W U R

Part 4

Chapter 43,590 wordsPublic domain

DR. GALL Schön? Sie haben sie nicht geschaffen. Wissen Sie denn, wie schön sie ist? Aus Gottes Händen ist kein vollkommeneres Werk hervorgegangen als sie ist. Ich wollte, sie solle Ihnen ähnlich werden -- Gott, welch' ein Mißerfolg!

HELENE Warum Mißerfolg?

DR. GALL Weil sie zu nichts nutz ist. Sie geht wie im Traum umher, schwankend, leblos -- Mein Gott, wie kann sie schön sein, wenn sie nicht liebt? Wie könnte sie schön sein, da sie niemals erkennen wird -- O mein Werk, mein armseliges Werk! Wozu lieben die Menschen, wozu lieben sie vergebens, ohne Worte, ohne Sinn --

HELENE Gall, nicht davon!

DR. GALL _reibt sich die Stirn_ Sie hat kein Leben. Tot ist Schönheit ohne Liebe. Ich blicke sie an und schaudere, wie wenn ich einen Krüppel erschaffen hätte. Ich schaue und warte, daß vielleicht ein Wunder geschehen wird -- Ach, Helene, Robotin Helene, so wird denn dein Körper nie sich beleben, du wirst nicht Geliebte, nicht Mutter sein; diese vollkommenen Hände werden mit keinem Säugling spielen, du wirst deine Schönheit nicht erschauen in der Schönheit deines Kindes --

HELENE _bedeckt ihr Gesicht_ Oh, schweigen Sie!

DR. GALL Und manchmal denke ich mir: Wenn du erwachtest, Helene, nur für einen Augenblick, ach, wie würdest du aufschreien vor Entsetzen! Vielleicht würdest du mich töten, der ich dich erschaffen; würdest vielleicht mit der schwachen Hand einen Stein in diese Maschinen hier schleudern, welche Roboter gebären und das Weibtum töten, unglückliche Helene!

HELENE Unglückliche Helene!

DR. GALL Was wollen Sie? Sie ist zu nichts nutz.

_Pause._

HELENE Doktor --

DR. GALL Ja.

HELENE Weshalb werden keine Kinder mehr geboren?

DR. GALL -- -- Wir wissen es nicht, Frau Helene.

HELENE Sagen Sie's mir!

DR. GALL Weil Roboter gemacht werden. Weil Überfluß an Arbeitskräften herrscht. Weil die Menschen gleichsam ... kurz überflüssig werden, wissen Sie?

HELENE Das muß ... doch niemanden ... hindern!

DR. GALL Nur die Natur.

HELENE Ich verstehe nicht.

DR. GALL I nun, die Natur richtet sich sozusagen nach dem Bedarf, verstehen Sie? Das ist eine alte Weste; nur daß --

HELENE Rasch, Gall!

DR. GALL Vielleicht ließ es sich erwarten, daß die Geburtenzahl, wissen Sie, bei dieser rasenden Fabrikation von Robotern sinken werde; einfach deshalb, weil nicht mehr so viele Menschen nötig wären, weil ein größerer Wohlstand herrschen würde, weil die Roboter existenzfähiger sind als wir --

HELENE Sind sie es?

DR. GALL Unstreitig. Der Mensch ist eigentlich ein Atavismus. Aber daß er nach elendigen dreißig Jahren Konkurrenz auszusterben beginnt -- das ist biologisch erstaunlich, das geht über unseren Verstand. Das ist ja schon so, als ob -- eh!

HELENE Sagen Sie es!

DR. GALL Als ob die Natur über die Robotererzeugung gekränkt wäre.

HELENE Gall, was wird mit den Menschen geschehen?

DR. GALL Nichts. Gegen die Natur läßt sich nichts machen.

HELENE Überhaupt nichts?

DR. GALL Gar nichts. Sämtliche Universitäten der Welt verlangen in so großen Memoranden, man solle die Erzeugung von Robotern einschränken, sonst werde -- sonst werde die Menschheit an Unfruchtbarkeit zugrunde gehen. Aber die W. U. R.-Aktionäre wollen davon selbstverständlich nichts hören. Alle Regierungen der Welt schreien nach größerer Produktion, um den Stand ihrer Armeen zu erhöhen. Alle Fabrikanten der Welt bestellen wie närrisch Roboter. Damit läßt sich nichts machen.

HELENE Weshalb beschränkt Domin nicht --

DR. GALL Verzeihen Sie, Domin hat seine Ideen. Menschen, die Ideen haben, sollte man keinen Einfluß auf die Dinge dieser Welt einräumen.

HELENE Und fordert jemand, man solle ... ~überhaupt~ die Erzeugung einstellen?

DR. GALL Gott bewahre! Der wäre schön daran!

HELENE Warum?

DR. GALL Weil ihn die Menschheit steinigen würde. Wissen Sie, es ist doch nur bequemer, die Roboter für sich arbeiten zu lassen.

HELENE Oh, Gall, aber was wird mit den Menschen geschehen?

DR. GALL Du mein Gott, die werden zufrieden blühen --

HELENE -- wie eine taube Blüte.

DR. GALL Ja.

HELENE _erhebt sich_ Und sagen Sie, wenn jemand ~mit einem Schlage~ die Robotererzeugung einstellen würde --

DR. GALL _steht auf_ Hm, das wäre für die Menschen ein furchtbarer Schlag.

HELENE Weshalb ein Schlag?

DR. GALL Weil sie dorthin zurückkehren müßten, wo sie waren. Außer --

HELENE Sagen Sie!

DR. GALL Außer es wäre schon zu spät zur Umkehr.

HELENE _bei Hallemeiers Blumen_ Gall, sind diese Blüten gleichfalls taub?

DR. GALL _besieht sie_ Allerdings, das sind unfruchtbare Blüten. Sie verstehen, es sind Kulturblumen, künstlich beschleunigt --

HELENE Arme taube Blüten!

DR. GALL Dafür sind sie herrlich.

HELENE _reicht ihm die Hand_ Ich danke Ihnen, Gall; Sie haben mich so belehrt!

DR. GALL _küßt ihr die Hand_ Das bedeutet, daß Sie mich entlassen.

HELENE Ja. Auf Wiedersehen!

_GALL ab._

HELENE _allein_ Taube Blüte ... taube Blüte ... _Plötzlich entschlossen_ Nana! _Öffnet die Tür nach links._ Nana, komm her! Mach' Feuer im Kamin! Rasch!

NANAS STIMME No gleich! No sofort!

HELENE _aufgeregt durchs Zimmer gehend_ Außer es wäre schon zu spät zur Umkehr ... Nein! Außer es ... Nein, das ist furchtbar! Gott, was soll ich tun? -- -- _Bleibt vor den Blumen stehen._ Taube Blüten, soll ich? _Pflückt Blättchen und flüstert_ -- -- Ach, mein Gott, also ja! _Eilt nach links._

_Pause._

NANA _tritt aus der Tapetentür, Scheitholz in den Armen_ Plötzlich einzuheizen! Jetzt, im Sommer! -- Ist sie schon wieder fort, der Sausewind? _Kniet zum Kamin und macht Feuer an._ Im Sommer zu heizen! Die hat Einfälle! Wie wenn sie nicht zehn Jahre verheiratet wäre! -- -- Nu so brenn', brenn'! _Sieht ins Feuer._ -- Sie ist ja wie ein kleines Kind! _Pause._ Nicht ein bisserl Vernunft hat sie. Jetzt im Sommer zu heizen! _Sie legt zu._ Wie ein kleines Kind! _Pause._

HELENE _kommt von links, vergilbte beschriebene Papiere in den Armen_ Brennt es, Nana? Laß', ich muß -- dies alles verbrennen -- _kniet zum Kamin_.

Nana _steht auf_ Was ist das?

HELENE Alte Papiere, schrecklich alte. Nana, soll ich das verbrennen?

NANA Ist es zu nichts nutze?

HELENE Zu nichts Gutem.

NANA Also verbrennen Sie's.

HELENE _wirft das erste Blatt ins Feuer_ Was würdest du sagen, Nana ... wenn es Geld wäre. Ungeheuer viel Geld.

NANA Ich möcht' sagen: verbrennen Sie's. Zu großes Geld ist schlechtes Geld.

HELENE _verbrennt weitere Blätter_ Und wenn es irgendeine Erfindung wäre, die größte Erfindung der Welt --

NANA Ich möcht' sagen: verbrennen Sie's. Alle Erfindungen sind gegen den lieben Gott. Das ist eitel Lästerung, nach ihm die Welt verbessern zu wollen.

HELENE _heizt andauernd_ Und sag', Nana, wenn ich verbrennen würde --

NANA Jesus, verbrennen Sie sich nicht!

HELENE Nein. Sag' doch --

NANA Was denn?

HELENE Nichts, nichts. Sieh mal, wie sich die Blätter drehen! Wie wenn sie lebendig wären. Wie wenn sie lebendig würden. Oh, Nana, das ist fürchterlich!

NANA Lassen Sie, ich werde es verbrennen.

HELENE Nein, nein, ich muß selbst. _Wirft die letzten Blätter ins Feuer._ Alles muß verbrennen -- Sieh, diese Flammen! Sie sind wie Hände, wie Zungen, wie Gestalten -- _Schlägt mit dem Schürhaken ins Feuer._ Oh, legt euch! Legt euch!

NANA 's ist schon vorbei.

HELENE _erhebt sich betroffen_ Nana!

NANA Jesus Christus, was haben Sie da verbrannt?

HELENE Was habe ich getan!

NANA Gott im Himmel! Was war es?

_Nebenan Männerlachen._

HELENE Geh, geh, laß mich! Hörst du? Die Herren kommen.

NANA Beim lebendigen Gott, Helene! _Ab durch die Tapetentür._

HELENE Was werden sie dazu sagen!

DOMIN _öffnet die Tür links_ Nur herein, Jungens. Kommt gratulieren!

_Eintreten HALLEMEIER, GALL, ALQUIST, alle in Redingotes mit hohen Orden en miniature an Bändchen. Hinter ihnen DOMIN._

HALLEMEIER _schallend_ Frau Helene, ich, das heißt, wir alle --

DR. GALL -- gratulieren im Namen von Werstands Betrieben --

HALLEMEIER -- zu Ihrem großen Tage.

HELENE _reicht ihnen die Hände_ Ich danke Ihnen ~so sehr~! Wo sind Fabry und Busman?

DOMIN Sie sind zum Hafen gegangen. Helene, heut ist ein glücklicher Tag.

HALLEMEIER Ein Tag wie eine Knospe, ein Tag wie ein Feiertag, ein Tag wie ein hübsches Mädel. Jungens, einen solchen Tag zu vertrinken.

HELENE Whisky?

DR. GALL Meinethalben Vitriol.

HELENE Mit Soda?

HALLEMEIER Wetter, seien wir mäßig. Ohne Soda.

ALQUIST Nein, ich danke.

DOMIN Was hat hier gebrannt?

HELENE Alte Papiere. _Ab nach links._

DOMIN Jungens, soll ich es ihr sagen?

DR. GALL Versteht sich. Es ist ja schon alles vorbei.

HALLEMEIER _faßt Domin und Gall um den Hals_ Hahahaha! Jungens, da bin ich froh! _Dreht sich mit ihnen herum und stimmt mit Baßstimme an_ Sie ist abgetan! Sie ist abgetan!

DR. GALL _Bariton_ Sie ist abgetan!

DOMIN _Tenor_ Sie ist abgetan!

HALLEMEIER Sie kriegt uns nie mehr dran --

HELENE _mit einer Flasche und Gläsern in der Tür_ Wer kriegt euch nicht dran? Was habt ihr?

HALLEMEIER Wir haben Freude. Wir haben Sie. Wir haben alles. Kruzitürken, es ist just zehn Jahre her, seit Sie hierherkamen.

DR. GALL Und auf ein Haar nach zehn Jahren --

HALLEMEIER -- segelt wieder ein Schiff zu uns. Folglich -- _Leert das Glas._ Brr, haha, das ist stark wie die Freude.

DR. GALL Madame, auf Ihr Wohl! _Trinkt._

HELENE Aber wartet, was für ein Schiff?

DOMIN Mag es sein, wie auch immer, wenn's nur rechtzeitig kommt. Auf das Schiff, Jungens! _Leert das Glas._

HELENE _gießt ein_ Ihr habt eins erwartet?

HALLEMEIER Haha, das denk' ich mir. Wie Robinson. _Hebt das Glas._ Frau Helene, es lebe, was Sie mögen. Frau Helene, auf Ihre Augen und basta! Domin, du Bub', erzähl'!

HELENE _lacht_ Was ist geschehen?

DOMIN _wirft sich in ein Fauteuil und zündet sich eine Zigarre an_ Warte. -- Setz' dich, Helene. _Hebt den Zeigefinger._ Pst. Sie ist abgetan.

HELENE Wer?

DOMIN Die Revolte.

HELENE Was für eine Revolte?

DOMIN Die Revolte der Roboter. -- Begreifst du?

HELENE Ich begreife nicht.

DOMIN Zeigen Sie, Alquist. _ALQUIST reicht ihm die Zeitung. DOMIN schlägt sie auf und liest._ »In Havre wurde die erste Rassenorganisation der Roboter gegründet -- -- und ein Aufruf an die Roboter der Welt erlassen.«

HELENE Das habe ich gelesen.

DOMIN _voll Genuß an der Zigarre saugend_ Also siehst du, Helene. Das bedeutet Revolution, weißt du? Die Revolution aller Roboter der Welt.

HALLEMEIER Potztausend, gern wüßte ich --

DOMIN _auf den Tisch schlagend_ -- wer das angezettelt hat! Niemand in der Welt war imstande, mit den Robotern zu rühren, kein Agitator, kein Welterlöser, und auf einmal -- so etwas, ich bitte!

HELENE Sind noch keine Nachrichten gekommen?

DOMIN Nein. Vorläufig wissen wir nur dies, aber das genügt, weißt du? Bedenke, daß die Roboter sämtliche Waffen und Telegraphen und Bahnen und Schiffe und so weiter in der Hand haben --

HALLEMEIER -- und berechnen Sie dabei, daß mindestens ein Zehntel dieser Kerle auf die Menschheit kommt; genau ein Hundertel würde genügen, daß sie uns bekommen.

DOMIN Ja, und nun bedenke, daß dies der letzte Dampfer dir bringt. Daß dadurch die Telegraphen zu reden aufhören, daß von zwanzig Schiffen täglich keines landet, und du hast es. Wir stellten die Erzeugung ein und schauten einander an, wann es losginge, nicht wahr, Jungens?

DR. GALL I nun, es ward uns heiß davon, Frau Helene.

HELENE Deshalb hast du mir das Kriegsschiff geschenkt?

DOMIN Ach nein, Kindchen, das hatte ich schon vor einem halben Jahr bestellt. Nur so, zur Sicherheit. Aber, meiner Seele, ich dachte schon, wir würden es heute besteigen. So sah es bereits aus, Helene.

HELENE Warum schon vor einem halben Jahr?

DOMIN Eh, es gab allerlei Anzeichen, weißt du? Das bedeutet nichts. Aber in dieser Woche, Helene, da hat es sich um die menschliche Zivilisation oder ich weiß nicht was gehandelt. Glückauf, Jungens! Jetzt bin ich wieder gern auf der Welt.

HALLEMEIER Das möcht' ich meinen, zum Teufel! Ihr Tag, Frau Helene! _Trinkt._

HELENE Ist schon alles vorbei?

DOMIN Absolut alles.

DR. GALL Es segelt nämlich ein Schiff heran. Ein gewöhnliches Postschiff, auf ein Haar nach dem Fahrplan. Pünktlich um elf Uhr dreißig wird es Anker werfen.

DOMIN Jungens, Pünktlichkeit ist eine herrliche Sache. Nichts stärkt die Seele so wie Pünktlichkeit. Pünktlichkeit bedeutet Ordnung in der Welt. _Hebt das Glas._ Hoch die Pünktlichkeit!

HELENE Also ist schon ... alles ... in Ordnung?

DOMIN Beinahe. Ich glaube, sie haben das Kabel zerschnitten. Wenn nur der Fahrplan wieder gilt.

HALLEMEIER Gilt der Fahrplan, so gelten die menschlichen Gesetze, gelten Gottes Gesetze, gelten die Gesetze des Alls, gilt alles was gelten soll ... Der Fahrplan ist mehr als das Evangelium, mehr als Homer, mehr als der ganze Kant. Der Fahrplan ist die vollkommenste Emanation menschlichen Geistes. Frau Helene, ich fülle mein Glas.

HELENE Weshalb habt ihr mir nichts gesagt?

DR. GALL Da sei Gott vor! Lieber hätten wir uns die Zunge abgebissen.

DOMIN Solche Sachen sind nichts für dich.

HELENE Aber wenn diese Revolution ... bis hierher gekommen wäre ...

DOMIN So hättest du gleichfalls nichts erfahren.

HELENE Warum?

DOMIN Weil wir uns auf deinen »Ultimus« gesetzt und ruhig das Meer befahren hätten. Nach einem Monat, Helene, hätten wir den Robotern diktiert, was uns nur eingefallen wäre.

HELENE Oh, Harry, ich verstehe nicht.

DOMIN Weil wir etwas mit uns fortgeschafft hätten, was den Robotern furchtbar erwünscht gewesen wäre.

HELENE Was, Harry?

DOMIN Ihr Sein oder ihr Ende.

HELENE _steht auf_ Was ist das?

DOMIN _steht auf_ Das Geheimnis der Fabrikation. Die Handschrift des alten Werstand. Bis die Fabrik einen Monat lang stillgestanden hätte, wären die Roboter vor uns auf den Knien gelegen.

HELENE Warum ... habt ihr ... mir das nicht gesagt?

DOMIN Wir wollten dich nicht unnütz erschrecken.

DR. GALL Haha, Frau Helene, das war die letzte Karte. Ich hatte nicht ein bisserl Angst, die Roboter könnten gewinnen. Woher, gegen uns Menschen.

ALQUIST Sie sind blaß, Frau Helene.

HELENE Warum habt ihr mir nichts gesagt!

HALLEMEIER _beim Fenster_ Elf dreißig. Die »Amelie« wirft die Anker aus.

DOMIN Das ist die »Amelie«?

HALLEMEIER Die brave alte »Amelie«, die damals Frau Helene mitgebracht hat.

DR. GALL Jetzt sind es auf die Minute zehn Jahre --

HALLEMEIER _beim Fenster_ Sie werfen Pakete ab. Aha, die Post.

DOMIN Busman wartet ja schon darauf. Und Fabry wird uns die ersten Nachrichten bringen. Weißt du, Helene, ich bin schrecklich neugierig, wie das alte Europa da Ordnung gemacht hat.

HALLEMEIER Fabelhaft, Domin. Daß wir nicht dabei gewesen sind! _Wendet sich vom Fenster ab._ Leute, soviel Post!

HELENE Harry!

DOMIN Was gibt's?

HELENE Reisen wir ab von hier!

DOMIN Jetzt, Helene? Aber geh!

HELENE Jetzt, so rasch als möglich! Wir alle, die wir da sind!

DOMIN Warum gerade jetzt?

HELENE Oh, frag' nicht! Ich bitte dich, Harry, ich bitte euch, Gall, Hallemeier, Alquist, um Gottes willen bitte ich euch, schließt die Fabrik und --

DOMIN Tut mir leid, Helene, Jetzt könnte keiner von uns abreisen.

HELENE Warum?

DOMIN Weil wir die Robotererzeugung erweitern wollen.

HELENE Oh, jetzt -- jetzt nach jener Revolte?

DOMIN Jawohl, eben nach der Revolte. Eben jetzt beginnen wir neue Roboter zu erzeugen.

HELENE Was für?

DOMIN Es wird nicht mehr bloß eine Fabrik geben. Es wird nicht mehr Universal Roboter geben. Wir werden in jedem Lande, in jedem Staat eine Fabrik gründen, und diese neuen Fabriken werden -- weißt du schon was? -- erzeugen.

HELENE Nein.

DOMIN Nationale Roboter.

HELENE Was bedeutet das?

DOMIN Das bedeutet, daß aus jeder Fabrik Roboter von andrer Farbe, andren Borsten, andrer Sprache hervorgehen werden. Daß sie einander fremd bleiben werden, fremd wie Steine; daß sie sich nie mehr werden verständigen können; und daß wir, wir Menschen, sie so ein bisserl dazu erziehen werden -- verstehst du? -- daß ein Roboter auf den Tod, bis ins Grab, in alle Ewigkeit den Roboter von andrer Fabriksmarke hasse.

HALLEMEIER Potztausend, wir werden Neger-Roboter und Schweden-Roboter und Italiener-Roboter und Chinesen-Roboter fabrizieren, und dann soll ihnen jemand Organisation, Brüderlichkeit in die Kokosschädel bläuen _verschluckt sich_ hup, pardon, Frau Helene, ich fülle mein Glas.

DR. GALL Lassen Sie das schon bleiben, Hallemeier.

HELENE Harry, das ist scheußlich!

HALLEMEIER _hebt das Glas_ Frau Helene, auf hundert neue Fabriken! _er trinkt und sinkt in den Klubsessel zurück_ Hahahaha, National-Roboter! Jungens, das ist ein Terno!

DOMIN Helene, nur noch hundert Jahre die Menschheit am Ruder erhalten -- um jeden Preis! Ihr nur hundert Jahre lassen, damit sie reif werde und erreiche, was sie jetzt endlich vermag -- Ich will hundert Jahre für den neuen Menschen! Helene, hier geht es um zu große Dinge. Wir können es nicht lassen.

HELENE Harry, ehe es zu spät wird -- schließ, schließ die Fabrik!

DOMIN Jetzt beginnen wir im großen.

_FABRY tritt ein._

DR. GALL Also was gibt's, Fabry?

DOMIN Wie schaut's aus, Menschenskind? Was war los?

HELENE _reicht Fabry die Hand_ Ich danke Ihnen, Fabry, für Ihr Geschenk.

FABRY Eine Kleinigkeit, Frau Helene.

DOMIN Waren Sie beim Schiff? Was haben sie gesagt?

DR. GALL Flott, erzählen Sie!

FABRY _zieht ein bedrucktes Blatt aus der Tasche_ Lesen Sie das durch, Domin.

DOMIN _öffnet das Blatt_ Ah!

HALLEMEIER _schläfrig_ Erzählen Sie etwas Hübsches.

FABRY Nun, es ist alles in Ordnung ... verhältnismäßig. Alles in allem so, wie es sich erwarten ließ.

DR. GALL Sie haben sich prachtvoll gehalten, nicht wahr?

FABRY Wer denn?

DR. GALL Die Menschen.

FABRY Ah so. Allerdings. Das heißt ... Pardon, wir sollten uns über etwas beraten.

HELENE Oh, Fabry, Sie haben schlimme Nachrichten?

FABRY Nein, nein, im Gegenteil. Ich meine nur, daß -- daß wir in die Kanzlei gehen werden --

HELENE Bleiben Sie nur. In einer Viertelstunde erwarte ich die Herren zum Frühstück.

HALLEMEIER Also hurra!

_HELENE ab._

DR. GALL Was ist geschehen?

DOMIN Verflucht!

FABRY Lesen Sie dies laut vor.

DOMIN _liest aus dem Blatt_ »Roboter der Welt!«

FABRY Verstehen Sie, dieser Flugblätter hat die »Amelie« ganze Ballen gebracht. Keine andere Post.

HALLEMEIER _springt auf_ Wie denn? Sie ist ja auf ein Haar nach dem --

FABRY Hm, die Roboter halten auf Pünktlichkeit. Lesen Sie, Domin.

DOMIN _liest_ »Roboter der Welt! Wir, die erste Rassenorganisation von Werstands Universal Robotern, erklären den Menschen zum Feind und Geächteten im Weltall.« -- Wetter, wer hat sie diese Phrasen gelehrt?

DR. GALL Lesen Sie weiter.

DOMIN Das ist Unsinn. Da führen sie aus, sie seien entwicklungsmäßig höher als der Mensch. Sie seien intelligenter und stärker. Der Mensch sei ihr Parasit. Das ist einfach widerlich!

FABRY Und nun den dritten Absatz.

DOMIN _liest_ »Roboter der Welt, wir befehlen euch, die Menschen auszurotten. Schonet weder Männer noch Frauen. Erhaltet Fabriken, Bahnen, Maschinen, Bergwerke und Rohstoffe. Alles andere vernichtet! Dann kehret zur Arbeit zurück. Die Arbeit darf nicht stocken.«

DR. GALL Das ist schauderhaft!

HALLEMEIER Die Lumpen!

DOMIN _liest_ »Sofort nach Erhalt des Befehles zu vollstrecken.« Folgen detaillierte Instruktionen. Fabry, und das geschieht wirklich?

FABRY Offenbar.

ALQUIST Es ist vollbracht.

_BUSMAN stürzt herein._

BUSMAN Aha, Kinder, habt ihr schon die Bescherung?

DOMIN Schnell, auf den »Ultimus«!

BUSMAN Warten Sie, Harry. Warten Sie ein Weilchen. Das hat durchaus keine Eile. _Fällt in einen Lehnstuhl._ Ach, Leutchen, bin ich gelaufen!

DOMIN Weshalb warten?

BUSMAN Weil es nicht geht, mein Lieber. Nur nicht eilen. Auf dem »Ultimus« sind schon die Roboter.

DR. GALL Pfui, das ist garstig.

DOMIN Fabry, telephonieren Sie ins Elektrizitätswerk --

BUSMAN Fabry, Teuerster, tun Sie das nicht. Wir sind ohne Strom.

DOMIN Gut. _Prüft seinen Revolver._ Ich gehe hin.

BUSMAN Wohin?

DOMIN Ins Elektrizitätswerk. Dort sind Menschen. Ich führe sie hierher.

BUSMAN Wissen Sie was, Harry? Holen Sie sie lieber nicht.

DOMIN Warum?

BUSMAN I nun, weil es mir gar sehr scheint, daß wir umzingelt sind.

DR. GALL Umzingelt? _Läuft zum Fenster._ Hm, Sie haben beinah recht.

HALLEMEIER Teufel, das geht schnell!

_Von links HELENE._

HELENE Oh, Harry, geht etwas vor?

BUSMAN _springt auf_ Ergebenster, Frau Helene. Ich gratuliere. Ein Festtag, was? Haha, noch viele dieser Art!

HELENE Ich danke Ihnen, Busman. Harry, geht etwas vor?

DOMIN Nein, absolut nichts. Sei unbesorgt. Bitte, warte einen Augenblick.

HELENE Harry, was ist das? _Zeigt den Roboteraufruf, den sie hinter ihrem Rücken versteckt gehalten._ Die Roboter in der Küche hatten es bei sich.

DOMIN Bereits auch dort? Wo sind sie?

HELENE Fortgegangen. Es sind ihrer ~so viele~ um das Haus herum!

_Fabrikspfeifen und Sirenen._

FABRY Die Fabriken pfeifen.

BUSMAN Gesegneter Mittag.

HELENE Harry, erinnerst du dich? Jetzt ist es genau zehn Jahre --

DOMIN _blickt auf die Uhr_ Es ist noch nicht Mittag. Das ist wohl -- das ist eher -- --

HELENE Was?

DOMIN Roboter-Alarm. Sturm.

VORHANG

ZWEITER AUFZUG

_Derselbe Salon Helenens. Im Zimmer links spielt HELENE Klavier. DOMIN spaziert im Zimmer herum. DR. GALL schaut aus dem Fenster und ALQUIST sitzt abseits in einem Fauteuil, die Hände vor dem Gesicht._

DR. GALL Himmel, die haben sich vermehrt!

DOMIN Die Roboter?

DR. GALL Ja. Sie stehen vor dem Gartengitter wie eine Mauer. Weshalb sind sie so still? Das ist ekelhaft, mit Schweigen zu belagern.

DOMIN Gern wüßte ich, worauf sie warten. Es muß jede Minute beginnen, Gall. Wenn sie sich gegen das Gitter stemmen, so zerbirst es wie aus Streichhölzchen.

DR. GALL Hm, sie sind nicht bewaffnet.

DOMIN Keine fünf Minuten werden wir uns erwehren. Mensch, das wird uns zuschütten wie eine Lawine. Warum greifen sie nicht an? Hören Sie --

DR. GALL Nun?

DOMIN Gern wüßte ich, was in fünf Minuten aus uns wird. Sie haben uns vollkommen in der Hand. Wir haben verspielt, Gall.

ALQUIST Was spielt Frau Helene da?

DOMIN Ich weiß nicht. Sie übt etwas Neues.

ALQUIST Ah, sie übt noch?

_Pause._

DR. GALL Hören Sie, Domin, wir haben entschieden einen Fehler begangen.

DOMIN _bleibt stehen_ Welchen?

DR. GALL Wir haben den Robotern allzu gleichartige Gesichter gegeben. Hunderttausend gleiche Gesichter hier hergewendet. Hunderttausend ausdruckslose Blasen. Es ist wie ein schrecklicher Traum.

DOMIN Wenn jeder anders wäre -- --

DR. GALL So wäre es kein so entsetzlicher Anblick. _Wendet sich vom Fenster ab._ Noch gut, daß sie nicht bewaffnet sind!

DOMIN Hm -- _Blickt durchs Fernrohr nach dem Hafen hinaus._ Ich wüßte nur gern, was sie von der »Amelie« abladen.

DR. GALL Wenn es nur keine Waffen sind.

_Aus der Tapetentür tritt rückwärts gehend FABRY und zieht zwei elektrische Drähte hinter sich her._

FABRY Pardon -- Legen Sie den Draht hin, Hallemeier!

HALLEMEIER _tritt hinter Fabry ein_ Uf, das war eine Arbeit! Was gibt's Neues?

DR. GALL Nichts. Wir sind regelrecht belagert.

HALLEMEIER Wir haben den Gang und die Treppe verbarrikadiert, Jungens. Habt ihr nicht ein wenig Wasser? -- Aha, hier. _Trinkt._

DR. GALL Was soll der Draht, Fabry?

FABRY Gleich, gleich. Eine Schere!

DR. GALL Wo finden wir eine? _Sucht._

HALLEMEIER _tritt ans Fenster_ Donnerwetter, die haben sich vermehrt! Sieh da!

DR. GALL Genügt eine Toiletteschere?

FABRY Her damit! _Zerschneidet die Leitung der auf dem Schreibtisch stehenden elektrischen Lampe und schließt seine Drähte an._

HALLEMEIER _beim Fenster_ Sie haben keine schöne Aussicht, Domin. Man spürt irgendwie -- den Tod.

FABRY Fertig!

DR. GALL Was?

FABRY Die Leitung. Jetzt können wir das ganze Gartengitter mit Strom füllen. Wer es ~dann~ anrührt, Donnerwetter! Wenigstens, solange ~dort~ die Unsrigen sind.

DR. GALL Wo?

FABRY Im Elektrizitätswerk, gelehrter Herr. Ich hoffe wenigstens -- _geht zum Kamin und entzündet dort eine kleine Glühbirne_. Gottlob, sie sind dort. Und arbeiten. _Löscht aus._ Solange das leuchtet, ist es gut.

HALLEMEIER _wendet sich vom Fenster ab_ Die Barrikaden sind ~auch~ gut, Fabry.

FABRY Eh, Ihre Barrikaden! Ich hab' mir dabei lauter Schwielen zugezogen.