heiterer Ton gelingen. Mir war nur, als müsse ich mich still neben das arme Weib hinstellen, das die Zähne zusammenbiß und zitterte, wie in körperlichem Schmerz. Wir schwiegen eine Weile miteinander, dann sagte ich: »Komm, Mirza, ich begleite dich an dein Haus, heim, du mußt nicht so im Sturm draußen sein, ich meine, du seist nicht wohl die Zeit daher. – Ums Zusehen beim Tanzen wird dir’s ja nicht sein,« versuchte ich nun doch zu scherzen. Sie schüttelte nur stumm den Kopf, es war nicht der Mühe wert, darauf zu antworten, es lag so weit ab. Ich wußte es auch wohl, es war nur die Musik, die von der weiten Ferne redete, von dem Lied, das der Herbstwind in den Bäumen spielt, von allem Glück und Elend, das im Wandern liegt, – ach, mehr als das, von allem Hinausdrängen und Heimbegehren der Menschenseele. Ich sah es wohl, sie trank das alles in sich hinein, – und verging fast daran.

Ein wenig zögerte sie noch, dann ging sie still neben mir her. Ihre Schritte waren schwer, das mochte wohl ihr körperlicher Zustand machen, aber nicht er allein. Sie ging wie eine, die eine Last trägt und weiß: ich kann sie nicht ablegen, eh’ ich mich selbst ablege.

Vor ihrer Haustür bot sie mir mit einer seltsam heftigen Gebärde die Hand. »Nicht bös sein, Herr Pfarrer, gut an mich denken,« sagte sie und ich sah trotz der Dunkelheit ihre Augen flehentlich auf mich gerichtet.

»Gut an dich denken? Das tu’ ich immer, Mirza,« sagte ich. »Komm doch in diesen Tagen, so lang dein Mann fort ist, einmal auf ein Stündlein zu meiner Frau hinauf. Du weißt, sie freut sich darüber. Das Agathlein ist auch da, du mußt dein Bübchen mitbringen.«

Sie sagte nichts darauf, sondern machte sich mit dem Hausschlüssel zu schaffen, und ich dachte, der Friede ihres Hauses werde über sie kommen, wenn sie drinnen in der Kammer das Atmen ihres Kindes höre und ließ sie allein und sagte zuversichtlich beim Gehen: »Gott behüt dich, Mirza. Wir müssen alle durch schwere Zeiten hindurch, aber sie vergehen wieder und es wird wieder hell.«

So ist es mit uns Menschen. Wir ahnen einer des andern Not und gehen ein Stück neben ihm her und glauben ihn zu kennen. Aber sie brennt uns nicht auf der Seele, wie ihn, und wenn er lautlos neben uns stöhnt in Qual, dann sagen wir zuversichtlich: es wird schon besser werden – und meinen wunder, was wir Gutes wissen. Ach ja, wir Menschenhüter! Es ist uns doch immer wieder ein großes Müssen, an eine Hand zu glauben, die in alle Tiefen reicht und in die hinein sich die Verirrten und Verwirrten bergen können.

Am andern Tag, das heißt, als es schon in die tiefe Dämmerung überging, kam Markus Lohrmann zu mir in den Garten, wo ich nach meiner Gewohnheit noch ein wenig zwischen den Beeten auf und ab ging. Er hatte den kleinen Marx auf dem Arm und sah fahl und verstört aus. »Schon zurück, Markus?« fragte ich noch, da brach ein Ton so schmerzlichen Jammers aus seiner Brust hervor, daß ich im tiefsten Grund erschrak. »Was ist – mit Mirza?« fragte ich. Da bot er mir ein Blatt, das mit den etwas mühsamen, ungelenken Schriftzügen, die ich während des Religionsunterrichts bei Mirza kennen gelernt hatte, bedeckt war.

»Ich muß gehen,« stand darauf. »Ich weiß nicht, wohin, daß Gott erbarm. Markus, du bist gut, ich wäre auch gern gewesen, wie du bist. Aber ich bin doch anders. Es treibt mich hinaus unter die Bäume und unter den freien Himmel, ich meine, ich müsse ersticken schon lange Zeit. Und ich meine, ich müsse weit, weit fort. Die Musik heut abend; ich hätte nicht zuhören sollen; ich kann nicht mehr ins Haus hinein.

Ich weiß mir nicht mehr zu helfen, – daß Gott erbarm –« da brachen die Schriftzüge ab. Das Blatt war unter der Haustür gelegen, als der Knecht in der Morgenfrühe öffnete. Er hatte es grimmig auf den Tisch in der Wohnstube gelegt. Von dort hatten es wohl die Spatzen vertragen; denn im Dorf ging es wieder einmal von Mund zu Mund: sie ist mit den Musikern fort. Art läßt nicht von Art – und dergleichen mehr, was die Leute so sagen.

»Ach, Markus, sie kommt wieder,« sagte ich, als ich das Blatt gelesen hatte. Aber ich glaubte es selbst nicht recht, ich fühlte wohl, das Glück kam nicht mehr für die beiden.

Er schüttelte auch den Kopf und drückte das Kind an sich. »Jetzt hab’ ich nur noch dich,« sagte er zu dem Bübchen. »Jetzt sind wir zwei allein miteinander,« und wieder kam das kurze Stöhnen.

Dann faßte er sich äußerlich zusammen. »Ich bin erst seit einer Stunde da,« erzählte er. »Ich bin schon heut gekommen, anstatt morgen, weil es mir keine rechte Ruhe mehr ließ. Das Weib ist so sonderbar gewesen die Zeit daher. Sie hat auch im Schlaf geredet, da hab’ ich gemerkt, daß sie krank ist nach der Ferne. Sie ist gewesen wie ein Vogel im Käfig, und doch hat sie mich lieb gehabt – und das Kind auch.« Er schüttelte den Kopf. »Es ist ein Jammer. Ich weiß nicht, was tun. Ich habe gedacht, ich wolle Ihnen das Kind aufzuheben bringen, Herr Pfarrer, und fortgehen, sie zu suchen. Aber ich glaube, ich muß sie lassen, wie sie muß und will. Ich darf sie nicht zu mir zwingen.«

Er wußte nicht, wie vornehm und wie lauterer Güte voll er mir erscheinen mußte; er redete und tat alles aus seinem einfachen, liebenden Herzen heraus. Ich wußte, er verging nach ihr; er hätte sie auch gefunden, wenn er sie ernstlich gesucht hätte. Aber er wollte sie nicht im Käfig halten. »Ach, Markus,« sagte ich, »Gott helf’ uns allen.«

Er nickte nur, ernst und schwer; er wußte auch keinen andern Trost. Dann ging er wieder; er drückte das Kinderköpflein an seine Wange und ich hörte ihn zärtliche Worte sagen, als er den Gartenweg hinunterschritt.

In den paar Wochen, die nun folgten, bin ich oft eine Dämmerstunde lang oder auch beim Licht der Ampel draußen in Markus Lohrmanns Stube gesessen. Ich wußte, er sei so allein und er habe niemand, der so recht mit ihm fühle. Da saßen wir einander gegenüber, oft mit einer Pfeife Tabak, oft auch ohne das. – Was? Du meinst, ich sei verbauert da oben? Anderswo wäre das unmöglich? Ja, ja, das kann schon sein. Aber weißt du, so eine gemeinsame Pfeife, – und dann, – viel reden, das ist nicht meine Sache, – da spürt so ein Mensch doch, daß jemand da ist. Ach was – nun will ich weiter erzählen.

Da kam eines Tages ein Brief an mich. Er war von einem Amtsbruder im Schwarzwald. Warte, du kannst ihn lesen, ich habe ihn da bei der Hand.«

Der Pfarrer kramte unter seinen Papieren, dann brachte er ein Blatt zum Vorschein.

Der Gast las es. »Geehrter Herr Amtsbruder! Es liegt in einer Kammer des hiesigen Armenhauses ein Weib, offenbar eine geborene Zigeunerin, die aber in älblerischen Bauernkleidern hierher kam und behauptet, in Ihre Gemeinde zu gehören. Besagtes Weib ist in einer Waldhüterhütte eines toten Siebenmonatkindleins genesen, und, da sie dort aufgefunden wurde, als eine Schwerkranke zu uns heruntergeschafft worden, bis sie ihr wanderndes Leben wieder fortsetzen könne. Ich glaube aber, sie wird nicht viel irdische Fahrt mehr vor sich haben, denn ihre Kraft schwindet hin, wie ein Licht verbrennt. Es ist eine wunderliche Geschichte, die mir, da ich als Seelsorger nach der neuen Insassin sehen wollte, das Weib erzählt hat. Und kaum zu glauben wäre sie mir, sowohl um des einen willen, daß ein seßhafter Bauer sollte eine aus dem fahrenden Volke zu seiner Ehefrau gemacht haben, als auch um des andern, daß solche dann wieder aus aller bürgerlichen Ordnung und reichlicher Versorgung weg ins Elend hinaus gelaufen wäre, wenn nicht das Menschenherz zuweilen wunderliche Wege ginge, daß auch ein alter Praktikant den Kopf schütteln und sich des Verständnisses begeben muß. Es ist nämlich, wie ich sagen muß, Gesicht und Sprache, auch das ganze Gehaben des Weibes nicht das einer Verdorbenen oder Lügnerin, sondern nur einer Verirrten, die sich nun im Angesicht des Todes wieder dahin zurücksehnt, von wo sie ausgegangen ist. Freilich sagt sie – und ich habe ihr solches auch reichlich bestätigt, – daß sie wie eine Undankbare gehandelt habe, die so großer Liebe ihres Mannes nicht wert gewesen sei, da sie ihn und auch ihr unmündiges Kind verlassen habe. Aber ob auch ihre Augen ernst und traurig dreinsehen und beim Reden bittere Tränen daraus hervorgeflossen sind, so sagt sie dennoch: Gott weiß, ich habe nicht anders können, er ist stärker gewesen als ich.

Da ich sie nun gestern ermahnt habe, Gottes Verzeihung zu suchen, so schüttelte sie den Kopf und sagte: »mir tut not, daß mir mein Mann verzeiht, Gott wird es wohl tun.«

Damit nun diese Seele sich vom Irdischen ab- und dem Ewigen zuwenden könne, so ersuche ich Sie, Herr Amtsbruder, um Ihre Vermittlung, daß der Mann, der Markus Lohrmann heißen soll, nicht achtend seiner erlittenen Kränkung, der Sterbenden, denn das wird sie bald sein, ein Wort der Verzeihung schicke, wie wir denn vergeben sollen, damit auch uns vergeben werde.«

Darauf folgte die Unterschrift.

»Und?« Der Gast fragte es mit einem Lächeln, das schon vieles zu wissen schien.

Da tat der Pfarrer einen tiefen Atemzug und bekam leuchtende Augen hinter seiner Brille.

»Jetzt horch, Siegfried, denn jetzt bekommst du etwas zu hören, das ist wie ein Fest, ist lauter Hochzeit, Sieg, Liebe und Leben, obgleich es aussieht wie Elend, Not und Tod.

Es war am späten Abend, als ich Markus Lohrmann den Brief brachte. Er tat gerade sein Bübchen ins Bett und entschuldigte sich, daß es spät geschehe: »Es wird so bald dunkel und die Abende sind schon so lang. Da hab ich das Kind so gern bei mir. Ich weiß, es gehört ins Bett. Aber, Herr Pfarrer, draußen stürmt’s und die Nächt’ sind schon so kalt, und ich muß dann immer hinausdenken, ob sie herumirrt und kein Haus hat. Und oft ist mir’s, sie rufe nach mir.«

»Sie ruft auch, Markus,« sagte ich und gab ihm den Brief.

Er las ihn und blieb ganz still. Nur daran, daß das Blatt in seiner Hand zitterte und daß sich seine Brust stark hob und senkte, so als ob er sein Leben mühsam in sich berge, sah ich, was ich schon vorher wußte, daß sein ganzes Wesen erschüttert sei. Ein paarmal lächelte er beim Lesen und ich verstand warum; es schnitt mir ins Herz und machte mich auch stolz auf ihn. Nach einer Weile fing er an zu reden. Es geschah zu dem Kind. »So, so, Marxle,« sagte er, »jetzt mußt du hinliegen und schlafen. Der Vater muß fort, der muß zu deiner Mutter, die wartet und kann sonst nicht einschlafen.« Dann versagte ihm die Stimme und er machte sich an dem Bettchen zu schaffen. Als er ringsherum das Deckbett um den kleinen Kerl fest gemacht hatte, hob er das Gesicht zu mir. »Ja also, Herr Pfarrer, wie ist da die Reise?« fragte er. »Ich muß mich noch ein wenig anziehen, dann kann ich gleich gehen. Ich hol’ sie, ich bring’ sie noch heim. Da ist keine Red’ davon, daß sie in dem Armenhaus dort stirbt, das hat sie nicht nötig. Kann sein, sie wird wieder gesund, sie haben scheint’s dort keinen Doktor.«

Wir machten den Reiseplan miteinander. Er mußte sich noch gedulden bis gegen Morgen. Dann, es war noch tiefdunkel, schritt er durch die nächtlichen Gassen. Ich hörte seinen festen Schritt und hörte ihn mit dem Stock aufstoßen. Denn sein Weg führte nah am Pfarrhaus vorbei.

Ich lag wach und sah den Morgenstern hoch am Himmel stehen und hätte dem Wanderer gern ein gutes Wort nachgerufen; aber ich besann mich anders. Der hat in sich, was er braucht, dachte ich, der bedarf eines Wortes nicht. Er war mir lieb so.

Das war der Morgen des ersten Novembers.

Am Abend des dritten kamen die beiden miteinander heim.

Wir wußten es von der alten Burge, die es sich nicht hatte nehmen lassen, den kleinen Marx zu versorgen, und die Weisung erhalten hatte, das Wägelein mit dem Braunen an die Bahn zu schicken.

Im Dorf war viel Gerede und viel Schelten. »Er hätte sollen froh sein, daß er sie los hat. Auch noch nachlaufen, einer solchen, – aber er ist rein nicht gescheit. Jetzt, wo unser Herrgott ein Einsehen gehabt hat; sie hätt’ dort hinten im Schwarzwald sterben können, dann hätt’ er seine Ruh’ gehabt.« Aber die zwei, die auf dem Wägelein saßen, das spät am Abend in sachtem Tritt durch die Gassen fuhr, die horchten nicht nach dem Gerede hin. Sie hatten, das sah ich, als ich sie am übernächsten Tag besuchte, auch die Meinung, daß unser Herrgott ein Einsehen gehabt habe, es war aber doch anders, als die Dorfgenossen es meinten.

Sie wußten es wohl, daß sie nicht beisammen bleiben konnten, ich brauchte da nichts einzureden. Aber sie hatten noch ein paar Sommertage vor sich, eh’ es Nacht wurde, das war ihre hohe Zeit. Mirza atmete mühsam und schwer, denn ihr Herz war schwach und das Fieber brannte in ihr mit hoher Glut. Aber sie hatte leuchtende Augen, die waren bis zum Rande gefüllt mit Liebe und mit Heimatgefühl und nichts mehr von vergeblichen Kämpfen und von ausbrechender Sehnsucht stand in ihren Zügen. Und Markus Lohrmann, der eben den Doktor hinausbegleitet hatte und von ihm wußte, wie es stehe, der stützte sie, daß sie leichter atmen konnte, und streichelte ihre heiße Hand, und sie waren eins im andern daheim, wie ich es noch nie gesehen hatte.

Das machte, daß ihnen die Angst vor sich selber, vor allem Bitteren und Bösen, das sie einander hätten antun können, und vor aller Qual der vergeblichen Wanderwege nun abgenommen war, wie man Kindern ein gefährliches Spielzeug sacht aus den Händen nimmt und sagt: so, nun laßt das, nun kommet her zu mir, ich will euch etwas Schönes erzählen.

Und darauf horchten sie nun und sagten eins dem andern, was es im Herzen erhorchte.

»Ich hab’ dich anbinden wollen,« sagte der Mann, »weißt du noch? mit einem siebenfachen Seil, daß du mir nicht hinauskommest. Aber das Anbinden, das hilft nichts; hätt’ ich’s nicht tun sollen, Mirza?«

»Doch, du hast müssen, Markus,« sagte sie. »Und ich hab’ auch so tun müssen, wie ich getan habe. Wir können nicht anders, wir sind arme Leut, wir Menschen. Ich hab’ oft gedacht, wie ich so herumirrte und doch nicht heimkonnte: wenn ich der Gott wär’, ich hätt’ so ein großes Mitleiden mit allen, daß ich vom Himmel herunterlangen müßte um zu helfen.« –

Ich war lang still dagesessen, mehr im Hintergrund. Sie taten sich vor mir keinen Zwang an, ich war ihnen nie ein Fremder gewesen. Der Abend brach stark herein und wir schwiegen alle eine Weile. Dann mußte ich aber doch sagen: »Das tut er ja auch, Mirza. Dir ist die Welt und dein Ich zu eng gewesen; jetzt gehst du wohl in eine Weite, da wirst du nicht anstoßen und auch nicht fremd sein.«

Dann schwiegen wir wieder. Es ging so vieles durch mich durch. Es ist ein so großes Heimbegehren in uns Menschen allen. Der alte Claudius fiel mir ein: »Es muß irgendwo ein Ozean für uns sein.« Das und noch vieles. Aber ich konnte jetzt nicht davon reden. Wenn Markus Lohrmann diesen Winter mir hie und da gegenüber sitzen wird, – und das wird er, ich weiß es – dann werden wir wohl von diesen Dingen reden. Damals – ich habe selber mit horchen müssen und mit nach der Hand greifen, die Mirza wollte vom Himmel herunterlangen sehen, um uns allen zu helfen.«

»Und dann?« fragte der Gast, als der Pfarrer eine Zeitlang schwieg. »Und dann ist auch diese Zeit zu Ende gegangen, wie alle unsere Zeiten, die hohen und die tiefen. Ich denke, es sei so recht geworden, daß wir das, was des Wanderns müde war, begruben, und daß das, was nach der uferlosen Weite begehrte, ›laut jubelnd wieder in die Flut gegangen ist.‹«

Drunten am Haus schellte es.

Ursel machte auf und man hörte sie reden. »Und der Marxle ist noch auf und noch draußen?« sagte sie. »Arm’s Büble, du g’hörst ins Bett jetzt, so Männer haben doch keinen Verstand für die Kinder.« Dann ging die Tür auf und der Mann, von dem sie so viel gesprochen hatten, kam herein. Er trug sein Bübchen auf dem Arm, das war in ein großes Tuch gewickelt und hatte warme, rote Bäckchen und legte sein schwarzhaariges Köpflein an das blasse, ernste Gesicht des Vaters.

Der sah den Gast nicht, der im Schatten saß.

»Drum hab’ ich nur noch wollen einen Dank sagen,« hob er an. »Ich – ich wär’ sonst am Grab so allein gewesen, – aber was der Herr Pfarrer gesagt hat, das –«.

»Red’ nicht so daher, Markus,« sagte der Pfarrer, »du hast noch ein »gut’ Nacht« holen wollen, das ist recht. Morgen komm’ ich und seh’ nach dir. Was danken. Ich hab’ sie auch lieb gehabt, da dankt man nicht.« Der Mann setzte noch ein paarmal an, aber dann schien es ihm auch, als ob sonst nichts zu sagen sei. Ja, ja, liebhaben, da ist nichts zu bedanken, das geschieht umsonst. Da ging er wieder.

Der Gast saß still in seiner Sofaecke. Der Pfarrer sah ihn in seiner Brieftasche blättern, und dann ein gelbes, zerlesenes Blättchen herausholen.

»Lies,« sagte der Gast und hielt es seinem Freunde hin. »Ich meine, es werde nicht viel anders sein.«

Der Pfarrer las halblaut: