Wanderschuhe und andere Erzählungen

Part 4

Chapter 43,784 wordsPublic domain

Es kam eine arme Seele im Himmelreich an: Tut mir auf, tut mir auf, daß ich eingehen kann! Und als sie nun stand am himmlischen Tor, da kamen die Englein mit Haufen hervor: »Arme Seele, was hast du zerrissene Schuh!« Bin immer gewandert, fand nirgendwo Ruh. »Verblichen, zerrissen dein altes Gewand!« Das trug ich in Regen und Sonnenbrand. »Arme Seele, was gehst du so krumm und gebückt?« Mich haben die Lasten des Lebens gedrückt. »Arme Seele, was suchst du im himmlischen Haus?« Gott Vater, den sucht’ ich weltein und weltaus. Dem leg ich zu Füßen die Kleider und Schuh, die Last und mein sehnendes Herze dazu. Da traten die Englein zusammen in Reihn und führten die arme Seele hinein. Da ward sie beschienen vom himmlischen Glast, da war sie genesen der sehnenden Last. – Die seligen Engel im ewigen Licht, _so_ selig waren die Engel nicht. –

Er reichte ihm das Blatt still wieder hin.

»Ja, ja,« sagte er. »Es wird gut werden, irgendwie gut, ganz gut. Wir wollen still sein und warten.«

Sie sahen eine Weile schweigend ins Lampenlicht. Dann redeten sie von andern Dingen.

Ein Sommer

Ob die Himmelreichsgasse ihren Namen mit Recht oder mit Unrecht trage, darüber gingen die Ansichten auseinander.

Die da meinten, er soll besagen, es sei ein himmlisches Leben und Aufenthalt daselbst, die schüttelten ärgerlich und enttäuscht den Kopf, wenn sie die niedrigen, rauchigen Häuser sahen, die rechts und links von dem ausgetretenen Pflaster standen und die Last ihrer spitzen Giebel trugen.

Wer aber die steil ansteigende Gasse als einen Weg ins Himmelreich betrachten wollte, räumlich angesehen, der gab wenigstens zu, daß das obere Ende demselben ein gut Stück näher sei als das untere. Und das ist in dieser unhimmlischen Welt auch nicht nichts.

Die letzten, obersten Häuser, zu denen noch eine Flucht von Staffeln emporführte, stießen dicht an den Wald an.

Von dessen Rand aus konnte man einen weiten Blick, ein ordentliches Auge voll tun über Erd’ und Himmel hin. Unten lag der alte Marktflecken, von einem kleinen Fluß durchzogen, von steil ansteigenden Höhen sorglich umschirmt. Hier oben war es still, friedlich und weit.

Es war doch nicht ganz ohne mit der Himmelreichsgasse.

Die stieg an einem schönen Junitage ein junges Fräulein empor. Es trug in der einen Hand einen zusammengeklappten Feldsessel, zwischen dessen Tragbändern ein hellgrauer Schirm stak, in der anderen einen schwarzen Kasten mit blitzendem Metallgriff, über dessen Zweck und Inhalt sich die Bewohner der Himmelreichsgasse vergeblich den Kopf zerbrachen. Mit aufmerksamen Augen studierte das Fräulein im Hinansteigen die Inschriften der Hausschilder, die Auslagen der Metzger- und Bäckerläden, die Blumenbretter vor den Fenstern und die Schwalbennester an den Balkenvorsprüngen.

Die Hausnummern sah sie auch prüfend an. Aber da sie dabei rüstig weiterschritt, so wagte sie niemand anzureden mit der Frage, die auf jedem Gesicht stand, wohin sie wolle, und etwa noch, warum?

Es war gegen Abend. Auf dem Pflaster spielte die Jugend, vor den Häusern standen Mütter mit den kleinsten Kindern auf dem Arme, vor der Schmiede stand ein Fuhrmann mit seinem Gaul, und der Schmied trat mit dem glühenden Eisen an der Zange unter die Tür. Es war ein belebtes Bild, das Fräulein sah mit lebendigen Augen um sich.

Vor der Tür des letzten Hauses ganz oben links, blieb sie stehen, besah sich die Nummer, nickte zustimmend, klinkte an dem schwarzen eisernen Griff der Haustüre, sah, als diese verschlossen war, zu den niederliegenden Fenstern des Erdgeschosses hinein und schüttelte den Kopf, als auch da kein lebendes Wesen zu entdecken war. Da sah sie hinter dem Bänklein unter dem Ahorn, der das niedrige Haus beschattete, ein Kindergesicht hervorlugen und blitzschnell wieder verschwinden. Nur ein blonder, borstiger Haarschopf guckte noch hervor. Dem ging sie nach. Mit einem leichten, geschickten Griff zog sie den widerstrebenden, kleinen Buben aus seinem Schlupfwinkel, stellte ihn vor sich hin und sagte: »Nun sag mir einmal, du Bürschchen, gehörst du in das Haus da?« Der Kleine nickte nur und steckte alsdann den Daumen in den Mund. Nur die Augen sprachen weiter; sie sagten: »Ich weiß gut, wer du bist. Du bist das Fräulein, das die obere Stube gemietet hat und unser Sommergast werden will.« Aber diese Augensprache war dem Fräulein nicht genug. »Warum ist das Haus geschlossen? Wo sind deine Eltern?« fragte sie. »Du gehörst doch dem Schuhmacher Notacker?« Das war ein bißchen viel auf einmal gefragt. Es brauchte schon eine Weile, bis die ganze Antwort herauskam. »Das Haus schließt man, wenn man aufs Feld geht. Aber der Schlüssel liegt hinter dem Schuhabkratzer. Der Vater trägt geflickte Stiefel fort, und die Mutter ist auf dem Rübenacker. Die drei Kleinen hat sie mit.« »Die drei Kleinen? Ja, wie alt bist du denn?« Das wußte der Bub nicht so genau anzugeben, wohl aber, daß er Gottfried heiße und in zwei Jahren in die Schule komme. Ferner, daß er ein Sonntagsgewand im Schrank hängen habe und auf den Winter eine Pelzkappe mit Ohrlappen besitze. Als Gottfried mit diesen Berichten fertig war, kam von unten her ein Mann, der zum Zeichen, daß er etwas sehr Merkwürdiges sehe, fortwährend mit der linken Hand seine Mütze hin und her rückte und nun auch anfing, seine Schritte zu beschleunigen. »Da ist das Fräulein,« sagte er, als er da war. »Da ist sie nun, und das Haus geschlossen, und kein Mensch zum Empfang da. Das ist eine schöne Geschichte, das hätte nicht sein sollen.« Man brauchte es einem nicht zu sagen, daß der Mann ein Schuhmacher sei. Er trug eine grüne Schürze mit einer gelben Metallkette als Schloß, trug die Hemdärmel aufgekrempelt und hatte an Händen und Armen deutliche Pechüberreste. Er roch auch stark nach Leder. Er habe ein gutes, ernsthaftes, etwas gedrücktes Gesicht, dachte das Fräulein. »Das tut ja nichts,« sagte sie. »Wenn man nicht genau angibt, wenn man kommt, so kann man auch nicht erwarten, daß man empfangen wird. Zudem hat mich der Gottfried schon ganz gut unterhalten.« Der Bub lachte so ein wenig bei diesem Bericht und der Vater sagte: »Da muß es das Fräulein gut mit den Kindern können, wenn er das getan hat. Denn er ist sonst scheu und ganz stumm vor Fremden, so gut sein Mundwerk läuft, wenn er daheim und unter uns Eigenen ist.« Er schloß die Haustür auf und geleitete das Fräulein die steile, halbdunkle und ausgetretene Treppe hinauf in den Oberstock, wo unter dem spitzen Dachgiebel ein einziges Stüblein eingeklemmt lag. Das Fremdenzimmer. Es war mit Liebe und Stolz eingerichtet, das sah man sofort. Mit allem guten Willen, das Möglichste an Eleganz aufzubringen. Das sagte sich das Fräulein, als ihm jeglicher Mangel an gutem Geschmack empfindlich auf die Nerven ging. Sie beschloß, das Angenehme daran herauszufinden. Das fiel ihr auch nicht schwer, als sie zum offenen Fenster hinaus die Aussicht sah. »Wie schön,« sagte sie, »o wie schön!« Der Schuhmacher nahm das Lob auch gleich für die Stube. »Man tut halt sein Möglichstes,« sagte er. »Wenn’s dem Fräulein nur bei uns gefallen wird. Es wär uns eine Freude.« »Das wird es, das wird es schon.« Das Fräulein streckte dem Mann plötzlich die Hand hin. »Auf gute Hausgenossenschaft.« Er nahm sie, behutsam, sie war so weiß und fein gegen seine schwielige Schustershand. Es ging ein warmer Strahl über sein bärtiges, ernsthaftes Gesicht. »Jetzt kommt die Mutter,« rief Gottfried, der bisher stumm zugesehen hatte. Drunten knarrte ein Wägelchen, Kinderstimmen wurden laut. Gottfried polterte eilfertig die Treppe hinunter. »Mutter, das Fräulein ist da,« rief er schon von weitem. »Sie hat gesagt, es sei schön bei uns. Sie ist schon droben in ihrer Stube.« »Ich will Ihnen meine Frau schicken,« sagte der Mann, »und wenn Sie einen Wunsch haben, und es ist zu machen, so tut man’s.« Dann ging er auch.

Sie sah sich in ihrer neuen Klause um, als sie allein war. Grelle, blaue Tapeten, buntfarbige Öldrucke darauf, weiße gehäkelte Deckchen auf Tisch und Kommode, ein Stückchen geblumten Teppichs auf dem Fußboden. »Es ist schrecklich, aber es ist gut gemeint; es ist gewiß ihr Stolz. Ich will mir’s nach und nach ein wenig menschlich machen. Was ist das für ein rührend ernsthafter, sorgenvoller Mann. Ich bin begierig, wie die Frau ist.« Das Fräulein fing an, seinen Koffer auszupacken, der schon vorher angekommen war. Und dazwischen hinein ging sie ans Fenster, immer wieder, und sog den Anblick in sich hinein. In langen Zügen tranken ihre Augen die friedliche, liebliche Schönheit des Sommerabends. Das Fenster bot so recht eine Mischung von dem, was sie liebte. Nach rechts hinunter den Blick in die Himmelreichsgasse, wo die Kinder spielten und die Alten vors Haus kamen am Feierabend. Das war ein Stück Menschenleben, einfach, eng begrenzt, aber anheimelnd. Es zog sie an, es war ihr, als müsse sie hier etwas erleben. Gerade mit den Menschen da vor ihren Augen, etwas Gemeinsames, Verbindendes. Aber was? Das würde sich ja zeigen. Das brauchte man gar nicht zu suchen. Gegenüber war kein Haus mehr, da ging der Blick ohne Hindernisse ins Weite. Wie abendstill nun das Tal dalag. Wie dunkel und schweigend die grüne Wand des Tannenwaldes in den dämmerigen, nachtenden Himmel hineinragte! »Kaum zwei Minuten ist’s dahin, wo der Wald anfängt. Da muß ich noch hin, das muß ich alles grüßen und in Besitz nehmen,« sagte das Fräulein zu sich selbst. »Das Auspacken mag warten.« Es ging ein so heimatliches Grüßen aus ihr heraus und um ihre Umgebung herum. Sie war einer von den Menschen, die überall daheim sein können, weil sie es in sich selber sind.

An der Tür wurde geklopft. Die Schustersfrau kam herein. Sie blieb hart an der Tür stehen. »Ich will nicht stören,« sagte sie, »ich hab’ nur dem Fräulein Grüß Gott sagen wollen.« Sie war eine kleine, schmächtige Frau mit zerarbeiteten Zügen und geraden, stillen Augen. »Ja, aber das ist ja natürlich, daß wir uns begrüßen müssen,« sagte das Fräulein lebhaft und trat zu ihr. »Wenn man einen Sommer lang Hausgenossenschaft halten will. Wir wissen ja noch gar nichts von einander, persönliches, mein’ ich. Da war Ihre Anzeige in der Zeitung und meine Anfrage, und Ihre Zusage. Sonst nichts. Sie werden kaum noch meinen Namen wissen? Doch? Solger, Adelheid Solger. Ich will hier kein müßiger Kurgast sein. Ich will zeichnen und malen, und hoffentlich nütze ich meine Zeit gut aus. Es ist gefährlich, wenn es so schön ist um einen herum. Da sitzt man so leicht und macht beide Augen auf, daß alle die Schönheit hinein kann, und vergißt, daß man daran lernen wollte. So wiedergeben Strich um Strich, das ist dann ernsthafte Arbeit. Aber ich hoffe, daß ich den Sommer ausnütze.« Sie unterbrach sich. »Das rede ich Ihnen nun alles vor. Es hat mir oben gesessen, seit ich da zum Fenster hinaussehe: Wenn du nur auch ans Zeug gehst, so in der Freiheit, nun dir niemand den Stundenplan macht.«

»Davon weiß unsereins freilich nichts,« sagte die Frau. »Es ist immer etwas da, das zuerst getan sein muß. Man weiß oft nicht, wo anfangen. Da braucht man sich nicht extra zu besinnen, ob man jetzt will oder nicht.«

Ihr Gesicht blieb ganz ruhig, während sie sprach; ihre Stimme hatte einen tiefen, etwas bedeckten Ton.

»Soll ich jetzt eine Lampe bringen?« fragte sie noch, schon die Türklinke in der Hand. »Das Nachtessen ist auch bald fertig, soll ich das dem Fräulein dann heraufbringen?« »Ja,« sagte das Fräulein, »bis es fertig ist, bin ich wieder hier. Ich gehe noch die paar Schritte bis an den Wald hin, eh’ es ganz dunkel wird. Damit kann ich nicht warten bis morgen.«

Unter der Haustür auf der Schwelle saßen zwei Kinder, verkleinerte Abbilder des Gottfried. Sie waren barfüßig, trotzdem sie Schusterskinder waren, hatten vielfach geflickte Röckchen von Druckkattun an und guckten mit runden, blauen Augen vor sich hin. Aus der offenen Stubentür kam kräftiges Geschrei eines noch kleineren Notackerleins, das von Gottfried im Wagen hin und hergeschoben wurde, und dazwischen hörte man das klopf klopf des Schusterhammers. Das Küchenfeuer warf einen flackernden Schein auf den kleinen Vorplatz. Das Fräulein trat jetzt, von der Treppe herkommend, in seinen Lichtkreis. »Ah,« sagte sie fröhlich, und sog den kräftigen Duft ein, der einer Bratpfanne entstieg, »da gibt’s etwas Gutes. Da freu’ ich mich aufs Wiederkommen.« Die beiden kleinen Buben auf der Schwelle zogen auch die Näschen hoch. Das war ein Duft, den sie kaum kannten. Es war für sie mit dem Fräulein verwoben, nicht mit Unrecht. Was da protzelte, war nicht für die Schelme. Sie sahen sich verlegen an, als der Sommergast an ihnen vorbeischlüpfte. »Bleibet nur sitzen, ihr zwei,« hatte das Fräulein gesagt, »an zwei so kleinen Mäusen komme ich schon noch vorbei.« Da ging sie hin den Waldweg hinauf. Sie kam ihnen sehr groß und sehr schön und sehr vornehm vor. Sie war etwas Neues, etwas Niedagewesenes für das ganze Haus. Und sie gehörte ihnen, aber nur zum Anstaunen. Sie war »unser Fräulein«.

* * * * *

»Also das gibt’s noch,« sagte Adelheid Solger und streckte sich wohlig. »Das gibt’s noch. Das hab’ ich gar nicht mehr gewußt. Seit ich ein Kind war, bin ich nicht mehr im Heu gelegen. Das ist schon lang her. Und nun so. Sehen Sie, Meister Notacker, wie schön es ringsum ist? Sehen Sie’s recht?«

Sie lag lang ausgestreckt auf der abgemähten Wiese, die sich ziemlich steil talwärts zog. Die Hände hatte sie als Kopfkissen in den Nacken geschoben, die Augen gingen mit einem sonnigen Behagen hin und her, blieben in der Weite hängen, kamen wieder in die Nähe zurück und fragten dann eindringlich in den Mann hinein, der auf seinen Rechen gestützt dastand und an einer Antwort arbeitete. Es liege ein Leuchten darin, dachte der. Sie war erst vorhin aus dem Wald gekommen, angeregt von ihrer Arbeit frisch und vergnügt.

»Nun hab’ ich ein Recht, eine Weile zu feiern,« hatte sie gesagt. »Ich war ausbündig fleißig diesen Morgen. Ich muß mich selber ein wenig loben, es ist sonst niemand, der es tut. Und es ist mir nötig, ich brauch’s. Was ist das für eine Welt! Im Wald war’s so dämmerig und hier ist alles voll Sonne.«

Und dann hatte sie die Frage an ihn gestellt. »Sehen Sie, wie schön es um und um ist?« Was sollte er nur darauf sagen?

Sie konnte ja nicht wissen, wie es in ihm aussah, und das war ihr wohl auch nicht wichtig. Aber in ihm lebte ein starker Drang nach allem Schönen hin, der regte sich neu, seit sie da war. Er war weder im Aussprechen noch im Sehen geübt. Und sie war das beides.

Die Sonne lag mit vollem Glanz auf der Landschaft, der Fluß blitzte darin in tausendfältigem Geflimmer, die nachbarlichen Höhen hatten einen dunkelblauen Ton. In der Nähe lagen hellgrüne Kornbreiten, blaue Kornblumen und roter Mohn leuchteten in starken, sicheren Farben daraus hervor. »Ja,« sagte er langsam, »es ist schön – aber,« er stockte. Er hatte noch sagen wollen: »Aber so, wie Sie, seh’ ich’s nicht.« Er sah an ihren Augen, daß es so sei. Aber er verschwieg es. Vielleicht fürchtete er, zu viel zu sagen. Denn das, was sich mit Macht in ihm regte, durfte sie nicht erfahren. Das war ein Neid gegen sie und alle, die so ungehindert, so selbstverständlich in einer Welt lebten, die ihm verschlossen war. Er war ein Schuster gegen seinen Willen. Er wäre gern etwas anderes geworden in seiner Jugend. Irgend etwas, bei dem der Geist die Flügel regen konnte, er wußte es selbst nicht so genau. Lernen hatte er wollen, viel und vielerlei, Bücher lesen, Musik machen, alles, was es nur gab. Aber da war nichts zu machen gewesen.

Er war kein Genie, das sich einen Weg erzwingt, er hatte nur eine durstige Seele, die sich in einem engen Käfig duckte und draußen eine weite Welt ahnte, an der sie nicht teilhaben durfte. So lernte er sein Handwerk, aber verdrossen und unfroh, wie einer, der nicht an seinem Platz ist. Er brachte es nicht weit darin. Das wunderte ihn auch gar nicht. »Warum hab’ ich nichts anderes werden dürfen?« sagte er sich vertrutzt, wenn er sah, wie andere seines Handwerks weiter vorwärts kamen als er. »Ich passe einmal nicht dazu.«

Er hatte es ein wenig vergessen gehabt, daß er so verkürzt sei. Aber nun kam es stärker herauf als je zuvor.

Davon wußte ja das Fräulein nichts. Die war so frisch und lebensfreudig, erzählte so harmlos drauf los von ihrer Welt, die nicht die seine war und nahm die Schönheit der Welt und des Lebens in Besitz, als ob das gar nicht anders sein könne.

»Jetzt habe ich aber lange und geduldig gewartet,« sagte Fräulein Solger und richtete sich auf. »Es kommt wohl keine Fortsetzung mehr auf das Aber. Da erscheint nun der Gottfried und ruft uns zum Essen. Ich hätte so gern wissen wollen, ob’s nur mir allein so schön vorkommt, mir mit meinen Stadtaugen, denen es so golden wohl ist in der Freiheit nach der Enge des Zeichensaales?«

Da gab der Mann dem Rechen und sich selbst einen Ruck. Den Rechen rammte er fest in die Erde, da stand er aufrecht und frei. Aus sich selber heraus sagte er, langsam, als müsse er jedes Wort von unten heraufholen: »Es wird wohl so sein, wie Sie meinen, so schön. Es gibt Leut’, die sehen’s immer. Denen liegt’s in den Augen, die sind dazu gemacht. Die anderen sehen das andere, es ist viel auch nicht schön in der Welt. – Aber heut’ seh’ ich’s auch.« Es war eine Anstrengung gewesen, das alles zu sagen. Der Mann atmete tief auf. Fräulein Solger sah ihn von der Seite an, aufmerksam und nachdenklich. Was mochte hinter dieser Stirn mit den tiefen Querfurchen vorgehen? Gottfried war vollends herangekommen. »Die Mutter wartet schon lang,« sagte er. »Sie sagt, du habest gewiß wieder nicht Zwölfe läuten hören. Und das Fräulein hätt’ ich auch suchen sollen.« »So,« sagte das Fräulein heiter, »im Wald hättest du mich aber lang suchen können. Ich bin im dicksten Dickicht gesessen und habe Baumwurzeln gezeichnet.« Sie klappte ihr Skizzenbuch auf und hielt es dem kleinen Buben vors Gesicht. »Da sieh her. Gefällt dir’s, du?« Gottfried sah ernsthaft auf das Blatt und machte ein kurioses Gesicht. So ein knorriges Zeug? So ein Gewirre? »Nein,« sagt er, ganz kurz und bestimmt. »O du Staatskerl du. Versprichst du mir, daß du deiner Lebtag’ so deutlich sagen willst, was dir gefällt und was nicht?« Fräulein Solger hatte nicht übel Lust, dem Kritiker einen Kuß in sein ernsthaftes Kennergesicht hinein zu geben; aber er sah aus, als ob er ihn wieder wegwischen könnte; sie ließ es. »Wenn ich nach Haus komme, muß ich’s meinem Professor zeigen. Vielleicht gefällt’s dem besser als dir. Aber du darfst zur Belohnung meinen Feldsessel tragen, und heut’ nachmittag darfst du in meine Stube kommen, dann zeig’ ich dir, was dir besser gefällt. Ich habe schon noch Schöneres. Und jetzt marsch marsch. Auf meiner Magenuhr ist’s schon lang Zwölfe vorbei.« Gottfried trabte stolz mit dem Feldsessel voraus. Die zwei anderen folgten. Der Mann hatte auch mit in das Skizzenbuch gesehen, gesagt hatte er nichts. »Wenn Sie dem Buben Bilder zeigen,« hob er nach einer Weile, als sie so nebeneinander hergingen, zögernd an, »am End’ dürft’ ich’s auch sehen. Man sieht auch gern einmal etwas anderes. Und ich, – ich hab’ immer eine Freud’ an so etwas gehabt.« Es kam fast entschuldigend heraus. Die Lust war größer gewesen als der Vorsatz, zu schweigen. Das Fräulein sah aus, als ob ihr eine große Freude widerfahren wäre. Das war auch so. Sie hatte eine so ehrliche, gesunde Freude an ihrem Studium, die wollte sie so gern mit den Menschen, die um sie her waren, teilen. Und wenn sie einen Sinn dafür fand, wo sie ihn nicht vermutet hätte, da begrüßte sie ihn mit der ganzen geraden Herzlichkeit ihres Wesens. »Das ist ja fein,« sagte sie, »das freut mich ja von Herzen, Meister. Wollen wir das heute abend tun? Gleich heut?« Sie nannte ihn immer Meister. Das Wort gefiel ihr so für den einfachen, biederen Mann. Sie hatte bis jetzt immer geglaubt, er gehe in seinem Handwerk auf, und er war so gar kein Herr. Am Ende kannte sie ihn aber doch noch nicht.

Die Frau stand unter der Tür und wartete. Sie schützte die Augen mit der vorgehaltenen Hand vor der Sonne. Ihr Gesicht war so eben und unbeweglich wie immer und mit dem gewohnten ruhigen Ton grüßte sie die Ankommenden. »Das Essen steht schon droben, Fräulein,« sagte sie. »Es ist hoffentlich noch gut. Ich hab’s auf zwölf Uhr gerichtet.«

»Geschieht mir ganz recht, wann ich’s kalt bekomme; ich bin so gar kein pünktlicher Mensch. Erziehen Sie mich nur ein bißchen.« Adelheid Solger hatte immer das Gefühl, als wenn sie diese Frau ein wenig aufheitern, ein wenig froh machen sollte. Aber wie? Sie war wohl auch gar nicht traurig, nur so tonlos, so gleichmäßig still ging sie ihres Weges. Und man wußte nie, was in ihr vorging. »Aber das ist ja vielleicht das allerbeste,« dachte das Fräulein, als es die Treppe hinanstieg und sein Zimmer betrat. »Es ist gar nicht immer gut, wenn man einen so durch und durch sehen kann, wie zum Beispiel mich, die ich keinen Gedanken verbergen kann. Ich will sie nur ruhig ihres Weges gehen lassen. Wenn ich’s nur könnte. Ich kann es ja doch nicht. Einen Tag lang, ja, aber dann muß ich wieder in ihrem Gesicht herumstudieren, und in seinem. Warum bin ich nur so, so menschenhungrig? Warum muß ich an allem teil haben, was um mich herum vorgeht?«

Ihr Tisch war sauber gedeckt. Mit billigem Geschirr und dünnem Tischzeug, wie man es in Warenhäusern um ein Geringes bekommt. Aber alles neu und ganz. »Das ist für mich angeschafft,« dachte sie. »Da sitz’ ich nun allein dabei und ess’ das Beste, was im Haus ist. Es ist mir zuwider. Ich bezahl’s ja, sie verdienen noch ein bißchen dabei. Aber es ist mir doch zuwider. Soll ich ausgehen und im Wirtshaus essen? Dann kränkt’s die Frau, sie tut, was sie kann. Jetzt würde ich wieder ausgelacht, wenn mich meine Freunde sähen. ›Immer rücksichtsvoll,‹ würde Heinz sagen, und spöttisch den Hut ziehen. Ich weiß, was ich möchte. Ich möchte unten mit am Tisch sitzen und mitessen. Ich habe ganz gewöhnlichen Menschenhunger.« Damit beendete sie ihr Selbstgespräch und fing an zu essen. Sie war jung und gesund, es schmeckte ihr trotz allem.

Ein gutes Stückchen hob sie für Gottfried auf, der eilig daherstolperte, kaum daß er den Löffel weggelegt hatte. Er blieb staunend stehen. Das Zimmer war anders, als da das Fräulein einzog. Auf der Kommode stand in einer breiten tiefen Schale ein Waldstrauß, ein duftiges Gewirre von grünen und rötlichen Ranken, langstieligen Glocken und Waldlilien. Die Öldrucke waren von den Wänden verschwunden; ein paar Kreide- und Kohlezeichnungen waren mit Reißnägeln da und dort lose angeheftet, über dem Bett hing an einer roten Schnur ein farbenfreudiges Aquarell. Ein hohes, graues Steinhaus mit einem mächtigen Portal, vergitterten Fenstern im Erdgeschoß und einer heiteren Fensterreihe oben, zwei der Fenster mit Brettern voll brennendroter Geranien davor.