Vor Sonnenaufgang: Soziales Drama
Part 3
Hoffmann (das nunmehr eingetretene peinliche Schweigen unterbrechend zu Loth). Ja .. von was sprachen wir doch? ... Richtig! -- vom biederen Alkohol. (Er hebt sein Glas.) Nun, Mama: Frieden! -- Komm, stoßen wir an, -- seien wir friedlich, -- machen wir dem Alkohol Ehre, indem wir friedlich sind. (Frau Krause, wenn auch etwas widerwillig, stößt doch mit ihm an. Hoffmann, zu Helene gewendet.) Was, Helene?! -- Dein Glas ist leer? ... Ei der Tausend, Loth! Du hast Schule gemacht.
Helene. Ach ... nein ... ich ...
Frau Spiller. Mein gnädiges Fräulein, so etwas läßt tief ....
Hoffmann. Aber Du warst doch sonst keine von den Zimperlichen.
Helene (batzig). Ich hab eben heut keine Neigung zum Trinken, _einfach_!
Hoffmann. Bitte, bitte, bitte _seeehr_ um Verzeihung ... Ja, von was sprachen wir doch?
Loth. Wir sprachen davon, daß es Trinkerfamilien gäbe.
Hoffmann (aufs Neue betreten). Schon recht, schon recht, aber ...
Man bemerkt zunehmenden Aerger in dem Benehmen der Frau Krause, während Herr Kahl sichtlich Mühe hat, das Lachen über etwas, das ihn innerlich furchtbar zu amüsiren scheint, zurückzuhalten. Helene beobachtet Kahl ihrerseits mit brennenden Augen und bereits mehrmals hat sie durch einen drohenden Blick Kahl davon zurückgehalten etwas auszusprechen, was ihm so zu sagen auf der Zunge liegt. Loth, ziemlich gleichmüthig, mit Schälen eines Apfels beschäftigt, bemerkt von alledem nichts.
Loth. Ihr scheint übrigens hier ziemlich damit gesegnet zu sein.
Hoffmann (nahezu fassungslos). Wieso ... mit ... mit was gesegnet?
Loth. Mit Trinkern natürlicherweise.
Hoffmann. Hm! ... meinst Du? ... ach ... jaja ..., allerdings, die Bergleute .....
Loth. Nicht nur die Bergleute. Zum Beispiel hier in dem Wirthshaus, wo ich abstieg, bevor ich zu Dir kam, da saß ein Kerl so: (Er stützt beide Ellenbogen auf den Tisch, nimmt den Kopf in die Hände und stiert auf die Tischplatte.)
Hoffmann. Wirklich? (Seine Verlegenheit hat den höchsten Grad erreicht; Frau Krause hustet, Helene starrt noch immer auf Kahl, welcher jetzt am ganzen Körper vor innerlichem Lachen bebt, sich aber doch noch so weit bändigt, nicht laut herauszuplatzen.)
Loth. Es wundert mich, daß Du dieses -- Original -- könnte man beinahe sagen, noch nicht kennst. Das Wirthshaus ist ja gleich hier nebenan das. Mir wurde gesagt, es sei ein hiesiger steinreicher Bauer, der seine Tage und Jahre buchstäblich in diesem selben Gastzimmer mit Schnapstrinken zubrächte. Das reine Thier ist er natürlich. Diese furchtbar öden, versoffenen Augen, mit denen er mich anstierte.
Kahl, der bis hierher sich zurückgehalten hat, bricht in ein rohes, lautes, unaufhaltsames Gelächter aus, so daß Loth und Hoffmann, starr vor Staunen, ihn anblicken.
Kahl (unter dem Lachen hervorstammelnd). Woahrhaftig! das is ja ... das is ja woahrhaftig der ... der Alte gewesen.
Helene (ist entsetzt und empört aufgesprungen. Zerknüllt die Serviette und schleudert sie auf den Tisch. Bricht aus.) Sie sind ... -- (macht die Bewegung des Ausspeiens) -- _pfui_! (Sie geht schnell ab.)
Kahl (die aus dem Bewußtsein eine große Dummheit gemacht zu haben, entstandene Verlegenheit gewaltsam abreißend). Ach woas! ... Unsinn! 's iis ju zu tumm! -- Iich gieh menner Wege. (Er setzt seinen Hut auf und sagt, indem er abgeht, ohne sich noch einmal umzuwenden:) 'n Obend!
Frau Krause (ruft ihm nach). Koan Der'sch nich verdenken, Willem! (Sie legt die Serviette zusammen und ruft dabei.) Miele! (Miele kommt.) Räum ab! (Für sich, aber doch laut.) Su ane Gans.
Hoffmann (etwas aufgebracht). Ich muß aber doch ehrlich sagen, Mama! ..
Frau Krause. Mahr Dich aus. (Steht auf, schnell ab.)
Frau Spiller. Die gnädige Frau -- m -- haben heut manches häusliche Aergerniß gehabt -- m --. Ich empfehle mich ganz ergebenst. (Sie steht auf und betet still, unter Augenaufschlag, dann ab.)
Miele und Eduard decken den Tisch ab. Hoffmann ist aufgestanden und kommt mit einem Zahnstocher im Mund nach dem Vordergrund, Loth folgt ihm.
Hoffmann. Ja, siehst Du, so sind die Weiber!
Loth. Ich begreife gar nichts von alledem.
Hoffmann. Ist auch nicht der Rede werth. -- So etwas kommt wie bekannt in den allerfeinsten Familien vor. Das darf Dich nicht abhalten ein paar Tage bei uns ...
Loth. Hätte gern Deine Frau kennen gelernt, warum läßt sie sich denn nicht blicken?
Hoffmann (die Spitze einer frischen Cigarre abschneidend). Du begreifst, in ihrem Zustand ... die Frauen lassen nun mal nicht von der Eitelkeit. Komm! wollen uns draußen im Garten bischen ergehen. -- Eduard! den Kaffee in die Laube.
Eduard. Sehr wohl.
Hoffmann und Loth ab durch den Wintergarten. Eduard ab durch die Mittelthür, hierauf Miele, ein Brett voll Geschirr tragend, ebenfalls ab durch die Mittelthür. Einige Augenblicke bleibt das Zimmer leer, dann erscheint
Helene (erregt, mit verweinten Augen, das Taschentuch vor den Mund haltend. Von der Mittelthür, durch welche sie eingetreten ist, macht sie hastig ein paar Schritte nach links und lauscht an der Thür von Hoffmann's Zimmer.) Oh! nicht fort! (Da sie hier nichts vernimmt, fliegt sie zur Thür des Wintergartens hinüber, wo sie ebenfalls mit gespanntem Ausdruck einige Secunden lauscht. Bittend und mit gefalteten Händen inbrünstig.) Oh! nicht fort, geh nicht fort!
Der Vorhang fällt.
Zweiter Akt.
Morgens gegen vier Uhr.
Im Wirthshaus sind die Fenster erleuchtet, ein grau-fahler Morgenschein durch den Thorweg, der sich ganz allmählich im Laufe des Vorgangs zu einer dunklen Röthe entwickelt, die sich dann, eben so allmählich, in helles Tageslicht auflöst. Unter dem Thorweg, auf der Erde sitzt _Beibst_ (etwa 60jährig) und dengelt seine Sense. Wie der Vorhang aufgeht, sieht man kaum mehr als seine Silhouette, die gegen den grauen Morgenhimmel absticht, vernimmt aber das eintönige, ununterbrochene, regelmäßige Aufschlagen des Dengelhammers auf den Dengelambos. Dieses Geräusch bleibt während einiger Minuten allein hörbar, hierauf die feierliche Morgenstille, unterbrochen durch das Geschrei aus dem Wirthshaus abziehender Gäste. Die Wirthshausthür fliegt krachend ins Schloß. Die Lichter in den Fenstern verlöschen. Hundebellen fern, Hähne krähen laut durcheinander. Auf dem Gange vom Wirthshaus her wird eine dunkle Gestalt bemerklich, dieselbe bewegt sich in Zickzacklinien dem Hofe zu; es ist der Bauer Krause, welcher wie immer als letzter Gast das Wirthshaus verlassen hat.
Bauer Krause (ist gegen den Gartenzaun getaumelt, klammert sich mit den Händen daran fest und brüllt mit einer etwas näselnden, betrunkenen Stimme nach dem Wirthshaus zurück). 's Gaartla iis _mei_--ne! ... d'r Kratsch'm iis _mei_--ne ... du Gostwerthlops! Dohie hä! (Er macht sich, nachdem er noch einiges Unverständliche gemurmelt und geknurrt hat, vom Zaune los und stürzt in den Hof, wo er glücklich den Sterzen eines Pfluges zu fassen bekommt.) 's 'Gittla iis _mei_--ne. (Er quasselt halb singend.) Trink ... ei ... Briderla, trink ... ei ... 'iderla, Branntw... wwein ... 'acht Kurasche. Dohie hä -- (laut brüllend) -- bien iich nee a hibscher Moan? .... Hoa iich nee a hibsch Weibla dohie hä? ... Hoa iich nee a poar hibsche Madel?
Helene (kommt hastig aus dem Hause. Man sieht, sie hat an Kleidern nur umgenommen, soviel in aller Eile ihr möglich gewesen war.) Papa! ... lieber Papa!! so komm doch schon. (Sie faßt ihn unterm Arm, versucht ihn zu stützen und ins Haus zu ziehen.) K--omm doch ... nur ... schn--ell in's Haus, komm doch n--ur schn--ell! Ach!
Bauer Krause (hat sich aufgerichtet, versucht gerade zu stehen, bringt mit einiger Mühe und unter Zuhilfenahme beider Hände einen ledernen, strotzenden Geldbeutel aus der Tasche seiner Hose. In dem ein wenig helleren Morgenlichte erkennt man die sehr schäbige Bekleidung des etwa 50jährigen Mannes, die um nichts besser ist, als die des allergeringsten Landarbeiters. Er ist im bloßen Kopf, sein graues, spärliches Haar ungekämmt und struppig. Das schmutzige Hemd steht bis auf den Nabel herab weit offen; an einem einzigen gestickten Hosenträger hängt die ehemals gelbe, jetzt schmutzig glänzende, an den Knöcheln zugebundene Lederhose; die nackten Füße stecken in einem Paar gestickter Schlafschuhe, deren Stickerei noch sehr neu zu sein scheint. Jacke und Weste trägt der Bauer nicht, die Hemdärmel sind nicht zugeknöpft. Nachdem er den Geldbeutel glücklich herausgebracht hat, setzt er ihn mit der rechten mehrmals auf die Handfläche der linken Hand, so daß das Geld darin laut klimpert und klingt, dabei fixirt er seine Tochter mit lascivem Blicke.) Dohie hä! 's Gald iis _mei_--neee! hä? Mech'st a poar Thoalerla?
Helene. Ach, gr--oßer Gott! (Sie versucht mehrmals vergebens, ihn mitzuziehen. Bei einem dieser Versuche umarmt er sie mit der Plumpheit eines Gorillas und macht einige unzüchtige Griffe. Helene stößt unterdrückte Hilfeschreie aus.) Gl--eich läßt Du l--os! Laß l--os! bitte, Papa, ach! (Sie weint, schreit dann, plötzlich in äußerster Angst, Abscheu und Wuth:) Thier, Schwein!
Sie stößt ihn von sich. Der Bauer fällt langhin auf die Erde. Beibst kommt von seinem Platz unter dem Thorweg herbeigehinkt. Helene und Beibst machen sich daran, den Bauer aufzuheben.
Bauer Krause (lallt). Tr--ink mei Bri'erla, tr-- ...
Der Bauer wird aufgehoben und stürzt, Beibst und Helene mit sich reißend, in das Haus. Einen Augenblick bleibt die Bühne leer. Im Hause hört man Lärm, Thürenschlagen. In einem Fenster wird Licht, hierauf kommt Beibst wieder aus dem Hause. Er reißt an seiner Lederhose ein Schwefelholz an, um die kurze Pfeife, welche ihm fast nie aus dem Munde kommt, damit in Brand zu stecken. Als er damit noch beschäftigt ist, schleicht _Kahl_ aus der Hausthüre. Er ist in Strümpfen, hat sein Jaquet über dem linken Arm hängen und trägt mit der linken Hand seine Schlafschuhe. Mit der rechten hält er seinen Hut, mit dem Munde seinen Hemdkragen. Etwa bis in die Mitte des Hofes gelangt, wendet er sich und sieht das Gesicht des Beibst auf sich gerichtet. Einen Augenblick scheint er unschlüssig, dann bringt er Hut und Hemdkragen in der Linken unter, greift in die Hosentasche und geht auf Beibst zu, dem er etwas in die Hand drückt.
Kahl. Do hot 'r an Thoaler .... oaber halt't Eure Gusche! (Er geht eiligst über den Hof und steigt über den Staketenzaun rechts. Ab.)
_Beibst_ hat mittels eines neuen Streichholzes seine Pfeife angezündet, hinkt bis unter den Thorweg, läßt sich nieder und nimmt seine Dengelarbeit von Neuem auf. Wieder eine Zeit lang nichts als das eintönige Aufschlagen des Dengelhammers und das Aechzen des alten Mannes, von kurzen Flüchen unterbrochen, wenn ihm etwas bei seiner Arbeit nicht nach Wunsch geht. Es ist um ein Beträchtliches heller geworden.
Loth (tritt aus der Hausthür, steht still, dehnt sich, thut mehrere tiefe Athemzüge). H! .. h! .. Morgenluft! (Er geht langsam nach dem Hintergrunde zu bis unter den Thorweg. Zu Beibst.) Guten Morgen! Schon so früh wach?
Beibst (mißtrauisch aufschielend, unfreundlich). 'Murja! (Kleine Pause, hierauf Beibst, ohne Loth's Anwesenheit weiter zu beachten, gleichsam im Zwiegespräch mit seiner Sense, die er mehrmals aufgebracht hin und herreißt.) Krummes Oos! na, werd's glei?! Ekch! Himmeldunnerschlag ja! (Er dengelt weiter.)
Loth (hat sich zwischen die Sterzen eines Exstirpators niedergelassen). Es giebt wohl Heuernte heut?
Beibst (grob). De Äsel gihn ei's Hä itzunder.
Loth. Nun, Ihr dengelt doch aber die Sense ...?
Beibst (zur Sense). Ekch! tumme Dare.
Kleine Pause, hierauf.
Loth. Wollt Ihr mir nicht sagen, wozu Ihr die Sense scharf macht, wenn doch nicht Heuernte ist?
Beibst. Na, -- braucht ma ernt keene Sahnse zum Futter macha?
Loth. Ach so! Futter soll also geschnitten werden.
Beibst. Woas d'n suste?
Loth. Wird das alle Morgen geschnitten?
Beibst. Na! -- sool's Viech derhingern?
Loth. Ihr müßt schon 'n bischen Nachsicht mit mir haben! Ich bin eben ein Städter; da kann man nicht alles so genau wissen von der Landwirthschaft.
Beibst. Die Staadter glee -- ekch! -- de Staadter, die wissa doo glee oals besser wie de Mensche vum Lande, hä?
Loth. Das trifft bei mir nicht zu. -- Könnt Ihr mir vielleicht nicht erklären, was das für ein Instrument ist? Ich hab's wohl schon mal wo gesehen, aber der Name ...
Beibst. Doasjenigte, uf dan Se sitza?! Woas ma su soat Extrabater nennt ma doas.
Loth. Richtig, ein Exstirpator; wird der hier auch gebraucht?
Beibst. Leeder Goott's, nee. -- A läßt a verludern ... a ganza Acker, reen verludern läßt a'n, d'r Pauer. A Oarmes mecht a Flecka hoa'nn -- ei insa Bärta wächst kee Getreide -- oaber nee, lieberscht läßt a'n verludern! -- Nischt thit wachsa, ok blußig Seide und Quecka.
Loth. Ja, die kriegt man schon damit heraus. Ich weiß, bei den Ikariern hatte man auch solche Exstirpatoren, um das urbar gemachte Land vollends zu reinigen.
Beibst. Wu sein denn die I..., wie Se glei soa'n, I...
Loth. Die Ikarier? In Amerika.
Beibst. Doo gibbts an schunn a sune Dinger?
Loth. Ja freilich.
Beibst. Woas iis denn doas fer a Vulk: die I... I...
Loth. Die Ikarier? -- Es ist gar kein besonderes Volk; es sind Leute aus allen Nationen, die sich zusammen gethan haben; sie besitzen in Amerika ein hübsches Stück Land, das sie gemeinsam bewirthschaften; alle Arbeit und allen Verdienst theilen sie gleichmäßig. Keiner ist arm, es giebt keine Armen unter ihnen.
Beibst, (dessen Gesichtsausdruck ein wenig freundlicher geworden war, nimmt bei den letzten Worten Loth's wieder das alte mißtrauisch feindselige Gepräge an; ohne Loth weiter zu beachten, hat er sich neuerdings wieder ganz seiner Arbeit zugewendet und zwar mit den Eingangsworten): Oost vu enner Sahnse!
Loth, (immer noch sitzend, betrachtet den Alten zuerst mit einem ruhigen Lächeln und blickt dann hinaus in den erwachenden Morgen. Durch den Thorweg erblickt man weitgedehnte Kleefelder und Wiesenflächen; zwischendurch schlängelt sich ein Bach, dessen Lauf durch Erlen und Weiden verrathen wird. Am Horizonte ein einzelner Bergkegel. Allerorten haben die Lerchen eingesetzt, und ihr ununterbrochenes Getriller schallt bald näher, bald ferner her bis in den Gutshof herein. Jetzt erhebt sich Loth mit den Worten:) Man muß spazieren geh'n, der Morgen ist zu prächtig. (Er geht durch den Thorweg hinaus. -- Man hört das Klappen von Holzpantinen. Jemand kommt sehr schnell über die Bodentreppe des Stallgebäudes herunter: es ist _Guste_.)
Guste, (eine ziemlich dicke Magd: bloßes Mieder, nackte Arme und Waden, die bloßen Füße in Holzpantinen. Sie trägt eine brennende Laterne.) Guda Murja, Voater Beibst.
Beibst (brummt).
Guste (blickt, die Augen mit der Hand beschattend, durch das Thor Loth nach). Woas iis denn doas fer enner?
Beibst (verärgert). Dar koan Battelleute zum Noarr'n hoa'nn ... dar leugt egelganz wie a Forr... vu dan luuß der de Hucke vuul liega. (Beibst steht auf.) Macht enk de Roawer zerecht, Madel.
Guste, (welche dabei war, ihre Waden am Brunnen abzuwaschen, ist damit fertig und sagt, bevor sie im Innern des Kuhstalls verschwindet): Glei, glei! Voater Beibst.
Loth (kommt zurück, giebt Beibst Geld). Da ist 'ne Kleinigkeit. Geld kann man immer brauchen.
Beibst (aufthauend, wie umgewandelt, mit aufrichtiger Gemüthlichkeit). Ju, ju! do ha'n Se au recht ... na da dank ich au vielmools. -- Se sein wull d'r Besuch zum Schwiegersuhne? (Auf einmal sehr gesprächig.) Wissa Se: wenn Se, und Se wull'n da naus gihn auf a Barch zu, wissa Se, do haal'n Se siich links, wissa Se, zängst 'nunder links, rechts gibt's Risse. Mei Suhn meente, 's käm do dervoone, meent' a, weil se zu schlecht verzimmern thäten, meent' a, de Barchmoanne, 's soatzt zu wing Luhn, meent' a, und do giht's ok a su: woas hust'de, woas koanst'de, ei a Gruba, verstiehn Se. -- Sahn Se! -- doo! -- immer links, rechts gibt's Lecher. Vurigtes Johr erscht iis a Putterweib, wie se ging und stoand iis se ei's Ardreich versunka, iich wiß nee amool, _wie_ viel Kloaftern tief. Kee Mensch wußte wuhie -- wie gesoa't, links, immer links, doo gihn Se sicher. (Ein Schuß fällt, Beibst, wie electrisirt, hinkt einige Schritt in's Freie.)
Loth. Wer schießt denn da schon so frühe?
Beibst. Na, war denn suste? -- d'r Junge, dar meschante Junge.
Loth. Welcher Junge denn?
Beibst. Na, Kahl-Willem -- d'r Nupperschsuhn ... Na woart ok blußig due! Ich hoa's gesahn, a schißt meiner Gitte de Lärcha.
Loth. Ihr hinkt ja.
Beibst. Doaß 's Goot erbarm', ja. (Droht mit der Faust nach dem Felde.) Na woart' Du! woart' Du! ...
Loth. Was habt Ihr denn mit dem Bein gemacht?
Beibst. Iich?
Loth. Ja.
Beibst. 's iis a su 'nei kumma.
Loth. Habt Ihr Schmerzen?
Beibst (nach dem Bein greifend). 'S zerrt a su, 's zerrt infamt.
Loth. Habt Ihr keinen Arzt?
Beibst. Wissa Se, -- de Dukter, doas sein Oaffa, enner wie d'r andere! -- Blußig inse Dukter, doas iis a ticht'er Moan.
Loth. Hat er Ihnen was genützt?
Beibst. Na -- verlecht a klee wing wull au oam Ende. A hoot mer'sch Been geknet't: sahn Se, a su geknutscht und gehackt un ... oaber nee!! derwegen nich! -- A iis ... na kurz un gutt, a hoot mit'n aarma Mensche a Mitleed. -- A keeft'n de Med'zin und a verlangt nischt. A kimmt zu jeder Zeet ...
Loth. Sie müssen sich das doch aber irgendwo zugezogen haben?! Haben Sie immer so gehinkt?
Beibst. Nich die Oahnung!
Loth. Dann verstehe ich nicht recht, es muß doch eine Ursache ...
Beibst. Weeß iich's? (Er droht wieder mit der Faust.) Woart ok Due! woart ok mit dem Geknackse.
Kahl (erscheint innerhalb seines Gartens. Er trägt in der rechten eine Flinte am Lauf, seine linke Hand ist geschlossen. Ruft herüber.) Guten Morjen ooch, Herr Dukter!
Loth geht quer durch den Hof auf ihn zu. Inzwischen hat Guste sowie eine andere Magd mit Namen Liese je eine Radwer zurecht gemacht, worauf Harke und Dunggabel liegen. Damit fahren sie durch den Thorweg hinaus auf's Feld, an Beibst vorüber, der nach einigen grimmigen Blicken und verstohlenen Zornesgesten zu Kahl hinüber seine Sense schultert und ihnen nachhumpelt. Beibst und die Mägde ab.
Loth (zu Kahl). Guten Morgen!
Kahl. Wull'n 'S amol was hibsches sah'n? (Er streckt den Arm mit der geschlossenen Hand über den Zaun.)
Loth (nähergehend). Was haben Sie denn da?
Kahl. Rootha See! (Er öffnet gleich darauf seine Hand.)
Loth. Waas?! -- es ist also wirklich wahr: Sie schießen Lerchen! Nun für diesen Unfug, Sie nichtsnutziger Bursche, verdienten Sie geohrfeigt zu werden, verstehen Sie mich! (Er kehrt ihm den Rücken zu und geht quer durch den Hof zurück, Beibst und den Mädchen nach. Ab.)
Kahl (starrt Loth einige Augenblicke dumm verblüfft nach, dann ballt er die Faust verstohlen, sagt): Dukterluder! (wendet sich und verschwindet rechts. -- Während einiger Augenblicke bleibt der Hof leer.)
_Helene_, aus der Hausthür tretend, helles Sommerkleid, großer Gartenhut. Sie blickt sich ringsum, thut dann einige Schritte auf den Thorweg zu, steht still und späht hinaus. Hierauf schlendert sie rechts durch den Hof und biegt in den Weg ein, welcher nach dem Wirthshause führt. Große Packete von allerhand Thee hängen zum Trocknen über dem Zaune: daran riecht sie im Vorübergehen. Sie biegt auch Zweige von den Obstbäumen und betrachtet die sehr niedrig hängenden, rothwangigen Aepfel. Als sie bemerkt, daß Loth vom Wirthshaus her ihr entgegen kommt, bemächtigt sich ihrer eine noch stärkere Unruhe, so daß sie sich schließlich umwendet und vor Loth her in den Hof zurückgeht. Hier bemerkt sie, daß der Taubenschlag noch geschlossen ist und begiebt sich dorthin durch das kleine Zaunpförtchen des Obstgartens. Noch damit beschäftigt, die Leine, welche, vom Winde getrieben, irgendwo festgehakt ist, herunter zu ziehen, wird sie von Loth, der inzwischen herangekommen ist angeredet.
Loth. Guten Morgen, Fräulein!
Helene. Guten Morgen! -- Der Wind hat die Schnur hinaufgejagt.
Loth. Erlauben Sie! (Geht ebenfalls durch das Pförtchen, bringt die Schnur herunter und zieht den Schlag auf. Die Tauben fliegen aus.)
Helene. Ich danke sehr.
Loth (ist durch das Pförtchen wieder herausgetreten, bleibt aber außerhalb des Zaunes und an diesen gelehnt stehen. Helene innerhalb desselben. Nach einer kleinen Pause.) Pflegen Sie immer so früh auf zu sein, Fräulein?
Helene. _Das_ eben -- wollte ich Sie auch fragen.
Loth. Ich --? nein! Die erste Nacht in einem fremden Hause passirt es mir jedoch gewöhnlich.
Helene. Wie ... kommt das?
Loth. Ich habe darüber noch nicht nachgedacht, es hat keinen Zweck.
Helene. Ach, wieso denn nicht?
Loth. Wenigstens keinen ersichtlichen, praktischen Zweck.
Helene. Also wenn Sie irgend etwas thun oder denken, muß es einem praktischen Zweck dienen?
Loth. Ganz recht? Uebrigens ...
Helene. Das hätte ich von Ihnen nicht gedacht.
Loth. Was, Fräulein?
Helene. Genau das meinte die Stiefmutter, als sie mir vorgestern den Werther aus der Hand riß.
Loth. Das ist ein dummes Buch.
Helene. Sagen Sie das nicht.
Loth. Das sage ich nochmal, Fräulein. Es ist ein Buch für Schwächlinge.
Helene. _Das_ -- kann wohl möglich sein.
Loth. Wie kommen Sie gerade auf _dieses_ Buch? Ist es Ihnen denn verständlich?
Helene. Ich hoffe, ich ... zum Theil ganz gewiß. Es beruhigt so, darin zu lesen. (Nach einer Pause.) Wenn's ein dummes Buch ist, wie Sie sagen, könnten Sie mir etwas Besseres empfehlen?
Loth. Le... lesen Sie ... noa! ... kennen Sie den Kampf um Rom von Dahn?
Helene. Nein! Das Buch werde ich mir aber nun kaufen. Dient es einem praktischen Zweck?
Loth. Einem vernünftigen Zweck überhaupt. Es malt die Menschen nicht wie sie sind, sondern wie sie einmal werden sollen. Es wirkt vorbildlich.
Helene (mit Ueberzeugung). _Das ist schön._ (Kleine Pause, dann.) Vielleicht geben Sie mir Auskunft, man redet so viel von Zola und Ibsen in den Zeitungen: sind das große Dichter?
Loth. Es sind gar keine Dichter, sondern nothwendige Uebel, Fräulein. Ich bin ehrlich durstig und verlange von der Dichtkunst einen klaren, erfrischenden Trunk. -- Ich bin nicht krank. Was Zola und Ibsen bieten, ist Medizin.
Helene (gleichsam unwillkürlich). Ach, dann wäre es doch vielleicht für mich etwas.
Loth (bisher theilweise, jetzt ausschließlich in den Anblick des thauigen Obstgartens vertieft). Es ist prächtig hier. Sehen Sie, wie die Sonne über der Bergkuppe herauskommt. -- Viel Aepfel giebt es in Ihrem Garten: eine schöne Ernte.
Helene. Drei Viertel davon wird auch dies Jahr wieder gestohlen werden. Die Armuth hier herum ist zu groß.
Loth. Sie glauben gar nicht, wie sehr ich das Land liebe! Leider wächst mein Weizen zum größten Theile in der Stadt. Aber nun will ich's mal durchgenießen, das Landleben. Unsereiner hat so 'n bischen Sonne und Frische mehr nöthig als sonst Jemand.
Helene (seufzend). Mehr nöthig, als .... inwiefern?
Loth. Weil man in einem harten Kampfe steht, dessen Ende man nicht erleben kann.
Helene. Stehen wir anderen _nicht_ in einem solchen Kampfe?
Loth. Nein.
Helene. Aber -- in einem Kampfe -- stehen wir doch auch?!
Loth. Natürlicherweise! aber der kann enden.
Helene. _Kann_ -- da haben Sie recht! -- und wieso kann der nicht endigen -- der, den Sie kämpfen, Herr Loth?
Loth. Ihr Kampf, das kann nur ein Kampf sein um persönliches Wohlergehen. Der Einzelne kann dies, so weit menschenmöglich, erreichen. Mein Kampf ist ein Kampf um das Glück aller; sollte ich glücklich sein, so müßten es erst alle anderen Menschen um mich herum sein; ich müßte um mich herum weder Krankheit noch Armuth, weder Knechtschaft noch Gemeinheit sehen. Ich könnte mich so zu sagen nur als letzter an die Tafel setzen.
Helene (mit Ueberzeugung). _Dann sind Sie ja ein sehr, sehr guter Mensch!_
Loth (ein wenig betreten). Verdienst ist weiter nicht dabei, Fräulein, ich bin so veranlagt. Ich muß übrigens sagen, daß mir der Kampf im Interesse des Fortschritts doch große Befriedigung gewährt. Eine Art Glück, die ich weit höher anschlage, als die, mit der sich der gemeine Egoist zufrieden giebt.