Part 1
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KAREL ČAPEK.
W U R
WERSTANDS UNIVERSAL ROBOTS
UTOPISTISCHES KOLLEKTIVDRAMA IN DREI AUFZÜGEN DEUTSCH VON OTTO PICK
1922
PRAG -- LEIPZIG »ORBIS«, DRUCK-, VERLAGS- UND ZEITUNGS-A.-G.
Das deutsche Aufführungsrecht erteilt der »Drei Masken-Verlag«, Berlin, bezw. die Bühnenvertrlebsgesellschaft »Centrum«, Prag.
Copyright 1921 by »Orbis« Druck-, Verlags- und Zeitungs-A.-G. in Prague.
Alle Rechte, auch das der Übersetzung vorbehalten.
Die Umschlagszeichnung entwarf Josef Čapek.
PERSONEN
HARRY DOMIN _Zentraldirektor von Werstands Universal Robots_ ING. FABRY _technischer Generaldirektor von W. U. R._ DR. GALL _Leiter der physiologischen und Experimentalabteilung von W. U. R._ DR. HALLEMEIER _Leiter der Anstalt für Psychologie und Erziehung der Roboter_ KONSUL BUSMAN _kommerzieller Direktor von W. U. R._ BAUMEISTER ALQUIST _Chef der Bauten von W. U. R._ HELENE GLORY NANA _ihre Amme_ MARIUS _Roboter_ SULLA _Robotin_ RADIUS _Roboter_ DAMON _Roboter_ ZWEITER ROBOTER DRITTER ROBOTER VIERTER ROBOTER PRIMUS _Roboter_ HELENE _Robotin_ _Ein_ DIENER-ROBOTER _und zahlreiche Roboter_ DOMIN _im Vorspiel, etwa achtunddreißigjährig, groß, rasiert_ FABRY _gleichfalls rasiert, blond, ernstes feines Gesicht_ HALLEMEIER _riesig, polternd, mit rostrotem englischen Schnurrbart und rostrotem Haarschopf_ DR. GALL _klein, lebhaft, brünett_ BUSMAN _dicker, kahlköpfiger, kurzsichtiger Jude_ ALQUIST _älter als die übrigen, nachlässig gekleidet, mit langem angegrauten Haar und Bart_ HELENE _sehr elegant_
_Im eigentlichen Drama alle um zehn Jahre älter._
DIE ROBOTER _sind im Vorspiel wie Menschen gekleidet. Ihre Bewegungen und ihre Redeweise sind knapp, ihre Mienen ausdruckslos, ihr Blick starr. Im eigentlichen Drama tragen sie blaue Leinwandkittel, Riemengürtel und eine Messingnummer auf der Brust._
VORSPIEL
_Die Zentralkanzlei der Fabrik Werstands Universal Robots. Rechts der Eingang. Durch die Fenster der Stirnwand Blick auf endlose Reihen von Fabriksgebäuden. Links weitere Direktionsräume._
_DOMIN sitzt in einem Drehstuhl an einem großen amerikanischen Schreibtisch. Auf dem Tische eine Glühlampe, ein Haustelephon, Briefbeschwerer, ein Briefordner usw. An der linken Wand der Fernsprecher und große Landkarten mit den Schiffs- und Eisenbahnlinien, ein großer Kalender, eine Uhr, die fast Mittag zeigt; an der rechten Wand gedruckte Plakate: »Billigste Arbeit: Werstands Roboter.« »Tropen-Roboter, neue Erfindung. Pro Stück 150 d.« »Jeder kaufe sich seinen Roboter.« »Wollen Sie Ihre Waren verbilligen? Bestellen Sie Werstands Roboter.« Ferner andere Landkarten, ein Schiffahrtsplan, eine Tabelle mit telegraphischen Kursnotierungen usw. Mit dieser Ausstattung kontrastiert der prächtige türkische Teppich auf dem Fußboden, rechts ein runder Tisch, ein Sofa, lederne Klubsessel und eine Bibliothek, wo statt Bücher Wein- und Schnapsflaschen stehen. Links ein Kassenschrank._
_Neben Domins Tisch eine Schreibmaschine, auf der das Mädchen SULLA schreibt._
DOMIN _diktiert_ »-- daß wir für Ware, die beim Transport beschädigt wurde, nicht garantieren. Wir haben Ihren Kapitän gleich beim Verladen aufmerksam gemacht, daß das Schiff zum Transport von Robotern ungeeignet ist, so daß der Untergang der Ladung nicht uns zur Last fällt. Wir zeichnen -- für Werstands Universal Robots --« schreiben Sie bloß W. U. R. Fertig?
SULLA Jawohl.
DOMIN Neuer Brief. »E. B. Huysum Agency, New York. Datum. Wir bestätigen den Auftrag auf 5000 Roboter. Da Sie eigenes Schiff senden, verfrachten Sie als Kargo auf Gegenrechnung Briketts für W.U.R. Wir zeichnen --« Fertig?
SULLA _fertigtippend_ Jawohl.
DOMIN Schreiben Sie weiter. -- »Friedrichswerke, Hamburg. -- Datum. -- Wir bestätigen den Auftrag auf 15000 Roboter --«. _Das Haustelephon klingelt. DOMIN hebt die Muschel und spricht hinein._ Hallo -- Hier Zentral-. -- Ja. -- Gewiß. -- Aber ja, wie immer. -- Freilich, kabeln Sie ihnen. -- Gut. _Hängt das Telephon auf._ Wo habe ich aufgehört?
SULLA Wir bestätigen den Auftrag auf 15000 R.
DOMIN _in Gedanken_ 15000 R. 15000 R.
MARIUS _tritt ein_ Herr Direktor, eine Dame bittet --
DOMIN Wer?
MARIUS Ich weiß nicht. _Reicht eine Visitenkarte._
DOMIN _liest_ Präsident Glory. -- Ich lasse bitten.
MARIUS _öffnet die Türe_ Bitte, Frau.
_HELENE GLORY tritt ein. MARIUS ab._
DOMIN _erhebt sich_ Belieben?
HELENE Herr Zentraldirektor Domin?
DOMIN Bitte.
HELENE Ich komme zu Ihnen --
DOMIN -- mit der Karte des Präsidenten Glory. Das genügt.
HELENE Präsident Glory ist mein Vater. Ich bin Helene Glory.
DOMIN Fräulein Glory, es ist uns eine außerordentliche Ehre, daß -- daß --
HELENE -- daß wir Ihnen nicht die Türe weisen können.
DOMIN -- daß wir die Tochter des großen Präsidenten begrüßen dürfen. Bitte, nehmen Sie Platz. Sulla, Sie können gehen.
_SULLA ab._
DOMIN _setzt sich_ Womit kann ich dienen, Fräulein Glory?
HELENE Ich bin gekommen --
DOMIN -- um unsere Fabrikserzeugung von Menschen anzusehen. Wie alle Besuche. Bitte, ohne weiteres.
HELENE Ich glaubte, es wäre verboten --
DOMIN Die Fabrik zu betreten, allerdings. Nur daß jeder mit irgendeiner Visitenkarte kommt, Fräulein Glory.
HELENE Und Sie zeigen jedem ...?
DOMIN Nur etwas. Die Erzeugung künstlicher Menschen, Fräulein, ist Fabriksgeheimnis.
HELENE Wenn Sie wüßten, wie mich das --
DOMIN -- unendlich interessiert. Das alte Europa spricht von nichts anderem.
HELENE Warum lassen Sie mich nicht ausreden?
DOMIN Ich bitte um Vergebung. Wollten Sie vielleicht etwas anderes sagen?
HELENE Ich wollte nur fragen --
DOMIN -- ob ich Ihnen ganz ausnahmsweise unsere Fabrik zeigen möchte. Aber gewiß, Fräulein Glory.
HELENE Wieso wissen Sie, daß ich dies fragen wollte?
DOMIN Alle fragen gleich. _Steht auf._ Aus besonderer Hochachtung, Fräulein, wollen wir Ihnen mehr als den andern zeigen und -- mit einem Worte --
HELENE Ich danke Ihnen.
DOMIN Sofern Sie sich verpflichten, nicht das geringste zu verraten --
HELENE _erhebt sich und reicht ihm die Hand_ Mein Ehrenwort.
DOMIN Danke. Möchten Sie nicht den Schleier abnehmen?
HELENE Ach freilich, Sie wollen sehen -- Entschuldigen Sie.
DOMIN Bitte?
HELENE Wenn Sie meine Hand freigeben wollten.
DOMIN _gibt sie frei_ Ich bitte um Verzeihung.
HELENE _nimmt den Schleier ab_ Sie wollen sehen, ob ich kein Spion bin. Wie vorsichtig.
DOMIN _betrachtet sie begeistert_ Hm -- Allerdings -- wir -- so ist es.
HELENE Sie trauen mir nicht?
DOMIN Außerordentlich, Fräulein Hele -- pardon, Fräulein Glory. In der Tat, außerordentlich erfreut -- Hatten Sie eine gute Überfahrt?
HELENE Ja. Warum --
DOMIN Weil -- das heißt, ich meine -- daß Sie noch sehr jung sind.
HELENE Gehen wir gleich in die Fabrik?
DOMIN Ja. Ich denke: zweiundzwanzig, nicht?
HELENE Zweiundzwanzig?
DOMIN Jahre.
HELENE Einundzwanzig. Weshalb wollen Sie es wissen?
DOMIN Weil -- weil -- _Mit Begeisterung_ Sie bleiben längere Zeit hier, nicht wahr?
HELENE Je nachdem, was Sie mir von der Erzeugung zeigen werden ...
DOMIN Verteufelte Erzeugung. Aber gewiß, Fräulein Glory. Alles werden Sie sehen. Bitte, setzen Sie sich. Würde Sie die Geschichte der Erfindung interessieren?
HELENE Ja, ich bitte Sie. _Setzt sich._
DOMIN Nun denn. _Setzt sich auf den Schreibtisch, betrachtet aufgeregt Helene und leiert rasch herunter._ Es war im Jahre 1920 als sich der alte Werstand der große Physiologe aber damals noch ein junger Gelehrter, nach dieser fernen Insel begab um die Meerestierwelt zu studieren. Punkt. Dabei versuchte er durch chemische Synthese die lebendige Materie Protoplasma genannt nachzubilden bis er auf einmal einen Stoff entdeckte der sich durchaus wie die lebendige Masse betrug obzwar er von anderer chemischer Zusammensetzung war das war im Jahre 1932 gerade vierhundertvierzig Jahre nach der Entdeckung Amerikas, uf.
HELENE Das können Sie auswendig?
DOMIN Jawohl. Die Physiologie, Fräulein Glory, ist nicht mein Handwerk. Also weiter?
HELENE Meinetwegen.
DOMIN _feierlich_ Und damals, Fräulein, schrieb der alte Werstand zwischen seine chemischen Formeln folgendes: »Die Natur hat nur eine einzige Art, die lebendige Materie zu organisieren, gefunden. Es gibt jedoch eine andere, einfachere, hübschere und schnellere Art, auf welche die Natur überhaupt nicht verfallen ist. Diesen anderen Weg, den die Entwicklung des Lebens hätte einschlagen können, habe ich am heutigen Tage entdeckt.« Stellen Sie sich vor, Fräulein, daß er diese großen Worte über dem Auswurf irgendeiner lebenden Kolloidalgallerte schrieb, den kein Hund fressen würde. Stellen Sie sich ihn vor, daß er über dem Probeobjekt sitzt und daran denkt, wie daraus ein ganzer Lebensbaum aufschießen wird, wie daraus alle Tiere hervorgehen werden, beginnend mit irgendeiner Infusorie und endend -- endend mit dem Menschen selber. Mit einem Menschen aus anderem Stoffe als wir sind. Fräulein Glory, das war ein gigantischer Augenblick.
HELENE Also weiter.
DOMIN Weiter? Nun handelte es sich darum, das Leben aus der Eprouvette herauszubekommen und die Entwicklung zu beschleunigen und irgendwelche Organe, Knochen und Nerven und dies und das zu schaffen und irgendwelche Stoffe zu finden, Katalysatoren, Enzyme, Hormone und so weiter, kurz und gut, verstehen Sie das?
HELENE Ich -- ich -- weiß -- nicht. Ich glaube, nur wenig.
DOMIN Ich überhaupt nicht. Wissen Sie, mit Hilfe jener Flüssigkeiten konnte er machen, was er wollte. Er konnte möglicherweise eine Medusa mit einem Sokratesgehirn bekommen oder einen Regenwurm von fünfzig Metern Länge. Aber weil er kein bißchen Humor besaß, setzte er es sich in den Kopf, ein normales Wirbeltier oder vielleicht einen Menschen herzustellen. Jene seine lebendige Materie hatte eine tolle Lust nach dem Leben; sie ließ sich alles gefallen, er konnte sie zusammennähen und mischen wie er wollte. Mit natürlichem Eiweißstoff ließ es sich nicht machen. Und so machte er sich halt daran.
HELENE An was?
DOMIN An die Nachbildung der Natur. Zuerst versuchte er einen künstlichen Hund zu machen. Das kostete ihn eine Reihe Jahre, es kam etwas wie ein verkrüppeltes Kalb heraus und das krepierte nach ein paar Tagen. Ich werde es Ihnen im Museum zeigen. Und dann bereits machte sich der alte Werstand an die Erzeugung eines Menschen.
_Pause._
HELENE Und das darf ich niemandem verraten?
DOMIN Niemandem auf der Welt.
HELENE Schade, daß es schon in allen Lesebüchern steht.
DOMIN Schade. _Springt vom Tisch herunter und setzt sich neben Helene._ Aber wissen Sie, was nicht in den Lesebüchern steht? _Tippt sich auf die Stirn._ Daß der alte Werstand ein erstaunlicher Narr gewesen ist. Ernstlich, Fräulein Glory, aber das behalten Sie für sich. Jener alte Hitzkopf wollte wirklich Menschen machen.
HELENE Aber Sie machen doch schon Menschen.
DOMIN Annähernd, Fräulein Helene. Aber der alte Werstand meinte es wörtlich. Wissen Sie, er wollte gleichsam wissenschaftlich Gott absetzen. Er war ein schrecklicher Materialist, darum hat er das alles getan. Es handelte sich ihm um nichts mehr als den Beweis zu erbringen, daß es keines Herrgotts bedurft hat. Deshalb war er darauf erpicht, einen Menschen zu bilden, der uns auf ein Haar gleichen würde. Kennen Sie ein bißchen Anatomie?
HELENE Nur ganz wenig.
DOMIN Ich auch. Stellen Sie sich vor, daß er es sich in den Kopf gesetzt hatte, alles bis auf die letzte Drüse genau wie im menschlichen Körper herzustellen: Blinddarm, Mandeln, Nabel, lauter Überflüssigkeiten. Schließlich sogar -- hm -- auch die Geschlechtsdrüsen.
HELENE Aber die -- die sind doch --
DOMIN Die sind nicht überflüssig, ich weiß. Aber wenn man die Menschen künstlich erzeugen will, dann sind sie -- hm -- keineswegs notwendig --
HELENE Ich verstehe.
DOMIN Ich werde Ihnen im Museum zeigen, was er binnen zehn Jahren zusammengebastelt hat. Es sollte ein Mann sein, und das lebte ganze drei Tage. Der alte Werstand hat nicht ein bißchen Geschmack besessen. Es war furchtbar, was er da produzierte. Aber es hatte innen alles, was der Mensch hat. Wirklich, eine erstaunliche Tändelarbeit. Und damals kam der Ingenieur Werstand, des Alten Neffe, hierher. Ein genialer Kopf, Fräulein Glory. Als er sah, was der Alte anstellte, sagte er: »Das ist ein Unsinn, zehn Jahre an einem Menschen zu arbeiten. Wirst du ihn nicht schneller herstellen als die Natur, so huste ich auf den ganzen Kram.« Und er machte sich selbst über die Anatomie her.
HELENE In den Lehrbüchern steht es anders.
DOMIN _steht auf_ In den Lesebüchern steht bezahlte Reklame und überdies Unsinn. Es steht dort zum Beispiel, die Roboter habe der alte Herr erfunden. Indessen mochte sich der Alte vielleicht für eine Universität eignen, aber von fabriksmäßiger Erzeugung hatte er keinen Dunst. Er glaubte, wirkliche Menschen herzustellen, also vielleicht irgendwelche neuen Indianer, Dozenten oder Idioten, wissen Sie? Und erst der junge Werstand hat den Einfall gehabt, daraus lebende und intelligente Arbeitsmaschinen zu machen. Was in den Lesebüchern über die gemeinsame Arbeit beider großen Werstands steht, ist ein Gefasel. Die beiden haben sich fürchterlich gestritten. Der alte Atheist hatte keinen Brocken Verständnis für die Industrie, und schließlich sperrte ihn der Junge in irgendein Laboratorium, damit er dort an seinen großen Fehlgeburten herumbastle, er selbst aber nahm die Erzeugung ingenieurmäßig in die Hand. Der alte Werstand verfluchte ihn wörtlich und hudelte bis zu seinem Tode noch zwei physiologische Popanze zusammen, bis man ihn schließlich eines Tages tot im Laboratorium fand. Das ist die ganze Historie.
HELENE Und der Junge?
DOMIN Der junge Werstand, Fräulein, das war das neue Zeitalter. Das neue Zeitalter der Produktion nach dem Zeitalter der Erkenntnis. Nachdem er die menschliche Anatomie beguckt hatte, sah er gleich, daß dies allzu kompliziert ist und daß ein guter Ingenieur es einfacher machen müßte. Er begann also die Anatomie umzuarbeiten und erprobte, was sich auslassen oder vereinfachen ließe. -- Kurz gesagt, Fräulein Glory, langweilt Sie das nicht?
HELENE Nein, im Gegenteil, es ist schrecklich interessant.
DOMIN Also der junge Werstand sagte sich: Ein Mensch, das ist etwas, das -- sagen wir -- Freude fühlt, Geige spielt, spazieren gehen will und überhaupt einen Haufen Sachen zu tun braucht, welche -- welche eigentlich überflüssig sind.
HELENE Oho!
DOMIN Warten Sie. Welche überflüssig sind, wenn er etwas weben oder addieren soll. Ich meine nicht für Sie -- Spielen Sie vielleicht Violine?
HELENE Nein.
DOMIN Schade. Aber eine Arbeitsmaschine muß nicht Violine spielen, muß nicht Freude fühlen, muß nicht einen Haufen andrer Dinge tun. Soll es schließlich gar nicht. Ein Naphthamotor soll keine Fransen und Ornamente haben, Fräulein Glory. Und künstliche Arbeiter erzeugen ist dasselbe wie Naphthamotore erzeugen. Die Erzeugung soll möglichst einfach und das Erzeugnis das praktisch beste sein. Was meinen Sie, welcher Arbeiter der praktisch beste ist?
HELENE Der beste? Vielleicht jener, der -- der -- Wenn er ehrlich -- und ergeben ist.
DOMIN Nein, sondern der billigste. Der, welcher die geringsten Bedürfnisse hat. Der junge Werstand erfand einen Arbeiter mit der kleinsten Menge Bedürfnisse. Er mußte ihn vereinfachen. Er warf alles hinaus, was nicht unmittelbar der Arbeit dient. Damit warf er auch alles, was den Menschen verteuert, hinaus. Damit warf er eigentlich den Menschen hinaus und erschuf den Roboter. Teures Fräulein Glory, die Roboter sind keine Menschen. Sie sind mechanisch vollkommener als wir, haben eine erstaunliche Vernunftintelligenz, aber sie haben keine Seele. Sahen Sie schon einmal, wie ein Roboter innen aussieht?
HELENE Nein.
DOMIN Sehr rein, sehr einfach. Tatsächlich, eine schöne Arbeit. Es ist wie eine Hausapotheke. Wenige Stückchen, aber in tadelloser Ordnung. Oh, Fräulein Glory, das Erzeugnis des Ingenieurs ist technisch geläuterter als das Erzeugnis der Natur.
HELENE Man sagt, der Mensch sei ein Erzeugnis Gottes.
DOMIN Um so ärger. Gott hat keine Ahnung von der modernen Technik gehabt. Würden Sie glauben, daß der selige junge Werstand sich als Herrgott aufzuspielen begann?
HELENE Wie, ich bitte Sie?
DOMIN Er fing an, Über-Roboter zu erzeugen. Arbeitsriesen. Er probierte es mit viermetrigen Gestalten, aber Sie würden es nicht glauben, wie diese Mammute zerbrachen.
HELENE Zerbrachen?
DOMIN Ja. Von nichts und wieder nichts barst ihnen ein Bein oder etwas. Unser Planet ist höchstwahrscheinlich ein wenig klein für Riesen. Jetzt machen wir bloß Roboter von natürlicher Größe und sehr anständiger menschlicher Ausstattung.
HELENE Ich habe die ersten Roboter bei uns gesehen. Die Gemeinde hatte sie gekauft ... will sagen, zur Arbeit aufgenommen --
DOMIN Gekauft, teures Fräulein. Roboter werden gekauft.
HELENE -- als Straßenkehrer verpflichtet. Ich sah sie fegen. Sie sind so seltsam, so still.
DOMIN Haben Sie meine Schreiberin gesehen?
HELENE Ich habe nicht acht gegeben.
DOMIN _läutet_ Wissen Sie, die Aktienfabrik von Werstands Universal Roboters erzeugt bis jetzt keine einheitliche Ware. Wir haben feinere und gröbere Roboter. Die besseren werden vielleicht zwanzig Jahre leben.
HELENE Dann schwinden sie hin?
DOMIN Ja, sie nützen sich ab.
_SULLA tritt ein._
DOMIN Sulla, präsentieren Sie sich Fräulein Glory.
HELENE _erhebt sich und reicht ihr die Hand_ Es freut mich. Ihnen ist wohl sehr traurig so fern der Welt, nicht wahr?
SULLA Das kenne ich nicht, Fräulein Glory. Bitte, nehmen Sie Platz.
HELENE _setzt sich_ Woher stammen Sie, Fräulein?
SULLA Von hier, aus der Fabrik.
HELENE Ah, Sie sind hier geboren?
SULLA Ja, ich wurde hier gemacht.
HELENE _aufspringend_ Was?
DOMIN _lacht_ Sulla ist kein Mensch, Fräulein, Sulla ist ein Roboter.
HELENE Ich bitte um Verzeihung --
DOMIN _legt Sulla die Hand auf die Schulter_ Sulla ist nicht böse. Schauen Sie, Fräulein Glory, was für eine Haut wir erzeugen. Greifen Sie auf ihre Wange.
HELENE Oh, nein, nein!
DOMIN Sie würden nicht erkennen, daß sie aus einem anderen Stoff ist als wir. Bitte, sie hat sogar den typischen Flaum der Blondinen. Nur die Augen sind ein bißchen -- Aber dafür die Haare! Drehen Sie sich um, Sulla.
HELENE Hören Sie schon auf!
DOMIN Plaudern Sie mit dem Gast, Sulla. Es ist ein seltener Besuch.
SULLA Bitte, Fräulein, nehmen Sie Platz. _Beide setzen sich._ Haben Sie eine gute Überfahrt gehabt?
HELENE Ja -- ge -- gewiß.
SULLA Kehren Sie nicht mit der Amelia zurück, Fräulein Glory, das Barometer fällt stark, auf 705. Warten Sie auf die Pennsylvania, das ist ein sehr gutes, sehr starkes Schiff.
DOMIN Wieviel?
SULLA Zwanzig Knoten in der Stunde. Tonnage: zwanzigtausend. Eines der allerneuesten Schiffe, Fräulein Glory.
HELENE Da -- danke.
SULLA Achtzig Mann Besatzung, Kapitän Harpy, acht Kessel --
DOMIN _lacht_ Genug, Sulla, genug. Zeigen Sie uns, wie Sie Französisch können.
HELENE Sie können Französisch?
SULLA Ich beherrsche vier Sprachen. Ich schreibe: Dear Sir! Monsieur! Signore! Geehrter Herr!
HELENE _springt auf_ Das ist Humbug! Sie sind ein Scharlatan! Sulla ist kein Roboter, Sulla ist ein Mädchen wie ich! Sulla, das ist schändlich -- warum spielen Sie eine solche Komödie?
SULLA Ich bin ein Roboter.
HELENE Nein, nein, Sie lügen! Oh, Sulla, verzeihen Sie, ich weiß -- man hat Sie genötigt, damit Sie ihnen Reklame machen! Sulla, Sie sind ein Mädchen, wie ich, nicht wahr? Sagen Sie!
DOMIN Ich bedaure, Fräulein Glory. Sulla ist ein Roboter.
HELENE Sie lügen!
DOMIN _richtet sich auf_ Wie? _läutet_ Verzeihen Sie, Fräulein, dann muß ich Sie überzeugen.
_MARIUS tritt ein._
DOMIN Marius, führen Sie Sulla in den Seziersaal, man solle sie öffnen. Flink!
HELENE Wohin?
DOMIN In den Seziersaal. Bis sie aufgeschnitten ist, gehen Sie sich sie ansehen.
HELENE Ich gehe nicht!
DOMIN Pardon, Sie sprachen von Lüge.
HELENE Sie wollen sie töten lassen?
DOMIN Maschinen werden nicht getötet.
HELENE _umarmt Sulla_ Fürchten Sie nichts, Sulla, ich lasse Sie nicht! Sagen Sie, Teure, sind alle so roh zu euch? Das dürft ihr euch nicht gefallen lassen, hören Sie? Sie dürfen nicht, Sulla!
SULLA Ich bin Roboter.
HELENE Das ist einerlei. Roboter sind ebenso gute Menschen wie wir. Sulla, Sie würden sich aufschneiden lassen?
SULLA Ja.
HELENE Oh, Sie fürchten sich nicht vor dem Tod?
SULLA Kenne ich nicht, Fräulein Glory.
HELENE Wissen Sie, was dort mit Ihnen geschähe?
SULLA Ja. Ich würde aufhören, mich zu bewegen.
HELENE Das ist entsetzlich!
DOMIN Marius, sagen Sie dem Fräulein, was Sie sind.
MARIUS Marius, Roboter.
DOMIN Würden Sie Sulla in den Seziersaal geben?
MARIUS Ja.
DOMIN Würden Sie sie bedauern?
MARIUS Kenne ich nicht.
DOMIN Was würde mit ihr geschehen?
MARIUS Sie würde sich nicht mehr bewegen. Man würde sie in die Stampfmaschine geben.
DOMIN Das ist der Tod, Marius. Fürchten Sie den Tod?
MARIUS Nein.
DOMIN Also sehen Sie, Fräulein Glory, die Roboter hängen nicht am Leben. Sie haben nämlich keinen Anlaß dazu. Sie haben keine Genüsse. Sie sind geringer als Gras.
HELENE Oh, hören Sie auf! Schicken Sie sie wenigstens fort!
DOMIN Marius, Sulla, ihr könnt gehen.
_SULLA und MARIUS ab._
HELENE Sie sind schrecklich! Es ist scheußlich, was Sie tun!
DOMIN Weshalb scheußlich?
HELENE Ich weiß nicht. Warum -- warum gaben Sie ihr den Namen Sulla?
DOMIN Kein hübscher Name?
HELENE Es ist ein Männername. Sulla war ein römischer Feldherr.
DOMIN Ah, wir glaubten, Marius und Sulla wäre ein Liebespaar gewesen.
HELENE Nein, Marius und Sulla waren Feldherren und bekämpften einander im Jahre -- im Jahre -- Ich weiß nicht mehr.
DOMIN Kommen Sie her, zum Fenster. Was sehen Sie?
HELENE Maurer.
DOMIN Das sind Roboter. Alle unsre Arbeiter sind Roboter. Und da unten, sehen Sie etwas?
HELENE Irgendeine Kanzlei.
DOMIN Die Buchhaltung. Und darinnen --
HELENE -- lauter Beamte.
DOMIN Das sind Roboter. Alle unsere Beamten sind Roboter. Bis Sie die Fabrik sehen werden --
_In diesem Moment ertönen Pfeifen und Sirenen._
DOMIN Mittag. Die Roboter wissen nicht, wann sie die Arbeit einstellen sollen. Um zwei Uhr werde ich Ihnen die Dösen zeigen.
HELENE Was für Dösen?
DOMIN _trocken_ Mischbottiche für Teig. In jedem wird gleichzeitig Stoff für tausend Roboter gemischt. Dann die Kufen für Lebern, Hirne und so weiter. Dann werden Sie die Knochenfabrik sehen. Dann zeige ich Ihnen die Spinnerei.
HELENE Was für eine Spinnerei?
DOMIN Die Nervenspinnerei. Die Adernspinnerei. Eine Spinnerei, wo gleichzeitig ganze Kilometer von Verdauungsröhren laufen. Dann kommt der Montierraum, wo das zusammengestellt wird, wissen Sie, wie Automobile. Jeder Arbeiter befestigt nur einen einzigen Bestandteil, und dann läuft es wieder selbsttätig weiter, zum zweiten, dritten, bis ins Unendliche. Das ist das interessanteste Schauspiel. Dann kommt das Darrhaus und das Magazin, wo die frischen Produkte arbeiten.
HELENE Um Gottes willen, gleich müssen sie arbeiten?
DOMIN Pardon. Sie arbeiten, wie neue Möbelstücke arbeiten. Sie gewöhnen sich an die Existenz. Wachsen gleichsam innerlich zusammen, oder so. Vieles in ihnen wächst überhaupt neu hinzu. Sie verstehen, wir müssen der natürlichen Entwicklung ein bißchen Raum gewähren. Und inzwischen werden die Produkte appretiert.
HELENE Was ist das?