Part 5
HALLEMEIER Was wollen Sie, man muß sich wehren.
DOMIN _legt das Fernrohr hin_ Wo steckt Busman?
FABRY In der Direktionskanzlei. Er rechnet.
DOMIN Ich habe ihn gerufen. Wir müssen beraten -- _Geht im Zimmer auf und ab._
HALLEMEIER Ich bin schon ganz Ohr -- -- Holla, was spielt Frau Helene da?
_Geht zur Tür links und lauscht._
_Aus der Tapetentür tritt BUSMAN, schleppt riesige Geschäftsbücher, stolpert über den Draht._
FABRY Achtung, Bus! Achtung auf die Drähte!
DR. GALL Hallo, was bringen Sie da?
BUSMAN _legt die Bücher auf den Tisch_ Die Hauptbücher, Kinderchen. Möchte gern meine Rechnungen abschließen, ehe -- ehe -- I nun, heuer werde ich mit der Bilanz nicht bis Neujahr warten. Also was habt ihr? _Geht zum Fenster._ Aber es ist ja ganz still dort!
DR. GALL Sie sehen nichts?
BUSMAN Nein, bloß eine große blaue Fläche, wie mit Mohn besät.
DR. GALL Das sind Roboter.
BUSMAN Ah so. Schade, daß ich sie nicht sehe. _Setzt sich an den Tisch und öffnet die Bücher._
DOMIN Lassen Sie das, Busman. Die Roboter laden von der »Amelie« Waffen ab.
BUSMAN Nun und was? Wie soll ~ich~ es verhindern?
DOMIN Das können wir nicht verhindern.
BUSMAN Also lassen Sie mich rechnen. _Macht sich an die Arbeit._
FABRY Es ist noch nicht aus, Domin. Wir haben die Gitter mit zwölfhundert Volt geladen --
DOMIN Warten Sie. Der »Ultimus« hat die Kanonen gegen uns gerichtet.
DR. GALL Wer? Was?
DOMIN Roboter auf dem »Ultimus«.
FABRY Hm, ~dann~ freilich -- dann -- dann ist es aus mit uns, Kameraden. Die Roboter sind militärisch ausgebildet.
DR. GALL Wir werden also --
DOMIN Ja. Unvermeidlich.
_Pause._
DR. GALL Jungens, das ist das Verbrechen des alten Europa, daß es die Roboter Krieg führen gelehrt hat! Konnten sie nicht, zum Teufel, schon Ruh' geben mit ihrer Politik? Es war ein Verbrechen, aus lebendiger Arbeit Soldaten zu machen!
ALQUIST Ein Verbrechen war es, Roboter zu erzeugen!
DOMIN Wie?
ALQUIST Das Verbrechen war, Roboter zu erzeugen!
DOMIN Nein, Alquist, selbst heute bereue ich es nicht.
ALQUIST Nicht einmal heute?
DOMIN Nicht einmal heute, am letzten Tage der Zivilisation. Es ist eine große Sache gewesen.
BUSMAN _halblaut_ Dreihundertsechzehn Millionen.
DOMIN _ernst_ Alquist, unsere letzte Stunde ist da; wir reden fast schon aus jener Welt. Alquist, es war kein schlechter Traum, die Sklaverei der Arbeit zu zerschlagen. Einer erniedrigenden und furchtbaren Arbeit, die der Mensch tragen mußte. Eines unreinen und mörderischen Rackerns. Oh, Alquist, es wurde allzu schwer gearbeitet. Es wurde allzu schwer gelebt. Und dies zu überwinden --
ALQUIST -- ist nicht der Traum der beiden Werstands gewesen. Der alte Werstand dachte an seine gottlosen Gaukeleien und der junge an Milliarden. Und es ist nicht der Traum eurer W. U. R.-Aktionäre. Ihr Traum sind die Dividenden. Und an ihren Dividenden wird die Menschheit zugrunde gehen.
DOMIN _gereizt_ Der Teufel hole ihre Dividenden! Glaubt ihr, ich würde nur eine Stunde lang für sie arbeiten? _Schlägt auf den Tisch._ Für mich habe ich es getan, hört ihr? Zu meiner Befriedigung! Ich wollte den Menschen zum Herrn machen! Damit er nicht mehr bloß für das Stück Brot lebe! Ich wollte, keine Seele solle mehr an fremden Maschinen verblöden, ich wollte, daß nichts, nichts, nichts von diesem verdammten sozialen Kram mehr übrigbliebe! Oh, mich ekelt vor Erniedrigung und Schmerz, mich widert Armut an! Ein neues Geschlecht wollte ich! Ich wollte -- ich dachte --
ALQUIST Nun?
DOMIN _leiser_ Ich wollte, daß wir aus der ganzen Menschheit eine Weltaristokratie schaffen. Eine Aristokratie, die durch Milliarden mechanischer Sklaven ernährt würde. Schrankenlose, freie und souveräne Menschen. Und vielleicht mehr als Menschen.
ALQUIST Nun, also Übermenschen.
DOMIN Ja. Oh, nur hundert Jahre Zeit zu haben! Noch hundert Jahre für die kommende Menschheit!
BUSMAN _halblaut_ Dreihundertsiebzig Millionen Übertrag. So.
_Pause._
HALLEMEIER _an der Türe links_ Wetter, Musik ist eine große Sache. Ihr solltet zuhören. Das vergeistigt, verfeinert den Menschen irgendwie --
FABRY Was eigentlich?
HALLEMEIER Diese Menschendämmerung, bei allen Teufeln! Jungens, aus mir wird ein Genießer. Wir hätten uns eher darauf stürzen sollen. _Geht zum Fenster und schaut hinaus._
FABRY Worauf?
HALLEMEIER Aufs Genießen. Auf die schönen Dinge. Donnerwetter, es gibt soviel schöne Dinge! Die Welt war schön, und wir -- wir haben hier -- Jungens, Jungens, sagt, was haben wir genossen?
BUSMAN _halblaut_ Vierhundertzweiundfünfzig Millionen, vortrefflich.
HALLEMEIER _beim Fenster_ Das Leben war eine große Sache. Kameraden, das Leben war -- ich sage -- -- Fabry, senden Sie ein bisserl Strom in Ihr Gitter!
FABRY Warum?
HALLEMEIER Sie fassen es an.
DR. GALL _beim Fenster_ Schalten Sie ein!
_FABRY dreht den Ausschalter._
HALLEMEIER Herrgott, das hat sie verdreht! Zwei, drei, vier Tote!
DR. GALL Sie ziehen sich zurück.
HALLEMEIER Fünf Tote!
DR. GALL _wendet sich vom Fenster ab_ Der erste Zusammenstoß.
FABRY Spüren Sie den Tod?
HALLEMEIER _befriedigt_ Sie sind verkohlt, Bruderherz. Absolut verkohlt. Haha, der Mensch darf sich nicht ergeben! _Setzt sich._
DOMIN _reibt sich die Stirn_ Vielleicht sind wir schon hundert Jahre erschlagen und spuken nur. Vielleicht sind wir lange, lange tot und kehren nur wieder, um herzuleiern, was wir schon einmal gesprochen ... vor unserem Tode. Mir ist, als hätte ich dies alles schon erlebt. Als hätte ich sie schon einmal bekommen. Eine Schußwunde -- hier -- in den Hals. Und Sie, Fabry --
FABRY Ich?
DOMIN Erschossen.
HALLEMEIER Wetter, und ich?
DOMIN Erstochen.
DR. GALL Und ich nichts?
DOMIN Zerrissen.
_Pause._
HALLEMEIER Unsinn! Haha, Menschenskind, wer soll mich erstechen! Ich lasse mich nicht unterkriegen!
_Pause._
HALLEMEIER Was schweigt ihr, Narren? Bei allen Teufeln, redet doch.
ALQUIST Und wer, wer ist schuldig? Wer ist daran schuld?
HALLEMEIER Dummheiten. Niemand ist schuldig. Kurz, die Roboter -- I nun, die Roboter haben sich irgendwie verändert. Wer kann denn etwas für die Roboter?
ALQUIST Alles getötet! Die ganze Menschheit! Die ganze Welt! _Erhebt sich._ Seht, o seht, blutige Bäche auf jeder Schwelle! Bächlein voll Blut aus allen Häusern! O Gott, o Gott, wer ist schuld daran?
BUSMAN _halblaut_ Fünfhundertzwanzig Millionen! Herrgott, eine halbe Milliarde!
FABRY Ich glaube, daß ... daß Sie vielleicht übertreiben. Gehn Sie, es ist nicht so leicht, die ganze Menschheit zu töten.
ALQUIST Ich klage die Wissenschaft an! Ich klage die Technik an! Domin! Mich selbst! Uns alle! Wir, wir sind schuldig! Um unseres Größenwahns, um irgendwelcher Gewinne, um des Fortschritts, um ich weiß nicht welcher großartigen Sache willen haben wir die Menschheit getötet! Nun, so berstet an eurer Größe! Einen so gewaltigen Hügel aus Menschengebein hat sich kein Dschingiskhan errichtet!
HALLEMEIER Unsinn, Mensch! Die Menschen ergeben sich nicht so leicht, haha, woher denn!
ALQUIST Unsere Schuld! Unsere Schuld!
DR. GALL _wischt den Schweiß von der Stirn_ Laßt mich reden, Kameraden. Ich trage die Schuld. An allem, was geschehen ist.
FABRY Sie, Gall?
DR. GALL Ja, laßt mich sprechen. Ich habe die Roboter verwandelt. Busman, richten auch Sie mich.
BUSMAN _steht auf_ Na, na, was ist Ihnen denn passiert?
DR. GALL Ich habe den Charakter der Roboter verändert. Ich habe ihre Fabrikation verändert. Das heißt, nur einige leiblichen Bedingungen, verstehen Sie? Hauptsächlich -- hauptsächlich ihre -- Irritabilität.
HALLEMEIER _aufspringend_ Verdammt, warum just die?
BUSMAN Weshalb taten Sie das?
FABRY Weshalb sagten Sie nichts?
DR. GALL Ich tat es heimlich ... auf eigene Faust. Ich formte sie zu Menschen um. Ich hob sie aus dem Geleise. Schon jetzt sind sie uns in etwas überlegen. Sie sind stärker als wir.
FABRY Und was hat das mit dem Roboteraufstand zu tun?
DR. GALL Oh, viel. Ich glaube, alles. Sie hörten auf, Maschinen zu sein. Hören Sie, sie wissen bereits von ihrer Überlegenheit und hassen uns. Sie hassen alles Menschliche. Richtet mich!
DOMIN Töte einen Toten. Setzen Sie sich, meine Herren. _Alle setzen sich, ausgenommen Gall._ Vielleicht sind wir längst schon ermordet. Vielleicht sind wir nur Gespenster und noch einmal wiedergekommen, um zu richten. Was ist Schuld? Ach, wie seid ihr bleich!
FABRY Hören Sie auf, Harry, wir haben nicht viel Zeit.
DOMIN Ja, wir müssen heimkehren. Fabry, Fabry, wie Ihre zerschossene Stirn blutet!
FABRY Unsinn! _Steht auf._ Doktor Gall, Sie haben die Erzeugung der Roboter geändert.
DR. GALL Ja.
FABRY War Ihnen bewußt, was die Folge Ihres ... Ihres Versuches sein könnte?
DR. GALL Ich war verpflichtet, mit einer solchen Möglichkeit zu rechnen.
FABRY Warum haben Sie es dann getan?
DR. GALL Aus eigener Macht. Es war mein persönliches Experiment.
_In der Tür von links HELENE. Alle erheben sich._
HELENE Er lügt! Das ist häßlich! Oh, Gall, wie können Sie so lügen?
FABRY Pardon, Frau Helene --
DOMIN _geht auf sie zu_ Helene, du? Laß dich anschauen! Du lebst? _Umfaßt sie._ Wenn du wüßtest, was mir geträumt hat! Ach, es ist schrecklich, tot zu sein.
HELENE Laß, Harry!
DOMIN _preßt sie an sich_ Nein, nein! Umarme mich! Eine Ewigkeit schon habe ich dich nicht gesehen -- Aus welchem Traum hast du mich geweckt! Helene, Helene, laß nicht mehr von mir! Du bist das Leben selbst.
HELENE Harry, wir sind ja nicht -- allein!
DOMIN _gibt sie frei_ Ja, Jungens, laßt uns.
HELENE Nein, Harry, sie sollen bleiben, sie sollen hören -- -- Gall ist nicht schuldig, nein, er ist unschuldig!
DOMIN Verzeih'. Gall hatte seine Pflichten.
HELENE Nein, Harry, er hat es getan, weil ~ich~ es wollte! Sagen Sie, Gall, wie viele Jahre schon bat ich Sie --
DR. GALL Ich habe es auf eigene Verantwortung getan.
HELENE Glaubt ihm nicht! Harry, ich verlangte von ihm, er solle den Robotern eine Seele geben!
DOMIN Helene, hier handelt es sich nicht um die Seele.
HELENE Nein, laß mich doch reden. Das sagte er auch; er sagte, verwandeln könnte er nur das physiologische -- das physiologische --
HALLEMEIER Das physiologische Korrelat, nicht?
HELENE Ja, etwas dergleichen. Mir lag ~soviel~ daran, daß er es täte!
DOMIN Warum wolltest du das?
HELENE Ich wollte, daß sie eine Seele haben. Sie taten mir so leid, Harry!
DOMIN Das war -- -- ein großer Leichtsinn, Helene.
HELENE _setzt sich_ Es war also ... leichtsinnig?
FABRY Pardon, Frau Helene, Domin will bloß sagen, daß Sie -- hm -- daß Sie nicht bedacht haben --
HELENE Fabry, ich habe an schrecklich viele Dinge gedacht. Ich habe die ganzen zehn Jahre, die ich bei euch bin, nachgedacht. Nana sagt ja auch, daß die Roboter --
DOMIN Die Nana laß aus dem Spiel.
HELENE Nein, Harry, das darfst du nicht unterschätzen. Nana ist die Stimme des Volkes. Aus Nana reden tausende Jahre und aus euch nur das Heute. Das versteht ihr nicht --
DOMIN Bleib bei der Sache.
HELENE Ich fürchtete mich vor den Robotern.
DOMIN Weshalb?
HELENE Sie würden uns vielleicht hassen oder so.
ALQUIST Das ist geschehen.
HELENE Und da dachte ich ... wenn sie wie wir wären, so würden sie uns begreifen, könnten uns nicht so hassen -- Wenn sie nur ein bißchen Menschen wären!
DOMIN Wehe, Helene! Niemand vermag mehr zu hassen, als der Mensch den Menschen! Mach' Steine zu Menschen, und sie werden uns steinigen! Fahr' nur fort!
HELENE Oh, sprich nicht so! Harry, es war so fürchterlich, daß wir uns nicht mit ihnen verständigen konnten! Eine so grausame Fremdheit zwischen uns und ihnen! Und darum -- weißt du --
DOMIN Nur weiter.
HELENE Darum bat ich Gall, er solle die Roboter ändern. Ich schwöre dir, er selbst wollte es nicht.
DOMIN Aber er hat es getan.
HELENE Weil ich es wollte.
DR. GALL Ich tat es für mich, als Versuch.
HELENE Oh, Gall, das ist nicht wahr. Ich wußte im vorhinein, daß Sie es mir nicht abschlagen können.
DOMIN Warum?
HELENE Du weißt doch, Harry.
DOMIN Ja. Weil er dich liebt -- wie alle.
_Pause._
HALLEMEIER _tritt zum Fenster_ Sie haben sich wieder vermehrt. Als wenn die Erde sie ausschwitzte. Vielleicht verwandeln sich auch diese Wände in Roboter. Leute, das ist entsetzlich!
BUSMAN Frau Helene, was geben Sie mir, wenn ich Ihnen als Advokat beistehe?
HELENE Mir?
BUSMAN Ihnen -- oder Gall. Wem Sie wollen.
HELENE Wird denn gehängt werden?
BUSMAN Nur moralisch, Frau Helene. Ein Schuldiger wird gesucht. Das ist ein beliebter Trost bei Katastrophen.
DOMIN Doktor Gall, wie vereinen Sie Ihre -- Ihre Extratouren mit Ihrem Dienstvertrag?
BUSMAN Pardon, Domin. Wann haben Sie, Gall, mit diesen Gaukelstücken eigentlich begonnen?
DR. GALL Vor drei Jahren.
BUSMAN Aha. Und wie viele Roboter haben Sie denn in summa reformiert?
DR. GALL Ich habe nur Versuche angestellt. Es sind ihrer einige Hunderte.
BUSMAN Also schönen Dank. Genug, Kinderchen. Das bedeutet, daß auf eine Million der alten guten Roboter ein einziger von Galls Reformierten kommt, versteht ihr?
DOMIN Und das bedeutet --
BUSMAN -- daß das praktisch nicht soviel Bedeutung besitzt.
FABRY Busman hat recht.
BUSMAN Das möcht' ich meinen, alle Wetter. Und wißt ihr, Burschen, was diese Bescherung verschuldet hat?
FABRY Was also?
BUSMAN Die Menge. Wir haben zu viele Roboter fabriziert. Meiner Six, das ließ sich doch erwarten: sobald die Roboter einmal stärker als die Menschheit sein werden, wird, muß das da eintreten, verstanden? Haha, und wir haben dafür gesorgt, daß es möglichst bald geschähe; Sie, Domin, Sie, Fabry, und ich, der Prachtkerl Busman.
DOMIN Sie meinen, es sei unsere Schuld?
BUSMAN Sie sind gut! Glauben Sie denn, der Direktor sei der Herr der Produktion? I wo, Herr der Produktion ist die Nachfrage. Die ganze Welt wollte ihre Roboter haben. Du lieber Gott, wir fuhren auf dieser Nachfrage-Lawine nur so spazieren und schwatzten dabei -- -- von Technik, von der sozialen Frage, vom Fortschritt, von sehr interessanten Dingen. So als ob dieses Geplärr der Lawine irgendwie den Weg gewiesen hätte. Inzwischen lief alles kraft des eigenen Gewichts, schneller, schneller, immer schneller -- Und jede elende, krämerische, schmutzige Bestellung fügte zu der Lawine ein Steinchen hinzu. So, Leutchen.
HELENE Das ist scheußlich, Busman!
BUSMAN Das ist es, Frau Helene. Ich habe auch meinen Traum gehabt. So einen Busmanischen Traum von einer neuen Weltwirtschaft; ein allzu schönes Ideal, Frau Helene, eine Schande, davon zu reden. Aber als ich hier die Bilanz aufstellte, da kam es mir in den Schädel, daß die Weltgeschichte nicht durch große Träume, sondern durch die winzigen Bedürfnisse aller ehrenhaften, mäßig diebischen und selbständigen Leutchen, id est aller überhaupt gemacht wird. Alle Gedanken, Lieben, Pläne, Heroismen, alle diese luftigen Dinge eignen sich höchstens dazu, daß sich der Mensch damit für das Museum des Alls ausstopfen lasse, mit der Aufschrift: Siehe, ein Mensch. Punktum. Und nun könntet ihr mir sagen, was wir eigentlich machen werden.
HELENE Busman, ~dafür~ sollen wir untergehen?
BUSMAN Sie reden garstig, Frau Helene. Wir wollen doch nicht untergehen. Ich wenigstens nicht. Ich will noch am Leben bleiben.
DOMIN Was wollen Sie tun?
BUSMAN Jemine, Domin, ich will mich aus der Affäre ziehen. Sonst nichts.
DOMIN Hören Sie auf, zu plauschen.
BUSMAN Ernsthaft, Harry. Ich denke, wir könnten es versuchen.
DOMIN _bleibt vor ihm stehen_ Wie?
BUSMAN Im guten. Ich immer im guten. Erteilt mir Vollmacht und ich will es mit den Robotern ausmachen.
DOMIN Im guten?
BUSMAN Versteht sich. Ich sage ihnen zum Beispiel: »Meine Herren Roboter, Ew. Wohlgeboren, ihr habt alles. Ihr habt Verstand, die Macht, habt Waffen; aber wir haben da so ein interessantes Register, so ein altes, gelbes, schmutziges Papier --«
DOMIN Werstands Manuskript?
BUSMAN Jawohl. »Und dort,« sage ich ihnen, »ist eure erhabene Herkunft geschildert, eure wohledle Herstellung usw. Meine Herren Roboter, ohne dieses bekritzelte Papier werdet ihr nicht ~einen~ neuen Roboter-Kollegen fabrizieren; nach zwanzig Jahren werdet ihr mit Verlaub wie die Eintagsfliegen krepieren; nach zwanzig Jahren bleibt uns kein einziges lebendes Roboterexemplar übrig, das wir in einer Menagerie zeigen könnten. Verehrteste, es wäre ausnehmend schade um euch. Wißt ihr was,« werde ich zu ihnen sprechen, »ihr laßt uns frei, uns alle Menschen auf Werstands Insel, und jenes Schiff dort besteigen. Dafür verkaufen wir euch die Fabrik und das Produktionsgeheimnis. Laßt uns mit Gott abfahren und wir lassen euch mit Gott euresgleichen erzeugen, zwanzigtausend, fünfzigtausend, hunderttausend Stück im Tag, ganz nach Belieben. Meine Herren Roboter, das ist ein ehrliches Geschäft. Etwas für etwas.« -- So würde ich es ihnen sagen, Jungens.
DOMIN Busman, Sie meinen, wir geben die Erzeugung aus der Hand?
BUSMAN Ich meine, wir geben sie her. Wenn nicht im guten, dann, hm. Entweder wir verkaufen es, oder sie werden es hier finden. Wie Sie wollen.
DOMIN Busman, wir können Werstands Manuskript vernichten.
BUSMAN Aber mit Gott, wir können alles vernichten. Außer dem Manuskript auch uns -- und andere. Tun Sie, wie Sie's verstehen.
HALLEMEIER _wendet sich vom Fenster ab_ Ich sage, er hat recht.
DOMIN Wir -- wir sollen die Erzeugung verkaufen?
BUSMAN Wie Sie wollen.
DOMIN Wir sind hier ... mehr als dreißig Menschen. Sollen wir die Fabrikation verkaufen und die Menschenseelen retten? Oder sollen wir sie zerstören und -- und -- uns alle mit?
HELENE Harry, ich bitte dich --
DOMIN Warte, Helene. Hier handelt es sich um eine allzu ernste Frage. Jungens, verkaufen oder zerstören? Fabry!
FABRY Verkaufen.
DOMIN Gall!
DR. GALL Verkaufen.
DOMIN Hallemeier!
HALLEMEIER Donnerwetter, das ist doch klar, verkaufen!
DOMIN Alquist!
ALQUIST Gottes Wille.
BUSMAN Haha, jemine, ihr seid Narren! Wer würde denn das ganze Manuskript verkaufen?
DOMIN Busman, keinen Betrug!
BUSMAN I nun, bei Gott, so verkauft alles; aber dann --
DOMIN Was dann?
BUSMAN Nehmen wir folgendes an: Bis wir auf dem »Ultimus« sind, verstopfe ich mir die Ohren mit Watte, lege mich irgendwo auf dem Grund des Schiffes hin und ihr schießt die Fabrik mit allem Kram und mit Werstands ganzem Geheimnis in Fetzen. So, Jungens.
FABRY Nein.
DOMIN Sie sind kein Gentleman, Busman. Verkaufen wir, so wird verkauft.
BUSMAN _springt auf_ Unsinn! Im Interesse der Menschheit ist --
DOMIN Im Interesse der Menschheit ist es, Wort zu halten.
HALLEMEIER Das möchte ich mir ausbitten.
DOMIN Jungens, das ist ein furchtbarer Schritt. Wir verkaufen das Schicksal der Menschheit; wer die Erzeugung in Händen haben wird, wird der Herr der Welt sein.
FABRY Verkaufen Sie!
DOMIN Nie mehr wird die Menschheit mit den Robotern fertig werden, sie nie mehr beherrschen; untergehen wird sie in der Sintflut dieser furchtbaren lebenden Maschinen, sie wird ihr Sklave werden, wird leben von ihren Gnaden --
DR. GALL Schweigen Sie und verkaufen Sie!
DOMIN Wohlan, Jungens; ich selbst -- -- ich würde keinen Augenblick zögern; wegen der paar Leute, die ich liebe --
HELENE Harry, mich fragst du nicht?
DOMIN Nein, mein Kind; es ist zu verantwortungsvoll, weißt du? Das ist nichts für dich.
FABRY Wer geht verhandeln?
DOMIN Wartet, bis ich das Manuskript bringe. _Ab nach links._
HELENE Harry, um Gottes willen, geh nicht!
_Pause._
FABRY _blickt durchs Fenster_ Dir zu entrinnen, tausendköpfiger Tod; dir, Masse im Aufruhr; unsinniger Pöbel, neuer Herrscher der Welt; Sintflut, Sintflut, noch einmal das Menschenleben auf einem einzigen Schiffe zu retten --
Dr. GALL Fürchten Sie sich nicht, Frau Helene; wir segeln weit fort von hier und gründen eine musterhafte Menschenkolonie; wir fangen ein neues Leben an --
HELENE Oh, Gall, schweigen Sie!
FABRY _dreht sich um_ Frau Helene, das Leben steht dafür; und was an uns liegt, so machen wir etwas daraus ... etwas, was wir vernachlässigt haben. Es ist dafür nicht zu spät. Es wird ein kleiner Staat sein mit einem Schiff; Alquist baut uns ein Haus hin und Sie werden uns beherrschen -- Es ist in uns soviel Liebe, soviel Lust zum Leben --
HALLEMEIER Das möcht' ich meinen, Bruderherz. Wir, sage ich, wir werden's noch zu etwas bringen. Hahahaha. Frau Helenens Königtum! Fabry, das ist ein herrlicher Gedanke! Das Leben ist schön!
HELENE O mein Gott! Hört auf!
BUSMAN I nun, Leute, ich möchte gleich von neuem beginnen. Recht einfach, alttestamentarisch, hirtenhaft -- -- Kinder, das wäre etwas für mich. Die Ruhe, die Luft --
FABRY Und unsere kleine Wirtschaft könnte der Ursprung der künftigen Menschheit werden. Wißt ihr, solch ein Inselchen, wo die Menschheit einen Halt finden, wo sie neue Kräfte schöpfen würde -- Kräfte der Seele und des Leibes. -- Und Gott weiß, ich glaube, nach paar hundert Jahren könnte sie wieder die Welt erobern.
ALQUIST Sie glauben das schon heute?
FABRY Schon heute. Und ich glaube, Alquist, daß sie sie erobern wird. Daß sie wiederum Herr über Länder und Meere sein wird; daß sie zahllose Helden hervorbringen wird, die ihre brennende Seele der Menschheit vorantragen werden. Und ich glaube, Alquist, daß sie wieder von der Eroberung der Sonnen und Planeten träumen wird.
BUSMAN Amen. Sie sehen, Frau Helene, das ist keine schlechte Situation.
_DOMIN öffnet heftig die Tür._
DOMIN _heiser_ Wo ist das Manuskript des alten Werstand?
BUSMAN In Ihrem Tresor. Wo anders sollte es denn sein?
DOMIN Wohin ist das Manuskript des alten Werstand geraten! Wer -- hat -- es -- gestohlen!
DR. GALL Unmöglich!
HALLEMEIER Verdammt, das ist doch --
BUSMAN Herrgott, das vielleicht nicht!
DOMIN Still! Wer hat es gestohlen?
HELENE _erhebt sich_ Ich.
DOMIN Wohin hast du es gegeben?
HELENE Harry, Harry, alles werde ich dir sagen! Um Gottes willen, verzeih es mir!
DOMIN Wohin hast du's gegeben? Rasch!
HELENE Verbrannt -- heute früh -- beide Abschriften.
DOMIN Verbrannt? Hier im Kamin?
HELENE _sinkt in die Knie_ Um Gottes willen, Harry!
DOMIN _läuft zum Kamin_ Verbrannt! _Kniet beim Kamin nieder und wühlt darin herum._ Nichts, nichts als Asche. -- Ah, hier! _Zieht ein versengtes Stück Papier hervor und liest._ »Durch Bei -- fü -- gung --«
DR. GALL Zeigen Sie. _Nimmt das Papier und liest._ »Durch Beifügung von Biogen zu --« Sonst nichts.
DOMIN _erhebt sich_ Ist es daraus?
DR. GALL Ja.
BUSMAN Gott im Himmel!
DOMIN Also sind wir verloren.
HELENE Oh, Harry --
DOMIN Steh auf, Helene!
HELENE Bis du vergibst -- bis du vergibst --
DOMIN Ja, steh nur auf, hörst du? Ich ertrage es nicht, daß du --
FABRY _hebt sie auf_ Bitte, quälen Sie uns nicht.
HELENE _steht auf_ Harry, was habe ich getan!
DOMIN Ja, du siehst. -- Bitte, setz' dich.
HALLEMEIER Wie Ihnen die Händchen zittern.
BUSMAN Haha, Frau Helene, Gall und Hallemeier wissen doch vielleicht auswendig, was dort geschrieben stand.
HALLEMEIER Versteht sich. Das heißt, wenigstens einige Sachen.
DR. GALL Ja, fast alles, bis auf das Biogen und -- und -- das Enzym Omega. Die werden so selten erzeugt -- -- es genügt davon eine so unscheinbare Dosis --
BUSMAN Wer hat sie hergestellt?
DR. GALL Ich selbst ... einmal in der Zeit ... immer nach Werstands Manuskript. Wissen Sie, das ist zu kompliziert.
BUSMAN Nun und was, kommt es gar so sehr auf diese beiden Wässerchen an?
HALLEMEIER So ein bißchen -- sicherlich.
DR. GALL Von ihnen hängt es nämlich ab, daß das Ding überhaupt lebe. Das war das eigentliche Geheimnis.
DOMIN Gall, könnten Sie nicht aus dem Gedächtnis Werstands Erzeugungsvorschrift zusammenstellen?
DR. GALL Ausgeschlossen.
DOMIN Gall, entsinnen Sie sich! Es handelt sich um unser aller Leben!
DR. GALL Ich kann nicht. Ohne Versuche ist es unmöglich.
DOMIN Und wenn Sie Versuche anstellen --
DR. GALL Das könnte Jahre dauern. Und selbst dann -- Ich bin nicht der alte Werstand.
DOMIN _wendet sich zum Kamin_ Also hier -- dies war der größte Triumph des menschlichen Geistes, Kameraden. Diese Asche. _Tritt hinein._ Was jetzt?
BUSMAN _in verzweifeltem Entsetzen_ Gott im Himmel! Gott im Himmel!
HELENE _erhebt sich_ Harry! Was -- habe ich -- getan!
DOMIN Sei ruhig, Helene. Sag', warum hast du es verbrannt?
HELENE Ich habe euch vernichtet!