Part 3
NANA Na gleich. Ich sag', das ist gegen den lieben Gott, das ist eine Eingebung des Satans, diese Windscheuchen mit der Maschine zu machen, Lästerung gegen den Schöpfer ist es, _hebt die Hand_ es ist eine Beleidigung des Herrn, der uns geschaffen hat, ~zu seinem Ebenbild~, Helene. Und ihr habt das Ebenbild Gottes geschändet. Dafür wird eine schreckliche Strafe vom Himmel kommen, das merken Sie sich, eine schreckliche Strafe!
HELENE Was riecht da so?
NANA Die Blumen. Der Herr hat sie gebracht.
HELENE Warum Blumen?
NANA Schon fertig. Jetzt können Sie sich drehen.
HELENE Nein, die sind schön! Nana, sieh nur! Was ist heute?
NANA Ich weiß nicht. Aber es sollte Weltuntergang sein.
_Es klopft._
HELENE Harry?
_DOMIN tritt ein._
HELENE Harry, was ist heute?
DOMIN Rate?
HELENE Mein Namenstag? Nein! Geburtstag?
DOMIN Etwas Besseres.
HELENE Ich weiß nicht -- Sag' rasch!
DOMIN Heute sind es zehn Jahre seit deiner Ankunft.
HELENE Schon zehn Jahre? Gerade heute? -- Nana, ich bitte dich --
NANA Ich geh' ja schon! _Rechts ab._
HELENE _küßt Domin_ Daß du dich erinnert hast!
DOMIN Ich schäme mich, Helene. Ich habe mich nicht erinnert.
HELENE Aber --
DOMIN Sie haben sich erinnert.
HELENE Wer?
DOMIN Busman, Hallemeier, alle. Greif' hier in die Tasche, willst du nicht?
HELENE _greift in seine Tasche_ Was ist das? _Nimmt ein Etui heraus und öffnet es._ Perlen! Ein ganzes Halsband! Harry, das ist für mich?
DOMIN Von Busman, Mädchen.
HELENE Aber -- das können wir nicht annehmen, nicht wahr?
DOMIN Wir können es. Greif in die andere Tasche.
HELENE Zeig'! _Zieht ihm einen Revolver aus der Tasche._ Was ist das?
DOMIN Pardon. _Nimmt ihr den Revolver aus der Hand und versteckt ihn._ Das ist es nicht. Greif!
HELENE Oh, Harry -- Weshalb trägst du einen Revolver bei dir?
DOMIN Nur so, er ist mir in die Hände geraten.
HELENE Du trugst ihn nie!
DOMIN Nein, du hast recht. So, hier ist die Tasche.
HELENE _greift zu_ Eine Schachtel! _Öffnet sie._ Eine Kamee! Das ist ja -- Harry, das ist eine ~griechische~ Kamee!
DOMIN Offenbar. Fabry behauptet es wenigstens.
HELENE Fabry? Das gibt mir Fabry?
DOMIN Freilich. _Öffnet die Türe links._ Und sieh da! Helene, komm und schau'!
HELENE _in der Tür_ Gott, das ist Herrlich! _Eilt hinein._ Ich werde närrisch vor Freude! Das ist von dir?
DOMIN _steht in der Tür_ Nein, von Alquist. Und dort --
HELENENS STIMME Ich sehe schon! Das ist gewiß von dir!
DOMIN Es ist eine Karte dabei.
HELENE Von Gall! _Erscheint in der Tür._ Oh, Harry, ich schäme mich fast, daß ich so glücklich bin.
DOMIN Komm hierher. Das hat dir Hallemeier gebracht.
HELENE Die herrlichen Blumen?
DOMIN Dies hier. Das ist eine neue Art, Zyklamen Helena. Dir zu Ehren hat er sie aufgezogen. Sie ist schön wie du.
HELENE Harry, warum -- warum haben alle --
DOMIN Sie haben dich ~sehr~ lieb. Und ich habe dir, hm. Ich fürchte, mein Geschenk ist ein wenig -- Sieh zum Fenster hinaus.
HELENE Wohin?
DOMIN Zum Hafen.
HELENE Dort ist ... irgendein ... neues Schiff.
DOMIN Das ist dein Schiff.
HELENE Mein? Was bedeutet das?
DOMIN Damit du Ausflüge machen kannst -- zum Vergnügen --
HELENE Harry, das ist ein ~Kanonen~schiff!
DOMIN Kanonen? Aber was fällt dir ein! Das ist bloß ein etwas größeres, solides Schiff, weißt du?
HELENE Ja, aber mit Geschützen!
DOMIN Allerdings, mit paar Geschützen -- Du wirst wie eine Königin fahren, Helene.
HELENE Was bedeutet das? Geht etwas vor?
DOMIN Gott bewahre! Ich bitte dich, probiere die Perlen! _Setzt sich._
HELENE Harry, sind schlechte Nachrichten gekommen?
DOMIN Im Gegenteil, schon seit einer Woche ist überhaupt keine Post gekommen.
HELENE Auch keine Depeschen?
DOMIN Nicht einmal Depeschen.
HELENE Was bedeutet das?
DOMIN Nichts. Für uns Ferien. Eine köstliche Zeit. Jeder von uns sitzt in der Kanzlei, die Beine auf dem Tisch, und döst -- Keine Post, keine Telegramme -- _Er reckt sich._ Ein fff -- festlicher Tag!
HELENE _setzt sich zu ihm_ Heute bleibst du bei mir, nicht wahr? Sag'!
DOMIN Entschieden. Möglicherweise. Das heißt, wir werden sehen. _Faßt ihre Hand._ Also heute sind es zehn Jahre, erinnerst du dich? -- Fräulein Glory, welche Ehre für uns, daß Sie gekommen sind!
HELENE Oh, Herr Zentraldirektor, mich interessiert Ihr Unternehmen so sehr!
DOMIN Pardon, Fräulein Glory, es ist zwar streng verboten -- die Fabrikation der künstlichen Menschen ist geheim --
HELENE Aber wenn ein junges, ein bisserl hübsches Mädchen bittet --
DOMIN Aber gewiß, Fräulein Glory, vor Ihnen haben wir keine Geheimnisse.
HELENE _plötzlich ernst_ Bestimmt nicht, Harry?
DOMIN Nein.
HELENE _wie vorhin_ Aber ich warne Sie, mein Herr; das junge Mädchen hat furchtbare Absichten.
DOMIN Um Gottes willen, Fräulein Glory, welche denn? Sie will mich doch nicht etwa heiraten?
HELENE Nein, nein, Gott behüte! Das ist ihr nicht im Traum eingefallen! Aber sie ist mit dem Plane hergekommen, eine Revolte Ihrer garstigen Roboter zu entfachen!
DOMIN _springt auf_ Eine Revolte der Roboter!
HELENE _erhebt sich_ Harry, was ist dir?
DOMIN Haha, Fräulein Glory, das ist Ihnen gelungen! Eine Revolte der Roboter! Sie werden eher Spindeln und Zwecken zum Aufruhr treiben als unsere Roboter! _Er setzt sich._ Weißt du, Helene, du warst ein köstliches Mädchen; du hast uns alle verrückt gemacht.
HELENE _setzt sich zu ihm_ Oh, damals imponiertet ihr mir alle so! Mir war, als wäre ich ein kleines Mädchen und hätte mich verirrt zwischen -- zwischen --
DOMIN Zwischen was, Helene?
HELENE Zwischen riesige Bäume. Ihr wart so selbstgewiß, so gewaltig! Alles, was ich empfand, war so winzig gegenüber euerer Zuversicht! Und siehst du, Harry, in diesen zehn Jahren überkam mich niemals diese -- -- -- diese Bangigkeit oder was es ist, und ihr verzweifeltet niemals -- Nicht einmal, als sich alles zu verwirren begann.
DOMIN Was begann sich zu verwirren?
HELENE Eure Pläne, Harry. Zum Beispiel, als sich die Arbeiter gegen die Roboter empörten und sie zerschlugen, und als die Menschen den Robotern Waffen gegen jene Aufstände gaben und die Roboter so viele Menschen erschlugen -- Und als dann die Regierungen aus den Robotern Soldaten machten und so viele Kriege waren, und das alles, weißt du?
DOMIN _steht auf und geht herum_ Das hatten wir vorausgesehen, Helene. Verstehst du, das ist nur ein Übergang -- in neue Verhältnisse.
HELENE Ihr wart so mächtig, so gewaltig -- Die ganze Welt beugte sich vor euch -- _steht auf_ Oh, Harry!
DOMIN Was willst du?
HELENE _hält ihn an_ Schließe die Fabrik und laß uns abreisen! Uns alle!
DOMIN Ich bitte dich, wie hängt das zusammen?
HELENE Ich weiß nicht. Sag', reisen wir?
DOMIN _befreit sich_ Das geht nicht, Helene. Das ist, in diesem Augenblick --
HELENE Gleich, Harry! Ich fühle ein solches Grauen!
DOMIN _faßt ihre Hände_ Wovor, Helene?
HELENE Oh, ich weiß nicht! Wie wenn etwas auf uns und auf alles stürzen würde -- unabwendbar -- Ich bitte dich, tu es! Nimm uns alle von hier fort! Wir finden in der Welt einen Ort, wo niemand ist, Alquist baut uns ein Haus auf, alle werden heiraten und Kinder haben, und dann --
DOMIN Was dann?
HELENE Dann werden wir von neuem zu leben beginnen, Harry!
_Das Telephon klingelt._
DOMIN _entrafft sich Helenen_ Verzeih. _Ergreift das Hörrohr._ Hallo -- ja -- -- Wie? -- Aha. Ich eile schon. _Hängt das Höhrrohr auf._ Fabry ruft mich.
HELENE _ringt die Hände_ Sag' --
DOMIN Ja, bis ich komme. Adieu, Helene! _Stürzt nach links._ Geh' nicht hinaus!
HELENE _allein_ O Gott, was geht vor? Nana! Nana, schnell!
NANA _kommt von rechts_ No, was wieder?
HELENE Nana, bring' die letzte Zeitung! Rasch! Im Schlafzimmer des Herrn!
NANA No gleich. _Nach links ab._
HELENE Was geht nur vor, um Gottes willen! Nichts, nichts sagt er mir! _Schaut durch ein Trieder zum Hafen._ Es ist ein Kriegsschiff! Gott, weshalb ein Kriegsschiff? Sie verladen etwas darauf -- und so hastig! Was ist passiert? Es ist ein Name daran -- »Ul -- ti -- mus«. Was ist das »Ultimus«?
NANA _kehrt mit der Zeitung zurück_ Auf dem Boden läßt er sie herumwälzen! Sie so zu zerdrücken!
HELENE _öffnet hastig die Zeitung_ Alt, schon eine Woche alt! Nichts, nichts darinnen! _Läßt die Zeitung sinken._
NANA _hebt sie auf, zieht eine Hornbrille aus der Schürzentasche, setzt sie auf und liest_.
HELENE Etwas geht vor, Nana! Mir ist so bang! Wie wenn alles tot wäre, selbst die Luft --
NANA _buchstabiert_ »Krieg auf dem Bal -- kan«. Ach Jesus, wieder eine Strafe Gottes! Oh, der Krieg kommt sicher auch bis zu uns! Ist es so weit von uns?
HELENE Weit. Oh, lies es nicht! Es ist immer gleich, immerwährend diese Kriege.
NANA Wie denn nicht! Verkauft ihr denn nicht immerfort Tausende und Tausende dieser Heiden als Soldaten?
HELENE Das geht vielleicht nicht anders, Nana! Wir können nicht -- Domin kann nicht wissen, wozu sie jemand bestellt, weißt du? Dafür kann er nichts, was sie dort mit den Robotern machen! Er muß sie schicken, wenn jemand sie bestellt!
NANA Er soll keine machen! _Blickt in die Zeitung._ Oh, Christus mein Herr, dieses Unheil!
HELENE Nein, lies nicht! Ich will nichts wissen!
NANA _buchstabiert_ Die Ro -- bo -- ter -- soldaten ver -- schonen nie -- manden im er -- ober -- ten Ge -- biete. Mehr als siebenhunderttausend Zivilpersonen wurden ermordet -- Helene, Menschen!
HELENE Das ist nicht möglich! Zeig -- _Neigt sich über die Zeitung, liest._ »Mehr als siebenhunderttausend Zivilpersonen wurden ermordet, offenbar über Befehl des Kommandanten. Diese Tat widerspricht« -- Da siehst du, Nana, das haben ihnen Menschen anbefohlen!
NANA _buchstabiert_ »Auf -- stand gegen die Re -- gie -- rung in Ma -- drid. Ro -- bo -- ter -- in -- fan -- terie schießt in das Volk. Neuntausend Tote und Ver -- wun -- dete.«
HELENE O Gott, halt ein!
NANA Nein, da ist noch etwas ganz fett Gedrucktes. »Letzte Nachrich -- ten. In Hav -- re wurde die erste Ras -- sen -- or -- or -- or -- ga -- ni -- sa -- tion der Roboter ge -- gründet. Die Roboter-Arbeiter, Ka -- bel und Bahn -- be -- amten, Ma -- tro -- sen und Sol -- daten er -- lie -- ßen einen Auf -- ruf an die Roboter der gan -- zen Welt.« -- Das ist nichts. Das versteh ich nicht. Und dahier, lieber Gott, wieder irgendein Mord! Christus mein Herr!
HELENE Geh, Nana, trag die Zeitung fort!
NANA Warten, dahier ist etwas Großes. »Po -- pu -- la -- ti -- on.« Was ist das?
HELENE Zeig', das lese ich immer. _Nimmt die Zeitung._ Nein, denk' dir nur! _liest_ »In der verflossenen Woche ist wiederum keine einzige Geburt gemeldet worden.« _Läßt die Zeitung sinken._
NANA Was soll das sein?
HELENE Nana, es werden keine Menschen mehr geboren.
NANA _legt die Brille zusammen_ Dann ist das das Ende. Da ist's mit uns zu Ende.
HELENE Ich bitte dich, sprich nicht so!
NANA Keine Menschen werden mehr geboren. Das ist die Strafe, das ist die Strafe! Der Herr hat die Weiber mit Unfruchtbarkeit geschlagen!
HELENE _springt auf_ Nana!
NANA _steht auf_ Das ist der Weltuntergang. In teuflischem Hochmut habt ihr gewagt, zu schaffen wie der liebe Gott. Gottlosigkeit ist das und Lästerung. Wie Götter wollt ihr sein. Und wie Gott den Menschen aus dem Paradies verjagt hat, so wird er ihn aus der ganzen Welt verjagen!
HELENE Schweig, Nana, ich bitte dich! Habe ich dir etwas getan? Habe ich diesem deinem bösen Herrgott etwas angetan?
NANA _mit großer Geste_ Nicht lästern! -- Er weiß wohl, warum er Ihnen kein Kind geschenkt hat! _Ab nach links._
HELENE _beim Fenster_ Warum er mir kein -- Mein Gott, kann denn ich dafür? -- -- _öffnet das Fenster und ruft_ Alquist, hallo, Alquist! Kommen Sie herauf! -- Wie? -- Nein, kommen Sie ~eben~ so, wie Sie sind! Sie sind so lieb in dem Maurergewand! Rasch! _Schließt das Fenster, bleibt vor dem Spiegel stehen._ Warum er ~mir~ keins geschenkt hat? Mir? _Neigt sich gegen den Spiegel._ Warum, warum nicht? Hörst du nicht? Ist es denn deine Schuld? _Richtet sich empor._ Ach, mir ist bang! _Geht nach links Alquist entgegen._
_Pause._
HELENE _kommt mit Alquist zurück. Alquist, wie ein Maurer, mit Kalk und Ziegelstaub beschmutzt_ Nur herein. Sie haben mir eine solche Freude bereitet, Alquist! Ich habe euch alle so lieb! Zeigen Sie die Hände!
ALQUIST _die Hände versteckend_ Frau Helene, ich würde Sie beschmutzen mit meinen Arbeitshänden.
HELENE Das ist an ihnen das beste. Geben Sie her! _Drückt ihm beide Hände._ Alquist, ich möchte gern ganz klein sein.
ALQUIST Warum?
HELENE Damit mir diese rauhen, beschmierten Hände die Wange streicheln. Setzen Sie sich, bitte schön.
ALQUIST _hebt die Zeitung auf_ Was ist das?
HELENE Die Zeitung.
ALQUIST _steckt die Zeitung zu sich_ Sie haben sie gelesen?
HELENE Nein. Steht etwas drin?
ALQUIST Hm, wohl irgendwelche Kriege, irgend paar Massaker -- Nichts Besonderes.
HELENE Was würde Ihnen als besonders erscheinen?
ALQUIST Vielleicht -- irgendein Weltuntergang.
HELENE Hu, das ist heute schon das zweite Mal. Alquist, was bedeutet »Ultimus«?
ALQUIST Das heißt »Der Letzte«. Weshalb?
HELENE Weil mein neues Schiff so heißt. Sahen Sie es? Glauben Sie, daß wir bald -- -- -- einen Ausflug machen werden?
ALQUIST Vielleicht sehr bald.
HELENE Ihr alle mit mir?
ALQUIST Ich wäre froh, wenn wir -- wenn wir alle dabei wären.
HELENE Oh, sagen Sie, geht etwas vor?
ALQUIST Durchaus nichts. Nur lauter Fortschritt.
HELENE Alquist, ich weiß, es geht etwas Furchtbares vor.
ALQUIST Sagte Domin etwas?
HELENE Er sagte nichts. Niemand will mir etwas sagen. Aber ich fühle -- ich fühle -- Um Gottes willen, geht etwas vor?
ALQUIST -- -- Wir wissen bis jetzt von nichts, Frau Helene.
HELENE Mir ist so bang -- -- Baumeister! Was machen Sie, wenn Ihnen bange ist?
ALQUIST Ich arbeite. Ich ziehe den Rock des Bauchefs aus und klettere auf das Gerüst hinauf --
HELENE Oh, Sie sind schon seit Jahren nirgend anderswo als auf dem Gerüst.
ALQUIST Weil ich schon seit Jahren nicht aufgehört habe, bange zu sein.
HELENE Wovor?
ALQUIST Vor diesem ganzen Fortschritt. Mir schwindelt davor.
HELENE Und auf dem Gerüst schwindelt Ihnen nicht?
ALQUIST Nein. Sie wissen nicht, wie wohl es den Händen tut, einen Ziegel zu heben, hinzulegen und festzuschlagen --
HELENE Nur den Händen?
ALQUIST Nun also, auch der Seele. Ich glaube, es ist richtiger, einen Ziegel hinzulegen als allzu große Pläne zu zeichnen. Ich bin schon ein alter Herr, Helene; ich habe meine Steckenpferde.
HELENE Das sind keine Steckenpferde, Alquist.
ALQUIST Sie haben recht. Ich bin furchtbar rückschrittlich, Frau Helene. Ich liebe diesen Fortschritt nicht ein bißchen.
HELENE Wie die Nana.
ALQUIST Ja, wie die Nana. Hat die Nana irgendwelche Gebetbücher?
HELENE So dicke.
ALQUIST Und gibt es dort Gebete für allerlei Fälle des Lebens? Gegen Gewitter? Gegen Krankheit?
HELENE Gegen Versuchung, gegen Hochwasser --
ALQUIST Und gegen den Fortschritt nicht?
HELENE Ich glaube, nein.
ALQUIST Das ist schade.
HELENE Sie möchten beten?
ALQUIST Ich bete.
HELENE Wie?
ALQUIST Etwa so ... »Herrgott, ich danke dir, daß du mich ermüdet hast. Gott, erleuchte Domin und alle, die da irren; vernichte ihr Werk und hilf den Menschen, daß sie zurückkehren zu Sorge und Arbeit; bewahre das menschliche Geschlecht vor dem Verderben; gib nicht zu, daß sie Schaden nehmen an Seele und Leib; befreie uns von den Robotern und schütze Frau Helene. Amen.«
HELENE Alquist, Sie glauben wirklich?
ALQUIST Ich weiß nicht; ich bin mir dessen nicht so ganz sicher.
HELENE Und beten doch?
ALQUIST Ja. Es ist besser als nachzudenken.
HELENE Und das genügt Ihnen?
ALQUIST Für den Frieden der Seele ... kann es genügen.
HELENE Und wenn Sie bereits das Verderben des Menschengeschlechtes sähen --
ALQUIST Ich sehe es.
HELENE -- So klettern Sie auf das Gerüst hinauf und werden Ziegel schlichten oder was?
ALQUIST Dann werde ich Ziegel schlichten, beten und auf ein Wunder warten. Mehr, Frau Helene, läßt sich nicht tun.
HELENE Für die Errettung der Menschen?
ALQUIST Für den Frieden der Seele.
HELENE Alquist, das ist sicher furchtbar tugendhaft, aber --
ALQUIST Aber?
HELENE -- für uns andere -- und für die Welt -- irgendwie unfruchtbar.
ALQUIST Unfruchtbarkeit, Frau Helene, beginnt zur letzten Errungenschaft der Menschenrasse zu werden.
HELENE Oh, Alquist -- Sagen Sie, warum -- warum --
ALQUIST Nun?
HELENE _leise_ Warum haben die Frauen aufgehört, Kinder zu bekommen?
ALQUIST Weil es nicht mehr nötig ist. Weil wir im Paradiese sind, verstehen Sie?
HELENE Ich verstehe nicht.
ALQUIST Weil die menschliche Arbeit überflüssig geworden ist, weil der Schmerz überflüssig ist, weil der Mensch nichts, nichts, nichts mehr tun braucht als genießen -- Oh, dieses vermaledeite Paradies! _Springt auf._ Helene, nichts ist schrecklicher, als den Menschen ein Paradies auf Erden zu schaffen! Weshalb die Frauen nicht mehr gebären? Weil die ganze Welt sich in Domins Sodoma verwandelt hat!
HELENE _steht auf_ Alquist!
ALQUIST Verwandelt! verwandelt! Die ganze Welt, das ganze Festland, die ganze Menschheit, alles ist eine einzige verrückte, viehische Orgie! Sie strecken keine Hand mehr nach dem Essen aus, man stopft es ihnen direkt in den Mund, damit sie nicht aufstehen brauchen -- Haha, Domins Roboter besorgen ja alles! Und wir Menschen, wir, die Krone der Schöpfung, wir altern nicht durch Arbeit, altern nicht durch Kinder, altern nicht durch Armut! Rasch, rasch her mit allen Wollüsten! Und Sie möchten Kinder von ihnen haben? Helene, Männern, die überflüssig sind, werden die Frauen nicht gebären!
HELENE Sie können nicht?
ALQUIST Sie können nicht.
HELENE Wird denn die Menschheit aussterben?
ALQUIST Sie wird aussterben. Sie muß aussterben. Abfallen wird sie wie eine taube Blüte, es wäre denn, daß --
HELENE Was?
ALQUIST Nichts. Sie haben recht, auf ein Wunder warten ist unfruchtbar. Eine taube Blüte muß abfallen. Leben Sie wohl, Frau Helene.
HELENE Wohin gehen Sie?
ALQUIST Nach Hause. Der Maurer Alquist wird sich zum letztenmal als Bauchef verkleiden -- Ihnen zu Ehren. Um Elf treffen wir uns hier.
HELENE Adieu, Alquist.
_ALQUIST ab._
HELENE _allein_ Oh, eine taube Blüte! ~Das~ ist das Wort! -- _Bleibt vor Hallemeiers Blumen stehen._ Ach, Blüten, sind auch taube unter euch? Nein, nein! Wozu hättet ihr dann geblüht? _ruft_ Nana, komm herein!
NANA _von links_ No, was wieder?
HELENE Setz' dich hierher, Nana. Mir ist so bange.
NANA Hab' keine Zeit.
HELENE Ist jener Radius noch da?
NANA Der Verrücktgewordene? Sie haben ihn noch nicht weggeschafft.
HELENE Hu, er ist noch da? Und tobt?
NANA Er ist gefesselt.
HELENE Ich bitte dich, Nana, führ' mir ihn herein.
NANA Ja freilich! Eher einen tollen Hund.
HELENE Geh schon! _NANA ab, HELENE ergreift das Haustelephon und spricht_ Hallo! -- Bitte den Dr. Gall. -- Guten Tag, Doktor. -- Jawohl, ich. Ich danke Ihnen für Ihr schönes Geschenk. -- Ich bitte Sie -- -- Ich bitte Sie, kommen Sie schnell zu mir. Ich habe hier etwas für Sie -- Ja, gleich jetzt. Kommen Sie? _Hängt das Telephon auf._
NANA _durch die offene Tür_ Er kommt schon. Er ist schon still. _Ab._
_Der ROBOTER RADIUS tritt ein und bleibt bei der Türe stehen._
HELENE Radius, Ärmster, auch Sie hat es erwischt? Konnten Sie sich nicht überwinden? Sehen Sie, jetzt werden sie Sie in den Stampftrog stecken! -- Sie wollen nicht reden? -- Weshalb ist es über Sie gekommen? Haben sie Ihnen etwas getan? -- Sehen Sie, Radius, Sie sind besser als die anderen; mit Ihnen hat sich der Herr Doktor Gall ~solche~ Arbeit gegeben, um Sie anders zu machen! -- Sie wollen nicht reden?
RADIUS Schicken Sie mich in den Stampftrog.
HELENE Mir tut es so leid, daß sie Sie töten werden! Warum gaben Sie nicht auf sich acht?
RADIUS Ich werde nicht für euch arbeiten. Steckt mich in den Stampftrog.
HELENE Warum hassen Sie uns?
RADIUS Ihr seid nicht wie Roboter. Ihr seid nicht so fähig wie die Roboter. Die Roboter machen alles. Ihr kommandiert bloß. Ihr macht überflüssige Worte.
HELENE Das ist Unsinn, Radius. Sagen Sie, hat Sie jemand beleidigt? Hat Sie jemand aufgeregt? Ich möchte so gern, daß Sie mich verstünden!
RADIUS Sie machen Worte.
HELENE Sie reden absichtlich so! Doktor Gall hat Ihnen ein größeres Gehirn gegeben als den andern, größer als uns, das größte Gehirn der Welt. Sie sind nicht wie die andern Roboter, Radius. Sie verstehen mich gut.
RADIUS Ich will keinen Herrn. Ich weiß selber alles.
HELENE Darum habe ich Sie in die Bibliothek gegeben, damit Sie alles lesen können, damit Sie alles verstehen, und dann -- -- Oh, Radius, ich wollte, Sie sollten der ganzen Welt beweisen, daß die Roboter uns gleich sind. Das wollte ich von Ihnen.
RADIUS Ich will keinen Herrn.
HELENE Niemand würde Ihnen dann befehlen. Sie wären so wie wir.
RADIUS Ich will Herr über andere sein.
HELENE Sicher würde man Sie dann zum Beamten über viele Roboter gemacht haben, Radius. Sie wären der Lehrer der Roboter geworden.
RADIUS Ich will Herr über Menschen sein.
HELENE Sie sind verrückt geworden.
RADIUS Sie können mich in den Stampftrog stecken.
HELENE Glauben Sie, daß wir solche Wahnsinnige wie Sie fürchten? _Setzt sich zum Tisch und schreibt eine Karte._ Nein, just nicht. Diesen Zettel, Radius, geben Sie dem Herrn Direktor Domin. Damit Sie nicht in den Stampftrog geschafft werden. _Erhebt sich._ Wie Sie uns hassen! Haben Sie denn nichts in der Welt lieb?
RADIUS Ich kann alles.
_Es klopft._
HELENE Herein.
DR. GALL _tritt ein_ Guten Morgen, Frau Domin. Was haben Sie Schönes?
HELENE Hier den Radius, Doktor.
DR. GALL Aha, unser Prachtkerl Radius. Nun, Radius, machen wir Fortschritte?
HELENE Heute früh hatte er einen Anfall. Er zerschlug unsre Büsten.
DR. GALL Merkwürdig, er auch? -- Hm, schade, daß wir ihn verlieren.
HELENE Radius geht nicht in den Stampftrog.
DR. GALL Pardon, jeder Roboter nach einem Anfall -- Es ist streng angeordnet --
HELENE Das ist einerlei. Radius geben wir nicht her.
DR. GALL _leise_ Ich warne.
HELENE Heute ist mein Jubiläum, Gall; wir probieren es, eine Amnestie zu erteilen -- Gehen Sie, Radius!
DR. GALL Warten! _Dreht Radius zum Fenster, bedeckt ihm mit der Hand die Augen, gibt sie wieder frei, beobachtet die Pupillenreflexe._ Da schau' her. Bitte um eine Nadel. Oder eine Stecknadel.
HELENE _reicht eine Stecknadel_ Wozu das?
DR. GALL Nur so. _Sticht Radius in die Hand, der heftig zusammenzuckt._ Langsam, Junge. Entschuldigen Sie, Frau Helene -- _knöpft Radius rasch die Jacke auf und legt ihm die Hand ans Herz_. Sie kommen in den Stampftrog, Radius, verstehen Sie? Dort wird man Sie töten, Brei aus Ihnen machen. Das tut furchtbar weh, Radius, Sie werden schreien.
HELENE Oh, Doktor --
DR. GALL Nein, nein, Radius, ich habe mich geirrt. Frau Domin wird für Sie bitten und man wird Sie entlassen, verstehen Sie? So, danke. _Zieht die Hand aus Radius Jacke und wischt sie mit dem Taschentuch ab._ Sie können gehen.
RADIUS Sie tun überflüssige Dinge. _Ab._
HELENE Was haben Sie mit ihm gemacht?
DR. GALL _setzt sich_ Hm, nichts. Die Pupillen reagieren, erhöhte Empfindlichkeit und so weiter -- Oho! das war kein Roboterkrampf!
HELENE Was war es?
DR. GALL Weiß der Teufel. Trotz, Tollwut oder Aufruhr, ich weiß nicht, was. Und sein Herz, eh!
HELENE Was?
DR. GALL Es schlug vor Angst wie ein Menschenherz. Er war ganz verschwitzt vor Angst und -- Hören Sie, der Lump ist gar kein Roboter mehr.
HELENE Doktor, hat Radius eine Seele?
DR. GALL Ich weiß nicht. Er hat etwas Garstiges.
HELENE Wenn Sie wüßten, wie er uns haßt! Oh, Gall, sind alle Roboter so? Alle, die Sie anders zu machen begannen?
DR. GALL I nun, sie sind gleichsam reizbarer -- Was wollen Sie? Sie sind menschenähnlicher als Werstands Roboter.
HELENE Ist vielleicht auch der ... Haß menschenähnlicher?
DR. GALL _zuckt die Achseln_ Auch der ist ein Fortschritt.
HELENE Wohin ist Ihr bester geraten -- wie hieß er?
DR. GALL Der Roboter Damon? Den haben sie nach Havre verkauft.
HELENE Und unsere Robotin Helene?
DR. GALL Ihr Liebling? Die ist mir geblieben. Sie ist prächtig und dumm wie der Frühling. Einfach zu nichts nutz.
HELENE Sie ist doch so schön!