Vor Sonnenaufgang: Soziales Drama

Part 4

Chapter 43,682 wordsPublic domain

Helene. Es giebt wohl nur sehr wenige Menschen, die so veranlagt sind. -- Es muß ein Glück sein, mit solcher Veranlagung geboren zu sein.

Loth. Geboren wird man wohl auch nicht damit. Man kommt dazu durch die Verkehrtheit unserer Verhältnisse, scheint mir; -- nur muß man für das Verkehrte einen Sinn haben: _das_ ist es! Hat man den und leidet man so bewußt unter den verkehrten Verhältnissen, dann wird man mit Nothwendigkeit zu dem, was ich bin.

Helene. Wenn ich Sie nur besser .... welche Verhältnisse nennen Sie zum Beispiel verkehrt?

Loth. Es ist zum Beispiel verkehrt, wenn der im Schweiße seines Angesichts Arbeitende hungert und der Faule im Ueberflusse leben darf. -- Es ist verkehrt, den Mord im Frieden zu bestrafen und den Mord im Krieg zu belohnen. Es ist verkehrt, den Henker zu verachten und selbst, wie es die Soldaten thun, mit einem Menschenabschlachtungs-Instrument, wie es der Degen oder der Säbel ist, an der Seite stolz herumzulaufen. Den Henker, der das mit dem Beile thäte, würde man zweifelsohne steinigen. Verkehrt ist es dann, die Religion Christi, diese Religion der Duldung, Vergebung und Liebe, als Staatsreligion zu haben und dabei ganze Völker zu vollendeten Menschenschlächtern heranzubilden. Dies sind einige unter Millionen, müssen Sie bedenken. Es kostet Mühe, sich durch alle diese Verkehrtheiten hindurchzuringen; man muß früh anfangen.

Helene. Wie sind Sie denn nur so auf alles dies gekommen? Es ist so einfach und doch kommt man nicht darauf.

Loth. Ich mag wohl durch meinen Entwickelungsgang darauf gekommen sein, durch Gespräche mit Freunden, durch Lecture, durch eigenes Denken. Hinter die erste Verkehrtheit kam ich als kleiner Junge. Ich log mal sehr stark und bekam dafür die schrecklichsten Prügel von meinem Vater. Kurz darauf fuhr ich mit ihm auf der Eisenbahn, und da merkte ich, daß mein Vater auch log und es für ganz selbstverständlich hielt, zu lügen; ich war damals fünf Jahre und mein Vater sagte dem Schaffner, ich sei noch nicht vier, der freien Fahrt halber, welche Kinder unter vier Jahren genießen. Dann sagte der Lehrer auch mal: sei fleißig, halt Dich brav, dann wird es Dir auch unfehlbar gut gehen im Leben. Der Mann lehrte uns eine Verkehrtheit, dahinter kam ich sehr bald. Mein Vater war brav, ehrlich, durch und durch bieder, und ein Schuft, der noch jetzt als reicher Mann lebt, betrog ihn um seine paar Tausend Thaler. Bei eben diesem Schuft, der eine große Seifenfabrik besaß, mußte mein Vater sogar, durch die Noth getrieben, in Stellung treten.

Helene. Unsereins wagt es gar nicht -- wagt es gar nicht, so etwas für verkehrt anzusehen, höchstens ganz im Stillen empfindet man es. Man empfindet es oft sogar, und dann -- wird einem ganz verzweifelt zu Muth.

Loth. Ich erinnere mich einer Verkehrtheit, die mir ganz besonders klar als solche vor Augen trat. Bis dahin glaubte ich: der Mord werde unter allen Umständen als ein Verbrechen bestraft; danach wurde mir jedoch klar, daß nur die milderen Formen des Mordes ungesetzlich sind.

Helene. Wie wäre das wohl ....

Loth. Mein Vater war Siedemeister, wir wohnten dicht an der Fabrik, unsere Fenster gingen auf den Fabrikhof. Da sah ich auch noch manches außerdem. Es war ein Arbeiter, der fünf Jahre in der Fabrik gearbeitet hatte. Er fing an stark zu husten und abzumagern ... ich weiß, wie uns mein Vater bei Tisch erzählte: Burmeister -- so hieß der Arbeiter -- bekommt die Lungenschwindsucht, wenn er noch länger bei der Seifenfabrikation bleibt. Der Doktor hat es ihm gesagt. -- Der Mann hatte acht Kinder, und ausgemergelt wie er war, konnte er nirgends mehr Arbeit finden. Er _mußte_ also in der Seifenfabrik bleiben, und der Prinzipal that sich viel darauf zu gute, daß er ihn beibehielt. Er kam sich unbedingt äußerst human vor. -- Eines Nachmittags, im August, es war eine furchtbare Hitze, da quälte er sich mit einer Karre Kalk über den Fabrikhof. -- Ich sah gerade aus dem Fenster, da merke ich, wie er still steht -- wieder still steht und schließlich schlägt er lang auf die Steine. -- Ich lief hinzu -- mein Vater kam, andere Arbeiter kamen, aber er röchelte nur noch, und sein ganzer Mund war voll Blut. Ich half ihn ins Haus tragen. Ein Haufe kalkiger, nach allerhand Chemikalien stinkender Lumpen war er; bevor wir ihn im Hause hatten, war er schon gestorben.

Helene. Ach, schrecklich ist das.

Loth. Kaum acht Tage später zogen wir seine Frau aus dem Fluß, in den die verbrauchte Lauge unserer Fabrik abfloß. -- Ja, Fräulein! wenn man dies alles kennt, wie ich es _jetzt_ kenne -- glauben Sie mir! -- dann läßt es einem keine Ruhe mehr. Ein einfaches Stückchen Seife, bei dem sich in der Welt sonst Niemand etwas denkt, ja, ein paar rein gewaschene, gepflegte Hände schon können einen in die bitterste Laune versetzen.

Helene. Ich hab auch mal so was gesehen. Hu! schrecklich war das, _schrecklich_!

Loth. Was?

Helene. Der Sohn von einem Arbeitsmann wurde halbtodt hier hereingetragen. Es ist nun ... drei Jahre vielleicht ist es her.

Loth. War er verunglückt?

Helene. Ja, drüben im Bärenstollen.

Loth. Ein Bergmann also?

Helene. Ja, die meisten jungen Leute hier herum gehen auf die Grube. -- Ein zweiter Sohn desselben Vaters war auch Schlepper und ist auch verunglückt.

Loth. Beide todt?

Helene. Beide todt .... Einmal riß etwas an der Fahrkunst, das andere Mal waren es schlagende Wetter. -- Der alte Beibst hat aber noch einen dritten Sohn, der fährt auch seit Ostern ein.

Loth. Was Sie sagen! -- hat er nichts dawider?

Helene. Gar nichts, nein! Er ist nur jetzt noch weit mürrischer als früher. Haben Sie ihn nicht schon gesehen?

Loth. Wieso ich?

Helene. Er saß ja heut früh nebenan, unter der Durchfahrt.

Loth. Ach! -- wie? .. Er arbeitet hier im Hofe?

Helene. Schon seit Jahren.

Loth. Er hinkt?

Helene. Ziemlich stark sogar.

Loth. Soosoo. -- Was ist ihm denn da passirt, mit dem Bein?

Helene. Das ist 'ne heikle Geschichte. Sie kennen doch den Herrn Kahl? ... da muß ich Ihnen aber ganz nahe kommen. Sein Vater, müssen Sie wissen, war genau so ein Jagdnarr wie er. Er schoß hinter den Handwerksburschen her, die auf den Hof kamen, wenn auch nur in die Luft, um ihnen Schrecken einzujagen. Er war auch sehr jähzornig, wissen Sie; wenn er getrunken hatte, erst recht. Nu hat wohl der Beibst mal gemuckscht -- er muckscht gern, wissen Sie, -- und da hat der Bauer die Flinte zu packen gekriegt und ihm eine Ladung gegeben. Beibst, wissen Sie, war nämlich früher beim Nachbar Kahl für Kutscher.

Loth. Frevel über Frevel, wohin man hört.

Helene (immer unsicherer und erregter). Ich hab auch schon manchmal so bei mir gedacht .... sie haben mir alle mitunter schon so furchtbar leid gethan --: der alte Beibst und ..... Wenn die Bauern so roh und dumm sind wie der -- wie der Streckmann, der -- läßt seine Knechte hungern und füttert die Hunde mit Conditorzeug. Hier bin ich wie dumm, seit ich aus der Pension zurück bin ... Ich hab auch mein Päckchen! -- aber ich rede ja wohl Unsinn, -- es interessirt Sie ja gar nicht -- Sie lachen mich im Stillen bloß aus.

Loth. Aber Fräulein, wie können Sie nur .... weshalb sollte ich Sie denn ....

Helene. Nun, etwa nicht? Sie denken doch: die ist auch nicht besser wie die Anderen hier.

Loth. Ich denke von Niemand schlecht, Fräulein!

Helene. Das machen Sie mir nicht weis .... nein, nein!

Loth. Aber Fräulein! wann hatte ich Ihnen Veranlassung ...

Helene (nahe am Weinen). Ach, reden Sie doch nicht! Sie verachten uns, verlassen Sie sich d'rauf -- Sie müssen uns ja doch verachten, -- (weinerlich) -- den Schwager mit, _mich_ mit. _Mich_ vor allen Dingen und dazu, da -- zu haben Sie wahr... wahrhaftig auch Grund. (Sie wendet Loth schnell den Rücken und geht, ihrer Bewegung nicht mehr Herr, durch den Obstgarten nach dem Hintergrunde zu ab. Loth tritt durch das Pförtchen und folgt ihr langsam.)

Frau Krause (in überladener Morgentoilette, puterroth im Gesicht, aus der Hausthür, schreit). Doas Loaster vu Froovulk! Marie! Ma--rie!! unter men'n Dache? Weg muß doas Froovulk! (Sie rennt über den Hof und verschwindet in der Stallthür. _Frau Spiller_, mit Häkelarbeit, erscheint in der Hausthür. Im Stalle hört man Schimpfen und Heulen.)

Frau Krause (die heulende Magd vor sich hertreibend, aus dem Stall). Du Hurenfroovulk Du! -- (Die Magd heult stärker) -- uuf der Stelle 'naus! Sich Deine sieba Sacha z'samma und dann 'naus! (Helene, mit rothen Augen kommt durch den Thorweg, bemerkt die Scene und steht abwartend still.)

Die Magd (entdeckt Frau Spiller, wirft Schemel und Milchgelte weg und geht wüthend auf sie zu). Doas biin iich Ihn'n schuldig! Doas war iich Ihn'n eitränka!! (Sie rennt schluchzend davon, die Bodentreppe hinauf. Ab.)

Helene (zu Frau Krause tretend). Was hat sie denn gemacht?

Frau Krause (grob). Gieht's Diich oan, Goans?

Helene (heftig, fast weinend). Ja, mich geht's an.

Frau Spiller (schnell hinzutretend). Mein gnädiges Fräulein, so etwas ist nicht für das Ohr eines jungen Mädchens wie ...

Frau Krause. Worum ok ne goar, Spillern! die iis au ne vu Marzepane. Mit'n Grußknecht zusoamma gelah'n hot se ei en Bette. Do wißt de's.

Helene (in befehlendem Tone). Die Magd wird aber _doch_ bleiben.

Frau Krause. Weibsstück!

Helene. Gut! dann will ich dem Vater erzählen, daß Du mit Kahl Wilhelm die Nächte ebenso verbringst.

Frau Krause (schlägt ihr eine Maulschelle). Du hust' an' Denkzettel!

Helene (todtbleich, aber noch fester). Die Magd bleibt aber _doch_, sonst ... sonst bring ich's herum! Mit Kahl Wilhelm, Du! Dein Vetter ... mein Bräut'jam ... Ich bring's herum.

Frau Krause (mit wankender Fassung). Wer koan doas soa'n?

Helene. Ich! Denn ich hab ihn heut Morgen aus Deinem Schlafzimmer ..... (Schnell ab ins Haus.)

Frau Krause, taumelnd, nahe einer Ohnmacht. Frau Spiller mit Riechfläschchen zu ihr.

Frau Spiller. Gnädige Frau, gnädige Frau!

Frau Krause. Sp...illern, die Moa'd sss... sool dooblei'n.

Der Vorhang fällt schnell.

Dritter Akt.

Zeit: wenige Minuten nach dem Vorfall zwischen Helene und ihrer Stiefmutter im Hofe. Der Schauplatz ist der des ersten Vorgangs.

_Dr. Schimmelpfennig_ sitzt, ein Recept schreibend, Schlapphut, Zwirnhandschuhe und Stock vor sich auf der Tischplatte, an dem Tisch links im Vordergrunde. Er ist von Gestalt klein und gedrungen, hat schwarzes Wollhaar und einen ziemlich starken Schnurrbart. Schwarzer Rock im Schnitt der Jägerschen Normalröcke. Die Kleidung im Ganzen solid, aber nicht elegant. Hat die Gewohnheit, fast ununterbrochen seinen Schnurrbart zu streichen oder zu drehen, um so stärker, je erregter er innerlich wird. Sein Gesichtsausdruck, wenn er mit Hoffmann redet, ist gezwungen ruhig, ein Zug von Sarkasmus liegt um seine Mundwinkel. Seine Bewegungen sind lebhaft, fest und eckig, durchaus natürlich. Hoffmann, in seidenem Schlafrock und Pantoffeln, geht umher. Der Tisch rechts im Hintergrunde ist zum Frühstück hergerichtet. Feines Porzellan. Gebäck. Rumcaraffe etc.

Hoffmann. Herr Doktor, sind Sie mit dem Aussehen meiner Frau zufrieden?

Dr. Schimmelpfennig. Sie sieht ja ganz gut aus, warum nicht.

Hoffmann. Denken Sie, daß alles gut vorüber gehen wird?

Dr. Schimmelpfennig. Ich hoffe.

Hoffmann (nach einer Pause, zögernd). Herr Doktor, ich habe mir vorgenommen -- schon seit Wochen -- Sie, sobald ich hierher käme, in einer ganz bestimmten Sache um Ihren Rath zu bitten.

Dr. Schimmelpfennig, (der bis jetzt unter dem Schreiben geantwortet hat, legt die Feder beiseite, steht auf und übergiebt Hoffmann das geschriebene Recept). So! ... das lassen Sie wohl bald machen; -- (indem er Hut, Handschuhe und Stock nimmt) -- über Kopfschmerz klagt Ihre Frau, -- (in seinen Hut blickend, geschäftsmäßig) -- ehe ich es vergesse: suchen Sie doch Ihrer Frau begreiflich zu machen, daß sie für das kommende Lebewesen einigermaßen verantwortlich ist. Ich habe ihr bereits selbst einiges gesagt -- über die Folgen des Schnürens.

Hoffmann. Ganz gewiß, Herr Doktor ... ich will ganz gewiß mein Möglichstes thun, ihr ...

Dr. Schimmelpfennig (sich ein wenig linkisch verbeugend). Empfehle mich. (Geht, bleibt wieder stehen.) Ach so! ... Sie wollten ja meinen Rath hören. (Er blickt Hoffmann kalt an.)

Hoffmann. Ja, wenn Sie noch einen Augenblick Zeit hätten ... (Nicht ohne Affectirtheit.) Sie kennen das entsetzliche Ende meines ersten Jungen. Sie haben es ja ganz aus der Nähe gesehen. Wie weit _ich_ damals war, wissen Sie ja wohl auch. -- Man glaubt es nicht, dennoch: die Zeit mildert! ... Schließlich habe ich sogar noch Grund zur Dankbarkeit, mein sehnlichster Wunsch soll, wie es scheint, erfüllt werden. Sie werden begreifen, daß ich alles thun muß ... Es hat mich schlaflose Nächte genug gekostet und doch weiß ich noch nicht, noch _immer_ nicht, wie ich es anstellen soll, um das jetzt noch ungeborene Geschöpf vor dem furchtbaren Schicksale seines Brüderchens zu bewahren. Und das ist es, weshalb ich Sie ...

Dr. Schimmelpfennig (trocken und geschäftsmäßig). Von seiner Mutter trennen: Grundbedingung einer gedeihlichen Entwickelung.

Hoffmann. Also doch?! -- Meinen Sie, völlig trennen? ... Soll es auch nicht in demselben Hause mit ihr ...?

Dr. Schimmelpfennig. Nein, wenn es Ihnen ernst ist um die Erhaltung Ihres Kindes, dann nicht. Ihr Vermögen gestattet Ihnen ja in dieser Beziehung die freieste Bewegung.

Hoffmann. Gott sei Dank, ja! Ich habe auch schon in der Nähe von Hirschberg eine Villa mit sehr großem Park angekauft. Nur wollte ich auch meine Frau ...

Dr. Schimmelpfennig (dreht seinen Bart und starrt auf die Erde. Unter Nachdenken.) Kaufen Sie doch Ihrer Frau irgend wo anders eine Villa ...

Hoffmann (zuckt die Achseln).

Dr. Schimmelpfennig (wie vorher). Können Sie nicht -- Ihre Schwägerin -- für die Aufgabe, dieses Kind zu erziehen, interessiren?

Hoffmann. Wenn Sie wüßten, Herr Doktor, was für Hindernisse ... außerdem: ein unerfahrenes, junges Ding ... Mutter ist doch Mutter.

Dr. Schimmelpfennig. Sie wissen meine Meinung. Empfehle mich.

Hoffmann (mit Ueberfreundlichkeit um ihn herum complimentirend). Empfehle mich ebenfalls! Ich bin Ihnen äußerst dankbar ...

Beide ab durch die Mittelthür.

_Helene_, das Taschentuch vor den Mund gepreßt, schluchzend, außer sich, kommt herein und läßt sich auf das Sopha links vorn hinfallen. Nach einigen Augenblicken tritt Hoffmann, Zeitungsblätter in den Händen haltend, abermals ein.

Hoffmann. Was ist denn _das_ --? Sag' mal, Schwägerin! soll denn das noch lange so fort gehen? -- Seit ich hier bin, vergeht nicht ein Tag, an dem ich Dich nicht weinen sehe.

Helene. Ach! -- was weißt Du!? -- Wenn Du überhaupt Sinn für so was hätt'st, dann würd'st Du Dich vielmehr wundern, wenn ich mal nicht weinte.

Hoffmann. -- Das leuchtet mir nicht ein, Schwägerin!

Helene. Mir um so mehr!

Hoffmann. ... Es muß doch wieder was passirt sein, hör' mal!

Helene (springt auf, stampft mit dem Fuße). Pfui! Pfui! ... und ich mag's nicht mehr leiden ... Das hört auf! Ich lasse mir das nicht mehr bieten! Ich sehe nicht ein warum ... ich ... (im Weinen erstickend).

Hoffmann. Willst Du mir denn nicht wenigstens sagen, worum sich's handelt, damit ...

Helene (auf's Neue heftig ausbrechend). Alles ist mir egal! Schlimmer kann's nicht kommen: -- einen Trunkenbold von Vater hat man, ein Thier -- vor dem die .... die eigene Tochter nicht sicher ist. -- Eine ehebrecherische Stiefmutter, die mich an ihren Galan verkuppeln möchte .. Dieses ganze Dasein überhaupt. -- Nein --! ich sehe nicht ein, wer mich zwingen kann, durchaus schlecht zu werden. Ich gehe fort! Ich renne fort -- und wenn Ihr mich nicht loslaßt, dann .... Strick, Messer, Revolver! .... mir egal! -- ich will nicht auch zum Branntwein greifen wie meine Schwester.

Hoffmann (erschrocken, packt sie am Arm). Lene! .... Ich sag' Dir, still! ... davon still!

Helene. Mir egal! .... mir ganz egal! -- Man ist ... man muß sich schämen bis in die Seele 'nein. -- Man möchte was wissen, was sein, was sein können -- und was ist man nu?

Hoffmann, (der ihren Arm noch nicht wieder losgelassen, fängt an, das Mädchen allmählich nach dem Sopha hinzudrängen. Im Tone seiner Stimme liegt nun plötzlich eine weichliche, übertriebene, gleichsam vibrirende Milde.) _Lenchen_ --! Ich weiß ja recht gut, daß Du hier manches auszustehen hast. Sei nur ruhig ...! Brauchst es mir gar nicht zu sagen. (Er legt die Rechte liebkosend auf ihre Schulter, bringt sein Gesicht nahe dem ihren.) Ich kann Dich gar nicht weinen sehen. Wahrhaftig! -- 's thut mir weh. Sieh doch nur aber die Verhältnisse nicht schwärzer, als sie sind --; und dann: -- hast Du vergessen, daß wir beide -- Du und ich -- so zu sagen in der gleichen Lage sind? -- Ich bin in diese Bauernatmosphäre hinein gekommen .... passe ich hinein? Genau so wenig wie Du hoffentlich.

Helene (immer noch weinend). Hätte mein -- gutes -- M -- Muttelchen das geahnt -- als sie .... als sie bestimmte -- daß ich in Herrnhut -- erzogen .... erzogen werden sollte. Hätte sie -- mich lieber ... mich lieber zu Hause gelassen, dann hätte ich ... hätte ich wenigstens -- nichts Anderes kennen gelernt, wäre in dem Sumpf hier auf.... aufgewachsen --. Aber so ...

Hoffmann (hat Helene sanft auf das Sopha gezwungen und sitzt nun, eng an sie gedrängt, neben ihr. Immer auffälliger verräth sich in seinen Tröstungen das sinnliche Element.) Lenchen --! Sieh mich an, laß das gut sein, tröste Dich mit mir. -- Ich brauch' Dir von Deiner Schwester nicht zu sprechen. (Heiß und mit Innigkeit, indem er sie enger umschlingt.) Ja, wäre sie wie _Du_ bist! ... So aber ... sag' selbst: was kann _sie_ mir sein? -- Wo lebt ein Mann, Lenchen, ein gebildeter Mann, -- (leiser) -- dessen Frau von einer so unglückseligen Leidenschaft befallen ist? -- Man darf es gar nicht laut sagen: eine Frau -- und -- Branntwein ... Nun, sprich, bin ich glücklicher? .... Denk an mein Fritzchen! -- Nun? ... bin ich am Ende besser dran, wie? ... (Immer leidenschaftlicher.) Siehst Du: so hat's das Schicksal schließlich noch gut gemeint. Es hat uns zu einander gebracht. -- Wir gehören für einander! Wir sind zu Freunden voraus bestimmt, mit unsren gleichen Leiden. Nicht, Lenchen? (Er umschlingt sie ganz. Sie läßt es geschehen, aber mit einem Ausdruck, der besagt, daß sie sich zum Dulden zwingt. Sie ist still geworden und scheint mit zitternder Spannung etwas zu erwarten, irgend eine Gewißheit, eine Erfüllung, die unfehlbar herankommt.)

Hoffmann (zärtlich). Du solltest meinem Vorschlag folgen, solltest dies Haus verlassen, bei uns wohnen. -- Das Kindchen, das kommt, braucht eine Mutter. -- Komm! sei Du ihm das; -- (leidenschaftlich gerührt, sentimental) -- sonst hat es eben keine Mutter. Und dann: -- bring ein wenig, nur ein ganz, ganz klein wenig Licht in mein Leben. _Thuu's! -- thu -- 's!_ (Er will seinen Kopf an ihre Brust lehnen. Sie springt auf, empört. In ihren Mienen verräth sich Verachtung, Ueberraschung, Ekel, Haß.)

Helene. Schwager! Du bist, Du bist ... Jetzt kenn ich Dich durch und durch. Bisher hab ich's nur so dunkel gefühlt. Jetzt weiß ich's ganz gewiß.

Hoffmann (überrascht, fassungslos). Was ...? Helene ... -- einzig, wirklich.

Helene. Jetzt weiß ich ganz gewiß, daß Du nicht um ein Haar besser bist .... was denn! schlechter bist Du, der schlecht'ste von allen hier!

Hoffmann (steht auf, mit angenommener Kälte). Dein Betragen heut ist sehr eigenthümlich, weißt Du!

Helene (tritt nahe zu ihm). Du gehst doch nur auf das eine Ziel los. (Halblaut in sein Ohr.) Aber Du hast ganz andere Waffen als Vater und Stiefmutter oder der ehrenfeste Herr Bräutigam, ganz andere. Gegen Dich gehalten sind sie Lämmer, alle mit 'nander. Jetzt, jetzt auf einmal, jetzt eben ist mir das sonnenklar geworden.

Hoffmann (in erheuchelter Entrüstung). Lene! Du bist .... Du bist nicht bei Trost, das ist ja heller Wahn.... (Er unterbricht sich, schlägt sich vor den Kopf.) Gott, wie wird mir denn auf einmal, natürlich! ... Du hast .... es ist freilich noch sehr früh am Tage, aber ich wette, Du hast .... Helene, Du hast heut früh schon mit Alfred Loth geredet.

Helene. Weshalb sollte ich denn nicht mit ihm geredet haben? Es ist ein Mann, vor dem wir uns alle verstecken müßten vor Scham, wenn es mit rechten Dingen zuginge.

Hoffmann. Also wirklich! ... Ach sooo! .... na jaaa! .. allerdings ... da darf ich mich weiter nicht wundern -- So, so, so, hat also die Gelegenheit benützt, über seinen Wohlthäter 'n bischen herzuziehen. Man sollte immer auf dergleichen gefaßt sein, freilich!

Helene. Schwager! das ist nun geradezu _gemein_.

Hoffmann. Finde ich beinah auch!

Helene. Kein Sterbenswort, nicht ein Sterbenswort hat er gesagt über Dich.

Hoffmann (ohne darauf einzugehen). Wenn die Sachen _so_ liegen, dann ist es geradezu meine Pflicht, ich sage, meine Pflicht, als Verwandter, einem so unerfahrenen Mädchen gegenüber wie Du bist .....

Helene. Unerfahrenes Mädchen --? Wie Du mir vorkommst!

Hoffmann (aufgebracht). Auf meine Verantwortung ist Loth hier in's Haus gekommen. Nun mußt Du wissen: -- er ist -- gelinde gesprochen -- ein höchst ge--fähr--licher Schwärmer, dieser Herr Loth.

Helene. Daß Du das von Herrn Loth sagst, hat für mich so etwas -- Verkehrtes -- etwas lächerlich Verkehrtes.

Hoffmann. Ein Schwärmer, der die Gabe hat, nicht nur Weibern, sondern auch _vernünftigen_ Leuten die Köpfe zu verwirren.

Helene. Siehst Du: _wieder_ so eine Verkehrtheit! Mir ist es nach den wenigen Worten, die ich mit Herrn Loth geredet habe, so wohlthuend klar im Kopfe ....

Hoffmann (im Tone eines Verweises). Was ich Dir sage, ist durchaus nichts Verkehrtes.

Helene. Man muß für das Verkehrte einen Sinn haben, und den hast Du eben nicht.

Hoffmann (wie vorher). Davon ist jetzt nicht die Rede. Ich erkläre Dir nochmals, daß ich Dir nichts Verkehrtes sage, sondern etwas, was ich Dich bitten muß, als thatsächlich wahr hinzunehmen .... Ich habe es an mir erfahren: er benebelt einem den Kopf, und dann schwärmt man von Völkerverbrüderung, von Freiheit und Gleichheit, setzt sich über Sitte und Moral hinweg .... Wir wären damals um dieser Hirngespinste willen -- weiß der Himmel -- über die Leichen unserer Eltern hinweggeschritten, um zum Ziele zu gelangen. Und er, sage ich Dir, würde erforderlichen Falls noch heute dasselbe thun.

Helene. Wie viele Eltern mögen wohl alljährlich über die Leichen ihrer Kinder schreiten, ohne daß Jemand ....

Hoffmann (ihr in die Rede fallend). Das ist Unsinn! Da hört _alles_ auf! ... Ich sage Dir, nimm Dich vor ihm in Acht, in jeder .... ich sage ganz ausdrücklich, in _jeder_ Beziehung. -- Von moralischen Skrupeln ist da keine Spur.

Helene. Ne, wie verkehrt dies nun wieder ist. Glaub' mir, Schwager, fängt man erst mal an d'rauf zu achten .... es ist so schrecklich interessant .....

Hoffmann. Sag' doch, was Du willst, gewarnt bist Du nun. Ich will Dir nur noch ganz im Vertrauen mittheilen: ein Haar, und ich wäre damals durch ihn und mit ihm greulich in die Tinte gerathen.

Helene. Wenn dieser Mensch so gefährlich ist, warum freutest Du Dich denn gestern so aufrichtig, als ....

Hoffmann. Gott ja, er ist eben ein Jugendbekannter! Weißt Du denn, ob nicht ganz bestimmte Gründe vorlagen ....

Helene. Gründe? Wie denn?

Hoffmann. Nur so. -- Käme er allerdings heut und wüßte ich, was ich jetzt weiß --

Helene. Was weißt Du denn nur? Ich sagte Dir doch bereits, er hat kein Sterbenswort über Dich verlauten lassen.

Hoffmann. -- Verlaß Dich d'rauf! Ich hätte mir's zweimal überlegt und mich wahrscheinlich sehr in Acht genommen, ihn hier zu behalten. Loth ist und bleibt 'n Mensch, dessen Umgang compromittirt. Die Behörden haben ihn im Auge.

Helene. Ja, hat er denn ein Verbrechen begangen?

Hoffmann. Sprechen wir lieber darüber nicht. Laß es Dir genug sein, Schwägerin, wenn ich Dir die Versicherung gebe: mit Ansichten, wie er sie hat, in der Welt umherzulaufen, ist heutzutage weit schlimmer und vor allem gefährlicher als stehlen.