Part 7
DAMON Nimm dir lebende Leiber. Erforsche, wie sie gemacht werden!
ALQUIST Lebende Leiber? Wie, ich soll sie töten? Ich, der ich nie -- Sprich nicht, Roboter! Ich sage dir ja, daß ich zu alt bin! Siehst du, siehst du, wie mir die Finger zittern? Ich erhalte das Skalpell nicht. Siehst du, wie meine Augen tränen? Ich würde die eigenen Hände nicht sehen. Nein nein, ich kann nicht!
VIERTER ROBOTER Das Leben geht zugrunde.
DAMON Mache Versuche an Lebenden!
ALQUIST Aber so warte doch! Ich sage dir, wir werden es später versuchen; hörst du denn nicht? Ihr müßt mir ein wenig Zeit lassen -- wie heißest du?
DAMON Damon aus Havre.
ALQUIST Sieh, Roboter; ich habe nur aus Verzweiflung von lebenden Leibern gesprochen, verstehst du? Das war nur ein närrischer Einfall; ach, mein Kopf! Was würde ich mit einem Messer anfangen?
VIERTER ROBOTER Das Leben geht zugrunde.
ALQUIST Hör' um Gottes willen mit dem Wahnsinn auf! Eher werden uns die Menschen aus jener Welt das Leben geben; vielleicht strecken sie die Arme voll Leben nach uns aus. Ach, es war in ihnen soviel Lebenswillen! Sieh, vielleicht kehren sie noch wieder; sie sind uns so nahe, sie belagern uns vielleicht; sie wollen sich zu uns durchschürfen wie in einem Schacht. Ach, höre ich denn nicht immerwährend Stimmen, die ich geliebt?
DAMON Nimm lebende Leiber!
ALQUIST Erbarme dich, Roboter, und dränge nicht! Du siehst doch, ich weiß nicht mehr, was ich tue!
DAMON Lebende Leiber!
ALQUIST Wie, du willst es also? -- In den Seziersaal mit dir! Hier, hier, aber rasch! -- Wie, du weichst zurück? Fürchtest dich doch nur vor dem Tod?
DAMON Ich -- warum gerade ich?
ALQUIST Du willst also nicht?
DAMON Ich gehe. _Geht nach rechts._
ALQUIST _zu den anderen_ Ihn ausziehen! Auf den Tisch legen! Schnell! Und festhalten!
_Alle nach rechts._
ALQUIST _wäscht sich die Hände und weint_ Gott, gib mir Kraft! Gib mir Kraft! Gott, daß es nicht umsonst sei! _Zieht einen weißen Mantel an._
STIMME VON RECHTS Fertig!
ALQUIST Gleich, gleich, o Gott! _Nimmt einige Fläschchen mit Reagentien vom Tische._ Welche nehmen? _Schlägt die Fläschchen gegeneinander._ Welche von euch ausprobieren?
STIMME VON RECHTS Anfangen!
ALQUIST Ja, ja, anfangen oder beenden! Gott, gib mir Kraft!
_Ab nach rechts, die Türe offen lassend._
_Pause._
ALQUISTS STIMME Haltet ihn -- fest!
DAMONS STIMME Schneide!
_Pause._
ALQUISTS STIMME Siehst du dieses Messer? Willst du noch, daß ich schneide? Du willst nicht, nicht wahr?
DAMONS STIMME Beginne!
_Pause._
DAMONS STIMME Aaaah!
ALQUISTS STIMME Haltet! Haltet!
DAMONS STIMME Aaaah!
ALQUISTS STIMME Ich kann nicht!
DAMONS GESCHREI Schneide! Schneide schnell!
_Die Roboter PRIMUS und HELENE eilen durch die Mitte herein._
HELENE Primus, Primus, was geschieht? Wer schreit da?
PRIMUS _blickt in den Seziersaal_ Der Herr zerschneidet Damon. Komm dir's schnell ansehn, Helene!
HELENE Nein nein nein! _Bedeckt die Augen._ Ist es schrecklich?
DAMONS GESCHREI Schneide!
HELENE Primus, Primus, komm von hier fort! Ich kann es nicht hören! Oh, Primus, mir ist schlecht!
PRIMUS _eilt zu ihr_ Du bist ganz weiß!
HELENE Ich falle! Warum ist es drinnen so still?
DAMONS GESCHREI Aah -- oh!
_ALQUIST stürzt von rechts herein, wirft den blutigen Mantel ab._
ALQUIST Ich kann nicht! Ich kann nicht! Gott, das Grauen!
RADIUS _in der Tür zum Seziersaal_ Schneide, Herr; er lebt noch.
DAMONS GESCHREI Schneiden! Schneiden!
ALQUIST Schafft ihn schnell fort! Ich will es nicht hören!
RADIUS Die Roboter ertragen mehr als du.
ALQUIST Wer ist da? Fort, fort! Ich will allein sein! Wie heißest du?
PRIMUS Roboter Primus.
ALQUIST Primus, laß niemand herein! Ich will schlafen, hörst du? Geh, geh, räume den Seziersaal auf, Mädchen! Was ist das? _Blickt auf seine Hände._ Schnell, Wasser! Das reinste Wasser!
_HELENE eilt davon._
ALQUIST Oh, Blut! Wie konntet ihr, Hände -- Hände, die ihr die gute Arbeit liebtet, wie konntet ihr das tun? Meine Hände! Meine Hände! -- O Gott, wer ist da?
PRIMUS Roboter Primus.
ALQUIST Schaff den Mantel fort, ich will ihn nicht sehn!
_PRIMUS trägt den Mantel fort._
ALQUIST Blutige Klauen, daß ihr mir vom Leibe flöget! Wschsch, fort! Fort, Hände! Ihr habt getötet --
_Von rechts taumelt DAMON herein, in ein blutiges Tuch gehüllt._
ALQUIST _weicht zurück_ Was willst du hier? Was willst du hier?
DAMON Ich -- lebe! Es ist -- es ist -- besser, zu leben!
_Der ZWEITE und DRITTE ROBOTER eilen herein._
ALQUIST Tragt ihn fort! Tragt ihn fort! Rasch fort!
DAMON _wird nach rechts geführt_ Leben! Ich -- will -- leben! Es ist -- besser --
_HELENE bringt einen Krug Wasser._
ALQUIST -- leben? -- Was willst du, Mädchen? Aha, das bist du. Gieß mir Wasser ein, gieß ein! _Wäscht sich die Hände._ Ach, reines, kühlendes Wasser! Kaltes Bächlein, wie tust du wohl! Ach, meine Hände, meine Hände! Werde ich mich bis zum Tode vor euch ekeln? -- Gieße nur mehr hinein! Mehr Wasser, noch mehr! Wie heißest du?
HELENE Robotin Helene.
ALQUIST Helene? Weshalb Helene? Wer ließ dich so nennen?
HELENE Frau Domin.
ALQUIST Zeig' dich! Helene? Helene heißest du? -- Ich werde dich nicht so nennen. Geh, trag das Wasser fort.
_HELENE mit dem Kübel ab._
ALQUIST _allein_ Vergebens, vergebens! Nichts, wieder nichts hast du erkannt! Wirst du denn ewig tappen, Schülerlein der Natur? -- Gott, Gott, Gott, wie der Körper zitterte! _Öffnet das Fenster._ Es dämmert. Wieder ein neuer Tag, und du bist kein Endchen weitergekommen -- Genug, keinen Schritt weiter! Suche nicht! Alles ist vergebens, vergebens, vergebens! Warum dämmert es noch? Oh -- oh -- oh, was will der neue Tag auf dem Friedhof des Lebens? Halte ein, Licht! Geh nicht mehr auf! -- -- Ach, wie still es ist, wie still es ist! Warum seid ihr verstummt, geliebte Stimmen? Wenn ich -- wenigstens -- wenn ich nur einschlafen könnte! _Verlöscht die Lichter, legt sich auf das Sofa und zieht den Mantel über sich._ Wie der Leib zitterte! Oh -- oh -- oh, Ende des Lebens!
_Pause._
_Von rechts schlüpft die ROBOTIN HELENE herein._
PRIMUS _in der Tür flüsternd_ Helene, nicht hierher! Der Herr schläft!
HELENE Er ist nicht da. Er ist anderswohin schlafen gegangen.
PRIMUS Dorthin darf niemand. Ich bitte dich, komm her!
HELENE Um nichts auf der Welt! Hu, ich will kein Blut sehen!
PRIMUS Der Herr hat's verboten, Helene. Niemand darf in sein Arbeitszimmer.
HELENE Mir hat er gerade gesagt, ich soll hierherkommen.
PRIMUS Wann hat er dir das gesagt?
HELENE Vor einer Weile. Du darfst nicht in den Seziersaal, sagte er. Du wirst hier aufräumen, hat er gesagt. Bestimmt, Primus. Nein, komm rasch herein!
PRIMUS _tritt ein_ Was willst du?
HELENE Schau', was er da für Röhrchen hat. Was macht er damit?
PRIMUS Versuche. Greif es nicht an!
HELENE _blickt in das Mikroskop_ Sieh doch, was da zu sehen ist!
PRIMUS Das ist ein Mikroskop. Zeig'!
HELENE Rühr' mich nicht an! _Stößt eine Retorte um._ Ach, jetzt hab' ich's ausgegossen!
PRIMUS Was hast du getan!
HELENE Das wird abgewischt.
PRIMUS Du hast ihm die Versuche verdorben!
HELENE Geh, das ist einerlei. Aber das ist deine Schuld. Du mußtest nicht zu mir kommen.
PRIMUS Du mußtest mich nicht rufen.
HELENE Du brauchtest nicht zu kommen, als ich dich rief. Sieh doch, Primus, was der Herr hier aufgeschrieben hat!
PRIMUS Das darfst du nicht anschauen, Helene. Das ist ein Geheimnis.
HELENE Was für ein Geheimnis?
PRIMUS Das Geheimnis des Lebens.
HELENE Das ist schrecklich interessant. Lauter Zahlen! Was ist das?
PRIMUS Das sind Formeln.
HELENE Versteh ich nicht. _Geht zum Fenster._ Nein, Primus, sieh doch nur!
PRIMUS Was?
HELENE Die Sonne geht auf!
PRIMUS Warte gleich -- _Betrachtet das Buch._ Helene, das ist die größte Sache der Welt.
HELENE So komm doch her!
PRIMUS Gleich, gleich --
HELENE Aber Primus, laß das garstige Geheimnis des Lebens sein! Was geht dich irgendein Geheimnis an? Komm und sieh, rasch!
PRIMUS _tritt zu ihr ans Fenster_ Was willst du?
HELENE Die Sonne geht auf.
PRIMUS Schau' nicht in die Sonne, deine Augen tränen.
HELENE Hörst du? Die Vögel singen. Ach, Primus, ich möchte ein Vogel sein.
PRIMUS Was?
HELENE Ich weiß nicht, Primus. Mir ist so seltsam, ich weiß nicht was das ist; ich bin wie verrückt, ich habe den Kopf verloren, mein Leib, mein Herz tut weh, alles tut weh -- Und was mir passiert ist, ach, das sag' ich dir nicht! Primus, ich glaube, ich muß sterben!
PRIMUS Sag', Helene, ist dir nicht manchmal, als ob es besser wäre zu sterben? Weißt du, vielleicht schlafen wir nur. Gestern im Schlaf sprach ich wieder mit dir.
HELENE Im Schlaf?
PRIMUS Im Schlaf. Wir redeten in irgendeiner fremden oder neuen Sprache, denn ich habe mir nicht ein Wort gemerkt.
HELENE Wovon?
PRIMUS Das weiß niemand. Ich selber verstand es nicht, und doch weiß ich, daß ich niemals etwas Schöneres gesagt habe. Wie es war und wo, das weiß ich nicht. Als ich dich berührte, glaubte ich zu sterben. Auch der Ort war anders als alles, was je auf Erden erblickt ward.
HELENE Ich habe einen Ort entdeckt, Primus, da wirst du staunen. Es haben dort Menschen gewohnt, aber jetzt ist es verwachsen und sein Lebtag kommt niemand mehr hin. Sein Lebtag niemand als nur ich.
PRIMUS Was ist dort?
HELENE Nichts, ein Häuschen und ein Garten. Und zwei Hunde. Wenn du sähest, wie sie mir die Hände lecken, und ihre Jungen, ach, Primus, es gibt vielleicht nichts Herrlicheres! Du nimmst sie auf den Schoß und wiegst sie, und dann denkst du an gar nichts mehr und kümmerst dich um nichts, bis die Sonne untergeht; wenn du dann aufstehst, so ist dir, als hättest du hundertmal mehr getan als viel Arbeit. Nein, sicher nicht, ich bin zu nichts fähig; jeder sagt, ich sei zu keiner Arbeit zu verwenden. Ich weiß nicht, wie ich bin.
PRIMUS Du bist schön.
HELENE Ich? Geh, Primus, was hast du da gesagt?
PRIMUS Glaube mir, Helene, ich bin stärker als alle Roboter.
HELENE _vor dem Spiegel_ Ich soll schön sein? Ach, die schrecklichen Haare, wenn ich etwas hineintun könnte! Weißt du, dort im Garten steckte ich mir immer Blumen ins Haar, aber dort ist weder ein Spiegel, noch jemand -- _Beugt sich zum Spiegel vor._ Du, du sollst schön sein? Warum schön? Sind die Haare schön, die dich nur belasten? Sind die Augen schön, die du schließest? Sind die Lippen schön, in die du nur beißest, damit es schmerze? Was ist das, wozu ist das: schön sein? -- _Erblickt Primus im Spiegel._ Primus, das bist du? Komm her, damit wir dort nebeneinander sind! Sieh, du hast einen anderen Kopf als ich, andere Schultern, einen anderen Mund -- Ach, Primus, warum weichst du mir aus? Warum muß ich dir den ganzen Tag nachlaufen? Und dann sagst du noch, ich sei schön!
PRIMUS Du läufst vor mir davon, Helene.
HELENE Wie bist du gekämmt? Zeig'! _Fährt ihm mit beiden Händen in die Haare._ Sss, Primus, nichts fühlt sich so an wie du! Warte, du mußt schön werden! _Nimmt vom Waschtisch einen Kamm und kämmt Primus die Haare in die Stirn._
PRIMUS Ist dir nicht manchmal, Helene, daß plötzlich dein Herz schlägt: Jetzt, jetzt muß etwas geschehen --
HELENE _beginnt zu lachen_ Sieh dich an!
ALQUIST _erhebt sich_ Was -- wie, Lachen? Menschen? Wer ist zurückgekehrt?
HELENE _läßt den Kamm fallen_ Was könnte mit uns geschehen, Primus!
ALQUIST _taumelt auf sie zu_ Menschen? Ihr -- ihr -- ihr seid Menschen?
HELENE _schreit auf und wendet sich ab_.
ALQUIST Ihr seid Verlobte? Menschen? Wo kommt ihr her? _Faßt Primus an._ Wer?
PRIMUS Roboter Primus.
ALQUIST Wie? Zeig' dich, Mädchen! Wer bist du?
PRIMUS Robotin Helene.
ALQUIST Robotin? Dreh' dich um! Was, du schämst dich? _Faßt sie am Arm._ Laß dich sehn, Robotin!
PRIMUS Loslassen, Herr!
ALQUIST Wie, du verteidigst sie? -- Geh hinaus, Mädchen!
_HELENE eilt hinaus._
PRIMUS Wir wußten nicht, Herr, daß du hier schläfst.
ALQUIST Wann wurde sie erzeugt?
PRIMUS Vor zwei Jahren.
ALQUIST Vom Doktor Gall?
PRIMUS Wie ich.
ALQUIST Nun denn, lieber Primus, ich -- -- -- ich habe gewisse Versuche an Galls Robotern zu machen. Alles weitere hängt davon ab, verstehst du?
PRIMUS Ja.
ALQUIST Gut, führe das Mädchen in den Seziersaal. Ich werde sie zerschneiden.
PRIMUS Helene?
ALQUIST Nun freilich, ich sag's dir doch. Geh, mach' alles bereit. -- Nun, wird es? Soll ich andere rufen, daß sie sie herbeischaffen?
PRIMUS _ergreift einen schweren Porzellanstößel_ Wenn du dich rührst, so zerschlage ich dir den Kopf!
ALQUIST Nun, zerschlag ihn! Zerschlag ihn doch! Was werden dann die Roboter machen?
PRIMUS _sinkt in die Knie_ Herr, nimm mich! Ich bin genau so gemacht wie sie, aus demselben Stoff, am selben Tage! Nimm dir mein Leben, Herr! _Entblößt die Brust._ Schneide hier, hier!
ALQUIST Geh, ich will Helene schneiden. Mach' rasch!
PRIMUS Nimm mich statt ihrer; zerschneide diese Brust, ich werde nicht schreien, nicht seufzen! Nimm hundertmal mein Leben --
ALQUIST Langsam, Knabe. Nicht so verschwenderisch. Willst denn du nicht leben?
PRIMUS Ohne sie nicht. Ohne sie will ich nicht, Herr. Du darfst Helene nicht töten! Was tut es dir, mir das Leben zu nehmen?
ALQUIST _berührt sanft sein Haupt_ Hm, ich weiß nicht -- Hör' mal, Bursche, überleg' es dir. Es ist schwer zu sterben. Und weißt du, es ist besser zu leben.
PRIMUS _erhebt sich_ Fürchte dich nicht, Herr, und schneide. Ich bin stärker als sie.
ALQUIST _klingelt_ Ach, Primus, wie lang ist's her, daß ich ein junger Mensch gewesen bin! Fürchte dich nicht. Helenen wird nichts geschehen.
PRIMUS _knöpft die Jacke auf_ Ich gehe, Herr.
ALQUIST Warte!
_HELENE tritt ein._
ALQUIST Komm her, Mädchen, laß dich anschauen! Also du bist Helene? _Streichelt ihr Haar._ Fürchte dich nicht, weich nicht zurück. Erinnerst du dich an Frau Domin? Ach, Helene, was hatte die für Haare! Nein, nein, du willst mich nicht ansehn. Also was, Mädchen, ist der Seziersaal aufgeräumt?
HELENE Ja, Herr.
ALQUIST Gut, du wirst mir helfen, nicht wahr? Ich werde Primus aufschneiden.
HELENE _schreit auf_ Primus?
ALQUIST Nun ja, ja, es muß sein, weißt du? Ich wollte -- eigentlich -- ja, ich wollte dich zerschneiden, aber Primus hat sich an deiner Stelle angeboten.
HELENE _verbirgt ihr Gesicht_ Primus?
ALQUIST Aber freilich, was liegt daran? Ach, Kind, du kannst weinen? -- Sag', was liegt an so einem Primus?
HELENE _leise_ Ich werde gehen.
ALQUIST Wohin?
HELENE Damit du mich zerschneidest.
ALQUIST Dich? Du bist schön, Helene. Es wäre schade um dich.
HELENE Ich gehe.
ALQUIST Bleib, Helene; gibt es etwas Stärkeres als das Leben?
HELENE _geht zum Seziersaal; Primus vertritt ihr den Weg_ Laß, Primus! Laß mich hin!
PRIMUS Du wirst nicht gehn, Helene! Ich bitte dich, geh fort, hier darfst du nicht sein!
HELENE Ich springe aus dem Fenster, Primus. Wenn du hingehst, so springe ich aus dem Fenster!
PRIMUS _hält sie fest_ Ich lasse dich nicht! _Zu Alquist_ Niemanden, Alter, wirst du töten!
ALQUIST Warum?
PRIMUS Wir -- wir -- gehören zueinander.
ALQUIST Du hast es gesagt. _Öffnet die Mitteltür._ Stille. Geht!
PRIMUS Wohin?
ALQUIST _flüsternd_ Wohin ihr wollt. Helene, führe ihn. _Schiebt sie hinaus._ Geh, Adam. Geh, Eva; du wirst ihm Weib sein. Sei du ihr Mann, Primus.
_Schließt hinter ihnen zu._
ALQUIST _allein_ Gesegneter Tag! _Geht auf den Fußspitzen zum Tisch und schüttet die Retorten auf die Erde._ Fest des sechsten Tages! _Setzt sich zum Schreibtisch, wirft die Bücher auf den Boden; dann öffnet er die Bibel und liest._ »Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde: zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie, einen Mann und ein Weib. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch, und füllet die Erde, und macht sie euch untertan, und herrschet über Fische im Meer und über Vögel unter dem Himmel und über alles Tier, das auf Erden kreucht. _Er erhebt sich._ Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.« _Er geht in die Mitte des Zimmers._ Der sechste Tag! Der Tag der Gnade! _Sinkt in die Knie._ Nun entlässest du, Herr, deinen Diener -- deinen überflüssigsten Diener Alquist! Werstand, Fabry, Gall, ihr großen Erfinder, was habt ihr ersonnen? Was habt ihr Großes erfunden gegen dies Mädchen, gegen diesen Knaben, gegen dies erste Paar, das die Liebe, Weinen, Lächeln, Lächeln der Liebe, Liebe des Mannes und Weibes erfand? Natur, Natur, das Leben wird nicht vergehen. Gott, das Leben wird nicht vergehen! Kameraden, Helene, das Leben, wird nicht vergehen! Wieder wird es aus Liebe begonnen, wird nackt und winzig begonnen; in der Wüste wird es Wurzel schlagen und nichts wird ihm bedeuten, was wir getan und gebaut, nichts die Städte und Fabriken, nichts unsere Kunst, nichts unsere Ideen, und doch wird es nicht untergehen! Nur wir sind untergegangen. Häuser und Maschinen werden zusammenstürzen, Systeme werden zerfallen und die Namen der Großen abblättern wie Laub; nur du, Liebe, blühest empor auf der Trümmerstätte und vertraust den Winden das Samenkörnchen des Lebens an. Nun wirst du, Herr, deinen Diener in Frieden entlassen; denn meine Augen gewahrten -- gewahrten -- deine Erlösung durch die Liebe -- und das Leben wird nicht untergehen. _Er erhebt sich._ Wird nicht untergehen! _Breitet die Arme aus._ Nicht untergehen!
VORHANG
+----------------------------------------------------------------+ | Anmerkungen zur Transkription | | | | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen | | gebräuchlich waren, wie: | | | | »anderer« -- »andrer« | | | | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. | | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: | | | | S. 10 »DOMIS« in »DOMIN« geändert. | | S. 19 »Pensylvania« in »Pennsylvania« geändert. | | S. 90 »Tote« in »Töte« geändert. | | | +----------------------------------------------------------------+