Part 2
DOMIN So viel wie bei den Menschen die »Schule«. Sie lernen sprechen, schreiben und rechnen. Sie haben nämlich ein erstaunliches Gedächtnis. Wenn Sie ihnen aus einem zwanzigbändigen Lexikon vorlesen, so werden sie Ihnen alles in der richtigen Reihenfolge wiederholen. Etwas Neues fällt ihnen niemals ein. Sie könnten ganz gut an den Universitäten unterrichten. Dann werden sie klassifiziert und verschickt. Täglich 15000 Stück, ausschließlich des ständigen Prozentsatzes von Fehlerhaften, die in den Stampftrog geworfen werden ... und so weiter, und so weiter.
HELENE Zürnen Sie mir?
DOMIN Aber, Gott bewahre! Ich meine nur, wir ... wir hätten von anderen Dingen reden können. Wir sind hier nur ein Häuflein unter hunderttausenden Robotern, und kein Weib. Wir reden nur von der Fabrikation, den ganzen Tag, jeden Tag. Wir sind wie verdammt, Fräulein Glory.
HELENE Es tut mir so leid, daß ich sagte, Sie -- Sie -- Sie hätten gelogen --
_Es pocht._
DOMIN Hereinspaziert, Jungens.
_Von links kommen Ing. FABRY, DR. GALL, DR. HALLEMEIER, Baumeister ALQUIST._
DR. GALL Pardon, stören wir nicht?
DOMIN Tretet näher. Fräulein Glory, das sind Alquist, Fabry, Gall, Hallemeier. Die Tochter des Präsidenten Glory.
HELENE _verlegen_ Guten Tag.
FABRY Wir hatten keine Ahnung --
DR. GALL Unendlich geehrt --
ALQUIST Seien Sie willkommen, Fräulein Glory.
_Von rechts stürzt BUSMAN herein._
BUSMAN Hallo, was gibt's hier?
DOMIN Hierher, Busman. Das ist unser Busman, Fräulein. Die Tochter des Präsidenten Glory.
HELENE Es freut mich.
BUSMAN Jemine, welche Ehre! Fräulein Glory, dürfen wir den Zeitungen kabeln, daß Sie die Güte hatten, uns aufzusuchen --?
HELENE Nein, nein, ich bitte Sie!
DOMIN Bitte, Fräulein, nehmen Sie Platz.
BUSMAN } { Belieben -- DR. GALL } _rücken Fauteuils heran_ { Bitte -- FABRY } { Pardon --
ALQUIST Fräulein Glory, wie war Ihre Reise?
DR. GALL Werden Sie sich länger bei uns aufhalten?
FABRY Was sagen Sie zu der Fabrik, Fräulein Glory?
HALLEMEIER Sie sind auf der Amelie gekommen?
DOMIN Still, laßt Fräulein Glory reden.
HELENE _zu Domin_ Wovon soll ich mit ihnen sprechen?
DOMIN _verwundert_ Wovon Sie mögen.
HELENE Soll ... darf ich ganz offen reden?
DOMIN Aber freilich.
HELENE _zögert, dann verzweifelt entschlossen_ Sagen Sie, ist es Ihnen niemals peinlich, wie man mit Ihnen umgeht?
FABRY Wer, bitte?
HELENE Alle Menschen.
_Alle blicken einander betroffen an._
ALQUIST Mit uns?
DR. GALL Warum meinen Sie?
HALLEMEIER Donnerwetter!
BUSMAN Aber, Gott bewahre, Fräulein Glory!
HELENE Fühlen Sie denn nicht, daß Sie besser existieren könnten?
DR. GALL Es kommt darauf an, Fräulein. Wie meinen Sie das?
HELENE Ich meine, daß -- _bricht los_ daß es scheußlich ist! daß es furchtbar ist! _Erhebt sich._ Ganz Europa redet davon, was hier mit Ihnen geschieht. Deshalb kam ich hierher, um es zu sehen, und es ist tausendmal schlimmer, als man nur denken kann! Wie können Sie das ertragen?
ALQUIST Was ertragen?
HELENE Ihre Lage. Um Gottes willen, Sie sind doch Menschen wie wir, wie ganz Europa, wie die ganze Welt! Das ist skandalös, das ist unwürdig, wie Sie leben!
BUSMAN Herrgott, Fräulein!
FABRY Nein, Jungens, sie hat ein bißchen Recht. Wir leben hier sicher wie Indianer.
HELENE Ärger als Indianer! Darf ich, oh, darf ich Sie Brüder nennen?
BUSMAN Aber, Gottchen, warum denn nicht?
HELENE Brüder, ich kam nicht als die Tochter des Präsidenten. Ich kam im Namen der Humanitätsliga. Brüder, die Humanitätsliga hat bereits über 200000 Mitglieder. 200000 Menschen stehen hinter euch und bieten euch ihre Hilfe an.
BUSMAN 200000 Menschen, Wetter, das ist gehörig, das ist ganz prächtig.
FABRY Ich sage euch immer, es geht nichts über das alte Europa. Ihr seht es, es hat uns nicht vergessen. Es bietet uns Hilfe an.
DR. GALL Was für Hilfe? Ein Theater?
HALLEMEIER Ein Orchester?
HELENE Mehr als das.
ALQUIST Sie selbst?
HELENE Oh, was mich betrifft. Ich bleibe, solange es nötig sein wird.
BUSMAN Herrgott, das ist eine Freude!
ALQUIST Domin, ich gehe ein Zimmer für das Fräulein bereitstellen.
DOMIN Warten Sie einen Moment. Ich fürchte, daß -- daß Fräulein Glory noch nicht ausgeredet hat.
HELENE Nein, noch nicht. Außer Sie schlössen mir mit Gewalt den Mund.
DR. GALL Harry, unterstehen Sie sich!
HELENE Ich danke Ihnen. Ich wußte, Sie werden mich schützen.
DOMIN Pardon, Fräulein Glory. Sind Sie sich dessen sicher, daß Sie mit Robotern reden?
HELENE _stockt_ Mit wem sonst?
DOMIN Es tut mir leid. Diese Herren sind nämlich Menschen wie Sie. Wie ganz Europa.
HELENE _zu den andern_ Sie sind keine Roboter?
BUSMAN _kichert_ Gott bewahre!
HALLEMEIER _würdevoll_ Pfui, Roboter!
DR. GALL _lacht_ Da bedanken wir uns schön!
HELENE Aber ... das ist nicht möglich!
FABRY Bei meiner Ehre, Fräulein, wir sind keine Roboter.
HELENE _zu Domin_ Weshalb sagten Sie mir also, alle Ihre Beamten seien Roboter?
DOMIN Ja, die Beamten. Aber nicht die Direktoren. Gestatten Sie, Fräulein Glory: Ingenieur Fabry, technischer Generaldirektor von Werstands Universal Robots. Doktor Gall, Leiter der physiologischen und Untersuchungsabteilung. Doktor Hallemeier, Leiter der Anstalt für Psychologie und Erziehung der Roboter. Konsul Busman, kommerzieller Generaldirektor, und Baumeister Alquist, Chef der Bauten von Werstands Universal Robots.
HELENE Verzeihen Sie, meine Herren, daß -- daß -- Ist es schrecklich, was ich Ihnen angestellt habe?
ALQUIST Aber, Gott bewahre, Fräulein Glory. Bitte, setzen Sie sich.
HELENE _setzt sich_ Ich bin ein dummes Mädel. Jetzt -- jetzt werden Sie mich mit dem ersten Schiff zurückschicken.
DR. GALL Um nichts auf der Welt, Fräulein. Weshalb sollten wir Sie fortschicken?
HELENE Weil Sie bereits wissen -- weil -- weil ich Ihnen die Roboter aufhetzen würde.
DOMIN Teures Fräulein Glory, hier sind schon hunderte Erlöser und Propheten gewesen. Jedes Schiff bringt irgendeinen her. Missionare, Anarchisten, die Heilsarmee, alles mögliche. Es ist erstaunlich, wieviel Sekten und Narren es auf Erden gibt.
HELENE Und Sie lassen sie zu den Robotern reden?
DOMIN Weshalb nicht? Bis jetzt haben es alle bleiben lassen. Die Roboter merken sich alles, aber nichts mehr. Sie lachen sogar nicht einmal über das, was die Leute sagen. In der Tat, geradezu unglaublich. Falls es Sie unterhält, teures Fräulein, so führe ich Sie in das Robotermagazin. Es sind ihrer dort etwa dreihunderttausend.
BUSMAN Dreihundertsiebenundvierzigtausend.
DOMIN Gut. Sie können ihnen sagen, was Sie wollen. Sie können ihnen die Bibel, Logarithmen oder was Ihnen beliebt, vorlesen. Sie können ihnen schließlich über die Menschenrechte predigen.
HELENE Oh, ich glaube, daß ... wenn man ihnen ein wenig Liebe zeigte --
FABRY Unmöglich, Fräulein Glory. Nichts ist dem Menschen fremder als ein Roboter.
HELENE Weshalb erzeugen Sie sie dann?
BUSMAN Hahaha, das ist gut! Weshalb man Roboter erzeugt!
FABRY Zur Arbeit, Fräulein. Ein Roboter ersetzt zwei und einen halben Arbeiter. Die menschliche Maschine, Fräulein Glory, war ungemein unvollkommen. Sie mußte endlich einmal beseitigt werden.
BUSMAN Sie war zu teuer.
FABRY Sie war wenig leistungsfähig. Der modernen Technik vermochte sie nicht mehr zu genügen. Und zweitens -- zweitens -- ist es ein großer Fortschritt, daß ... Pardon.
HELENE Was?
FABRY Ich bitte um Entschuldigung. Es ist ein großer Fortschritt, mit einer Maschine zu gebären. Es ist bequemer und schneller. Jede Beschleunigung ist ein Fortschritt, Fräulein. Die Natur hatte keine Ahnung von dem modernen Arbeitstempo. Die ganze Kindheit ist technisch genommen ein purer Unsinn. Schlechthin verlorene Zeit. Unerträgliche Zeitverschwendung, Fräulein Glory. Und drittens --
HELENE Oh, hören Sie auf!
FABRY Bitte. Erlauben Sie, was will eigentlich diese Ihre Liga -- Liga -- Humanitätsliga?
HELENE Sie soll hauptsächlich -- hauptsächlich soll sie die Roboter schützen und -- und -- ihnen eine -- gute Behandlung sichern.
FABRY Das ist kein schlechtes Ziel. Eine Maschine soll man gut behandeln. Bei meiner Seele, das lobe ich mir. Ich liebe beschädigte Sachen nicht. Ich bitte Sie, Fräulein Glory, notieren Sie uns alle als beitragende, als ordentliche, als gründende Mitglieder Ihrer Liga!
HELENE Nein, Sie verstehen mich nicht. Wir wollen -- hauptsächlich -- wir wollen die Roboter befreien!
HALLEMEIER Wie, bitte?
HELENE Man soll sie ... wie Menschen behandeln.
HALLEMEIER Aha. Sie sollen vielleicht wählen? Sie sollen Bier trinken? Sollen uns befehlen?
HELENE Weshalb sollten sie nicht wählen können?
HALLEMEIER Und sollen sie vielleicht am Ende nicht auch Löhnung kriegen?
HELENE Allerdings!
HALLEMEIER Da schau' her. Und was würden sie, bitte, damit anfangen?
HELENE Sie würden sich kaufen ... was sie brauchen ... was ihnen Freude bereiten würde.
HALLEMEIER Das ist sehr hübsch, Fräulein; nur daß die Roboter nichts erfreut. Wetter, was sollen sie sich kaufen? Sie können sie mit Ananas, Stroh, womit Sie wollen, füttern; ihnen ist es gleichgültig, sie haben überhaupt keinen Geschmack. Sie interessieren sich für nichts, Fräulein Glory. Zum Teufel, es hat noch niemand gesehen, daß ein Roboter gelacht hätte.
HELENE Warum ... warum -- warum macht ihr sie nicht glücklicher?
HALLEMEIER Das geht nicht, Fräulein Glory. Es sind nur Roboter.
HELENE Oh, sie sind so vernünftig!
HALLEMEIER Verflucht vernünftig, Fräulein, aber sonst nichts. Ohne eigenen Willen. Ohne Leidenschaften. Ohne Tradition. Ohne Seele.
HELENE Ohne Liebe und Trotz?
HALLEMEIER Das versteht sich. Die Roboter lieben nichts, nicht einmal sich selbst. Und Trotz? Ich weiß nicht; nur selten, nur manchmal --
HELENE Was?
HALLEMEIER Eigentlich nichts. Manchmal werden sie irgendwie störrisch. So etwas wie Fallsucht, wissen Sie? Man nennt es den Roboterkrampf. Plötzlich schmeißt einer alles hin, was er in der Hand hält, steht da, knirscht mit den Zähnen -- und muß in den Stampftrog geworfen werden. Offenbar eine Störung des Organismus.
DOMIN Ein Fabrikationsfehler. Das muß beseitigt werden.
HELENE Nein, nein, das ist die Seele.
FABRY Glauben Sie, die Seele beginne mit Zähneknirschen?
HELENE Ich weiß nicht. Vielleicht ist es Auflehnung. Vielleicht ist gerade das ein Zeichen, daß sie ringen -- -- Oh, wenn Sie das in ihnen zu entfachen vermöchten!
DOMIN Das wird beseitigt werden, Fräulein Glory, Doktor Gall stellt eben gewisse Versuche an --
DR. GALL Nicht damit, Domin; jetzt mache ich Nerven für den Schmerz.
HELENE Nerven für den Schmerz?
DR. GALL Ja. Die Roboter spüren körperliche Schmerzen beinahe nicht. Wissen Sie, der selige junge Hirn hat das Nervensystem allzu sehr beschränkt. Das hat sich nicht bewährt. Wir müssen Leiden einführen.
HELENE Warum -- warum -- Wenn ihr ihnen keine Seele gebt, warum wollt ihr ihnen den Schmerz geben?
DR. GALL Aus industriellen Gründen, Fräulein Glory. Der Roboter beschädigt sich manchmal selber, weil es ihn nicht schmerzt; er steckt die Hand in die Maschine, zerbricht sich einen Finger, zerschlägt sich den Kopf, das ist ihm einerlei. Wir müssen ihnen den Schmerz geben; das ist ein automatischer Schutz vor Verletzung.
HELENE Werden sie glücklicher sein, wenn sie Schmerz fühlen werden?
DR. GALL Im Gegenteil; aber sie werden technisch vollkommener sein.
HELENE Warum erschaffen Sie ihnen keine Seele?
DR. GALL Das ist nicht in unserer Macht.
FABRY Das ist nicht in unserem Interesse.
BUSMAN Das würde die Fabrikation verteuern. Du lieber Gott, schöne Dame, wir machen es ja so billig! Hundertzwanzig Dollars das bekleidete Exemplar, und vor fünfzehn Jahren hat es zehntausend gekostet! Vor fünf Jahren kauften wir Kleider für sie; heute haben wir eine eigene Weberei und exportieren noch die Stoffe fünfmal billiger als andere Fabriken. Ich bitte Sie, Fräulein Glory, was zahlen Sie für einen Meter Tuch?
HELENE Ich weiß nicht -- -- wirklich -- -- -- ich hab's vergessen.
BUSMAN O du mein, und dann wollen Sie eine Humanitätsliga gründen! Es kostet nur mehr ein Drittel, Fräulein; alle Preise stehen heute auf einem Drittel und werden immer tiefer, tiefer, tiefer, tiefer sinken bis -- so. He?
HELENE Ich verstehe nicht.
BUSMAN Jemine, Fräulein, das bedeutet, daß die Arbeit im Wert gesunken ist! Denn ein Roboter samt Fütterung kostet pro Stunde dreiviertel Cents! Das ist ein Jux, Fräulein: sämtliche Fabriken platzen wie Eicheln oder kaufen schleunigst Roboter ein, um die Erzeugung zu verbilligen.
HELENE Ja, und werfen die Arbeiter auf die Straße hinaus.
BUSMAN Haha, das versteht sich! Aber wir, du meine Güte, wir haben inzwischen 500000 Tropen-Roboter auf die argentinischen Pampas geworfen, damit sie Weizen anbauen. Seien Sie so gut, was kostet bei Ihnen ein Pfund Brot?
HELENE Ich habe keine Ahnung.
BUSMAN Also sehen Sie; jetzt kostet es zwei Cents, in Ihrem guten alten Europa: aber das ist ~unser~ Brötchen, verstehen Sie? Zwei Cents ein Pfund Brot: und die Humanitätsliga hat davon keine Ahnung! Haha, Fräulein Glory, Sie wissen nicht, was eine allzu teure Schnitte bedeutet. Für die Kultur und so weiter. Aber in fünf Jahren, na, wetten wir!
HELENE Was?
BUSMAN Daß in fünf Jahren alles auf 0·1 stehen wird. Leutchen, in fünf Jahren werden wir in Weizen und allem möglichen ertrinken.
ALQUIST Ja, und sämtliche Arbeiter der Welt werden ohne Arbeit sein.
DOMIN _erhebt sich_ Das werden sie, Alquist. Das werden sie, Fräulein Glory. Aber in zehn Jahren werden Werstands Universal Roboter so viel Weizen, so viele Stoffe, von allem so viel erzeugen, daß die Dinge keinen Wert mehr haben werden. Nun nehme jeder, wieviel er braucht. Es gibt keine Not. Ja, sie werden ohne Arbeit sein. Aber es wird dann überhaupt keine Arbeit mehr geben. Alles werden lebende Maschinen verrichten. Roboter werden uns bekleiden und sättigen. Roboter uns Ziegel herstellen und Häuser bauen. Roboter werden für uns Zahlen schreiben und unsere Stiegen fegen. Keine Arbeit wird es geben. Der Mensch wird nur das tun, was er liebt: Er wird aller Sorgen ledig und von der Erniedrigung der Arbeit befreit sein. Er wird nur leben, um sich zu vervollkommnen.
HELENE _erhebt sich_ Wird es so sein?
DOMIN Es wird. Es kann nicht anders sein. Vorher kommen vielleicht schreckliche Sachen, Fräulein Glory. Das läßt sich einfach nicht verhüten. Aber dann hört der Mensch auf, dem Menschen dienstbar und der Materie versklavt zu sein. Die Mühseligen und Hungernden werden vor vollen Tischen sitzen. Roboter werden des Bettlers Füße waschen und ihm ein Lager bereiten in seinem Hause. Niemand wird mehr sein Brot bezahlen mit Leben und Haß. Du bist nicht mehr Arbeiter, du kein Schreiber mehr; du gräbst nicht mehr Kohle und du stehst nicht an fremder Maschine. Nicht mehr wirst du deine Seele verschwenden an Arbeit, die du verfluchtest.
ALQUIST Domin, Domin! Was Sie da sagen, sieht allzu sehr nach Paradies aus. Domin, es war etwas Gutes am Dienen und etwas Großes in der Unterwerfung. Ach, Harry, es war ich weiß nicht was für eine Tugend in der Arbeit und Ermattung.
DOMIN Vielleicht war es so. Aber wir können nicht mit dem, was verloren geht, rechnen, wenn wir die Welt von Adam an umformen. Adam, Adam! Du wirst nicht mehr dein Brot im Schweiße deines Angesichts essen; wirst nicht mehr Hunger und Durst, Ermüdung und Erniedrigung erfahren; du kehrst in das Paradies zurück, wo des Herrn Hand dich nährte. Du wirst frei und erhaben sein; du wirst keine andere Aufgabe, keine andere Arbeit, keine andere Sorge haben als dich selbst zu vervollkommnen. Du wirst weder der Materie noch dem Menschen dienen. Du wirst keine Maschine und Mittel der Erzeugung sein. Du wirst der Herr der Schöpfung sein.
BUSMAN Amen.
FABRY Also geschehe es.
HELENE Sie haben mich verwirrt. Ich bin ein törichtes Mädchen. Ich möchte -- ich möchte daran glauben.
DR. GALL Sie sind jünger als wir, Fräulein Glory. Sie werden alles erleben.
HALLEMEIER So ist's. Ich denke, Fräulein Glory könnte mit uns frühstücken.
DR. GALL Das versteht sich! Domin, bitten Sie für uns alle.
DOMIN Fräulein Glory, erweisen Sie uns die Ehre.
HELENE Aber das ist doch -- Wie könnte ich?
FABRY Für die Humanitätsliga, Fräulein.
BUSMAN Und ihr zu Ehren.
HELENE Oh, in diesem Falle -- vielleicht --
FABRY Also Heil! Fräulein Glory, entschuldigen Sie für fünf Minuten.
DR. GALL Pardon.
BUSMAN Herrgott, ich muß kabeln --
HALLEMEIER Donnerwetter, und ich vergaß --
_Alle, außer Domin, drängen sich hinaus._
HELENE Warum gehen alle weg?
DOMIN Kochen, Fräulein Glory.
HELENE Was kochen?
DOMIN Das Frühstück, Fräulein Glory. Für uns kochen Roboter und -- und -- da sie keinen Geschmacksinn besitzen, ist es nicht ganz -- Hallemeier kann nämlich vorzüglich braten. Und Gall macht irgendeine Sauce, und Busman kennt sich in der Omelette aus --
HELENE Um Gottes willen, das ist ein Gastmahl! Und was kann der Herr -- Baumeister --
DOMIN Alquist? Nichts. Er deckt nur den Tisch und -- und Fabry treibt etwas Obst auf. Sehr bescheidene Küche, Fräulein Glory.
HELENE Ich wollte Sie fragen --
DOMIN Auch ich möchte Sie nach etwas fragen. _Legt seine Uhr auf den Tisch._ Fünf Minuten Zeit.
HELENE Wonach fragen?
DOMIN Pardon, Sie haben früher gefragt.
HELENE Vielleicht ist es dumm von mir, aber -- warum erzeugen Sie weibliche Roboter, wenn -- wenn --
DOMIN -- wenn bei ihnen, hm, wenn für sie das Geschlecht keine Bedeutung hat?
HELENE Ja.
DOMIN Es herrscht eine gewisse Nachfrage, wissen Sie? Dienstmädchen, Verkäuferinnen, Schreiberinnen -- Die Menschen sind daran gewöhnt.
HELENE Und -- und sagen Sie, sind die Roboter -- und Robotinnen -- wechselseitig -- absolut --
DOMIN Absolut gleichgültig, teures Fräulein. Da ist keine Spur irgendeiner Neigung.
HELENE Oh, das ist -- furchtbar!
DOMIN Warum?
HELENE Es ist -- es ist -- so unnatürlich! Man weiß gar nicht, sollen sie einem deswegen abstoßend, oder -- beneidenswert erscheinen -- oder vielleicht --
DOMIN -- bemitleidenswert.
HELENE Dies am ehesten -- Nein, hören Sie auf! Was wollten Sie fragen?
DOMIN Gern möchte ich fragen, Fräulein Glory, ob Sie mich nehmen möchten.
HELENE Wie nehmen?
DOMIN Zum Mann.
HELENE Nein! Was fällt Ihnen ein?
DOMIN _auf die Uhr blickend_ Noch drei Minuten. Nehmen Sie mich nicht, so müssen Sie einen der anderen Fünf nehmen.
HELENE Aber Gott bewahre! Warum sollte ich ihn nehmen?
DOMIN Weil alle nach der Reihe Sie verlangen werden.
HELENE Wie könnten sie sich unterstehen?
DOMIN Ich bedaure sehr, Fräulein Glory. Es scheint, daß sie sich in Sie verliebt haben.
HELENE Ich bitte Sie, das sollen sie nicht tun! Ich -- ich reise gleich ab!
DOMIN Helene, Sie werden ihnen doch nicht den Kummer bereiten, abzulehnen.
HELENE Aber ich -- ich kann doch nicht -- alle sechs nehmen!
DOMIN Nein, aber wenigstens einen. Wollen Sie mich nicht, so Fabry.
HELENE Ich will nicht!
DOMIN Doktor Gall.
HELENE Nein, nein, schweigen Sie! Ich will keinen!
DOMIN Noch zwei Minuten.
HELENE Das ist schrecklich! Nehmen Sie sich irgendeine Robotin.
DOMIN Das ist kein Weib.
HELENE Oh, nur das fehlt Ihnen! Ich glaube, Sie -- Sie würden jede nehmen, die kommt.
DOMIN Es waren viele hier, Helene.
HELENE Junge?
DOMIN Junge.
HELENE Weshalb nahmen Sie sich keine?
DOMIN Weil ich nicht den Kopf verloren hatte. Erst heute. Gleich als Sie den Schleier abnahmen.
HELENE -- -- Ich weiß.
DOMIN Noch eine Minute.
HELENE Aber ich will nicht, mein Gott!
DOMIN _legt ihr beide Hände auf die Schultern_ Noch eine Minute. Entweder Sie sagen mir etwas schrecklich Böses ins Gesicht, und dann lasse ich Sie. Oder -- oder --
HELENE Sie sind ein Rohling!
DOMIN Das ist nichts. Ein Mann soll ein wenig roh sein. Das gehört zur Sache.
HELENE Sie sind ein Narr!
DOMIN Der Mensch soll ein bißchen närrisch sein, Helene. Das ist an ihm das beste.
HELENE Sie sind -- Sie sind -- ach Gott!
DOMIN Also sehn Sie. Fertig?
HELENE Nein, nein! Ich bitte Sie, lassen Sie! Sie zerdrücken mich ja!
DOMIN Das letzte Wort, Helene.
HELENE _wehrt sich_ Um nichts auf der Welt -- aber Harry!
_Es klopft._
DOMIN _läßt sie los_ Herein!
_Eintreten BUSMAN, DR. GALL und HALLEMEIER in Küchenschürzen. FABRY mit einem Blumenstrauß und ALQUIST mit einem Tischtuch unterm Arm._
DOMIN Schon ausgekocht?
BUSMAN _feierlich_ Jawohl.
DOMIN Wir auch.
VORHANG
ERSTER AUFZUG
_Helenens Salon. Links eine Tapetentür und die Tür zum Musiksalon, rechts die Tür zu Helenens Schlafgemach. In der Mitte Fenster auf Meer und Hafen. Ein Toilettespiegel mit Kleinigkeiten, Tisch, Sofa und Fauteuils, eine Kommode, ein Schreibtisch mit Stehlampe, rechts ein Kamin, gleichfalls mit Stehlampen. Der ganze Salon hat bis ins Detail ein modernes und rein weibliches Gepräge._
_DOMIN. FABRY, HALLEMEIER kommen von links auf den Fußspitzen, Sträuße und Blumentöpfe auf den Armen._
FABRY Wohin geben wir das alles?
HALLEMEIER Uf! _Legt seine Last hin und segnet mit einem großen Kreuze die Tür nach rechts._ Schlaf, schlaf! Wer schläft, weiß wenigstens von nichts.
DOMIN Sie weiß überhaupt nicht.
FABRY _gibt die Sträuße in die Vasen_ Wenigstens heute soll es nicht platzen --
HALLEMEIER _ordnet die Blumen_ Zum Teufel, laßt mich in Ruh damit! Schauen Sie, Harry, das ist eine schöne Zyklame, wie? Eine neue Art, meine letzte -- Zyklamen Helena.
DOMIN _schaut zum Fenster hinaus_ Kein Schiff, kein Schiff -- Jungens, das ist schon zum Verzweifeln.
HALLEMEIER Still! Wenn sie Sie hörte!
DOMIN Sie hat keine Ahnung. _Gähnt fieberhaft._ Noch gut, daß der »Ultimus« rechtzeitig landete.
FABRY _läßt die Blumen_ Glauben Sie, daß schon heute --?
DOMIN Ich weiß nicht. -- Wie schön sind die Blumen!
HALLEMEIER _nähert sich ihm_ Das sind neue Primeln, wissen Sie? Und dies ist mein neuer Jasmin. Wetter, ich bin an der Schwelle des Blumenparadieses. Ich habe eine fabelhafte Beschleunigung gefunden, Menschenskind! Herrliche Varietäten! Künftiges Jahr machen wir Wunder in Blumen!
DOMIN _dreht sich um_ Wie, künftiges Jahr?
FABRY Wenigstens wissen, was in Havre los ist --
DOMIN Still!
HELENENS STIMME _von rechts_ Nana!
DOMIN Fort von hier! _Alle auf den Fußspitzen durch die Tapetentür ab._
_Durch die Haupttür von links tritt NANA ein._
NANA _aufräumend_ Lumpen elendige! Heiden! Gott strafe mich nicht, aber ich möchte sie --
HELENE _rücklings in der Tür_ Nana, komm mich zuknöpfen!
NANA Na gleich, na gleich. Daß Sie schon aus dem Bette raus sind! _Knöpft Helenens Kleid zu._ Herr im Himmel, das ist eine Viechsbande!
HELENE Wer?
NANA Na, so halten Sie doch still. Wenn Sie sich drehen wollen, so drehen Sie sich, aber ich werde Sie nicht zuknöpfen.
HELENE Weshalb brummst du wieder?
NANA Aber s'ist ja ein Entsetzen, was diese Heiden --
HELENE Die Roboter?
NANA Fi, nicht einmal nennen mag ich sie.
HELENE Was ist geschehen?
NANA Es hat wieder einen bei uns gepackt. Fängt an, in die Büsten und Bilder zu dreschen, knirscht mit den Zähnen, Schaum vor dem Mund -- Rein von Sinnen, brr. Das ist ja schlimmer als ein Tier.
HELENE Welchen hat es gepackt?
NANA Den -- den -- Das hat ja eh nicht mal einen christlichen Namen! Den aus der Bibliothek.
HELENE Radius?
NANA Eben den. Jessasmarja Josef, wie mir das zuwider ist! Keine Spinne ist mir so zuwider wie diese Heiden.
HELENE Aber, Nana, daß sie dir nicht leid tun!
NANA Sie ekeln sich auch vor ihnen. Warum haben Sie mich hierher gebracht? Warum darf keiner von ihnen Sie auch nur anrühren?
HELENE Ich ekle mich nicht, meiner Seele, Nana. Mir tun sie so leid!
NANA Sie ekeln sich. Jeder Mensch muß sich vor ihnen ekeln. Es ekelt sich ja selbst der Hund vor ihnen, nicht einmal einen Happen Fleisch mag er von ihnen; er zieht den Schweif ein und fängt an zu heulen, wenn er die Unmenschen spürt, pfui.
HELENE Ein Hund hat keinen Verstand.
NANA Er ist besser als Sie, Helene. Er weiß gut, daß er etwas mehr ist und daß er vom lieben Herrgott ist. Wird doch auch das Pferd scheu, wenn's so einem Heiden begegnet. Das hat ja nicht mal Junge, und selbst der Hund hat Junge und jeder hat Junge --
HELENE Ich bitte dich, Nana, knöpf' zu!