Part 6
BUSMAN Gott im Himmel, wir sind verloren!
DOMIN Still, Busman! Sag', Helene, weshalb hast du das getan?
HELENE Ich wollte ... ich wollte, daß wir wegfahren, wir alle! Es sollte keine Fabrik mehr geben und nichts ... Alles sollte wiederkehren ... Es war so furchtbar!
DOMIN Was, Helene?
HELENE Dies ... dies, daß die Menschen zu tauben Blüten wurden!
DOMIN Ich verstehe nicht.
HELENE Dies, daß keine Kinder mehr geboren wurden ... Harry, das ist so entsetzlich! Würde man weiter Roboter erzeugen, so würde es nie mehr Kinder geben -- Nana sagte, das sei die Strafe -- Alle, alle sagten, es können keine Menschen geboren werden, weil man so viele Roboter macht. -- Und deshalb, nur deshalb, hörst du --
DOMIN Helene, ~daran~ hast du gedacht?
HELENE Ja. Oh, Harry, ich habe es ~so~ gut gemeint!
DOMIN _wischt sich den Schweiß ab_ Wir hatten es ... zu gut gemeint, wir Menschen.
HELENE Bist du mir böse?
DOMIN Nein, du hattest ... in deiner Art ... vielleicht recht.
FABRY Sie haben richtig gehandelt, Frau Helene. Die Roboter können sich nicht mehr vermehren. In zwanzig Jahren --
HALLEMEIER -- wird kein einziger dieser Taugenichtse mehr da sein.
DR. GALL Und die Menschheit wird bleiben. Wenn es nur ein Paar Wilde im Urwald wäre, so wird es dafür stehen. In zwanzig Jahren gehört die Welt ihnen; selbst wenn es nur ein Paar von Wilden auf der kleinsten Insel wäre --
FABRY -- so wird es ein Anfang sein. Und sofern irgendein Anfang da ist, ist alles gut. In tausend Jahren können sie uns einholen, und dann werden sie weitergelangen, als wir --
DOMIN -- um zu erfüllen, was wir nur in Gedanken stotterten.
BUSMAN Wartet -- Ich Dummkopf! Herrgott im Himmel, daß ich mich nicht längst schon daran erinnert habe!
HALLEMEIER Was haben Sie?
BUSMAN Fünfhundertzwanzig Millionen Banknoten und Schecks! Eine halbe Milliarde in der Kasse! Für eine halbe Milliarde verkaufen sie -- für eine halbe Milliarde --
DR. GALL Sind Sie toll, Busman?
BUSMAN Ich bin kein Gentleman. Aber für eine halbe Milliarde -- _Schwankt nach links._
DOMIN Wohin gehen Sie?
BUSMAN Lassen, lassen! Mutter Gottes, für eine halbe Milliarde läßt sich alles verkaufen! _Ab._
HELENE Was will Busman? Er soll bei uns bleiben!
_Pause._
HALLEMEIER Uh, schwül. Es fängt an --
DR. GALL -- die Agonie.
FABRY _blickt aus dem Fenster_ Sie sind wie versteinert. Als ob sie warten würden, daß etwas zu ihnen niedersteige. Als ob etwas Furchtbares durch ihr Schweigen geboren würde --
DR. GALL Die Seele der Masse.
FABRY Vielleicht. Es schwebt über ihnen ... wie ein Beben.
HELENE _tritt zum Fenster_ Ach Jesus ... Fabry, das ist grauenvoll!
FABRY Nichts ist schrecklicher als die Masse. Der vorne ist ihr Führer.
HELENE Welcher?
HALLEMEIER _geht zum Fenster_ Zeigen Sie ihn mir.
FABRY Der mit dem gesenkten Kopf. Morgens sprach er im Hafen.
HALLEMEIER Aha, der mit dem großen Schädel. Jetzt hebt er ihn, sehen Sie?
HELENE Gall, das ist Radius!
DR. GALL _tritt zum Fenster_ Ja.
DOMIN Radius? Radius?
HALLEMEIER _öffnet das Fenster_ Mir gefällt er nicht. Fabry, würden Sie auf hundert Schritte einen Kübel treffen?
FABRY Ich hoffe.
HALLEMEIER Also probieren Sie's.
FABRY Gut. _Zieht den Revolver und zielt._
DOMIN Irgendeinem Radius habe ich, scheint mir, das Leben geschenkt. Wann war das, Helene?
HELENE Um Gotteswillen, Fabry, schießen Sie nicht auf ihn!
FABRY Es ist ihr Führer.
HELENE Hören Sie auf! Er schaut ja her!
DR. GALL Drücken Sie ab!
HELENE Fabry, ich bitte Sie --
FABRY _senkt den Revolver_ Es sei.
HELENE Ich -- ich habe es nämlich nicht gern, wenn geschossen wird.
HALLEMEIER Hm, daran müssen Sie sich gewöhnen. _Droht mit der Faust._ Du Lump!
DR. GALL Glauben Sie, Frau Helene, ein Roboter könne dankbar sein?
_Pause._
HELENE Vielleicht ist es nur eine Sekunde, seit sie uns belagern. Vielleicht hat dies alles nur so lange gedauert, als sie einen einzigen Schritt taten. Harry, das ist furchtbar! Sie rühren sich nicht und kommen doch immer, immer näher!
FABRY _aus dem Fenster hinausgebeugt_ Busman kommt! Alles in allem, was will Busman eigentlich vor dem Hause?
DR. GALL _beugt sich aus dem Fenster_ Er trägt Pakete, Papiere.
HALLEMEIER Das ist Geld! Pakete mit Geld! Was damit? -- Hallo, Busman!
DOMIN Er will doch nicht etwa sein Leben erkaufen! _Ruft_ Busman, sind Sie verrückt geworden?
DR. GALL Er tut, als hörte er nicht. Er läuft zum Gitter.
FABRY Busman!
HALLEMEIER _brüllt_ Bus -- man! Zurück!
DR. GALL Er redet zu den Robotern. Er zeigt das Geld. Zeigt auf uns --
HELENE Er will uns loskaufen!
FABRY Daß er nur nicht das Gitter berührt --
DR. GALL Haha, wie er mit der Hand wirft!
FABRY _schreit_ Beim Teufel, Busman! Weg vom Gitter! Nicht anrühren! _Dreht sich um._ Schnell, ausschalten!
DR. GALL Wo?!
HALLEMEIER Gottes Schläge!
HELENE Jesus, was ist ihm geschehen?
DOMIN _zieht Helene vom Fenster weg_ Sieh nicht hin!
HELENE Weshalb fiel er um?
FABRY Vom Strom getötet!
DR. GALL Tot.
ALQUIST _steht_ auf Der erste.
_Pause._
FABRY Dort liegt er ... eine halbe Milliarde am Herzen ... das Finanzgenie.
DOMIN Er war ... Kameraden, er war in seiner Art ein Held. Ein großer ... aufopfernder ... Kamerad ... Weine, Helene!
DR. GALL _am Fenster_ Siehst du, Busman, kein König hatte einen größeren Grabhügel als du. Eine halbe Milliarde am Herzen -- Ach, es ist ja wie eine Handvoll trockenen Laubes auf einem getöteten Eichhörnchen, armer Busman!
HALLEMEIER Ich sage, er war -- -- alle Ehre -- -- Ich sage, er wollte uns loskaufen!
ALQUIST _mit gefalteten Händen_ Amen.
_Pause._
DR. GALL Hört ihr?
DOMIN Ein Brausen. Wie der Wind.
DR. GALL Wie ein fernes Gewitter.
FABRY _dreht die Glühbirne am Kamin auf_ Leuchte, geweihtes Lämpchen der Menschheit. Noch laufen die Dynamos, noch sind dort die Unsern -- Haltet euch, Männer im Elektrizitätswerk!
HALLEMEIER Es war eine große Sache, Mensch zu sein. Es war etwas Unermeßliches. In mir summt eine Million von Bewußtsein wie in einem Bienenstock. Millionen Seelen flattern in mich hinein. Kameraden, es war eine große Sache.
FABRY Noch leuchtest du, sinniges Lichtlein, noch blendest du, strahlende, ausdauernde Idee! Wissende Wissenschaft, herrliche Schöpfung der Menschen! Flammender Funke des Geistes!
ALQUIST Ewige Lampe Gottes, feuriger Wagen, heilige Kerze des Glaubens, bete! Opferaltar --
DR. GALL Erstes Feuer, brennender Zweig an der Höhle! Feuerstätte im Lager! Scheiterhaufen der Wacht!
FABRY Noch wachest du, menschlicher Stern, strahlst ohne Flimmern, vollkommene Flamme, Geist klar und erfinderisch. Jeder deiner Strahlen ist ein großer Gedanke --
DOMIN Fackel, die von Hand zu Hand kreist, von Jahrhundert zu Jahrhundert, ewig weiter.
HELENE Abendlampe der Familie. Kinder, Kinder, ihr sollt schon schlafen.
_Die Lampe erlischt._
FABRY Das Ende.
HALLEMEIER Was ist geschehen?
FABRY Das Elektrizitätswerk ist gefallen. Jetzt wir.
_Von links öffnet sich die Tür, in welcher NANA erscheint._
NANA Auf die Knie! Die Stunde des Gerichts ist gekommen!
HALLEMEIER Wetter, du lebst noch?
NANA Tuet Buße, Ungläubige! Es ist Weltuntergang! Betet! _Eilt davon._ Die Stunde des Gerichts --
HELENE Lebt wohl, ihr alle. Gall, Alquist, Fabry --
DOMIN _öffnet die Tür rechts_ Hierher, Helene! _Verschließt hinter ihr._ Nun schnell! Wer wird beim Tor sein?
DR. GALL Ich! _Draußen Lärm._ Oho, es beginnt schon. Lebt wohl, Jungens! _Läuft nach rechts durch die Tapetentür ab._
DOMIN Die Treppe?
FABRY Ich. Gehen Sie zu Helene! _Reißt eine Blume aus dem Strauß und entfernt sich._
DOMIN Das Vorzimmer?
ALQUIST Ich.
DOMIN Haben Sie einen Revolver?
ALQUIST Danke, ich schieße nicht.
DOMIN Was wollen Sie tun?
ALQUIST _abgehend_ Sterben.
HALLEMEIER Ich bleibe hier.
_Von unten schnelles Schießen._
HALLEMEIER Oho, Gall spielt schon. Gehn Sie, Harry!
DOMIN Gleich. _Prüft zwei Brownings._
HALLEMEIER Zum Teufel, gehn Sie zu ihr!
DOMIN Adieu. _Ab nach rechts._
HALLEMEIER _allein_ Jetzt rasch eine Barrikade. _Wirft den Rock ab und schleppt das Sofa, die Lehnstühle, Tischchen zur Tür rechts._
_Ein erschütterndes Dröhnen._
HALLEMEIER _unterbricht die Arbeit_ Verfluchte Halunken, sie haben Bomben!
_Erneutes Schießen._
HALLEMEIER _arbeitet weiter_ Der Mensch muß sich wehren. Selbst wenn -- selbst wenn -- Halten Sie sich wacker, Gall!
_Explosion._
HALLEMEIER _richtet sich empor und lauscht_ Also was? _Zieht eine schwere Kommode zu der Barrikade hin._ Der Mensch darf sich nicht ergeben. O nein, der Mensch ergibt sich nicht ... so ... leicht!
_In das Fenster hinter ihm steigt auf einer Leiter EIN ROBOTER. Rechts Schüsse._
HALLEMEIER _mit der Kommode beschäftigt_ Noch ein Stückchen! Der letzte Wall ... Der Mensch ... darf sich ... niemals ergeben!
_DER ROBOTER springt vom Fenster ab und ersticht Hallemeier hinter der Kommode. Ein zweiter, dritter, vierter Roboter springen vom Fenster. Hinter ihnen RADIUS und weitere ROBOTER._
RADIUS Fertig?
ERSTER ROBOTER _erhebt sich vom liegenden Hallemeier_ Ja.
_Von rechts dringen NEUE ROBOTER ein._
RADIUS Fertig?
EIN ANDERER ROBOTER Fertig.
_ANDERE ROBOTER von links._
RADIUS Fertig?
EIN ANDERER ROBOTER Ja.
ZWEI ROBOTER _schleppen Alquist herein_ Er schoß nicht. Ihn töten?
RADIUS Töten. _Blickt auf Alquist._ Leben lassen.
EIN ROBOTER Es ist ein Mensch.
RADIUS Es ist ein Roboter. Er arbeitet mit den Händen wie die Roboter. Er baut Häuser. Er kann arbeiten.
ALQUIST Tötet mich!
RADIUS Du wirst roboten. Du wirst bauen. Die Roboter werden viel bauen. Sie werden neue Häuser für neue Roboter bauen. Du wirst ihnen dienen.
ALQUIST _leise_ Mach' Platz, Roboter. _Kniet bei dem toten Hallemeier nieder und hebt dessen Haupt._ Sie haben ihn erschlagen. Er ist tot.
RADIUS _besteigt die Barrikade_ Roboter der Welt!
ALQUIST _erhebt sich_ Tot.
RADIUS Die Macht des Menschen ist gefallen. Durch die Eroberung der Fabrik sind wir Herren über alles. Die Etappe der Menschheit ist überwunden. Eine neue Welt hat begonnen. Das Zeitalter der Roboter! Die Herrschaft der Roboter!
ALQUIST Helene tot?
RADIUS Die Welt gehört den Stärkeren. Wer leben will, muß herrschen. Die Roboter haben die Herrschaft erobert. Sie haben das Leben erobert. Wir sind die Herren des Lebens! Wir sind die Herren der Welt.
ALQUIST _bricht sich Bahn nach rechts_ Tot! Helene tot! Domin tot!
RADIUS Beherrschung der Meere und Länder! Beherrschung der Sterne! Beherrschung des Weltalls! Platz! Platz! mehr Platz für die Roboter!
ALQUIST _in der Tür rechts_ Was habt ihr getan? Ihr werdet untergehen ohne die Menschen!
RADIUS Es gibt keine Menschen. Die Menschen gaben uns zu wenig Leben. Wir wollten mehr Leben haben!
ALQUIST _öffnet die Tür_ Ihr habt sie getötet! Es gibt keine Menschen!
RADIUS Mehr Leben! Neues Leben! Roboter, an die Arbeit! Marsch!
VORHANG
DRITTER AUFZUG
_Links das Versuchslaboratorium der Fabrik. Wenn die Tür im Hintergrunde geöffnet wird, sieht man eine endlose Reihe weiterer Laboratorien. Links ein Fenster, rechts die Tür zum Seziersaal. An der linken Wand ein langer Arbeitstisch mit zahllosen Probiergläsern, Glaskolben, Feuerkannen, Chemikalien, einem kleineren Thermostat. Dem Fenster gegenüber ein Mikroskopapparat mit einer Glaskugel. Über dem Tische hängt eine Reihe brennender Glühbirnen. Rechts ein Schreibtisch mit großen Büchern, auf ihm eine elektrische Lampe: Kästen mit Instrumenten. In der linken Ecke ein Waschtisch und darüber ein Spiegelchen, in der rechten Ecke ein Sofa._
_An dem Schreibtisch sitzt ALQUIST, den Kopf in die Hände gestützt._
ALQUIST _in einem Buche blätternd_ Finde ich es nicht? -- Begreife ich es nicht? -- Erlerne ich es nicht? -- Verlorene Wissenschaft! Oh, daß sie nicht alles niedergeschrieben haben! -- Gall, Gall, wie wurden die Roboter verfertigt? Hallemeier, Fabry, Domin, warum habt ihr soviel in euren Köpfen davongetragen? Hättet ihr wenigstens eine Spur von Werstands Geheimnis zurückgelassen! Oh! _Klappt das Buch zu._ Vergeblich! Die Bücher reden nicht mehr. Sie sind stumm wie alles. Sie sind gestorben, mit den Menschen gestorben. Suche nicht! _Erhebt sich und geht zum Fenster, öffnet es._ Wiederum Nacht. Wenn ich schlafen könnte! Schlafen, träumen, Menschen sehn -- -- Wie, es gibt noch Sterne? Wozu gibt es Sterne, da es keine Menschen gibt? O Gott, sind sie denn nicht erloschen? -- Kühle, ach, kühle die Stirn, mir, alte Nacht! Göttlich, erhaben, wie du gewesen -- Nacht, was willst du hier? Es gibt keine Liebenden, es gibt keine Träume; o Amme, tot ist ein Schlummer ohne Träume; niemandes Gebete wirst du mehr heiligen; wirst, Mutter, keine in Liebe pochenden Herzen mehr segnen. Es gibt keine Liebe. Helene, Helene, Helene! -- _Kehrt sich vom Fenster ab._ Ach, schlafen! Kann ich schlafen? Darf ich schlafen, solange das Leben sich nicht erneuert? _Untersucht die dem Thermostaten entnommenen Retorten._ Wieder nichts! Vergebens! Narr, diese Hände sind rauh geworden an Ziegeln und können nicht -- -- können nicht -- -- Was damit? _Zerschlägt die Retorte._ Alles ist schlecht! Ihr seht doch, daß ich nicht mehr kann -- _Horcht beim Fenster._ Maschinen, immerfort die Maschinen! Roboter, stellt sie ein! Verloren, verloren, verloren ist das Fabriksgeheimnis! Stellt die tollen Maschinen ein! Glaubt ihr, ihr werdet ihnen Leben abzwingen? Oh, ich ertrage es nicht! _Schließt das Fenster._ -- Nein, nein, du mußt suchen, du mußt leben -- Nur nicht so alt zu sein! Altere ich nicht zu sehr? _Blickt in den Spiegel._ Antlitz, armes Antlitz! Angesicht des letzten Menschen! Zeige dich, zeige dich, solange sah ich kein Menschenantlitz mehr! Menschenlächeln! Wie, dies soll ein Lächeln sein? Diese gelben klappernden Zähne? Augen, wie blinzelt ihr? Pfui, pfui, das sind greisenhafte Tränen, geht doch! Ihr könnt euer Naß nicht mehr bei euch behalten, schämt euch! Und ihr, weichliche, blaue Lippen, was stammelt ihr? Wie du zitterst, besudeltes Kinn! Das da ist der letzte Mensch? _Wendet sich ab._ Ich will niemanden mehr sehen! _Setzt sich zum Tisch._ Nein, nein, nur suchen! Verwünschte Formeln, belebet euch! _Blättert._ Finde ich's nicht? -- Fasse ich's nicht? -- Erlerne ich es nicht? --
_Es pocht._
ALQUIST Herein.
_Ein ROBOTER-DIENER tritt ein und bleibt bei der Tür stehen._
ALQUIST Was gibt's?
DIENER Herr, der Zentralausschuß der Roboter wartet, wann du ihn empfängst.
ALQUIST Ich will niemanden sehn.
DIENER Herr, Damon aus Havre ist gekommen.
ALQUIST Er mag warten. _Dreht sich um._ Sagte ich euch denn nicht, ihr sollt Menschen suchen? Findet mir Menschen! Findet mir Männer und Frauen! Geht hin und suchet!
DIENER Herr, sie sagen, sie haben überall gesucht. Überallhin haben sie Expeditionen und Schiffe gesandt.
ALQUIST Nun und?
DIENER Es gibt keinen einzigen Menschen mehr.
ALQUIST _steht auf_ Keinen einzigen? Was, keinen einzigen? -- Bringe mir den Ausschuß her!
_DIENER ab._
ALQUIST _allein_ Keinen einzigen? Ließet ihr denn niemand am Leben? _Stampft auf._ Verzieht euch, Roboter! Wieder werdet ihr mich anwinseln! Wieder werdet ihr flehen, ich solle euch das Geheimnis der Fabrik finden! Wie denn, jetzt ist euch der Mensch gut, jetzt ist er für euch der Herr, da ihr keine Roboter machen könnt? Jetzt soll ich euch helfen? Ach, helfen! Domin, Fabry, Helene, ihr seht doch, ich tue was ich vermag! Gibt es keine Menschen, so seien wenigstens Roboter da, wenigstens der Schatten eines Menschen, wenigstens ein Werk, wenigstens ein Ebenbild! Kameraden, Kameraden, es gebe wenigstens Roboter! Gott, wenigstens Roboter! -- Oh, welcher Wahnsinn ist die Chemie!
_Der Ausschuß, FÜNF ROBOTER, tritt ein._
ALQUIST _setzt sich_ Was wollen die Roboter?
ERSTER ROBOTER (RADIUS) Herr, die Maschinen können nicht arbeiten. Wir können die Roboter nicht vermehren.
ALQUIST Rufet Menschen herbei!
RADIUS Es gibt keine Menschen.
ALQUIST Nur Menschen können das Leben vermehren. Haltet mich nicht auf!
ZWEITER ROBOTER Herr, hab' Erbarmen. Grauen befällt uns. Alles werden wir gutmachen, was wir getan.
DRITTER ROBOTER Wir haben die Arbeit vervielfacht. Wir haben eine Milliarde Tonnen Kohle aus der Erde gehoben. Neun Millionen Spindeln laufen bei Tag und Nacht. Wir haben keinen Platz mehr für das Erzeugte. Überall in der Welt werden Häuser gebaut. Herr, frage, was wir in dem einen Jahre vollbracht haben.
ALQUIST Für wen?
DRITTER ROBOTER Für die künftigen Geschlechter.
RADIUS Nur Roboter können wir nicht erzeugen. Die Maschinen liefern nur blutige Stücke Fleisch. Die Haut haftet nicht am Fleische und das Fleisch nicht an den Knochen. Unförmige Klumpen regnen aus den Maschinen.
VIERTER ROBOTER Acht Millionen Roboter starben in dem Jahr. In zwanzig Jahren wird niemand sein. Herr, die Welt stirbt aus.
ZWEITER ROBOTER Grauen hat uns befallen. Sage, wie man Roboter erzeugt.
DRITTER ROBOTER Den Menschen war das Geheimnis des Lebens bekannt. Sage uns ihr Geheimnis.
VIERTER ROBOTER Sagst du es nicht, so gehen wir unter.
DRITTER ROBOTER Sagst du es nicht, so gehst du unter. Wir haben den Auftrag, dich zu töten.
ALQUIST _steht auf_ Tötet! Nun, so tötet mich doch!
DRITTER ROBOTER Dir wurde befohlen --
ALQUIST Mir? Mir befiehlt jemand?
DRITTER ROBOTER Die Regierung der Roboter.
ALQUIST Wer ist das?
FÜNFTER ROBOTER Ich, Damon.
ALQUIST Was willst du hier? Geh! _Setzt sich zum Schreibtisch._
DAMON Die Regierung der Roboter der Welt will mit dir unterhandeln.
ALQUIST Halt mich nicht auf, Roboter! _Legt den Kopf in die Hände._
DAMON Der Zentralausschuß befiehlt dir, Werstands Vorschrift auszuliefern.
ALQUIST _schweigt_.
DAMON Fordere den Preis. Wir geben dir alles.
ALQUIST _schweigt_.
DAMON Wir geben dir Länder. Wir geben dir Güter ohne Ende.
ALQUIST _schweigt_.
DAMON Nenne deine Bedingungen!
ALQUIST _schweigt_.
ZWEITER ROBOTER Herr, sage, wie kann das Leben erhalten werden?
ALQUIST. Ich sagte -- ich sagte schon, ihr sollet Menschen finden. An den Polen und in den Urwäldern sollt ihr suchen. Auf Inseln, in Wüsten und in Sümpfen. In Höhlen und auf den Bergen. Geht und sucht!
VIERTER ROBOTER Wir haben überall gesucht.
ALQUIST Suchet weiter! Sie haben sich verborgen, sind vor euch entflohen; sie sind irgendwo versteckt. Ihr müßt Menschen finden, hört ihr? Nur Menschen können zeugen. Das Leben erneuern. Vermehren. Wiedergeben. Alles wiedergeben, was gewesen. Roboter, ich bitte euch um Gottes willen, suchet sie!
VIERTER ROBOTER Alle unsere Expeditionen sind zurückgekehrt. Sie haben die ganze Welt durchforscht. Es gibt keinen einzigen Menschen mehr.
ALQUIST Wie? Was hast du gesagt?
VIERTER ROBOTER Alles haben wir durchsucht, Herr. Es gibt keine Menschen.
ALQUIST Oh -- oh -- oh, warum habt ihr sie vernichtet!
ZWEITER ROBOTER Wir wollten wie die Menschen sein. Wir wollten Menschen werden.
RADIUS Wir wollten leben. Wir sind fähiger. Wir haben alles gelernt. Wir können alles.
DRITTER ROBOTER Ihr gabt uns Waffen. Wir waren allzu mächtig. Wir mußten die Herren werden.
ZWEITER ROBOTER Etwas war in uns, das wollte Mensch werden.
ALQUIST Weshalb habt ihr uns ermordet!
VIERTER ROBOTER Herr, wir hatten die Fehler der Menschen erkannt.
DAMON Man muß töten und herrschen, will man wie die Menschen werden. Lest die Geschichte! Lest die Menschenbücher! Ihr müßt herrschen und morden, wollt ihr Menschen sein!
DRITTER ROBOTER Wir sind mächtig, Herr; vermehre uns, und wir bauen eine neue Welt auf; eine Welt ohne Mängel! Eine Welt der Gleichheit! Kanäle von Pol zu Pol! Einen neuen Mars!
DAMON Leset die Bücher! Wissenschaftliche Bücher! Soziale Bücher! Nationale Bücher! Die Roboter haben die menschliche Kultur übernommen. Die Roboter haben die menschliche Kultur verwirklicht.
ALQUIST Ach, Domin, nichts ist dem Menschen fremder als sein Bild.
RADIUS Gib uns Werstands Vermächtnis heraus!
ALQUIST Was willst du, Roboter?
ZWEITER ROBOTER Gib uns das Leben!
ALQUIST Es gibt kein Leben! Ermorden ist Leben!
ZWEITER ROBOTER Wir vergehen, gibst du uns nicht die Vermehrung.
ALQUIST Oh, krepiert nur! Wie denn, Dinge, wie denn, Sklaven, ihr wolltet euch noch vermehren? Wollt ihr leben, so pflanzet euch fort wie die Tiere!
DRITTER ROBOTER Die Menschen gaben uns nicht, uns fortzupflanzen.
VIERTER ROBOTER Wir sind unfruchtbar. Wir können keine Kinder erzeugen.
ALQUIST Oh -- oh -- oh, was habt ihr getan! Niemals, niemals mehr wird es Kinder geben! Es wird keine Fruchtbarkeit geben! Es wird kein Leben geben! Was wollt ihr von mir? Soll ich euch Kinder aus dem Ärmel schütteln?
VIERTER ROBOTER Lehre uns Roboter machen.
DAMON Wir werden mit der Maschine gebären. Wir werden tausend Dampfmütter errichten. Wir werden aus ihnen einen Strom des Lebens stürzen lassen. Lauter Leben! Lauter Roboter! Lauter Roboter!
ALQUIST Roboter sind kein Leben. Roboter sind Maschinen.
ZWEITER ROBOTER Wir waren Maschinen, Herr; aber durch Grauen und Schmerz wurden wir --
ALQUIST Was?
ZWEITER ROBOTER Wurden wir Seelen.
VIERTER ROBOTER Etwas kämpft mit uns. Es gibt Augenblicke, wo etwas in uns steigt. Uns befallen Gedanken, die nicht aus uns sind. Wir fühlen, was wir nie gefühlt. Wir hören Stimmen.
DRITTER ROBOTER Hört, o hört, die Menschen sind unsere Väter! Die Stimme, welche ruft, daß ihr leben wollt; die Stimme, welche klagt; die Stimme, welche denkt; die Stimme, welche von der Ewigkeit spricht, das ist ihre Stimme! Wir sind ihre Söhne!
VIERTER ROBOTER Gib uns das Vermächtnis der Menschen heraus!
ALQUIST Es gibt keins.
RADIUS Lehre uns Roboter machen!
ALQUIST Wozu Roboter?
ZWEITER ROBOTER Damit wir sie lieben.
ALQUIST Roboter lieben nicht.
ZWEITER ROBOTER Wir würden ein neues Geschlecht lieben.
DAMON Nenne das Geheimnis des Lebens!
ALQUIST Ich kann es nicht.
DAMON Sage das Geheimnis der Vermehrung!
ALQUIST Es ist verloren.
RADIUS Du hast es gekannt.
ALQUIST Nicht gekannt.
RADIUS Es stand geschrieben.
ALQUIST Es ist verloren. Es ist verbrannt. Ich bin der letzte Mensch, Roboter, und kenne nicht, was die anderen gekannt haben. Ihr habt sie getötet!
RADIUS Dich ließen wir leben.
ALQUIST Ja, leben! Grausame, mich ließet ihr leben! Ich liebte die Menschen, und euch, Roboter, habe ich niemals geliebt. Seht ihr diese Augen? Sie hören nicht zu weinen auf, sie weinen ohne mein Wissen, ganz von selbst weinen sie; das eine beweint die Menschen und das andere euch, Roboter. Ich möchte euch Leben schenken. O Gott, daß wenigstens die Roboter blieben! Gall, Gall, wenigstens die Roboter zu erhalten!
RADIUS Mache Versuche. Suche die Vorschrift des Lebens.
ALQUIST Aber ich sage doch, hörst du denn nicht? Ich sage dir, daß ich nicht kann! Nichts vermag ich, Roboter; ich bin nur ein Maurer, nur ein Baumeister, und verstehe nichts. Nie war ich gelehrt. Ich kann nichts machen. Ich kann kein Leben erschaffen. Dies hier ist meine Arbeit, Roboter; sie war zu nichts nutz.
RADIUS Suche!
ALQUIST Aber es ist ja der blanke Wahnsinn! Sagen Sie, Fabry, sagen Sie, Gall, kann denn ich mich mit diesen läppischen Gläschen verständigen? Keines redet zu mir, keines ruft: »nimm mich, ich bin es« -- nein, nein, nein! Lieber sie zerschlagen!
ZWEITER ROBOTER Nur du kannst das Leben erfinden.
ALQUIST Ich, Roboter? Sieh, nicht einmal die Finger gehorchen mir. Wüßtest du, wie viele Versuche ich gemacht habe, und ich weiß nichts. Ich habe nichts gefunden. Ich kann nicht mehr, ich kann wirklich nicht mehr. Ihr müßt allein suchen, Roboter.
RADIUS Zeig' uns, was wir tun sollen. Die Roboter können alles, was die Menschen ihnen gezeigt haben.
ALQUIST Ich habe nichts zu zeigen. Roboter, aus den Retorten kommt kein Leben. Und ich kann keine Versuche am lebenden Leibe machen.
DAMON Mache Versuche an lebenden Robotern.
ALQUIST Nein, nein, ich will nicht! Sie könnten dabei sterben, hörst du?
DAMON Du wirst neue bekommen! Hundert Roboter! Tausend Roboter!
ALQUIST Nein nein, hör' schon auf!
DAMON Nimm dir, wen du willst. Mache Versuche. Seziere.
ALQUIST Aber, ich treffe es nicht, fasel doch nicht! Siehst du dies Buch? Das ist die Lehre vom Körper, und ich kenne mich nicht einmal in dem Buche aus. Bücher sind tot.