Wanderschuhe und andere Erzählungen
Part 2
Mir kamen die beiden nun für eine Zeitlang mehr aus den Augen; es war Winter und es gab allerlei Kranke am Ort, die ich zu besuchen hatte. Doch hörten wir ab und zu, daß dort draußen in dem Hause mit den braunen Balken alles gut gehe, den Schwarzsehern und Unglücksraben, die alles Böse hatten prophezeien wollen, zum Trotz. Selbst die alte Burge, die anfangs gemeint hatte, daß nun der Himmel einstürzen müsse, ließ sich, als gegen den Frühling hin eine böse Grippe ins Dorf kam, gern von den leichten und geschickten Händen des jungen Weibes pflegen, und mir war, als ich sie besuchte, als ob ihre grämlichen, harten Züge einen sanfteren Ausdruck gewonnen hätten.
Da kam ich einmal, als die Märzstürme mit aller Macht bliesen und auf den höhergelegenen Flächen den Schnee wegfegten, gegen Abend vom Nachbarort her. Es war eine frische, reine Luft, es lag etwas frühlinghaftes trotz der Schärfe darin und ich blieb stehen, um – den Hut hatte ich abgenommen – ein paar tiefe Züge davon einzuatmen und mir auch den alten Kopf ein wenig durchwehen zu lassen. – »Du weißt, ich bin hart gewöhnt worden da oben,« unterbrach sich der Erzähler lächelnd, »ihr Jungen hättet euch vielleicht dabei einen Schnupfen geholt.«
Da sah ich auf dem kleinen Hügel, den eine einzelne alte Eiche bekrönt, eine Frauengestalt unbeweglich stehen. Sie wandte mir den Rücken, sie sah in den sinkenden Abend hinein. Dort, im Westen, hingen einige leuchtende Wolken, denen die schon entschwundene Sonne schmale Purpursäume gewoben hatte. Ich sah es nun auch, sie veränderten ihre Form in rascher Folge, ballten sich zusammen und flossen auseinander, eine reichere Phantasie als die meinige hätte wohl allerlei Wesenheiten aus ihnen geschaffen. Mir will so etwas nie gelingen. Das aber sah ich, daß die Frau da oben wie in einer starken Bewegung die Arme ausbreitete und so eine kleine Weile regungslos verharrte. Dann, als rasch nacheinander die Purpurfarben am Horizont verlöschten und es dort grau und trübe wurde, wandte sie sich langsam um und ging mit zögernden Schritten den schmalen Weg, der zu der Landstraße führt, herunter. Und ich sah, daß es Mirza sei. Wäre es eine Fremde gewesen, ich wäre weitergegangen. So blieb ich noch eine Weile stehen, um sie herankommen zu lassen. Sie sah mich erst, als sie fast vor mir stand. Ich aber sah, daß ihr Gesicht tiefernst war, und daß ihre Augen immer noch in die Ferne gingen, wie in einer großen Sehnsucht. Als sie mich gewahr wurde, schrak sie zusammen, wie jemand, der in Träumen gegangen ist und den man angerufen hat. Dann färbte sich ihr Gesicht langsam mit einer dunklen Röte, aber sie faßte sich schnell und streckte mir die bräunliche Hand hin: »Guten Abend, Herr Pfarrer.« Ich wollte sie nicht fragen, was sie da draußen zu suchen gehabt habe bei sinkendem Tag; ich fragte nach ihrem Haus und ihrem Mann, nach Burge, die wieder gesund war und sagte scherzweis: »Und im Pfarrhaus, da lässest du dich gar nicht mehr sehen, seit du die Lohrmannsbäurin geworden bist, – oder ist es, seit das Agathlein nicht mehr da ist?« Das Agathlein, du weißt es, ist das Enkelkind, das sich so schnell in die Fremde verguckt hatte.
Sie gab mir auf alles Red’ und Antwort, aber doch wie eine, die nur mit Mühe dabei ist und neben dem, was es aussprach, schien ihr Mund immer noch etwas zu hüten, was er verschweigen mußte. So kamen wir selbzweit bis an das Haus, unter dessen Tür der Ehemann stand und nach seinem Weibe Ausschau hielt. Er sah heiter aus und bot mir die Hand. »Ja, nicht wahr, Herr Pfarrer,« sagte er, »mein Weib, das fürchtet sich nicht vor Wind und Wetter.« Und, als er sah, daß Mirza zusammenzuckte, sagte er mit einem guten Lächeln: »Ich weiß es wohl, sie ist das Stubensitzen nicht gewohnt, sie muß sich hie und da verlüften. Aber wart nur, sei’s um kurze Zeit, so fängt draußen das Ackern an, da kannst du frische Luft haben, und Bewegung, grad genug. Und man hat einen weiten Umblick bei uns da oben.« Er lachte ein frohes Lachen: »Das ist dann doch anders, so im Eigenen, mit der Sonne hinaus und mit der Sonne heim.« Das Weib stand still daneben. Dann, als zwinge sie etwas hinunter, atmete sie auf. »Du bist gut,« sagte sie und drängte sich an ihn. Immer wieder: »Du bist gut.« Da gingen sie miteinander ins Haus und ich dachte: »Um die zwei brauchst du keine Sorge zu haben, die wachsen schon zusammen,« aber ich konnte es doch nicht ändern, daß mir hie und da wieder das sehnliche Gesicht vor die Seele trat, das ich da außen gesehen hatte. Da, es war schon gegen Ende April – auch bei uns, zu denen der Frühling erst spät kommt, knospeten die Hecken und standen die Veilchen im Grase – kam die Bötin aus dem Nachbarort bei uns vorbei; sie hatte meiner Frau etwas aus der Stadt mitgebracht. »Ja, ja,« sagte sie, als sie in der Küche saß und eine große Schüssel mit heißem Kaffee vor sich auf dem Tisch stehen hatte, »ja, ja, so geht’s, wenn man etwas anderes will, als Seinesgleichen. Die Marie vom Adlerwirt, die wär ihm nicht davongelaufen, und ist auch eine saubere, postierte Person; es hätt’ nicht gerad eine schwarze Zigeunerin sein müssen; aber wer nicht hören will.« Ich kam gerade an der Küche vorbei und hörte ihr Reden. »Was sagt sie da, Bötin?« fragte ich. »O nichts, als daß der Lohrmann ja jetzt das Nachsehen hat, er hat sie ja nun den Winter über durchgefüttert.«
Ich wollte nichts mehr hören, es durchfuhr mich doch in jähem Schreck. Und, obgleich es Samstag war und meine Predigt noch nicht fertig, nahm ich Stock und Hut und ging ans Ende des Dorfes, um zu sehen, was es mit der Sache auf sich habe.
Der Bauer war in der Scheuer, er machte sich allerlei zu tun, aber ich sah doch auf den ersten Blick, daß seine Gedanken nicht beim Futterschneiden seien. Als er mich gewahrte, sah er mit einem eigenen, stillen Blick auf, darin nichts von der Frohheit der letzten Zeit lag, aber etwas anderes doch, das mir für ihn wohl tat, etwas Unentwegtes. Er führte mich wortlos in die Stube; dann erst, als er die Tür hinter sich geschlossen und mir einen Stuhl angeboten hatte, sagte er: »Ich weiß wohl, warum Sie kommen, Herr Pfarrer; ich dank’s Ihnen. Aber wenn’s nach mir gegangen wäre, ich hätt’s keinem Menschen gesagt. Sie können’s nur immer nicht schnell genug ausschnüffeln, die Leut’, wenn irgendwo etwas nicht im Gleis ist. Die Burge hätt’ nichts gesagt, die auch nicht. Aber der Fuhrknecht vom Lammwirt, der hat sie gestern in der grauen Morgenfrühe gesehen, wie sie mit einem ganz kleinen Bündelein in der Hand Blaubeuren zugegangen ist. Und, Herr Pfarrer, sie hat das rote Tuch um Kopf und Schultern gehabt, in dem sie einst hierher gekommen ist. Im Lamm hat er’s erzählt, sie sei gegangen, wie auf Federn, so leicht, und leis vor sich hingesungen habe sie. Jetzt wissen sie’s im ganzen Dorf und das ist mir leid um sie. Denn sie kommt wieder, o Herr Pfarrer, sie kommt wieder, sie kann es gar nicht anders. Es ist nur das Frühjahr, ich seh’s gut, ich seh’ in sie hinein wie in einen Spiegel.«
Und damit stieg ihm wieder etwas von der Freude in die Augen, als ob er sein Weib schon vor sich sähe, wie sie zur Tür herein käme: da hast du mich wieder.
»Und dann, wenn sie kommt?« ich fragte es eigentlich ohne Not; denn ich sah es ja, wie er sie aufnehmen würde.
Da brach es aus seinen blauen Augen wie ein heller Strahl. »Dann?« Er ballte gewaltsam die Hände zu Fäusten und preßte die Lippen aufeinander, daß sie es nicht hinausschrieen, was dann sei; die Augen mußten es ganz allein sagen mit ihrem Leuchten. Und ich sagte und wandte mich wieder zum Gehen, denn der hier wurde allein fertig: »ja, ja, Markus, die Liebe muß immer das letzte Wort behalten. Gott geb’s, daß sie es auch bei euch tue.«
»Es ist mir nur um sie. Sie hat so wie so keine Freunde im Dorf; sie werden arg über sie herfallen. Aber was tut’s am Ende? Daheim ist sie doch nur bei mir.« Damit gab mir Markus Lohrmann das Geleite bis vor die Tür und schon als ich ein kleines Stück weit vom Hause entfernt war, hörte ich wieder das Klappern der Futterschneidemaschine.
Am andern Tag, als wir unseren Sonntagsspaziergang machten in den Frühlingswald hinaus, meine Frau und ich, kommen wir an Lohrmanns Haus vorbei: da saß im Sonnenscheine die alte Burge am offenen Fenster. Sie hatte die Brille auf der Nase und das Gesangbuch auf dem Schoß, aber ihre Augen gingen ins Weite, und als sie uns herbeikommen sah, winkte sie mächtig mit dem Kopf: »ich bin allein im Haus, der Bauer ist mit seinem Weib hinaus, sie wollen ein bißchen nach der Saat sehen.« Und, als wir beide uns in freudigem Schrecken nach ihr hinwandten; fuhr sie fort: »ja, ja, das Böse kommt immer schneller herum, als das Gute, aber heut in aller Gottesfrühe, es waren noch die übernächtigen Sterne am Himmel, da höre ich doch trotz meiner dicken Ohren, daß etwas draußen am Laden herumtastet. Und da schlägt auch schon der Hund an und reißt an der Kette, wie toll, aber eh’ ich meine Röcke überwerfen kann, geht schon die Haustür und der Bauer tritt über die Schwelle. Geschlafen hat er nicht die zwei Nächte, das weiß ich wohl. »Ich muß bei der Hand sein, wenn sie kommt,« hat er gesagt. Und als ich meinen Laden aufstoße, da steht sie richtig draußen und guckt ihn so an, als ob sie heulen und lachen möchte an einem Stück, und er nimmt sie nur so an beiden Händen und sagt: »komm, komm;« es hat ihm ganz die Stimme verschlagen. Und er zieht sie so an den Händen ins Haus herein und läßt die Türe wieder ins Schloß fallen. Da müssen sie lang gestanden sein, denn erst nach einer Viertelstunde hab ich ihre Kammertür gehen hören. Ich bin wieder ins Bett gestiegen, ich bin ein alter Mensch und die Nächte sind kalt. Und es war mir auch, ein drittes sei zu viel dabei: Aber wie ich dann hinauskomme ein paar Stunden später, da hantierte die Frau schon in der Küche, und der Bauer steht dabei und guckt ihr zu, wie sie die Milch seiht, und der Hund, Gott verzeih’ mir’s, wenn’s eine Sünd’ ist, aber der steht daneben und frißt sie fast mit den Augen, ganz gleich wie der Bauer. Und wie ich sag: »so, so, auch wieder da?« und daß wir in der Angst gewesen sind, – da hat sie die Augen voll Tränen und lacht dazu und sagt: »Burge, Burge, ihr hättet mich sollen nicht ins Haus nehmen, so einen Wandervogel. Ich hab hinaus müssen, ich wär gestorben sonst. Aber, – und dann guckt sie den Bauern an, daß es mir altem Weib ganz siedheiß wird unter dem Kittel – haben müßt ihr mich jetzt doch, denn ich muß hier daheim sein, das kann man nicht mehr ändern. Es ist eine Not.« Und dann schlüpft sie an ihn hin, wie ein Kind, wenn es Angst hat, und, Herr Pfarrer, ich mag’s kaum sagen, aber der Bauer trägt sie ja richtig auf seinen Armen in die Stube und sagt: »mit einem siebenfachen Seil bind’ ich dich an, daß du mir nicht entlaufen kannst«, und sie sagt immer nur: ja, ja, bind mich an, aber mir ist angst, ich komme dir doch noch hinaus.«
Die alte Burge schüttelte den Kopf.
»Was soll ein alter Mensch, wie ich bin, dazu sagen? Ich habe in meinem ganzen Leben noch nichts solches gesehen, es ist nicht der Brauch bei uns. Aber so eigentlich bös sein, das kann man ihnen beiden nicht.« Und damit nahm das runzelige, trockene Gesicht einen Ausdruck an, den es noch nie gehabt hatte vorher; sie liebte Mirza, wider ihren Willen.
»Sagen, Burge? wir wollen gar nichts sagen.« Meine Frau war in mütterlicher Wallung für die beiden Menschen. »Gott behüt uns alle, wir haben’s alle nötig.«
Und damit setzten wir unseren Weg fort, und als wir von Weitem ein Menschenpaar Hand in Hand durch die hellgrünen Saatfelder gehen sahen, bogen wir auf ein Seitenweglein ab. Denn wir hatten nichts dabei zu tun.
Wir haben es später erfahren, daß Mirza auf den Blaubeurer Felsen herumgestiegen sei und auch, unter einen überhangenden Stein geduckt, frierend dort genächtigt habe. Und daß sie, hin- und hergerissen von ausbrechender Wandersehnsucht und von dankbarer Liebe zu dem Mann, der sich selbst und sein Haus zu ihrer Heimat gemacht hatte, umhergewandert sei, bis sie im Talgrund unten einen Wagen mit Leuten ihres Volkes gesehen habe. Da sei es ihr in heißem Schreck ins Herz gefahren, daß sie zu ihnen nicht gehöre, und sie sei atemlos gelaufen bis vor die Schwelle »seines« Hauses. Und sie hat ja nicht vergeblich dort geklopft, da die Liebe wach war und auf sie wartete.« – Der alte Pfarrer stand auf und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. Der Gast wußte, daß er nun eine innere Bewegung und vielleicht auch die Versuchung, eine Nutzanwendung zu dem Gesagten zu machen, in sich unterdrückte; so saß er schweigend und wartete. Der Feuerschein aus dem Ofen fiel durch das geöffnete Türchen auf den weißen Stubenboden; draußen war es dunkel. Ursel steckte den Kopf zur Tür herein.
»Bring ein Krüglein Wein, Ursel. Nein, nicht vom Neuen, von dem kleinen Fäßchen im Eck, alten roten. Und dann auch die Lampe.«
Nun kam der Hausherr wieder in Zug.
»Es ist nicht bei dem einenmal geblieben,« fuhr er fort. »Sie ist noch hie und da, dem dunklen Trieb in die Ferne gehorchend, auf einen oder zwei Tage aus ihres Mannes Haus verschwunden und immer wieder beim Sternenschein oder beim ersten Hahnenschrei zurückgekehrt. Er hat sie jedesmal mit der steten Treue seines Wesens aufgenommen, und sie barg sich dann, wie in wachsender Angst vor sich selber, in seinen Armen. Ich sah aber doch hie und da, daß ein Zug von stiller Schwermut auf dem Gesicht des Mannes lag, bis er eines Tags wie übersonnt vor Freude in mein Haus trat. »Er ist da,« sagte er, »der Bub, wir haben einen Buben.« Ich mußte mich mit ihm freuen. »Das ist ja gut,« sagte ich und gab ihm die Hand, »nun wird ja auch die Mutter noch fester bei euch einwurzeln, als sie es bisher getan hat, nun, da sie die Wiege neben dem Bett hat.« »Das wird sie, so Gott will,« sagte der Bauer und wieder brach ein freudiger Strahl aus seinen Augen, »wir zwei, wir binden sie an auf immer, der Bub und ich.«
Meine Frau konnte dem Drang ihres mütterlichen Herzens nicht lange widerstehen. Sie wußte es wohl, das fremde junge Weib hatte keine Freundinnen unter den Dorfweibern. Und wenn auch die alte Burge da draußen herumhantierte, – kurz, sie mußte hin und nach dem Rechten sehen.
Es war ein sonniger Märztag, als sie den Gang machte. Und als sie an den niedrigen Fenstern vorbeiging, die halbgeöffnet waren, da drang ein leiser, lieblicher Gesang an ihr Ohr. Das war Mirza, die ihrem Kindlein ein Wiegenlied sang, eine fremdartig süße Weise, wie deren die wandernden Leute so viele haben. Drinnen soll es lieblich genug ausgesehen haben. Die junge Mutter hatte das Büblein an der Brust und der Vater stand, ein Schnitzmesser in der Hand, unter der Tür, die nach dem Stadel hinausführte und konnte sich nicht ersättigen am Anblick der beiden dunkelhaarigen Köpfe, die da so traut beieinander auf den Kissen lagen. Denn das Kindlein hatte einen Wald von schwarzem Kraushaar und die großen, glänzenden Augen der Mutter mit in die Welt hereingebracht.
»So ist er jetzt immer,« sagte Burge, »hundertmal läuft er von allem Geschäft weg und guckt die zwei an, als ob sie ihm könnten gestohlen werden.«
Aber sie selber machte es nicht viel anders, das konnte man deutlich sehen. Sie versorgte Mirza und wickelte das Kind und besorgte den Hausstand. Es war, als ob sie Räder an ihre alten Füße bekommen hätte und ein junges Gesicht dazu. Das machte alles die Freude.
»Viel zu gut habe ich’s,« sagte Mirza. »Die Frauen meines Volkes – wenn ich denke, wie sie hinter einer Hecke oder auf einem Heuhaufen –,« sie brach ab, als der Mann mit einer hastigen Bewegung auf sie zukam: »Dein Volk ist jetzt hier, Mirza, bei uns, bei mir, sonst nirgends mehr.« Und sie preßte das Köpflein des Kindes an sich und sagte: »ja, ja, das ist es. Aber ich kann’s nicht ändern, ich muß auch an die andern denken.« Und leiser, das rote Fäustchen und das sattgetrunkene Mäulchen küssend, fuhr sie fort: »er hat’s gut, mein Kleiner. Er ist da geboren, wo er hingehört. Ihn wird es nicht in der Welt herumwerfen – und nicht hinausziehen mit aller Gewalt.«
»Ja, und du bleibst nun auch da, Mirza, nun bleiben wir alle beieinander,« sagte der Mann, und es sei eine leise Angst und eine rührende Bitte in seinem Ton gelegen, sagte meine Frau.
Nun ging ein Jahr hin, – mehr als ein Jahr – ein Sommer und ein Winter und wieder ein Sommer, das war für Markus Lohrmann eine gute Zeit. Ich weiß noch einen Sommertag vom vorigen Jahr; es war im Heuet; draußen an der großen Wiesenbreite gegen die Elchinger Markung hin gingen wir beide, das Agathlein, das zum Besuch gekommen war, und ich, selbander spazieren. Das heißt, das Agathlein hüpfte mir voraus, immer drei Schritte vor und einen zurück, und machte einen Strauß aus Heckenrosen und gelbem Ginster und solchem Blumengezeug an den Rainen, das nicht unter der Sense gefallen war. Und dazwischen hinein sah es sich um, ob der Großvater auch nicht verloren gehe. Aber auf einmal, an einer Wegbiegung, – es stand eine Gruppe von Schlehdorngebüsch davor, tat das Kind einen Schrei aus seinem freudigen Herzlein heraus und rannte gradeaus über die Wiese hin, bis wo unter einem Vogelbeerbaum ein Häuflein Menschen saß, offenbar beim Vesper. Ich stieg langsamer hintendrein, bei unsereinem pressiert’s nicht mehr so stark; da fand ich das Agathlein schon neben seiner Freundin Mirza auf dem moosigen Mäuerlein sitzen, das dort die Wiese abschließt, und es hatte auch wie die andern ein Stück Käsbrot in der Hand, von dem es fröhlich herunterbiß.
Das schwarzhaarige Büblein, das für seine viereinhalb Monate schon prächtig herangediehen war, das lag mit weitoffenen Guckaugen auf seiner Mutter Schoß und krabbelte mit den Händlein an ihrer Brust herum, als ob es wisse, daß es jetzt dann an die Reihe komme mit der Mahlzeit. Mirza war, wie Burge und wie der Mann und die beiden Taglöhner, in Hemdsärmeln. Sie unterschied sich durch nichts als durch ihre fremdartige, dunkle Schönheit von einer echten Albbäurin. Aber das Sehnsüchtige, Rätselhafte in ihren Augen und um ihren Mund, das war jetzt ausgelöscht oder doch zugedeckt durch eine weiche, mütterliche Freude an dem jungen Leben, das sie in ihrem Schoße hielt, und als sie aufsah und mir die Hand hinstreckte, tat sie es mit einem Lächeln, wie es nur ein Mensch hat, dem es im Herzen wohl ist. Ich bin damals eine gute Vesperviertelstunde lang mit unter dem Eschenbaum gesessen und auf dem Heimweg war mir’s warm, nicht von der Sonne allein, auch nicht von dem Glas Bratbirnenmost, das ich nicht hatte ausschlagen wollen; so ein Stück reifen, guten Sommerglückes, das man Menschen, die man gern hat, genießen sieht, das wärmt einen im Innersten. Das Agathlein, – das muß ich noch sagen – blieb auf der Wiese zurück. »Ich muß den Marx hüten, die Mirza muß wieder schaffen,« rief sie mir nach. Und als ich mich einmal umwandte, da sah ich Markus Lohrmanns Weib, wie sie rüstig neben ihm mit dem Rechen hantierte; er aber konnte es nicht lassen, zwischenhinein seine Augen nach ihr hinzuschicken. Ja, da hatte er gute Zeit.
Wenn man sie gegen ein langes Leben hinhält, war sie kurz.
Aber wie viele gehen über die Erde hin, die nie ein ganzes, volles Leuchten in sich gehabt haben, so eins, das durch dunkle Tage und Jahre hinscheint wie ein Licht: damals bin ich glücklich gewesen. Zu denen gehört Markus Lohrmann nicht. Wenn er nun mit seinem Büblein in seinem Haus da draußen sitzt und es kommt ihm so leer vor, und das Kind wächst daher und sollte eine Mutter haben, – ich weiß, dann nimmt er es auf den Schoß und erzählt ihm, noch eh’ es den Verstand dazu hat, daß einen Sommer und einen Winter und wieder einen Sommer lang sich dunkle Augen in den seinigen gespiegelt haben. Daß eine zärtliche Stimme schöne, seltsame Weisen über seinen ersten Kinderschlaf hingesungen hat, daß sein schwarzes, lockiges Köpfchen im Schoß einer lieben Frau geruht hat, die seine Mutter war.
Und wenn er dann auch in vergeblicher Sehnsucht die Arme nach dem fernen Bild ausstrecken wird, es ist doch sein eigen gewesen. Und er wird sein Büblein an der Hand nehmen und« – »Du wirst ja ganz poetisch,« sagte der Gast dazwischen, und dann räusperte er sich und nahm einen Schluck Wein.
Der Pfarrer nahm auch einen. »Na ja,« sagte er, »das ist sonst meine Art nicht. Aber es ist mich so angekommen.
Im vergangenen Sommer, – der kleine Marx zog schon sein hölzernes Gäulchen an einer Schnur hinter sich her und wackelte auf seinen anderthalbjährigen Füßen ums Haus herum – sah ich Mirza eines Tags gegen ihre sonstige Gewohnheit an einem sonnenheißen Tag unter der großen Linde, die nahe bei ihrem Haus steht, auf der Steinbank sitzen. Sie hatte ein altes, rotes Tuch um die Schultern gelegt und zog es an sich, als ob sie friere. Und ihre Augen sahen müd und traurig aus.
»Was ist dir, Mirza?« fragte ich und setzte mich neben sie. »Du siehst nicht gut aus. Bist du krank?«
Nein, das sei sie nicht, sagte sie, nur müde, es sei unbegreiflich, und doch auch wieder nicht. Es kam und ging eine dunkle Röte auf ihrem Gesicht. Sie kämpfte augenscheinlich damit, mir etwas zu sagen, tat aber dann ein paar lange Atemzüge und strich sich mit der Hand übers Gesicht, wie um dort etwas wegzuwischen. »Wenn dich etwas drückt, Mirza, und du möchtest’s mir gern sagen, – das weißt du wohl, daß ichs gern hören will,« sagte ich. »Aber freilich, wenn man so einen guten Mann hat, wie du, dann hat man den Beichtvater bei sich im Haus und braucht den Pfarrer nicht dazu.« Ich versuchte zu scherzen, aber eigentlich war es mir nicht recht um Spaß zu tun. Denn die Augen des Weibes neben mir sahen wie in eine dunkle Tiefe oder in eine große, weite Ferne.
»Es gibt Sachen, Herr Pfarrer,« sagte sie tiefernst, »mit denen muß der Mensch ganz allein ins reine kommen, da hilft das Reden nichts,« und ich spürte, daß es bei ihr so sei.
So machte ich mir nur noch ein wenig mit dem Bübchen zu schaffen und freute mich, daß, als ich weiterging, der kleine Bursch vor seiner Mutter auf dem Boden saß und sein eifriges Gesichtlein zu ihr erhob, die seine stammelnde Sprache allein bis jetzt verstand.
Einige Tage später hörten wir von der alten Burge, die in letzter Zeit wegen zunehmender Kurzatmigkeit einer jungen Magd Platz gemacht hatte, aber gleichwohl noch dort draußen aus- und einging, wie ein Eigenes, daß dem kleinen Marx ein Geschwisterlein sollte geboren werden, vielleicht so gegen den Wintersanfang hin. »Die Mirza ist nicht recht zuweg,« sagte sie, »auch vergnügt ist sie nicht. Es nimmt mich wunder; sie können ja gut mehr Kinder verhalten, darum braucht sie sich keine Sorgen zu machen. Aber freilich, ich kenn mich nicht aus bei ihr, es ist wohl nicht ums tägliche Brot, daß sie so unter dem Druck herumläuft. Sie hustet auch so viel, ich mein’ immer, der Mann solle den Doktor holen. Nur, wenn ich das sage, dann schüttelt die Mirza stumm mit dem Kopf und guckt ihn so flehentlich an mit ihren großen Augen, als ob sie sagen wollte: das, was mich krank macht, das ist nichts für den Doktor. Und er – er tut ja, was sie will, da kann unsereins nichts machen.« Meine Frau tröstete an der treuen Seele herum.